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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophie als Kosmosophie
Erster Teil
Wesenszüge des Menschen im irdischen und kosmischen Bereich
GA 222

18 March 1923, Dornach

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Indem wir auf dasjenige zurückblicken, was in den letzten Betrachtungen Ihnen vorgeführt wurde in bezug auf das Geschehen, die Tatsachen und Handlungen in den übersinnlichen Welten — es war ja das alles mehr oder weniger eine Ergänzung meines Schriftchens «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» —, werden Sie verstehen, daß es in unserer Zeit im wesentlichen darauf ankommt, einzusehen, daß sich das große, gewaltige Ereignis auswirkt, von dem ich sagte, daß es in der Hauptsache dem 4. nachchristlichen Jahrhundert angehört, und daß es die Übergabe der Verwaltung der Weltgedanken von seiten der Geister der Form an die Geister der Persönlichkeit oder Urkräfte ist. Wenn wir den ganzen Sinn, den kosmischen Sinn dieses bedeutsamen Ereignisses ins Auge fassen, so können wir sagen: Er besteht durchaus darin, der Menschheit im Verlaufe ihrer Entwickelung dasjenige zu geben, was sie bekommen soll in unserem gegenwärtigen fünften nachatlantischen Zeitraum, in dem Zeitraum der Bewußtseinsseelenentwickelung, nämlich die innere menschliche Freiheit, die Möglichkeit für den einzelnen Menschen, aus sich selbst heraus zu handeln. Wir wissen ja, daß im wesentlichen die menschliche Erdenentwickelung eine Art Vorbereitung war für diesen Zeitraum, daß in dem Menschen erst die Naturgrundlage geschaffen werden mußte, damit er innerhalb dessen, was er geworden ist durch diese Naturgrundlage, dann sein Seelisches in sich zur Freiheit entwickeln kann. Wie hängt dies nun zusammen mit jenem charakterisierten übersinnlichen Ereignisse?

[ 2 ] Wenn wir in großen Zügen dieses Ereignis uns vor die Seele stellen, so können wir sagen: Wir überblicken auf der einen Seite die geistige Welt so, daß die hauptsächlichsten geistigen Führer der Menschheit diejenigen Wesenheiten sind, die wir ansprechen müssen als Geister der Persönlichkeit, als Archai; aber solche Geister der Persönlichkeit, solche Archai, welche die Verwaltung der Weltgedanken aus den Händen der Exusiai, der Geister der Form, erhalten haben. Diese Archai, denen also gewissermaßen die Menschheit in ihrer Entwickelung die Möglichkeit verdankt, durch eigene innere Seelenarbeit zu Gedanken zu kommen, werden beeinträchtigt in ihrer Wirksamkeit durch jene Wesenheiten, die als Exusiai, als Geister der Form zurückgeblieben waren auf einer früheren Entwickelungsstufe, von solchen Wesenheiten, die gewissermaßen als Geister der Form die Verwaltung der kosmischen Gedanken nicht abgetreten haben. Und der Mensch wird nun einmal in diesem Bewußtseinsseelenzeitraum, in dem wir seit dem 15. Jahrhundert drinnen leben, vor die große Wahl gestellt, in irgendeiner seiner Inkarnationen vor die große Wahl gestellt, sich wirklich zur Freiheit zu entscheiden, oder, was dasselbe ist, die Möglichkeit dieser Freiheit durch seine Hinwendung zu den richtigen Archai zu erhalten.

[ 3 ] Wir sehen allerdings in unserem Zeitalter, wie die Menschen sich sträuben, sich loszumachen von jenen geistigen Wesenheiten, die als Exusiai nicht die Gedankenentwickelung haben abtreten wollen. Welche Rolle diese Wesenheiten in der gegenwärtigen Menschheitsentwikkelung spielen, wir können es uns klarmachen, wenn wir sehen, welche Rolle die entsprechenden, in normaler Entwickelung begriffenen Exusiai in älteren Zeiten mit Recht gehabt haben.

[ 4 ] In älteren Zeiten haben ja die Menschen nicht so ihre Gedanken entwickelt, wie sie das heute zu tun haben. Sie haben ihre Gedanken nicht in innerer Aktivität, nicht in innerer Arbeit entwickelt. Sie haben ihre Gedanken entwickelt, indem sie sich hingegeben haben dem Anschauen der äußeren Natur, und so wie wir heute die Farben, die Töne wahrnehmen, auch zu gleicher Zeit die Gedanken wahrgenommen. Aber in noch älteren Zeiten, in denen die Menschen dem instinktiven, unbewußten Hellsehen sich hingegeben haben, haben sie mit den Bildern des unbewußten Hellsehens zugleich die Gedanken als eine Gabe der göttlich-geistigen Welten empfangen. Die Menschen haben sich also die Gedanken nicht erarbeitet, die Menschen haben die Gedanken empfangen. Das mußten sie in älteren Zeiten.

[ 5 ] Geradeso wie das Kind zuerst seine physische Natur entwickeln muß, wie das Kind zunächst eine Grundlage schaffen muß für dasjenige, was es erst im späteren Leben lernen kann, so konnte die Menschheit als Ganzes zu der inneren aktiven Entwickelung einer Gedankenwelt nur dann kommen, wenn erst von außen herein an der gesamten menschlichen Natur diese Gedankenwelt arbeitete.

[ 6 ] Diese Vorbereitungszeit mußte also durchgemacht werden. Aber in dieser Vorbereitungszeit konnte der Mensch eigentlich niemals sagen, daß er dazu berufen sei, ein freies Wesen zu werden. Denn wie Sie aus meiner «Philosophie der Freiheit» ersehen können, ist die Grundbedingung der menschlichen Freiheit eben diese, daß der Mensch seine Gedanken in innerer Aktivität selber entwickelt, und daß er aus diesen selbst entwickelten Gedanken, die ich in meiner «Philosophie der Freiheit» die reinen Gedanken genannt habe, auch die moralischen Impulse schöpfen kann.

[ 7 ] Solche auf dem Grund des eigenen menschlichen Wesens ersprießenden moralischen Impulse gab es nicht und konnte es nicht geben in den älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung. Da mußten mit den Gedanken, die gleichsam gottgegeben waren, wie Gebote, die absolut bindend waren und die den Menschen unfrei machten, zugleich die moralischen Impulse gegeben werden. Gerade diese Seite der Sache finden Sie in meiner «Philosophie der Freiheit» dargestellt: den Übergang der Menschheit von der Gebundenheit in den Geboten, welche die Freiheit ausschließen, zu dem Handeln aus der sittlichen Intuition heraus, welche die Freiheit einschließt.

[ 8 ] Nun ist es bei den Geistern der Form so, daß sie immer von außen herein im Menschen etwas bewirken. Alles dasjenige, was der Mensch von außen herein in seinem eigenen Wesen bewirkt hat, alles das enthält die Taten der Geister der Form. Und es war eben durchaus so, daß, solange die Geister der Form den Menschen die kosmischen Gedanken eingepflanzt haben, die Gedanken etwas waren, was entweder, ich möchte sagen, aus Steinen, Pflanzen, Tieren den Menschen wie Wahrnehmungen entgegenkam, oder aber von innen aufstieg aus den menschlichen Instinkten und Trieben herauf. Da schwamm der Mensch gewissermaßen auf den Wogen des Lebens, und die Wogen des Lebens wurden aufgeworfen — aber auch beruhigt, insofern sie Gedanken aufwarfen — von den Geistern der Form. Von außen kam also an den Menschen dasjenige heran, was er in seinem Inneren dann ergriff. Daher fühlte sich der Mensch auch in jenen älteren Zeiten seinen Göttern gegenüber so, daß er vorzugsweise nach den Göttern suchte als nach den Ursachen des Weltgeschehens und seiner selbst. Wenn der Mensch von den Göttern sprach, so sprach er so, daß er in den Göttern die Ursache dessen suchte, was er auf Erden ist, was Naturerscheinungen auf der Erde sind. Der Mensch ging immer zu den Göttern als zu den Ursachen der Dinge zurück: Woher kommt die Welt? Woher komme ich selbst? — Das waren die großen religiösen Fragen der älteren Menschheit.

[ 9 ] Wenn Sie die alten Mythen durchgehen, so werden Sie immer finden, sogar bis in die biblische Schöpfungsgeschichte herein: es sind Genesis-Mythen, auf die da hingewiesen wird, weil man nach dem Ursprung der Welt vorzugsweise zunächst suchte, aber auch bei diesem Suchen nach dem Ursprung der Welt im wesentlichen stehen blieb.

[ 10 ] Diese ganze Stimmung der Menschenseele, sie war dadurch gegeben, daß eben der Mensch in seiner Gedankenwelt von den Geistern der Form abhängig war. Bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert herein, und in den Nachwirkungen noch bis ins 15. Jahrhundert waren gewissermaßen die Geister der Form in der Weltenordnung — wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf — vollberechtigt, die ganze Gedankenregierung, die Gedankenverwaltung zu haben, und das Denken, die Gedankenentfaltung von außen an den Menschen heranzubringen.

[ 11 ] Seit jener Zeit ist es anders geworden. Seit jener Zeit haben die Exusiai, die Geister der Form eben die Gedankenverwaltung an die Archai abgegeben. Aber wie verwalten die Archai diese Gedanken? Nun nicht mehr so, wenn sie selbst sie verwalten, daß sie den Menschen sie einflößen, daß sie den Menschen sie von außen hineinlegen, sondern daß sie den Menschen selber die Möglichkeit geben, diese Gedanken zu entwickeln. — Wie kann das sein?

[ 12 ] Das kann eben dadurch sein, daß wir Menschen ja alle durch eine große Anzahl von Erdenleben durchgegangen sind. In jenen älteren Zeiten, in denen die Exusiai mit Recht die Gedanken von außen heranbrachten, waren die Menschen noch nicht durch so viele Erdenleben gegangen wie in der jetzigen Zeit. Da konnten sie noch nicht in sich, wenn sie wirklich den Impuls dazu in sich rege machten, die eigene Aktivität finden, um die Gedankenkraft in sich selber zu erzeugen. Wir leben heute, sagen wir, in der so und so vielten Erdeninkarnation. Und wenn wir nur den Willen dazu haben — denn auf den Willen kommt es an —, dann können wir in uns dasjenige finden, was Kraft ist, eine eigene Gedankenwelt aus uns heraus zu erzeugen, eine individuelle Gedankenwelt, wie ich es auch in der «Philosophie der Freiheit» ausgeführt habe.

[ 13 ] Aber nehmen Sie nun diesen Gedanken völlig ernst! Denken Sie daran, daß wir in das Zeitalter eingetreten sind, in dem der Mensch aus seinem eigenen Inneren heraus beschäftigt ist, seine Gedanken sich zu erarbeiten, seine Gedanken zu formen. Er steht aber nun auch als einzelner in der Welt da. Diese Gedanken würden gewissermaßen isoliert in der Welt dastehen, keine Bedeutung für den Kosmos haben, wenn nicht geistige Wesenheiten da wären, welche den Gedanken, den sich der Mensch in seiner Freiheit erarbeitet, nun in der rechten Weise als Kraft und Impuls dem Kosmos einfügten. Und so haben wir den Fortschritt, der gegeben ist von der Gedankenverwaltung durch die Geister der Form zu jener durch die Geister der Persönlichkeit.

[ 14 ] Die Geister der Form haben gewissermaßen aus dem allgemeinen kosmischen Reservoir der Gedanken diese Gedanken herausgeschöpft, um sie von außen an den Menschen heranzubringen. Der Mensch hat die Weltengedanken in sich aufgenommen, mußte sich fühlen als eine Art von Geschöpf, das sich fortbewegt innerhalb der von den Geistern der Form im Kosmos erzeugten Fluten und Wellen. Da war die Gedankenwelt so im Kosmos darinnen, daß sie ihre Harmonie auf den Menschen selber übertrug. Aber der Mensch war ein unfreies Wesen innerhalb des Kosmos. Nun hat der Mensch die Freiheit erlangt, seine eigenen Gedanken sich zu erarbeiten; sie würden aber alle im Kosmos Gedanken-Eremiten bleiben, wenn sie nun nicht aufgenommen und in die kosmische Harmonie wiederum zurückgetragen würden. Und das geschieht eben durch die Archai in unserem Zeitalter.

[ 15 ] Hier ist die Grundlage dafür geschaffen, jenen ungeheuer bedeutsamen historischen Zwiespalt, der heraufgekommen ist in der neueren Zeit und der die Menschenseelen in so unendliche Verwirrung gebracht hat, zu lösen. Sehen wir denn nicht diesen Zwiespalt? Ich habe Ihnen von andern Gesichtspunkten aus öfter erwähnt, wie der Mensch auf der einen Seite lernt, daß der ganze Kosmos von einer Naturordnung durchzogen ist, daß diese Naturordnung auch in die eigene menschliche Wesenheit hereinspielt, daß da einstmals ein Urnebelgebilde war, aus dem sich Sonne und Planeten herausgeballt haben, aus dem sich wieder der Mensch selber herausgeballt hat. Sehen wir nicht auf der einen Seite das System der kosmischen Naturgesetze, in das der Mensch sich eingespannt fühlt? Und sehen wir nicht auf der andern Seite, wie der Mensch, um seine wirkliche Menschenwürde zu wahren, darauf angewiesen ist, indem er nun dasteht als naturgegebenes Wesen, in sich rege zu machen den Gedanken an eine moralische Weltenordnung, auf daß seine moralischen Impulse nicht verfliegen im Weltenall, sondern Realität haben?

[ 16 ] Ich möchte sagen, an einem gewissen philosophischen Spintisieren ist dieser Zwiespalt immer wieder und wiederum im Laufe des 19. Jahrhunderts angekommen. Sehen Sie sich innerhalb des Protestantismus jene religiösen Kämpfe an, die sich zum Beispiel an die Ritschlsche Schule knüpfen. Als solche religiös-philosophisch-theologische Kämpfe kennen sie ja die meisten Menschen nicht, denn sie haben sich im engen Rahmen der theologischen oder philosophischen Schulen abgespielt. Aber das, was sich in diesem engen Rahmen der theologischen oder philosophischen Schulen abspielt, bleibt ja nicht darinnen. Es kommt ja nicht darauf an, daß Sie oder überhaupt die Menschheit alle miteinander wissen, was Ritschl über die moralisch-göttliche Weltenordnung, über die Persönlichkeit Jesu gedacht hat. Aber was solche Persönlichkeiten im Laufe des 19. Jahrhunderts über die Persönlichkeit Jesu gedacht haben, das rinnt hinunter und lebt schon in den Lehren, die den sechs- bis zwölfjährigen Kindern beigebracht werden. Das wird ja allgemein menschliche Seelenverfassung, und ist allgemein menschliche Seelenverfassung geworden. Und wenn auch die Menschen sich das nicht zur vollen Klarheit bringen, es ist doch so, daß es als unbestimmte Gefühle, als Unbefriedigtheit des Lebens in ihnen vorhanden ist, und daß es dann in solch chaotisches Handeln übergeht, das endlich ein solches chaotisches Zeitalter heraufbringen mußte, wie dasjenige ist, in dem wir leben. Das ist eben die große bange heutige Menschheitsfrage, die dadurch entsteht, daß der Mensch sich sagen muß: Da ist die naturgesetzliche Welt, ausgegangen von dem Urnebel, endend einmal im Wärmetod, wo alles, was seelisch-geistig ist, in der nicht mehr in sich beweglichen, sondern in einem allgemeinen Wärmezustand existierenden Welt untergegangen sein wird, so daß der große Friedhof da sein müßte. Alle moralischen Ideale, die aus der Individualität des einzelnen Menschen hervorgehen, würden erstorben sein.

[ 17 ] Der Mensch macht sich das heute nicht klar, weil er nicht ehrlich genug dazu ist. Aber alles, was er aus der heutigen Zivilisation entnimmt, müßte ihn dazu führen, an diesem ungeheuer bedeutsamen Zwiespalt in seiner Weltanschauung zu kranken — nur weiß er es nicht —, daran zu kranken, daß eine natürliche Welt da ist, der er unterworfen ist, daß er annehmen muß eine sittliche Welt, und daß er keine Möglichkeit hat aus seiner heutigen Anschauung heraus, den sittlichen Ideen eine Realität zuzuschreiben.

[ 18 ] So war es nicht für eine ältere Menschheit. Eine ältere Menschheit empfand, daß sie ihre sittlichen Ideen von den Göttern hatte. Das war in der Zeit, als eben die Exusiai, die Geister der Form dem Menschen die Gedanken einflößten, also auch die sittlichen Gedanken. Da wußte der Mensch, daß wahrhaftig, möge auch die Erde dem Wärmetod verfallen, in der Zukunft da sein werden die göttlich-geistigen Wesenheiten, welche aus dem ganzen Kosmos heraus die Weltgedanken haben. So daß der Mensch wußte: nicht er macht die Gedanken, sie sind so da, wie die äußeren Naturvorgänge da sind; sie mußten also eine immerwährende Existenz haben wie die äußeren Naturvorgänge.

[ 19 ] Man muß sich das nur ganz klarmachen, daß heute viele Menschen eben immer mehr und mehr mit dem Leben nicht fertigwerden. Die einen gestehen sich das — es sind vielleicht noch die besten —, die andern gestehen sich das nicht, aber durch ihr Handeln entsteht das allgemeine Weltenchaos, in das wir hineingeraten sind.

[ 20 ] Aber alles, was heute als Weltenchaos, als Weltenunordnung da ist, das ist die tatsächliche Folge dieses inneren Zwiespaltes, dieses Nichtwissens, inwiefern die moralische Weltenordnung eine Realität hat. Es möchten sich die Menschen stumpf machen gegenüber den großen Weltfragen, da sie sich nicht aufraffen wollen, sich zu gestehen, wo der Zwiespalt eigentlich liegt. Sie möchten ihn am liebsten vergessen. Nun, mit dem, was man heute unsere äußere Zivilisation nennt, läßt sich der Zwiespalt nicht lösen. Er läßt sich allein lösen auf demjenigen Boden einer geistigen Weltanschauung, der durch die Anthroposophie gesucht wird. Und da kommt man eben dazu, einzusehen, wie Archai da sind, welche nunmehr die Aufgabe im Kosmos, in der kosmischen Führung erhalten haben, die Gedanken der Menschen, die nun isoliert, durch innere Arbeit in der Seele entstehen, wirklich überall anzuknüpfen an die Weltenvorgänge, sie überall einzuordnen.

[ 21 ] Und in einer großartigen, gewaltigen Weise findet der Mensch wiederum den Boden für die moralische Weltenordnung gerade auf diese Weise. Wie findet er ihn? Nun, der Mensch könnte nicht frei werden, wenn er nicht das Gefühl entwickeln könnte: Du entfaltest deine Gedanken aus deiner eigenen Individualität heraus; du bist der Erarbeiter deiner Gedanken.

[ 22 ] Aber damit reißen wir zu gleicher Zeit die Gedanken los vom Kosmos. Es war gewissermaßen in alten Zeiten so: Wenn ich hier das Meer der kosmischen Gedanken aufzeichne (siehe Zeichnung, gelb) und da die Menschen wären, die ich schematisch so zeichne (rot), dann müßte ich dasjenige, was in jedem Menschen als sein Teil der kosmischen Gedankenwelt hineinkäme, so zeichnen (gelb). Der Mensch hing an der kosmischen Gedankenwelt, sie senkte sich in ihn hinein. Daß es so sein konnte, ergab sich aus dem Wirken der Geister der Form.

[ 23 ] Das ist im Laufe der Menschheitsentwickelung anders geworden. Wir haben hier das Meer der kosmischen Gedanken (siehe Zeichnung, gelb), die Verwaltung ist übergegangen an die Archai. Wenn ich nun da unten die einzelnen Menschen zeichne, so ist dasjenige abgeschnürt, was ihre Gedanken sind; es hängt nicht mehr mit den kosmischen Gedanken zusammen. — Das muß so sein. Denn niemals könnte der Mensch ein freies Wesen werden, wenn er nicht seine Gedankenwelt abrisse vom Kosmos. Er muß sie abreißen, um ein freies Wesen zu werden; dann aber müssen sie wieder angeknüpft werden. Was also notwendig ist, das ist die Verwaltung dieser Gedanken — die ja zunächst das menschliche Leben nicht unmittelbar angeht (grün), sondern den Kosmos angeht — durch die Archai, die Geister der Persönlichkeit.

[ 24 ] Aber nun nehmen wir diesen Gedanken in moralischer Gesinnung, und fühlen wir, wie dieser Gedanke in moralischer Gesinnung so wird, daß wir uns sagen: Wir werden, wenn wir die geistige Welt betreten — sei es, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, sei es sonstwo, oder in der Erdenzukunft —, zusammentreffen mit den Geistern der Persönlichkeit, mit den Archai. Wir werden dann wahrnehmen können, was sie haben machen können mit unseren Gedanken, die zunächst um unserer Freiheit willen in uns isoliert waren. Und da werden wir unseren Menschenwert und unsere Menschenwürde an dem erkennen, was die Archai, die Geister der Persönlichkeit aus unseren Gedanken haben machen können. Und es wendet sich der kosmische Gedanke unmittelbar an moralische Gesinnung, an moralische Impulsivität.

[ 25 ] Es kann aus der richtig erfaßten Anthroposophie heute durchaus überall die moralische Impulsivität entspringen. Es muß nur mit dem ganzen Menschen dasjenige erfaßt werden, was Anthroposophie ist.

[ 26 ] Erfassen wir diesen Gedanken, den Gedanken der Verantwortlichkeit gegenüber den normal sich entwickelnden Archai, erfassen wir diese unsere geistige Beziehung im Kosmos richtig, dann leben wir uns auch richtig in unser Zeitalter herein, dann werden wir richtige Menschen unseres Zeitalters. Und dann werden wir in der richtigen Weise hinschauen auf das, was uns ja immer umgibt: nicht nur eine sinnliche Welt, sondern auch eine geistige Welt. Wir werden hinschauen auf diese geistigen Wesenheiten, die Archai, denen gegenüber der Mensch verantwortlich werden soll, wenn er in der richtigen Weise würdig seine Menschheitsentwickelung durchmachen will im Laufe der Erdenzeiten. Wir werden sehen, wie in der heutigen Zeit dem, was einmal die notwendige Weltenordnung war, auch noch gegenübersteht alles das, was übriggeblieben ist an solchen Geistern der Form, die noch immer die Gedanken in der alten Weise verwalten wollen. Und das ist der wichtigste Zivilisationseinschlag in unserer Zeit! Das sind die eigentlichen tieferen Aufgaben des Menschen: durch seine richtige Stellung zu den Archai, zu den Geistern der Persönlichkeit, frei zu werden, damit er auch die richtige Stellung zu den Geistern der Form gewinne, die heute mit der Gedankenverwaltung, die sie ebenso noch machen wollen wie früher, nicht im Rechte sind, die aber einstmals in ihrem Rechte waren. Und wir werden auf der einen Seite dasjenige finden, was in der Welt heute das Leben schwierig macht, wir werden aber auch überall die Wege aus den Schwierigkeiten der Welt heraus finden. Nur müssen wir diese Wege als freie Menschen suchen. Denn wenn wir keinen Willen haben zur freien Gedankenentwickelung, was sollen dann die Archai mit uns anfangen?

[ 27 ] Dasjenige, worauf es ankommt in unserem Zeitalter, das ist, daß der Mensch wirklich ein freies Wesen sein will. Meistens will er es ja zunächst noch nicht. Er muß sich erst hineinfinden, es zu wollen. Dem Menschen wird es heute noch schwer, sich als freies Wesen zu wollen. Er möchte eigentlich am liebsten, daß er das, was ihm gefällt, wünschen kann, und daß dann die richtigen Geister da wären, die seine Wünsche auf eine unsichtbare übersinnliche Art ausführen. Dann würde er sich vielleicht frei fühlen, menschenwürdig fühlen! Wir brauchen nur ein paar Inkarnationen herankommen zu lassen, gar nicht einmal so lange Zeit, nur etwa das Jahr 2800 oder 3000, dann werden wir uns gar nicht mehr verzeihen können in einer nächsten Inkarnation — wo wir ja zurückschauen werden auf die frühere Inkarnation —, daß wir einmal menschliche Freiheit verwechselt haben mit Förderung der menschlichen Bequemlichkeit durch nachsichtige Götter!

[ 28 ] Diese zwei Dinge verwechselt ja der Mensch heute: Freiheit, und Nachsicht von gütigen Göttern mit der menschlichen Bequemlichkeit, mit den bequemen menschlichen Wünschen. Heute wollen das viele Menschen noch, daß es gütige Götter gibt, die ihnen ihre Wünsche ohne viel Zutun ausführen. Wie gesagt, wir brauchen nur das Jahr 2800 oder 3000 herankommen zu lassen, in einer nächsten Inkarnation werden wir das dann sehr verachten. Aber gerade wenn wir heute richtige moralische Gesinnung entwickeln, so muß sie auch verbunden sein mit einer gewissen moralischen Stärke, welche die Freiheit wirklich will — die innere Freiheit zunächst; die äußere wird sich dann schon in der richtigen Weise entwickeln, wenn der Wille zur inneren Freiheit vorhanden ist. Dazu ist aber notwendig, daß man nun in rechter Weise beobachten kann, wo denn diese unberechtigten Geister der Form überall tätig sind.

[ 29 ] Nun, sie sind überall tätig. Ich könnte mir denken — der menschliche Intellekt hat ja solch einen luziferischen Hang —, daß es nun Menschen gäbe, die da sagen: Ja, es wäre doch viel vernünftiger für die göttliche Weltenordnung, wenn diese zurückgebliebenen Geister der Form da nicht wirtschaften würden, gar nicht da wären! — Menschen, die so denken, denen rate ich, als vernünftiger Mensch auch zu denken, daß sie sich nähren könnten, ohne daß sich der Darm zu gleicher Zeit mit unangenehmen Stoffen anfüllt. Das eine ist eben nicht möglich ohne das andere. Und so ist es in der Welt nicht möglich, daß die Dinge, die groß und gewaltig die Würde des Menschen bedingen, da seien ohne ihre entsprechenden Korrelate.

[ 30 ] Wo sehen wir denn nun zurückgebliebene Geister der Form tätig? In erster Linie sehen wir sie heute tätig in den nationalen Chauvinismen, die über die ganze Welt sich verbreiten, da, wo die Gedanken der Menschen sich nicht aus unmittelbarer innerster menschlicher Zentralität heraus entwickeln, sondern aus dem Blute heraus, aus dem, was aus den Instinkten aufflutet.

[ 31 ] In dieser Beziehung gibt es zweierlei Verhalten zu der Nationalität. Das eine ist dieses: Man verachtet die normalen Archai und gibt sich einfach demjenigen hin, was die zurückgebliebenen Geister der Form aus den Nationalitäten machen. Man wächst dann einfach aus der Nationalität herauf, pocht in chauvinistischer Weise auf das, was man dadurch geworden ist, daß man aus dem Blute einer Nationalität heraus geboren ist. Man redet aus der Nationalität heraus, seine Gedanken bekommt man mit der Sprache dieser Nationalität; mit der besonderen Form dieser Sprache bekommt man auch seine Gedankenformen. Man steigt auf aus demjenigen, was die Geister der Form aus den Nationalitäten gemacht haben.

[ 32 ] Und wenn man nun nachgeben will diesen zurückgebliebenen Geistern der Form und zu gleicher Zeit ein furchtbar ehrgeiziger Mensch ist, der durch das Schicksal an einen besonderen Posten gestellt ist, dann fabriziert man, gerade mit Rücksicht auf die nationalen Chauvinismen der Welt, «Vierzehn Punkte» und findet dann Anhänger, welche diese vierzehn Punkte Woodrow Wilsons als dasjenige betrachten, was der Welt etwas Großartiges geben soll.

[ 33 ] In Wahrheit gesehen, was waren sie, diese vierzehn Punkte Woodrow Wilsons? Sie waren etwas, was der Welt hingeworfen werden sollte, damit sie frönen kann dem, was die zurückgebliebenen Geister der Form ausgießen wollen über die verschiedenen Naturgrundlagen der Nationen. Sie waren unmittelbar von da her inspiriert.

[ 34 ] Man kann über alle diese Dinge reden von den verschiedensten Niveaus aus. Ganz dasselbe, was ich heute auf einem Niveau sage, das der Charakteristik von Archai und Exusiai entspricht, ganz dasselbe habe ich vor Jahren immer gesagt, um die Weltbedeutung dieser vierzehn Punkte von Woodrow Wilson zu charakterisieren, durch welche, weil sie die Welt in Illusionen gewiegt haben, so ungeheuer viel Unglück und Chaos in die Welt gekommen ist.

[ 35 ] Ferner sehen wir heute, wie das, was von diesen zurückgebliebenen Geistern der Form ausgeht, sich geltend macht in der einseitigen naturwissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung, wo ein wahrer Horror vorhanden ist — besser gesagt, eine scheußliche Angst davor besteht —, in die Aktivität der Gedanken überzugehen. Man soll sich heute nur einmal vorstellen, was für einen furchtbaren Spektakel ein richtiger Professor machen würde, wenn irgendein Student im Laboratorium ins Mikroskop schaute und irgendeinen Gedanken hervorbringen wollte. Das gibt es nicht! Da muß man sorgfältig nur dasjenige verzeichnen, was die äußere sinnliche Beobachtung gibt, gar nicht wissend, daß die ja nur die Hälfte der Wirklichkeit gibt, die andere Hälfte der Wirklichkeit wird eben im eigenen menschlichen Schaffen von Gedanken erzeugt. Da muß man aber wissen, was die gegenwärtige Mission der richtig entwickelten Archai ist. Es muß in der Wissenschaft, die verdorben wird durch die zurückbleibenden Geister der Form, geltend gemacht werden die richtige Mission der Geister der Persönlichkeit. Davor besteht heute die denkbar größte Angst.

[ 36 ] Nicht wahr, Sie kennen die bekannte Anekdote, wie nach den verschiedenen National-Naturgrundlagen Wissenschaft gemacht wird. So etwa wird gefragt: Wie geht es zu, wenn es sich heute darum handelt, in richtiger Zoologie ein Kamel kennenzulernen, wie machen das die verschiedenen Nationen? Der Engländer macht eine Reise in die Wüste, beobachtet das Kamel. Er braucht ja dazu vielleicht zwei Jahre, bis er das Kamel in allen Lebenslagen beobachtet hat, aber er lernt auf diese Weise das Kamel in unmittelbarer Natur kennen, beschreibt es, läßt natürlich alle Gedanken weg, aber er beschreibt alles, schafft nicht eigene Gedanken. Der Franzose geht in die Menagerie, wo ein Kamel ausgestellt ist, schaut sich in der Menagerie das Kamel an und beschreibt das Kamel in der Menagerie. Er lernt nicht so wie der Engländer das Kamel in allen Naturlagen kennen, sondern er beschreibt es, wie es in der Menagerie ist. Der Deutsche geht weder in die Wüste noch in die Menagerie, sondern er setzt sich in seine Gelehrtenstube, setzt a priori alle Gedanken zusammen, die er aus dem, was er gelernt hat, herausbringen kann, konstruiert a priori das Kamel und beschreibt aus diesem a priori Konstruierten heraus das Kamel. — So wird gewöhnlich die Anekdote erzählt. Sie stimmt ja auch fast, wirklich fast, denn man hat überall das Gefühl, ob nun ein Kamel beschrieben wird oder ob der Mensch selber beschrieben wird oder dergleichen: es ist auf diese Weise die Beschreibung entstanden. Aber nur eines findet man nicht. Das würde, möchte ich sagen, erst das richtige Fazit, die richtige Antwort geben auf diese dreifach gestaltete Anekdote: Da wäre irgendwo der vierte, der — es kommt schon nicht darauf an, ob er nun in die Wüste geht, oder ob er Bücher studiert, weil er gerade nicht Gelegenheit hat, in die Wüste oder in die Menagerie zu gehen, oder ob er schließlich zu einem Tiermaler geht, dessen Bilder ansieht, auf denen mit genialer Kunst Kamele gemalt sind —, der imstande ist, aus dem, was sich ihm da ergibt, die Frage an die göttlich-geistige Weltenordnung selber zu stellen: Was ist das Wesen des Kamels? — Derjenige nämlich, der diese innere Arbeit leisten kann, der sieht dem Kamel, das in der Menagerie ist, noch an, wie es sich in der Wüste verhält; ja, der sieht es selbst dem noch an, was er sich durch Lektüre aus verschiedenen Büchern bilden kann, vielleicht aus Büchern, in denen scheußlich karikierte, philiströs-pedantische, schulmeisterliche Beschreibungen stehen. Er kriegt doch heraus, wenn er in das Wesen des Kamels eindringen kann, selbst aus dem Schulmeisterlichen, aus allem möglichen a priori Konstruierten, er kriegt noch heraus, um was es sich handelt. |

[ 37 ] Das ist es, was heute vor allen Dingen die Menschheit braucht, natürlich nicht mit Ausschluß, sondern mit Einschluß der äußeren Weltenerfahrung, mit Einschluß der sinnlichen Weltenerfahrung: hinzufinden den Weg zum Geistigen.

[ 38 ] Da haben wir wiederum dasjenige, was uns in jedem Gebiete unseres Erkenntnisstrebens dazu führen soll, in der richtigen Weise einzusehen, wie uns die zurückgebliebenen Geister der Form verführen können, und wie uns das richtige Erkennen dessen, was die Mission der Geister der Persönlichkeit ist, gerade als Menschen richtig hineinstellen kann in unser Zeitalter. Und am allerwichtigsten ist es, sich in dieser Weise orientieren zu können über die heranwachsenden Kinder, um zu einer wirklichen Erziehungskunst zu kommen. Denn das ist ja gerade etwas, was heute überall als ein ungeheurer Mangel aller Erziehungskunst vorhanden ist: Die Menschen halten fest an dem, was aus dem Menschen geworden ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung durch die unrichtigen Geister der Form, setzen voraus, daß das ganz richtig sei, daß der Mensch so ist.

[ 39 ] Nun revoltiert dagegen — man kann sagen, Gott sei Dank — noch die kindliche Natur. Die läßt sich das noch nicht gefallen. Der spätere Mensch läßt es sich ja sehr gerne gefallen; die kindliche Natur revoltiert noch dagegen, insbesondere die jugendliche Natur revoltiert dagegen.

[ 40 ] Wiederum haben wir einen der charakteristischen Punkte der heutigen Jugendbewegung und einen der charakteristischen Punkte, wo die heutige Pädagogik, ich möchte sagen, hellsichtig werden muß — oder wenigstens aus Hellsichtigkeit sich befruchten lassen muß —, damit nun wirklich erkannt werde, wie mit dem Menschen, wenn er heute geboren wird, der Keim zu der inneren Aktivität der Gedanken mitgeboren wird. Dann, wenn dieser Keim zur inneren Aktivität der Gedanken da ist, dann lernen wir vor allen Dingen eines, was heute die Menschen meist nicht können. Wissen Sie, was die Menschen heute nicht können? Sie können nämlich nicht alt werden. Und die Jugend, die möchte nämlich zu Führern altgewordene Menschen haben. Sie möchte nicht die Jugend selber zum Führer haben — wenn sie es auch sagt, da täuscht sie sich —, sie möchte zu Führern Leute haben, die richtig alt zu werden verstanden haben, die den lebendigen Keim der Gedankenentwickelung sich bis ins Alter mitführen. Wenn das die Jugend bemerken kann, dann folgt sie nämlich den Führern, denn da weiß sie, es haben ihr die Leute etwas zu sagen, wenn sie verstanden haben, in der richtigen Weise alt zu werden. Aber was trifft denn heute die Jugend? Sie trifft da lauter — ihresgleichen! Die Menschen haben nicht verstanden, alt zu werden, sind Kindsköpfe geblieben; sie wissen nicht mehr, als die Fünfzehn-, Sechzehnjährigen auch schon wissen. Da ist es ja kein Wunder, daß die Fünfzehn-, Sechzehnjährigen den Sechzig-, Siebzigjährigen nicht mehr folgen wollen, weil die ja nicht älter geworden sind. Sie haben gar nicht die Aktivität in den alten Körper hineinzutragen verstanden. Die Jugend wünscht richtig altgewordene Menschen, nicht bloß alt aussehende mit Runzeln und weißen Haaren und glatzigen Köpfen, die aber im Grunde genommen in alten Herzen so jung sind wie sie selber, sondern die Jugend will solche Menschenwesen, die verstanden haben, alt zu werden, also zugenommen haben mit dem Altwerden an Weisheit und Kraft.

[ 41 ] Die Jugendbewegungsfrage würde leicht gelöst werden, wenn man sie eben in ihrer ganzen kosmischen Bedeutung erfassen würde, wenn man nämlich einmal gründlich Vorträge hielte über das Thema: Wie ist es heute möglich in der Welt, kein Kindskopf bis ins hohe Greisenalter zu bleiben? Das ist das Problem.

[ 42 ] Den Nichtkindsköpfigen, den wirklich Altgewordenen, wird die Jugend sich tatsächlich in einer ganz selbstverständlichen Weise anschließen, wird sich mit ihnen zusammenfinden. Aber von ihresgleichen kann sie nichts lernen; sondern es kommt dem jungen Menschen nur grotesk vor, wenn er nun selber vielleicht achtzehn Jahre alt ist, vielleicht noch nicht so sehr viel gelernt hat — einiges hat er ja gelernt —, er hat noch volles schwarzes oder blondes Haar auf dem Kopfe und noch keine Runzeln, hat noch ein pausbäckiges Gesicht, hat noch nicht einmal einen Bart bekommen, schön, und nun, nicht wahr, soll er folgen einem andern, der innerlich gar nicht älter ist als er, aber der sieht so komisch aus, hat einen Glatzkopf, hat graue Haare, hat nicht mehr gelernt als er selber, aber das alles schaut anders aus! — Das ist im Grunde genommen der innerste Kern dieser Tatsache des Nichtzusammenfindens von Jugend und Alter.

[ 43 ] Sie müssen das, was ich jetzt in einer humoristischen Weise versuchte zu sagen, nur in seiner ganzen seriösen, in seiner ganzen ernsten Bedeutung nehmen, dann werden Sie auch manches, was in der heutigen Zivilisation als eine große, bedeutsame, brennende Frage daliegt, unmittelbar ins seelische Auge fassen können.

[ 44 ] Da ich es nicht gut übers Herz bringen kann — die nächsten drei Vorträge kann ich ja nicht halten, weil ich am Freitag schon in Stuttgart sein soll —, hier abzubrechen, so werde ich mir erlauben, am Donnerstag um acht Uhr einen Vortrag zu halten, aber nur für diejenigen, die ihn hören wollen.