Earthly Knowledge and Heavenly Insight
GA 221
18 February 1923, Dornach
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Earthly Knowledge and Heavenly Insight, tr. SOL
9. Moralische Antriebe und physische Wirksamkeit im Menschenwesen. Das Erfassen eines Geistesweges
9. Moral Motivations and Physical Effectiveness in Human Beings. Understanding a Spiritual Path
[ 1 ] Es wurde öfter betont, daß der gegenwärtige historische Zeitpunkt der Menschheitsentwickelung der ist, in dem das intellektuelle Leben tonangebend geworden ist. Für diesen gegenwärtigen Zeitpunkt war vorbereitend die Zeit, die wir im Zusammenhange charakterisiert haben als den vierten nachatlantischen Zeitraum, als die griechisch-römische Zeit. Und Sie wissen ja: nach gewissen inneren Seeleneigentümlichkeiten der Menschen, die sich in diesen Zeitepochen entwickelt haben, rechnen wir den griechisch-römischen Zeitraum vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis zum 15. nachchristlichen Jahrhundert. Und seit jener Zeit nehmen wir denjenigen Zeitraum an, in dem wir mit der Seelenentwickelung der abendländischen Menschheit voll drinnenstehen, der uns also als der gegenwärtige historische Zeitmoment zu gelten hat.
[ 1 ] It has often been emphasized that the present historical moment in human development is one in which intellectual life has come to set the tone. This present moment was preceded by the period we have characterized in this context as the fourth post-Atlantean epoch, the Greco-Roman era. And as you know, based on certain inner spiritual characteristics of human beings that developed during these epochs, we date the Greco-Roman period from the 8th century B.C. to the 15th century A.D. And since that time, we consider the period in which we are fully immersed in the soul development of Western humanity to be the present historical moment.
[ 2 ] Nun war das ganze Verhältnis des Menschen zu der intellektualistischen Welt vor dem 15. Jahrhundert ein ganz anderes als später. Und wenn auch schon seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert die Färbung in der Menschenseelenstimmung zum intellektuellen Leben, die in Griechenland vorhanden war, in der Abendröte sich befand, so kommt doch überall auch noch in diesem zweiten Zeitraum des vierten nachatlantischen Zeitalters etwas von jener griechisch-römischen Seelenstimmung zum Ausdrucke, die allerdings nur voll erfaßt werden kann, wenn man sich gemütvoll fühlend hineinversetzt in das besonders Charakteristische des griechischen Menschen, wie er namentlich in jener Zeit war, die von der Geschichte ziemlich äußerlich geschildert wird im Ausgange des griechischen Lebens, in der Zeit etwa von Sokrates und Plato bis zum Ausgang des Griechentums.
[ 2 ] Before the 15th century, humanity’s entire relationship to the intellectual world was quite different from what it became later. And even though, as early as the 4th century A.D., the mood of the human soul toward intellectual life—which had existed in Greece—was already fading into the twilight, there is still, everywhere, even in this second period of the fourth post-Atlantean epoch, a trace of that Greek -Roman spiritual disposition still found expression everywhere; however, this can only be fully grasped if one immerses oneself with a sense of empathy in the particularly characteristic nature of the Greek people, as they were specifically during that period, which history describes rather superficially as the twilight of Greek civilization—the era roughly spanning from Socrates and Plato to the end of Greek civilization.
[ 3 ] Man kann aus allem, was hindurchleuchtet durch die äußerliche, man möchte sagen, oberflächliche geschichtliche Darstellung, auch ohne geisteswissenschaftliche Vertiefung erkennen, daß der Grieche, wenn er das erreichte, was wir heute eine intellektuelle Anschauung von der Welt nennen, darin seine Freude, zum mindesten seine Befriedigung hatte, daß er glaubte, wenn er durch die verschiedenen damaligen Bildungsstufen hindurchgegangen war und imstande war, durch die Kraft des Intellektes sich ein Weltbild zu machen, mit dem Besitz dieses Weltbildes eine Erhöhung seines Menschtums erreicht zu haben. Er glaubte in einem besseren Sinne Mensch zu sein, wenn er die Welt intellektuell erfassen konnte, als wenn er nicht dazu imstande war. Die innere Freude und Befriedigung am intellektuellen Leben, die war in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum vollständig vorhanden.
[ 3 ] Even without delving deeply into the humanities, one can see from everything that shines through the external—one might say superficial—historical account that when the Greeks attained what we today call an intellectual view of the world, found joy—or at least satisfaction—in the belief that, having passed through the various stages of education of that time and being able to form a worldview through the power of the intellect, he had attained an elevation of his humanity through the possession of this worldview. They believed they were human in a higher sense when they could grasp the world intellectually than when they were unable to do so. The inner joy and satisfaction derived from intellectual life were fully present in this fourth post-Atlantean epoch.
[ 4 ] Und man kann das auch noch bei späteren Persönlichkeiten sehen. Man kann zum Beispiel bei dem Ihnen oft erwähnten Johannes Scotus Erigena aus dem 9. nachchristlichen Jahrhundert sehen an der Art und Weise, wie er seine Ideen faßt, wie er seine Ideen darstellt, daß er glaubt, in dieser Ideenerfassung etwas zu haben, worüber im Menschen eine innerliche Begeisterung aufleben kann. So war es ja, wenn auch dann eine etwas kältere Diskussion eingegriffen hat, durchaus noch der Fall bei denjenigen, die oftmals in Einsamkeit gegenüber der übrigen Welt in der Scholastik versuchten, auf intellektualistische Weise ein Weltbild zu erhalten. Und erst in den letzten Jahrhunderten ist es so geworden, daß eigentlich der Mensch glaubt, seine innere Seelenwärme zu verlieren, wenn er zum Intellektuellen aufsteigt. Wenn wir gar nicht weit zurückgehen, wenn wir zum Beispiel zurückgehen bis zu einer solchen intellektualistischen Weltauffassung, wie sie zum Beispiel bei Schiller vorliegt, ja selbst in der außerordentlich exakten Morphologie, wie sie Goethe ausgebildet hat, können wir noch sehen, wie solche Persönlichkeiten in auffälliger Weise zu einer ideell intellektualistischen Ausmalung des Weltbildes kamen, wie sie glaubten, erst da wahrhaft Mensch zu werden, wo sie innerliche Wärme in die Ideen hineintragen können. So blaß und kalt, wie die Ideenwelt heute oftmals empfunden wird, so wurde sie eben vor gar nicht langer Zeit noch nicht empfunden. Und das hängt allerdings zusammen mit einem bedeutsamen Entwickelungsgesetz der Menschheit. Es hängt damit zusammen, daß der Mensch zu der Ideenwelt, die intellektualistisch ausgebildet wird, selber ein ganz anderes Verhältnis bekommen hat, als er es früher hatte. Die Ideenwelt ging in einer früheren Zeit auf das Lebendige. Das Weltall wurde als ein Lebendiges angesehen. Man braucht nur eine wirkliche Einsicht in ältere Begriffsgebilde zu bekommen, so weiß man, daß das Tote eigentlich etwas war, was aus dem Lebendigen, das ausgebreitet gedacht wurde über die ganze Welt, herausfallend gedacht wurde, so wie wir etwa die Asche aus dem Verbrennenden herausfallend finden. Es war eine ganz andere Empfindung gegenüber dem Weltall beim Menschen vorhanden. Er sah das Weltenall als einen großen lebendigen Organismus an, und das Tote, also zum Beispiel die ganze Summe des mineralischen Reiches, sah er an wie die Asche, die herausgefallen ist aus dem Weltenprozesse, und die tot geworden ist, weil sie Abfall ist des Lebendigen.
[ 4 ] And this can also be seen in later figures. For example, in the case of Johannes Scotus Erigena from the 9th century CE, whom you have often mentioned, one can see from the way he formulates his ideas and presents them that he believes this formulation of ideas contains something capable of stirring up an inner enthusiasm in people. This was certainly still the case—even if a somewhat colder, more analytical discussion later took hold—among those who, often in isolation from the rest of the world within Scholasticism, sought to maintain a worldview through intellectual means. And it is only in the last few centuries that people have come to believe they lose their inner warmth of soul when they rise to the level of the intellectual. If we do not go back very far—if, for example, we go back to an intellectualist worldview such as that found in Schiller— indeed, even in the extraordinarily precise morphology as developed by Goethe, we can still see how such personalities strikingly arrived at an idealistic, intellectualistic elaboration of their worldview—believing that they only became truly human when they could infuse their ideas with inner warmth. As pale and cold as the world of ideas is often perceived today, it was not perceived that way even not so long ago. And this is, of course, connected to a significant law of human development. It is connected to the fact that human beings have come to have a completely different relationship to the world of ideas—as it is developed in an intellectualistic manner—than they did in the past. In earlier times, the world of ideas was rooted in the living. The universe was regarded as a living entity. One need only gain a true understanding of older conceptual frameworks to realize that the inanimate was actually conceived as something that had fallen away from the living—which was thought of as extending throughout the entire world—just as we find ash falling away from something that is burning. Human beings had a completely different perception of the universe. They viewed the universe as a great living organism, and they regarded the inanimate—for example, the entire mineral kingdom—as ashes that had fallen out of the cosmic process and had become dead because they were the waste products of the living.
[ 5 ] Diese Empfindung gegenüber der Welt ist nun allerdings in den letzten Jahrhunderten wesentlich anders geworden. Wissenschaftliches Erkennen zum Beispiel wird voll geachtet, oder wurde wenigstens immer voll geachtet, insofern es sich über das, was tot ist, verbreiten kann. Und immer mehr und mehr kam die Sehnsucht herauf, das Lebendige selbst nur als eine etwa chemische Verbindung aus Totem anzusehen. Die Idee einer Urzeugung aus Totem, die kam herauf.
[ 5 ] This perception of the world has, however, changed significantly over the past few centuries. Scientific knowledge, for example, is fully respected—or at least has always been fully respected—insofar as it can extend to what is dead. And more and more, a longing arose to view the living itself as merely a chemical compound of the dead. The idea of spontaneous generation from the dead emerged.
[ 6 ] Ich habe es schon öfter erwähnt: Wenn man im Mittelalter trachtete, in der Retorte den Homunkulus darzustellen, so war dieser Gedanke der Darstellung eines Wesens aus Ingredienzien nicht als Urzeugung gedacht in dem Sinne, wie etwa die spätere Naturforschung von der Urzeugung gesprochen hat, sondern es war wie ein Herauszaubern eines bestimmten Lebendigen aus dem unbestimmten lebendigen All gedacht. Man dachte noch nicht das Weltenall als Mechanismus, als Totes. Deshalb glaubte man an die Möglichkeit, aus dem allgemeinen Lebendigen ein spezielles Lebendiges herausholen zu können. Aber an eine Zusammenfügung des Unlebendigen zum Lebendigen dachte eigentlich das mittelalterliche Gemüt noch nicht. Diese Dinge sind heute außerhalb der Geisteswissenschaft außerordentlich schwer zu durchschauen, weil der Mensch heute gewohnt ist, seine Begriffe so zu fassen, als ob sie eigentlich, nachdem die Menschheit Kindheitsstufen durchgemacht hat, nun so geworden wären, daß sie heute eben absolut richtig seien.
[ 6 ] I have mentioned this before: When people in the Middle Ages sought to create a homunculus in a retort, this idea of creating a being from ingredients was not conceived as spontaneous generation in the sense that later natural science spoke of it, but rather as conjuring a specific living being out of the indeterminate living universe. People did not yet conceive of the universe as a mechanism, as something lifeless. That is why they believed in the possibility of extracting a specific living being from the general living whole. But the medieval mind had not yet actually conceived of combining the non-living to create the living. These matters are extremely difficult to grasp today outside the realm of spiritual science, because people today are accustomed to conceiving of their concepts as if, having passed through the stages of childhood, they had now reached a point where they are absolutely correct.
[ 7 ] So sehr man über den heutigen Fortschritt spricht, es ist doch der Fall, daß der Mensch noch nie so starr war in seinen Begriffsbildungen, wie in diesem Zeitalter. Und es ist zuletzt im Grunde genommen ein subjektives Element, das den Menschen namentlich im Erkennen diese Starrheit gibt. Wenn der Mensch seine Begriffe, seine Ideen auf das Tote richtet, so ist das Tote ein rein Passives. Er, der Mensch, ist in der Lage, seine Begriffe hübsch bequem formen zu können, denn das Tote rührt sich nicht, und er kann seine physikalischen Begriffe ausbilden, ohne daß er, wenn er nun mit diesen Begriffen an die Natur geht, dadurch gestört wird, daß die Natur selbst in lebendiger Beweglichkeit ihn auffordert, in seinen Begriffen ebenso beweglich zu sein.
[ 7 ] No matter how much we talk about today’s progress, the fact remains that human beings have never been as rigid in their conceptualizations as they are in this age. And ultimately, it is essentially a subjective element that gives human beings this rigidity, particularly in their cognition. When human beings direct their concepts and ideas toward the inanimate, the inanimate is purely passive. Human beings are in a position to shape their concepts quite comfortably, for the inanimate does not move, and they can develop their physical concepts without being disrupted—when they apply these concepts to nature—by the fact that nature itself, in its living mobility, demands that they be equally flexible in their concepts.
[ 8 ] Goethe hat noch dieses Gefühl gehabt, daß man innerlich lebendige, nicht mit scharfen Konturen ausgestattete Begriffe haben müsse, die, wenn man sich an den Umkreis der Dinge begibt, um die einzelnen Dinge durch die Ideen zu erfassen, sich dem lebendigen beweglichen Sein und dem lebendigen beweglichen Wesen anpassen.
[ 8 ] Goethe still held the view that one must have concepts that are inwardly alive and not defined by sharp contours—concepts that, when one approaches the realm of things in order to grasp individual things through ideas, adapt to living, dynamic existence and living, dynamic essence.
[ 9 ] Der Mensch liebt heute, wenn man sich etwas paradox ausdrücken darf, in seinen Begriffen das Bequeme. Es ist so, daß dieses Hinneigen zum starren Begriff, zu dem Begriff, der in scharfen Konturen gefaßt werden kann, nur auf das Tote anwendbar ist, das sich nicht rührt und daher den Begriff starr sein läßt. Aber es ist doch so, daß dieses Leben in den starren Begriffen, die sich eigentlich um nichts äußerlich Lebendiges mehr kümmern, dennoch dem Menschen die Möglichkeit gegeben hat, innerlich das Bewußtsein der Freiheit zu erringen, wie ich das ja öfter ausgeführt habe.
[ 9 ] People today—if I may put it somewhat paradoxically—love the comfortable in their concepts. The fact is that this inclination toward rigid concepts—toward concepts that can be defined with sharp contours—is applicable only to the dead, which do not move and therefore allow the concept to remain rigid. But the fact remains that this existence within rigid concepts—which, in truth, no longer concern themselves with anything outwardly alive—has nevertheless given people the opportunity to attain an inner awareness of freedom, as I have often explained.
[ 10 ] Zweierlei ist es eben, was heraufgekommen ist dadurch, daß der Mensch in seinen Begriffen völlig tot geworden ist. Auf der einen Seite das Bewußtsein der Freiheit, auf der anderen Seite die Möglichkeit, nun die starren Begriffe, die vom Toten genommen werden und nur auf das Tote anwendbar sind, in der großartigen triumphalen Technik anzuwenden, die ja darauf angewiesen ist, eine Verwirklichung des starren Ideensystems zu sein.
[ 10 ] Two things have emerged as a result of humanity having become completely dead in its concepts. On the one hand, the consciousness of freedom; on the other, the possibility of now applying the rigid concepts—which are taken from the dead and are applicable only to the dead—in that magnificent, triumphant technology that is, after all, dependent on being a realization of that rigid system of ideas.
[ 11 ] Das ist die eine Seite der Entwickelung, welche die neuere Menschheit durchgemacht hat. Man muß ebenso verstehen, wie der Mensch aus dem Lebendigen gewissermaßen sich herausgeschnürt hat, wie ihm das Lebendige fremd geworden ist, wie man auch einsehen muß: Wenn der Mensch dem Toten gegenüberzustehen hat, so hat er, wenn er nicht in dem Toten verbleiben will, sondern in sein Gemüt den Impuls des Lebendigen aufnehmen will, aus seiner eigenen Kraft dieses Lebendige zu finden.
[ 11 ] This is one aspect of the development that modern humanity has undergone. One must also understand how human beings have, so to speak, cut themselves off from the living world, how the living world has become alien to them; and one must also realize that when a person is confronted with the dead, if they do not wish to remain within the dead but rather wish to take in the impulse of the living into their soul, they must find this living impulse through their own power.
[ 12 ] Wir können in alte Zeiten zurückgehen, da finden wir, daß dem Menschen jede Wolkenformung, der Blitz, der aus der Wolke zuckte, der Donner, der da rollte, die Pflanze, die wuchs und so weiter, daß die alle dem Menschen das Lebendige herbeitrugen, daß der Mensch gewissermaßen erkennend das Lebendige atmete und sich daher unwillkürlich im Lebendigen befand. Er brauchte das Lebendige nur von außen aufzunehmen. In der heutigen Zeit ist der Mensch, weil ihm das Äußere eben nach seiner Entwickelungsstufe, nach welcher seine Begriffenurdas Tote erfassen können, dieses Lebendige nicht mehr gibt, genötigt, dieses Lebendige aus dem innersten Wesen seines Lebens selber hervorzuholen, sich selber lebendig zu machen. Man kann eben nicht bloß theoretisch mit dem Verstande Geschichte erfassen. Da erscheint die Geschichte zu einförmig. Man muß sich mit der ganzen Seele hineinversetzen in die Art und Weise, wie die Menschen in verschiedenen Zeitepochen Geschichte erlebten. Und da wird man dann finden, welch gewaltiger Umschwung eingetreten ist von allen, wenn ich mich jetzt so ausdrücken darf, vorgriechischen Zeitaltern an, die wirja in unserer Anthroposophie zurückverfolgen bis zur atlantischen Zeit, also bis ins 7., 8. vorchristliche Jahrtausend, durch die griechische Zeit hin bis zu uns. Und ich möchte Ihnen heute diesen Umschwung in bezug auf das Fühlen des Menschen im Weltenall einfach einmal gegenständlich schildern. Ich möchte Ihnen schildern, wie sich dieser Umschwung im Fühlen der Menschenseele gegenüber dem Weltenall vor die geistige Anschauung hinstellt.
[ 12 ] If we go back to ancient times, we find that every cloud formation, the lightning that flashed from the clouds, the thunder that rolled, the plants that grew, and so on—all of these brought life to human beings; that humans, as it were, breathed in life with awareness and thus found themselves involuntarily immersed in life. They need only take in the living from the outside. In the present day, because the external world—in accordance with their stage of development, at which their concepts can grasp only the inanimate—no longer provides them with this living quality, people are compelled to draw this living quality forth from the innermost essence of their own lives, to make themselves alive. One simply cannot grasp history purely theoretically with the intellect. Then history appears too monotonous. One must immerse oneself with one’s whole soul in the way people experienced history in different historical epochs. And there one will then discover what a tremendous transformation has taken place, beginning—if I may put it this way—with all the pre-Greek ages, which we in our anthroposophy trace back to the Atlantean epoch, that is, to the 7th and 8th millennia B.C., through the Greek era and up to our own time. And today I would simply like to describe this transformation concretely in relation to human feeling toward the universe. I would like to describe how this transformation in the human soul’s feeling toward the universe presents itself to spiritual contemplation.
[ 13 ] Wenn wir zurückgehen in ältere Zeiten — die äußere Geschichte zeigt nur noch Spuren davon, man muß da schon geisteswissenschaftlich durch die Methoden, die wir ja kennengelernt haben, in die Sache eindringen, um das einzusehen —, wenn wirzurückgehen zu dem Menschen der vorgriechischen Zeit, etwa zur ägyptischen Kultur, zur babylonisch-chaldäischen Kultur oder gar zur urpersischen Kultur, finden wir überall, daß beim Menschen die Empfindung vorliegt, er sei aus einem vorgeburtlichen, aus einem vorirdischen Leben auf die Erde heruntergestiegen. Und was Götter in ihn verpflanzt hatten im vorirdischen Leben, das trägt er noch als eine Nachwirkung in sich.
[ 13 ] If we go back to earlier times—external history shows only traces of this; one must delve into the matter through the methods of the humanities that we have already become familiar with in order to understand this— when we go back to the people of pre-Greek times—for example, to Egyptian culture, to Babylonian-Chaldean culture, or even to ancient Persian culture—we find everywhere that people had the sense that they had descended to Earth from a pre-birth, pre-earthly life. And what the gods had implanted in them during their pre-earthly life, they still carry within themselves as an aftereffect.
[ 14 ] Der Mensch fühlte sich damals eigentlich so auf der Erde, daß er sich sagte: Hier auf der Erde stehe ich. Bevor ich auf der Erde stand, war ich in einer geistig-seelischen Welt, bildhaft gesprochen in einer Lichtwelt. In meinem Innern leuchtet geheimnisvoll noch jenes Licht fort. Ich bin gewissermaßen als Mensch die Umhüllung des göttlichen Lichtes, das noch in mir fortlebt. — Und so war sich der Mensch bewußt, daß ein Göttliches mit ihm selber auf die Erde heruntergestiegen war. Er sagte eigentlich nicht — das ist selbst philosophisch nachzuweisen —: Ich stehe hier auf der Erde, sondern er sagte eigentlich: Ich Mensch umhülle den Gott, der sich auf die Erde gestellt hat. — Das war eigentlich sein Bewußtsein. Und je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto mehr finden wir dieses Bewußtsein: Ich Mensch auf der Erde umhülle den Gott, der herabgestiegen ist. — Denn das Göttliche war ein Vielfältiges. Und man möchte sagen: Die letzten Götter in der Götterhierarchie, die bis zur Erde herabreichten, waren für das alte Bewußtsein die Menschen selbst. Und derjenige, der nicht in äußerlicher Weise, in der schauerlich äußerlichen Weise etwa, wie Deußen die orientalische Kultur für Europa verballhornt hat, sondern wer in einer wirklich nachfühlenden Art gewahr wird, mit welchem Bewußtsein der alte Inder gesprochen hat, wenn er sein Brahman in sich fühlte, das er umhüllte, der wird auch nachempfinden können, wie das im menschlichen Seelenleben in alten Zeiten eigentlich war.
[ 14 ] Back then, human beings actually felt so at home on Earth that they said to themselves: “Here on Earth I stand. Before I stood on Earth, I was in a spiritual-soul world—figuratively speaking, in a world of light. That light still shines mysteriously within me. As a human being, I am, so to speak, the vessel of the divine light that still lives on within me. — And so human beings were aware that something divine had descended to Earth along with themselves. They did not actually say—and this can even be demonstrated philosophically—‘I stand here on Earth,’ but rather they said: ‘I, as a human being, am the vessel of the God who has placed Himself on Earth.’ — That was, in fact, his consciousness. And the further back we go in human evolution, the more we find this consciousness: “I, a human being on Earth, envelop the God who has descended.” — For the divine was manifold. And one might say: The last gods in the hierarchy of gods, who reached down to Earth, were, for the ancient consciousness, human beings themselves. And anyone who—not in an external way, not in the horrifyingly superficial way, for example, that the Germans have caricatured Eastern culture for Europe—but who, in a truly empathetic manner, becomes aware of the consciousness with which the ancient Indian spoke when he felt the Brahman within himself, which he enveloped, will also be able to empathize with what human soul life was actually like in ancient times.
[ 15 ] Daraus aber entwickelte sich dasjenige Bewußtsein, welches im Menschen gegenüber dem göttlichen Vater, dem Vatergotte, vorhanden war. Der Mensch selber fühlte sich als eine Art Göttersohn. Nicht das am Menschen fühlte er so, was in Fleisch und Blut dastand, aber dasjenige, was Fleisch und Blut umhüllte, was ja nach der Anschauung verschiedener Menschen der alten Zeit allerdings sich nicht würdig machte, den Gott zu umhüllen. Nicht diesen Menschen in Fleisch und Blut betrachtete er als ein Göttliches, aber dasjenige, was hereinragte aus einer geistigen Welt in diesen physisch-irdischen Menschen, in den Menschen aus Fleisch und Blut.
[ 15 ] From this, however, developed the consciousness that existed in human beings toward the divine Father, the Father God. Human beings themselves felt themselves to be a kind of son of God. It was not what was present in flesh and blood that they perceived in this way, but rather that which enveloped the flesh and blood—which, according to the view of various people of ancient times, was indeed unworthy of enveloping God. He did not regard this human being of flesh and blood as divine, but rather that which extended from a spiritual world into this physical, earthly human being, into the human being of flesh and blood.
[ 16 ] Und so war vor allen Dingen das Verhältnis zum Vatergotte etwas, was als das religiöse Verhältnis empfunden wurde. Und die höchste Würde in den alten Mysterien war diejenige des Vaters. In den meisten orientalischen Mysterien unterschied man ja sieben Grade, durch die der Einzuweihende aufzusteigen hatte. Der erste Grad war derjenige, durch den er sich bloß vorzubereiten hatte, wo er sich eine Seelenverfassung anzueignen hatte, durch die er überhaupt erst verstehen konnte, was ihm in den Mysterien gezeigt worden ist. Die folgenden Grade bis zum vierten Grade hatten ihn dann dazu gebracht, vollständig zu erfassen, was seine Volksseele war, so daß er sich nicht mehr als der einzelne Mensch fühlte, sondern als der Angehörige einer Menschengruppe. Und indem er dann zu den höheren Graden, zu dem fünften, sechsten Grad aufschritt, fühlte er sich immer mehr und mehr als der Umhüller des Göttlichen. Und der höchste Grad war der Vater. Das waren diejenigen Persönlichkeiten, die in ihrem äußeren Leben und in ihrem äußeren Dasein gewissermaßen eine Verwirklichung sein sollten dessen, was der Mensch als das göttliche Urprinzip fühlte, das er in einem wirklichen Sinne zu sich selbst in eine Beziehung setzte. Es war die äußere geistige Kultur ganz angepaßt diesem Mittelpunkte des religiösen Lebens: im Bewußtsein des Menschen ein Verhältnis zum väterlichen Schöpfungsprinzip zu fühlen. Und dementsprechend fühlte der Mensch alles dasjenige, was er auch im Innern begreifen konnte; das Licht der Erkenntnis, das ihm aufgehen konnte, fühlte er wie ihm übermacht von Gott dem Vater. Er fühlte gewissermaßen in seinem eigenen Verstande fortwirkend Gott den Vater. Daraufhin war aller Kultus eingerichtet, der ja nur ein Abbild war von dem, was in den Mysterien als Erkenntnisweg gegangen werden konnte.
[ 16 ] And so, above all else, the relationship with the Father God was something that was experienced as a religious relationship. And the highest rank in the ancient mysteries was that of the Father. In most Eastern mysteries, a distinction was made between seven degrees through which the initiate had to ascend. The first degree was one in which he merely had to prepare himself, acquiring a state of mind that would enable him to understand at all what was shown to him in the mysteries. The subsequent degrees up to the fourth then led him to fully grasp what his national soul was, so that he no longer felt himself to be an individual human being, but rather a member of a human group. And as he then advanced to the higher degrees—the fifth and sixth—he felt more and more that he was the vessel of the Divine. And the highest degree was that of the Father. These were the personalities who, in their outer life and outer existence, were to be, as it were, a realization of what human beings felt as the divine primordial principle, which they related to themselves in a real sense. The outer spiritual culture was entirely attuned to this focal point of religious life: to feel, in human consciousness, a connection to the paternal principle of creation. And accordingly, people felt everything that they were also able to comprehend inwardly; they felt the light of knowledge that could dawn upon them as an overwhelming presence from God the Father. In a sense, they felt God the Father continuing to work within their own minds. All worship was organized around this, for it was, after all, merely a reflection of what could be experienced as a path of knowledge within the Mysteries.
[ 17 ] Nun kam die griechische Zeit. Im Griechen haben wir den reinsten Repräsentanten dieser Menschheitsstufe, die sich herausentwickelte aus den Menschen mit jenen älteren Seelenverhältnissen, die ich eben geschildert habe. Der Grieche fühlte den Menschen mehr als Mensch, nicht mehr bloß als die Hülle des Göttlichen. Aber es ist dieses griechische Gefühl so, daß derjenige, der durch die griechische Schulung, sagen wir jetzt durch die griechische Vernunftschulung durchgegangen war, oder auch, der durch das griechische Künstlertum, oder durch das griechische religiöse Leben durchgegangen war, gewissermaßen fühlte, daß das Göttliche restlos in dem Menschen aufgegangen war. Der Grieche fühlte sich nicht mehr als die Umhüllung des Gottes, sondern fühlte sich als die Darstellung des Gottes. Nur wurde das nicht mehr in derselben unverhüllten Weise ausgesprochen, wie in den älteren Zeiten das andere. In Griechenland war es so, daß eigentlich erst dem Mystetienschüler auf einer bestimmten Stufe enthüllt wurde: Du bist als Mensch ein göttliches Wesen, ein Göttersohn. — Und man betrachtete es als unmöglich, dem unvorbereiteten Menschen dieses Geheimnis der Menschwerdung darzustellen. Aber der eingeweihte Grieche sah das so an; daher diese Grundempfindung. Es war eben nicht eine Idee, die in klaren Konturen auftrat, sondern eine seelische Grundempfindung.
[ 17 ] Now came the Greek era. In the Greeks we find the purest representatives of this stage of human development, which evolved from people with those earlier spiritual dispositions that I have just described. The Greeks perceived the human being as more than just a human being, no longer merely as the vessel of the divine. But this Greek sentiment is such that anyone who had undergone Greek training—whether, let us say, through Greek rational education, or through Greek art, or through Greek religious life—felt, in a sense, that the divine had been completely absorbed into the human being. The Greek no longer felt himself to be merely the vessel of the divine, but rather the embodiment of the divine. It was just that this was no longer expressed in the same unveiled manner as the former concept had been in earlier times. In Greece, it was the case that this truth was actually revealed only to the initiate at a certain stage: “You, as a human being, are a divine being, a son of the gods.” — And it was considered impossible to reveal this mystery of the Incarnation to the unprepared person. But the initiated Greek saw it this way; hence this fundamental feeling. It was not merely an idea that appeared in clear contours, but a fundamental feeling of the soul.
[ 18 ] Diese seelische Grundempfindung finden wir dann in der griechischen Kunst, welche die Götter so darstellt, daß sie eben idealisierte Menschen werden. Dieses Darstellen des Göttlichen durch idealisierte Menschen geht durchaus aus dieser Grundempfindung hervor. So daß der Grieche, man möchte sagen, in die Keuschheit des Gefühles und Gemütes sein Verhältnis zum Göttlichen zurückgenommen hat.
[ 18 ] We find this fundamental emotional sensibility in Greek art, which depicts the gods as idealized human beings. This depiction of the divine through idealized human beings stems entirely from this fundamental sentiment. Thus, one might say that the Greeks have reduced their relationship to the divine to the chastity of feeling and disposition.
[ 19 ] Nun tritt, nachdem die griechische Weltanschauung völlig in ihre Abendröte getaucht war, mit dem 15. Jahrhundert eine ganz andere Seelenstimmung auf. Der Mensch fühlt sich auf der Erde nicht mehr als eine Umhüllung des Göttlichen, auch nicht mehr als eine Darstellung des Göttlichen wie der Grieche, sondern er fühlt sich als ein Wesen, das mehr von unteren unvollkommenen Stufen zu der Menschwerdung aufgestiegen ist, und das nur aufschauen kann zu einem jenseitigen Göttlichen. Und der neuere Mensch gründet eine Naturwissenschaft, die zwar aus dieser Grundempfindung hervorgeht, deren Verhältnis aber zu sich selbst er noch nicht finden konnte. Und es ist gerade Aufgabe der Anthroposophie, dieses Verhältnis des Menschen zu sich selber und zum Göttlichen wiederum zu finden. Wir können uns dieses Finden in der folgenden Weise vergegenwärtigen. Wir können uns einmal versetzen in die Seele des vorgriechischen Menschen. Er wird sagen: Ich umhülle ein Göttliches. Ich kann dieses Göttliche, indem ich es mit menschlichem Fleisch und Blut umhülle, auf der Erde nur unwürdiger darstellen, als es in Wahrheit ist. Ich kann es gewissermaßen nur herabwürdigen. Ich muß mich, wenn ich das Göttliche in mir rein darstellen will, reinigen. Ich muß eine Art Katharsis durchmachen, mich reinigen, damit der Gott in mir möglichst gut zur Geltung kommt. — Aber im Grunde genommen ist es ein Zurückgehen zu dem väterlichen Urprinzip, was ja auch in manchem religiösen Leben des Altertums dadurch zum Vorschein kommt, daß die Menschen die Idee haben, sie gehen zurück nach dem Tode zu den Vorfahren, zu weit zurückliegenden Vorfahren. Es ist durchaus im religiösen Leben dieser Zug nach dem väterlichen Urschöpfungsprinzip. Der Mensch fühlt sich noch nicht ganz heimisch auf der Erde. Es ist aber auch noch nicht vorhanden das Streben, aus einer fremden Menschenposition heraus, möchte ich sagen, zu dem jenseitigen Göttlichen hin. Es ist das Streben vielmehr, den Menschen rein darzustellen, weil man meint, dann komme der Gott zum Vorschein.
[ 19 ] Now, after the Greek worldview had been completely bathed in its twilight, a completely different state of mind emerged in the 15th century. Human beings no longer feel themselves to be merely a shell for the divine on Earth, nor even a representation of the divine as the Greeks did, but rather as beings who have ascended from lower, imperfect stages to human existence and who can only look up to a divine reality beyond this world. And modern humanity has established a natural science that, while arising from this fundamental feeling, has not yet been able to find its proper relationship to itself. And it is precisely the task of anthroposophy to rediscover this relationship of the human being to itself and to the divine. We can visualize this rediscovery in the following way. Let us try to put ourselves in the mind of a pre-Greek human being. He will say: I envelop a divine essence. By enveloping this divine essence in human flesh and blood, I can only represent it on earth in a manner unworthy of what it truly is. In a sense, I can only degrade it. If I wish to represent the divine within me in its purity, I must purify myself. I must undergo a kind of catharsis, purify myself, so that the god within me may be brought to light as fully as possible.” — But fundamentally, this is a return to the paternal primordial principle, which is also evident in many religious practices of antiquity through the belief that after death, people return to their ancestors—to ancestors from a distant past. This tendency toward the paternal primordial creative principle is very much present in religious life. Human beings do not yet feel entirely at home on Earth. Nor, however, is there yet the striving—from a position of alienation from humanity, I might say—toward the divine in the beyond. Rather, it is the striving to portray humanity in its purest form, because one believes that only then will God be revealed.
[ 20 ] Das wird im griechischen Leben anders. Im griechischen Leben fühlt sich der Mensch nicht mehr so eng mit dem göttlichen VaterPrinzip verbunden, wie das in früheren Zeiten der Fall war. Der Mensch fühlt sich als Mensch so recht mit dem Göttlichen verbunden, aber zu gleicher Zeit auch mit dem Irdischen. Er fühlt sich gewissermaßen in einer Gleichgewichtslage zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen. Das ist der Zeitabschnitt, in den das Mysterium von Golgatha fällt. Das ist der Zeitabschnitt, wo nicht mehr bloß gesagt werden kann: «Im Urbeginne war der Logos, und der Logos war bei Gott» — man meinte den Vatergott — «und ein Gott war der Logos», sondern wo gesagt werden mußte: «Und das Wort ist Fleisch geworden.» Der Logos, der ursprünglich nur als die Vereinigung mit dem Vatergotte angesehen wurde, er wurde angesehen so, daß er gewissermaßen voll in dem Menschen sein Haus gefunden hat, daß der Mensch ihn in sich selber suchen muß. Dieser Menschenstimmung kam das Mysterium von Golgatha entgegen. Der Vatergott konnte eigentlich niemals in menschlicher Gestalt gedacht werden. Der Vatergott mußte rein geistig gedacht werden. Der Christus, der Gottessohn, wurde als göttlichmenschlich gedacht. Und im Grunde genommen haben wir das, was der Grieche wie eine Sehnsucht empfindet, oder wie eine künstlerische Verwirklichung auslebt, für das Vollmenschliche erfüllt in der Gesamtdarstellung des Mysteriums von Golgatha. Wir müssen uns dabei nicht an irgendwelche Nebensächlichkeiten halten, wir müssen uns an das Hauptsächliche halten, an das Einkehren des Göttlichen in den Menschen selber, so wie der Mensch auf Erden dasteht.
[ 20 ] This is different in Greek life. In Greek life, people no longer feel as closely connected to the divine Father principle as they did in earlier times. As human beings, people feel truly connected to the divine, but at the same time also to the earthly. They feel, as it were, in a state of balance between the divine and the earthly. This is the period in which the Mystery of Golgotha takes place. This is the period when it could no longer be said merely: “In the beginning was the Logos, and the Logos was with God”—meaning the Father God—“and the Logos was God,” but when it had to be said: “And the Word became flesh.” The Logos, who was originally regarded only as the union with God the Father, came to be seen as having, so to speak, found his full home within the human being, so that the human being must seek him within himself. The Mystery of Golgotha responded to this human disposition. God the Father could never really be conceived in human form. God the Father had to be conceived as purely spiritual. Christ, the Son of God, was conceived as divine-human. And fundamentally, what the Greeks experience as a longing—or live out as an artistic realization—is fulfilled in its full humanity in the overall presentation of the Mystery of Golgotha. In doing so, we need not dwell on any trivialities; we must focus on the essential—the indwelling of the Divine within human beings themselves, just as human beings exist on Earth.
[ 21 ] Damit stellt sich das Mysterium von Golgatha in den Mittelpunkt der ganzen Menschheitsentwickelung auf Erden. Und man darf es durchaus nicht als einen historischen Zufall betrachten, daß das Mysterium von Golgatha in die Geschichte trat da, wo das Griechentum sozusagen von außen her, von der Erde aus, das Göttliche im Menschen darstellen will. Man möchte sagen, womit man mehr als ein poetisches Bild meinen darf: Der Grieche mußte aus den Erdeningredienzien heraus den Gott als einen Menschen künstlerisch darstellen, und der Kosmos schickte den Gott herab auf die Erde in den Menschen hinein, um im kosmischen Sinne die Antwort zu geben auf die wunderbare Frage, die das Griechentum gewissermaßen in die Weltenweiten hinausgeschickt hat. Man möchte sagen, man fühlt es der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit an, wie das Griechentum in seinen menschlich dargestellten Göttern an den Kosmos die Frage stellt: Kann der Gott Mensch werden? — Und der Kosmos antwortete: Der Gott kann Mensch werden — indem er das Mysterium von Golgatha geschehen ließ.
[ 21 ] Thus, the Mystery of Golgotha takes center stage in the entire development of humanity on Earth. And it must by no means be regarded as a historical coincidence that the Mystery of Golgotha entered history at the very moment when Greek civilization, so to speak, from the outside—from the Earth—sought to portray the divine in human beings. One might say—and this is more than just a poetic image—that the Greeks had to artistically portray God as a human being using earthly elements, and the cosmos sent God down to Earth and into humanity to provide, in a cosmic sense, the answer to the wondrous question that Greek civilization, so to speak, sent out into the vastness of the universe. One might say that one senses, through the historical development of humanity, how Greek culture, in its humanly depicted gods, poses the question to the cosmos: Can God become human? — And the cosmos answered: God can become human — by allowing the Mystery of Golgotha to take place.
[ 22 ] Aber ich habe es ja öfter begreiflich gemacht, wie dieses Verstehen des Mysteriums von Golgatha in seiner Urwesenheit eigentlich nur möglich ist, wenn man nun nicht mit der Erkenntnis des Toten, die in der neueren Zeit üblich geworden ist, an dieses Mysterium von Golgatha herantritt, sondern mit einer neuen, lebensvollen Erkenntnis, mit einer Erkenntnis, die wiederum vom Geiste durchdrungen sein kann.
[ 22 ] But I have often made it clear that this understanding of the Mystery of Golgotha in its primordial essence is actually only possible if one approaches this Mystery of Golgotha not with the understanding of the dead that has become common in recent times, but with a new, life-filled understanding—an understanding that can in turn be permeated by the Spirit.
[ 23 ] Damit kommen wir dazu, uns jetzt sagen zu müssen: Zwar hat der Mensch auf der einen Seite sein Freiheitsbewußtsein, auf der anderen Seite seine mechanistischen Fortschritte in der äußeren Kultur durch die toten Begriffe erreicht, allein er kann bei dieser inneren Totheit nicht stehenbleiben. Er muß aus der eigenen Kraft der Seele heraus den Impuls eines Lebendigen, eines Lebendig-Geistigen gewinnen, das heißt, er muß in der Lage sein, wiederum zu Ideen zu kommen, die innerlich lebendig sind, zu Ideen, die aber nicht nur den Verstand ergreifen, sondern die den ganzen Menschen ergreifen. Es muß dem modernen Menschen wirklich möglich werden, was ich angedeutet habe in meinem Buche «Goethes Weltanschauung», wiederum dazu zu kommen, nicht von toten Ideen zu sprechen, nicht von Ideenabstraktionen zu sprechen, sondern sich aufzuschwingen zu jener Geistigkeit, in der er sich mit Ideen erfüllt, aber mitzunehmen in diese Ideenregion alle lebendige Wärme, die in seiner Seele erglimmen kann, alles hellste Licht, das seine Begeisterung in der Seele erwecken kann. Der Mensch muß wiederum hinauftragen können zu den Ideen alle seine Seelenwärme und all sein Seelenlicht. Er muß innerlich wiederum seinen ganzen Menschen mitnehmen können in die Geistigkeit der Ideenwelt. Das haben wir eigentlich in der Gegenwart verloren.
[ 23 ] This leads us to the conclusion that we must now acknowledge: Although human beings have, on the one hand, their sense of freedom and, on the other, their mechanistic progress in external culture achieved through lifeless concepts, they cannot remain stuck in this inner lifelessness. From the very power of the soul, human beings must draw the impulse of something living, something living and spiritual; that is to say, they must be able to return to ideas that are inwardly alive—ideas that do not merely engage the intellect, but engage the whole human being. It must truly become possible for modern human beings—as I have indicated in my book *Goethe’s Worldview*—to return to a state where they do not speak of dead ideas or abstract ideas, but rather to rise to that spirituality in which they are filled with ideas, while bringing into this realm of ideas all the living warmth that can glow within their soul, all the brightest light that can awaken enthusiasm in his soul. Human beings must once again be able to carry all the warmth and light of their souls up to the realm of ideas. They must once again be able to bring their whole being with them into the spirituality of the world of ideas. We have, in fact, lost this in the present day.
[ 24 ] Und man darf sagen, vielleicht ergreift einen weniges in der neuen Literatur so tief wie das erste Kapitel von Nietsches Darstellung der Philosophie im «tragischen Zeitalter der Griechen», wie er es nennt. Nietzsche schildert die Philosophen der vorsokratischen Zeit, Thales, Heraklit, Anaxagoras, und es ist etwas furchtbar Ergreifendes für denjenigen, der für so etwas einen richtigen Sinn und ein offenes Herz hat, wenn Nietzsche da schildert, wie in einer gewissen Zeit der griechischen Entwickelung der Grieche sich emporgeschwungen hat zu der Abstraktion des bloßen Seins, von der Vielheit der den Menschen mit Wärme erfüllenden Natureindrücke zu dem blassen Gedanken des Seins. Etwa so sagt Nietzsche an der Stelle: Dann fühlt man, wie einen fröstelt, fühlt man, in welch eisige Regionen man gerät, wenn man aufsteigt mit einem alten griechischen Philosophen, etwa mit dem Parmenides, zu dieser abstrakten Idee des allumfassenden Seins. Wie in Gletscherregionen des Seelenlebens versetzt, so fühlt sich Nietzsche aus jener modernen Kultur heraus, in die er ganz hineinversetzt war, wie ich vorgestern hier dargestellt habe.
[ 24 ] And one might say that perhaps few things in modern literature move one as deeply as the first chapter of Nietzsche’s account of philosophy in the “tragic age of the Greeks,” as he calls it. Nietzsche describes the philosophers of the presocratic period—Thales, Heraclitus, Anaxagoras—and there is something terribly moving for anyone who has a true appreciation and an open heart for such things when Nietzsche describes how, during a certain period of Greek development, the Greeks soared up to the abstraction of mere being—from the multitude of impressions of nature that fill people with warmth to the pale concept of being. Nietzsche puts it something like this at that point: Then one feels a chill run through one’s body; one feels into what icy regions one is entering when one ascends with an ancient Greek philosopher—say, Parmenides—to this abstract idea of all-encompassing being. As if transported to the glacial regions of the soul, Nietzsche feels estranged from that modern culture into which he had been fully immersed, as I described here the day before yesterday.
[ 25 ] Aber daran ist Nietzsche ja auch gescheitert, daß er nur noch bis zu der Kälte, man möchte sagen, bis zu dem Gletscherhaften der menschlichen Ideenwelt gehen konnte, während das Hellsehen in wirklicher Geistigkeit Seelenwärme und Seelenlicht in das Intellektualistische hineinzutragen vermag, so daß man jene Reinheit im Begriff erreichen kann, von der ich gesprochen habe in meiner «Philosophie der Freiheit», aber mit dieser Reinheit der Begriffe nicht ein innerlich ausgetrockneter Mensch, sondern ein innerlich begeisterter Mensch wird. Ein Mensch, welcher, indem er die Erdenwärme der Sinnlichkeit verläßt, durch die kalten Regionen des Intellektualismus hindurch die warme Sonnenwärme des Kosmos empfindet, ein Mensch, welcher, indem er die leuchtenden Erdengegenstände verläßt und es erlebt, wie es durch die intellektualistische Begriffswelt innerlich dunkel wird, durch seine lebendigen Seelenimpulse, die er hineinträgt in diese Dunkelheit, nun imstande wird, das kosmische Licht zu empfangen, nachdem er, man möchte sagen, überwunden hat die irdische Dunkelheit.
[ 25 ] But Nietzsche also failed in this regard, in that he could only go as far as the coldness, one might say, to the glacial nature of the human world of ideas, whereas clairvoyance in true spirituality is capable of bringing the warmth and light of the soul into the intellectual realm, so that one can attain that purity of concept of which I spoke in my *Philosophy of Freedom*, but with this purity of concepts one does not become an inwardly dried-up human being, but rather an inwardly inspired one. A human being who, by leaving behind the earthly warmth of sensuality, perceives the warm solar heat of the cosmos as he passes through the cold regions of intellectualism, a person who, by leaving behind the luminous objects of the earth and experiencing how it grows dark within through the intellectual world of concepts, becomes capable—through the living impulses of the soul that he brings into this darkness—of receiving the cosmic light, after he has, one might say, overcome earthly darkness.
[ 26 ] In Nietzsche sieht man überall die Sehnsucht nach diesem kosmischen Lichte, nach dieser kosmischen Wärme. Er kann sie nicht erreichen. Daran scheitert er. Anthroposophie möchte den Weg weisen dahin, wo man nicht verliert die Erdenwärme, nicht verliert das Erdenlicht, wo man den frischen Anteil und das frische Interesse behält an allem einzelnen Konkreten des Irdischen, wo man in Liebe zugetan bleibt allem Irdischen und dennoch heraufsteigen kann zu jener Höhe der Begriffe, wo sich in reinen Begriffen das Göttliche enthüllt, das man nun als moderner Mensch nicht mehr in sich fühlen kann wie der alte Mensch auf Erden, sondern zu dem man erst hinkommen muß.
[ 26 ] In Nietzsche, one sees everywhere a longing for this cosmic light, for this cosmic warmth. He cannot attain it. That is where he fails. Anthroposophy seeks to point the way to a place where one does not lose the warmth of the earth, nor the light of the earth; where one retains a fresh connection and fresh interest in every single concrete aspect of the earthly realm; where one remains devoted in love to all that is earthly and yet can ascend to that height of concepts where the divine reveals itself in pure concepts—a divine that we, as modern human beings, can no longer feel within ourselves as the ancient human beings on earth did, but to which we must first make our way.
[ 27 ] Das ist die Stimmung, die in der richtigen Weise empfinden läßt das Geheimnis von dem Heiligen Geiste. Und das ist der Unterschied im Leben im Geistigen zwischen dem modernen Menschen und dem älteren Menschen. Der ältere Mensch sog seine Geistigkeit aus allen einzelnen Wesen der Natur. Die Wolke sprach ihm vom Geistigen, die Blume sprach ihm vom Geistigen. Der moderne Mensch muß durch seine eigene Kraft seine kalt und tot gewordenen Begriffe verlebendigen, dann gelangt er an jenen Heiligen Geist, durch den er auch das Mysterium von Golgatha in der richtigen Weise sehen kann. Denn man nimmt etwas mit aus dem Menschentum, wenn man in dieser Weise — ich darf jetzt trocken sagen — anthroposophisch seine Ideen mit Seelenwärme und Seelenlicht durchsetzt, man nimmt etwas mit aus dem Menschentum. Man kann nicht über das Trockene, Banale, Abstrakte der Ideenwelt hinausdringen, wenn man nicht dieses mitnimmt. Steigt man auf durch jene Erkenntnisse, von denen ich in den anthroposophischen Büchern gesprochen habe, zu einem Welterfassen, dann bleiben die Ideen gerade so exakt, wie sie in der Mathematik sind, oder wie sie in den anderen Wissenschaften sind. Man denkt nicht unexakter, als der Chemiker in seinem Laboratorium oder der Biologe in seinem Kabinette denkt, nur bedingen die Begriffe etwas, was vom Menschen mitgeht. Wenn der Anthroposoph in Imagination, wenn er in Inspiration spricht, und der gesunde Menschenverstand wirklich diese Imagination, diese Inspiration begreift, so stehen sie vor ihm tatsächlich wie die mathematischen oder geometrischen Gebilde vor dem Mathematiker. Aber der Mensch muß etwas mitbringen, sonst begreift er diese Ideen nicht richtig. Das, was er mitbringen muß, ist die Liebe.
[ 27 ] This is the mood that allows one to truly sense the mystery of the Holy Spirit. And this is the difference in spiritual life between modern people and people of earlier times. People of earlier times drew their spirituality from every individual being in nature. The cloud spoke to him of the spiritual; the flower spoke to him of the spiritual. Modern man must, through his own power, breathe life into his concepts that have grown cold and dead; only then will he attain that Holy Spirit through which he can also perceive the Mystery of Golgotha in the right way. For one takes something with one from humanity when, in this way—I may now say dryly—one permeates one’s ideas with soul warmth and soul light in an anthroposophical manner; one takes something with one from humanity. One cannot transcend the dry, banal, abstract nature of the world of ideas unless one takes this with one. If one ascends through those insights I have spoken of in the anthroposophical books to a comprehensive understanding of the world, then the ideas remain just as precise as they are in mathematics or as they are in the other sciences. One does not think any less precisely than the chemist in his laboratory or the biologist in his study; it is just that the concepts require something that comes from the human being. When the anthroposophist speaks through imagination or inspiration, and when common sense truly grasps this imagination and this inspiration, they stand before him just as mathematical or geometric structures stand before the mathematician. But the person must bring something with them; otherwise, they will not grasp these ideas correctly. What they must bring with them is love.
[ 28 ] Ohne die Erkenntnis mit Liebe zu durchdringen, kann man sich nicht die Erkenntnis, welche durch Anthroposophie gegeben wird, aneignen, sonst bleibt sie eben etwas, was ganz gleichwertig ist mit anderem. Es ist ganz gleichwertig, ob Sie mit irgendeinem materialistischen Naturforscher sagen: Beuteltiere, Menschenaffen, Affenmenschen, Menschen, oder ob Sie sagen: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich. — Es ist nur ein anderer Gedanke, aber der Status der Seele ist kein anderer. Der Status der Seele wird erst ein anderer, wenn innerlich lebendig dieses geistige Erfassen des Menschen in der Natur wird. Aber es geht nicht, wenn nicht dasselbe Gefühl, dieselbe Empfindung, derselbe Seelenstatus, die in der Liebe leben, mit der Erkenntnis mitgehen. Und durchdringt man also seine Erkenntnis mit dem Erlebnis der Liebe, dann dringt diese Erkenntnis heran an das Mysterium von Golgatha. Und dann haben wir nicht nur die an sich ganz berechtigte naive Hinneigung zu dem Christus — wie gesagt, ganz berechtigt ist ja diese naive Hinneigung —, sondern wir haben dann auch eine Erkenntnis, die sich ausbreitet über den ganzen Kosmos, und die sich vertiefen kann zu der Erfassung des Mysteriums von Golgatha. Mit anderen Worten: Das Leben in dem Heiligen Geiste führt zum Leben in dem Christus, oder vor den Christus, vor den Sohn Gottes hin.
[ 28 ] Without infusing knowledge with love, one cannot truly assimilate the knowledge provided by anthroposophy; otherwise, it remains something that is entirely equivalent to other forms of knowledge. It makes no difference whether you say, along with some materialistic natural scientist: marsupials, great apes, ape-men, humans—or whether you say: The human being consists of a physical body, an etheric body, an astral body, and an “I.”—It is merely a different way of thinking, but the status of the soul remains the same. The status of the soul only changes when this spiritual understanding of the human being within nature becomes inwardly alive. But it is not possible unless the same feeling, the same sensation, the same state of the soul—which lives in love—accompanies this understanding. And when one thus imbues one’s understanding with the experience of love, then this understanding draws near to the Mystery of Golgotha. And then we have not only the naive inclination toward Christ—which, as I said, is entirely justified in and of itself—but we also have a realization that extends throughout the entire cosmos and can deepen into a grasp of the Mystery of Golgotha. In other words: Life in the Holy Spirit leads to life in Christ, or toward Christ, toward the Son of God.
[ 29 ] Und dann lernen wir begreifen, wie in der Tat der Logos übergegangen ist durch das Mysterium von Golgatha von dem Vater auf den Sohn. Und dann wird uns das Wichtige enthüllt, daß es für die alten Menschen richtig war, zu sagen «Im Urbeginne war der Logos. Und der Logos war bei Gott, und ein Gott war der Logos», daß aber dann angefangen werden mußte in der griechischen Zeit, zu sagen: «Und der Logos ist Fleisch geworden.» Und der moderne Mensch muß hinzusetzen: Und ich muß finden ein Verständnis des im Fleische lebenden Logos dadurch, daß ich meine Begriffe und Ideen, daß ich meine ganze Welterfassung ins Geistige erhebe, so daß ich durch den Heiligen Geist den Christus, und durch den Christus erst den Vatergott finde.
[ 29 ] And then we come to understand how, in fact, the Logos passed from the Father to the Son through the Mystery of Golgotha. And then the crucial point is revealed to us: that it was correct for the ancients to say, “In the beginning was the Logos. And the Logos was with God, and the Logos was God,” but that in the Greek era it became necessary to add: “And the Logos became flesh.” And modern man must add: And I must find an understanding of the Logos living in the flesh by elevating my concepts and ideas—my entire worldview—into the spiritual realm, so that through the Holy Spirit I may find Christ, and through Christ alone, God the Father.
[ 30 ] Das ist ganz gewiß nichts Theoretisches, das ist etwas, was ins unmittelbare Erleben des modernen Menschen eingehen kann, und das ist die Stellung zum Christentum, die sich auf ganz naturgemäße Weise aus der Anthroposophie heraus ergibt.
[ 30 ] This is certainly not something theoretical; it is something that can become part of modern human beings’ immediate experience, and it is the attitude toward Christianity that arises quite naturally from anthroposophy.
[ 31 ] Es ist schon so, daß dieses Erfassen eines Geistesweges dem modernen Menschen unerläßlich ist. Er braucht dieses Erfassen eines Geistesweges gerade gegenüber der toten Kultur, die in dem durchaus nicht herunterzusetzenden, sondern von der anderen Seite aufs höchste zu schätzenden Mechanismus unseres heutigen Lebens besteht. Aber es gehört, ich möchte sagen, ein innerer Ruck dazu, damit der moderne Mensch auf diesen Geistesweg komme. Und diesen inneren Ruck — ich habe es vor kurzem hier einmal ein wirkliches Aufwachen genannt — möchten viele nicht entwickeln. Und das macht eigentlich die moderne Gegnerschaft gegen die Anthroposophie aus, daß dieser Ruck nicht mitgemacht werden will in der Seele. Es hat etwas Unbequemes, diesen Ruck mitzumachen. Man wird gewissermaßen durch diesen Ruck in den Strudel des kosmischen Werdens hineingerissen. Man möchte ruhig bleiben mit seinen starren, scharf konturierten Begriffen, die nur auf das Tote gehen, das sich nicht wehrt im Erfassen der Welt, während das Lebendige, wenn man es mit den toten Begriffen erfassen will, sich wehrt, sich bewegt und aus den Begriffen herausschlüpft. Das ist dem modernen Menschen unbequem. Er fühlt das. Er kleidet es in allerlei andere Dinge, und er wird geradezu wild, wenn er hört, daß man von einer gewissen Seite aus ein ganz anderes Erfassen der Welt auf den verschiedensten Gebieten des Lebens will.
[ 31 ] It is indeed true that this grasping of a spiritual path is indispensable for modern human beings. They need this grasping of a spiritual path precisely in the face of the “dead culture” that consists of the mechanisms of our present-day life—mechanisms that should by no means be disparaged, but rather, viewed from another perspective, should be held in the highest regard. But it requires, I would say, an inner jolt for modern people to embark on this spiritual path. And this inner jolt—which I recently referred to here as a true awakening—is something many do not wish to experience. And this is actually what constitutes the modern opposition to anthroposophy: the refusal of the soul to undergo this jolt. There is something uncomfortable about going along with this jolt. In a sense, this jolt pulls one into the maelstrom of cosmic becoming. One would prefer to remain at peace with one’s rigid, sharply defined concepts, which apply only to the dead—that which offers no resistance when one seeks to grasp the world—while the living, when one attempts to grasp it with these dead concepts, resists, moves, and slips out of the grasp of those concepts. This is uncomfortable for modern people. They sense it. They cloak it in all sorts of other things, and they become downright frantic when they hear that, from a certain perspective, a completely different way of understanding the world is being sought in the most diverse areas of life.
[ 32 ] Nur aus dieser Stimmung heraus sind die ja ganz absonderlichen Dinge zu erklären, die gerade bei der Gegnerschaft der Anthroposophie auftreten. Man braucht nur einige Erscheinungen der allerletzten Zeit zu erwähnen, und man wird dieses Absonderliche durchaus fühlen können.
[ 32 ] It is only in light of this atmosphere that one can explain the truly peculiar phenomena that are occurring, particularly among the opponents of anthroposophy. One need only mention a few recent occurrences to fully appreciate just how peculiar this is.
[ 33 ] Wir haben hier das große Unglück des Verlustes unseres Goetheanum. Wir können ganz gut wissen, daß, was auch immer möglich ist an Wiederaufbau, dieses alte Goetheanum uns nicht mehr erstehen kann, daß dieses alte Goetheanum nur eine Erinnerung bleiben kann, und daß es ein wirklich ungeheurer Schmerz ist, sich sagen zu müssen: Es ist versucht worden mit diesem Goetheanum, jenen Kunststil zu finden, der der neuen Geistigkeit entspricht, und dieser Kunststil, von dem man gewollt hat, daß er anregend wirkt, ist eigentlich mit diesem Goetheanum zunächst vom Erdboden verschwunden. Man braucht die Tatsache nur auszusprechen, um das ungeheuer Schmerzvolle, das in dem Untergang des Goetheanum liegt, zu empfinden.
[ 33 ] We are faced here with the great misfortune of the loss of our Goetheanum. We know full well that, no matter what might be possible in terms of reconstruction, that old Goetheanum can never be restored to us, that it can remain only a memory, and that it is a truly immense pain to have to say to ourselves: With this Goetheanum, an attempt was made to find the artistic style that corresponds to the new spirituality, and this artistic style—which was intended to have an inspiring effect—has, in fact, vanished from the face of the earth along with the Goetheanum. One need only state this fact to feel the immense pain inherent in the destruction of the Goetheanum.
[ 34 ] Nun ist es ja sonst üblich, daß dem Unglück gegenüber selbst die Gegner aufhören, eine pietätlose und höhnische Sprache zu führen. Just dem Unglück des Goetheanum-Brandes gegenüber finden es aber die Gegner richtig und angemessen, ihre Gegnerschaften noch höhnender und noch schimpfender zu entfalten. Das ist eben das Absonderliche. Und das ist etwas, was sich in würdiger, aber eigentlich unwürdiger Weise an das andere anreiht.
[ 34 ] It is usually the case that, in the face of misfortune, even opponents refrain from using irreverent and scornful language. Yet in the face of the misfortune of the Goetheanum fire, the opponents find it right and appropriate to express their opposition in an even more mocking and abusive manner. That is precisely what is so peculiar. And that is something that follows on from the other in a dignified, yet actually undignified, manner.
[ 35 ] Die anthroposophische Bewegung wurde begonnen als eine rein positive Wirksamkeit. Niemand wurde attackiert, niemand wurde angegriffen, keine Agitation wurde sonst getrieben, als daß gesagt wurde, was eben auf anthroposophische Art erforscht werden kann. Gewartet wurde ruhig, bis diejenigen Seelen, die nun eben in der Gegenwart vorhanden sind, aus den Impulsen ihrer Seelen herbeikommen, um Verständnis zu haben für das, was aus der geistigen Welt heraus gesagt werden soll. Auf das hin war die ganze anthroposophische Arbeit veranlagt: nicht in wüster Weise zu agitieren, nicht Programme aufzustellen, sondern einfach zu sagen, was ist, nach den Erforschungen der geistigen Welt, und zu warten, in welchen Seelen die Sehnsucht nach Erkenntnis dieses Seienden vorhanden ist.
[ 35 ] The anthroposophical movement began as a purely positive force. No one was attacked, no one was criticized, and no agitation was carried out other than stating what could be investigated in the anthroposophical way. We waited patiently until those souls who are now present in the here and now would be drawn here by the impulses of their own souls to gain an understanding of what is to be conveyed from the spiritual world. The entire anthroposophical endeavor was structured accordingly: not to agitate recklessly, not to draw up programs, but simply to state what is, based on research into the spiritual world, and to wait and see in which souls the longing for knowledge of this reality is present.
[ 36 ] Nun gibt es heute zahlreiche Menschen, welche Gegner der AnthroPposophie sind, ohne daß sie überhaupt wissen warum, die nur mitlaufen mit anderen, von denen sie angeführt werden. Aber es gibt immerhin einige, die wissen sehr gut, warum sie Gegner der Anthroposophie sind. Sie wissen es, weil sie sehen, daß auf anthroposophischem Boden Wahrheiten herauskommen, die jenen eben charakterisierten Ruck fordern. Und das will man nicht. Das will man aus den verschiedensten Gründen nicht, weil man so geartete Wahrheiten einfach immer in engen Kreisen bewahren wollte, um durch den Besitz solcher Wahrheiten als eine Art kleiner geistiger, aristokratischer Gruppen hinauszuragen über die allgemeine Menschheit. Daher wird vorzugsweise derjenige gehaßt, der gegenüber dem, was einfach im Geiste der heutigen Zeit liegt, die Wahrheit aus der geistigen Welt für alle Menschen holt. Aber zu gleicher Zeit wissen diese Gegner — ich meine diese führenden Gegner —, daß ja gegen die Wahrheit als solche nichts gemacht werden kann, daß diese ihren Weg durch die engsten Felsenspalten hindurch findet, welche Hindernisse ihr auch entgegentreten mögen. Daher wird zumeist nicht der Weg eingeschlagen, gegen diese Wahrheiten zu kämpfen; da würden diese Wahrheiten schon die Mittel und Wege finden, den Gegner aus dem Felde zu schlagen. Sehen Sie sich die Gegnerschaften an — und es wäre gut, wenn in anthroposophischen Kreisen man recht viel die Gegnerschaften ansehen würde —, man sieht ab von der Bekämpfung der Wahrheiten und legt das Hauptgewicht auf die persönlichen Angriffe, persönlichen Verdächtigungen, persönlichen Beschimpfungen, persönlichen Verleumdungen. Der Wahrheit glaubt man nichts antun zu können, man will sie aber aus der Welt schaffen; deshalb glaubt man sie aus der Welt schaffen zu können durch den Weg der persönlichen Verunglimpfung. Das ist etwas, was in der Art des Kampfes gerade hinweist darauf, wie gut die führenden Gegner wissen, in welcher Weise sie vorzugehen haben, damit sie einen zeitweiligen Sieg erringen.
[ 36 ] Today, there are many people who oppose anthroposophy without even knowing why; they simply follow along with others who lead them. But there are at least some who know very well why they oppose anthroposophy. They know it because they see that truths emerge from anthroposophical thought that demand precisely that jolt I just described. And that is what they do not want. They do not want this for a wide variety of reasons, because they have always wanted to keep such truths confined to narrow circles, so that, by possessing them, they might stand out from the rest of humanity as a kind of small, spiritual, aristocratic group. That is why they particularly hate the one who, in contrast to what is simply in the spirit of the times, brings the truth from the spiritual world to all people. But at the same time, these opponents—I mean the leading opponents—know that nothing can be done against the truth as such, that it finds its way even through the narrowest crevices in the rock, no matter what obstacles may stand in its way. Therefore, they usually do not choose to fight against these truths; for then these truths would find their own ways and means to defeat the opponent. Look at the opposition—and it would be good if, in anthroposophical circles, people were to take a close look at the opposition—and you will see that, rather than combating the truths, the main emphasis is placed on personal attacks, personal suspicions, personal insults, and personal slander. They believe they cannot harm the truth itself, but they want to eliminate it; therefore, they believe they can eliminate it through personal denigration. This is something that, in the nature of the struggle, clearly indicates just how well the leading opponents know how to proceed in order to achieve a temporary victory.
[ 37 ] Das aber ist etwas, was gerade unter Anthroposophen gewußt werden sollte; denn noch immer glauben Anthroposophen, daß man durch eine gewöhnliche Diskussion mit dem Gegner etwas erreichen kann. Es kann uns ja nichts mehr schaden, als wenn es uns in Diskussionen gelingt, unsere Wahrheit darzustellen, denn wir werden nicht deshalb gehaßt, weil wir die Unwahrheit sagen, sondern weil wir die Wahrheit sagen. Und je mehr es uns gelingt zu zeigen, daß wir die Wahrheit sagen, desto mehr wird das der Fall sein.
[ 37 ] But this is something that should be understood, especially among anthroposophists; for anthroposophists still believe that one can achieve something through an ordinary discussion with an opponent. After all, nothing can harm us more than succeeding in presenting our truth in discussions, for we are not hated because we speak untruths, but because we speak the truth. And the more we succeed in showing that we speak the truth, the more this will be the case.
[ 38 ] Natürlich kann es einen davon nicht abhalten, für die Wahrheit einzutreten. Aber abhalten kann es einen davon, die Naivität zu bewahren [zu glauben], daß man durch Diskussionen vorwärtskommt. Man kommt nur durch positive Arbeit vorwärts. Man kommt nur dadurch vorwärts, daß man so stark als möglich die Wahrheit vertritt, damit so viel als möglich prädestinierte Seelen, die viel mehr, als man meint, in der Gegenwart vorhanden sind, herbeikommen, um an ihr die Geistesnahrung zu finden, die notwendig ist, wenn für die Zukunft der Menschen nicht Abbau, sondern Aufbau getrieben werden soll, wenn eine Aufwärtsentwickelung, nicht eine Abwärtsentwickelung stattfinden soll.
[ 38 ] Of course, this cannot prevent one from standing up for the truth. But it can prevent one from clinging to the naïve belief that progress is made through discussion. Progress is made only through positive work. One makes progress only by upholding the truth as strongly as possible, so that as many predestined souls as possible—who are present in far greater numbers than one might think—may come to find in it the spiritual nourishment that is necessary if, for the future of humanity, we are to pursue construction rather than destruction, if upward development, rather than downward development, is to take place.
[ 39 ] Aus dem Chaos der Gegenwart ist nicht herauszukommen auf materiellem Wege. Aus dem Chaos der Gegenwart ist nur herauszukommen auf dem geistigen Wege. Aber auf den geistigen Weg kann man sich nur begeben, wenn man den Geist als Führer wählt. Und in rechtem Sinne den Geist als Führer zu wählen, zu verstehen, wie man ihn wählt, das ist es, was Anthroposophen in tiefstem Sinne erkennen und durchschauen müssen.
[ 39 ] There is no material way out of the chaos of the present. The only way out of the chaos of the present is through the spiritual path. But one can only embark on the spiritual path if one chooses the spirit as one’s guide. And to choose the spirit as one’s guide in the true sense—to understand how to choose it—that is what anthroposophists must recognize and comprehend in the deepest sense.
