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Earthly Knowledge and Heavenly Insight
GA 221

16 February 1923, Dornach

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Earthly Knowledge and Heavenly Insight, tr. SOL
  1. Erdenwissen und Himmelserkenntnis

7. Moralische antriebe und physische Wirksamkeit im Menschenwesen das Erfassen eines Geistesweges

7. Moral Motivations and Physical Activity in Human Beings: Understanding a Spiritual Path

[ 1 ] In Fortsetzung dessen, was ich in den vorangehenden Betrachtungen über die Aufgaben anthroposophischer Weltanschauung in der Gegenwart und für die Entwickelung der Menschheit gesagt habe, möchte ich heute unseren Betrachtungen noch einiges von einer anderen Seite her ergänzend einfügen: jene Gesichtspunkte, welche sich ergeben können, wenn man sieht, wie die Weltanschauungsentwickelung des 19. Jahrhunderts gewissermaßen eine Art Führen ins Absurde gefunden hat in Friedrich Nietzsche, und wie dann gerade an der Erscheinung Nietzsches gezeigt werden kann, daß solch eine Anschauung über die Welt und den Menschen, wie sie in der Anthroposophie vorliegt, eine für die Menschheitsentwickelung geschichtliche Notwendigkeit ist. Ich möchte nicht Dinge, die ich in bezug auf Nietzsche auch hier schon und anderweitig in der anthroposophischen Bewegung ausgesprochen habe, wiederholen, sondern ich möchte auf zwei Einschläge in Nietzsches Weltanschauung heute hinweisen, die ich noch weniger berührt habe.

[ 1 ] Following up on what I said in my previous reflections on the tasks of the anthroposophical worldview in the present and for the development of humanity, I would like to add a few more points to our discussion today from a different perspective: those perspectives that arise when one sees how the development of 19th-century worldviews found, in a sense, a kind of descent into the absurd in Friedrich Nietzsche, and how the very phenomenon of Nietzsche serves to demonstrate that a view of the world and humanity such as that found in anthroposophy is a historical necessity for human development. I do not wish to repeat things I have already said here and elsewhere in the anthroposophical movement regarding Nietzsche, but rather I would like to point out two aspects of Nietzsche’s worldview today that I have touched upon even less.

[ 2 ] Durch das ganze Leben Nietzsches hindurch zieht sich ja seine Tendenz, zu einer Ansicht zu kommen über Wert und Wesen des Moralischen im Menschen. Nietzsche war im eigentlichen Sinne des Wortes Moralphilosoph. Über Ursprung der Moral, über Bedeutung der Moral für die Menschheit, über den Wert des Moralischen für die Weltordnung wollte er mit sich ins klare kommen, und bei diesem Streben nach Klarheit sehen wir, wie eben zwei Einschläge durch sein ganzes Leben hindurchgehen, das ja mit Bezug auf vieles andere die mannigfaltigsten Wandlungen durchgemacht hat.

[ 2 ] Throughout Nietzsche’s entire life, there runs a tendency to arrive at a view of the value and nature of morality in human beings. Nietzsche was, in the true sense of the word, a moral philosopher. He sought to come to terms with himself regarding the origin of morality, its significance for humanity, and the value of morality for the world order; and in this quest for clarity, we see how these two themes run through his entire life, which, in many other respects, underwent the most manifold transformations.

[ 3 ] Das erste ist, daß er sein ganzes Leben hindurch — man kann sagen von demjenigen Lebenspunkte aus, den er schon in seinem zweiten Universitätsjahre durchgemacht hat, bis an sein Lebensende — eine im wesentlichen atheistische Ansicht hatte. Das atheistische Moment, das ist dasjenige, was durch alle Wandlungen Nietzschescher Weltanschauung durchgegangen ist.

[ 3 ] The first is that throughout his entire life—one might say from the turning point he experienced as early as his second year of college until the end of his life—he held an essentially atheistic view. This atheistic element is what has run through all the transformations of Nietzsche’s worldview.

[ 4 ] Und das zweite ist, daß er gegenüber dem, was ihm eigentümlicherweise in den Moralimpulsen der Gegenwart entgegengetreten ist, was ihm auch entgegengetreten ist in den intellektuellen, in den praktischen Impulsen des Menschenlebens der Gegenwart, eine Tugend als die prinzipiellste geltend gemacht hat, und diese Tugend ist die Redlichkeit gegen sich, gegen andere, gegen die ganze Weltordnung. Redlichkeit, Ehrlichkeit, das ist dasjenige, was er als das wichtigste betrachtet hat, was dem modernen Menschen nach dem Innern der Seele zu wie nach außen gegen die Welt hin vor allem notwendig ist.

[ 4 ] And the second point is that, in the face of what he found peculiar in the moral impulses of the present—and what he also encountered in the intellectual and practical impulses of contemporary human life—he asserted a virtue as the most fundamental, and this virtue is integrity toward oneself, toward others, and toward the entire world order. Integrity and honesty—these are what he regarded as the most important things, what modern man needs above all else, both within his soul and outwardly toward the world.

[ 5 ] Nietzsche hat ja einmal vier Kardinaltugenden aufgezählt, die er als die bedeutungsvollsten für das Menschenleben ansah. Unter diesen vier Kardinaltugenden ist diese Redlichkeit, diese Ehrlichkeit gegen sich und andere die erste. Diese vier Kardinaltugenden sindnämlich Erstens die Redlichkeit gegen sich und seine Freunde; zweitens Tapferkeit gegen seine Feinde; die dritte Kardinaltugend ist Großmut gegen diejenigen, die man besiegt hat, und die vierte Kardinaltugend ist Höflichkeit gegen alle Menschen.

[ 5 ] Nietzsche once listed four cardinal virtues that he considered the most significant for human life. Among these four cardinal virtues, integrity—honesty toward oneself and others—is the first. These four cardinal virtues are, namely: first, integrity toward oneself and one’s friends; second, courage toward one’s enemies; the third cardinal virtue is magnanimity toward those one has defeated; and the fourth cardinal virtue is courtesy toward all people.

[ 6 ] Diese vier Kardinaltugenden, die Nietzsche als der gegenwärtigen Menschheit ganz besonders notwendig bezeichnet hat, tendieren aber alle hin nach jener, die er als die erste bezeichnet hat, und die er als eine Art von notwendiger Zeittugend angeschen hat, sie tendieren hin zur Redlichkeit, zur Ehrlichkeit. Und man kann sagen: Es ist einVerhältnis zwischen dieser Tugend der Redlichkeit und seinem Atheismus.

[ 6 ] These four cardinal virtues, which Nietzsche described as particularly necessary for contemporary humanity, all tend toward the one he designated as the first—and which he regarded as a kind of necessary virtue of the times—they tend toward integrity, toward honesty. And one could say: There is a connection between this virtue of integrity and his atheism.

[ 7 ] Nietzsche ist ja zunächst ganz und gar herausgewachsen aus seinem Zeitalter. Er ist dann in noch viel umfassenderem Sinne aus diesem Zeitalter herausgewachsen. Allein schon einer oberflächlichen Betrachtung zeigt sich, wie er zunächst Wurzel gefaßt hat in der Schopenhauerschen Weltanschauung, die ja auch eine atheistische ist, und wie er diese Schopenhauersche Weltanschauung zunächst in der ersten Periode seines Lebens künstlerisch verwirklicht sah in Richard Wagners musikalischer Dramatik.

[ 7 ] Nietzsche had, at first, completely outgrown his era. He then outgrew that era in an even more comprehensive sense. Even a superficial examination reveals how he initially took root in Schopenhauer’s worldview—which is, after all, an atheistic one—and how, during the first period of his life, he saw this Schopenhauerian worldview artistically realized in Richard Wagner’s musical dramas.

[ 8 ] Nietzsche ist also von Schopenhauer und Wagner ausgegangen. Er hat dann in sich aufgenommen dasjenige, was man den Positivismus der Zeit im wissenschaftlichen Leben nennen kann, also jene Weltanschauung, welche lediglich auf das unmittelbar Wahrnehmbare, auf das für die Sinne Wahrnehmbare die ganze Weltgestaltung aufgebaut denkt, welche also in dem sinnlich Wahrnehmbaren das einzige für die Weltanschauung Maßgebliche sieht.

[ 8 ] Nietzsche thus drew on Schopenhauer and Wagner. He then incorporated what might be called the positivism of the time in scientific life—that is, the worldview that conceives the entire structure of the world as based solely on what is immediately perceptible, on what is perceptible to the senses, and which therefore regards the sensually perceptible as the only thing relevant to the worldview.

[ 9 ] Und Nietzsche ist dann zu einer gewissen Selbständigkeit gekommen in der dritten Periode, indem er verarbeitet hat den modernen Entwickelungsgedanken, den er so ausgestaltet hat, daß er ihn angewendet hat auf den Menschen, indem er wie eine Art positivistisches Ideal sich vor die Seele stellte, daß der Mensch entwickelungsgemäß übergehen muß in den Übermenschen.

[ 9 ] And Nietzsche then achieved a certain degree of independence in his third period by assimilating the modern concept of evolution, which he developed in such a way that he applied it to human beings, holding up as a kind of positivist ideal before the soul the notion that, in accordance with this evolutionary process, human beings must transition into the Übermensch.

[ 10 ] So ist Nietzsche ganz und gar herausgewachsen aus verschiedenen Gedankenströmungen, Kulturströmungen seiner Zeit. Aber wie ist er herausgewachsen? In der Beantwortung dieser bedeutungsvollen Frage liegt zu gleicher Zeit Wichtiges in bezug auf die Charakteristik des ganzen Zeitalters, das das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts einnimmt. Man muß sich die Frage aufwerfen: Warum ist Nietzsche Atheist geworden? Er ist es eigentlich aus Redlichkeit, aus innerer Ehrlichkeit geworden. Er nahm dasjenige, was ihm an Erkenntnis das 19. Jahrhundert bieten konnte, was er mit heiligem Eifer aus diesem Erkennen des 19. Jahrhunderts aufnehmen konnte, eben mit voller Ehrlichkeit auf. Und er sagte sich ganz empfindungsgemäß: Nehme ich diese besondere Art des Erkennens des 19. Jahrhunderts ehrlich auf, dann gibt mir das nirgends die Hinwendung zu einem Göttlichen, dann muß ich das Göttliche aus meiner Gedankenwelt ausschalten.

[ 10 ] Thus, Nietzsche grew entirely out of the various intellectual and cultural currents of his time. But how did he grow out of them? The answer to this significant question also holds important insights into the character of the entire era spanning the last third of the 19th century. One must ask the question: Why did Nietzsche become an atheist? He actually became one out of integrity, out of inner honesty. He embraced—with complete honesty—the knowledge that the 19th century could offer him, and what he could absorb with sacred zeal from this knowledge of the 19th century. And he told himself, in accordance with his innermost feelings: If I honestly embrace this particular way of knowing characteristic of the 19th century, then it leads me nowhere toward the divine; therefore, I must exclude the divine from my world of thought.

[ 11 ] Da liegt nämlich der erste große Zwiespalt zwischen Nietzsche und seinem Zeitalter, so daß er werden mußte ein Kämpfer gegen seine Zeit. Wenn Nietzsche um sich herumsah bei den Menschen, welche auch aufgenommen hatten die Erkenntnis des 19. Jahrhunderts, so sah er bei den weitaus meisten, daß sie daneben noch Gläubige einer göttlichen Weltenordnung waren. Das empfand er als eine Unredlichkeit. Unredlich erschien es ihm, auf der einen Seite die Welt so anzusehen, wie die Erkenntnis des 19. Jahrhunderts sie ansah, und dann noch ein Göttliches irgendwie anzunehmen. Er sprach ja, weil er noch in den verschiedenen Gedankenformeln des 19. Jahrhunderts sprach, nicht eigentlich dasjenige aus, was er instinktiv fühlte gegenüber der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts. Er fühlte, daß dieses 19. Jahrhundert die Welterscheinungen so betrachtet, wie man den menschlichen Organismus betrachtet, wenn man ihn als Leiche hat, wenn er verstorben ist. Wenn man sozusagen an diesen menschlichen Organismus im Tode glaubt, wenn man glaubt, daß dieser tote Organismus eine innerliche Wahrheit hat, dann könnte man eigentlich ehrlicherweise nicht daran glauben, daß dieser Organismus nur einen Sinn hat, wenn er von dem lebendigen und durchseelten und durchgeistigten Menschenwesen durchzogen ist. Wer einen Leichnam studiert, der müßte sich eigentlich sagen: Dasjenige, was ich anschauen, was ich studieren kann, hat keine Wahrheit. Es hat nur eine Wahrheit, wenn es durchsetzt ist von dem durchgeistigten Menschen. Es setzt den durchgeistigten Menschen voraus. Aber der ist nicht mehr da, wenn ich den Leichnam vor mir habe.

[ 11 ] For therein lies the first major conflict between Nietzsche and his era, so that he was bound to become a fighter against his time. When Nietzsche looked around at the people who had also embraced the insights of the 19th century, he saw that the vast majority of them were, at the same time, believers in a divine world order. He perceived this as dishonesty. It seemed insincere to him to view the world, on the one hand, as 19th-century thought did, and yet still to accept the existence of the divine in some way. Indeed, because he was still speaking in the various conceptual frameworks of the nineteenth century, he did not actually articulate what he instinctively felt regarding the worldview of the nineteenth century. He felt that the nineteenth century viewed worldly phenomena in the same way one views the human organism when it lies as a corpse, after it has died. If, so to speak, one believes in this human organism in death—if one believes that this dead organism possesses an inner truth—then, in all honesty, one could not truly believe that this organism has any meaning unless it is permeated by the living, soul-filled, and spirit-filled human being. Anyone who studies a corpse should actually say to themselves: What I am looking at, what I can study, has no truth. It has truth only when it is permeated by the spiritual human being. It presupposes the spiritual human being. But that person is no longer there when I have the corpse before me.

[ 12 ] Das empfand Nietzsche, trotzdem er dies nicht so deutlich aussprach, ganz klar: Wenn man die Natur so betrachtet, wie die moderne Welterkenntnis sie betrachtet, so betrachtet man sie leichnamhaft. Man müßte sich eigentlich sagen: Dasjenige, was man da als Natur um sich interpretiert, das hat nicht mehr das Göttliche in sich. Wenn man es aber gelten läßt in seiner Absolutheit, wenn man von dieser Natur so spricht, daß man nur ihre Gesetze verfolgt, so muß man offenbar leugnen, daß ihr ein Göttliches zugrunde liegt. Denn so, wie sie da vor einem steht, diese Natur, so liegt ihr ebensowenig ein Göttliches zugrunde, wie dem menschlichen Leichnam ein Menschliches zugrunde liegt.

[ 12 ] Nietzsche felt this quite clearly, even though he did not express it so explicitly: If one views nature as modern scientific understanding views it, one views it as a corpse. One should actually say to oneself: That which one interprets as nature around oneself no longer possesses the divine within it. But if one accepts it in its absoluteness, if one speaks of this nature in such a way that one merely follows its laws, then one must obviously deny that anything divine underlies it. For just as this nature stands before one, there is no more of the divine underlying it than there is of the human underlying a human corpse.

[ 13 ] So etwa sind die Empfindungen gewesen, welche in Nietzsches Seele lebten. Aber es wirkte doch so stark die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts auf ihn, daß er sich sagte: Ja, etwas anderes als diese Natur haben wir ja nicht vor uns, und die neuere Zeit hat uns gelehrt, nichts anderes vor uns zu haben. Halten wir uns an diese Naturerkenntnis, dann müssen wir Gott ablehnen.

[ 13 ] Such, for example, were the feelings that lived within Nietzsche’s soul. But the worldview of the 19th century had such a powerful effect on him that he said to himself: Yes, we have nothing before us but this nature, and modern times have taught us to have nothing else before us. If we adhere to this understanding of nature, then we must reject God.

[ 14 ] Und so lehnte Nietzsche als Schüler Schopenhauers jedes Göttliche ab, betrachtete es als eine Unehrlichkeit, die moderne Erkenntnis zu haben und dabei noch von einem Göttlichen zu sprechen. In dieser Beziehung war sein Seelenleben ein außerordentlich interessantes, weil es eben nach so intensiver Redlichkeit strebte. Er empfand es als eine Kulturlüge des 19. Jahrhunderts, daß man auf der einen Seite eine Naturanschauung hatte, wie sie eben da war, und daß man auf der anderen Seite noch von einem Göttlichen sprach. Aber er nahm auch das Leben innerhalb dieser Naturordnung, an die man doch glaubte, ernst. Und er sah, daß sich eigentlich das Leben des modernen Menschen so entwickelt hat, daß es ihm ganz natürlich geworden war, eine solche Naturordnung anzunehmen. Die Natur hatte ja den modernen Menschen gar nicht dazu gezwungen, diese Ordnung anzunehmen, sondern das Leben war so geworden, daß es nur eine solche Naturanschauung ertrug. Die Naturanschauung kam eigentlich aus dem Leben. Und dieses Leben empfand Nietzsche eben durch und durch unredlich. Und er strebte nach Redlichkeit.

[ 14 ] And so, as a student of Schopenhauer, Nietzsche rejected everything divine, viewing it as a form of dishonesty to possess modern knowledge and yet still speak of the divine. In this regard, his inner life was extraordinarily interesting, precisely because it strove for such intense integrity. He perceived it as a cultural lie of the 19th century that, on the one hand, people held a view of nature as it actually was, while on the other hand they still spoke of the divine. But he also took life within this natural order—in which people still believed—seriously. And he saw that the life of modern man had, in fact, developed in such a way that it had become entirely natural for him to accept such a natural order. Nature had not, after all, forced modern man to accept this order; rather, life had become such that it could tolerate only this view of nature. The view of nature actually arose from life itself. And Nietzsche found this very life to be thoroughly dishonest. And he strove for honesty.

[ 15 ] Er mußte sich sagen: Wenn wir in einer solchen Ordnung leben, wie es die moderne Menschheit als die wahre anerkennt, dann können wir nimmermehr uns innerhalb dieser Wahrheit als Menschen fühlen. — Das war eigentlich die Grundempfindung in der ersten Periode seines Lebens: Wie kann ich mich als Mensch fühlen, wenn ich doch von dieser Naturordnung, wie man sie jetzt anschaut, umgeben bin? Das, was Wahrheit ist, läßt mich nicht zu meinem Bewußtsein als Mensch kommen! — So fühlte und empfand wiederum Nietzsche, deshalb sagte er sich in dieser ersten Lebensperiode: Kann man also nicht in der Wahrheit leben, so muß man im Schein leben, in der Dichtung, in der Kunst.

[ 15 ] He had to tell himself: If we live in a social order such as modern humanity recognizes as the true one, then we can never feel like human beings within this truth. — That was, in fact, the fundamental feeling during the first period of his life: How can I feel like a human being when I am surrounded by this natural order, as it is now viewed? That which is truth prevents me from attaining my consciousness as a human being! — This is how Nietzsche felt and perceived things; that is why he told himself during this first period of his life: If one cannot live in truth, then one must live in illusion, in poetry, in art.

[ 16 ] Und als er seinen Blick auf das Griechentum wendete, glaubte er in den Griechen eben dasjenige Volk erkannt zu haben, das aus einer gewissen Naivität heraus zu dieser Unzufriedenheit mit der Wahrheit gekommen wäre, und das sich deshalb getröstet hätte mit dem Schein, mit dem Schönen. Das drückte er ja aus in seiner ersten, so hymnisch schön geschriebenen Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Er wollte etwa sagen: Mensch, wenn du in dem Bereiche der Wahrheit bist, kannst du nimmermehr als Mensch dich empfinden. Also flieh aus dem Gebiete der Wahrheit in dasjenige Gebiet, wo du dir eine Welt dichtest, die nicht der Wahrheit entspricht. In dieser Welt der Dichtung wirst du getröstet sein über das, was dir die Wahrheit nimmermehr geben kann.

[ 16 ] And when he turned his gaze to Greek culture, he believed he had recognized in the Greeks precisely the people who, out of a certain naivety, would have arrived at this dissatisfaction with truth, and who would therefore have consoled themselves with appearance, with beauty. He expressed this in his first work, *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*, written in such a beautifully hymnal style. He meant to say, in essence: Man, if you are in the realm of truth, you can never feel yourself to be human. So flee from the realm of truth into that realm where you create for yourself a world that does not correspond to truth. In this world of fiction, you will find solace for what truth can never give you.

[ 17 ] Die Griechen, so meinte er, hätten als die echten naiven Pessimisten gefühlt, daß man innerhalb der Welt der Wahrheit nicht befriedigt sein könne. Deshalb schufen sie vor allen Dingen ihre wunderbaren Tragödien, eine Welt des schönen Scheins, um in dieser Welt dasjenige zu haben, was den Menschen befriedigen kann.

[ 17 ] The Greeks, he believed, as true, naive pessimists, felt that one could not find satisfaction within the world of truth. That is why, above all else, they created their marvelous tragedies—a world of beautiful appearances—so that within this world they might have that which can satisfy human beings.

[ 18 ] In Richard Wagners musikalischem Drama glaubte Nietzsche eine Wiedererneuerung dieses schönen Scheins zu sehen, mit dem ausdrücklichen Ziele, hinwegzuführen über die sogenannte wirkliche Welt in die Welt des Scheines, um als Mensch zur Befriedigung zu kommen. Es gab also für Nietzsche gar nicht die Möglichkeit, sich zu sagen: Nehmen wir die Sinneswelt, vertiefen wir die Betrachtung über die Sinneswelt, dringen wir von der äußeren Offenbarung zu dem innerlich Göttlichen vor, so fühlen wir uns als Mensch mit diesem Göttlichen verbunden und kommen dazu, uns als Mensch in der Welt wirklich zu fühlen.

[ 18 ] In Richard Wagner’s musical drama, Nietzsche believed he saw a renewal of this beautiful illusion, with the express aim of leading one away from the so-called real world into the world of illusion, in order to find fulfillment as a human being. For Nietzsche, therefore, there was no possibility of saying to himself: Let us take the sensory world, let us delve deeper into our contemplation of the sensory world, let us penetrate from the outer manifestation to the inner divine; in this way, we will feel connected to this divine as human beings and come to truly feel at home in the world as human beings.

[ 19 ] Diese Erwägung konnte es für Nietzsche nicht geben. Er sah keine Möglichkeit — weil er eben redlich sein wollte —, aus dem nur, was das 19. Jahrhundert war, zu einer solchen Erwägung zu kommen. Deshalb die andere: Diese ganze Wirklichkeit gibt uns keine Befriedigung, also befriedigen wir uns an einer unwirklichen Welt. Etwa so, wie wenn es irgendwo Wesen gäbe, die auf einen Planeten kämen, wo sie nur Leichname fänden, und diesen Leichnamen gegenüber nicht Reste des Wirklichen, sondern wahre Wirklichkeit sehen müßten, weil sie die Seelen, die diese Leichname einmal durchschwebt haben, nicht schauen, und wie wenn diese Wesen, die also einen Planeten mit Leichnamen träfen, zu diesen Leichnamen, um sich über sie hinwegzutrösten, hinzudichteten Wesen, welche diese Leichname beseelen. Das war Nietzsches erste Weltempfindung.

[ 19 ] For Nietzsche, this line of reasoning could not exist. He saw no possibility—precisely because he wanted to be honest—of arriving at such a conclusion based solely on what the 19th century was. Hence the alternative: This entire reality gives us no satisfaction, so we find satisfaction in an unreal world. It is somewhat like if there were beings somewhere who arrived on a planet where they found only corpses, and who, faced with these corpses, had to see not remnants of the real but true reality—because they do not see the souls that once floated through these corpses, and as if these beings, having thus encountered a planet filled with corpses, were to invent beings that animate these corpses in order to console themselves over them. That was Nietzsche’s first perception of the world.

[ 20 ] Und im Grunde genommen waren die auf die «Geburt der Tragödie» folgenden Schriften: «David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller», «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», «Schopenhauer als Erzieher», «Richard Wagner in Bayreuth», Auseinandersetzungen seiner Redlichkeit mit der Unredlichkeit der Zeit. Diese Zeit sprach, trotzdem sie gar keinen Weg hatte aus der Sinnlichkeit in den Geist, sie sprach noch von Geist; diese Zeit sprach vom Göttlichen, trotzdem sie im Grunde genommen nirgends in ihre Erkenntnis ein Göttliches aufnehmen konnte. Diese Zeit sprach etwa so: Früher haben die Menschen sich dem Wahne eines Göttlichen hingegeben, doch wir wissen aus der Naturbetrachtung, daß es ein Göttliches nicht gibt, aber wir haben ja dafür unsere Konzerte, in denen wir Musik machen. — Es ist ja ein Kapitel in David Friedrich Straußens « Der alte und der neue Glaube», das Nietzsche besonders geärgert hat, wo eben David Friedrich Strauß diesen Philisterstandpunkt geltend macht. Deshalb hat Nietzsche gegen einen verhältnismäßig ausgezeichneten Mann wie David Friedrich Strauß diese Schrift über Strauß als Philister und Schriftsteller verfaßt, um eben zu zeigen, wie man entweder unredlich ist, indem man noch ein Göttliches annimmt, das man nicht mehr annehmen dürfte, oder aber ins Banal-Philiströse verfallen muß, wie er es eben bei David Friedrich Strauß sah.

[ 20 ] And essentially, the writings that followed *The Birth of Tragedy* were: “David Strauss, the Confessor and the Writer,” “On the Use and Abuse of History for Life,” “Schopenhauer as Educator,” “Richard Wagner in Bayreuth”—confrontations between his integrity and the dishonesty of the age. This age spoke of the spirit, even though it had no path whatsoever from sensuality to the spirit; this age spoke of the divine, even though, fundamentally speaking, it could incorporate nothing divine into its understanding. This age spoke something like this: In the past, people gave themselves over to the delusion of the divine, yet we know from the study of nature that there is no such thing as the divine—but we do have our concerts, after all, in which we make music. — There is, in fact, a chapter in David Friedrich Strauss’s *The Old and the New Faith* that particularly annoyed Nietzsche, in which David Friedrich Strauss himself asserts this philistine standpoint. That is why Nietzsche wrote this essay on Strauss as a philistine and writer—directed against a relatively outstanding man like David Friedrich Strauss—precisely to show how one is either dishonest by still assuming the existence of a divine reality that one should no longer accept, or else must fall into the banal and philistine, as he saw in David Friedrich Strauss.

[ 21 ] Nun aber kam die zweite Periode in Nietzsches Leben. Treu blieb er sich mit Bezug auf die Forderung der Redlichkeit, treu blieb er sich mit Bezug auf seinen Atheismus. Aber in der ersten Periode nahm er, wenn auch ästhetisch gefärbte, so dennoch Ideale an, Ideale, die eine Berechtigung hätten, und mit denen sich die Menschen hinwegtrösten können über die Wirklichkeit der äußeren Sinne.

[ 21 ] But now came the second period in Nietzsche’s life. He remained true to himself with regard to the demand for honesty; he remained true to himself with regard to his atheism. But in the first period, he adopted ideals—albeit ones tinged with aesthetics—that were nonetheless legitimate, ideals with which people could console themselves against the reality of the external senses.

[ 22 ] Nun aber, möchte ich sagen, haftet in der zweiten Periode seines Lebens sein Geist stärker an dem, was eben nach der Zeitmeinung die Welt einzig und allein den Menschen offenbart. Und so sagte er sich: Wenn der Mensch auch noch so sehr Idealen sich hingibt, aber diese Ideale sind ja doch aus seiner Physis heraus geboren! Die Menschen gaukeln sich viel Schönes vor, aber dieses Ideal-Schöne ist doch nur ein Allzumenschliches.

[ 22 ] But now, I would say, in the second period of his life, his spirit clings more strongly to what, according to contemporary opinion, the world reveals to human beings and to them alone. And so he said to himself: No matter how much a person may devote himself to ideals, these ideals are, after all, born of his physical nature! People delude themselves with many beautiful things, but this ideal beauty is, after all, only all-too-human.

[ 23 ] Und so kam für ihn die Zeit, in der er besonders die menschliche Schwäche, das Allzumenschliche sah, die Hingabe des Menschen an seine Physis. Und da er die Naturanschauung ernst nahm, so sagte er sich: Der Mensch kann ja gar nicht anders, als sich an seine Physis hinzugeben! — Ein Ausspruch von Nietzsche ist einmal: Hoch die Physik, noch höher die Redlichkeit im Glauben an die Physik. Seien wir doch redlich — sagte er sich in der zweiten Periode seines Lebens —, seien wir uns klar: Wenn der Mensch einen noch so schönen idealistischen Gedanken hat, so ist dieser doch eine Ausdünstung seiner physischen Natur. Gehen wir daher an das Menschenleben heran, schildern wir nicht den Rauch, den es oben macht, sondern schildern wir unten die Brennstoffe, aus denen dieser Rauch sich bildet: dann kommen wir nicht an das Idealistisch-Göttliche, dann kommen wir an das Menschlich-Allzumenschliche.

[ 23 ] And so the time came for him when he saw, in particular, human weakness—the all-too-human—and man’s devotion to his physical nature. And since he took the view of nature seriously, he said to himself: Man simply cannot help but devote himself to his physical nature! — Nietzsche once said: “Long live physics; even longer live integrity in the belief in physics.” “Let us be honest,” he told himself during the second period of his life, “let us be clear: no matter how beautiful a person’s idealistic thought may be, it is still an emanation of their physical nature.” Let us therefore approach human life; let us not describe the smoke it produces at the top, but rather describe, at the bottom, the fuels from which this smoke is formed: then we will not arrive at the idealistic-divine, but rather at the human—all-too-human.

[ 24 ] Und so tötete in der zweiten Periode seines Lebens Nietzsche geradezu, weil er redlich sein wollte gegen sich und andere, alles Idealistische im Leben. So sagte er sich: Was die Leute gewöhnlich Seele nennen, ist eigentlich nur eine Lüge. Dem liegt zugrunde die Einrichtung des Leibes, und etwas, was aus dieser Einrichtung des Leibes kommt, offenbart sich eben so, daß man ihm den Namen Seele gibt.

[ 24 ] And so, during the second period of his life, Nietzsche—precisely because he wanted to be honest with himself and others—effectively destroyed everything idealistic in life. He told himself: What people usually call the soul is actually nothing but a lie. Underlying this is the constitution of the body, and something that arises from this constitution of the body reveals itself in such a way that we give it the name “soul.”

[ 25 ] Und Nietzsche sah in diesem Hinneigen einzelner moderner Menschen zum Beispiel zu Voltaire, die wahre Aufklärung, jene wahre Aufklärung, die darin besteht, daß der Mensch nicht mehr sich auf irgendeine Scheinwelt einläßt, um sich über die Wirklichkeit hinwegzuheben, sondern daß er geradezu die Wirklichkeit in ihrer physischen Natur betrachtet und aus dem Physischen alles Moralische hervorgehen sieht.

[ 25 ] And Nietzsche saw in this inclination of certain modern individuals—toward Voltaire, for example—the true Enlightenment, that true Enlightenment which consists in man no longer engaging with some illusory world in order to rise above reality, but rather in his viewing reality directly in its physical nature and seeing everything moral emerge from the physical.

[ 26 ] Und wenn man dann auf die dritte Periode in Nietzsches Leben sieht, dann muß es einem eben auffallen, wie er, man möchte sagen, schon aus einer hochpathologischen Natur heraus diese Redlichkeit bis zum Exzeß trieb, wie er sagte: Nimmt man ernst und redlich, das, was man über die Natur und die Naturgesetze im modernen Sinne wissen kann, dann muß man sagen: Alles, was da als Geist in des Menschen Wesenheit leben soll, das ist eben die Ausdünstung seines physischen Wesens. Daher kann derjenige Mensch nur der Vollkommene sein, der das physische Wesen im Vergleiche zu anderem als das Vollkommenste zeigt; das heißt, der, welcher eine solche physische Natur hat, daß in ihm die stärksten Instinkte leben.

[ 26 ] And when one then looks at the third period of Nietzsche’s life, one cannot help but notice how he—one might say—driven by a highly pathological nature, pushed this integrity to the point of excess, as he said: If one takes seriously and honestly what one can know about nature and the laws of nature in the modern sense, then one must say: Everything that is supposed to live as spirit within the human being is simply the emanation of his physical being. Therefore, the only person who can be perfect is the one whose physical nature stands out as the most perfect in comparison to others; that is, the one whose physical nature is such that the strongest instincts live within him.

[ 27 ] Das instinktive Leben gegenüber allem seelisch-geistigen Leben sah Nietzsche zuletzt als dasjenige an, was in der Entwickelung den Menschen über sich selbst hinausführt, indem die Instinkte immer stärker und stärker werden, Instinkte bleiben, aber immer mehr und mehr über das Tier hinauswachsen: da geht der Mensch in den Übermenschen über.

[ 27 ] Nietzsche ultimately viewed instinctive life, as opposed to all mental and spiritual life, as that which, in the course of evolution, leads human beings beyond themselves, as instincts grow ever stronger; they remain instincts, but increasingly transcend the animal realm: thus, human beings are transformed into the Übermensch.

[ 28 ] Was war es denn eigentlich, was Nietzsche in dieser Weise vorwärtsgetrieben hat, daß er zunächst das Idealische im Scheine als für den Menschen notwendig anerkannte, daß er dann dieses Idealische, wie er sich ausdrückte, aufs Eis führt, weil er sah, wie es aus dem Physischen entspringt, und daß er dann den Menschen zum Übermenschen leiten wollte aus einer höheren Entwickelung seiner Physis, seines instinktiven Lebens?Es war dieUnmöglichkeit, wenn man innerhalb der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts stand, das Physische im Sinne dieser Weltanschauung zu fassen, und dann noch aus ihm herauszukommen, wenn man redlich bleiben wollte. Man mußte eben drinnenbleiben.

[ 28 ] What was it, then, that actually drove Nietzsche forward in this way—so that he first recognized the ideal as seemingly necessary for humanity, then, as he put it, “put this ideal on ice” because he saw how it springs from the physical, and finally sought to lead humanity toward the Übermensch through a higher development of its physical nature and instinctive life? It was the impossibility, when one stood within the worldview of the 19th century, of grasping the physical in the sense of that worldview and then still breaking free from it if one wished to remain honest. One simply had to stay within it.

[ 29 ] Und Nietzsche entwickelte, wenn man so sagen darf, eine eiserne Redlichkeit, sich nun mit allem, was er hatte, ins Physische hineinzustellen. So daß in der Tat eigentlich sein Zukunftsideal, wenn man da noch von Ideal sprechen darf, für die menschliche Zivilisation darinnen bestanden haben müßte, daß der Mensch sich aufgeklärt hätte über die große Illusion, einen Geist zu haben. Daß man diese Untergründe bei Nietzsche, der aber selbst so ehrlich als möglich sich herausgearbeitet hat, gewöhnlich nicht sieht, davon ist nur das der Grund, daß er mit so viel Geist den Geist in Abrede gestellt hat, daß er in einer so glänzenden, brillanten, geistreichen Weise die geistige Armut der Menschheit verherrlicht hat.

[ 29 ] And Nietzsche developed, if one may put it that way, an iron integrity that led him to throw himself, with everything he had, into the physical realm. So that, in fact, his ideal for the future—if one may still speak of an “ideal” here—for human civilization must have consisted in humanity becoming enlightened about the great illusion of possessing a spirit. The reason these underlying themes are usually not seen in Nietzsche—who, however, worked his way out of them as honestly as possible—is simply that he denied the spirit with such great spirit, that he glorified humanity’s spiritual poverty in such a dazzling, brilliant, and witty manner.

[ 30 ] Es wird eben unmöglich, Moralphilosoph zu sein, wie es Nietzsche durch seine ganze Anlage geworden war innerhalb der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts, wenn man diese redlich nehmen will. Denn wenn man nicht mehr in der Lage ist, davon zu sprechen, daß es des Menschen Aufgabe auf der Erde ist, ein Geistig-Überirdisches in diese Erdenwelt hereinzutragen, wenn man sich genötigt glaubt, innerhalb der bloßen Erdenwelt stehenzubleiben, dann will man, wenn man Moral errichten will, sie ohne Berechtigung errichten. Die Moral wird vogelfrei, wenn man die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts in voller Redlichkeit hinnimmt. Und das hat Nietzsche wirklich tief innerlich erlebt, daß die Moral vogelfrei wurde. Moralphilosoph wollte er sein. Allein, woher die Moralimpulse nehmen? Das war für ihn die große Frage. Findet man im Menschen die Leuchtkraft eines Übersinnlichen, dann tritt die Moral auf als Forderung dieses Übersinnlichen an das Sinnliche, dann ist die Moral möglich. Findet man im Menschen kein Übersinnliches, wie das bei der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts der Fall war, dann gibt es nirgends eine Quelle, aus der man die Moralimpulse holen könnte. Will man gut und böse unterscheiden, dann braucht man das Übersinnliche. Aber das Übersinnliche mußte für Nietzsche, der die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts redlich nahm, abgewiesen werden. Und so tastete er sich im Menschenleben herum, um nun doch [so] etwas wie den Ursprung der Moralimpulse zu finden.

[ 30 ] It simply becomes impossible to be a moral philosopher—as Nietzsche had become by his very nature within the worldview of the 19th century—if one is to take that worldview seriously. For if one is no longer able to speak of it as humanity’s task on earth to bring something spiritual and otherworldly into this earthly world—if one feels compelled to remain within the mere earthly world—then, if one wishes to establish morality, one does so without justification. Morality becomes outlawed if one accepts the 19th-century worldview in all sincerity. And Nietzsche truly experienced this deep within himself—that morality had become outlawed. He wanted to be a moral philosopher. But where to draw the impulses for morality? That was the great question for him. If one finds within human beings the radiance of a supernatural realm, then morality emerges as a demand of this supernatural realm upon the sensible world; then morality is possible. If one finds no supernatural realm within human beings—as was the case with the 19th-century worldview—then there is nowhere to draw the impulses for morality from. If one wishes to distinguish between good and evil, one needs the supernatural. But for Nietzsche, who took the 19th-century worldview seriously, the supernatural had to be rejected. And so he groped his way through human life in order to find, after all, something like the origin of moral impulses.

[ 31 ] So sah er auf die Kulturentwickelung der Menschheit hin, fand, wie starke Rassemenschen als Eroberer gegenüber schwächeren Menschen auftraten, wie diese stärkeren Rassemenschen den schwächeren die Richtung ihres Handelns aufdrängten, wie sie aus ihrer instinktiven Natur heraus von jenen, denen gegenüber sie als Eroberer aufgetreten waren, forderten: So und so sollt ihr tun! — An irgendwelchen kategorischen Imperativ, an Moralgebote konnte Nietzsche ja nicht glauben. Er konnte nur glauben an die instinktiven Rassemenschen, die sich selber als die guten ansahen, die anderen als die schlechten, das heißt als die minderwertigen Menschen, denen sie die Richtung des Handelns aufdrängten.

[ 31 ] Thus, looking at the cultural development of humanity, he observed how members of the stronger race acted as conquerors toward weaker people, how these stronger members of the race imposed their course of action on the weaker ones, and how, driven by their instinctive nature, they demanded of those they had confronted as conquerors: “You must do this and that!” — After all, Nietzsche could not believe in any categorical imperative or moral precepts. He could only believe in the instinctive members of the master race, who regarded themselves as the good ones and the others as the bad ones—that is, as inferior human beings upon whom they imposed the direction of their actions.

[ 32 ] Und dann kam es einmal dazu, daß diejenigen, welche die Minderwertigen waren nach der Ansicht der Eroberer, sich gewissermaßen zusammentaten und nun ihrerseits, jetzt nicht mit den brutaleren älteren Mitteln, aber mit den feineren Mitteln des Seelisch-Geistigen, mit List und Schlauheit, sich zu Eroberern über die anderen machten. Und diejenigen, die sich erst als die Mehrwertigen, als die Guten bezeichneten, nannten sie die Schlechten, weil sie Eroberer waren, Machtmenschen, Kraftmenschen, militaristische Menschen waren; sie nannten sie die Bösen. Und sich selber, die früher die Minderwertigen, die Schlechten genannt worden waren, nannten sie die Guten. Arm sein, beschränkt sein, bedrückt sein, schwach sein, überwunden werden und dennoch sich halten in der Schwachheit, im Überwundenwerden, das ist das Gute, Und Eroberer sein, den anderen überwinden, das ist das Böse.

[ 32 ] And then it came to pass that those whom the conquerors regarded as inferior joined forces, so to speak, and—now not with the more brutal methods of the past, but with the more subtle means of the soul and spirit, through cunning and cleverness—became conquerors over the others. And those who had previously designated themselves as the superior ones, as the good ones, called them the bad ones, because they were conquerors, power-hungry people, strong-willed people, militaristic people; they called them the evil ones. And they called themselves—who had previously been called the inferior ones, the bad ones—the good ones. To be poor, to be limited, to be oppressed, to be weak, to be overcome, and yet to hold fast in that weakness and in that being overcome—that is the good. And to be a conqueror, to overcome others—that is the evil.

[ 33 ] So entstand Gut und Böse aus Gut und Schlecht. Aber Gut und Schlecht hatten noch nicht den späteren moralischen Beigeschmack, sondern bloß den Beigeschmack von Erobernden, Machtmäßigen, Adelsmenschen gegenüber dem Heer der Sklavenmenschen, welche die Minderwertigen, die Schlechten waren. Und was da später zwischen Guten und Bösen unterschieden wurde, das kam nur von dem Sklavenaufstand der vorher Schlechten, Minderwertigen, die jetzt die anderen Verbrecher und Böse nannten, aus Rache für dasjenige, was ihnen widerfahren war. So erschien Nietzsche die in die Begriffe «gut» und «böse» gekleidete spätere Moral als die Rache, welche die Unterdrückten an den Unterdrückern genommen haben. Abereine innere Begründung des Moralischen fand er nirgends. Er konnte sich nur jenseits von Gut und Böse stellen, nicht in das Gute und Böse hinein. Denn um eine innere Begründung von Gut und Böse zu finden, hätte er ja zum Übersinnlichen greifen müssen. Das aber war ihm ein Wahn, war ihm bloß der Ausdruck der schwachen Menschennatur, die sich nicht gestehen wollte, daß in der Physis ihre wahre Wesenheit erschöpft ist.

[ 33 ] Thus, Good and Evil arose from Good and Bad. But Good and Bad did not yet carry the moral connotations they would later acquire; rather, they merely reflected the distinction between conquerors, the powerful, and the nobility on one side, and the army of slaves—who were the inferior ones, the “bad” ones—on the other. And what was later distinguished between the good and the evil stemmed solely from the slave revolt of those who had previously been the “bad” and the “inferior”—who now called the others “criminals” and “evil”—out of revenge for what had befallen them. Thus, to Nietzsche, the later morality clothed in the concepts of “good” and “evil” appeared as the revenge that the oppressed took on the oppressors. But he found no inner justification for morality anywhere. He could only position himself beyond good and evil, not within good and evil. For to find an inner justification for good and evil, he would have had to resort to the supernatural. But to him, that was a delusion, merely the expression of weak human nature, which refused to admit that its true essence is exhausted in the physical world.

[ 34 ] Wenn man Nietzsche charakterisieren will, möchte man eben sagen: Eigentlich hätten alle denkenden Menschen seiner Zeit so sprechen müssen wie er, wenn sie so redlich gewesen wären wie er. Und er machte sich das zum Ziel, ganz redlich zu sein. Deshalb wurde er ein Kämpfer gegen seine Zeit, und deshalb seine scharfen geistigen Waffen, deshalb sein Bestreben nach einer Umwertung aller Werte. Die Werte, unter denen er lebte, sah er ja von der Unredlichkeit gemacht. Jahrhunderte hatten schon daran gearbeitet, die modernen naturwissenschaftlichen Begriffe heraufzubringen, und sie auch in alle Historie eingeführt. Aber dieselben Jahrhunderte hatten noch dasjenige, was damit nicht mehr vereinbar war, in den menschlichen Seelen gelassen: die göttlichen und moralischen Vorstellungen. Da waren Werte herausgekommen, dienun umzuwerten sind.

[ 34 ] If one were to characterize Nietzsche, one would simply say: Actually, all thinking people of his time should have spoken as he did, had they been as honest as he was. And he made it his goal to be completely honest. That is why he became a fighter against his time, and that is why he wielded such sharp intellectual weapons, and why he strove for a revaluation of all values. He saw the values under which he lived as having been shaped by insincerity. Centuries had already been at work bringing forth modern scientific concepts and introducing them into all of history. But those same centuries had left behind in the human soul that which was no longer compatible with them: divine and moral concepts. From these had emerged values that must now be reevaluated.

[ 35 ] Es ist eine ungeheure Tragik, dieses Nietzsche-Leben. Und ich glaube nicht, daß jemand wirklich das Wesen der menschlichen Zivilisation im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und wie sie noch nachgewirkt hat im 2o. Jahrhundert, in der richtigen Weise erfaßt, der nicht einmal hineingesehen hat in eine solche Tragik, wie sie sich in einer diese Zivilisation miterlebenden Seele, wie in Nietzsche, abgespielt hat. Es ist wirklich so, daß wir allen Zusammenbruch, den wir jetzt erleben, als eine Folge anzusehen haben dessen, was Nietzsche die Unredlichkeit der neueren Zivilisation nennt. Man möchte sagen, daß Nietzsche deshalb ein Kämpfer gegen seine Zeit wurde, weil er sich empfindungsgemäß sagen mußte: Wenn diese Unredlichkeit fortdauert, dann kann nur der zerstörerische Kampf einschlagen in die Völker, welche dieser modernen Zivilisation angehören. Und diese Tragik im Nietzsche-Leben, sie ergab sich eben daraus, daß Nietzsche die Grundlagen der Moral finden wollte, aber mit der Bildung seiner Zeit sie nicht finden konnte. Es ergab sich ihm nirgends eine Quelle, aus der er die moralischen Impulse schöpfen konnte. Und so tastete er sich durch und verwundete sich überall bei dem Durchtasten die Finger. Und aus dem Schmerze heraus schilderte er seine Zeit, so wie er sie eben geschildert hat.

[ 35 ] Nietzsche’s life is an immense tragedy. And I do not believe that anyone can truly grasp the essence of human civilization in the last third of the 19th century—and how it continued to exert its influence into the 20th century—without having even glimpsed the kind of tragedy that unfolded in a soul that lived through this civilization, such as Nietzsche’s. It is truly the case that we must regard all the collapse we are now experiencing as a consequence of what Nietzsche calls the dishonesty of modern civilization. One might say that Nietzsche became a fighter against his time precisely because, driven by his intuition, he had to conclude: If this dishonesty persists, then only a destructive struggle can take hold among the peoples who belong to this modern civilization. And this tragedy in Nietzsche’s life arose precisely from the fact that Nietzsche wanted to find the foundations of morality but could not find them within the intellectual climate of his time. Nowhere did he find a source from which he could draw moral inspiration. And so he groped his way forward, cutting his fingers everywhere as he felt his way. And out of that pain, he described his era exactly as he has just described it.

[ 36 ] Was suchte er? Er suchte etwas, was sich überhaupt nur im Übersinnlichen finden läßt, was sich im Bereiche des Sinnlichen nicht finden läßt. Das suchte er. Denn, denken Sie sich noch so schöne, große, hehre Moralprinzipien aus: eine Maschine können Sie damit nicht heizen, ein Rad können Sie damit nicht drehen, den elektrischen Apparat können Sie damit nicht in Bewegung setzen. Aber wenn man in seinem Erkennen nur dasjenige anwendet, was die Maschine in Bewegung setzt, den elektrischen Apparat in Bewegung setzt, das Rad dreht, wenn man nur das in seine Erkenntnis einführt, dann kann man niemals verstehen, wie das, was im Menschen als moralischer Impuls lebt, nun in den eigenen menschlichen Organismus hineingreifen soll. Man kann sich die hehrsten Ideale ausdenken: Rauch und Nebel können sie nur sein, denn es gibt ja keine Möglichkeit, daß sie irgendwo eingreifen in einen Muskel, in irgendeine Geschicklichkeit oder dergleichen. Es gibt nirgends etwas in der Sinneswelt, wo man sieht, daß moralische Ideale in das Organische eingreifen. Denke dir die schönsten moralischen Ideale aus — konnte sich Nietzsche nur sagen —, wenn du sie in deinem Kopfe hegst, so bist du deinem eigenen Organismus gegenüber wie der Maschine gegenüber.Der Maschine gegenüber kannst du Plakate machen, daraufschreiben «Moralische Ideale»: siewirdnichtdamitgeheizt, siedrehtsich nicht. Aber sollst du dich drehen, wenn du so bist, wie es dir die Naturwissenschaft sagt, sollst du dich darnach drehen, wie deine moralischen Ideale sind? Du kannst sie ausdenken, sie mögen sehr schön sein, aber eingreifen in das Weltengetriebe können sie nirgends! Daher sind sie gegenüber der Wirklichkeit eine Lüge. Nicht derjenige Mensch, der sich Idealen hingibt, ist der wirksame, sondern derjenige, der seine Maschine heizt, so daß die Instinkte mächtig werden: «die blonde Bestie», wie es Nietzsche paradigmatisch ausdrückt.

[ 36 ] What was he looking for? He was looking for something that can only be found in the supersensible realm, something that cannot be found in the realm of the sensible. That is what he was seeking. For, no matter how beautiful, grand, or noble the moral principles you might conceive of, you cannot use them to heat a machine, turn a wheel, or set an electrical device in motion. But if, in one’s understanding, one applies only that which sets the machine in motion, sets the electrical device in motion, turns the wheel—if one incorporates only that into one’s understanding—then one can never understand how that which lives within the human being as a moral impulse is supposed to take hold within one’s own human organism. One can conceive of the loftiest ideals: they can be nothing but smoke and fog, for there is no way they could take effect anywhere—in a muscle, in any dexterity, or the like. There is nothing in the sensory world where one can see moral ideals taking effect in the organic realm. Imagine the most beautiful moral ideals—Nietzsche could only say to himself—if you cherish them in your mind, you are to your own organism as you are to a machine. You can make posters for the machine, writing “Moral Ideals” on them: it won’t be fueled by them; it won’t turn. But should you turn, if you are as natural science tells you, should you turn according to what your moral ideals are? You can conceive of them; they may be very beautiful, but they cannot intervene in the workings of the world anywhere! Therefore, they are a lie in the face of reality. It is not the person who devotes himself to ideals who is effective, but the one who fuels his machine so that the instincts become powerful: “the blond beast,” as Nietzsche puts it paradigmatically.

[ 37 ] Und so stand Nietzsche mit seinen Problemen vor dem Menschen, der ihm nur moralisch hätte sein können, wenn die moralischen Impulse in ihm einen Angriffspunkt gefunden hätten. Den fanden sie nicht. Daher kein Gutes und Böses, sondern «Jenseits von Gut und Böse».

[ 37 ] And so Nietzsche, with his problems, stood before the human being, who could only have been moral to him if the moral impulses within him had found a point of entry. They did not. Hence, not good and evil, but “Beyond Good and Evil.”

[ 38 ] Aber nun bedenken Sie: Diese ganze moderne Welterkenntnis, wir haben sie immer dadurch charakterisieren müssen, daß wir sagten, sie komme an den Menschen nicht heran, sie kann keine Anschauung, keine Vorstellung vom Menschen gewinnen. Man hat also den Menschen nicht, wenn man im Sinne der modernen Weltanschauung erlebt in seiner Seele. Dennoch tendierte in Nietzsche alles nach dem Menschen hin. Nach etwas, was er nicht haben konnte, tendierte alles hin! Und nun wollte er noch ganz im Sinne des modernen Entwickelungsgedankens den Menschen in den Übermenschen überführen, nur hatte er den Menschen nicht. Wie sollte denn an dem, was man gar nicht hatte, gezeigt werden, wie es in den Übermenschen übergeht! Der Mensch war ja nicht da für die Anschauung, für die Empfindung, für das Gefühl, für die Willensimpulse. Nun erst der Übermensch! Es war ja so, als ob man nur aus alter Gewohnheit zu sprechen, diese Worte geformt hätte: Mensch und Übermensch — und nun erstickte, weil diese Worte keinen Inhalt haben, so wie wenn man in einem luftleeren Raum erstickt.

[ 38 ] But now consider this: We have always had to characterize this entire modern understanding of the world by saying that it does not reach human beings; it cannot gain any insight into or conception of the human being. Thus, one does not have the human being when one experiences him in one’s soul in the sense of the modern worldview. Nevertheless, in Nietzsche everything tended toward the human being. Everything tended toward something he could not possess! And now, entirely in keeping with the modern concept of evolution, he wanted to transform the human being into the Übermensch—only he did not have the human being. How, then, could one demonstrate, using something one did not even possess, how it transitions into the Übermensch! Man was not there for perception, for sensation, for feeling, for the impulses of the will. Only now was the Übermensch! It was as if, speaking merely out of old habit, one had formed these words: “man” and “Übermensch”—and now one was suffocating, because these words have no content, just as one suffocates in a vacuum.

[ 39 ] Nietzsche stand vor der Notwendigkeit, in die übersinnliche Welt einzutreten mit den moralischen Problemen, und konnte nicht eintreten. Das war seine innere Tragik. Und damit ist er zugleich die repräsentative Seele vom Ende des 19. Jahrhunderts, jene repräsentative Seele, welche auf die Notwendigkeit hinweist: Wenn ihr redlich bleiben wollt als Menschen, müßt ihr, um die Ideale der Moral nicht zur Lüge zu erklären, in die übersinnliche Welt eintreten.

[ 39 ] Nietzsche was faced with the necessity of entering the supernatural world with his moral problems, and was unable to do so. That was his inner tragedy. And in this, he is at the same time the representative soul of the late 19th century—that representative soul which points to the necessity: If you wish to remain true to yourselves as human beings, you must enter the supernatural world so as not to declare the ideals of morality to be a lie.

[ 40 ] Nietzsche wird wahnsinnig, weil er unmittelbar vor der Notwendigkeit steht, in die übersinnliche Welt einzutreten, und nicht eintreten kann. Viele andere Menschen werden nicht wahnsinnig; aber ich will die Gründe nicht auseinandersetzen, warum sie es nicht werden, denn man muß ja selbst bei der Schilderung von Zivilisationseigentümlichkeiten gewisse Grenzen der Höflichkeit einhalten. Aber aus Nietzsches Leben geht eines hervor: Ehrlich, redlich kann der moderne Mensch gegen sich und andere nur sein, wenn er in die übersinnliche Welt eintritt. Das heißt mit anderen Worten: Ehrlichkeit und Redlichkeit gibt es in einer nichtübersinnlichen Weltanschauung nicht. Auch den Weg vom Menschen zum Übermenschen findet man nicht, wenn man nicht den anderen gehen kann vom Sinnlichen ins Übersinnliche. Und gehört die Moral in einem gewissen Sinne dem Übermenschen an, dann fordert sie, daß dieser Übermensch nicht im Sinnlichen, sondern im Übersinnlichen gesucht werde, sonst ist esein bloßes Wort, das Wort «Übermensch », das hinausgerufen wird, dem aber nichts entgegentönt aus der Welt.

[ 40 ] Nietzsche goes mad because he is faced with the immediate necessity of entering the supernatural world and is unable to do so. Many other people do not go mad; but I do not wish to go into the reasons why they do not, for even when describing the peculiarities of civilization, one must observe certain bounds of politeness. But one thing emerges from Nietzsche’s life: Modern man can be honest and upright toward himself and others only if he enters the supersensible world. In other words: Honesty and uprightness do not exist in a non-supersensible worldview. Nor can one find the path from man to the Übermensch unless one can take the other path—from the sensible to the supersensible. And if morality belongs, in a certain sense, to the Übermensch, then it demands that this Übermensch be sought not in the sensible but in the supersensible; otherwise, it is merely a word—the word “Übermensch”—that is cried out, but to which nothing echoes from the world.

[ 41 ] Morgen will ich das Thema von der anderen Seite betrachten, von der Seite, wie nun weiter ausgeführt werden muß dasjenige, was Nietzsche angetroffen hat, damit die Moralwerte in der richtigen Weise im Menschenleben verstanden werden und in Einklang gebracht werden können mit der Erkenntnis unserer Zeit.

[ 41 ] Tomorrow I intend to examine the topic from the other side—namely, how what Nietzsche encountered must now be further developed so that moral values can be properly understood in human life and brought into harmony with the insights of our time.



[ 42 ] über das «Schneiderproblem» der Anthroposophischen Gesellschaft

[ 42 ] on the “Schneider problem” of the Anthroposophical Society

[ 43 ] Morgen will ich das’Thema von einer anderen Seite betrachten, von der Seite, wie nun weiter das ausgeführt werden muß, was Nietzsche angetroffen hat, damit die Moralität in der richtigen Weise im Menschenleben verstanden und in Einklang gebracht werden kann mit der Erkenntnis unserer Zeit. Solche Fragen müssen es ja sein, die sich gerade die Angehörigen der Anthroposophischen Gesellschaft stellen. Daß man Sinn und Verständnis habe für solche Fragen, das gehört zur Anthroposophischen Gesellschaft. Und die ist jetzt gerade dabei, zur Selbstbesinnung zu kommen.

[ 43 ] Tomorrow I intend to approach this topic from a different angle—namely, how we must now carry forward what Nietzsche discovered, so that morality can be properly understood in human life and brought into harmony with the insights of our time. These are precisely the kinds of questions that members of the Anthroposophical Society must ask themselves. Having a sense of and understanding for such questions is part of what it means to belong to the Anthroposophical Society. And the Society is now in the very process of coming to a deeper self-reflection.

[ 44 ] Ende Februar wird, ich will das noch anfügen, eine Versammlung von Delegierten in Stuttgart stattfinden — wenn die Verkehrsverhältnisse es dann noch gestatten —, in der zunächst beraten werden soll über das Schicksal der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft, damit dann auch im weiteren Umkreise die Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft besprochen werden können. Diese Dinge müssen heute sehr ernst genommen werden. Denn gerade bei meiner Anwesenheit in Stuttgart habe ich es so recht empfunden, wie von denjenigen, die etwas tun wollen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, vor allen Dingen bedacht werden muß, daß die Anthroposophie in den drei Stadien, die ich Ihnen ja auch hier vor kurzem geschildert habe, etwas geworden ist, was herausgewachsen ist über dasjenige, was die Anthroposophische Gesellschaft vielfach bleiben will.

[ 44 ] I would like to add that a meeting of delegates will take place in Stuttgart at the end of February—if travel conditions permit by then—at which the fate of the German Anthroposophical Society will first be discussed, so that the conditions for the Anthroposophical Society’s existence can then be addressed in a broader context. These matters must be taken very seriously today. For it was precisely during my stay in Stuttgart that I truly sensed how those who wish to take action within the Anthroposophical Society must, above all, bear in mind that Anthroposophy, in the three stages I recently described to you here, has become something that has outgrown what the Anthroposophical Society in many respects wishes to remain.

[ 45 ] Man hat in den ersten Stadien der anthroposophischen Gesellschaftsentwicklung sich keine Gedanken darüber gemacht, wie später unter dem Einfluß eines Goetheanum und anderer Dinge die Menschen in den weitesten Umkreisen Anteil nehmen werden an der Anthroposophie, im gegnerischen Sinne und im anhängerischen Sinne. Die Gesellschaft muß mitwachsen mit dem Wachsen der Anthroposophie. Und so ist das nächste Problem, das Ende Februar in Stuttgart die Geister der Anthroposophischen Gesellschaft beschäftigen soll — verzeihen Sie, meine lieben Freunde, wenn ich das in einer bildlichen Weise ausspreche —, das nächste Problem ist ein Schneiderproblem. Es ist nämlich das Problem, das dadurch aufgeworfen wird, daß die Anthroposophie heute etwas ist, dem gegenüber die Anthroposophische Gesellschaft Kleider darstellt, aus denen die Anthroposophie herausgewachsen ist. Die Ärmel des Rockes gehen nicht bis zu den Händen, nicht einmal bis zu den Ellbogen mehr, von den Beinkleidern gar nicht zu sprechen. Jetzt muß das Schneiderproblem wirklich mit Aufwendung allen Geistes gelöst werden: Wie macht man aus der Anthroposophischen Gesellschaft der Anthroposophie die richtigen Kleider? Das wird das große Problem sein für Stuttgart Ende Februar. Und darauf ist ja in einigem hingewiesen in dem Aufruf, welcher jetzt verschickt ist.

[ 45 ] In the early stages of the Anthroposophical Society’s development, no thought was given to how, later on—under the influence of the Goetheanum and other factors—people in the widest circles would come to engage with anthroposophy, both as opponents and as supporters. The Society must grow along with the growth of anthroposophy. And so the next problem—which is to occupy the minds of the Anthroposophical Society in Stuttgart at the end of February—forgive me, my dear friends, if I put this in figurative terms—the next problem is a tailor’s problem. It is, in fact, the problem raised by the fact that anthroposophy today is something for which the Anthroposophical Society represents garments that anthroposophy has outgrown. The sleeves of the jacket no longer reach the hands, not even the elbows, not to mention the trousers. Now this tailoring problem must truly be solved with the full engagement of the spirit: How can we make the right garments for anthroposophy out of the Anthroposophical Society? That will be the major challenge for Stuttgart at the end of February. And this is, after all, alluded to in part in the call that has now been sent out.

[ 46 ] Was mir eben stark entgegengetreten ist, das ist namentlich, daß nicht genügend vorhanden ist dasjenige, worauf ich am Ende meines letzten Vortrages hier vorige Woche hindeutete. Ich sagte: Gewiß, es kann nicht jeder einzelne im anthroposophischen Sinne Mediziner werden, aber Verständnis kann dasein für das, was von der Anthroposophie aus in der Medizin befruchtend auftritt in weitestem Umfange, Verständnis kann dasein, Interesse kann dasein. Dieses Interesse muß im weitesten Umkreise der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft dasein für alles, was innerhalb der Anthroposophie geschieht. Dann wird es auch gelingen, das Schneiderproblem zu lösen. Aber es muß gelöst werden, sonst muß eben auf andere Mittel gesonnen werden; denn die Gegner sind voller Interesse und sind außerordentlich aufmerksam auf alles, und ihre Methoden bestehen ja namentlich darinnen, daß sie gute Verbreiter der anthroposophischen Weltanschauung sind. Oh, wären die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft ebenso gute Verbreiter der anthroposophischen Weltanschauung wie die Gegner, dann ginge es ausgezeichnet!

[ 46 ] What has particularly struck me just now is, specifically, that there is not enough of what I alluded to at the end of my last lecture here last week. I said: Certainly, not every single person can become a physician in the anthroposophical sense, but there can be understanding for what arises from anthroposophy and has a fruitful effect on medicine in the broadest sense; there can be understanding, there can be interest. This interest must exist among the broadest circle of members of the Anthroposophical Society for everything that takes place within anthroposophy. Then we will also succeed in solving the Schneider problem. But it must be solved; otherwise, we will simply have to consider other means; for our opponents are full of interest and are extraordinarily attentive to everything, and their methods consist, in particular, in being effective disseminators of the anthroposophical worldview. Oh, if only the members of the Anthroposophical Society were as effective at spreading the anthroposophical worldview as our opponents are, then things would go splendidly!

[ 47 ] Die Gegner reißen aus den Schriften alles mögliche heraus, interpretieren es in das Absurdeste und verbreiten das mit rasendem Interesse. So daß Anthroposophie sehr bekannt ist — aber als Karikatur — von seiten der Gegner. Dem gegenüber stand bisher nicht ein Gleiches in bezug auf die wahre Gestalt der Anthroposophie. So ist es schon. Das aber ist es, was jetzt krisenhaft geworden ist und was unbedingt einer Lösung entgegengeführt werden muß. Wir brauchen für die nächste Zeit eine starke und nicht eine schwache Anthroposophische Gesellschaft.

[ 47 ] Opponents take all sorts of things out of context from the writings, interpret them in the most absurd ways, and spread these interpretations with frenzied enthusiasm. As a result, anthroposophy is very well known—but as a caricature—among its opponents. Until now, there has been no equivalent effort to present the true nature of anthroposophy. That is indeed the case. But this is precisely what has now become a crisis and what absolutely must be resolved. For the time ahead, we need a strong—not a weak—Anthroposophical Society.

[ 48 ] Ich habe Ihnen neulich die Namen des provisorischen Komitees angeführt, welches die Angelegenheiten innerhalb Deutschlands einstweilen leiten wird, bis die Delegiertenversammlung stattfindet. Das letzte Mal, als wir in Stuttgart waren, haben sich nun einige Persönlichkeiten bereit erklärt, bei der Delegiertenversammlung ihre Stimme ertönen zu lassen, und haben dadurch nun in denen, welchen die Anthroposophische Gesellschaft am Herzen liegt, die Hoffnung erweckt, daß in wirklich eindringlicher Weise die Tragkraft der Anthroposophie nach den verschiedensten Richtungen hin vor die Welt hingestellt wird. Aber es müssen die Referenten, die sich bereit erklärt haben, schon wirklich alle ihre Kraft zusammennehmen und alles Interesse in sich rege machen, damit sie ihren Aufgaben genügen können. Wir wollen sehen!

[ 48 ] I recently provided you with the names of the provisional committee that will manage affairs within Germany for the time being, until the Assembly of Delegates takes place. The last time we were in Stuttgart, several prominent figures agreed to speak at the Assembly of Delegates, thereby inspiring hope among those who care deeply about the Anthroposophical Society that the power of anthroposophy will be presented to the world in a truly compelling way across a wide range of fields. But the speakers who have agreed to participate will truly have to muster all their strength and stir up all their enthusiasm so that they can fulfill their tasks. We shall see!