The Annual Cycle as the Earth's Breathing Process
GA 223
27 September 1923, Vienna
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The Annual Cycle as the Earth's Breathing Process, tr. SOL
Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt I
Anthroposophy and the Human Soul I
[ 1 ] Es wird, wenn von Anthroposophie heute in manchen Kreisen die Rede ist, neben manchem unzutreffenden Worte auch dieses gesagt, daß Anthroposophie intellektualistisch sei, daß sie zu stark an den wissenschaftlichen Verstand appelliere, und daß sie zu wenig Rücksicht nehme auf die Bedürfnisse des menschlichen Gemütes. Deshalb habe ich gerade für diesen kurzen Vortragszyklus, den ich zu meiner großen Befriedigung wieder in Wien hier vor Ihnen halten darf, das Thema gewählt: «Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt.»
[ 1 ] When anthroposophy is discussed in certain circles today, alongside many inaccurate statements, it is also said that anthroposophy is intellectualistic, that it appeals too strongly to the scientific mind, and that it takes too little account of the needs of the human soul. That is why, specifically for this short series of lectures—which I am delighted to be able to present here in Vienna before you once again—I have chosen the topic: “Anthroposophy and the Human Soul.”
[ 2 ] Das menschliche Gemüt ist gewiß von der Erkenntnis ausgeschlossen worden durch die intellektualistische Entwickelung der Zivilisation in den letzten drei bis vier Jahrhunderten. Man wird heute allerdings nicht müde, immer wieder und wieder zu betonen, daß der Mensch nicht stehenbleiben könne bei dem nüchternen, trockenen Verstande und seinen Einsichten, aber man baut doch, wenn es sich um Erkenntnisse handeln soll, ausschließlich auf diesen Verstand. Auf der andern Seite wird immer wieder und wieder hervorgehoben, das menschliche Gemüt müsse zu seinem Rechte kommen; allein man gibt ihm dieses Recht nicht. Man spricht ihm jede Möglichkeit ab, irgendwie eine Beziehung zu den Weltengeheimnissen draußen zu gewinnen; man schränkt sozusagen das menschliche Gemüt gerade in das ein, was nur die persönlichen Angelegenheiten des Menschen sind, in dasjenige, worüber nur die persönlichsten Angelegenheiten des Menschen entscheiden sollen.
[ 2 ] The human mind has certainly been cut off from true knowledge by the intellectualistic development of civilization over the last three to four centuries. Today, however, people never tire of emphasizing, time and again, that human beings cannot remain confined to sober, dry reason and its insights; yet when it comes to knowledge, they rely exclusively on this very reason. On the other hand, it is repeatedly emphasized that the human soul must be given its due; yet this right is not granted to it. It is denied any possibility of establishing any kind of connection with the mysteries of the world outside; the human mind is, so to speak, confined precisely to what are merely a person’s personal affairs—to that which is to be determined solely by a person’s most personal concerns.
[ 3 ] Heute wollen wir nun zunächst, ich möchte sagen, wie in einer Art historischer Erinnerung davon sprechen, wie dieses menschliche Gemüt in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung auch erkenntnismäßig sprechen durfte, wie es große, gewaltige Bilder vor die Menschenseele hinzaubern durfte, die aufklärend auf den Menschen wirken sollten, wenn es sich darum handelte, daß der Mensch seine Eingliederung in den ganzen Weltengang finden könne, in den Kosmos, in die Zeitenfolge. Diese Bilder bildeten im Grunde genommen in jener Zeit, als das menschliche Gemüt noch weltanschauungsmäßig sprechen durfte, gerade das Wichtigste in diesen Weltanschauungen. Sie stellten die großen, umfassenden Weltenzusammenhänge dar und stellten den Menschen in diese großen, umfassenden Weltenzusammenhänge hinein.
[ 3 ] Today, let us begin—I would say— as in a kind of historical recollection, discuss how, in earlier times of human development, the human soul was permitted to speak in terms of knowledge, how it was allowed to conjure up grand, powerful images before the human soul—images intended to enlighten people as they sought to find their place within the entire course of the world, within the cosmos, and within the sequence of time. Essentially, in those times when the human mind was still permitted to speak in terms of worldviews, these images constituted the very essence of those worldviews. They depicted the grand, all-encompassing interrelationships of the world and placed human beings within these grand, all-encompassing interrelationships.
[ 4 ] Ich möchte, weil ich gerade dadurch eine Grundlage für die weitere Betrachtung des menschlichen Gemütes vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus schaffen kann, heute eines jener grandiosen, majestätischen Bilder vor Ihre Seele führen, die so zu wirken bestimmt waren, wie ich es jetzt angedeutet habe; zugleich eines jener Bilder, welche vor allen Dingen dazu bestimmt sind, in einer neuen Art, von der wir noch sprechen wollen, auch in der Gegenwart wieder an den Menschen herangerückt zu werden. Ich möchte heute zu Ihnen sprechen von dem Bilde, das Sie alle kennen, dessen Bedeutung aber nach und nach im menschlichen Bewußtsein zum Teil verblaßt ist, zum Teil mißverständlich erfaßt ist: von dem Bilde des Kampfes, des Streites Michaels mit dem Drachen. Ergreifend wirkt es noch auf viele Menschen, aber der eigentliche tiefere Gehalt, wie gesagt, ist entweder verblaßt oder wird mißverstanden, mindestens wird er nicht so an das menschliche Gemüt herangebracht, wie er einst zu diesem menschlichen Gemüt gestanden hat, ja wie er selbst noch im 18. Jahrhundert im Gemüte vieler Menschen gestanden hat. Man macht sich heute gar keinen Begriff davon, wieviel sich in dieser Beziehung geändert hat, wieviel von dem, wovon der sogenannte gescheite Mensch sagt, es seien phantastische Bilder, als die ernstesten Bestandteile der alten Weltanschauungen genommen wurde. So war das insbesondere mit dem Bilde vom Streit des Michael mit dem Drachen.
[ 4 ] Because this is precisely how I can lay the groundwork for further exploration of the human soul from an anthroposophical perspective, I would like today to present to your soul one of those magnificent, majestic images that were intended to have the effect I have just described; at the same time, one of those images that are, above all, meant to be brought back to people in the present in a new way, which we will discuss later. Today I would like to speak to you about the image that you all know, but whose significance has, little by little, partly faded from human consciousness and is partly misunderstood: the image of the battle, the struggle between Michael and the dragon. It still has a profound effect on many people, but its true, deeper meaning, as I said, has either faded or is misunderstood; at the very least, it is not presented to the human mind in the same way it once was, or even as it was perceived by many people as recently as the 18th century. People today have absolutely no concept of how much has changed in this regard, of how much of what the so-called intelligent person dismisses as fantastical imagery was once regarded as the most serious elements of the old worldviews. This was particularly true of the image of Michael’s battle with the dragon.
[ 5 ] Wenn heute der Mensch darüber nachdenkt, wie er sich selber auf der Erde entwickelt hat, dann kommt er — im Sinne seiner materialistischen Weltauffassung — dazu, die jetzige, in einem gewissen Sinne relativ vollkommenere Menschengestalt auf unvollkommenere Gestalten, auf physisch-tierische Vorfahren, immer weiter und weiter zurückzuführen. Man kommt dadurch eigentlich von dem jetzigen Menschen, der in der Lage ist, sein eigenes Wesen innerlich seelisch-geistig zu erleben, zu viel materielleren Geschöpfen, von denen der Mensch abstammen solle, die dem materiellen Dasein eben viel näher standen. Man nimmt an, daß sich die Materie allmählich immer mehr und mehr zu einem Erleben des Geistigen heraufentwickelt habe. So war die Anschauung einer verhältnismäßig noch kurz zurückliegenden Zeit nicht, sie war gegenüber dieser Anschauung eigentlich geradezu umgekehrt. Wenn noch im 18. Jahrhundert diejenigen Menschen, die damals — viele waren das ja auch noch nicht — nicht angefressen waren von materialistischer Anschauung, von materialistischer Gesinnung, mit dem Seelenblick zurückschauten in die Vorzeit der Menschheit, dann sahen sie nicht auf weniger menschliche Wesen als ihre Vorfahren hin, sondern sie sahen auf geistigere Wesen hin, als es der Mensch selber ist. Sie sahen auf Wesen hin, denen die Geistigkeit so eigen war, daß diese Wesen noch nicht einen physischen Leib annahmen in dem Sinne, wie es der Mensch heute auf der Erde — die übrigens auch noch nicht in diesen älteren Zeiten vorhanden war tut. Wenn sie auf die Menschheit zurückschauten, schauten sie hin auf Wesenheiten, die in einer höheren, geistigeren Art lebten, und die, wenn ich mich grob ausdrücken darf, einen Leib von viel dünnerer, mehr geistiger Substanz hatten. In diese Sphäre, von der die Menschen da sprachen, versetzte man noch nicht hinein Wesen von der Art des heutigen Menschen, sondern höherstehende Wesen mit höchstens einem ätherischen Leib, nicht mit einem physischen Leib, Wesen, die gewissermaßen die Menschenvorfahren sein sollten. Man schaute zurück in eine Zeit, in der auch noch nicht die sogenannten höheren Tiere da waren, in der höchstens diejenigen Tiere da waren, die man heute wie in ihren Nachkommen in den gallertartigen Tieren der Meere findet. Das war sozusagen auf dem Vorfahr der Erde als unter dem Menschen stehendes Tierreich vorhanden; darüber ein Reich, das, wie gesagt, nur Wesen hatte in höchstens einem ätherischen Leib. Das was wir heute aufzählen im Sinne meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» als die Wesen der höheren Hierarchien, würde in anderer Form heute noch das sein, was dazumal in einer gewissen Beziehung als Vorfahrenschaft des Menschen gedacht worden ist.
[ 5 ] When people today reflect on how they themselves have evolved on Earth, they—in accordance with their materialistic worldview—come to trace the current human form, which is in a certain sense relatively more perfect, back further and further to more imperfect forms, to physical, animal-like ancestors. This line of reasoning actually leads from modern humans—who are capable of experiencing their own being inwardly, in a soul-spiritual sense—to much more material creatures from whom humans are said to have descended, creatures that were much closer to material existence. It is assumed that matter gradually evolved more and more toward an experience of the spiritual. This was not the view held in a relatively recent past; in fact, it was virtually the exact opposite of this view. Even in the 18th century, those people—and there were not many of them at the time—who had not yet been consumed by materialistic views or a materialistic mindset, when they looked back with the eye of the soul to humanity’s prehistory, did not see beings less human than their ancestors; rather, they saw beings more spiritual than human beings themselves. They looked upon beings for whom spiritual nature was so inherent that these beings had not yet taken on a physical body in the sense that human beings do today on Earth—which, incidentally, did not yet exist in those earlier times. When they looked back upon humanity, they beheld beings who lived in a higher, more spiritual manner and who, if I may put it crudely, possessed a body of much thinner, more spiritual substance. This sphere, of which the people there spoke, did not yet include beings of the kind of modern humans, but rather higher beings possessing at most an etheric body—not a physical body—beings who, in a sense, were to become the ancestors of humankind. One looked back to a time when even the so-called higher animals did not yet exist, a time when, at most, there were those animals that are found today—as well as in their descendants—among the gelatinous creatures of the seas. This existed, so to speak, on the Earth’s ancestor as an animal kingdom standing below humanity; above it was a kingdom that, as mentioned, consisted only of beings possessing, at most, an etheric body. What we today list, in the sense of my Outline of Esoteric Science, as the beings of the higher hierarchies would, in a different form, still be what was once conceived, in a certain sense, as humanity’s ancestors.
[ 6 ] Diese Wesenheiten — Angeloi, Archangeloi, Archai — in ihren damaligen Formen, sie waren vor allen Dingen noch nicht zur Freiheit bestimmt in dem Sinne, wie wir heute beim Menschen von Freiheit sprechen. Der Wille dieser Wesen wurde nicht so erlebt, daß sie selber jenes eigentümliche Gefühl gehabt hätten, das wir aussprechen mit den Worten: Wir wollen willkürlich etwas. — Diese Wesen wollten nicht willkürlich etwas, sie wollten das, was als der göttliche Wille in ihre Wesenheit einfloß. Diese Wesenheiten hatten ihren Willen vollständig in dem göttlichen Willen beschlossen. Die göttlichen Wesen, die über ihnen standen oder stehen und die in ihren Zusammenhängen die göttliche Weltenlenkung bedeuten, «wollten» gewissermaßen durch die niedrigeren Geister der Archangeloi und Angeloi, so daß diese niedrigeren Geister durchaus in der Richtung, im Sinne des über ihnen stehenden göttlich-geistigen Willens wollten. So war die Ideenwelt dieser älteren Menschheit, daß sie sich sagte: In jener alten Zeit war überhaupt der Zeitpunkt noch nicht gekommen, wo sich Wesen entwickeln konnten, die in ihrem Bewußtsein das Freiheitsgefühl haben sollten. — Im Sinne der göttlich-geistigen Weltenordnung war dieser Zeitpunkt auf eine spätere Epoche verlegt. Da sollte dann gewissermaßen ein Teil der im göttlichen Willen beschlossenen Geister zum eigenen, freien Willen kommen. Er sollte zum eigenen, freien Willen kommen, wenn in der Weltenentwickelung dazu die Zeit wäre.
[ 6 ] These beings—Angels, Archangels, Archai—in their forms at that time were, above all, not yet destined for freedom in the sense in which we speak of freedom in relation to human beings today. The will of these beings was not experienced in such a way that they themselves had that peculiar feeling we express with the words: “We will something arbitrarily.” — These beings did not will something arbitrarily; they willed what flowed into their being as the divine will. These beings had their will completely encompassed within the divine will. The divine beings who stood or stand above them—and who, in their interrelationships, represent the divine governance of the world—“willed,” so to speak, through the lower spirits of the Archangeloi and Angeloi, so that these lower spirits willed entirely in the direction and in the sense of the divine-spiritual will standing above them. Thus was the world of ideas of this earlier humanity, which told itself: In that ancient time, the moment had not yet come at all when beings could develop who were to possess a sense of freedom in their consciousness. — In accordance with the divine-spiritual world order, this point in time had been postponed to a later epoch. Then, as it were, a portion of the spirits decreed in the divine will was to attain its own free will. It was to attain its own free will when the time was right in the course of world development.
[ 7 ] Ich will mit alledem heute nicht etwas schildern, was ich vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus irgendwie schon rechtfertigen wollte, darüber werden wir dann in den nächsten Tagen sprechen, sondern ich will die Vorstellungen schildern, die gerade bis ins 18. Jahrhundert herein bei erleuchtetsten Geistern gelebt haben. Ich will sie historisch schildern, denn nur dadurch, daß wir sie uns in ihrer historischen Gestalt vor die Seele rücken, werden wir auch zu einer neuen Anschauung darüber kommen, inwiefern diese Vorstellungen in einer andern Form wieder erneuert werden könnten.
[ 7 ] My aim today is not to describe anything that I would in any way wish to justify from an anthroposophical point of view—we will discuss that in the coming days—but rather to describe the ideas that were held by even the most enlightened minds right up until the 18th century. I want to describe them historically, for only by bringing them before our minds in their historical form will we arrive at a new understanding of the extent to which these ideas could be revived in a different form.
[ 8 ] Da aber — so sagten sich diese Menschen — erhob sich unter diesen Geistern, deren kosmisches Schicksal es eigentlich war, im Willen der göttlichen Geister beschlossen zu sein, eine Anzahl von solchen Wesenheiten, die ihren Willen gewissermaßen abschnüren wollten von dem göttlichen Willen, die ihren Willen emanzipieren wollten vom göttlichen Willen. Es erhoben sich in einem übermenschlichen Hochmut Wesenheiten, die, bevor die Zeit dazu da war, in der die Freiheit reifen sollte, zu dieser Freiheit ihres Willens kommen wollten. Und als den Bedeutendsten, den Anführer dieser Wesenheiten dachte man sich dasjenige Wesen, das dann Gestalt bekommen hat in demDrachen, den Michael bekämpft, jener Michael, der oben geblieben ist im Reiche derjenigen Geister, die ihren Willen auch weiterhin orientieren wollten im Sinne des göttlich-geistigen Willens, der über ihnen steht.
[ 8 ] But—as these people told themselves—among these spirits, whose cosmic destiny was actually to be determined by the will of the divine spirits, a number of such beings arose who, in a sense, wanted to sever their will from the divine will, who wanted to emancipate their will from the divine will. In a superhuman arrogance, entities arose who, before the time had come for freedom to mature, sought to attain this freedom of their will. And the most significant of these—the leader of these beings—was conceived as the being who then took form as the dragon fought by Michael, that Michael who remained above in the realm of those spirits who wished to continue orienting their will in accordance with the divine-spiritual Will that stands above them.
[ 9 ] Aus diesem Stehenbleiben im göttlich-geistigen Willen entstand bei Michael der Impuls, das Richtige zu tun mit demjenigen Wesen, das vorzeitig, wenn ich so sagen darf, zur Freiheit gegriffen hat. Denn die Gestalten, welche die Wesenheiten der Hierarchie der Archangeloi, Angeloi, Archai hatten, waren einfach nicht angemessen einem Wesen, das in der angedeuteten Art einen freien, von dem Göttlichen emanzipierten Willen haben sollte. Dazu sollte im Laufe der Entwickelung der Welt die Gestalt erst später entstehen, nämlich die menschliche Gestalt. Aber das alles wird in eine Zeit versetzt, in der im Zusammenhange des Kosmos die menschliche Gestalt noch nicht möglich war; auch die höheren tierischen Gestalten waren noch nicht möglich, nur jene niederen tierischen Gestalten, die ich vorhin charakterisiert habe. Und so mußte sozusagen eine kosmisch widerspruchsvolle Gestalt entstehen. In die mußte gewissermaßen der widersetzliche Geist gegossen werden. Es konnte nicht eine Tiergestalt sein, die erst später entstehen durfte, es konnte auch nicht eine der Tiergestalten sein, wie sie dazumal waren in der gewöhnlichen, sozusagen weichen Materie. Es konnte nur eine Tiergestalt sein, welche von den in der physischen Welt möglichen Tiergestalten abwich, aber doch wiederum, weil sie einen kosmischen Widerspruch darstellen sollte, tierähnlich wurde. Und die Gestalt, die einzig und allein aus dem heraus, was damals möglich war, geschaffen werden konnte, diese Gestalt ist die Gestalt des Drachen. Natürlich wurde sie dann von dem einen so, von dem andern anders aufgefaßt, wenn sie gemalt oder sonstwie wiedergegeben werden sollte; sie wird mehr oder weniger treffend oder auch unzutreffend dargestellt werden, je nachdem derjenige, der sie darstellt, eine innere imaginative Einsicht hat in das, was dazumal möglich war für eine \Wesenheit, die einen widersetzlichen Willen entwickelt hat. Aber unter denjenigen Gestalten jedenfalls, die in der physischen Welt in der Tierreihe bis zum Menschen herauf möglich geworden sind, ist diese Gestalt nicht. Sie mußte eine übersinnliche bleiben. Aber eine solche übersinnliche Gestalt konnte nicht in jenem Reiche sein, in dem die Wesen der höheren Hierarchien, Archangeloi, Angeloi und so weiter sind, sie mußte sozusagen unter diejenigen Gestalten versetzt werden, die im Laufe der physischen Entwickelung entstehen konnten. Das ist der Sturz des Drachen vom Himmel auf die Erde. Das ist die Tat des Michael, daß gewissermaßen diese Gestalt in eine Form kam, die übertierisch ist, übersinnlich ist, die aber nicht im Reiche des Übersinnlichen verbleiben darf, denn trotzdem sie eine übersinnliche ist, widerspricht sie dem Reiche des Übersinnlichen, in dem sie vor ihrer Widersetzlichkeit war. Und so wurde diese Gestalt in die Welt versetzt, welche die physische Welt ist, aber als eine überphysische, übersinnliche. Sie lebte fortan in dem Reiche, in dem die Mineralien, Pflanzen, Tiere sind; sie lebte fortan in dem, was als Erde entstand. Aber sie lebte nicht so, daß Menschenaugen sie schen könnten, wie Menschenaugen die gewöhnlichen Tiere sehen können. Wenn das Seelenauge sich hinaufrichtet in die Welten, die sozusagen in dem höheren Weltenplane vorgesehen waren, so schaut es in seinen Imaginationen die Wesenheiten der höheren Hierarchien. Wenn das menschliche physische Auge sich richtet auf die physische Welt, so schaut es das, was in den verschiedenen Reichen der Natur bis herauf zur physisch-sinnlichen Menschengestalt entstanden ist. Wenn sich aber das Seelenauge auf das richtet, was in der physischen Natur ist, dann schaut es diese in sich widerspruchsvolle Gestalt des Widersachers, desjenigen, der tierisch und doch wieder nicht tierisch ist, der in der sichtbaren Welt lebt und wieder selbst nicht sichtbar ist: es schaut die Gestalt des Drachen. Und in dem ganzen Entstehen des Drachen schauten diese Menschen einer älteren Zeit die Tat des Michael, der im Reiche des Geistigen in jener Gestalt zurückgeblieben war, die dem Reiche des Geistigen angemessen ist.
[ 9 ] From this abiding in the divine-spiritual will arose in Michael the impulse to do what was right for that being who, if I may say so, had prematurely reached for freedom. For the forms possessed by the beings of the hierarchy of the Archangeloi, Angeloi, and Archai were simply not suited to a being that, in the manner described, was to have a free will emancipated from the Divine. The form appropriate for this was to emerge only later in the course of the world’s evolution—namely, the human form. But all of this is set in a time when, within the context of the cosmos, the human form was not yet possible; nor were the higher animal forms yet possible—only those lower animal forms that I characterized earlier. And so, a form that was, so to speak, cosmically contradictory had to come into being. Into this form, the rebellious spirit had to be poured, as it were. It could not be an animal form that was only to emerge later; nor could it be one of the animal forms as they existed at that time in ordinary, so to speak, soft matter. It could only be an animal form that differed from the animal forms possible in the physical world, yet which, because it was meant to represent a cosmic contradiction, became animal-like. And the form that could be created solely from what was possible at that time—this form is the form of the dragon. Of course, it was then interpreted one way by some and another way by others when it was to be painted or otherwise depicted; it will be depicted more or less accurately—or even inaccurately—depending on whether the person depicting it possesses an inner, imaginative insight into what was possible at that time for a being that had developed a rebellious will. But in any case, this form is not among those that have become possible in the physical world within the animal kingdom, up to and including human beings. It had to remain a supersensible being. But such a supersensible being could not exist in that realm inhabited by the beings of the higher hierarchies—the Archangels, Angels, and so on; it had to be, so to speak, placed among those forms that could arise in the course of physical evolution. This is the fall of the dragon from heaven to earth. This is the deed of Michael: that, so to speak, this being took on a form that is super-animal, supersensible, but which cannot remain in the realm of the supersensible, for although it is a supersensible being, it contradicts the realm of the supersensible in which it existed before its rebellion. And so this being was placed into the world—which is the physical world—but as a superphysical, supersensible being. From then on, it lived in the realm of minerals, plants, and animals; from then on, it lived in what emerged as the Earth. But it did not live in such a way that human eyes could perceive it, just as human eyes can perceive ordinary animals. When the eye of the soul turns upward toward the worlds that were, so to speak, intended for the higher plane of existence, it beholds in its imaginations the beings of the higher hierarchies. When the human physical eye turns toward the physical world, it sees what has come into being in the various kingdoms of nature, all the way up to the physical-sensory human form. But when the soul’s eye turns to what is in physical nature, it beholds this contradictory form of the adversary—the one who is animal-like and yet not animal-like, who lives in the visible world and yet is not visible himself: it beholds the form of the dragon. And in the entire process of the dragon’s emergence, these people of an earlier time beheld the deed of Michael, who had remained in the spiritual realm in that form which is appropriate to the spiritual realm.
[ 10 ] Und nun entstand die Erde, mit der Erde der Mensch, und der Mensch sollte so entstehen, daß er gewissermaßen ein Doppelwesen wurde. Auf der einen Seite sollte er mit einem Teil seines Wesens, mit seinem seelisch-geistigen Teile hinaufragen in das, was man die himmlische, die übersinnliche Welt nennt; mit dem andern Teile seines Wesens, mit dem physisch-ätherischen Teile, sollte er angehören derjenigen Natur, die als die Erdennatur, als ein neuer Weltenkörper entstand, jener Weltenkörper, auf den der abtrünnige Geist, der Widersacher, versetzt wurde. Dort mußte der Mensch entstehen. Er war dasjenige Wesen, das in diese Welt gehört nach dem ursprünglichen Ratschluß, der dem Ganzen zugrunde liegt. Der Mensch gehörte auf die Erde. Der Drache gehörte nicht auf die Erde, war aber auf die Erde versetzt worden.
[ 10 ] And now the Earth came into being, and with the Earth, humankind; and humankind was to come into being in such a way that it would, so to speak, become a dual being. On the one hand, it was to reach upward with a part of its being—its soul-spiritual part—into what is called the heavenly, the supersensible world; with the other part of his being—the physical-etheric part—he was to belong to that nature which arose as the earthly nature, as a new world body, the very world body to which the rebellious spirit, the adversary, was banished. That is where humanity was to come into being. He was the being who, according to the original plan underlying the whole, belonged in this world. Humanity belonged on Earth. The dragon did not belong on Earth, but had been banished there.
[ 11 ] Und nun bedenken Sie, was der Mensch auf der Erde, als er im Laufe der Entwickelung mit der Erde erstand, nun antraf auf dieser Erde. Er traf das an, was als äußere Natur sich aus den früheren Naturreichen entwickelt hatte, was dann die Tendenz annahm, die dann gipfelte in dem jetzigen Mineralreich, in unserem Pflanzenreich, Tierreich bis herauf zu seiner eigenen physischen Menschengestalt. Das traf er an. Er traf, mit andern Worten, das an, was wir gewohnt sind, die außermenschliche Natur zu nennen. Was war diese außermenschliche Natur? Sie war die Fortsetzung und ist heute noch die Fortsetzung desjenigen, was von den höchsten schaffenden Mächten im fortlaufenden Entwickelungsplane der Welt gemeint war. Der Mensch darf daher, indem er dies in seinem Gemüte erlebt, in die äußere Natur hinausschauen, darf die Mineralien anschauen mit alledem, was mit der mineralischen Welt zusammenhängt, darf in die wunderbaren Kristallformen hinausschauen, darf aber auch auf die Berge, die Wolken und die andern Formen hinschauen, und er schaut dann diese äußere Natur gewissermaßen in ihrem Ertötetsein, in ihrem Unlebendigsein. Aber der Mensch schaut sie so an, wie das, was als Unlebendiges da ist, was eine ehemalige göttliche Welt selbst aus sich herausgesetzt hat, so wie der menschliche Leichnam — allerdings jetzt in einer andern Bedeutung — aus dem lebendigen Menschen im Tode herausgesetzt wird. Ist dieser Anblick des menschlichen Leichnams zunächst, so wie er dem Menschen entgegentritt, nicht irgend etwas, was auf den Menschen einen bejahenden Eindruck machen kann, so darf aber dasjenige, was in gewissem Sinne auch göttlicher Leichnam ist, aber Leichnam auf einer höheren Stufe und im Mineralreich erstanden ist, von dem Menschen als das angesehen werden, was in der Form, in der Gestalt das ursprünglich gestaltlos-lebendige Göttliche spiegelt. Und in dem, was dann als die höheren Naturreiche hervorgebracht wird, wird eine weitere Spiegelung desjenigen gesehen, was ursprünglich als gestaltlos Göttliches vorhanden war. So darf der Mensch hinausschauen in die ganze Natur und darf fühlen von der Natur, daß diese außermenschliche Natur ein Spiegel des Göttlichen in der Welt ist.
[ 11 ] And now consider what human beings encountered on Earth when they came into being alongside the Earth in the course of evolution. He encountered what had developed as external nature from the earlier natural kingdoms—a process that took on a certain tendency, culminating in the present mineral kingdom, our plant kingdom, and animal kingdom, all the way up to his own physical human form. That is what he encountered. In other words, he encountered what we are accustomed to calling non-human nature. What was this non-human nature? It was—and still is today—the continuation of what was intended by the highest creative powers in the ongoing plan of the world’s development. Human beings may therefore, by experiencing this in their inner being, look out into external nature; they may observe the minerals along with everything connected to the mineral world; they may gaze upon the wondrous crystal forms; and they may also look upon the mountains, the clouds, and other forms, and he then sees this outer nature, as it were, in its lifelessness, in its inanimacy. But the human being regards it as that which exists as lifeless, as something that a former divine world has itself set forth from within itself, just as the human corpse—albeit now in a different sense—is set forth from the living human being at death. If this sight of the human corpse, as it first presents itself to the human being, is not something that can make a positive impression on the human being, then what is, in a certain sense, also a divine corpse— but a corpse that has arisen on a higher level and within the mineral kingdom, be regarded by human beings as that which, in its form and shape, reflects the originally formless, living Divine. And in what is then brought forth as the higher kingdoms of nature, a further reflection of that which originally existed as the formless Divine is seen. Thus, human beings may look out into all of nature and may sense from nature that this non-human nature is a mirror of the Divine in the world.
[ 12 ] Das ist schließlich dasjenige auch, was die Natur dem menschlichen Gemüte geben soll. Naiv, nicht durch Spekulation, soll der Mensch in der Lage sein, beim Anblicke dieser oder jener Naturwesenhaftigkeit Freude, Sympathie, ja vielleicht inneres Jauchzen, inneren Enthusiasmus gegenüber den Gestaltungen, gegenüber dem Sprießen und Blühen in der Natur zu empfinden. Und dann soll in bezug auf das, was er sich nicht ganz klarmacht bei diesem Jauchzen, bei diesem Enthusiasmus, bei dieser überströmenden Freude über die Natur, in seinen Untergründen eigentlich die Empfindung leben, wie er in seinem ganzen Gemüte sich so innig verwandt fühlt mit dieser Natur, indem er sich sagen kann, wenn es ihm auch nur dumpf zum Bewußtsein kommt: Das haben die Götter aus sich heraus als ihren Spiegel in die Welt hineingestellt, dieselben Götter, denen mein eigenes Gemüt entstammt, dieselben Götter, van denen ich auf einem andern Wege komme. — Und eigentlich sollte alles innere Jauchzen über die Natur, alle Freude über die Natur, alles was als ein so befreiendes Gefühl in uns aufkommt, wenn wir die Frische in der Natur innerlich lebendig nacherleben, darauf gestimmt sein, daß das menschliche Gemüt sich verwandt fühlt mit dem, was in der Natur draußen als Spiegel der Gottheit lebt.
[ 12 ] After all, that is precisely what nature is meant to give the human mind. Naively, without speculation, human beings should be able, upon seeing this or that aspect of nature’s essence, to feel joy, sympathy, and perhaps even an inner exultation and enthusiasm toward nature’s forms, toward its sprouting and blooming. And then, with regard to what he does not fully grasp in this exultation, in this enthusiasm, in this overflowing joy over nature, the feeling should actually live deep within him—how he feels so intimately connected to this nature in his entire soul, so that he can say to himself, even if it comes to his consciousness only dimly: The gods have placed this in the world as a mirror of themselves—the very same gods from whom my own spirit originates, the very same gods from whom I come by another path. — And in fact, all inner exultation over nature, all joy in nature, everything that arises within us as such a liberating feeling when we relive the freshness of nature inwardly and vividly, should be attuned to the fact that the human spirit feels a kinship with that which lives in nature outside as a mirror of the divine.
[ 13 ] Aber der Mensch steht so in seiner Entwickelung drinnen, daß er die Natur in sich hereinnimmt, hereinnimmt durch das Ernähren, hereinnimmt durch das Atmen, hereinnimmt — wenn auch auf geistige Weise — dadurch, daß er die Natur mit seinen Sinnen anschaut, sie wahrnimmt. Auf dreifache Weise nimmt so der Mensch die äußere Natur in sich herein: indem er sich ernährt, indem er die Luft atmet, indem er wahrnimmt. Dadurch ist der Mensch ein Doppelwesen. Er ist mit seiner geistig-seelischen Wesenheit verwandt den Wesenheiten der höheren Hierarchien, und er muß einen Teil seines Wesens aus dem gestalten, was als Natur draußen vorhanden ist. Das nimmt er in sich herein. Und indem es aufgenommen wird als Nahrungsmittel, als Atmungsanregung, ja selbst in jener feinen ätherischen Weise, in der es lebt im Wahrnehmungsprozeß, setzt es im Menschen die Vorgänge, die man draußen in der Natur sieht, fort. Das lebt im Menschen auf als Instinkt, als Trieb, als tierische Lust, als alles das, was aus den Tiefen der Menschennatur als Animalisches im Menschen aufsteigt.
[ 13 ] But human beings are at such a stage in their development that they take nature into themselves: they take it in through nourishment, through breathing, and—albeit in a spiritual way—by observing nature with their senses and perceiving it. In three ways, then, human beings take external nature into themselves: by eating, by breathing the air, and by perceiving. As a result, human beings are dual beings. With their spiritual-soul nature, they are related to the beings of the higher hierarchies, and they must form a part of their being from what exists as nature outside. They take this into themselves. And as it is taken in as food, as a stimulus for breathing, and even in that subtle, ethereal way in which it lives within the process of perception, it continues within the human being the processes that are observed in the natural world. This revives within the human being as instinct, as impulse, as animal desire, as everything that rises from the depths of human nature as the animal aspect within the human being.
[ 14 ] Betrachten wir das nur recht. Da haben wir draußen die wunderbar gestalteten Kristalle, die Mineralmassen, die sich zu den gigantischen Bergen auftürmen, die frischen Mineralmassen, die als Wasser über die Erde in der verschiedensten Weise sich ergießen; da haben wir die in einer höheren Gestaltungsfähigkeit vor uns sprießende pflanzliche Substanz und Wesenhaftigkeit, da haben wir die verschiedensten tierischen Gestalten, und da haben wir auch die menschlich-physische Gestalt selber. Das alles, was da draußen lebt, ist Spiegel der Gottheit, steht in wunderbarer naiver Unschuld vor dem menschlichen Gemüte, weil es die Gottheit spiegelt und im Grunde genommen nichts ist als das reine Spiegelbild. Man muß nur die Spiegelung verstehen. Verstehen kann sie der Mensch zunächst nicht mit seinem Intellekt; verstehen kann er sie, wie wir in den nächsten Vorträgen noch hören werden, gerade mit seinem Gemüt. Aber wenn er sie mit seinem Gemüte recht versteht — und er hat sie in den früheren Zeiten, von denen ich jetzt spreche, mit seinem Gemüte verstanden —, dann sieht er sie als den Spiegel der Gottheit. Aber jetzt betrachtet er, was draußen in der Natur lebt in den Salzen, was in den Pflanzen lebt und in den tierischen Bestandteilen, die dann in seinen eigenen Leib hineinkommen, und beobachtet, was im unschuldigen Grün der Pflanzen sprießt, und was selbst noch in naiver Weise im tierischen Leibe animalisch vorhanden ist. Das betrachtet der Mensch nun, sich innerlich anschauend, wie es in ihm als die Triebe aufwallt, als die tierischen, animalischen Lüste, als tierische Instinkte; er sieht, was die Natur in ihm wird.
[ 14 ] Let’s take a good look at this. Out there we have the wonderfully formed crystals, the masses of minerals piling up into gigantic mountains, the fresh masses of minerals pouring over the earth as water in the most varied ways; there we have the plant substance and essence sprouting before us with a higher capacity for formation; there we have the most diverse animal forms; and there we also have the human physical form itself. Everything that lives out there is a mirror of the Divine; it stands before the human soul in wondrous, naive innocence, because it mirrors the Divine and is, in essence, nothing but the pure reflection. One need only understand the reflection. At first, human beings cannot understand it with their intellect; as we will hear in the next lectures, they can understand it precisely with their soul. But when a person truly understands it with his soul—and in the earlier times of which I am now speaking, he did understand it with his soul—then he sees it as the mirror of the Divine. But now he contemplates what lives out there in nature—in the salts, in the plants, and in the animal components that then enter his own body—and observes what sprouts in the innocent green of the plants, and what still exists in a naive, animalistic way within the animal body. The human being now contemplates this, looking inward at how it surges up within him as drives, as animal, instinctual desires, as animal instincts; he sees what nature becomes within him.
[ 15 ] Das war das Gefühl, das noch viele der erleuchtetsten Menschen im 18. Jahrhundert gehabt haben. Sie haben lebendig noch den Unterschied gefühlt zwischen der Natur draußen und der Natur, wie sie wird, wenn der Mensch sie verzehrt, veratmet, wahrnimmt. Sie haben so recht den Unterschied gefühlt zwischen der naiven äußeren, sinnenfälligen Natur und der menschlichen innerlich quellenden Sinnlichkeit. Was da als Unterschied lebte, das stand in einer wunderbar scharfen Lebendigkeit vor vielen Menschen noch, die im 18. Jahrhundert vor sich selber und ihren Schülern geschildert haben Natur und Mensch und das Eingespanntsein von Natur und Mensch in den Streit zwischen Michael und dem Drachen.
[ 15 ] That was the feeling still held by many of the most enlightened people of the 18th century. They still vividly sensed the difference between nature as it exists outside and nature as it becomes when humans consume it, breathe it in, and perceive it. They so rightly sensed the difference between the naive, external, sensually perceptible nature and the sensuality welling up from within the human being. This living distinction still stood before many people with a wonderfully keen vitality; in the 18th century, they described to themselves and their students nature and humanity, and how nature and humanity are caught up in the conflict between Michael and the dragon.
[ 16 ] Indem wir nun diesen polarischen Gegensatz, Natur draußen in ihrer elementarischen Unschuld, Natur im Menschen in ihrer Schuld, vor dem Seelenauge des Menschen selbst noch des 18. Jahrhunderts sehen, müssen wir uns jetzt an den Drachen erinnern, den Michael in diese Welt der Natur hereingestellt hat, weil er ihn in der Welt der Geistigkeit zu belassen nicht würdig fand. Draußen in der Welt der Mineralien, in der Welt der Pflanzen, selbst in der Welt der Tiere, da hat jener Drache, der in seiner Gestalt der Natur widerspricht, keine der Formen angenommen, welche die Naturwesen angenommen haben. Er hat jene, für uns heute vielfach so phantastische Drachenform angenommen, die in der Übersinnlichkeit bleiben muß. Sie kann nicht hinein in ein Mineral, sie kann nicht hinein in eine Pflanze, sie kann nicht hinein in ein Tier, und sie kann auch nicht hinein in einen physischen Menschenkörper. Aber sie kann hinein in das, was im physischen Menschenkörper jetzt die äußere unschuldige Natur in Form der Schuld im aufwallenden Triebleben geworden ist. Und so sagten sich noch viele Menschen im 18. Jahrhundert: Und es ward der Drache, die alte Schlange, heruntergeworfen vom Himmel zur Erde. Da hatte sie aber zunächst keine Stätte. Dann aber errichtete sie ihr Bollwerk im Wesen des Menschen, und so ist sie nun in der menschlichen Natur verschanzt.
[ 16 ] As we now behold this polar opposition—nature outside in its elemental innocence, nature within the human being in its guilt—before the inner eye of the human being even in the 18th century, we must now recall the dragon that Michael placed in this world of nature, because he did not deem it worthy to remain in the world of the spiritual. Out there in the world of minerals, in the world of plants, even in the world of animals, that dragon—whose form contradicts nature—has not taken on any of the forms that natural beings have assumed. It has taken on that dragon form, which seems so fantastical to us today, and which must remain in the supersensible realm. It cannot enter a mineral, it cannot enter a plant, it cannot enter an animal, nor can it enter a physical human body. But it can enter that which, within the physical human body, has now become the outer, innocent nature in the form of guilt within the surging life of the instincts. And so many people in the 18th century still said to themselves: “And the dragon, the ancient serpent, was cast down from heaven to earth. At first, however, it had no place to go. But then it established its stronghold within the human being, and so it is now entrenched in human nature.”
[ 17 ] So lieferte jenes gewaltige Bild vom Michael und dem Drachen für jene Zeiten noch ein Stück Menschenerkenntnis. Wollte man noch für das 18. Jahrhundert die der damaligen Zeit entsprechende Anthroposophie hinstellen, dann müßte man davon sprechen, daß im Menschen, insofern er die äußere Natur durch Ernähren, Eratmen und Wahrnehmen in sich hereinnimmt, die Stätte für den Drachen geschaffen wird. Der Drache wohnt in der menschlichen Natur. Ich möchte sagen, so genau lebte das in den Gemütern der Menschen des 18. Jahrhunderts noch, daß man sich ganz gut vorstellen könnte, solche Menschen des 18. Jahrhunderts hätten vielleicht irgendein Seherwesen auf einen fremden Weltenkörper verpflanzt und es die Erde aufzeichnen lassen. Da würde dieses Seherwesen die Erde so gezeichnet haben, daß alles, was im Mineralischen, Pflanzlichen, Tierischen, kurz, im Außermenschlichen lebte, drachenfrei gezeichnet worden wäre, daß dagegen sich der Drache geschlungen hätte durch die animalische Wesenhaftigkeit des Menschen und damit ein Erdenwesen dargestellt hätte. Damit aber war die Situation für jene Menschen auch noch des 18. Jahrhunderts eine andere geworden gegenüber der Situation, aus der das Ganze in der vormenschlichen Zeit hervorgegangen ist. Für die vormenschliche Zeit mußte man den Drachenstreit des Michael sozusagen ins Objektiv-Äußerliche verlegen. Jetzt aber war der Drache nirgendwo äußerlich zu finden. Wo war denn der Drache, wo mußte man ihn suchen? Überall, wo Menschen auf der Erde sind! Da war er. Wollte also jetzt Michael seine Mission fortsetzen, die er in der vormenschlichen Zeit in der objektiven Natur gehabt hat, wo er den Drachen äußerlich als das Weltengetier zu besiegen hatte, so mußte er jetzt seinen Kampf im Inneren der Menschennatur verrichten. Es wurde der Streit Michaels — schon seit langen Zeiten, seit dem grauen Altertum, aber eben bis zum 18. Jahrhundert — in das Innere des Menschen verlegt. Doch diejenigen, die so sprachen, wußten, daß sie nun in das Innere des Menschen ein Ereignis verlegt hatten, das früher ein kosmisches Ereignis war. Und sie sagten etwa: Schauet hin in uralte Zeiten. Da muß man sich vorstellen, daß damals der Drache durch Michael vom Himmel auf die Erde verstoßen wurde, ein Ereignis, das sich in den außermenschlichen Welten abspielte. Und schauet hin auf die neuere Zeit. Da muß man sich denken, wie der Mensch auf die Erde kommt, wie er die äußere Natur in sich hereinnimmt, sie umgestaltet, so daß der Drache von ihr Besitz ergreifen kann. Und man muß den Drachenkampf des Michael von da an auf die Erde verlegen.
[ 17 ] Thus, that powerful image of Michael and the dragon still offered a glimpse into human nature for those times. If one were to present an anthroposophy appropriate to the 18th century, one would have to say that within the human being—insofar as he takes external nature into himself through eating, breathing, and perceiving—a place is created for the dragon. The dragon dwells in human nature. I would say that this idea was still so vivid in the minds of 18th-century people that one could quite well imagine such people of the 18th century perhaps having transplanted some kind of seer onto an alien celestial body and having it map out the Earth. This seer would have depicted the Earth in such a way that everything living in the mineral, plant, and animal realms—in short, in the non-human realm—would have been depicted as dragon-free, whereas the dragon would have coiled itself through the animal nature of the human being, thereby representing an earthly being. But with that, the situation for those people—even in the 18th century—had become different from the situation out of which the whole had emerged in prehuman times. For prehuman times, one had to, so to speak, shift Michael’s battle with the dragon into the objective-external realm. Now, however, the dragon was nowhere to be found externally. Where, then, was the dragon; where was one to look for it? Everywhere there are people on Earth! There he was. So if Michael now wished to continue the mission he had carried out in pre-human times within objective nature—where he had to defeat the dragon externally as the beast of the world—he now had to wage his battle within human nature. Michael’s struggle—which had been waged for a long time, since ancient antiquity, but right up to the 18th century—was thus transferred to the inner being of the human being. Yet those who spoke in this way knew that they had now transferred to the inner being of the human being an event that had formerly been a cosmic event. And they said, for example: Look back to time immemorial. There one must imagine that back then the dragon was cast down from heaven to earth by Michael—an event that took place in the worlds beyond humanity. And look to more recent times. There one must consider how the human being comes to Earth, how he takes outer nature into himself and transforms it, so that the dragon can take possession of it. And from that point on, one must transfer Michael’s battle with the dragon to Earth.
[ 18 ] Solche Wendung des Gedankens war nicht von jener Abstraktheit, in der man heute oftmals so gerne spricht. Heute liebt man es, mit möglichst kurzmaschigen Gedanken auszukommen. Man sagt: Nun ja, früher haben die Menschen ein solches Ereignis wie den Streit Michaels mit dem Drachen eben nach außen verlegt. Im Verlaufe der Entwickelung ist die Menschheit innerlicher geworden, und jetzt wird daher ein solches Ereignis nur noch im Inneren geschaut. — Man braucht diejenigen wahrhaftig nicht zu beneiden, die bei diesen Abstraktionen stehenbleiben können, aber den Gang der Weltgeschichte der menschlichen Gedanken treffen diese Leute ganz gewiß nicht. Denn so, wie ich es jetzt dargestellt habe, geschah es, daß der äußere kosmische Streit des Michael mit dem Drachen in die innere menschliche Wesenheit hineinversetzt wurde, weil der Drache nur noch in der Menschennatur seinen Platz finden konnte. Damit aber war gerade in das Michael-Problem hineingelegt das Aufkeimen der menschlichen Freiheit, denn der Mensch wäre rein zum Automaten geworden, wenn der Kampf in ihm sich ebenso fortgesetzt hätte, wie er früher draußen war. Indem der Kampf in das Innere des Menschen verlegt wurde, wurde er, gewissermaßen äußerlich abstrakt genommen, ein Kampf der höheren gegen die niedere Natur im Menschen. Aber er konnte für das menschliche Bewußtsein nur diejenige Form annehmen, welche die Menschen zum Aufschauen nach der Gestalt des Michael in den übersinnlichen Welten hinleitete. Und im Grunde genommen gab es noch im 18. Jahrhundert zahlreiche Anleitungen für die Menschen, die alle darauf hinausliefen, wie sie sich in die Sphäre des Michael begeben könnten, um mit Hilfe der Michael-Kraft in sich den in ihrem eigenen Animalischen wesenden Drachen zu bekämpfen.
[ 18 ] Such a turn of thought was not of the kind of abstractness that people today so often like to talk about. Today, people love to get by with thoughts that are as narrow-minded as possible. People say: Well, in the past, people simply projected an event like Michael’s battle with the dragon outward. In the course of its development, humanity has become more inward-looking, and so now such an event is viewed only from within. — One truly need not envy those who can remain at the level of these abstractions, but these people certainly do not grasp the course of world history as it pertains to human thought. For, as I have now described, it came to pass that Michael’s external, cosmic battle with the dragon was transposed into the inner human being, because the dragon could find its place only within human nature. But with this, the dawn of human freedom was precisely embedded within the Michael problem, for human beings would have become mere automatons if the struggle within them had continued in the same way as it had previously existed externally. By being transferred into the inner being of the human being, the struggle—taken, so to speak, in an external, abstract sense—became a struggle of the higher nature against the lower nature within the human being. But for human consciousness, it could only take the form that led people to look up to the figure of Michael in the supersensible worlds. And, in essence, even in the 18th century there were still numerous guides for people, all of which boiled down to how they could enter the sphere of Michael in order to combat, with the help of the Michael force within themselves, the dragon dwelling in their own animal nature.
[ 19 ] Ein solcher Mensch, der hineingeschaut hätte in das tiefere Geistesleben noch des 18. Jahrhunderts, hätte etwa malerisch so dargestellt werden müssen: Äußerlich die menschliche Gestalt, im niederen animalischen Teile der Drache, sich windend und selbst das Herz umwindend. Dann aber, hinter dem Menschen gewissermaßen — weil der Mensch das Höhere mit dem Hinterhaupte sieht —, die äußere kosmische Gestalt des Michael, überragend, glanzvoll, sein kosmisches Wesen behaltend, aber spiegelnd dieses Wesen im Inneren der menschlichen höheren Natur, so daß der Mensch ein ätherisches Spiegelbild in seinem eigenen Ätherleibe bietet von der kosmischen Gestalt des Michael. Und dann wäre in diesem Menschenhaupt sichtbar geworden, aber hinunterwirkend zum Herzen, die Kraft des Michael, zermalmend den Drachen, so daß sein Blut herunterfließt vom Herzen in die Gliedmaßen des Menschen. Das war das Bild, das vom innermenschlichen Streit Michaels mit dem Drachen noch zahlreiche Menschen des 18. Jahrhunderts in sich herumtrugen. Das war zu gleicher Zeit das Bild, welches in der damaligen Zeit vielen Menschen nahelegte, wie der Mensch mit Hilfe des Oberen das Untere, wie man sich ausdrückte, zu besiegen hat, wie der Mensch die Michael-Kraft für sein eigenes Leben braucht.
[ 19 ] Such a person, who would have looked into the deeper spiritual life of even the 18th century, would have had to be depicted artistically something like this: outwardly, the human form; in the lower, animal part, the dragon, writhing and even coiling around the heart. But then, behind the human being, as it were—because the human being perceives the higher realm with the back of the head—the outer cosmic form of Michael, towering, resplendent, retaining his cosmic essence, yet reflecting this essence within the human being’s higher nature, so that the human being presents an ethereal reflection in his own etheric body of the cosmic form of Michael. And then, visible within this human head but working its way down to the heart, would be the power of Michael, crushing the dragon, so that its blood flows down from the heart into the human limbs. This was the image that many people of the 18th century still carried within themselves of Michael’s inner struggle with the dragon. At the same time, it was the image that suggested to many people of that era how human beings, with the help of the Higher, must overcome the Lower—as it was expressed—and how human beings need the power of Michael for their own lives.
[ 20 ] Der Verstand sieht die Kant-Laplacesche Theorie, sieht den KantLaplaceschen Urnebel, vielleicht einen Spiralnebel; aus diesem gliedern sich die Planeten ab, lassen in der Mitte die Sonne erscheinen; auf einem der Planeten entstehen nach und nach die Naturreiche, entsteht der Mensch. Und wenn dann die Zukunft vorausgeschaut wird, dann geht das alles wiederum in den großen Kirchhof des Naturdaseins über. Der Verstand kann nicht anders, als die Sache so zu denken. Deshalb, weil diesem Verstande immer mehr und mehr die Alleinherrschaft in der menschlichen Erkenntnis zugestanden worden ist, wurde nach und nach die Weltanschauung dasjenige für die allgemeine Menschheit, was sie jetzt geworden ist. Aber bei allen diesen Leuten, auf die ich vorhin hingewiesen habe, wirkte, ich möchte sagen, das Auge des Gemütes. Im Verstande kann sich der Mensch isolieren von der Welt, denn es hat jeder seinen eigenen Kopf und im Kopfe seine eigenen Gedanken. Im Gemüte kann er das nicht, denn das Gemüt ist nicht an den Kopf, das Gemüt ist an Jen rhythmischen Organismus des Menschen gebunden. Die Luft, die ich jetzt in mir habe, habe ich vor kurzem noch nicht in mir gehabt, da war sie die allgemeine Luft, und sie wird, wenn ich sie wieder ausatme, wiederum die allgemeine Luft sein. Nur der Kopf isoliert den Menschen, nur der Kopf macht ihn zum Eremiten auf der Erde. Selbst in bezug auf die Organe ist der Mensch in dem, was die physische Organisation seines Gemütes ist, nicht in dieser Weise isoliert, da gehört er dem allgemeinen Kosmos an, ist nur ein Stück im Kosmos. Aber nach und nach ist das Gemüt unsehend geworden, der Kopf allein ist sehend geworden. Der Kopf allein aber entwickelt nur die Intellektualität, isoliert den Menschen. Ja, als der Mensch noch mit dem Gemüte sah, da sah er nicht abstrakte Gedanken in den Kosmos hinein zu dessen Deutung, zur Erklärung, sondern da sah er hinein noch grandiose Bilder wie das Bild des Kampfes Michaels mit dem Drachen. Da sah dieser Mensch, was in seiner eigenen Natur und Wesenheit lebte, etwas, was in der Art, wie ich es heute geschildert habe, aus der Welt, aus dem Kosmos sich herausgebildet hat. Da sah er wie lebendig werden den inneren Michael-Kampf im Menschen, im Anthropos, hervorgehend aus dem äußeren Michael-Kampf im Kosmos. Da sah er Anthroposophie aus Kosmosophie sich herausentwickeln.
[ 20 ] The mind envisions the Kant-Laplacean theory, envisions the Kant-Laplacean primordial nebula—perhaps a spiral nebula; from this, the planets emerge, giving rise to the Sun at the center; on one of the planets, the kingdoms of nature gradually come into being, and humanity emerges. And when one then looks ahead to the future, all of this in turn merges back into the great graveyard of natural existence. The intellect cannot help but conceive of things in this way. Precisely because this intellect has been granted ever greater and greater sole dominion over human knowledge, this worldview gradually became for humanity at large what it has now become. But in all these people I referred to earlier, I would say, the eye of the soul was at work. In the intellect, a person can isolate themselves from the world, for everyone has their own head and their own thoughts within it. In the soul, they cannot do this, for the soul is not bound to the head; the soul is bound to the human being’s rhythmic organism. The air I now have within me was not within me just a moment ago; then it was the universal air, and when I exhale it again, it will once more be the universal air. Only the head isolates a person; only the head turns him into a hermit on earth. Even with regard to the organs, human beings are not isolated in this way in terms of the physical organization of their soul; there they belong to the universal cosmos, are merely a part of the cosmos. But little by little, the soul has become blind, while the head alone has become sighted. The head alone, however, develops only intellectuality and isolates human beings. Indeed, when human beings still saw with their soul, they did not see abstract thoughts within the cosmos for its interpretation or explanation; rather, they still saw magnificent images there, such as the image of Michael’s battle with the dragon. Then this human being saw what lived within his own nature and being—something that, in the way I have described today, had emerged from the world, from the cosmos. Then he saw how the inner Michaelic struggle within the human being, within Anthropos, came to life, arising from the outer Michaelic struggle in the cosmos. Then he saw anthroposophy develop out of cosmosophy.
[ 21 ] Und so werden wir überall, indem wir zu einer älteren Weltanschauung zurückgehen, von abstrakten Gedanken, die uns kalt und nüchtern berühren, die uns frösteln machen ob ihrer Intellektualität, zu Bildern geführt, deren eines der grandiosesten dieses Bild Michaels im Streite mit dem Drachen ist, Michaels, der den Drachen erst auf die Erde gestoßen hat, wo dann der Drache, ich möchte sagen, seine Menschenfestung gewinnen konnte. Und dann wurde Michael der Bekämpfer des Drachen im Menschen in der geschilderten Art. In diesem Bilde, das ich vor Ihre Seele hingestellt habe, ist Michael kosmisch hinter dem Menschen. Im Menschen lebt ein ätherisches Abbild des Michael, das den eigentlichen Kampf im Menschen ausführt, wodurch der Mensch im Michael-Kampfe allmählich frei werden kann, weil nicht Michael den Kampf ausführt, sondern die menschliche Hingabe und das dadurch hervorgerufene Abbild des Michael. In dem kosmischen Michael bleibt immer noch jenes Wesen leben, zu dem der Mensch aufschauen kann, und das den ursprünglichen kosmischen Kampf mit dem Drachen eingeleitet hat.
[ 21 ] And so, everywhere, as we return to an older worldview, we are led away from abstract thoughts—which touch us coldly and soberly, which make us shiver at their intellectuality—toward images, one of the most magnificent of which is this image of Michael in battle with the dragon, Michael, who first cast the dragon down to earth, where the dragon, I might say, was able to gain his human stronghold. And then Michael became the dragon-slayer within the human being in the manner described. In this image, which I have set before your soul, Michael stands cosmically behind the human being. Within the human being lives an etheric image of Michael that carries out the actual battle within the human being, through which the human being can gradually become free in Michael’s battle, because it is not Michael who carries out the battle, but rather human devotion and the image of Michael evoked thereby. Within the cosmic Michael, that being to whom the human being can look up—and who initiated the original cosmic battle with the dragon—still lives on.
[ 22 ] Wahrhaftig, nicht bloß auf der Erde geschehen Ereignisse. Diese Ereignisse, die auf der Erde geschehen, sind im Grunde genommen für den Menschen unverständlich, wenn er sie nicht als die Bilder von Ereignissen ansehen kann, die in der übersinnlichen Welt geschehen, wenn er nicht die Ursachen dazu in der übersinnlichen Welt sehen kann. Und so geschah schon einmal im Reiche des Übersinnlichen, kurz vor unserer Zeit, eine Michael-Tat, jene Michael-Tat, die ich etwa in der folgenden Art charakterisieren möchte. Ich muß dabei in der Art reden, die man heute als anthropomorphisch verpönt, aber wie sollte ich sie denn anders erzählen, als daß ich Menschenworte gebrauche für dasjenige, was sich in der übersinnlichen Welt abspielt.
[ 22 ] Truly, events do not occur solely on Earth. These events that take place on Earth are, in essence, incomprehensible to human beings unless they can view them as images of events occurring in the supersensible world, unless they can see their causes in the supersensible world. And so, once before in the realm of the supersensible, shortly before our time, a Michael deed took place—that Michael deed which I would like to characterize in roughly the following way. I must speak in a manner that is frowned upon today as anthropomorphic, but how else could I describe it other than by using human language for what takes place in the supersensible world.
[ 23 ] Jene Zeit wurde weit zurückliegend gedacht als die vormenschliche Zeit, in der Michael den Drachen auf die Erde herabwarf. Aber dann trat der Mensch auf der Erde auf, und da stellte sich das ein, was ich geschildert habe: immer mehr und mehr kommend der innere menschliche Kampf des Michael mit dem Drachen. Gerade gegen das Ende des 19. Jahrhunderts war es, daß Michael sagen konnte: Nun hat sich das Bild im Menschen so verdichtet, daß der Mensch es innerlich gewahr werden kann, daß er nun in seinem Gemüte erfühlen kann den Drachenbesieger, wenigstens im Bilde etwas erfühlen kann. In der Entwickelung der Menschheit bedeutet das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts wahrhaftig etwas außerordentlich Wichtiges. In den älteren Zeiten war zunächst nur etwas wie ein dünnes Bild des Michael im Menschen; es verdichtete sich immer mehr und mehr. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war es folgendermaßen: In den früheren Zeiten war stark der unsichtbare übersinnliche Drache, der in den Trieben und Instinkten, in den Wünschen und in der animalischen Menschenlust wirkte; er bleibt für das gewöhnliche Bewußtsein untersinnlich, er lebt im Animalischen des Menschen. Aber da lebt er, lebt sich aus; da lebt er aufstachelnd den Menschen, allmählich ihn untermenschlich zu machen, da lebt er in alledem, was den Menschen herabziehen will. Es war so, daß Michael immer selber eingriff in die menschliche Natur, damit die Menschen nicht gar zu sehr herabkamen. Aber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war es so, daß das Michael-Bild im Menschen so stark wurde, daß es nur sozusagen von dem guten Willen des Menschen abhing, um nach oben fühlend, bewußt sich zum Michael-Bilde zu erheben, damit ihm auf der einen Seite wie im unerleuchteten Gefühlserlebnis sich das Drachenbild darstelle, und dann auf der andern Seite, in geistiger Schau und doch schon für das gewöhnliche Bewußtsein, die Leuchtgestalt des Michael vor dem Seelenauge stehen kann. So kann dann vor dem Menschen der Gemütsinhalt stehen: Da wirkt in mir die Drachenkraft, die mich herunterziehen will; ich schaue sie nicht, ich fühle sie als das, was mich unter mich bringen will. Aber ich schaue im Geiste den leuchtenden Engel, dessen kosmische Aufgabe es immer war, den Drachen zu besiegen. Ich konzentriere mein Gemüt auf diese Leuchtgestalt, ich lasse ihr Licht in mein Gemüt hereinstrahlen. — Dann wird das so erleuchtete und erwärmte Gemüt die Michael-Kraft in sich tragen, und im freien Entschlusse wird der Mensch in der Lage sein, durch sein Bündnis mit Michael die Drachenkraft in seinem Untermenschen zu besiegen.
[ 23 ] That time was thought of as lying far in the past, as the pre-human era in which Michael cast the dragon down to Earth. But then humankind appeared on Earth, and what I have described began to unfold: Michael’s inner human struggle with the dragon became ever more intense. It was precisely toward the end of the 19th century that Michael could say: Now the image within the human being has become so condensed that the human being can become inwardly aware of it, that he can now feel within his soul the dragon-slayer—at least sense something of the image. In the development of humanity, the last third of the 19th century truly signifies something extraordinarily important. In earlier times, there was initially only something like a faint image of Michael within human beings; it became increasingly condensed. In the last third of the 19th century, the situation was as follows: In earlier times, the invisible, supersensible dragon was powerful, working within the drives and instincts, within desires, and within human animalistic lust; it remains sub-sensory to ordinary consciousness; it lives in the animal nature of the human being. But there it lives, it works itself out; there it stirs up the human being, gradually turning him into something subhuman; there it lives in everything that seeks to drag the human being down. It was the case that Michael himself always intervened in human nature so that human beings would not sink too low. But in the last third of the nineteenth century, the image of Michael within human beings became so strong that it depended, so to speak, only on human goodwill to reach upward, consciously elevating oneself to the image of Michael, so that on the one hand the image of the dragon might appear, as in an unenlightened emotional experience, and on the other hand, in spiritual vision—and yet already accessible to ordinary consciousness—the radiant figure of Michael might stand before the eye of the soul. Thus the inner state of mind can arise within a person: Here within me is at work the power of the dragon, which seeks to pull me down; I do not see it, but I feel it as that which seeks to bring me down below myself. But in my spirit I see the radiant angel whose cosmic task has always been to defeat the dragon. I concentrate my mind on this radiant figure; I let its light shine into my mind. — Then the mind, thus illuminated and warmed, will carry the Michael force within itself, and through free will, the human being will be able to defeat the dragon force in his subhuman nature through his alliance with Michael.
[ 24 ] Würde der gute Wille in den weitesten Kreisen aufgebracht, eine solche Vorstellung zu einer religiösen Kraft zu erheben und in jedes Gemüt einzuschreiben, dann würden wir nicht matte Ideen haben in unserem Leben der Gegenwart, wie wir sie heute überall finden können, wie sie als Reformgedanken und dergleichen auftreten, sondern dann würden wir etwas haben, was wieder innerlich den ganzen Menschen erfassen kann, weil solches sich einschreiben kann in das lebendige Gemüt, in jenes lebendige Gemüt, das in dem Augenblick, wo es nur wirklich lebendig wird, auch in eine lebendige Beziehung zum ganzen Kosmos kommen wird. Und es würden dann jene Leuchtgedanken des Michael die ersten Ankündiger sein des Wiederhineindringens des Menschen in die übersinnliche Welt. Es würde das erkenntnismäßige Schauen sich religiös verinnerlichen, sich religiös vertiefen können. Der Mensch würde dadurch vorbereitet sein für die Feste des Jahres, deren Verständnis ihm aus alten Zeiten auch nur noch herabdämmert, aber wenigstens dämmert, um jenes Fest mit vollem Bewußtsein zu begehen, das im Kalender am Ende des September, im Beginne des Herbstes steht: das Michael-Fest.
[ 24 ] If goodwill were mustered in the widest circles to elevate such a concept to a religious force and to inscribe it in every heart, then we would not have the feeble ideas in our present-day life that we find everywhere today—ideas that appear as reformist notions and the like—but rather we would have something that could once again grasp the whole human being from within, because such a concept can be inscribed in the living soul—that living soul which, the moment it truly comes to life, will also enter into a living relationship with the entire cosmos. And then those luminous thoughts of Michael would be the first harbingers of humanity’s return to the supersensible world. Contemplation based on knowledge would be able to become religiously internalized and deepened. Through this, human beings would be prepared for the festivals of the year, the understanding of which still only dawns on them from ancient times—but at least it dawns—so that they might celebrate with full consciousness that festival which appears on the calendar at the end of September, at the beginning of autumn: the Feast of St. Michael.
[ 25 ] Eine Bedeutung wird dieses Fest erst wieder haben, wenn wir in die Lage kommen, eine solche lebendige Schauung vor die Seele hinzustellen. Und indem wir in der Lage sind, es in lebendiger Weise zu empfinden und es zu dem instinktiven sozialen Impuls der Gegenwart zu machen, könnte dieses Michael-Fest, weil hier die Impulse unmittelbar aus dem Geistigen kommen, als die Krönung, ja als der eigentliche Anfang der Impulse angesehen werden, die wir brauchen, wenn wir aus dem heutigen Niedergange herauskommen wollen, wenn wir zu allem Reden über Ideale etwas hinzufügten, was nicht aus dem Menschenkopfe oder der Menschenbrust wäre, sondern was ein Ideal wäre, herausgesprochen aus dem Kosmos. Und indem dann die Bäume ihr Laub verlieren, die Blüten zu Früchten reifen, indem die Natur uns ihren ersten Frost schickt und sich anschickt, in den Wintertod zu gehen, könnten wir dann, so wie wir das Osterfest mit dem sprießenden, sprossenden Frühling fühlen, so das Aufgehen des Geistigen, mit dem sich der Mensch verbinden soll, fühlen. Und dann würden wir als Bürger des Kosmos Impulse hineinbringen können in das Leben, die, weil sie keine abstrakten Gedanken sind, nicht so unwirksam bleiben werden, wie sonst abstrakte Impulse unwirksam sind, sondern die ihre Wirksamkeit unmittelbar erweisen werden. Seeleninhalt wird das Leben erst wieder bekommen, wenn wir Impulse in unserem Gemüte aus dem Kosmos heraus entwickeln können. Davon will ich dann im nächsten Vortrag weiter sprechen.
[ 25 ] This festival will only regain its significance when we are able to bring such a living vision before our souls. And by being able to experience it in a living way and make it the instinctive social impulse of the present, this Michaelmas festival, because the impulses here come directly from the spiritual realm, be regarded as the crowning achievement—indeed, as the very beginning—of the impulses we need if we are to emerge from today’s decline; if, alongside all our talk of ideals, we were to add something that did not originate in the human mind or heart, but rather an ideal spoken forth from the cosmos. And as the trees shed their leaves, the blossoms ripen into fruit, as nature sends us its first frost and prepares to enter its winter slumber, we could then—just as we experience Easter with the sprouting, budding spring—feel the awakening of the spiritual, with which human beings are meant to connect. And then, as citizens of the cosmos, we would be able to bring impulses into life that—because they are not abstract thoughts—will not remain as ineffective as abstract impulses usually are, but will prove their effectiveness immediately. Life will only regain its spiritual substance when we can develop impulses in our hearts that spring from the cosmos. I will speak further about this in my next lecture.
