Anthroposophy as Cosmosophy I
GA 222
18 March 1923, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Stimulation of World-historical Events by Spiritual Powers, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Indem wir auf dasjenige zurückblicken, was in den letzten Betrachtungen Ihnen vorgeführt wurde in bezug auf das Geschehen, die Tatsachen und Handlungen in den übersinnlichen Welten — es war ja das alles mehr oder weniger eine Ergänzung meines Schriftchens «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» —, werden Sie verstehen, daß es in unserer Zeit im wesentlichen darauf ankommt, einzusehen, daß sich das große, gewaltige Ereignis auswirkt, von dem ich sagte, daß es in der Hauptsache dem 4. nachchristlichen Jahrhundert angehört, und daß es die Übergabe der Verwaltung der Weltgedanken von seiten der Geister der Form an die Geister der Persönlichkeit oder Urkräfte ist. Wenn wir den ganzen Sinn, den kosmischen Sinn dieses bedeutsamen Ereignisses ins Auge fassen, so können wir sagen: Er besteht durchaus darin, der Menschheit im Verlaufe ihrer Entwickelung dasjenige zu geben, was sie bekommen soll in unserem gegenwärtigen fünften nachatlantischen Zeitraum, in dem Zeitraum der Bewußtseinsseelenentwickelung, nämlich die innere menschliche Freiheit, die Möglichkeit für den einzelnen Menschen, aus sich selbst heraus zu handeln. Wir wissen ja, daß im wesentlichen die menschliche Erdenentwickelung eine Art Vorbereitung war für diesen Zeitraum, daß in dem Menschen erst die Naturgrundlage geschaffen werden mußte, damit er innerhalb dessen, was er geworden ist durch diese Naturgrundlage, dann sein Seelisches in sich zur Freiheit entwickeln kann. Wie hängt dies nun zusammen mit jenem charakterisierten übersinnlichen Ereignisse?
[ 1 ] As we look back on what was presented to you in the previous reflections regarding the events, facts, and actions in the supersensible worlds—all of which, after all, served more or less as a supplement to my booklet The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity —you will understand that what is essentially at stake in our time is recognizing that the great, momentous event I spoke of—which I said belongs primarily to the 4th century A.D.—is now unfolding, and that it is the transfer of the administration of world thoughts from the Spirits of Form to the Spirits of Personality or Primordial Forces. If we consider the full meaning—the cosmic significance—of this momentous event, we can say: It consists entirely in giving humanity, in the course of its evolution, what it is meant to receive in our present fifth post-Atlantean epoch—the epoch of the development of the consciousness soul—namely, inner human freedom, the possibility for the individual human being to act out of his or her own being. We know, after all, that human development on Earth was essentially a kind of preparation for this epoch; that the natural foundation first had to be created within the human being so that, within the framework of what he has become through this natural foundation, he can then develop his soul life within himself toward freedom. How does this relate to the supersensible event described above?
[ 2 ] Wenn wir in großen Zügen dieses Ereignis uns vor die Seele stellen, so können wir sagen: Wir überblicken auf der einen Seite die geistige Welt so, daß die hauptsächlichsten geistigen Führer der Menschheit diejenigen Wesenheiten sind, die wir ansprechen müssen als Geister der Persönlichkeit, als Archai; aber solche Geister der Persönlichkeit, solche Archai, welche die Verwaltung der Weltgedanken aus den Händen der Exusiai, der Geister der Form, erhalten haben. Diese Archai, denen also gewissermaßen die Menschheit in ihrer Entwickelung die Möglichkeit verdankt, durch eigene innere Seelenarbeit zu Gedanken zu kommen, werden beeinträchtigt in ihrer Wirksamkeit durch jene Wesenheiten, die als Exusiai, als Geister der Form zurückgeblieben waren auf einer früheren Entwickelungsstufe, von solchen Wesenheiten, die gewissermaßen als Geister der Form die Verwaltung der kosmischen Gedanken nicht abgetreten haben. Und der Mensch wird nun einmal in diesem Bewußtseinsseelenzeitraum, in dem wir seit dem 15. Jahrhundert drinnen leben, vor die große Wahl gestellt, in irgendeiner seiner Inkarnationen vor die große Wahl gestellt, sich wirklich zur Freiheit zu entscheiden, oder, was dasselbe ist, die Möglichkeit dieser Freiheit durch seine Hinwendung zu den richtigen Archai zu erhalten.
[ 2 ] If we consider this event in broad strokes, we can say: On the one hand, we view the spiritual world in such a way that the principal spiritual guides of humanity are those beings whom we must refer to as spirits of personality, as Archai; but these spirits of personality, these Archai, have received the administration of world thoughts from the hands of the Exusiai, the spirits of form. These Archai—to whom, so to speak, humanity owes the possibility, in the course of its development, of arriving at thoughts through its own inner soul work—are hindered in their effectiveness by those beings who, as Exusiai, as Spirits of Form, remained at an earlier stage of development; by such beings who, as Spirits of Form, have not, so to speak, relinquished the administration of cosmic thoughts. And in this period of the consciousness-soul, in which we have been living since the 15th century, human beings are now faced with the great choice—in one of their incarnations—to truly choose freedom, or, which amounts to the same thing, to attain the possibility of this freedom through their turning toward the right Archai.
[ 3 ] Wir sehen allerdings in unserem Zeitalter, wie die Menschen sich sträuben, sich loszumachen von jenen geistigen Wesenheiten, die als Exusiai nicht die Gedankenentwickelung haben abtreten wollen. Welche Rolle diese Wesenheiten in der gegenwärtigen Menschheitsentwikkelung spielen, wir können es uns klarmachen, wenn wir sehen, welche Rolle die entsprechenden, in normaler Entwickelung begriffenen Exusiai in älteren Zeiten mit Recht gehabt haben.
[ 3 ] In our own age, however, we see how people are reluctant to break away from those spiritual beings who, as Exusiai, have not been willing to relinquish their mental development. We can understand the role these beings play in humanity’s current development by considering the role that their counterparts—Exusiai undergoing normal development—rightfully played in earlier times.
[ 4 ] In älteren Zeiten haben ja die Menschen nicht so ihre Gedanken entwickelt, wie sie das heute zu tun haben. Sie haben ihre Gedanken nicht in innerer Aktivität, nicht in innerer Arbeit entwickelt. Sie haben ihre Gedanken entwickelt, indem sie sich hingegeben haben dem Anschauen der äußeren Natur, und so wie wir heute die Farben, die Töne wahrnehmen, auch zu gleicher Zeit die Gedanken wahrgenommen. Aber in noch älteren Zeiten, in denen die Menschen dem instinktiven, unbewußten Hellsehen sich hingegeben haben, haben sie mit den Bildern des unbewußten Hellsehens zugleich die Gedanken als eine Gabe der göttlich-geistigen Welten empfangen. Die Menschen haben sich also die Gedanken nicht erarbeitet, die Menschen haben die Gedanken empfangen. Das mußten sie in älteren Zeiten.
[ 4 ] In earlier times, people did not develop their thoughts in the same way they do today. They did not develop their thoughts through inner activity or inner work. They developed their thoughts by devoting themselves to observing the external natural world, and just as we perceive colors and sounds today, they perceived thoughts at the same time. But in even earlier times, when people devoted themselves to instinctive, unconscious clairvoyance, they received thoughts as a gift from the divine-spiritual worlds along with the images of unconscious clairvoyance. So people did not work to develop their thoughts; they received them. That is what they had to do in earlier times.
[ 5 ] Geradeso wie das Kind zuerst seine physische Natur entwickeln muß, wie das Kind zunächst eine Grundlage schaffen muß für dasjenige, was es erst im späteren Leben lernen kann, so konnte die Menschheit als Ganzes zu der inneren aktiven Entwickelung einer Gedankenwelt nur dann kommen, wenn erst von außen herein an der gesamten menschlichen Natur diese Gedankenwelt arbeitete.
[ 5 ] Just as a child must first develop its physical nature, just as a child must first lay the foundation for what it will only be able to learn later in life, so humanity as a whole could only achieve the inner, active development of a world of thought once that world of thought had first begun to work on the entirety of human nature from the outside.
[ 6 ] Diese Vorbereitungszeit mußte also durchgemacht werden. Aber in dieser Vorbereitungszeit konnte der Mensch eigentlich niemals sagen, daß er dazu berufen sei, ein freies Wesen zu werden. Denn wie Sie aus meiner «Philosophie der Freiheit» ersehen können, ist die Grundbedingung der menschlichen Freiheit eben diese, daß der Mensch seine Gedanken in innerer Aktivität selber entwickelt, und daß er aus diesen selbst entwickelten Gedanken, die ich in meiner «Philosophie der Freiheit» die reinen Gedanken genannt habe, auch die moralischen Impulse schöpfen kann.
[ 6 ] This preparatory period therefore had to be endured. But during this preparatory period, human beings could never actually say that they were called to become free beings. For, as you can see from my Philosophy of Freedom, the fundamental condition of human freedom is precisely this: that human beings develop their own thoughts through inner activity, and that from these self-developed thoughts—which I have called “pure thoughts” in my Philosophy of Freedom—they can also draw moral impulses.
[ 7 ] Solche auf dem Grund des eigenen menschlichen Wesens ersprießenden moralischen Impulse gab es nicht und konnte es nicht geben in den älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung. Da mußten mit den Gedanken, die gleichsam gottgegeben waren, wie Gebote, die absolut bindend waren und die den Menschen unfrei machten, zugleich die moralischen Impulse gegeben werden. Gerade diese Seite der Sache finden Sie in meiner «Philosophie der Freiheit» dargestellt: den Übergang der Menschheit von der Gebundenheit in den Geboten, welche die Freiheit ausschließen, zu dem Handeln aus der sittlichen Intuition heraus, welche die Freiheit einschließt.
[ 7 ] Such moral impulses, springing from the very essence of human nature, did not exist and could not have existed in the earlier stages of human development. At that time, moral impulses had to be provided alongside ideas that were, as it were, divinely given—like commandments that were absolutely binding and rendered people unfree. It is precisely this aspect of the matter that you will find presented in my Philosophy of Freedom: humanity’s transition from bondage to commandments that exclude freedom to action arising from moral intuition, which encompasses freedom.
[ 8 ] Nun ist es bei den Geistern der Form so, daß sie immer von außen herein im Menschen etwas bewirken. Alles dasjenige, was der Mensch von außen herein in seinem eigenen Wesen bewirkt hat, alles das enthält die Taten der Geister der Form. Und es war eben durchaus so, daß, solange die Geister der Form den Menschen die kosmischen Gedanken eingepflanzt haben, die Gedanken etwas waren, was entweder, ich möchte sagen, aus Steinen, Pflanzen, Tieren den Menschen wie Wahrnehmungen entgegenkam, oder aber von innen aufstieg aus den menschlichen Instinkten und Trieben herauf. Da schwamm der Mensch gewissermaßen auf den Wogen des Lebens, und die Wogen des Lebens wurden aufgeworfen — aber auch beruhigt, insofern sie Gedanken aufwarfen — von den Geistern der Form. Von außen kam also an den Menschen dasjenige heran, was er in seinem Inneren dann ergriff. Daher fühlte sich der Mensch auch in jenen älteren Zeiten seinen Göttern gegenüber so, daß er vorzugsweise nach den Göttern suchte als nach den Ursachen des Weltgeschehens und seiner selbst. Wenn der Mensch von den Göttern sprach, so sprach er so, daß er in den Göttern die Ursache dessen suchte, was er auf Erden ist, was Naturerscheinungen auf der Erde sind. Der Mensch ging immer zu den Göttern als zu den Ursachen der Dinge zurück: Woher kommt die Welt? Woher komme ich selbst? — Das waren die großen religiösen Fragen der älteren Menschheit.
[ 8 ] Now, the nature of the spirits of form is such that they always bring about something within the human being from the outside. Everything that the human being has brought about within his own being from the outside—all of that is contained in the deeds of the spirits of form. And it was indeed the case that, as long as the spirits of form implanted cosmic thoughts in human beings, these thoughts were something that either—I might say—came to human beings as perceptions from stones, plants, and animals, or else arose from within, from human instincts and drives. In a sense, human beings floated on the waves of life, and these waves were stirred up—but also calmed, insofar as they gave rise to thoughts—by the Spirits of Form. Thus, what came to human beings from the outside was what they then grasped within themselves. That is why, even in those earlier times, human beings felt toward their gods in such a way that they sought the gods rather than the causes of world events and of themselves. When human beings spoke of the gods, they did so in a way that sought in the gods the cause of what they are on earth and of what natural phenomena on earth are. Humanity always turned to the gods as the causes of things: Where does the world come from? Where do I myself come from? — These were the great religious questions of ancient humanity.
[ 9 ] Wenn Sie die alten Mythen durchgehen, so werden Sie immer finden, sogar bis in die biblische Schöpfungsgeschichte herein: es sind Genesis-Mythen, auf die da hingewiesen wird, weil man nach dem Ursprung der Welt vorzugsweise zunächst suchte, aber auch bei diesem Suchen nach dem Ursprung der Welt im wesentlichen stehen blieb.
[ 9 ] If you examine the ancient myths, you will always find—even in the biblical creation story—that they refer to Genesis myths, because people initially sought the origin of the world above all else, but essentially remained stuck in this search for the origin of the world.
[ 10 ] Diese ganze Stimmung der Menschenseele, sie war dadurch gegeben, daß eben der Mensch in seiner Gedankenwelt von den Geistern der Form abhängig war. Bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert herein, und in den Nachwirkungen noch bis ins 15. Jahrhundert waren gewissermaßen die Geister der Form in der Weltenordnung — wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf — vollberechtigt, die ganze Gedankenregierung, die Gedankenverwaltung zu haben, und das Denken, die Gedankenentfaltung von außen an den Menschen heranzubringen.
[ 10 ] This entire mood of the human soul was brought about by the fact that human beings, in their world of thought, were dependent on the spirits of form. Well into the 4th century A.D., and in its aftereffects even into the 15th century, the spirits of form were, so to speak, fully entitled—if I may use this expression—to exercise complete control over the realm of thought, to administer thought, and to bring thinking and the unfolding of thoughts to human beings from the outside.
[ 11 ] Seit jener Zeit ist es anders geworden. Seit jener Zeit haben die Exusiai, die Geister der Form eben die Gedankenverwaltung an die Archai abgegeben. Aber wie verwalten die Archai diese Gedanken? Nun nicht mehr so, wenn sie selbst sie verwalten, daß sie den Menschen sie einflößen, daß sie den Menschen sie von außen hineinlegen, sondern daß sie den Menschen selber die Möglichkeit geben, diese Gedanken zu entwickeln. — Wie kann das sein?
[ 11 ] Since that time, things have changed. Since that time, the Exusiai—the spirits of form—have handed over the management of thoughts to the Archai. But how do the Archai manage these thoughts? Well, no longer by managing them themselves—by instilling them in people, by implanting them in people from the outside—but rather by giving people the opportunity to develop these thoughts themselves. — How can that be?
[ 12 ] Das kann eben dadurch sein, daß wir Menschen ja alle durch eine große Anzahl von Erdenleben durchgegangen sind. In jenen älteren Zeiten, in denen die Exusiai mit Recht die Gedanken von außen heranbrachten, waren die Menschen noch nicht durch so viele Erdenleben gegangen wie in der jetzigen Zeit. Da konnten sie noch nicht in sich, wenn sie wirklich den Impuls dazu in sich rege machten, die eigene Aktivität finden, um die Gedankenkraft in sich selber zu erzeugen. Wir leben heute, sagen wir, in der so und so vielten Erdeninkarnation. Und wenn wir nur den Willen dazu haben — denn auf den Willen kommt es an —, dann können wir in uns dasjenige finden, was Kraft ist, eine eigene Gedankenwelt aus uns heraus zu erzeugen, eine individuelle Gedankenwelt, wie ich es auch in der «Philosophie der Freiheit» ausgeführt habe.
[ 12 ] This may simply be because we humans have all gone through a large number of earthly lives. In those earlier times, when the Exusiai rightly brought thoughts from outside, human beings had not yet gone through as many earthly lives as they have in the present age. Back then, even if they truly stirred up the impulse within themselves, they were not yet able to find within themselves the inner activity needed to generate the power of thought on their own. Today we are living, so to speak, in our such-and-suchth earthly incarnation. And if we only have the will to do so—for it all comes down to the will—then we can find within ourselves the power to generate our own world of thought, an individual world of thought, as I have also explained in The Philosophy of Freedom.
[ 13 ] Aber nehmen Sie nun diesen Gedanken völlig ernst! Denken Sie daran, daß wir in das Zeitalter eingetreten sind, in dem der Mensch aus seinem eigenen Inneren heraus beschäftigt ist, seine Gedanken sich zu erarbeiten, seine Gedanken zu formen. Er steht aber nun auch als einzelner in der Welt da. Diese Gedanken würden gewissermaßen isoliert in der Welt dastehen, keine Bedeutung für den Kosmos haben, wenn nicht geistige Wesenheiten da wären, welche den Gedanken, den sich der Mensch in seiner Freiheit erarbeitet, nun in der rechten Weise als Kraft und Impuls dem Kosmos einfügten. Und so haben wir den Fortschritt, der gegeben ist von der Gedankenverwaltung durch die Geister der Form zu jener durch die Geister der Persönlichkeit.
[ 13 ] But now take this idea completely seriously! Remember that we have entered an age in which human beings are engaged, from within themselves, in developing and shaping their thoughts. Yet they now also stand alone in the world. These thoughts would, so to speak, stand isolated in the world, having no significance for the cosmos, were it not for spiritual beings who now incorporate the thoughts that human beings develop in their freedom into the cosmos in the proper way as a force and an impulse. And thus we have the progression from the administration of thought by the Spirits of Form to that by the Spirits of Personality.
[ 14 ] Die Geister der Form haben gewissermaßen aus dem allgemeinen kosmischen Reservoir der Gedanken diese Gedanken herausgeschöpft, um sie von außen an den Menschen heranzubringen. Der Mensch hat die Weltengedanken in sich aufgenommen, mußte sich fühlen als eine Art von Geschöpf, das sich fortbewegt innerhalb der von den Geistern der Form im Kosmos erzeugten Fluten und Wellen. Da war die Gedankenwelt so im Kosmos darinnen, daß sie ihre Harmonie auf den Menschen selber übertrug. Aber der Mensch war ein unfreies Wesen innerhalb des Kosmos. Nun hat der Mensch die Freiheit erlangt, seine eigenen Gedanken sich zu erarbeiten; sie würden aber alle im Kosmos Gedanken-Eremiten bleiben, wenn sie nun nicht aufgenommen und in die kosmische Harmonie wiederum zurückgetragen würden. Und das geschieht eben durch die Archai in unserem Zeitalter.
[ 14 ] The spirits of form have, so to speak, drawn these thoughts from the general cosmic reservoir of thoughts in order to bring them to human beings from the outside. Humanity has absorbed the world-thoughts into itself and had to feel like a kind of creature moving within the currents and waves generated by the spirits of form in the cosmos. The world of thought was so deeply embedded in the cosmos that it imparted its harmony to humanity itself. But humanity was an unfree being within the cosmos. Now humanity has attained the freedom to develop its own thoughts; yet these would all remain as “hermit thoughts” within the cosmos if they were not now absorbed and carried back into the cosmic harmony. And this is precisely what the Archai accomplish in our age.
[ 15 ] Hier ist die Grundlage dafür geschaffen, jenen ungeheuer bedeutsamen historischen Zwiespalt, der heraufgekommen ist in der neueren Zeit und der die Menschenseelen in so unendliche Verwirrung gebracht hat, zu lösen. Sehen wir denn nicht diesen Zwiespalt? Ich habe Ihnen von andern Gesichtspunkten aus öfter erwähnt, wie der Mensch auf der einen Seite lernt, daß der ganze Kosmos von einer Naturordnung durchzogen ist, daß diese Naturordnung auch in die eigene menschliche Wesenheit hereinspielt, daß da einstmals ein Urnebelgebilde war, aus dem sich Sonne und Planeten herausgeballt haben, aus dem sich wieder der Mensch selber herausgeballt hat. Sehen wir nicht auf der einen Seite das System der kosmischen Naturgesetze, in das der Mensch sich eingespannt fühlt? Und sehen wir nicht auf der andern Seite, wie der Mensch, um seine wirkliche Menschenwürde zu wahren, darauf angewiesen ist, indem er nun dasteht als naturgegebenes Wesen, in sich rege zu machen den Gedanken an eine moralische Weltenordnung, auf daß seine moralischen Impulse nicht verfliegen im Weltenall, sondern Realität haben?
[ 15 ] Here, the foundation has been laid for resolving that immensely significant historical conflict that has arisen in recent times and has plunged human souls into such infinite confusion. Do we not see this conflict? I have often mentioned to you from other perspectives how, on the one hand, human beings learn that the entire cosmos is permeated by a natural order, that this natural order also influences their own human being, and that there was once a primordial nebula from which the sun and planets coalesced, and from which human beings themselves also coalesced. Do we not see, on the one hand, the system of cosmic natural laws into which human beings feel bound? And do we not see, on the other hand, how human beings—in order to preserve their true human dignity—are compelled, now that they stand as beings given by nature, to stir within themselves the idea of a moral world order, so that their moral impulses do not vanish into the vastness of the universe but become a reality?
[ 16 ] Ich möchte sagen, an einem gewissen philosophischen Spintisieren ist dieser Zwiespalt immer wieder und wiederum im Laufe des 19. Jahrhunderts angekommen. Sehen Sie sich innerhalb des Protestantismus jene religiösen Kämpfe an, die sich zum Beispiel an die Ritschlsche Schule knüpfen. Als solche religiös-philosophisch-theologische Kämpfe kennen sie ja die meisten Menschen nicht, denn sie haben sich im engen Rahmen der theologischen oder philosophischen Schulen abgespielt. Aber das, was sich in diesem engen Rahmen der theologischen oder philosophischen Schulen abspielt, bleibt ja nicht darinnen. Es kommt ja nicht darauf an, daß Sie oder überhaupt die Menschheit alle miteinander wissen, was Ritschl über die moralisch-göttliche Weltenordnung, über die Persönlichkeit Jesu gedacht hat. Aber was solche Persönlichkeiten im Laufe des 19. Jahrhunderts über die Persönlichkeit Jesu gedacht haben, das rinnt hinunter und lebt schon in den Lehren, die den sechs- bis zwölfjährigen Kindern beigebracht werden. Das wird ja allgemein menschliche Seelenverfassung, und ist allgemein menschliche Seelenverfassung geworden. Und wenn auch die Menschen sich das nicht zur vollen Klarheit bringen, es ist doch so, daß es als unbestimmte Gefühle, als Unbefriedigtheit des Lebens in ihnen vorhanden ist, und daß es dann in solch chaotisches Handeln übergeht, das endlich ein solches chaotisches Zeitalter heraufbringen mußte, wie dasjenige ist, in dem wir leben. Das ist eben die große bange heutige Menschheitsfrage, die dadurch entsteht, daß der Mensch sich sagen muß: Da ist die naturgesetzliche Welt, ausgegangen von dem Urnebel, endend einmal im Wärmetod, wo alles, was seelisch-geistig ist, in der nicht mehr in sich beweglichen, sondern in einem allgemeinen Wärmezustand existierenden Welt untergegangen sein wird, so daß der große Friedhof da sein müßte. Alle moralischen Ideale, die aus der Individualität des einzelnen Menschen hervorgehen, würden erstorben sein.
[ 16 ] I would like to point out that this conflict resurfaced time and again in certain philosophical speculations throughout the 19th century. Just look at the religious struggles within Protestantism that are linked, for example, to the Ritschlian school. Most people are unfamiliar with these religious-philosophical-theological struggles, since they took place within the narrow confines of theological or philosophical schools. But what takes place within these narrow confines does not remain confined to them. It is not a matter of whether you—or humanity as a whole—know exactly what Ritschl thought about the moral-divine world order or about the personality of Jesus. But what such figures thought about the personality of Jesus in the course of the nineteenth century trickles down and is already alive in the teachings imparted to six- to twelve-year-old children. This becomes—and has become—a general state of the human soul. And even if people do not bring this to full clarity for themselves, the fact remains that it exists within them as vague feelings, as a sense of dissatisfaction with life, and that it then gives way to such chaotic behavior that it was bound to bring about a chaotic age such as the one in which we live. This is precisely the great, anxious question facing humanity today, arising from the fact that human beings must tell themselves: There is the world governed by the laws of nature, originating from the primordial nebula and eventually ending in heat death, where everything that is soul-spiritual will have perished in a world no longer in motion but existing in a general state of heat, so that a vast graveyard must exist there. All moral ideals arising from the individuality of each person would have perished.
[ 17 ] Der Mensch macht sich das heute nicht klar, weil er nicht ehrlich genug dazu ist. Aber alles, was er aus der heutigen Zivilisation entnimmt, müßte ihn dazu führen, an diesem ungeheuer bedeutsamen Zwiespalt in seiner Weltanschauung zu kranken — nur weiß er es nicht —, daran zu kranken, daß eine natürliche Welt da ist, der er unterworfen ist, daß er annehmen muß eine sittliche Welt, und daß er keine Möglichkeit hat aus seiner heutigen Anschauung heraus, den sittlichen Ideen eine Realität zuzuschreiben.
[ 17 ] People today do not realize this because they are not honest enough about it. But everything they derive from modern civilization should lead them to suffer from this immensely significant conflict in their worldview—only they do not know it— to suffer from the fact that there is a natural world to which they are subject, that they must accept a moral world, and that, from their current perspective, they have no way of attributing reality to moral ideas.
[ 18 ] So war es nicht für eine ältere Menschheit. Eine ältere Menschheit empfand, daß sie ihre sittlichen Ideen von den Göttern hatte. Das war in der Zeit, als eben die Exusiai, die Geister der Form dem Menschen die Gedanken einflößten, also auch die sittlichen Gedanken. Da wußte der Mensch, daß wahrhaftig, möge auch die Erde dem Wärmetod verfallen, in der Zukunft da sein werden die göttlich-geistigen Wesenheiten, welche aus dem ganzen Kosmos heraus die Weltgedanken haben. So daß der Mensch wußte: nicht er macht die Gedanken, sie sind so da, wie die äußeren Naturvorgänge da sind; sie mußten also eine immerwährende Existenz haben wie die äußeren Naturvorgänge.
[ 18 ] It was not so for an earlier humanity. An earlier humanity felt that it had received its moral ideas from the gods. This was during the time when the Exusiai—the spirits of form—instilled thoughts into human beings, including moral thoughts. At that time, human beings knew that, truly, even if the Earth were to succumb to heat death, there would still be, in the future, divine-spiritual beings who, from throughout the entire cosmos, hold the world-thoughts. Thus, human beings knew: they do not create these thoughts; they simply exist, just as external natural processes exist; they must therefore have an eternal existence, just like external natural processes.
[ 19 ] Man muß sich das nur ganz klarmachen, daß heute viele Menschen eben immer mehr und mehr mit dem Leben nicht fertigwerden. Die einen gestehen sich das — es sind vielleicht noch die besten —, die andern gestehen sich das nicht, aber durch ihr Handeln entsteht das allgemeine Weltenchaos, in das wir hineingeraten sind.
[ 19 ] We simply have to make it very clear to ourselves that today, many people are finding it increasingly difficult to cope with life. Some admit this to themselves—they are perhaps the best among us—while others do not, but their actions are creating the general global chaos into which we have fallen.
[ 20 ] Aber alles, was heute als Weltenchaos, als Weltenunordnung da ist, das ist die tatsächliche Folge dieses inneren Zwiespaltes, dieses Nichtwissens, inwiefern die moralische Weltenordnung eine Realität hat. Es möchten sich die Menschen stumpf machen gegenüber den großen Weltfragen, da sie sich nicht aufraffen wollen, sich zu gestehen, wo der Zwiespalt eigentlich liegt. Sie möchten ihn am liebsten vergessen. Nun, mit dem, was man heute unsere äußere Zivilisation nennt, läßt sich der Zwiespalt nicht lösen. Er läßt sich allein lösen auf demjenigen Boden einer geistigen Weltanschauung, der durch die Anthroposophie gesucht wird. Und da kommt man eben dazu, einzusehen, wie Archai da sind, welche nunmehr die Aufgabe im Kosmos, in der kosmischen Führung erhalten haben, die Gedanken der Menschen, die nun isoliert, durch innere Arbeit in der Seele entstehen, wirklich überall anzuknüpfen an die Weltenvorgänge, sie überall einzuordnen.
[ 20 ] But everything that exists today as chaos in the world, as disorder in the world, is the actual consequence of this inner conflict, this lack of knowledge regarding the extent to which the moral world order is a reality. People would like to numb themselves to the great questions of the world, since they do not want to bring themselves to admit where the conflict actually lies. They would prefer to forget it altogether. Well, this conflict cannot be resolved through what is today called our external civilization. It can be resolved only on the foundation of a spiritual worldview, which is sought through anthroposophy. And this is precisely where one comes to realize how there are Archai who have now been given the task in the cosmos, in cosmic guidance, of truly connecting the thoughts of human beings—which now arise in isolation through inner work in the soul—to the processes of the worlds everywhere, and of classifying them everywhere.
[ 21 ] Und in einer großartigen, gewaltigen Weise findet der Mensch wiederum den Boden für die moralische Weltenordnung gerade auf diese Weise. Wie findet er ihn? Nun, der Mensch könnte nicht frei werden, wenn er nicht das Gefühl entwickeln könnte: Du entfaltest deine Gedanken aus deiner eigenen Individualität heraus; du bist der Erarbeiter deiner Gedanken.
[ 21 ] And in a magnificent, powerful way, human beings once again find the foundation for the moral world order precisely in this manner. How do they find it? Well, human beings could not become free if they were unable to develop the feeling: You develop your thoughts from your own individuality; you are the creator of your thoughts.
[ 22 ] Aber damit reißen wir zu gleicher Zeit die Gedanken los vom Kosmos. Es war gewissermaßen in alten Zeiten so: Wenn ich hier das Meer der kosmischen Gedanken aufzeichne (siehe Zeichnung, gelb) und da die Menschen wären, die ich schematisch so zeichne (rot), dann müßte ich dasjenige, was in jedem Menschen als sein Teil der kosmischen Gedankenwelt hineinkäme, so zeichnen (gelb). Der Mensch hing an der kosmischen Gedankenwelt, sie senkte sich in ihn hinein. Daß es so sein konnte, ergab sich aus dem Wirken der Geister der Form.
[ 22 ] But in doing so, we simultaneously detach our thoughts from the cosmos. In a sense, it was like this in ancient times: If I were to depict the sea of cosmic thoughts here (see drawing, yellow) and there were people whom I were to sketch schematically like this (red), then I would have to depict what enters each person as their share of the cosmic world of thought in this way (yellow). Human beings were connected to the cosmic world of thought; it flowed down into them. That this could be so resulted from the workings of the spirits of form.


[ 23 ] Das ist im Laufe der Menschheitsentwickelung anders geworden. Wir haben hier das Meer der kosmischen Gedanken (siehe Zeichnung, gelb), die Verwaltung ist übergegangen an die Archai. Wenn ich nun da unten die einzelnen Menschen zeichne, so ist dasjenige abgeschnürt, was ihre Gedanken sind; es hängt nicht mehr mit den kosmischen Gedanken zusammen. — Das muß so sein. Denn niemals könnte der Mensch ein freies Wesen werden, wenn er nicht seine Gedankenwelt abrisse vom Kosmos. Er muß sie abreißen, um ein freies Wesen zu werden; dann aber müssen sie wieder angeknüpft werden. Was also notwendig ist, das ist die Verwaltung dieser Gedanken — die ja zunächst das menschliche Leben nicht unmittelbar angeht (grün), sondern den Kosmos angeht — durch die Archai, die Geister der Persönlichkeit.
[ 23 ] This has changed in the course of human evolution. Here we have the sea of cosmic thoughts (see drawing, yellow); administration has passed to the Archai. When I now draw the individual human beings down there, their thoughts are cut off; they are no longer connected to the cosmic thoughts. — It must be this way. For human beings could never become free beings unless they severed their world of thought from the cosmos. They must sever it in order to become free beings; but then it must be reconnected. What is therefore necessary is the administration of these thoughts—which, after all, do not initially concern human life directly (green), but rather concern the cosmos—by the Archai, the spirits of personality.


[ 24 ] Aber nun nehmen wir diesen Gedanken in moralischer Gesinnung, und fühlen wir, wie dieser Gedanke in moralischer Gesinnung so wird, daß wir uns sagen: Wir werden, wenn wir die geistige Welt betreten — sei es, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, sei es sonstwo, oder in der Erdenzukunft —, zusammentreffen mit den Geistern der Persönlichkeit, mit den Archai. Wir werden dann wahrnehmen können, was sie haben machen können mit unseren Gedanken, die zunächst um unserer Freiheit willen in uns isoliert waren. Und da werden wir unseren Menschenwert und unsere Menschenwürde an dem erkennen, was die Archai, die Geister der Persönlichkeit aus unseren Gedanken haben machen können. Und es wendet sich der kosmische Gedanke unmittelbar an moralische Gesinnung, an moralische Impulsivität.
[ 24 ] But now let us consider this thought from a moral perspective, and let us feel how, when viewed from this perspective, it leads us to say to ourselves: When we enter the spiritual world—whether after passing through the gate of death, or elsewhere, or in the future of the Earth—we will encounter the spirits of personality, the Archai. We will then be able to perceive what they have been able to do with our thoughts, which were initially isolated within us for the sake of our freedom. And there we will recognize our human worth and our human dignity in what the Archai, the spirits of personality, have been able to do with our thoughts. And the cosmic thought turns directly to moral sentiment, to moral impulsiveness.
[ 25 ] Es kann aus der richtig erfaßten Anthroposophie heute durchaus überall die moralische Impulsivität entspringen. Es muß nur mit dem ganzen Menschen dasjenige erfaßt werden, was Anthroposophie ist.
[ 25 ] Moral impulsiveness can certainly spring from a correctly understood anthroposophy everywhere today. One need only grasp, with one’s whole being, what anthroposophy is.
[ 26 ] Erfassen wir diesen Gedanken, den Gedanken der Verantwortlichkeit gegenüber den normal sich entwickelnden Archai, erfassen wir diese unsere geistige Beziehung im Kosmos richtig, dann leben wir uns auch richtig in unser Zeitalter herein, dann werden wir richtige Menschen unseres Zeitalters. Und dann werden wir in der richtigen Weise hinschauen auf das, was uns ja immer umgibt: nicht nur eine sinnliche Welt, sondern auch eine geistige Welt. Wir werden hinschauen auf diese geistigen Wesenheiten, die Archai, denen gegenüber der Mensch verantwortlich werden soll, wenn er in der richtigen Weise würdig seine Menschheitsentwickelung durchmachen will im Laufe der Erdenzeiten. Wir werden sehen, wie in der heutigen Zeit dem, was einmal die notwendige Weltenordnung war, auch noch gegenübersteht alles das, was übriggeblieben ist an solchen Geistern der Form, die noch immer die Gedanken in der alten Weise verwalten wollen. Und das ist der wichtigste Zivilisationseinschlag in unserer Zeit! Das sind die eigentlichen tieferen Aufgaben des Menschen: durch seine richtige Stellung zu den Archai, zu den Geistern der Persönlichkeit, frei zu werden, damit er auch die richtige Stellung zu den Geistern der Form gewinne, die heute mit der Gedankenverwaltung, die sie ebenso noch machen wollen wie früher, nicht im Rechte sind, die aber einstmals in ihrem Rechte waren. Und wir werden auf der einen Seite dasjenige finden, was in der Welt heute das Leben schwierig macht, wir werden aber auch überall die Wege aus den Schwierigkeiten der Welt heraus finden. Nur müssen wir diese Wege als freie Menschen suchen. Denn wenn wir keinen Willen haben zur freien Gedankenentwickelung, was sollen dann die Archai mit uns anfangen?
[ 26 ] If we grasp this idea—the idea of responsibility toward the normally developing Archai—and if we correctly understand our spiritual relationship within the cosmos, then we will truly live our way into our age, and we will become true human beings of our age. And then we will look in the right way at what always surrounds us: not only a sensory world, but also a spiritual world. We will look at these spiritual beings, the Archai, toward whom human beings are to become responsible if they wish to undergo their human development in a worthy and proper manner over the course of Earth’s history. We will see how, in the present age, what was once the necessary world order is still opposed by all that remains of such spirits of form who still wish to govern thoughts in the old way. And this is the most significant civilizational development of our time! These are humanity’s true, deeper tasks: to become free through its proper relationship to the Archai, to the spirits of personality, so that it may also attain the proper relationship to the spirits of form—who are not in the right today in their attempt to manage thoughts as they did in the past, though they were once within their rights to do so. And on the one hand, we will find what makes life difficult in the world today, but we will also find ways out of the world’s difficulties everywhere. We must, however, seek these paths as free human beings. For if we have no will for the free development of thought, what are the Archai to do with us?
[ 27 ] Dasjenige, worauf es ankommt in unserem Zeitalter, das ist, daß der Mensch wirklich ein freies Wesen sein will. Meistens will er es ja zunächst noch nicht. Er muß sich erst hineinfinden, es zu wollen. Dem Menschen wird es heute noch schwer, sich als freies Wesen zu wollen. Er möchte eigentlich am liebsten, daß er das, was ihm gefällt, wünschen kann, und daß dann die richtigen Geister da wären, die seine Wünsche auf eine unsichtbare übersinnliche Art ausführen. Dann würde er sich vielleicht frei fühlen, menschenwürdig fühlen! Wir brauchen nur ein paar Inkarnationen herankommen zu lassen, gar nicht einmal so lange Zeit, nur etwa das Jahr 2800 oder 3000, dann werden wir uns gar nicht mehr verzeihen können in einer nächsten Inkarnation — wo wir ja zurückschauen werden auf die frühere Inkarnation —, daß wir einmal menschliche Freiheit verwechselt haben mit Förderung der menschlichen Bequemlichkeit durch nachsichtige Götter!
[ 27 ] What really matters in our age is that human beings truly want to be free beings. Most of the time, however, they do not yet want this at first. They must first come to terms with wanting it. Even today, it is still difficult for human beings to will themselves to be free beings. What they would really like most is to be able to wish for whatever pleases them, and for the right spirits to be there to carry out their wishes in an invisible, supersensory way. Then perhaps they would feel free, feel worthy of being human! We need only look a few incarnations ahead—not even that long a time, just to the year 2800 or 3000—and then, in a future incarnation—when we will look back on our previous one—we will no longer be able to forgive ourselves for having once confused human freedom with the promotion of human comfort by indulgent gods!
[ 28 ] Diese zwei Dinge verwechselt ja der Mensch heute: Freiheit, und Nachsicht von gütigen Göttern mit der menschlichen Bequemlichkeit, mit den bequemen menschlichen Wünschen. Heute wollen das viele Menschen noch, daß es gütige Götter gibt, die ihnen ihre Wünsche ohne viel Zutun ausführen. Wie gesagt, wir brauchen nur das Jahr 2800 oder 3000 herankommen zu lassen, in einer nächsten Inkarnation werden wir das dann sehr verachten. Aber gerade wenn wir heute richtige moralische Gesinnung entwickeln, so muß sie auch verbunden sein mit einer gewissen moralischen Stärke, welche die Freiheit wirklich will — die innere Freiheit zunächst; die äußere wird sich dann schon in der richtigen Weise entwickeln, wenn der Wille zur inneren Freiheit vorhanden ist. Dazu ist aber notwendig, daß man nun in rechter Weise beobachten kann, wo denn diese unberechtigten Geister der Form überall tätig sind.
[ 28 ] People today confuse these two things: freedom and the forbearance of benevolent gods with human comfort and convenient human desires. Even today, many people still want there to be benevolent gods who grant their wishes without much effort on their part. As I said, we need only wait until the year 2800 or 3000; in a future incarnation, we will then look down upon this with great disdain. But precisely if we develop the right moral attitude today, it must also be combined with a certain moral strength that truly desires freedom—inner freedom, first and foremost; outer freedom will then develop in the right way once the will for inner freedom is present. For this, however, it is necessary that we be able to observe correctly where these unjustified spirits of form are at work everywhere.
[ 29 ] Nun, sie sind überall tätig. Ich könnte mir denken — der menschliche Intellekt hat ja solch einen luziferischen Hang —, daß es nun Menschen gäbe, die da sagen: Ja, es wäre doch viel vernünftiger für die göttliche Weltenordnung, wenn diese zurückgebliebenen Geister der Form da nicht wirtschaften würden, gar nicht da wären! — Menschen, die so denken, denen rate ich, als vernünftiger Mensch auch zu denken, daß sie sich nähren könnten, ohne daß sich der Darm zu gleicher Zeit mit unangenehmen Stoffen anfüllt. Das eine ist eben nicht möglich ohne das andere. Und so ist es in der Welt nicht möglich, daß die Dinge, die groß und gewaltig die Würde des Menschen bedingen, da seien ohne ihre entsprechenden Korrelate.
[ 29 ] Well, they are active everywhere. I could imagine—since the human intellect does have such a Luciferic tendency—that there might be people who say: Yes, it would be much more reasonable for the divine world order if these backward spirits of form weren’t operating there, if they weren’t there at all! — To people who think this way, I advise them, as reasonable people, to also consider that they could nourish themselves without their intestines simultaneously filling up with unpleasant substances. One simply cannot exist without the other. And so, in the world, it is not possible for the things that, in their grandeur and power, determine human dignity to exist without their corresponding correlates.
[ 30 ] Wo sehen wir denn nun zurückgebliebene Geister der Form tätig? In erster Linie sehen wir sie heute tätig in den nationalen Chauvinismen, die über die ganze Welt sich verbreiten, da, wo die Gedanken der Menschen sich nicht aus unmittelbarer innerster menschlicher Zentralität heraus entwickeln, sondern aus dem Blute heraus, aus dem, was aus den Instinkten aufflutet.
[ 30 ] Where, then, do we see these backward spirits of form at work? First and foremost, we see them at work today in the national chauvinisms spreading throughout the world—where people’s thoughts do not develop from an immediate, innermost human center, but rather from the blood, from that which surges up from the instincts.
[ 31 ] In dieser Beziehung gibt es zweierlei Verhalten zu der Nationalität. Das eine ist dieses: Man verachtet die normalen Archai und gibt sich einfach demjenigen hin, was die zurückgebliebenen Geister der Form aus den Nationalitäten machen. Man wächst dann einfach aus der Nationalität herauf, pocht in chauvinistischer Weise auf das, was man dadurch geworden ist, daß man aus dem Blute einer Nationalität heraus geboren ist. Man redet aus der Nationalität heraus, seine Gedanken bekommt man mit der Sprache dieser Nationalität; mit der besonderen Form dieser Sprache bekommt man auch seine Gedankenformen. Man steigt auf aus demjenigen, was die Geister der Form aus den Nationalitäten gemacht haben.
[ 31 ] In this regard, there are two ways of relating to nationality. One is this: one despises the normal archaic elements and simply surrenders to what the backward spirits of form make of nationalities. One then simply grows out of one’s nationality, chauvinistically insisting on what one has become by virtue of being born of the blood of a particular nationality. One speaks from the perspective of one’s nationality; one’s thoughts are shaped by the language of that nationality; and through the specific form of that language, one also acquires one’s thought forms. One rises above what the spirits of form have made of nationalities.
[ 32 ] Und wenn man nun nachgeben will diesen zurückgebliebenen Geistern der Form und zu gleicher Zeit ein furchtbar ehrgeiziger Mensch ist, der durch das Schicksal an einen besonderen Posten gestellt ist, dann fabriziert man, gerade mit Rücksicht auf die nationalen Chauvinismen der Welt, «Vierzehn Punkte» und findet dann Anhänger, welche diese vierzehn Punkte Woodrow Wilsons als dasjenige betrachten, was der Welt etwas Großartiges geben soll.
[ 32 ] And if one is willing to give in to these backward spirits of form and at the same time is a terribly ambitious person whom fate has placed in a special position, then—precisely with the world’s national chauvinisms in mind—one fabricates “Fourteen Points”—and then find followers who regard Woodrow Wilson’s Fourteen Points as the very thing that is supposed to give the world something magnificent.
[ 33 ] In Wahrheit gesehen, was waren sie, diese vierzehn Punkte Woodrow Wilsons? Sie waren etwas, was der Welt hingeworfen werden sollte, damit sie frönen kann dem, was die zurückgebliebenen Geister der Form ausgießen wollen über die verschiedenen Naturgrundlagen der Nationen. Sie waren unmittelbar von da her inspiriert.
[ 33 ] In truth, what were they, these fourteen points of Woodrow Wilson’s? They were something to be thrown to the world so that it might indulge in what the backward spirits of form wish to pour out upon the various natural foundations of nations. They were directly inspired by that.
[ 34 ] Man kann über alle diese Dinge reden von den verschiedensten Niveaus aus. Ganz dasselbe, was ich heute auf einem Niveau sage, das der Charakteristik von Archai und Exusiai entspricht, ganz dasselbe habe ich vor Jahren immer gesagt, um die Weltbedeutung dieser vierzehn Punkte von Woodrow Wilson zu charakterisieren, durch welche, weil sie die Welt in Illusionen gewiegt haben, so ungeheuer viel Unglück und Chaos in die Welt gekommen ist.
[ 34 ] One can discuss all these matters from a wide variety of perspectives. Exactly what I am saying today at a level that corresponds to the characteristics of Archai and Exusiai is exactly what I have always said for years to characterize the global significance of these fourteen points by Woodrow Wilson, through which—because they lulled the world into illusions—so much misfortune and chaos have come into the world.
[ 35 ] Ferner sehen wir heute, wie das, was von diesen zurückgebliebenen Geistern der Form ausgeht, sich geltend macht in der einseitigen naturwissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung, wo ein wahrer Horror vorhanden ist — besser gesagt, eine scheußliche Angst davor besteht —, in die Aktivität der Gedanken überzugehen. Man soll sich heute nur einmal vorstellen, was für einen furchtbaren Spektakel ein richtiger Professor machen würde, wenn irgendein Student im Laboratorium ins Mikroskop schaute und irgendeinen Gedanken hervorbringen wollte. Das gibt es nicht! Da muß man sorgfältig nur dasjenige verzeichnen, was die äußere sinnliche Beobachtung gibt, gar nicht wissend, daß die ja nur die Hälfte der Wirklichkeit gibt, die andere Hälfte der Wirklichkeit wird eben im eigenen menschlichen Schaffen von Gedanken erzeugt. Da muß man aber wissen, was die gegenwärtige Mission der richtig entwickelten Archai ist. Es muß in der Wissenschaft, die verdorben wird durch die zurückbleibenden Geister der Form, geltend gemacht werden die richtige Mission der Geister der Persönlichkeit. Davor besteht heute die denkbar größte Angst.
[ 35 ] Furthermore, we see today how what emanates from these backward spirits of form asserts itself in the one-sided, scientific-materialistic worldview, where there is a true horror—or rather, a dreadful fear—of entering into the realm of active thought. Just imagine for a moment what a terrible scene a real professor would make today if some student in the laboratory were to look through a microscope and try to formulate a thought. That simply doesn’t happen! One must carefully record only what external sensory observation provides, without even realizing that this constitutes only half of reality; the other half of reality is generated precisely through one’s own human creative thinking. But one must know what the present mission of the properly developed Archai is. In science—which is being corrupted by the backward-looking spirits of form—the true mission of the spirits of personality must be asserted. This is the greatest fear imaginable today.
[ 36 ] Nicht wahr, Sie kennen die bekannte Anekdote, wie nach den verschiedenen National-Naturgrundlagen Wissenschaft gemacht wird. So etwa wird gefragt: Wie geht es zu, wenn es sich heute darum handelt, in richtiger Zoologie ein Kamel kennenzulernen, wie machen das die verschiedenen Nationen? Der Engländer macht eine Reise in die Wüste, beobachtet das Kamel. Er braucht ja dazu vielleicht zwei Jahre, bis er das Kamel in allen Lebenslagen beobachtet hat, aber er lernt auf diese Weise das Kamel in unmittelbarer Natur kennen, beschreibt es, läßt natürlich alle Gedanken weg, aber er beschreibt alles, schafft nicht eigene Gedanken. Der Franzose geht in die Menagerie, wo ein Kamel ausgestellt ist, schaut sich in der Menagerie das Kamel an und beschreibt das Kamel in der Menagerie. Er lernt nicht so wie der Engländer das Kamel in allen Naturlagen kennen, sondern er beschreibt es, wie es in der Menagerie ist. Der Deutsche geht weder in die Wüste noch in die Menagerie, sondern er setzt sich in seine Gelehrtenstube, setzt a priori alle Gedanken zusammen, die er aus dem, was er gelernt hat, herausbringen kann, konstruiert a priori das Kamel und beschreibt aus diesem a priori Konstruierten heraus das Kamel. — So wird gewöhnlich die Anekdote erzählt. Sie stimmt ja auch fast, wirklich fast, denn man hat überall das Gefühl, ob nun ein Kamel beschrieben wird oder ob der Mensch selber beschrieben wird oder dergleichen: es ist auf diese Weise die Beschreibung entstanden. Aber nur eines findet man nicht. Das würde, möchte ich sagen, erst das richtige Fazit, die richtige Antwort geben auf diese dreifach gestaltete Anekdote: Da wäre irgendwo der vierte, der — es kommt schon nicht darauf an, ob er nun in die Wüste geht, oder ob er Bücher studiert, weil er gerade nicht Gelegenheit hat, in die Wüste oder in die Menagerie zu gehen, oder ob er schließlich zu einem Tiermaler geht, dessen Bilder ansieht, auf denen mit genialer Kunst Kamele gemalt sind —, der imstande ist, aus dem, was sich ihm da ergibt, die Frage an die göttlich-geistige Weltenordnung selber zu stellen: Was ist das Wesen des Kamels? — Derjenige nämlich, der diese innere Arbeit leisten kann, der sieht dem Kamel, das in der Menagerie ist, noch an, wie es sich in der Wüste verhält; ja, der sieht es selbst dem noch an, was er sich durch Lektüre aus verschiedenen Büchern bilden kann, vielleicht aus Büchern, in denen scheußlich karikierte, philiströs-pedantische, schulmeisterliche Beschreibungen stehen. Er kriegt doch heraus, wenn er in das Wesen des Kamels eindringen kann, selbst aus dem Schulmeisterlichen, aus allem möglichen a priori Konstruierten, er kriegt noch heraus, um was es sich handelt. |
[ 36 ] Surely you’re familiar with the well-known anecdote about how science is conducted according to different national and natural foundations. For example, the question is asked: What happens when, in proper zoology, the goal today is to get to know a camel—how do different nations go about it? The Englishman takes a trip to the desert and observes the camel. It might take him two years to observe the camel in all its natural settings, but in this way he gets to know the camel in its natural environment; he describes it, omitting all personal interpretations, of course, but he describes everything—he does not invent his own ideas. The Frenchman goes to the menagerie, where a camel is on display; he looks at the camel in the menagerie and describes the camel as it appears there. He does not get to know the camel in all its natural settings the way the Englishman does, but rather describes it as it is in the menagerie. The German goes neither to the desert nor to the menagerie, but sits down in his study, compiles a priori all the ideas he can draw from what he has learned, constructs the camel a priori, and describes the camel based on this a priori construct. — That is how the anecdote is usually told. It is almost true—really, almost—because one has the feeling everywhere, whether a camel is being described or human beings themselves or the like: the description came about in this way. But there is one thing missing. That, I would say, would provide the correct conclusion, the correct answer to this threefold anecdote: There would be, somewhere, a fourth person—it doesn’t really matter whether he goes into the desert, or whether he studies books because he doesn’t currently have the opportunity to go to the desert or the menagerie, or whether he ultimately goes to an animal painter and looks at his pictures, in which camels are painted with brilliant artistry—who is capable, based on what presents itself to him, to pose the question to the divine-spiritual world order itself: What is the essence of the camel? — For the one who is capable of performing this inner work can still discern, by looking at the camel in the menagerie, how it behaves in the desert; indeed, he can even discern this from what he is able to form through reading various books, perhaps books containing hideously caricatured, philistine-pedantic, schoolmasterly descriptions. Yet if he can penetrate the essence of the camel, he will still be able to discern what it is all about—even from the schoolmasterly descriptions, from all manner of a priori constructs. |
[ 37 ] Das ist es, was heute vor allen Dingen die Menschheit braucht, natürlich nicht mit Ausschluß, sondern mit Einschluß der äußeren Weltenerfahrung, mit Einschluß der sinnlichen Weltenerfahrung: hinzufinden den Weg zum Geistigen.
[ 37 ] This is what humanity needs above all else today—not, of course, by excluding, but by including the experience of the external world, by including the sensory experience of the world: to find the path to the spiritual.
[ 38 ] Da haben wir wiederum dasjenige, was uns in jedem Gebiete unseres Erkenntnisstrebens dazu führen soll, in der richtigen Weise einzusehen, wie uns die zurückgebliebenen Geister der Form verführen können, und wie uns das richtige Erkennen dessen, was die Mission der Geister der Persönlichkeit ist, gerade als Menschen richtig hineinstellen kann in unser Zeitalter. Und am allerwichtigsten ist es, sich in dieser Weise orientieren zu können über die heranwachsenden Kinder, um zu einer wirklichen Erziehungskunst zu kommen. Denn das ist ja gerade etwas, was heute überall als ein ungeheurer Mangel aller Erziehungskunst vorhanden ist: Die Menschen halten fest an dem, was aus dem Menschen geworden ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung durch die unrichtigen Geister der Form, setzen voraus, daß das ganz richtig sei, daß der Mensch so ist.
[ 38 ] Here again we find what, in every area of our quest for knowledge, should lead us to understand correctly how the backward spirits of form can mislead us, and how a correct understanding of the mission of the spirits of personality can properly situate us—precisely as human beings—within our own age. And it is most important to be able to orient ourselves in this way with regard to growing children in order to arrive at a true art of education. For this is precisely what is lacking everywhere today in all forms of educational art: People cling to what human beings have become in the course of historical development through the erroneous spirits of form, assuming that this is entirely correct, that this is what human beings are like.
[ 39 ] Nun revoltiert dagegen — man kann sagen, Gott sei Dank — noch die kindliche Natur. Die läßt sich das noch nicht gefallen. Der spätere Mensch läßt es sich ja sehr gerne gefallen; die kindliche Natur revoltiert noch dagegen, insbesondere die jugendliche Natur revoltiert dagegen.
[ 39 ] But—thank God, one might say—childlike nature still rebels against this. It will not put up with it yet. The adult, of course, is only too happy to put up with it; childlike nature still rebels against it, and youthful nature in particular rebels against it.
[ 40 ] Wiederum haben wir einen der charakteristischen Punkte der heutigen Jugendbewegung und einen der charakteristischen Punkte, wo die heutige Pädagogik, ich möchte sagen, hellsichtig werden muß — oder wenigstens aus Hellsichtigkeit sich befruchten lassen muß —, damit nun wirklich erkannt werde, wie mit dem Menschen, wenn er heute geboren wird, der Keim zu der inneren Aktivität der Gedanken mitgeboren wird. Dann, wenn dieser Keim zur inneren Aktivität der Gedanken da ist, dann lernen wir vor allen Dingen eines, was heute die Menschen meist nicht können. Wissen Sie, was die Menschen heute nicht können? Sie können nämlich nicht alt werden. Und die Jugend, die möchte nämlich zu Führern altgewordene Menschen haben. Sie möchte nicht die Jugend selber zum Führer haben — wenn sie es auch sagt, da täuscht sie sich —, sie möchte zu Führern Leute haben, die richtig alt zu werden verstanden haben, die den lebendigen Keim der Gedankenentwickelung sich bis ins Alter mitführen. Wenn das die Jugend bemerken kann, dann folgt sie nämlich den Führern, denn da weiß sie, es haben ihr die Leute etwas zu sagen, wenn sie verstanden haben, in der richtigen Weise alt zu werden. Aber was trifft denn heute die Jugend? Sie trifft da lauter — ihresgleichen! Die Menschen haben nicht verstanden, alt zu werden, sind Kindsköpfe geblieben; sie wissen nicht mehr, als die Fünfzehn-, Sechzehnjährigen auch schon wissen. Da ist es ja kein Wunder, daß die Fünfzehn-, Sechzehnjährigen den Sechzig-, Siebzigjährigen nicht mehr folgen wollen, weil die ja nicht älter geworden sind. Sie haben gar nicht die Aktivität in den alten Körper hineinzutragen verstanden. Die Jugend wünscht richtig altgewordene Menschen, nicht bloß alt aussehende mit Runzeln und weißen Haaren und glatzigen Köpfen, die aber im Grunde genommen in alten Herzen so jung sind wie sie selber, sondern die Jugend will solche Menschenwesen, die verstanden haben, alt zu werden, also zugenommen haben mit dem Altwerden an Weisheit und Kraft.
[ 40 ] Once again, we have one of the defining features of today’s youth movement and one of the defining areas where modern pedagogy, I would say, must become clairvoyant—or at least allow itself to be enriched by clairvoyance—so that it may truly be recognized how, when a human being is born today, the seed of inner thought activity is born with them. Then, when this seed of inner thought activity is present, we learn, above all, one thing that most people today are unable to do. Do you know what people today are unable to do? They are, in fact, unable to grow old. And young people, you see, want to have people who have grown old as their leaders. They do not want young people themselves to be their leaders—even if they say so, they are mistaken—they want to have as leaders people who have truly understood how to grow old, who carry the living seed of thought development with them into old age. If young people can recognize this, then they will follow such leaders, for they know that these people have something to say to them if they have understood how to grow old in the right way. But what do young people encounter today? They encounter nothing but—their own kind! People have not understood how to grow old; they have remained childish; they know no more than fifteen- and sixteen-year-olds already know. So it’s no wonder that fifteen- and sixteen-year-olds no longer want to follow sixty- and seventy-year-olds, because the latter haven’t actually grown older. They haven’t understood how to carry that vitality into their aging bodies. Young people want people who have truly grown old—not just those who look old with wrinkles, white hair, and bald heads, but who, deep down in their old hearts, are as young as they are themselves. Rather, young people want human beings who have understood how to grow old—that is, who have gained wisdom and strength as they’ve aged.
[ 41 ] Die Jugendbewegungsfrage würde leicht gelöst werden, wenn man sie eben in ihrer ganzen kosmischen Bedeutung erfassen würde, wenn man nämlich einmal gründlich Vorträge hielte über das Thema: Wie ist es heute möglich in der Welt, kein Kindskopf bis ins hohe Greisenalter zu bleiben? Das ist das Problem.
[ 41 ] The issue of the youth movement would be easily resolved if one were to grasp it in its full cosmic significance—namely, if one were to give in-depth lectures on the topic: How is it possible in today’s world not to remain childish well into old age? That is the problem.
[ 42 ] Den Nichtkindsköpfigen, den wirklich Altgewordenen, wird die Jugend sich tatsächlich in einer ganz selbstverständlichen Weise anschließen, wird sich mit ihnen zusammenfinden. Aber von ihresgleichen kann sie nichts lernen; sondern es kommt dem jungen Menschen nur grotesk vor, wenn er nun selber vielleicht achtzehn Jahre alt ist, vielleicht noch nicht so sehr viel gelernt hat — einiges hat er ja gelernt —, er hat noch volles schwarzes oder blondes Haar auf dem Kopfe und noch keine Runzeln, hat noch ein pausbäckiges Gesicht, hat noch nicht einmal einen Bart bekommen, schön, und nun, nicht wahr, soll er folgen einem andern, der innerlich gar nicht älter ist als er, aber der sieht so komisch aus, hat einen Glatzkopf, hat graue Haare, hat nicht mehr gelernt als er selber, aber das alles schaut anders aus! — Das ist im Grunde genommen der innerste Kern dieser Tatsache des Nichtzusammenfindens von Jugend und Alter.
[ 42 ] Youth will indeed naturally gravitate toward those who are not childish—those who have truly grown old—and will come together with them. But it can learn nothing from its own kind; rather, it seems simply grotesque to a young person—who is perhaps eighteen years old himself, who may not have learned all that much yet (though he has learned a few things)— he still has a full head of black or blond hair and no wrinkles yet, still has a chubby face, hasn’t even grown a beard yet—all right—and now, isn’t that so, he’s supposed to follow someone else who isn’t any older than he is on the inside, but who looks so strange—bald, with gray hair, having learned no more than he has himself—but it all looks so different! — That is, in essence, the very core of this fact that youth and old age do not come together.
[ 43 ] Sie müssen das, was ich jetzt in einer humoristischen Weise versuchte zu sagen, nur in seiner ganzen seriösen, in seiner ganzen ernsten Bedeutung nehmen, dann werden Sie auch manches, was in der heutigen Zivilisation als eine große, bedeutsame, brennende Frage daliegt, unmittelbar ins seelische Auge fassen können.
[ 43 ] You must take what I have just tried to say in a humorous way entirely seriously, in all its gravity; then you will be able to immediately grasp, in your inner eye, many of the issues that are considered major, significant, and pressing in today’s civilization.
[ 44 ] Da ich es nicht gut übers Herz bringen kann — die nächsten drei Vorträge kann ich ja nicht halten, weil ich am Freitag schon in Stuttgart sein soll —, hier abzubrechen, so werde ich mir erlauben, am Donnerstag um acht Uhr einen Vortrag zu halten, aber nur für diejenigen, die ihn hören wollen.
[ 44 ] Since I can’t bring myself to stop here—after all, I won’t be able to give the next three lectures because I’m supposed to be in Stuttgart on Friday—I’ll take the liberty of giving a lecture on Thursday at 8:00 p.m., but only for those who want to hear it.
