Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten
GA 223
27 September 1923, Wien
Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt I
[ 1 ] Es wird, wenn von Anthroposophie heute in manchen Kreisen die Rede ist, neben manchem unzutreffenden Worte auch dieses gesagt, daß Anthroposophie intellektualistisch sei, daß sie zu stark an den wissenschaftlichen Verstand appelliere, und daß sie zu wenig Rücksicht nehme auf die Bedürfnisse des menschlichen Gemütes. Deshalb habe ich gerade für diesen kurzen Vortragszyklus, den ich zu meiner großen Befriedigung wieder in Wien hier vor Ihnen halten darf, das Thema gewählt: «Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt.»
[ 2 ] Das menschliche Gemüt ist gewiß von der Erkenntnis ausgeschlossen worden durch die intellektualistische Entwickelung der Zivilisation in den letzten drei bis vier Jahrhunderten. Man wird heute allerdings nicht müde, immer wieder und wieder zu betonen, daß der Mensch nicht stehenbleiben könne bei dem nüchternen, trockenen Verstande und seinen Einsichten, aber man baut doch, wenn es sich um Erkenntnisse handeln soll, ausschließlich auf diesen Verstand. Auf der andern Seite wird immer wieder und wieder hervorgehoben, das menschliche Gemüt müsse zu seinem Rechte kommen; allein man gibt ihm dieses Recht nicht. Man spricht ihm jede Möglichkeit ab, irgendwie eine Beziehung zu den Weltengeheimnissen draußen zu gewinnen; man schränkt sozusagen das menschliche Gemüt gerade in das ein, was nur die persönlichen Angelegenheiten des Menschen sind, in dasjenige, worüber nur die persönlichsten Angelegenheiten des Menschen entscheiden sollen.
[ 3 ] Heute wollen wir nun zunächst, ich möchte sagen, wie in einer Art historischer Erinnerung davon sprechen, wie dieses menschliche Gemüt in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung auch erkenntnismäßig sprechen durfte, wie es große, gewaltige Bilder vor die Menschenseele hinzaubern durfte, die aufklärend auf den Menschen wirken sollten, wenn es sich darum handelte, daß der Mensch seine Eingliederung in den ganzen Weltengang finden könne, in den Kosmos, in die Zeitenfolge. Diese Bilder bildeten im Grunde genommen in jener Zeit, als das menschliche Gemüt noch weltanschauungsmäßig sprechen durfte, gerade das Wichtigste in diesen Weltanschauungen. Sie stellten die großen, umfassenden Weltenzusammenhänge dar und stellten den Menschen in diese großen, umfassenden Weltenzusammenhänge hinein.
[ 4 ] Ich möchte, weil ich gerade dadurch eine Grundlage für die weitere Betrachtung des menschlichen Gemütes vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus schaffen kann, heute eines jener grandiosen, majestätischen Bilder vor Ihre Seele führen, die so zu wirken bestimmt waren, wie ich es jetzt angedeutet habe; zugleich eines jener Bilder, welche vor allen Dingen dazu bestimmt sind, in einer neuen Art, von der wir noch sprechen wollen, auch in der Gegenwart wieder an den Menschen herangerückt zu werden. Ich möchte heute zu Ihnen sprechen von dem Bilde, das Sie alle kennen, dessen Bedeutung aber nach und nach im menschlichen Bewußtsein zum Teil verblaßt ist, zum Teil mißverständlich erfaßt ist: von dem Bilde des Kampfes, des Streites Michaels mit dem Drachen. Ergreifend wirkt es noch auf viele Menschen, aber der eigentliche tiefere Gehalt, wie gesagt, ist entweder verblaßt oder wird mißverstanden, mindestens wird er nicht so an das menschliche Gemüt herangebracht, wie er einst zu diesem menschlichen Gemüt gestanden hat, ja wie er selbst noch im 18. Jahrhundert im Gemüte vieler Menschen gestanden hat. Man macht sich heute gar keinen Begriff davon, wieviel sich in dieser Beziehung geändert hat, wieviel von dem, wovon der sogenannte gescheite Mensch sagt, es seien phantastische Bilder, als die ernstesten Bestandteile der alten Weltanschauungen genommen wurde. So war das insbesondere mit dem Bilde vom Streit des Michael mit dem Drachen.
[ 5 ] Wenn heute der Mensch darüber nachdenkt, wie er sich selber auf der Erde entwickelt hat, dann kommt er — im Sinne seiner materialistischen Weltauffassung — dazu, die jetzige, in einem gewissen Sinne relativ vollkommenere Menschengestalt auf unvollkommenere Gestalten, auf physisch-tierische Vorfahren, immer weiter und weiter zurückzuführen. Man kommt dadurch eigentlich von dem jetzigen Menschen, der in der Lage ist, sein eigenes Wesen innerlich seelisch-geistig zu erleben, zu viel materielleren Geschöpfen, von denen der Mensch abstammen solle, die dem materiellen Dasein eben viel näher standen. Man nimmt an, daß sich die Materie allmählich immer mehr und mehr zu einem Erleben des Geistigen heraufentwickelt habe. So war die Anschauung einer verhältnismäßig noch kurz zurückliegenden Zeit nicht, sie war gegenüber dieser Anschauung eigentlich geradezu umgekehrt. Wenn noch im 18. Jahrhundert diejenigen Menschen, die damals — viele waren das ja auch noch nicht — nicht angefressen waren von materialistischer Anschauung, von materialistischer Gesinnung, mit dem Seelenblick zurückschauten in die Vorzeit der Menschheit, dann sahen sie nicht auf weniger menschliche Wesen als ihre Vorfahren hin, sondern sie sahen auf geistigere Wesen hin, als es der Mensch selber ist. Sie sahen auf Wesen hin, denen die Geistigkeit so eigen war, daß diese Wesen noch nicht einen physischen Leib annahmen in dem Sinne, wie es der Mensch heute auf der Erde — die übrigens auch noch nicht in diesen älteren Zeiten vorhanden war tut. Wenn sie auf die Menschheit zurückschauten, schauten sie hin auf Wesenheiten, die in einer höheren, geistigeren Art lebten, und die, wenn ich mich grob ausdrücken darf, einen Leib von viel dünnerer, mehr geistiger Substanz hatten. In diese Sphäre, von der die Menschen da sprachen, versetzte man noch nicht hinein Wesen von der Art des heutigen Menschen, sondern höherstehende Wesen mit höchstens einem ätherischen Leib, nicht mit einem physischen Leib, Wesen, die gewissermaßen die Menschenvorfahren sein sollten. Man schaute zurück in eine Zeit, in der auch noch nicht die sogenannten höheren Tiere da waren, in der höchstens diejenigen Tiere da waren, die man heute wie in ihren Nachkommen in den gallertartigen Tieren der Meere findet. Das war sozusagen auf dem Vorfahr der Erde als unter dem Menschen stehendes Tierreich vorhanden; darüber ein Reich, das, wie gesagt, nur Wesen hatte in höchstens einem ätherischen Leib. Das was wir heute aufzählen im Sinne meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» als die Wesen der höheren Hierarchien, würde in anderer Form heute noch das sein, was dazumal in einer gewissen Beziehung als Vorfahrenschaft des Menschen gedacht worden ist.
[ 6 ] Diese Wesenheiten — Angeloi, Archangeloi, Archai — in ihren damaligen Formen, sie waren vor allen Dingen noch nicht zur Freiheit bestimmt in dem Sinne, wie wir heute beim Menschen von Freiheit sprechen. Der Wille dieser Wesen wurde nicht so erlebt, daß sie selber jenes eigentümliche Gefühl gehabt hätten, das wir aussprechen mit den Worten: Wir wollen willkürlich etwas. — Diese Wesen wollten nicht willkürlich etwas, sie wollten das, was als der göttliche Wille in ihre Wesenheit einfloß. Diese Wesenheiten hatten ihren Willen vollständig in dem göttlichen Willen beschlossen. Die göttlichen Wesen, die über ihnen standen oder stehen und die in ihren Zusammenhängen die göttliche Weltenlenkung bedeuten, «wollten» gewissermaßen durch die niedrigeren Geister der Archangeloi und Angeloi, so daß diese niedrigeren Geister durchaus in der Richtung, im Sinne des über ihnen stehenden göttlich-geistigen Willens wollten. So war die Ideenwelt dieser älteren Menschheit, daß sie sich sagte: In jener alten Zeit war überhaupt der Zeitpunkt noch nicht gekommen, wo sich Wesen entwickeln konnten, die in ihrem Bewußtsein das Freiheitsgefühl haben sollten. — Im Sinne der göttlich-geistigen Weltenordnung war dieser Zeitpunkt auf eine spätere Epoche verlegt. Da sollte dann gewissermaßen ein Teil der im göttlichen Willen beschlossenen Geister zum eigenen, freien Willen kommen. Er sollte zum eigenen, freien Willen kommen, wenn in der Weltenentwickelung dazu die Zeit wäre.
[ 7 ] Ich will mit alledem heute nicht etwas schildern, was ich vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus irgendwie schon rechtfertigen wollte, darüber werden wir dann in den nächsten Tagen sprechen, sondern ich will die Vorstellungen schildern, die gerade bis ins 18. Jahrhundert herein bei erleuchtetsten Geistern gelebt haben. Ich will sie historisch schildern, denn nur dadurch, daß wir sie uns in ihrer historischen Gestalt vor die Seele rücken, werden wir auch zu einer neuen Anschauung darüber kommen, inwiefern diese Vorstellungen in einer andern Form wieder erneuert werden könnten.
[ 8 ] Da aber — so sagten sich diese Menschen — erhob sich unter diesen Geistern, deren kosmisches Schicksal es eigentlich war, im Willen der göttlichen Geister beschlossen zu sein, eine Anzahl von solchen Wesenheiten, die ihren Willen gewissermaßen abschnüren wollten von dem göttlichen Willen, die ihren Willen emanzipieren wollten vom göttlichen Willen. Es erhoben sich in einem übermenschlichen Hochmut Wesenheiten, die, bevor die Zeit dazu da war, in der die Freiheit reifen sollte, zu dieser Freiheit ihres Willens kommen wollten. Und als den Bedeutendsten, den Anführer dieser Wesenheiten dachte man sich dasjenige Wesen, das dann Gestalt bekommen hat in demDrachen, den Michael bekämpft, jener Michael, der oben geblieben ist im Reiche derjenigen Geister, die ihren Willen auch weiterhin orientieren wollten im Sinne des göttlich-geistigen Willens, der über ihnen steht.
[ 9 ] Aus diesem Stehenbleiben im göttlich-geistigen Willen entstand bei Michael der Impuls, das Richtige zu tun mit demjenigen Wesen, das vorzeitig, wenn ich so sagen darf, zur Freiheit gegriffen hat. Denn die Gestalten, welche die Wesenheiten der Hierarchie der Archangeloi, Angeloi, Archai hatten, waren einfach nicht angemessen einem Wesen, das in der angedeuteten Art einen freien, von dem Göttlichen emanzipierten Willen haben sollte. Dazu sollte im Laufe der Entwickelung der Welt die Gestalt erst später entstehen, nämlich die menschliche Gestalt. Aber das alles wird in eine Zeit versetzt, in der im Zusammenhange des Kosmos die menschliche Gestalt noch nicht möglich war; auch die höheren tierischen Gestalten waren noch nicht möglich, nur jene niederen tierischen Gestalten, die ich vorhin charakterisiert habe. Und so mußte sozusagen eine kosmisch widerspruchsvolle Gestalt entstehen. In die mußte gewissermaßen der widersetzliche Geist gegossen werden. Es konnte nicht eine Tiergestalt sein, die erst später entstehen durfte, es konnte auch nicht eine der Tiergestalten sein, wie sie dazumal waren in der gewöhnlichen, sozusagen weichen Materie. Es konnte nur eine Tiergestalt sein, welche von den in der physischen Welt möglichen Tiergestalten abwich, aber doch wiederum, weil sie einen kosmischen Widerspruch darstellen sollte, tierähnlich wurde. Und die Gestalt, die einzig und allein aus dem heraus, was damals möglich war, geschaffen werden konnte, diese Gestalt ist die Gestalt des Drachen. Natürlich wurde sie dann von dem einen so, von dem andern anders aufgefaßt, wenn sie gemalt oder sonstwie wiedergegeben werden sollte; sie wird mehr oder weniger treffend oder auch unzutreffend dargestellt werden, je nachdem derjenige, der sie darstellt, eine innere imaginative Einsicht hat in das, was dazumal möglich war für eine \Wesenheit, die einen widersetzlichen Willen entwickelt hat. Aber unter denjenigen Gestalten jedenfalls, die in der physischen Welt in der Tierreihe bis zum Menschen herauf möglich geworden sind, ist diese Gestalt nicht. Sie mußte eine übersinnliche bleiben. Aber eine solche übersinnliche Gestalt konnte nicht in jenem Reiche sein, in dem die Wesen der höheren Hierarchien, Archangeloi, Angeloi und so weiter sind, sie mußte sozusagen unter diejenigen Gestalten versetzt werden, die im Laufe der physischen Entwickelung entstehen konnten. Das ist der Sturz des Drachen vom Himmel auf die Erde. Das ist die Tat des Michael, daß gewissermaßen diese Gestalt in eine Form kam, die übertierisch ist, übersinnlich ist, die aber nicht im Reiche des Übersinnlichen verbleiben darf, denn trotzdem sie eine übersinnliche ist, widerspricht sie dem Reiche des Übersinnlichen, in dem sie vor ihrer Widersetzlichkeit war. Und so wurde diese Gestalt in die Welt versetzt, welche die physische Welt ist, aber als eine überphysische, übersinnliche. Sie lebte fortan in dem Reiche, in dem die Mineralien, Pflanzen, Tiere sind; sie lebte fortan in dem, was als Erde entstand. Aber sie lebte nicht so, daß Menschenaugen sie schen könnten, wie Menschenaugen die gewöhnlichen Tiere sehen können. Wenn das Seelenauge sich hinaufrichtet in die Welten, die sozusagen in dem höheren Weltenplane vorgesehen waren, so schaut es in seinen Imaginationen die Wesenheiten der höheren Hierarchien. Wenn das menschliche physische Auge sich richtet auf die physische Welt, so schaut es das, was in den verschiedenen Reichen der Natur bis herauf zur physisch-sinnlichen Menschengestalt entstanden ist. Wenn sich aber das Seelenauge auf das richtet, was in der physischen Natur ist, dann schaut es diese in sich widerspruchsvolle Gestalt des Widersachers, desjenigen, der tierisch und doch wieder nicht tierisch ist, der in der sichtbaren Welt lebt und wieder selbst nicht sichtbar ist: es schaut die Gestalt des Drachen. Und in dem ganzen Entstehen des Drachen schauten diese Menschen einer älteren Zeit die Tat des Michael, der im Reiche des Geistigen in jener Gestalt zurückgeblieben war, die dem Reiche des Geistigen angemessen ist.
[ 10 ] Und nun entstand die Erde, mit der Erde der Mensch, und der Mensch sollte so entstehen, daß er gewissermaßen ein Doppelwesen wurde. Auf der einen Seite sollte er mit einem Teil seines Wesens, mit seinem seelisch-geistigen Teile hinaufragen in das, was man die himmlische, die übersinnliche Welt nennt; mit dem andern Teile seines Wesens, mit dem physisch-ätherischen Teile, sollte er angehören derjenigen Natur, die als die Erdennatur, als ein neuer Weltenkörper entstand, jener Weltenkörper, auf den der abtrünnige Geist, der Widersacher, versetzt wurde. Dort mußte der Mensch entstehen. Er war dasjenige Wesen, das in diese Welt gehört nach dem ursprünglichen Ratschluß, der dem Ganzen zugrunde liegt. Der Mensch gehörte auf die Erde. Der Drache gehörte nicht auf die Erde, war aber auf die Erde versetzt worden.
[ 11 ] Und nun bedenken Sie, was der Mensch auf der Erde, als er im Laufe der Entwickelung mit der Erde erstand, nun antraf auf dieser Erde. Er traf das an, was als äußere Natur sich aus den früheren Naturreichen entwickelt hatte, was dann die Tendenz annahm, die dann gipfelte in dem jetzigen Mineralreich, in unserem Pflanzenreich, Tierreich bis herauf zu seiner eigenen physischen Menschengestalt. Das traf er an. Er traf, mit andern Worten, das an, was wir gewohnt sind, die außermenschliche Natur zu nennen. Was war diese außermenschliche Natur? Sie war die Fortsetzung und ist heute noch die Fortsetzung desjenigen, was von den höchsten schaffenden Mächten im fortlaufenden Entwickelungsplane der Welt gemeint war. Der Mensch darf daher, indem er dies in seinem Gemüte erlebt, in die äußere Natur hinausschauen, darf die Mineralien anschauen mit alledem, was mit der mineralischen Welt zusammenhängt, darf in die wunderbaren Kristallformen hinausschauen, darf aber auch auf die Berge, die Wolken und die andern Formen hinschauen, und er schaut dann diese äußere Natur gewissermaßen in ihrem Ertötetsein, in ihrem Unlebendigsein. Aber der Mensch schaut sie so an, wie das, was als Unlebendiges da ist, was eine ehemalige göttliche Welt selbst aus sich herausgesetzt hat, so wie der menschliche Leichnam — allerdings jetzt in einer andern Bedeutung — aus dem lebendigen Menschen im Tode herausgesetzt wird. Ist dieser Anblick des menschlichen Leichnams zunächst, so wie er dem Menschen entgegentritt, nicht irgend etwas, was auf den Menschen einen bejahenden Eindruck machen kann, so darf aber dasjenige, was in gewissem Sinne auch göttlicher Leichnam ist, aber Leichnam auf einer höheren Stufe und im Mineralreich erstanden ist, von dem Menschen als das angesehen werden, was in der Form, in der Gestalt das ursprünglich gestaltlos-lebendige Göttliche spiegelt. Und in dem, was dann als die höheren Naturreiche hervorgebracht wird, wird eine weitere Spiegelung desjenigen gesehen, was ursprünglich als gestaltlos Göttliches vorhanden war. So darf der Mensch hinausschauen in die ganze Natur und darf fühlen von der Natur, daß diese außermenschliche Natur ein Spiegel des Göttlichen in der Welt ist.
[ 12 ] Das ist schließlich dasjenige auch, was die Natur dem menschlichen Gemüte geben soll. Naiv, nicht durch Spekulation, soll der Mensch in der Lage sein, beim Anblicke dieser oder jener Naturwesenhaftigkeit Freude, Sympathie, ja vielleicht inneres Jauchzen, inneren Enthusiasmus gegenüber den Gestaltungen, gegenüber dem Sprießen und Blühen in der Natur zu empfinden. Und dann soll in bezug auf das, was er sich nicht ganz klarmacht bei diesem Jauchzen, bei diesem Enthusiasmus, bei dieser überströmenden Freude über die Natur, in seinen Untergründen eigentlich die Empfindung leben, wie er in seinem ganzen Gemüte sich so innig verwandt fühlt mit dieser Natur, indem er sich sagen kann, wenn es ihm auch nur dumpf zum Bewußtsein kommt: Das haben die Götter aus sich heraus als ihren Spiegel in die Welt hineingestellt, dieselben Götter, denen mein eigenes Gemüt entstammt, dieselben Götter, van denen ich auf einem andern Wege komme. — Und eigentlich sollte alles innere Jauchzen über die Natur, alle Freude über die Natur, alles was als ein so befreiendes Gefühl in uns aufkommt, wenn wir die Frische in der Natur innerlich lebendig nacherleben, darauf gestimmt sein, daß das menschliche Gemüt sich verwandt fühlt mit dem, was in der Natur draußen als Spiegel der Gottheit lebt.
[ 13 ] Aber der Mensch steht so in seiner Entwickelung drinnen, daß er die Natur in sich hereinnimmt, hereinnimmt durch das Ernähren, hereinnimmt durch das Atmen, hereinnimmt — wenn auch auf geistige Weise — dadurch, daß er die Natur mit seinen Sinnen anschaut, sie wahrnimmt. Auf dreifache Weise nimmt so der Mensch die äußere Natur in sich herein: indem er sich ernährt, indem er die Luft atmet, indem er wahrnimmt. Dadurch ist der Mensch ein Doppelwesen. Er ist mit seiner geistig-seelischen Wesenheit verwandt den Wesenheiten der höheren Hierarchien, und er muß einen Teil seines Wesens aus dem gestalten, was als Natur draußen vorhanden ist. Das nimmt er in sich herein. Und indem es aufgenommen wird als Nahrungsmittel, als Atmungsanregung, ja selbst in jener feinen ätherischen Weise, in der es lebt im Wahrnehmungsprozeß, setzt es im Menschen die Vorgänge, die man draußen in der Natur sieht, fort. Das lebt im Menschen auf als Instinkt, als Trieb, als tierische Lust, als alles das, was aus den Tiefen der Menschennatur als Animalisches im Menschen aufsteigt.
[ 14 ] Betrachten wir das nur recht. Da haben wir draußen die wunderbar gestalteten Kristalle, die Mineralmassen, die sich zu den gigantischen Bergen auftürmen, die frischen Mineralmassen, die als Wasser über die Erde in der verschiedensten Weise sich ergießen; da haben wir die in einer höheren Gestaltungsfähigkeit vor uns sprießende pflanzliche Substanz und Wesenhaftigkeit, da haben wir die verschiedensten tierischen Gestalten, und da haben wir auch die menschlich-physische Gestalt selber. Das alles, was da draußen lebt, ist Spiegel der Gottheit, steht in wunderbarer naiver Unschuld vor dem menschlichen Gemüte, weil es die Gottheit spiegelt und im Grunde genommen nichts ist als das reine Spiegelbild. Man muß nur die Spiegelung verstehen. Verstehen kann sie der Mensch zunächst nicht mit seinem Intellekt; verstehen kann er sie, wie wir in den nächsten Vorträgen noch hören werden, gerade mit seinem Gemüt. Aber wenn er sie mit seinem Gemüte recht versteht — und er hat sie in den früheren Zeiten, von denen ich jetzt spreche, mit seinem Gemüte verstanden —, dann sieht er sie als den Spiegel der Gottheit. Aber jetzt betrachtet er, was draußen in der Natur lebt in den Salzen, was in den Pflanzen lebt und in den tierischen Bestandteilen, die dann in seinen eigenen Leib hineinkommen, und beobachtet, was im unschuldigen Grün der Pflanzen sprießt, und was selbst noch in naiver Weise im tierischen Leibe animalisch vorhanden ist. Das betrachtet der Mensch nun, sich innerlich anschauend, wie es in ihm als die Triebe aufwallt, als die tierischen, animalischen Lüste, als tierische Instinkte; er sieht, was die Natur in ihm wird.
[ 15 ] Das war das Gefühl, das noch viele der erleuchtetsten Menschen im 18. Jahrhundert gehabt haben. Sie haben lebendig noch den Unterschied gefühlt zwischen der Natur draußen und der Natur, wie sie wird, wenn der Mensch sie verzehrt, veratmet, wahrnimmt. Sie haben so recht den Unterschied gefühlt zwischen der naiven äußeren, sinnenfälligen Natur und der menschlichen innerlich quellenden Sinnlichkeit. Was da als Unterschied lebte, das stand in einer wunderbar scharfen Lebendigkeit vor vielen Menschen noch, die im 18. Jahrhundert vor sich selber und ihren Schülern geschildert haben Natur und Mensch und das Eingespanntsein von Natur und Mensch in den Streit zwischen Michael und dem Drachen.
[ 16 ] Indem wir nun diesen polarischen Gegensatz, Natur draußen in ihrer elementarischen Unschuld, Natur im Menschen in ihrer Schuld, vor dem Seelenauge des Menschen selbst noch des 18. Jahrhunderts sehen, müssen wir uns jetzt an den Drachen erinnern, den Michael in diese Welt der Natur hereingestellt hat, weil er ihn in der Welt der Geistigkeit zu belassen nicht würdig fand. Draußen in der Welt der Mineralien, in der Welt der Pflanzen, selbst in der Welt der Tiere, da hat jener Drache, der in seiner Gestalt der Natur widerspricht, keine der Formen angenommen, welche die Naturwesen angenommen haben. Er hat jene, für uns heute vielfach so phantastische Drachenform angenommen, die in der Übersinnlichkeit bleiben muß. Sie kann nicht hinein in ein Mineral, sie kann nicht hinein in eine Pflanze, sie kann nicht hinein in ein Tier, und sie kann auch nicht hinein in einen physischen Menschenkörper. Aber sie kann hinein in das, was im physischen Menschenkörper jetzt die äußere unschuldige Natur in Form der Schuld im aufwallenden Triebleben geworden ist. Und so sagten sich noch viele Menschen im 18. Jahrhundert: Und es ward der Drache, die alte Schlange, heruntergeworfen vom Himmel zur Erde. Da hatte sie aber zunächst keine Stätte. Dann aber errichtete sie ihr Bollwerk im Wesen des Menschen, und so ist sie nun in der menschlichen Natur verschanzt.
[ 17 ] So lieferte jenes gewaltige Bild vom Michael und dem Drachen für jene Zeiten noch ein Stück Menschenerkenntnis. Wollte man noch für das 18. Jahrhundert die der damaligen Zeit entsprechende Anthroposophie hinstellen, dann müßte man davon sprechen, daß im Menschen, insofern er die äußere Natur durch Ernähren, Eratmen und Wahrnehmen in sich hereinnimmt, die Stätte für den Drachen geschaffen wird. Der Drache wohnt in der menschlichen Natur. Ich möchte sagen, so genau lebte das in den Gemütern der Menschen des 18. Jahrhunderts noch, daß man sich ganz gut vorstellen könnte, solche Menschen des 18. Jahrhunderts hätten vielleicht irgendein Seherwesen auf einen fremden Weltenkörper verpflanzt und es die Erde aufzeichnen lassen. Da würde dieses Seherwesen die Erde so gezeichnet haben, daß alles, was im Mineralischen, Pflanzlichen, Tierischen, kurz, im Außermenschlichen lebte, drachenfrei gezeichnet worden wäre, daß dagegen sich der Drache geschlungen hätte durch die animalische Wesenhaftigkeit des Menschen und damit ein Erdenwesen dargestellt hätte. Damit aber war die Situation für jene Menschen auch noch des 18. Jahrhunderts eine andere geworden gegenüber der Situation, aus der das Ganze in der vormenschlichen Zeit hervorgegangen ist. Für die vormenschliche Zeit mußte man den Drachenstreit des Michael sozusagen ins Objektiv-Äußerliche verlegen. Jetzt aber war der Drache nirgendwo äußerlich zu finden. Wo war denn der Drache, wo mußte man ihn suchen? Überall, wo Menschen auf der Erde sind! Da war er. Wollte also jetzt Michael seine Mission fortsetzen, die er in der vormenschlichen Zeit in der objektiven Natur gehabt hat, wo er den Drachen äußerlich als das Weltengetier zu besiegen hatte, so mußte er jetzt seinen Kampf im Inneren der Menschennatur verrichten. Es wurde der Streit Michaels — schon seit langen Zeiten, seit dem grauen Altertum, aber eben bis zum 18. Jahrhundert — in das Innere des Menschen verlegt. Doch diejenigen, die so sprachen, wußten, daß sie nun in das Innere des Menschen ein Ereignis verlegt hatten, das früher ein kosmisches Ereignis war. Und sie sagten etwa: Schauet hin in uralte Zeiten. Da muß man sich vorstellen, daß damals der Drache durch Michael vom Himmel auf die Erde verstoßen wurde, ein Ereignis, das sich in den außermenschlichen Welten abspielte. Und schauet hin auf die neuere Zeit. Da muß man sich denken, wie der Mensch auf die Erde kommt, wie er die äußere Natur in sich hereinnimmt, sie umgestaltet, so daß der Drache von ihr Besitz ergreifen kann. Und man muß den Drachenkampf des Michael von da an auf die Erde verlegen.
[ 18 ] Solche Wendung des Gedankens war nicht von jener Abstraktheit, in der man heute oftmals so gerne spricht. Heute liebt man es, mit möglichst kurzmaschigen Gedanken auszukommen. Man sagt: Nun ja, früher haben die Menschen ein solches Ereignis wie den Streit Michaels mit dem Drachen eben nach außen verlegt. Im Verlaufe der Entwickelung ist die Menschheit innerlicher geworden, und jetzt wird daher ein solches Ereignis nur noch im Inneren geschaut. — Man braucht diejenigen wahrhaftig nicht zu beneiden, die bei diesen Abstraktionen stehenbleiben können, aber den Gang der Weltgeschichte der menschlichen Gedanken treffen diese Leute ganz gewiß nicht. Denn so, wie ich es jetzt dargestellt habe, geschah es, daß der äußere kosmische Streit des Michael mit dem Drachen in die innere menschliche Wesenheit hineinversetzt wurde, weil der Drache nur noch in der Menschennatur seinen Platz finden konnte. Damit aber war gerade in das Michael-Problem hineingelegt das Aufkeimen der menschlichen Freiheit, denn der Mensch wäre rein zum Automaten geworden, wenn der Kampf in ihm sich ebenso fortgesetzt hätte, wie er früher draußen war. Indem der Kampf in das Innere des Menschen verlegt wurde, wurde er, gewissermaßen äußerlich abstrakt genommen, ein Kampf der höheren gegen die niedere Natur im Menschen. Aber er konnte für das menschliche Bewußtsein nur diejenige Form annehmen, welche die Menschen zum Aufschauen nach der Gestalt des Michael in den übersinnlichen Welten hinleitete. Und im Grunde genommen gab es noch im 18. Jahrhundert zahlreiche Anleitungen für die Menschen, die alle darauf hinausliefen, wie sie sich in die Sphäre des Michael begeben könnten, um mit Hilfe der Michael-Kraft in sich den in ihrem eigenen Animalischen wesenden Drachen zu bekämpfen.
[ 19 ] Ein solcher Mensch, der hineingeschaut hätte in das tiefere Geistesleben noch des 18. Jahrhunderts, hätte etwa malerisch so dargestellt werden müssen: Äußerlich die menschliche Gestalt, im niederen animalischen Teile der Drache, sich windend und selbst das Herz umwindend. Dann aber, hinter dem Menschen gewissermaßen — weil der Mensch das Höhere mit dem Hinterhaupte sieht —, die äußere kosmische Gestalt des Michael, überragend, glanzvoll, sein kosmisches Wesen behaltend, aber spiegelnd dieses Wesen im Inneren der menschlichen höheren Natur, so daß der Mensch ein ätherisches Spiegelbild in seinem eigenen Ätherleibe bietet von der kosmischen Gestalt des Michael. Und dann wäre in diesem Menschenhaupt sichtbar geworden, aber hinunterwirkend zum Herzen, die Kraft des Michael, zermalmend den Drachen, so daß sein Blut herunterfließt vom Herzen in die Gliedmaßen des Menschen. Das war das Bild, das vom innermenschlichen Streit Michaels mit dem Drachen noch zahlreiche Menschen des 18. Jahrhunderts in sich herumtrugen. Das war zu gleicher Zeit das Bild, welches in der damaligen Zeit vielen Menschen nahelegte, wie der Mensch mit Hilfe des Oberen das Untere, wie man sich ausdrückte, zu besiegen hat, wie der Mensch die Michael-Kraft für sein eigenes Leben braucht.
[ 20 ] Der Verstand sieht die Kant-Laplacesche Theorie, sieht den KantLaplaceschen Urnebel, vielleicht einen Spiralnebel; aus diesem gliedern sich die Planeten ab, lassen in der Mitte die Sonne erscheinen; auf einem der Planeten entstehen nach und nach die Naturreiche, entsteht der Mensch. Und wenn dann die Zukunft vorausgeschaut wird, dann geht das alles wiederum in den großen Kirchhof des Naturdaseins über. Der Verstand kann nicht anders, als die Sache so zu denken. Deshalb, weil diesem Verstande immer mehr und mehr die Alleinherrschaft in der menschlichen Erkenntnis zugestanden worden ist, wurde nach und nach die Weltanschauung dasjenige für die allgemeine Menschheit, was sie jetzt geworden ist. Aber bei allen diesen Leuten, auf die ich vorhin hingewiesen habe, wirkte, ich möchte sagen, das Auge des Gemütes. Im Verstande kann sich der Mensch isolieren von der Welt, denn es hat jeder seinen eigenen Kopf und im Kopfe seine eigenen Gedanken. Im Gemüte kann er das nicht, denn das Gemüt ist nicht an den Kopf, das Gemüt ist an Jen rhythmischen Organismus des Menschen gebunden. Die Luft, die ich jetzt in mir habe, habe ich vor kurzem noch nicht in mir gehabt, da war sie die allgemeine Luft, und sie wird, wenn ich sie wieder ausatme, wiederum die allgemeine Luft sein. Nur der Kopf isoliert den Menschen, nur der Kopf macht ihn zum Eremiten auf der Erde. Selbst in bezug auf die Organe ist der Mensch in dem, was die physische Organisation seines Gemütes ist, nicht in dieser Weise isoliert, da gehört er dem allgemeinen Kosmos an, ist nur ein Stück im Kosmos. Aber nach und nach ist das Gemüt unsehend geworden, der Kopf allein ist sehend geworden. Der Kopf allein aber entwickelt nur die Intellektualität, isoliert den Menschen. Ja, als der Mensch noch mit dem Gemüte sah, da sah er nicht abstrakte Gedanken in den Kosmos hinein zu dessen Deutung, zur Erklärung, sondern da sah er hinein noch grandiose Bilder wie das Bild des Kampfes Michaels mit dem Drachen. Da sah dieser Mensch, was in seiner eigenen Natur und Wesenheit lebte, etwas, was in der Art, wie ich es heute geschildert habe, aus der Welt, aus dem Kosmos sich herausgebildet hat. Da sah er wie lebendig werden den inneren Michael-Kampf im Menschen, im Anthropos, hervorgehend aus dem äußeren Michael-Kampf im Kosmos. Da sah er Anthroposophie aus Kosmosophie sich herausentwickeln.
[ 21 ] Und so werden wir überall, indem wir zu einer älteren Weltanschauung zurückgehen, von abstrakten Gedanken, die uns kalt und nüchtern berühren, die uns frösteln machen ob ihrer Intellektualität, zu Bildern geführt, deren eines der grandiosesten dieses Bild Michaels im Streite mit dem Drachen ist, Michaels, der den Drachen erst auf die Erde gestoßen hat, wo dann der Drache, ich möchte sagen, seine Menschenfestung gewinnen konnte. Und dann wurde Michael der Bekämpfer des Drachen im Menschen in der geschilderten Art. In diesem Bilde, das ich vor Ihre Seele hingestellt habe, ist Michael kosmisch hinter dem Menschen. Im Menschen lebt ein ätherisches Abbild des Michael, das den eigentlichen Kampf im Menschen ausführt, wodurch der Mensch im Michael-Kampfe allmählich frei werden kann, weil nicht Michael den Kampf ausführt, sondern die menschliche Hingabe und das dadurch hervorgerufene Abbild des Michael. In dem kosmischen Michael bleibt immer noch jenes Wesen leben, zu dem der Mensch aufschauen kann, und das den ursprünglichen kosmischen Kampf mit dem Drachen eingeleitet hat.
[ 22 ] Wahrhaftig, nicht bloß auf der Erde geschehen Ereignisse. Diese Ereignisse, die auf der Erde geschehen, sind im Grunde genommen für den Menschen unverständlich, wenn er sie nicht als die Bilder von Ereignissen ansehen kann, die in der übersinnlichen Welt geschehen, wenn er nicht die Ursachen dazu in der übersinnlichen Welt sehen kann. Und so geschah schon einmal im Reiche des Übersinnlichen, kurz vor unserer Zeit, eine Michael-Tat, jene Michael-Tat, die ich etwa in der folgenden Art charakterisieren möchte. Ich muß dabei in der Art reden, die man heute als anthropomorphisch verpönt, aber wie sollte ich sie denn anders erzählen, als daß ich Menschenworte gebrauche für dasjenige, was sich in der übersinnlichen Welt abspielt.
[ 23 ] Jene Zeit wurde weit zurückliegend gedacht als die vormenschliche Zeit, in der Michael den Drachen auf die Erde herabwarf. Aber dann trat der Mensch auf der Erde auf, und da stellte sich das ein, was ich geschildert habe: immer mehr und mehr kommend der innere menschliche Kampf des Michael mit dem Drachen. Gerade gegen das Ende des 19. Jahrhunderts war es, daß Michael sagen konnte: Nun hat sich das Bild im Menschen so verdichtet, daß der Mensch es innerlich gewahr werden kann, daß er nun in seinem Gemüte erfühlen kann den Drachenbesieger, wenigstens im Bilde etwas erfühlen kann. In der Entwickelung der Menschheit bedeutet das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts wahrhaftig etwas außerordentlich Wichtiges. In den älteren Zeiten war zunächst nur etwas wie ein dünnes Bild des Michael im Menschen; es verdichtete sich immer mehr und mehr. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war es folgendermaßen: In den früheren Zeiten war stark der unsichtbare übersinnliche Drache, der in den Trieben und Instinkten, in den Wünschen und in der animalischen Menschenlust wirkte; er bleibt für das gewöhnliche Bewußtsein untersinnlich, er lebt im Animalischen des Menschen. Aber da lebt er, lebt sich aus; da lebt er aufstachelnd den Menschen, allmählich ihn untermenschlich zu machen, da lebt er in alledem, was den Menschen herabziehen will. Es war so, daß Michael immer selber eingriff in die menschliche Natur, damit die Menschen nicht gar zu sehr herabkamen. Aber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war es so, daß das Michael-Bild im Menschen so stark wurde, daß es nur sozusagen von dem guten Willen des Menschen abhing, um nach oben fühlend, bewußt sich zum Michael-Bilde zu erheben, damit ihm auf der einen Seite wie im unerleuchteten Gefühlserlebnis sich das Drachenbild darstelle, und dann auf der andern Seite, in geistiger Schau und doch schon für das gewöhnliche Bewußtsein, die Leuchtgestalt des Michael vor dem Seelenauge stehen kann. So kann dann vor dem Menschen der Gemütsinhalt stehen: Da wirkt in mir die Drachenkraft, die mich herunterziehen will; ich schaue sie nicht, ich fühle sie als das, was mich unter mich bringen will. Aber ich schaue im Geiste den leuchtenden Engel, dessen kosmische Aufgabe es immer war, den Drachen zu besiegen. Ich konzentriere mein Gemüt auf diese Leuchtgestalt, ich lasse ihr Licht in mein Gemüt hereinstrahlen. — Dann wird das so erleuchtete und erwärmte Gemüt die Michael-Kraft in sich tragen, und im freien Entschlusse wird der Mensch in der Lage sein, durch sein Bündnis mit Michael die Drachenkraft in seinem Untermenschen zu besiegen.
[ 24 ] Würde der gute Wille in den weitesten Kreisen aufgebracht, eine solche Vorstellung zu einer religiösen Kraft zu erheben und in jedes Gemüt einzuschreiben, dann würden wir nicht matte Ideen haben in unserem Leben der Gegenwart, wie wir sie heute überall finden können, wie sie als Reformgedanken und dergleichen auftreten, sondern dann würden wir etwas haben, was wieder innerlich den ganzen Menschen erfassen kann, weil solches sich einschreiben kann in das lebendige Gemüt, in jenes lebendige Gemüt, das in dem Augenblick, wo es nur wirklich lebendig wird, auch in eine lebendige Beziehung zum ganzen Kosmos kommen wird. Und es würden dann jene Leuchtgedanken des Michael die ersten Ankündiger sein des Wiederhineindringens des Menschen in die übersinnliche Welt. Es würde das erkenntnismäßige Schauen sich religiös verinnerlichen, sich religiös vertiefen können. Der Mensch würde dadurch vorbereitet sein für die Feste des Jahres, deren Verständnis ihm aus alten Zeiten auch nur noch herabdämmert, aber wenigstens dämmert, um jenes Fest mit vollem Bewußtsein zu begehen, das im Kalender am Ende des September, im Beginne des Herbstes steht: das Michael-Fest.
[ 25 ] Eine Bedeutung wird dieses Fest erst wieder haben, wenn wir in die Lage kommen, eine solche lebendige Schauung vor die Seele hinzustellen. Und indem wir in der Lage sind, es in lebendiger Weise zu empfinden und es zu dem instinktiven sozialen Impuls der Gegenwart zu machen, könnte dieses Michael-Fest, weil hier die Impulse unmittelbar aus dem Geistigen kommen, als die Krönung, ja als der eigentliche Anfang der Impulse angesehen werden, die wir brauchen, wenn wir aus dem heutigen Niedergange herauskommen wollen, wenn wir zu allem Reden über Ideale etwas hinzufügten, was nicht aus dem Menschenkopfe oder der Menschenbrust wäre, sondern was ein Ideal wäre, herausgesprochen aus dem Kosmos. Und indem dann die Bäume ihr Laub verlieren, die Blüten zu Früchten reifen, indem die Natur uns ihren ersten Frost schickt und sich anschickt, in den Wintertod zu gehen, könnten wir dann, so wie wir das Osterfest mit dem sprießenden, sprossenden Frühling fühlen, so das Aufgehen des Geistigen, mit dem sich der Mensch verbinden soll, fühlen. Und dann würden wir als Bürger des Kosmos Impulse hineinbringen können in das Leben, die, weil sie keine abstrakten Gedanken sind, nicht so unwirksam bleiben werden, wie sonst abstrakte Impulse unwirksam sind, sondern die ihre Wirksamkeit unmittelbar erweisen werden. Seeleninhalt wird das Leben erst wieder bekommen, wenn wir Impulse in unserem Gemüte aus dem Kosmos heraus entwickeln können. Davon will ich dann im nächsten Vortrag weiter sprechen.
