Earthly Knowledge and Heavenly Insight
GA 221
16 February 1923, Dornach
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Erdenwissen und Himmelserkenntnis
7. Moralische antriebe und physische Wirksamkeit im Menschenwesen das Erfassen eines Geistesweges
7. Moralische antriebe und physische Wirksamkeit im Menschenwesen das Erfassen eines Geistesweges
[ 1 ] In Fortsetzung dessen, was ich in den vorangehenden Betrachtungen über die Aufgaben anthroposophischer Weltanschauung in der Gegenwart und für die Entwickelung der Menschheit gesagt habe, möchte ich heute unseren Betrachtungen noch einiges von einer anderen Seite her ergänzend einfügen: jene Gesichtspunkte, welche sich ergeben können, wenn man sieht, wie die Weltanschauungsentwickelung des 19. Jahrhunderts gewissermaßen eine Art Führen ins Absurde gefunden hat in Friedrich Nietzsche, und wie dann gerade an der Erscheinung Nietzsches gezeigt werden kann, daß solch eine Anschauung über die Welt und den Menschen, wie sie in der Anthroposophie vorliegt, eine für die Menschheitsentwickelung geschichtliche Notwendigkeit ist. Ich möchte nicht Dinge, die ich in bezug auf Nietzsche auch hier schon und anderweitig in der anthroposophischen Bewegung ausgesprochen habe, wiederholen, sondern ich möchte auf zwei Einschläge in Nietzsches Weltanschauung heute hinweisen, die ich noch weniger berührt habe.
[ 1 ] In Fortsetzung dessen, was ich in den vorangehenden Betrachtungen über die Aufgaben anthroposophischer Weltanschauung in der Gegenwart und für die Entwickelung der Menschheit gesagt habe, möchte ich heute unseren Betrachtungen noch einiges von einer anderen Seite her ergänzend einfügen: jene Gesichtspunkte, welche sich ergeben können, wenn man sieht, wie die Weltanschauungsentwickelung des 19. Jahrhunderts gewissermaßen eine Art Führen ins Absurde gefunden hat in Friedrich Nietzsche, und wie dann gerade an der Erscheinung Nietzsches gezeigt werden kann, daß solch eine Anschauung über die Welt und den Menschen, wie sie in der Anthroposophie vorliegt, eine für die Menschheitsentwickelung geschichtliche Notwendigkeit ist. Ich möchte nicht Dinge, die ich in bezug auf Nietzsche auch hier schon und anderweitig in der anthroposophischen Bewegung ausgesprochen habe, wiederholen, sondern ich möchte auf zwei Einschläge in Nietzsches Weltanschauung heute hinweisen, die ich noch weniger berührt habe.
[ 2 ] Durch das ganze Leben Nietzsches hindurch zieht sich ja seine Tendenz, zu einer Ansicht zu kommen über Wert und Wesen des Moralischen im Menschen. Nietzsche war im eigentlichen Sinne des Wortes Moralphilosoph. Über Ursprung der Moral, über Bedeutung der Moral für die Menschheit, über den Wert des Moralischen für die Weltordnung wollte er mit sich ins klare kommen, und bei diesem Streben nach Klarheit sehen wir, wie eben zwei Einschläge durch sein ganzes Leben hindurchgehen, das ja mit Bezug auf vieles andere die mannigfaltigsten Wandlungen durchgemacht hat.
[ 2 ] Durch das ganze Leben Nietzsches hindurch zieht sich ja seine Tendenz, zu einer Ansicht zu kommen über Wert und Wesen des Moralischen im Menschen. Nietzsche war im eigentlichen Sinne des Wortes Moralphilosoph. Über Ursprung der Moral, über Bedeutung der Moral für die Menschheit, über den Wert des Moralischen für die Weltordnung wollte er mit sich ins klare kommen, und bei diesem Streben nach Klarheit sehen wir, wie eben zwei Einschläge durch sein ganzes Leben hindurchgehen, das ja mit Bezug auf vieles andere die mannigfaltigsten Wandlungen durchgemacht hat.
[ 3 ] Das erste ist, daß er sein ganzes Leben hindurch — man kann sagen von demjenigen Lebenspunkte aus, den er schon in seinem zweiten Universitätsjahre durchgemacht hat, bis an sein Lebensende — eine im wesentlichen atheistische Ansicht hatte. Das atheistische Moment, das ist dasjenige, was durch alle Wandlungen Nietzschescher Weltanschauung durchgegangen ist.
[ 3 ] Das erste ist, daß er sein ganzes Leben hindurch — man kann sagen von demjenigen Lebenspunkte aus, den er schon in seinem zweiten Universitätsjahre durchgemacht hat, bis an sein Lebensende — eine im wesentlichen atheistische Ansicht hatte. Das atheistische Moment, das ist dasjenige, was durch alle Wandlungen Nietzschescher Weltanschauung durchgegangen ist.
[ 4 ] Und das zweite ist, daß er gegenüber dem, was ihm eigentümlicherweise in den Moralimpulsen der Gegenwart entgegengetreten ist, was ihm auch entgegengetreten ist in den intellektuellen, in den praktischen Impulsen des Menschenlebens der Gegenwart, eine Tugend als die prinzipiellste geltend gemacht hat, und diese Tugend ist die Redlichkeit gegen sich, gegen andere, gegen die ganze Weltordnung. Redlichkeit, Ehrlichkeit, das ist dasjenige, was er als das wichtigste betrachtet hat, was dem modernen Menschen nach dem Innern der Seele zu wie nach außen gegen die Welt hin vor allem notwendig ist.
[ 4 ] Und das zweite ist, daß er gegenüber dem, was ihm eigentümlicherweise in den Moralimpulsen der Gegenwart entgegengetreten ist, was ihm auch entgegengetreten ist in den intellektuellen, in den praktischen Impulsen des Menschenlebens der Gegenwart, eine Tugend als die prinzipiellste geltend gemacht hat, und diese Tugend ist die Redlichkeit gegen sich, gegen andere, gegen die ganze Weltordnung. Redlichkeit, Ehrlichkeit, das ist dasjenige, was er als das wichtigste betrachtet hat, was dem modernen Menschen nach dem Innern der Seele zu wie nach außen gegen die Welt hin vor allem notwendig ist.
[ 5 ] Nietzsche hat ja einmal vier Kardinaltugenden aufgezählt, die er als die bedeutungsvollsten für das Menschenleben ansah. Unter diesen vier Kardinaltugenden ist diese Redlichkeit, diese Ehrlichkeit gegen sich und andere die erste. Diese vier Kardinaltugenden sindnämlich Erstens die Redlichkeit gegen sich und seine Freunde; zweitens Tapferkeit gegen seine Feinde; die dritte Kardinaltugend ist Großmut gegen diejenigen, die man besiegt hat, und die vierte Kardinaltugend ist Höflichkeit gegen alle Menschen.
[ 5 ] Nietzsche hat ja einmal vier Kardinaltugenden aufgezählt, die er als die bedeutungsvollsten für das Menschenleben ansah. Unter diesen vier Kardinaltugenden ist diese Redlichkeit, diese Ehrlichkeit gegen sich und andere die erste. Diese vier Kardinaltugenden sindnämlich Erstens die Redlichkeit gegen sich und seine Freunde; zweitens Tapferkeit gegen seine Feinde; die dritte Kardinaltugend ist Großmut gegen diejenigen, die man besiegt hat, und die vierte Kardinaltugend ist Höflichkeit gegen alle Menschen.
[ 6 ] Diese vier Kardinaltugenden, die Nietzsche als der gegenwärtigen Menschheit ganz besonders notwendig bezeichnet hat, tendieren aber alle hin nach jener, die er als die erste bezeichnet hat, und die er als eine Art von notwendiger Zeittugend angeschen hat, sie tendieren hin zur Redlichkeit, zur Ehrlichkeit. Und man kann sagen: Es ist einVerhältnis zwischen dieser Tugend der Redlichkeit und seinem Atheismus.
[ 6 ] Diese vier Kardinaltugenden, die Nietzsche als der gegenwärtigen Menschheit ganz besonders notwendig bezeichnet hat, tendieren aber alle hin nach jener, die er als die erste bezeichnet hat, und die er als eine Art von notwendiger Zeittugend angeschen hat, sie tendieren hin zur Redlichkeit, zur Ehrlichkeit. Und man kann sagen: Es ist einVerhältnis zwischen dieser Tugend der Redlichkeit und seinem Atheismus.
[ 7 ] Nietzsche ist ja zunächst ganz und gar herausgewachsen aus seinem Zeitalter. Er ist dann in noch viel umfassenderem Sinne aus diesem Zeitalter herausgewachsen. Allein schon einer oberflächlichen Betrachtung zeigt sich, wie er zunächst Wurzel gefaßt hat in der Schopenhauerschen Weltanschauung, die ja auch eine atheistische ist, und wie er diese Schopenhauersche Weltanschauung zunächst in der ersten Periode seines Lebens künstlerisch verwirklicht sah in Richard Wagners musikalischer Dramatik.
[ 7 ] Nietzsche ist ja zunächst ganz und gar herausgewachsen aus seinem Zeitalter. Er ist dann in noch viel umfassenderem Sinne aus diesem Zeitalter herausgewachsen. Allein schon einer oberflächlichen Betrachtung zeigt sich, wie er zunächst Wurzel gefaßt hat in der Schopenhauerschen Weltanschauung, die ja auch eine atheistische ist, und wie er diese Schopenhauersche Weltanschauung zunächst in der ersten Periode seines Lebens künstlerisch verwirklicht sah in Richard Wagners musikalischer Dramatik.
[ 8 ] Nietzsche ist also von Schopenhauer und Wagner ausgegangen. Er hat dann in sich aufgenommen dasjenige, was man den Positivismus der Zeit im wissenschaftlichen Leben nennen kann, also jene Weltanschauung, welche lediglich auf das unmittelbar Wahrnehmbare, auf das für die Sinne Wahrnehmbare die ganze Weltgestaltung aufgebaut denkt, welche also in dem sinnlich Wahrnehmbaren das einzige für die Weltanschauung Maßgebliche sieht.
[ 8 ] Nietzsche ist also von Schopenhauer und Wagner ausgegangen. Er hat dann in sich aufgenommen dasjenige, was man den Positivismus der Zeit im wissenschaftlichen Leben nennen kann, also jene Weltanschauung, welche lediglich auf das unmittelbar Wahrnehmbare, auf das für die Sinne Wahrnehmbare die ganze Weltgestaltung aufgebaut denkt, welche also in dem sinnlich Wahrnehmbaren das einzige für die Weltanschauung Maßgebliche sieht.
[ 9 ] Und Nietzsche ist dann zu einer gewissen Selbständigkeit gekommen in der dritten Periode, indem er verarbeitet hat den modernen Entwickelungsgedanken, den er so ausgestaltet hat, daß er ihn angewendet hat auf den Menschen, indem er wie eine Art positivistisches Ideal sich vor die Seele stellte, daß der Mensch entwickelungsgemäß übergehen muß in den Übermenschen.
[ 9 ] Und Nietzsche ist dann zu einer gewissen Selbständigkeit gekommen in der dritten Periode, indem er verarbeitet hat den modernen Entwickelungsgedanken, den er so ausgestaltet hat, daß er ihn angewendet hat auf den Menschen, indem er wie eine Art positivistisches Ideal sich vor die Seele stellte, daß der Mensch entwickelungsgemäß übergehen muß in den Übermenschen.
[ 10 ] So ist Nietzsche ganz und gar herausgewachsen aus verschiedenen Gedankenströmungen, Kulturströmungen seiner Zeit. Aber wie ist er herausgewachsen? In der Beantwortung dieser bedeutungsvollen Frage liegt zu gleicher Zeit Wichtiges in bezug auf die Charakteristik des ganzen Zeitalters, das das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts einnimmt. Man muß sich die Frage aufwerfen: Warum ist Nietzsche Atheist geworden? Er ist es eigentlich aus Redlichkeit, aus innerer Ehrlichkeit geworden. Er nahm dasjenige, was ihm an Erkenntnis das 19. Jahrhundert bieten konnte, was er mit heiligem Eifer aus diesem Erkennen des 19. Jahrhunderts aufnehmen konnte, eben mit voller Ehrlichkeit auf. Und er sagte sich ganz empfindungsgemäß: Nehme ich diese besondere Art des Erkennens des 19. Jahrhunderts ehrlich auf, dann gibt mir das nirgends die Hinwendung zu einem Göttlichen, dann muß ich das Göttliche aus meiner Gedankenwelt ausschalten.
[ 10 ] So ist Nietzsche ganz und gar herausgewachsen aus verschiedenen Gedankenströmungen, Kulturströmungen seiner Zeit. Aber wie ist er herausgewachsen? In der Beantwortung dieser bedeutungsvollen Frage liegt zu gleicher Zeit Wichtiges in bezug auf die Charakteristik des ganzen Zeitalters, das das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts einnimmt. Man muß sich die Frage aufwerfen: Warum ist Nietzsche Atheist geworden? Er ist es eigentlich aus Redlichkeit, aus innerer Ehrlichkeit geworden. Er nahm dasjenige, was ihm an Erkenntnis das 19. Jahrhundert bieten konnte, was er mit heiligem Eifer aus diesem Erkennen des 19. Jahrhunderts aufnehmen konnte, eben mit voller Ehrlichkeit auf. Und er sagte sich ganz empfindungsgemäß: Nehme ich diese besondere Art des Erkennens des 19. Jahrhunderts ehrlich auf, dann gibt mir das nirgends die Hinwendung zu einem Göttlichen, dann muß ich das Göttliche aus meiner Gedankenwelt ausschalten.
[ 11 ] Da liegt nämlich der erste große Zwiespalt zwischen Nietzsche und seinem Zeitalter, so daß er werden mußte ein Kämpfer gegen seine Zeit. Wenn Nietzsche um sich herumsah bei den Menschen, welche auch aufgenommen hatten die Erkenntnis des 19. Jahrhunderts, so sah er bei den weitaus meisten, daß sie daneben noch Gläubige einer göttlichen Weltenordnung waren. Das empfand er als eine Unredlichkeit. Unredlich erschien es ihm, auf der einen Seite die Welt so anzusehen, wie die Erkenntnis des 19. Jahrhunderts sie ansah, und dann noch ein Göttliches irgendwie anzunehmen. Er sprach ja, weil er noch in den verschiedenen Gedankenformeln des 19. Jahrhunderts sprach, nicht eigentlich dasjenige aus, was er instinktiv fühlte gegenüber der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts. Er fühlte, daß dieses 19. Jahrhundert die Welterscheinungen so betrachtet, wie man den menschlichen Organismus betrachtet, wenn man ihn als Leiche hat, wenn er verstorben ist. Wenn man sozusagen an diesen menschlichen Organismus im Tode glaubt, wenn man glaubt, daß dieser tote Organismus eine innerliche Wahrheit hat, dann könnte man eigentlich ehrlicherweise nicht daran glauben, daß dieser Organismus nur einen Sinn hat, wenn er von dem lebendigen und durchseelten und durchgeistigten Menschenwesen durchzogen ist. Wer einen Leichnam studiert, der müßte sich eigentlich sagen: Dasjenige, was ich anschauen, was ich studieren kann, hat keine Wahrheit. Es hat nur eine Wahrheit, wenn es durchsetzt ist von dem durchgeistigten Menschen. Es setzt den durchgeistigten Menschen voraus. Aber der ist nicht mehr da, wenn ich den Leichnam vor mir habe.
[ 11 ] Da liegt nämlich der erste große Zwiespalt zwischen Nietzsche und seinem Zeitalter, so daß er werden mußte ein Kämpfer gegen seine Zeit. Wenn Nietzsche um sich herumsah bei den Menschen, welche auch aufgenommen hatten die Erkenntnis des 19. Jahrhunderts, so sah er bei den weitaus meisten, daß sie daneben noch Gläubige einer göttlichen Weltenordnung waren. Das empfand er als eine Unredlichkeit. Unredlich erschien es ihm, auf der einen Seite die Welt so anzusehen, wie die Erkenntnis des 19. Jahrhunderts sie ansah, und dann noch ein Göttliches irgendwie anzunehmen. Er sprach ja, weil er noch in den verschiedenen Gedankenformeln des 19. Jahrhunderts sprach, nicht eigentlich dasjenige aus, was er instinktiv fühlte gegenüber der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts. Er fühlte, daß dieses 19. Jahrhundert die Welterscheinungen so betrachtet, wie man den menschlichen Organismus betrachtet, wenn man ihn als Leiche hat, wenn er verstorben ist. Wenn man sozusagen an diesen menschlichen Organismus im Tode glaubt, wenn man glaubt, daß dieser tote Organismus eine innerliche Wahrheit hat, dann könnte man eigentlich ehrlicherweise nicht daran glauben, daß dieser Organismus nur einen Sinn hat, wenn er von dem lebendigen und durchseelten und durchgeistigten Menschenwesen durchzogen ist. Wer einen Leichnam studiert, der müßte sich eigentlich sagen: Dasjenige, was ich anschauen, was ich studieren kann, hat keine Wahrheit. Es hat nur eine Wahrheit, wenn es durchsetzt ist von dem durchgeistigten Menschen. Es setzt den durchgeistigten Menschen voraus. Aber der ist nicht mehr da, wenn ich den Leichnam vor mir habe.
[ 12 ] Das empfand Nietzsche, trotzdem er dies nicht so deutlich aussprach, ganz klar: Wenn man die Natur so betrachtet, wie die moderne Welterkenntnis sie betrachtet, so betrachtet man sie leichnamhaft. Man müßte sich eigentlich sagen: Dasjenige, was man da als Natur um sich interpretiert, das hat nicht mehr das Göttliche in sich. Wenn man es aber gelten läßt in seiner Absolutheit, wenn man von dieser Natur so spricht, daß man nur ihre Gesetze verfolgt, so muß man offenbar leugnen, daß ihr ein Göttliches zugrunde liegt. Denn so, wie sie da vor einem steht, diese Natur, so liegt ihr ebensowenig ein Göttliches zugrunde, wie dem menschlichen Leichnam ein Menschliches zugrunde liegt.
[ 12 ] Das empfand Nietzsche, trotzdem er dies nicht so deutlich aussprach, ganz klar: Wenn man die Natur so betrachtet, wie die moderne Welterkenntnis sie betrachtet, so betrachtet man sie leichnamhaft. Man müßte sich eigentlich sagen: Dasjenige, was man da als Natur um sich interpretiert, das hat nicht mehr das Göttliche in sich. Wenn man es aber gelten läßt in seiner Absolutheit, wenn man von dieser Natur so spricht, daß man nur ihre Gesetze verfolgt, so muß man offenbar leugnen, daß ihr ein Göttliches zugrunde liegt. Denn so, wie sie da vor einem steht, diese Natur, so liegt ihr ebensowenig ein Göttliches zugrunde, wie dem menschlichen Leichnam ein Menschliches zugrunde liegt.
[ 13 ] So etwa sind die Empfindungen gewesen, welche in Nietzsches Seele lebten. Aber es wirkte doch so stark die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts auf ihn, daß er sich sagte: Ja, etwas anderes als diese Natur haben wir ja nicht vor uns, und die neuere Zeit hat uns gelehrt, nichts anderes vor uns zu haben. Halten wir uns an diese Naturerkenntnis, dann müssen wir Gott ablehnen.
[ 13 ] So etwa sind die Empfindungen gewesen, welche in Nietzsches Seele lebten. Aber es wirkte doch so stark die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts auf ihn, daß er sich sagte: Ja, etwas anderes als diese Natur haben wir ja nicht vor uns, und die neuere Zeit hat uns gelehrt, nichts anderes vor uns zu haben. Halten wir uns an diese Naturerkenntnis, dann müssen wir Gott ablehnen.
[ 14 ] Und so lehnte Nietzsche als Schüler Schopenhauers jedes Göttliche ab, betrachtete es als eine Unehrlichkeit, die moderne Erkenntnis zu haben und dabei noch von einem Göttlichen zu sprechen. In dieser Beziehung war sein Seelenleben ein außerordentlich interessantes, weil es eben nach so intensiver Redlichkeit strebte. Er empfand es als eine Kulturlüge des 19. Jahrhunderts, daß man auf der einen Seite eine Naturanschauung hatte, wie sie eben da war, und daß man auf der anderen Seite noch von einem Göttlichen sprach. Aber er nahm auch das Leben innerhalb dieser Naturordnung, an die man doch glaubte, ernst. Und er sah, daß sich eigentlich das Leben des modernen Menschen so entwickelt hat, daß es ihm ganz natürlich geworden war, eine solche Naturordnung anzunehmen. Die Natur hatte ja den modernen Menschen gar nicht dazu gezwungen, diese Ordnung anzunehmen, sondern das Leben war so geworden, daß es nur eine solche Naturanschauung ertrug. Die Naturanschauung kam eigentlich aus dem Leben. Und dieses Leben empfand Nietzsche eben durch und durch unredlich. Und er strebte nach Redlichkeit.
[ 14 ] Und so lehnte Nietzsche als Schüler Schopenhauers jedes Göttliche ab, betrachtete es als eine Unehrlichkeit, die moderne Erkenntnis zu haben und dabei noch von einem Göttlichen zu sprechen. In dieser Beziehung war sein Seelenleben ein außerordentlich interessantes, weil es eben nach so intensiver Redlichkeit strebte. Er empfand es als eine Kulturlüge des 19. Jahrhunderts, daß man auf der einen Seite eine Naturanschauung hatte, wie sie eben da war, und daß man auf der anderen Seite noch von einem Göttlichen sprach. Aber er nahm auch das Leben innerhalb dieser Naturordnung, an die man doch glaubte, ernst. Und er sah, daß sich eigentlich das Leben des modernen Menschen so entwickelt hat, daß es ihm ganz natürlich geworden war, eine solche Naturordnung anzunehmen. Die Natur hatte ja den modernen Menschen gar nicht dazu gezwungen, diese Ordnung anzunehmen, sondern das Leben war so geworden, daß es nur eine solche Naturanschauung ertrug. Die Naturanschauung kam eigentlich aus dem Leben. Und dieses Leben empfand Nietzsche eben durch und durch unredlich. Und er strebte nach Redlichkeit.
[ 15 ] Er mußte sich sagen: Wenn wir in einer solchen Ordnung leben, wie es die moderne Menschheit als die wahre anerkennt, dann können wir nimmermehr uns innerhalb dieser Wahrheit als Menschen fühlen. — Das war eigentlich die Grundempfindung in der ersten Periode seines Lebens: Wie kann ich mich als Mensch fühlen, wenn ich doch von dieser Naturordnung, wie man sie jetzt anschaut, umgeben bin? Das, was Wahrheit ist, läßt mich nicht zu meinem Bewußtsein als Mensch kommen! — So fühlte und empfand wiederum Nietzsche, deshalb sagte er sich in dieser ersten Lebensperiode: Kann man also nicht in der Wahrheit leben, so muß man im Schein leben, in der Dichtung, in der Kunst.
[ 15 ] Er mußte sich sagen: Wenn wir in einer solchen Ordnung leben, wie es die moderne Menschheit als die wahre anerkennt, dann können wir nimmermehr uns innerhalb dieser Wahrheit als Menschen fühlen. — Das war eigentlich die Grundempfindung in der ersten Periode seines Lebens: Wie kann ich mich als Mensch fühlen, wenn ich doch von dieser Naturordnung, wie man sie jetzt anschaut, umgeben bin? Das, was Wahrheit ist, läßt mich nicht zu meinem Bewußtsein als Mensch kommen! — So fühlte und empfand wiederum Nietzsche, deshalb sagte er sich in dieser ersten Lebensperiode: Kann man also nicht in der Wahrheit leben, so muß man im Schein leben, in der Dichtung, in der Kunst.
[ 16 ] Und als er seinen Blick auf das Griechentum wendete, glaubte er in den Griechen eben dasjenige Volk erkannt zu haben, das aus einer gewissen Naivität heraus zu dieser Unzufriedenheit mit der Wahrheit gekommen wäre, und das sich deshalb getröstet hätte mit dem Schein, mit dem Schönen. Das drückte er ja aus in seiner ersten, so hymnisch schön geschriebenen Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Er wollte etwa sagen: Mensch, wenn du in dem Bereiche der Wahrheit bist, kannst du nimmermehr als Mensch dich empfinden. Also flieh aus dem Gebiete der Wahrheit in dasjenige Gebiet, wo du dir eine Welt dichtest, die nicht der Wahrheit entspricht. In dieser Welt der Dichtung wirst du getröstet sein über das, was dir die Wahrheit nimmermehr geben kann.
[ 16 ] Und als er seinen Blick auf das Griechentum wendete, glaubte er in den Griechen eben dasjenige Volk erkannt zu haben, das aus einer gewissen Naivität heraus zu dieser Unzufriedenheit mit der Wahrheit gekommen wäre, und das sich deshalb getröstet hätte mit dem Schein, mit dem Schönen. Das drückte er ja aus in seiner ersten, so hymnisch schön geschriebenen Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Er wollte etwa sagen: Mensch, wenn du in dem Bereiche der Wahrheit bist, kannst du nimmermehr als Mensch dich empfinden. Also flieh aus dem Gebiete der Wahrheit in dasjenige Gebiet, wo du dir eine Welt dichtest, die nicht der Wahrheit entspricht. In dieser Welt der Dichtung wirst du getröstet sein über das, was dir die Wahrheit nimmermehr geben kann.
[ 17 ] Die Griechen, so meinte er, hätten als die echten naiven Pessimisten gefühlt, daß man innerhalb der Welt der Wahrheit nicht befriedigt sein könne. Deshalb schufen sie vor allen Dingen ihre wunderbaren Tragödien, eine Welt des schönen Scheins, um in dieser Welt dasjenige zu haben, was den Menschen befriedigen kann.
[ 17 ] Die Griechen, so meinte er, hätten als die echten naiven Pessimisten gefühlt, daß man innerhalb der Welt der Wahrheit nicht befriedigt sein könne. Deshalb schufen sie vor allen Dingen ihre wunderbaren Tragödien, eine Welt des schönen Scheins, um in dieser Welt dasjenige zu haben, was den Menschen befriedigen kann.
[ 18 ] In Richard Wagners musikalischem Drama glaubte Nietzsche eine Wiedererneuerung dieses schönen Scheins zu sehen, mit dem ausdrücklichen Ziele, hinwegzuführen über die sogenannte wirkliche Welt in die Welt des Scheines, um als Mensch zur Befriedigung zu kommen. Es gab also für Nietzsche gar nicht die Möglichkeit, sich zu sagen: Nehmen wir die Sinneswelt, vertiefen wir die Betrachtung über die Sinneswelt, dringen wir von der äußeren Offenbarung zu dem innerlich Göttlichen vor, so fühlen wir uns als Mensch mit diesem Göttlichen verbunden und kommen dazu, uns als Mensch in der Welt wirklich zu fühlen.
[ 18 ] In Richard Wagners musikalischem Drama glaubte Nietzsche eine Wiedererneuerung dieses schönen Scheins zu sehen, mit dem ausdrücklichen Ziele, hinwegzuführen über die sogenannte wirkliche Welt in die Welt des Scheines, um als Mensch zur Befriedigung zu kommen. Es gab also für Nietzsche gar nicht die Möglichkeit, sich zu sagen: Nehmen wir die Sinneswelt, vertiefen wir die Betrachtung über die Sinneswelt, dringen wir von der äußeren Offenbarung zu dem innerlich Göttlichen vor, so fühlen wir uns als Mensch mit diesem Göttlichen verbunden und kommen dazu, uns als Mensch in der Welt wirklich zu fühlen.
[ 19 ] Diese Erwägung konnte es für Nietzsche nicht geben. Er sah keine Möglichkeit — weil er eben redlich sein wollte —, aus dem nur, was das 19. Jahrhundert war, zu einer solchen Erwägung zu kommen. Deshalb die andere: Diese ganze Wirklichkeit gibt uns keine Befriedigung, also befriedigen wir uns an einer unwirklichen Welt. Etwa so, wie wenn es irgendwo Wesen gäbe, die auf einen Planeten kämen, wo sie nur Leichname fänden, und diesen Leichnamen gegenüber nicht Reste des Wirklichen, sondern wahre Wirklichkeit sehen müßten, weil sie die Seelen, die diese Leichname einmal durchschwebt haben, nicht schauen, und wie wenn diese Wesen, die also einen Planeten mit Leichnamen träfen, zu diesen Leichnamen, um sich über sie hinwegzutrösten, hinzudichteten Wesen, welche diese Leichname beseelen. Das war Nietzsches erste Weltempfindung.
[ 19 ] Diese Erwägung konnte es für Nietzsche nicht geben. Er sah keine Möglichkeit — weil er eben redlich sein wollte —, aus dem nur, was das 19. Jahrhundert war, zu einer solchen Erwägung zu kommen. Deshalb die andere: Diese ganze Wirklichkeit gibt uns keine Befriedigung, also befriedigen wir uns an einer unwirklichen Welt. Etwa so, wie wenn es irgendwo Wesen gäbe, die auf einen Planeten kämen, wo sie nur Leichname fänden, und diesen Leichnamen gegenüber nicht Reste des Wirklichen, sondern wahre Wirklichkeit sehen müßten, weil sie die Seelen, die diese Leichname einmal durchschwebt haben, nicht schauen, und wie wenn diese Wesen, die also einen Planeten mit Leichnamen träfen, zu diesen Leichnamen, um sich über sie hinwegzutrösten, hinzudichteten Wesen, welche diese Leichname beseelen. Das war Nietzsches erste Weltempfindung.
[ 20 ] Und im Grunde genommen waren die auf die «Geburt der Tragödie» folgenden Schriften: «David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller», «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», «Schopenhauer als Erzieher», «Richard Wagner in Bayreuth», Auseinandersetzungen seiner Redlichkeit mit der Unredlichkeit der Zeit. Diese Zeit sprach, trotzdem sie gar keinen Weg hatte aus der Sinnlichkeit in den Geist, sie sprach noch von Geist; diese Zeit sprach vom Göttlichen, trotzdem sie im Grunde genommen nirgends in ihre Erkenntnis ein Göttliches aufnehmen konnte. Diese Zeit sprach etwa so: Früher haben die Menschen sich dem Wahne eines Göttlichen hingegeben, doch wir wissen aus der Naturbetrachtung, daß es ein Göttliches nicht gibt, aber wir haben ja dafür unsere Konzerte, in denen wir Musik machen. — Es ist ja ein Kapitel in David Friedrich Straußens « Der alte und der neue Glaube», das Nietzsche besonders geärgert hat, wo eben David Friedrich Strauß diesen Philisterstandpunkt geltend macht. Deshalb hat Nietzsche gegen einen verhältnismäßig ausgezeichneten Mann wie David Friedrich Strauß diese Schrift über Strauß als Philister und Schriftsteller verfaßt, um eben zu zeigen, wie man entweder unredlich ist, indem man noch ein Göttliches annimmt, das man nicht mehr annehmen dürfte, oder aber ins Banal-Philiströse verfallen muß, wie er es eben bei David Friedrich Strauß sah.
[ 20 ] Und im Grunde genommen waren die auf die «Geburt der Tragödie» folgenden Schriften: «David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller», «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», «Schopenhauer als Erzieher», «Richard Wagner in Bayreuth», Auseinandersetzungen seiner Redlichkeit mit der Unredlichkeit der Zeit. Diese Zeit sprach, trotzdem sie gar keinen Weg hatte aus der Sinnlichkeit in den Geist, sie sprach noch von Geist; diese Zeit sprach vom Göttlichen, trotzdem sie im Grunde genommen nirgends in ihre Erkenntnis ein Göttliches aufnehmen konnte. Diese Zeit sprach etwa so: Früher haben die Menschen sich dem Wahne eines Göttlichen hingegeben, doch wir wissen aus der Naturbetrachtung, daß es ein Göttliches nicht gibt, aber wir haben ja dafür unsere Konzerte, in denen wir Musik machen. — Es ist ja ein Kapitel in David Friedrich Straußens « Der alte und der neue Glaube», das Nietzsche besonders geärgert hat, wo eben David Friedrich Strauß diesen Philisterstandpunkt geltend macht. Deshalb hat Nietzsche gegen einen verhältnismäßig ausgezeichneten Mann wie David Friedrich Strauß diese Schrift über Strauß als Philister und Schriftsteller verfaßt, um eben zu zeigen, wie man entweder unredlich ist, indem man noch ein Göttliches annimmt, das man nicht mehr annehmen dürfte, oder aber ins Banal-Philiströse verfallen muß, wie er es eben bei David Friedrich Strauß sah.
[ 21 ] Nun aber kam die zweite Periode in Nietzsches Leben. Treu blieb er sich mit Bezug auf die Forderung der Redlichkeit, treu blieb er sich mit Bezug auf seinen Atheismus. Aber in der ersten Periode nahm er, wenn auch ästhetisch gefärbte, so dennoch Ideale an, Ideale, die eine Berechtigung hätten, und mit denen sich die Menschen hinwegtrösten können über die Wirklichkeit der äußeren Sinne.
[ 21 ] Nun aber kam die zweite Periode in Nietzsches Leben. Treu blieb er sich mit Bezug auf die Forderung der Redlichkeit, treu blieb er sich mit Bezug auf seinen Atheismus. Aber in der ersten Periode nahm er, wenn auch ästhetisch gefärbte, so dennoch Ideale an, Ideale, die eine Berechtigung hätten, und mit denen sich die Menschen hinwegtrösten können über die Wirklichkeit der äußeren Sinne.
[ 22 ] Nun aber, möchte ich sagen, haftet in der zweiten Periode seines Lebens sein Geist stärker an dem, was eben nach der Zeitmeinung die Welt einzig und allein den Menschen offenbart. Und so sagte er sich: Wenn der Mensch auch noch so sehr Idealen sich hingibt, aber diese Ideale sind ja doch aus seiner Physis heraus geboren! Die Menschen gaukeln sich viel Schönes vor, aber dieses Ideal-Schöne ist doch nur ein Allzumenschliches.
[ 22 ] Nun aber, möchte ich sagen, haftet in der zweiten Periode seines Lebens sein Geist stärker an dem, was eben nach der Zeitmeinung die Welt einzig und allein den Menschen offenbart. Und so sagte er sich: Wenn der Mensch auch noch so sehr Idealen sich hingibt, aber diese Ideale sind ja doch aus seiner Physis heraus geboren! Die Menschen gaukeln sich viel Schönes vor, aber dieses Ideal-Schöne ist doch nur ein Allzumenschliches.
[ 23 ] Und so kam für ihn die Zeit, in der er besonders die menschliche Schwäche, das Allzumenschliche sah, die Hingabe des Menschen an seine Physis. Und da er die Naturanschauung ernst nahm, so sagte er sich: Der Mensch kann ja gar nicht anders, als sich an seine Physis hinzugeben! — Ein Ausspruch von Nietzsche ist einmal: Hoch die Physik, noch höher die Redlichkeit im Glauben an die Physik. Seien wir doch redlich — sagte er sich in der zweiten Periode seines Lebens —, seien wir uns klar: Wenn der Mensch einen noch so schönen idealistischen Gedanken hat, so ist dieser doch eine Ausdünstung seiner physischen Natur. Gehen wir daher an das Menschenleben heran, schildern wir nicht den Rauch, den es oben macht, sondern schildern wir unten die Brennstoffe, aus denen dieser Rauch sich bildet: dann kommen wir nicht an das Idealistisch-Göttliche, dann kommen wir an das Menschlich-Allzumenschliche.
[ 23 ] Und so kam für ihn die Zeit, in der er besonders die menschliche Schwäche, das Allzumenschliche sah, die Hingabe des Menschen an seine Physis. Und da er die Naturanschauung ernst nahm, so sagte er sich: Der Mensch kann ja gar nicht anders, als sich an seine Physis hinzugeben! — Ein Ausspruch von Nietzsche ist einmal: Hoch die Physik, noch höher die Redlichkeit im Glauben an die Physik. Seien wir doch redlich — sagte er sich in der zweiten Periode seines Lebens —, seien wir uns klar: Wenn der Mensch einen noch so schönen idealistischen Gedanken hat, so ist dieser doch eine Ausdünstung seiner physischen Natur. Gehen wir daher an das Menschenleben heran, schildern wir nicht den Rauch, den es oben macht, sondern schildern wir unten die Brennstoffe, aus denen dieser Rauch sich bildet: dann kommen wir nicht an das Idealistisch-Göttliche, dann kommen wir an das Menschlich-Allzumenschliche.
[ 24 ] Und so tötete in der zweiten Periode seines Lebens Nietzsche geradezu, weil er redlich sein wollte gegen sich und andere, alles Idealistische im Leben. So sagte er sich: Was die Leute gewöhnlich Seele nennen, ist eigentlich nur eine Lüge. Dem liegt zugrunde die Einrichtung des Leibes, und etwas, was aus dieser Einrichtung des Leibes kommt, offenbart sich eben so, daß man ihm den Namen Seele gibt.
[ 24 ] Und so tötete in der zweiten Periode seines Lebens Nietzsche geradezu, weil er redlich sein wollte gegen sich und andere, alles Idealistische im Leben. So sagte er sich: Was die Leute gewöhnlich Seele nennen, ist eigentlich nur eine Lüge. Dem liegt zugrunde die Einrichtung des Leibes, und etwas, was aus dieser Einrichtung des Leibes kommt, offenbart sich eben so, daß man ihm den Namen Seele gibt.
[ 25 ] Und Nietzsche sah in diesem Hinneigen einzelner moderner Menschen zum Beispiel zu Voltaire, die wahre Aufklärung, jene wahre Aufklärung, die darin besteht, daß der Mensch nicht mehr sich auf irgendeine Scheinwelt einläßt, um sich über die Wirklichkeit hinwegzuheben, sondern daß er geradezu die Wirklichkeit in ihrer physischen Natur betrachtet und aus dem Physischen alles Moralische hervorgehen sieht.
[ 25 ] Und Nietzsche sah in diesem Hinneigen einzelner moderner Menschen zum Beispiel zu Voltaire, die wahre Aufklärung, jene wahre Aufklärung, die darin besteht, daß der Mensch nicht mehr sich auf irgendeine Scheinwelt einläßt, um sich über die Wirklichkeit hinwegzuheben, sondern daß er geradezu die Wirklichkeit in ihrer physischen Natur betrachtet und aus dem Physischen alles Moralische hervorgehen sieht.
[ 26 ] Und wenn man dann auf die dritte Periode in Nietzsches Leben sieht, dann muß es einem eben auffallen, wie er, man möchte sagen, schon aus einer hochpathologischen Natur heraus diese Redlichkeit bis zum Exzeß trieb, wie er sagte: Nimmt man ernst und redlich, das, was man über die Natur und die Naturgesetze im modernen Sinne wissen kann, dann muß man sagen: Alles, was da als Geist in des Menschen Wesenheit leben soll, das ist eben die Ausdünstung seines physischen Wesens. Daher kann derjenige Mensch nur der Vollkommene sein, der das physische Wesen im Vergleiche zu anderem als das Vollkommenste zeigt; das heißt, der, welcher eine solche physische Natur hat, daß in ihm die stärksten Instinkte leben.
[ 26 ] Und wenn man dann auf die dritte Periode in Nietzsches Leben sieht, dann muß es einem eben auffallen, wie er, man möchte sagen, schon aus einer hochpathologischen Natur heraus diese Redlichkeit bis zum Exzeß trieb, wie er sagte: Nimmt man ernst und redlich, das, was man über die Natur und die Naturgesetze im modernen Sinne wissen kann, dann muß man sagen: Alles, was da als Geist in des Menschen Wesenheit leben soll, das ist eben die Ausdünstung seines physischen Wesens. Daher kann derjenige Mensch nur der Vollkommene sein, der das physische Wesen im Vergleiche zu anderem als das Vollkommenste zeigt; das heißt, der, welcher eine solche physische Natur hat, daß in ihm die stärksten Instinkte leben.
[ 27 ] Das instinktive Leben gegenüber allem seelisch-geistigen Leben sah Nietzsche zuletzt als dasjenige an, was in der Entwickelung den Menschen über sich selbst hinausführt, indem die Instinkte immer stärker und stärker werden, Instinkte bleiben, aber immer mehr und mehr über das Tier hinauswachsen: da geht der Mensch in den Übermenschen über.
[ 27 ] Das instinktive Leben gegenüber allem seelisch-geistigen Leben sah Nietzsche zuletzt als dasjenige an, was in der Entwickelung den Menschen über sich selbst hinausführt, indem die Instinkte immer stärker und stärker werden, Instinkte bleiben, aber immer mehr und mehr über das Tier hinauswachsen: da geht der Mensch in den Übermenschen über.
[ 28 ] Was war es denn eigentlich, was Nietzsche in dieser Weise vorwärtsgetrieben hat, daß er zunächst das Idealische im Scheine als für den Menschen notwendig anerkannte, daß er dann dieses Idealische, wie er sich ausdrückte, aufs Eis führt, weil er sah, wie es aus dem Physischen entspringt, und daß er dann den Menschen zum Übermenschen leiten wollte aus einer höheren Entwickelung seiner Physis, seines instinktiven Lebens?Es war dieUnmöglichkeit, wenn man innerhalb der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts stand, das Physische im Sinne dieser Weltanschauung zu fassen, und dann noch aus ihm herauszukommen, wenn man redlich bleiben wollte. Man mußte eben drinnenbleiben.
[ 28 ] Was war es denn eigentlich, was Nietzsche in dieser Weise vorwärtsgetrieben hat, daß er zunächst das Idealische im Scheine als für den Menschen notwendig anerkannte, daß er dann dieses Idealische, wie er sich ausdrückte, aufs Eis führt, weil er sah, wie es aus dem Physischen entspringt, und daß er dann den Menschen zum Übermenschen leiten wollte aus einer höheren Entwickelung seiner Physis, seines instinktiven Lebens?Es war dieUnmöglichkeit, wenn man innerhalb der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts stand, das Physische im Sinne dieser Weltanschauung zu fassen, und dann noch aus ihm herauszukommen, wenn man redlich bleiben wollte. Man mußte eben drinnenbleiben.
[ 29 ] Und Nietzsche entwickelte, wenn man so sagen darf, eine eiserne Redlichkeit, sich nun mit allem, was er hatte, ins Physische hineinzustellen. So daß in der Tat eigentlich sein Zukunftsideal, wenn man da noch von Ideal sprechen darf, für die menschliche Zivilisation darinnen bestanden haben müßte, daß der Mensch sich aufgeklärt hätte über die große Illusion, einen Geist zu haben. Daß man diese Untergründe bei Nietzsche, der aber selbst so ehrlich als möglich sich herausgearbeitet hat, gewöhnlich nicht sieht, davon ist nur das der Grund, daß er mit so viel Geist den Geist in Abrede gestellt hat, daß er in einer so glänzenden, brillanten, geistreichen Weise die geistige Armut der Menschheit verherrlicht hat.
[ 29 ] Und Nietzsche entwickelte, wenn man so sagen darf, eine eiserne Redlichkeit, sich nun mit allem, was er hatte, ins Physische hineinzustellen. So daß in der Tat eigentlich sein Zukunftsideal, wenn man da noch von Ideal sprechen darf, für die menschliche Zivilisation darinnen bestanden haben müßte, daß der Mensch sich aufgeklärt hätte über die große Illusion, einen Geist zu haben. Daß man diese Untergründe bei Nietzsche, der aber selbst so ehrlich als möglich sich herausgearbeitet hat, gewöhnlich nicht sieht, davon ist nur das der Grund, daß er mit so viel Geist den Geist in Abrede gestellt hat, daß er in einer so glänzenden, brillanten, geistreichen Weise die geistige Armut der Menschheit verherrlicht hat.
[ 30 ] Es wird eben unmöglich, Moralphilosoph zu sein, wie es Nietzsche durch seine ganze Anlage geworden war innerhalb der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts, wenn man diese redlich nehmen will. Denn wenn man nicht mehr in der Lage ist, davon zu sprechen, daß es des Menschen Aufgabe auf der Erde ist, ein Geistig-Überirdisches in diese Erdenwelt hereinzutragen, wenn man sich genötigt glaubt, innerhalb der bloßen Erdenwelt stehenzubleiben, dann will man, wenn man Moral errichten will, sie ohne Berechtigung errichten. Die Moral wird vogelfrei, wenn man die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts in voller Redlichkeit hinnimmt. Und das hat Nietzsche wirklich tief innerlich erlebt, daß die Moral vogelfrei wurde. Moralphilosoph wollte er sein. Allein, woher die Moralimpulse nehmen? Das war für ihn die große Frage. Findet man im Menschen die Leuchtkraft eines Übersinnlichen, dann tritt die Moral auf als Forderung dieses Übersinnlichen an das Sinnliche, dann ist die Moral möglich. Findet man im Menschen kein Übersinnliches, wie das bei der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts der Fall war, dann gibt es nirgends eine Quelle, aus der man die Moralimpulse holen könnte. Will man gut und böse unterscheiden, dann braucht man das Übersinnliche. Aber das Übersinnliche mußte für Nietzsche, der die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts redlich nahm, abgewiesen werden. Und so tastete er sich im Menschenleben herum, um nun doch [so] etwas wie den Ursprung der Moralimpulse zu finden.
[ 30 ] Es wird eben unmöglich, Moralphilosoph zu sein, wie es Nietzsche durch seine ganze Anlage geworden war innerhalb der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts, wenn man diese redlich nehmen will. Denn wenn man nicht mehr in der Lage ist, davon zu sprechen, daß es des Menschen Aufgabe auf der Erde ist, ein Geistig-Überirdisches in diese Erdenwelt hereinzutragen, wenn man sich genötigt glaubt, innerhalb der bloßen Erdenwelt stehenzubleiben, dann will man, wenn man Moral errichten will, sie ohne Berechtigung errichten. Die Moral wird vogelfrei, wenn man die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts in voller Redlichkeit hinnimmt. Und das hat Nietzsche wirklich tief innerlich erlebt, daß die Moral vogelfrei wurde. Moralphilosoph wollte er sein. Allein, woher die Moralimpulse nehmen? Das war für ihn die große Frage. Findet man im Menschen die Leuchtkraft eines Übersinnlichen, dann tritt die Moral auf als Forderung dieses Übersinnlichen an das Sinnliche, dann ist die Moral möglich. Findet man im Menschen kein Übersinnliches, wie das bei der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts der Fall war, dann gibt es nirgends eine Quelle, aus der man die Moralimpulse holen könnte. Will man gut und böse unterscheiden, dann braucht man das Übersinnliche. Aber das Übersinnliche mußte für Nietzsche, der die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts redlich nahm, abgewiesen werden. Und so tastete er sich im Menschenleben herum, um nun doch [so] etwas wie den Ursprung der Moralimpulse zu finden.
[ 31 ] So sah er auf die Kulturentwickelung der Menschheit hin, fand, wie starke Rassemenschen als Eroberer gegenüber schwächeren Menschen auftraten, wie diese stärkeren Rassemenschen den schwächeren die Richtung ihres Handelns aufdrängten, wie sie aus ihrer instinktiven Natur heraus von jenen, denen gegenüber sie als Eroberer aufgetreten waren, forderten: So und so sollt ihr tun! — An irgendwelchen kategorischen Imperativ, an Moralgebote konnte Nietzsche ja nicht glauben. Er konnte nur glauben an die instinktiven Rassemenschen, die sich selber als die guten ansahen, die anderen als die schlechten, das heißt als die minderwertigen Menschen, denen sie die Richtung des Handelns aufdrängten.
[ 31 ] So sah er auf die Kulturentwickelung der Menschheit hin, fand, wie starke Rassemenschen als Eroberer gegenüber schwächeren Menschen auftraten, wie diese stärkeren Rassemenschen den schwächeren die Richtung ihres Handelns aufdrängten, wie sie aus ihrer instinktiven Natur heraus von jenen, denen gegenüber sie als Eroberer aufgetreten waren, forderten: So und so sollt ihr tun! — An irgendwelchen kategorischen Imperativ, an Moralgebote konnte Nietzsche ja nicht glauben. Er konnte nur glauben an die instinktiven Rassemenschen, die sich selber als die guten ansahen, die anderen als die schlechten, das heißt als die minderwertigen Menschen, denen sie die Richtung des Handelns aufdrängten.
[ 32 ] Und dann kam es einmal dazu, daß diejenigen, welche die Minderwertigen waren nach der Ansicht der Eroberer, sich gewissermaßen zusammentaten und nun ihrerseits, jetzt nicht mit den brutaleren älteren Mitteln, aber mit den feineren Mitteln des Seelisch-Geistigen, mit List und Schlauheit, sich zu Eroberern über die anderen machten. Und diejenigen, die sich erst als die Mehrwertigen, als die Guten bezeichneten, nannten sie die Schlechten, weil sie Eroberer waren, Machtmenschen, Kraftmenschen, militaristische Menschen waren; sie nannten sie die Bösen. Und sich selber, die früher die Minderwertigen, die Schlechten genannt worden waren, nannten sie die Guten. Arm sein, beschränkt sein, bedrückt sein, schwach sein, überwunden werden und dennoch sich halten in der Schwachheit, im Überwundenwerden, das ist das Gute, Und Eroberer sein, den anderen überwinden, das ist das Böse.
[ 32 ] Und dann kam es einmal dazu, daß diejenigen, welche die Minderwertigen waren nach der Ansicht der Eroberer, sich gewissermaßen zusammentaten und nun ihrerseits, jetzt nicht mit den brutaleren älteren Mitteln, aber mit den feineren Mitteln des Seelisch-Geistigen, mit List und Schlauheit, sich zu Eroberern über die anderen machten. Und diejenigen, die sich erst als die Mehrwertigen, als die Guten bezeichneten, nannten sie die Schlechten, weil sie Eroberer waren, Machtmenschen, Kraftmenschen, militaristische Menschen waren; sie nannten sie die Bösen. Und sich selber, die früher die Minderwertigen, die Schlechten genannt worden waren, nannten sie die Guten. Arm sein, beschränkt sein, bedrückt sein, schwach sein, überwunden werden und dennoch sich halten in der Schwachheit, im Überwundenwerden, das ist das Gute, Und Eroberer sein, den anderen überwinden, das ist das Böse.
[ 33 ] So entstand Gut und Böse aus Gut und Schlecht. Aber Gut und Schlecht hatten noch nicht den späteren moralischen Beigeschmack, sondern bloß den Beigeschmack von Erobernden, Machtmäßigen, Adelsmenschen gegenüber dem Heer der Sklavenmenschen, welche die Minderwertigen, die Schlechten waren. Und was da später zwischen Guten und Bösen unterschieden wurde, das kam nur von dem Sklavenaufstand der vorher Schlechten, Minderwertigen, die jetzt die anderen Verbrecher und Böse nannten, aus Rache für dasjenige, was ihnen widerfahren war. So erschien Nietzsche die in die Begriffe «gut» und «böse» gekleidete spätere Moral als die Rache, welche die Unterdrückten an den Unterdrückern genommen haben. Abereine innere Begründung des Moralischen fand er nirgends. Er konnte sich nur jenseits von Gut und Böse stellen, nicht in das Gute und Böse hinein. Denn um eine innere Begründung von Gut und Böse zu finden, hätte er ja zum Übersinnlichen greifen müssen. Das aber war ihm ein Wahn, war ihm bloß der Ausdruck der schwachen Menschennatur, die sich nicht gestehen wollte, daß in der Physis ihre wahre Wesenheit erschöpft ist.
[ 33 ] So entstand Gut und Böse aus Gut und Schlecht. Aber Gut und Schlecht hatten noch nicht den späteren moralischen Beigeschmack, sondern bloß den Beigeschmack von Erobernden, Machtmäßigen, Adelsmenschen gegenüber dem Heer der Sklavenmenschen, welche die Minderwertigen, die Schlechten waren. Und was da später zwischen Guten und Bösen unterschieden wurde, das kam nur von dem Sklavenaufstand der vorher Schlechten, Minderwertigen, die jetzt die anderen Verbrecher und Böse nannten, aus Rache für dasjenige, was ihnen widerfahren war. So erschien Nietzsche die in die Begriffe «gut» und «böse» gekleidete spätere Moral als die Rache, welche die Unterdrückten an den Unterdrückern genommen haben. Abereine innere Begründung des Moralischen fand er nirgends. Er konnte sich nur jenseits von Gut und Böse stellen, nicht in das Gute und Böse hinein. Denn um eine innere Begründung von Gut und Böse zu finden, hätte er ja zum Übersinnlichen greifen müssen. Das aber war ihm ein Wahn, war ihm bloß der Ausdruck der schwachen Menschennatur, die sich nicht gestehen wollte, daß in der Physis ihre wahre Wesenheit erschöpft ist.
[ 34 ] Wenn man Nietzsche charakterisieren will, möchte man eben sagen: Eigentlich hätten alle denkenden Menschen seiner Zeit so sprechen müssen wie er, wenn sie so redlich gewesen wären wie er. Und er machte sich das zum Ziel, ganz redlich zu sein. Deshalb wurde er ein Kämpfer gegen seine Zeit, und deshalb seine scharfen geistigen Waffen, deshalb sein Bestreben nach einer Umwertung aller Werte. Die Werte, unter denen er lebte, sah er ja von der Unredlichkeit gemacht. Jahrhunderte hatten schon daran gearbeitet, die modernen naturwissenschaftlichen Begriffe heraufzubringen, und sie auch in alle Historie eingeführt. Aber dieselben Jahrhunderte hatten noch dasjenige, was damit nicht mehr vereinbar war, in den menschlichen Seelen gelassen: die göttlichen und moralischen Vorstellungen. Da waren Werte herausgekommen, dienun umzuwerten sind.
[ 34 ] Wenn man Nietzsche charakterisieren will, möchte man eben sagen: Eigentlich hätten alle denkenden Menschen seiner Zeit so sprechen müssen wie er, wenn sie so redlich gewesen wären wie er. Und er machte sich das zum Ziel, ganz redlich zu sein. Deshalb wurde er ein Kämpfer gegen seine Zeit, und deshalb seine scharfen geistigen Waffen, deshalb sein Bestreben nach einer Umwertung aller Werte. Die Werte, unter denen er lebte, sah er ja von der Unredlichkeit gemacht. Jahrhunderte hatten schon daran gearbeitet, die modernen naturwissenschaftlichen Begriffe heraufzubringen, und sie auch in alle Historie eingeführt. Aber dieselben Jahrhunderte hatten noch dasjenige, was damit nicht mehr vereinbar war, in den menschlichen Seelen gelassen: die göttlichen und moralischen Vorstellungen. Da waren Werte herausgekommen, dienun umzuwerten sind.
[ 35 ] Es ist eine ungeheure Tragik, dieses Nietzsche-Leben. Und ich glaube nicht, daß jemand wirklich das Wesen der menschlichen Zivilisation im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und wie sie noch nachgewirkt hat im 2o. Jahrhundert, in der richtigen Weise erfaßt, der nicht einmal hineingesehen hat in eine solche Tragik, wie sie sich in einer diese Zivilisation miterlebenden Seele, wie in Nietzsche, abgespielt hat. Es ist wirklich so, daß wir allen Zusammenbruch, den wir jetzt erleben, als eine Folge anzusehen haben dessen, was Nietzsche die Unredlichkeit der neueren Zivilisation nennt. Man möchte sagen, daß Nietzsche deshalb ein Kämpfer gegen seine Zeit wurde, weil er sich empfindungsgemäß sagen mußte: Wenn diese Unredlichkeit fortdauert, dann kann nur der zerstörerische Kampf einschlagen in die Völker, welche dieser modernen Zivilisation angehören. Und diese Tragik im Nietzsche-Leben, sie ergab sich eben daraus, daß Nietzsche die Grundlagen der Moral finden wollte, aber mit der Bildung seiner Zeit sie nicht finden konnte. Es ergab sich ihm nirgends eine Quelle, aus der er die moralischen Impulse schöpfen konnte. Und so tastete er sich durch und verwundete sich überall bei dem Durchtasten die Finger. Und aus dem Schmerze heraus schilderte er seine Zeit, so wie er sie eben geschildert hat.
[ 35 ] Es ist eine ungeheure Tragik, dieses Nietzsche-Leben. Und ich glaube nicht, daß jemand wirklich das Wesen der menschlichen Zivilisation im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und wie sie noch nachgewirkt hat im 2o. Jahrhundert, in der richtigen Weise erfaßt, der nicht einmal hineingesehen hat in eine solche Tragik, wie sie sich in einer diese Zivilisation miterlebenden Seele, wie in Nietzsche, abgespielt hat. Es ist wirklich so, daß wir allen Zusammenbruch, den wir jetzt erleben, als eine Folge anzusehen haben dessen, was Nietzsche die Unredlichkeit der neueren Zivilisation nennt. Man möchte sagen, daß Nietzsche deshalb ein Kämpfer gegen seine Zeit wurde, weil er sich empfindungsgemäß sagen mußte: Wenn diese Unredlichkeit fortdauert, dann kann nur der zerstörerische Kampf einschlagen in die Völker, welche dieser modernen Zivilisation angehören. Und diese Tragik im Nietzsche-Leben, sie ergab sich eben daraus, daß Nietzsche die Grundlagen der Moral finden wollte, aber mit der Bildung seiner Zeit sie nicht finden konnte. Es ergab sich ihm nirgends eine Quelle, aus der er die moralischen Impulse schöpfen konnte. Und so tastete er sich durch und verwundete sich überall bei dem Durchtasten die Finger. Und aus dem Schmerze heraus schilderte er seine Zeit, so wie er sie eben geschildert hat.
[ 36 ] Was suchte er? Er suchte etwas, was sich überhaupt nur im Übersinnlichen finden läßt, was sich im Bereiche des Sinnlichen nicht finden läßt. Das suchte er. Denn, denken Sie sich noch so schöne, große, hehre Moralprinzipien aus: eine Maschine können Sie damit nicht heizen, ein Rad können Sie damit nicht drehen, den elektrischen Apparat können Sie damit nicht in Bewegung setzen. Aber wenn man in seinem Erkennen nur dasjenige anwendet, was die Maschine in Bewegung setzt, den elektrischen Apparat in Bewegung setzt, das Rad dreht, wenn man nur das in seine Erkenntnis einführt, dann kann man niemals verstehen, wie das, was im Menschen als moralischer Impuls lebt, nun in den eigenen menschlichen Organismus hineingreifen soll. Man kann sich die hehrsten Ideale ausdenken: Rauch und Nebel können sie nur sein, denn es gibt ja keine Möglichkeit, daß sie irgendwo eingreifen in einen Muskel, in irgendeine Geschicklichkeit oder dergleichen. Es gibt nirgends etwas in der Sinneswelt, wo man sieht, daß moralische Ideale in das Organische eingreifen. Denke dir die schönsten moralischen Ideale aus — konnte sich Nietzsche nur sagen —, wenn du sie in deinem Kopfe hegst, so bist du deinem eigenen Organismus gegenüber wie der Maschine gegenüber.Der Maschine gegenüber kannst du Plakate machen, daraufschreiben «Moralische Ideale»: siewirdnichtdamitgeheizt, siedrehtsich nicht. Aber sollst du dich drehen, wenn du so bist, wie es dir die Naturwissenschaft sagt, sollst du dich darnach drehen, wie deine moralischen Ideale sind? Du kannst sie ausdenken, sie mögen sehr schön sein, aber eingreifen in das Weltengetriebe können sie nirgends! Daher sind sie gegenüber der Wirklichkeit eine Lüge. Nicht derjenige Mensch, der sich Idealen hingibt, ist der wirksame, sondern derjenige, der seine Maschine heizt, so daß die Instinkte mächtig werden: «die blonde Bestie», wie es Nietzsche paradigmatisch ausdrückt.
[ 36 ] Was suchte er? Er suchte etwas, was sich überhaupt nur im Übersinnlichen finden läßt, was sich im Bereiche des Sinnlichen nicht finden läßt. Das suchte er. Denn, denken Sie sich noch so schöne, große, hehre Moralprinzipien aus: eine Maschine können Sie damit nicht heizen, ein Rad können Sie damit nicht drehen, den elektrischen Apparat können Sie damit nicht in Bewegung setzen. Aber wenn man in seinem Erkennen nur dasjenige anwendet, was die Maschine in Bewegung setzt, den elektrischen Apparat in Bewegung setzt, das Rad dreht, wenn man nur das in seine Erkenntnis einführt, dann kann man niemals verstehen, wie das, was im Menschen als moralischer Impuls lebt, nun in den eigenen menschlichen Organismus hineingreifen soll. Man kann sich die hehrsten Ideale ausdenken: Rauch und Nebel können sie nur sein, denn es gibt ja keine Möglichkeit, daß sie irgendwo eingreifen in einen Muskel, in irgendeine Geschicklichkeit oder dergleichen. Es gibt nirgends etwas in der Sinneswelt, wo man sieht, daß moralische Ideale in das Organische eingreifen. Denke dir die schönsten moralischen Ideale aus — konnte sich Nietzsche nur sagen —, wenn du sie in deinem Kopfe hegst, so bist du deinem eigenen Organismus gegenüber wie der Maschine gegenüber.Der Maschine gegenüber kannst du Plakate machen, daraufschreiben «Moralische Ideale»: siewirdnichtdamitgeheizt, siedrehtsich nicht. Aber sollst du dich drehen, wenn du so bist, wie es dir die Naturwissenschaft sagt, sollst du dich darnach drehen, wie deine moralischen Ideale sind? Du kannst sie ausdenken, sie mögen sehr schön sein, aber eingreifen in das Weltengetriebe können sie nirgends! Daher sind sie gegenüber der Wirklichkeit eine Lüge. Nicht derjenige Mensch, der sich Idealen hingibt, ist der wirksame, sondern derjenige, der seine Maschine heizt, so daß die Instinkte mächtig werden: «die blonde Bestie», wie es Nietzsche paradigmatisch ausdrückt.
[ 37 ] Und so stand Nietzsche mit seinen Problemen vor dem Menschen, der ihm nur moralisch hätte sein können, wenn die moralischen Impulse in ihm einen Angriffspunkt gefunden hätten. Den fanden sie nicht. Daher kein Gutes und Böses, sondern «Jenseits von Gut und Böse».
[ 37 ] Und so stand Nietzsche mit seinen Problemen vor dem Menschen, der ihm nur moralisch hätte sein können, wenn die moralischen Impulse in ihm einen Angriffspunkt gefunden hätten. Den fanden sie nicht. Daher kein Gutes und Böses, sondern «Jenseits von Gut und Böse».
[ 38 ] Aber nun bedenken Sie: Diese ganze moderne Welterkenntnis, wir haben sie immer dadurch charakterisieren müssen, daß wir sagten, sie komme an den Menschen nicht heran, sie kann keine Anschauung, keine Vorstellung vom Menschen gewinnen. Man hat also den Menschen nicht, wenn man im Sinne der modernen Weltanschauung erlebt in seiner Seele. Dennoch tendierte in Nietzsche alles nach dem Menschen hin. Nach etwas, was er nicht haben konnte, tendierte alles hin! Und nun wollte er noch ganz im Sinne des modernen Entwickelungsgedankens den Menschen in den Übermenschen überführen, nur hatte er den Menschen nicht. Wie sollte denn an dem, was man gar nicht hatte, gezeigt werden, wie es in den Übermenschen übergeht! Der Mensch war ja nicht da für die Anschauung, für die Empfindung, für das Gefühl, für die Willensimpulse. Nun erst der Übermensch! Es war ja so, als ob man nur aus alter Gewohnheit zu sprechen, diese Worte geformt hätte: Mensch und Übermensch — und nun erstickte, weil diese Worte keinen Inhalt haben, so wie wenn man in einem luftleeren Raum erstickt.
[ 38 ] Aber nun bedenken Sie: Diese ganze moderne Welterkenntnis, wir haben sie immer dadurch charakterisieren müssen, daß wir sagten, sie komme an den Menschen nicht heran, sie kann keine Anschauung, keine Vorstellung vom Menschen gewinnen. Man hat also den Menschen nicht, wenn man im Sinne der modernen Weltanschauung erlebt in seiner Seele. Dennoch tendierte in Nietzsche alles nach dem Menschen hin. Nach etwas, was er nicht haben konnte, tendierte alles hin! Und nun wollte er noch ganz im Sinne des modernen Entwickelungsgedankens den Menschen in den Übermenschen überführen, nur hatte er den Menschen nicht. Wie sollte denn an dem, was man gar nicht hatte, gezeigt werden, wie es in den Übermenschen übergeht! Der Mensch war ja nicht da für die Anschauung, für die Empfindung, für das Gefühl, für die Willensimpulse. Nun erst der Übermensch! Es war ja so, als ob man nur aus alter Gewohnheit zu sprechen, diese Worte geformt hätte: Mensch und Übermensch — und nun erstickte, weil diese Worte keinen Inhalt haben, so wie wenn man in einem luftleeren Raum erstickt.
[ 39 ] Nietzsche stand vor der Notwendigkeit, in die übersinnliche Welt einzutreten mit den moralischen Problemen, und konnte nicht eintreten. Das war seine innere Tragik. Und damit ist er zugleich die repräsentative Seele vom Ende des 19. Jahrhunderts, jene repräsentative Seele, welche auf die Notwendigkeit hinweist: Wenn ihr redlich bleiben wollt als Menschen, müßt ihr, um die Ideale der Moral nicht zur Lüge zu erklären, in die übersinnliche Welt eintreten.
[ 39 ] Nietzsche stand vor der Notwendigkeit, in die übersinnliche Welt einzutreten mit den moralischen Problemen, und konnte nicht eintreten. Das war seine innere Tragik. Und damit ist er zugleich die repräsentative Seele vom Ende des 19. Jahrhunderts, jene repräsentative Seele, welche auf die Notwendigkeit hinweist: Wenn ihr redlich bleiben wollt als Menschen, müßt ihr, um die Ideale der Moral nicht zur Lüge zu erklären, in die übersinnliche Welt eintreten.
[ 40 ] Nietzsche wird wahnsinnig, weil er unmittelbar vor der Notwendigkeit steht, in die übersinnliche Welt einzutreten, und nicht eintreten kann. Viele andere Menschen werden nicht wahnsinnig; aber ich will die Gründe nicht auseinandersetzen, warum sie es nicht werden, denn man muß ja selbst bei der Schilderung von Zivilisationseigentümlichkeiten gewisse Grenzen der Höflichkeit einhalten. Aber aus Nietzsches Leben geht eines hervor: Ehrlich, redlich kann der moderne Mensch gegen sich und andere nur sein, wenn er in die übersinnliche Welt eintritt. Das heißt mit anderen Worten: Ehrlichkeit und Redlichkeit gibt es in einer nichtübersinnlichen Weltanschauung nicht. Auch den Weg vom Menschen zum Übermenschen findet man nicht, wenn man nicht den anderen gehen kann vom Sinnlichen ins Übersinnliche. Und gehört die Moral in einem gewissen Sinne dem Übermenschen an, dann fordert sie, daß dieser Übermensch nicht im Sinnlichen, sondern im Übersinnlichen gesucht werde, sonst ist esein bloßes Wort, das Wort «Übermensch », das hinausgerufen wird, dem aber nichts entgegentönt aus der Welt.
[ 40 ] Nietzsche wird wahnsinnig, weil er unmittelbar vor der Notwendigkeit steht, in die übersinnliche Welt einzutreten, und nicht eintreten kann. Viele andere Menschen werden nicht wahnsinnig; aber ich will die Gründe nicht auseinandersetzen, warum sie es nicht werden, denn man muß ja selbst bei der Schilderung von Zivilisationseigentümlichkeiten gewisse Grenzen der Höflichkeit einhalten. Aber aus Nietzsches Leben geht eines hervor: Ehrlich, redlich kann der moderne Mensch gegen sich und andere nur sein, wenn er in die übersinnliche Welt eintritt. Das heißt mit anderen Worten: Ehrlichkeit und Redlichkeit gibt es in einer nichtübersinnlichen Weltanschauung nicht. Auch den Weg vom Menschen zum Übermenschen findet man nicht, wenn man nicht den anderen gehen kann vom Sinnlichen ins Übersinnliche. Und gehört die Moral in einem gewissen Sinne dem Übermenschen an, dann fordert sie, daß dieser Übermensch nicht im Sinnlichen, sondern im Übersinnlichen gesucht werde, sonst ist esein bloßes Wort, das Wort «Übermensch », das hinausgerufen wird, dem aber nichts entgegentönt aus der Welt.
[ 41 ] Morgen will ich das Thema von der anderen Seite betrachten, von der Seite, wie nun weiter ausgeführt werden muß dasjenige, was Nietzsche angetroffen hat, damit die Moralwerte in der richtigen Weise im Menschenleben verstanden werden und in Einklang gebracht werden können mit der Erkenntnis unserer Zeit.
[ 41 ] Morgen will ich das Thema von der anderen Seite betrachten, von der Seite, wie nun weiter ausgeführt werden muß dasjenige, was Nietzsche angetroffen hat, damit die Moralwerte in der richtigen Weise im Menschenleben verstanden werden und in Einklang gebracht werden können mit der Erkenntnis unserer Zeit.
[ 42 ] über das «Schneiderproblem» der Anthroposophischen Gesellschaft
[ 42 ] über das «Schneiderproblem» der Anthroposophischen Gesellschaft
[ 43 ] Morgen will ich das’Thema von einer anderen Seite betrachten, von der Seite, wie nun weiter das ausgeführt werden muß, was Nietzsche angetroffen hat, damit die Moralität in der richtigen Weise im Menschenleben verstanden und in Einklang gebracht werden kann mit der Erkenntnis unserer Zeit. Solche Fragen müssen es ja sein, die sich gerade die Angehörigen der Anthroposophischen Gesellschaft stellen. Daß man Sinn und Verständnis habe für solche Fragen, das gehört zur Anthroposophischen Gesellschaft. Und die ist jetzt gerade dabei, zur Selbstbesinnung zu kommen.
[ 43 ] Morgen will ich das’Thema von einer anderen Seite betrachten, von der Seite, wie nun weiter das ausgeführt werden muß, was Nietzsche angetroffen hat, damit die Moralität in der richtigen Weise im Menschenleben verstanden und in Einklang gebracht werden kann mit der Erkenntnis unserer Zeit. Solche Fragen müssen es ja sein, die sich gerade die Angehörigen der Anthroposophischen Gesellschaft stellen. Daß man Sinn und Verständnis habe für solche Fragen, das gehört zur Anthroposophischen Gesellschaft. Und die ist jetzt gerade dabei, zur Selbstbesinnung zu kommen.
[ 44 ] Ende Februar wird, ich will das noch anfügen, eine Versammlung von Delegierten in Stuttgart stattfinden — wenn die Verkehrsverhältnisse es dann noch gestatten —, in der zunächst beraten werden soll über das Schicksal der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft, damit dann auch im weiteren Umkreise die Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft besprochen werden können. Diese Dinge müssen heute sehr ernst genommen werden. Denn gerade bei meiner Anwesenheit in Stuttgart habe ich es so recht empfunden, wie von denjenigen, die etwas tun wollen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, vor allen Dingen bedacht werden muß, daß die Anthroposophie in den drei Stadien, die ich Ihnen ja auch hier vor kurzem geschildert habe, etwas geworden ist, was herausgewachsen ist über dasjenige, was die Anthroposophische Gesellschaft vielfach bleiben will.
[ 44 ] Ende Februar wird, ich will das noch anfügen, eine Versammlung von Delegierten in Stuttgart stattfinden — wenn die Verkehrsverhältnisse es dann noch gestatten —, in der zunächst beraten werden soll über das Schicksal der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft, damit dann auch im weiteren Umkreise die Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft besprochen werden können. Diese Dinge müssen heute sehr ernst genommen werden. Denn gerade bei meiner Anwesenheit in Stuttgart habe ich es so recht empfunden, wie von denjenigen, die etwas tun wollen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, vor allen Dingen bedacht werden muß, daß die Anthroposophie in den drei Stadien, die ich Ihnen ja auch hier vor kurzem geschildert habe, etwas geworden ist, was herausgewachsen ist über dasjenige, was die Anthroposophische Gesellschaft vielfach bleiben will.
[ 45 ] Man hat in den ersten Stadien der anthroposophischen Gesellschaftsentwicklung sich keine Gedanken darüber gemacht, wie später unter dem Einfluß eines Goetheanum und anderer Dinge die Menschen in den weitesten Umkreisen Anteil nehmen werden an der Anthroposophie, im gegnerischen Sinne und im anhängerischen Sinne. Die Gesellschaft muß mitwachsen mit dem Wachsen der Anthroposophie. Und so ist das nächste Problem, das Ende Februar in Stuttgart die Geister der Anthroposophischen Gesellschaft beschäftigen soll — verzeihen Sie, meine lieben Freunde, wenn ich das in einer bildlichen Weise ausspreche —, das nächste Problem ist ein Schneiderproblem. Es ist nämlich das Problem, das dadurch aufgeworfen wird, daß die Anthroposophie heute etwas ist, dem gegenüber die Anthroposophische Gesellschaft Kleider darstellt, aus denen die Anthroposophie herausgewachsen ist. Die Ärmel des Rockes gehen nicht bis zu den Händen, nicht einmal bis zu den Ellbogen mehr, von den Beinkleidern gar nicht zu sprechen. Jetzt muß das Schneiderproblem wirklich mit Aufwendung allen Geistes gelöst werden: Wie macht man aus der Anthroposophischen Gesellschaft der Anthroposophie die richtigen Kleider? Das wird das große Problem sein für Stuttgart Ende Februar. Und darauf ist ja in einigem hingewiesen in dem Aufruf, welcher jetzt verschickt ist.
[ 45 ] Man hat in den ersten Stadien der anthroposophischen Gesellschaftsentwicklung sich keine Gedanken darüber gemacht, wie später unter dem Einfluß eines Goetheanum und anderer Dinge die Menschen in den weitesten Umkreisen Anteil nehmen werden an der Anthroposophie, im gegnerischen Sinne und im anhängerischen Sinne. Die Gesellschaft muß mitwachsen mit dem Wachsen der Anthroposophie. Und so ist das nächste Problem, das Ende Februar in Stuttgart die Geister der Anthroposophischen Gesellschaft beschäftigen soll — verzeihen Sie, meine lieben Freunde, wenn ich das in einer bildlichen Weise ausspreche —, das nächste Problem ist ein Schneiderproblem. Es ist nämlich das Problem, das dadurch aufgeworfen wird, daß die Anthroposophie heute etwas ist, dem gegenüber die Anthroposophische Gesellschaft Kleider darstellt, aus denen die Anthroposophie herausgewachsen ist. Die Ärmel des Rockes gehen nicht bis zu den Händen, nicht einmal bis zu den Ellbogen mehr, von den Beinkleidern gar nicht zu sprechen. Jetzt muß das Schneiderproblem wirklich mit Aufwendung allen Geistes gelöst werden: Wie macht man aus der Anthroposophischen Gesellschaft der Anthroposophie die richtigen Kleider? Das wird das große Problem sein für Stuttgart Ende Februar. Und darauf ist ja in einigem hingewiesen in dem Aufruf, welcher jetzt verschickt ist.
[ 46 ] Was mir eben stark entgegengetreten ist, das ist namentlich, daß nicht genügend vorhanden ist dasjenige, worauf ich am Ende meines letzten Vortrages hier vorige Woche hindeutete. Ich sagte: Gewiß, es kann nicht jeder einzelne im anthroposophischen Sinne Mediziner werden, aber Verständnis kann dasein für das, was von der Anthroposophie aus in der Medizin befruchtend auftritt in weitestem Umfange, Verständnis kann dasein, Interesse kann dasein. Dieses Interesse muß im weitesten Umkreise der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft dasein für alles, was innerhalb der Anthroposophie geschieht. Dann wird es auch gelingen, das Schneiderproblem zu lösen. Aber es muß gelöst werden, sonst muß eben auf andere Mittel gesonnen werden; denn die Gegner sind voller Interesse und sind außerordentlich aufmerksam auf alles, und ihre Methoden bestehen ja namentlich darinnen, daß sie gute Verbreiter der anthroposophischen Weltanschauung sind. Oh, wären die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft ebenso gute Verbreiter der anthroposophischen Weltanschauung wie die Gegner, dann ginge es ausgezeichnet!
[ 46 ] Was mir eben stark entgegengetreten ist, das ist namentlich, daß nicht genügend vorhanden ist dasjenige, worauf ich am Ende meines letzten Vortrages hier vorige Woche hindeutete. Ich sagte: Gewiß, es kann nicht jeder einzelne im anthroposophischen Sinne Mediziner werden, aber Verständnis kann dasein für das, was von der Anthroposophie aus in der Medizin befruchtend auftritt in weitestem Umfange, Verständnis kann dasein, Interesse kann dasein. Dieses Interesse muß im weitesten Umkreise der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft dasein für alles, was innerhalb der Anthroposophie geschieht. Dann wird es auch gelingen, das Schneiderproblem zu lösen. Aber es muß gelöst werden, sonst muß eben auf andere Mittel gesonnen werden; denn die Gegner sind voller Interesse und sind außerordentlich aufmerksam auf alles, und ihre Methoden bestehen ja namentlich darinnen, daß sie gute Verbreiter der anthroposophischen Weltanschauung sind. Oh, wären die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft ebenso gute Verbreiter der anthroposophischen Weltanschauung wie die Gegner, dann ginge es ausgezeichnet!
[ 47 ] Die Gegner reißen aus den Schriften alles mögliche heraus, interpretieren es in das Absurdeste und verbreiten das mit rasendem Interesse. So daß Anthroposophie sehr bekannt ist — aber als Karikatur — von seiten der Gegner. Dem gegenüber stand bisher nicht ein Gleiches in bezug auf die wahre Gestalt der Anthroposophie. So ist es schon. Das aber ist es, was jetzt krisenhaft geworden ist und was unbedingt einer Lösung entgegengeführt werden muß. Wir brauchen für die nächste Zeit eine starke und nicht eine schwache Anthroposophische Gesellschaft.
[ 47 ] Die Gegner reißen aus den Schriften alles mögliche heraus, interpretieren es in das Absurdeste und verbreiten das mit rasendem Interesse. So daß Anthroposophie sehr bekannt ist — aber als Karikatur — von seiten der Gegner. Dem gegenüber stand bisher nicht ein Gleiches in bezug auf die wahre Gestalt der Anthroposophie. So ist es schon. Das aber ist es, was jetzt krisenhaft geworden ist und was unbedingt einer Lösung entgegengeführt werden muß. Wir brauchen für die nächste Zeit eine starke und nicht eine schwache Anthroposophische Gesellschaft.
[ 48 ] Ich habe Ihnen neulich die Namen des provisorischen Komitees angeführt, welches die Angelegenheiten innerhalb Deutschlands einstweilen leiten wird, bis die Delegiertenversammlung stattfindet. Das letzte Mal, als wir in Stuttgart waren, haben sich nun einige Persönlichkeiten bereit erklärt, bei der Delegiertenversammlung ihre Stimme ertönen zu lassen, und haben dadurch nun in denen, welchen die Anthroposophische Gesellschaft am Herzen liegt, die Hoffnung erweckt, daß in wirklich eindringlicher Weise die Tragkraft der Anthroposophie nach den verschiedensten Richtungen hin vor die Welt hingestellt wird. Aber es müssen die Referenten, die sich bereit erklärt haben, schon wirklich alle ihre Kraft zusammennehmen und alles Interesse in sich rege machen, damit sie ihren Aufgaben genügen können. Wir wollen sehen!
[ 48 ] Ich habe Ihnen neulich die Namen des provisorischen Komitees angeführt, welches die Angelegenheiten innerhalb Deutschlands einstweilen leiten wird, bis die Delegiertenversammlung stattfindet. Das letzte Mal, als wir in Stuttgart waren, haben sich nun einige Persönlichkeiten bereit erklärt, bei der Delegiertenversammlung ihre Stimme ertönen zu lassen, und haben dadurch nun in denen, welchen die Anthroposophische Gesellschaft am Herzen liegt, die Hoffnung erweckt, daß in wirklich eindringlicher Weise die Tragkraft der Anthroposophie nach den verschiedensten Richtungen hin vor die Welt hingestellt wird. Aber es müssen die Referenten, die sich bereit erklärt haben, schon wirklich alle ihre Kraft zusammennehmen und alles Interesse in sich rege machen, damit sie ihren Aufgaben genügen können. Wir wollen sehen!
