Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten
GA 223
28 September 1923, Wien
Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt II
[ 1 ] Das, was ich gestern zum Schlusse der Betrachtung über die alte Vorstellung vom Streite Michaels mit dem Drachen sagen konnte, war Ihnen wohl schon ein Hinweis darauf, wie eine Art Wiederbelebung desjenigen für unsere Zeit notwendig ist, was an Weltanschauungselementen in diesem gigantischen Bilde einmal für die Menschheit gelegen hat für eine, wie wir gesehen haben, gar nicht so weit zurückliegende Menschheit. Denn ich konnte an den verschiedensten Stellen des gestrigen Vortrages darauf hinweisen, daß in zahlreichen Seelen des 18. Jahrhunderts noch diese Vorstellung voll lebendig war. Bevor ich aber in den nächsten Vorträgen von dem werde zu sprechen haben, was aus dem Geiste unserer Zeit heraus, aus einer wirklichen Geistesanschauung unserer Zeit zu einer Wiederbelebung dieser Vorstellung führen kann und führen muß, ist es notwendig, daß ich heutegewissermaßen als episodische Einschiebung — eine allgemeinere anthroposophische Betrachtung vor Ihnen anstelle. Aus dieser wird sich dann ergeben, in welcher Weise die angedeutete Vorstellung wieder belebt werden kann, so daß sie eine wahre Kraft im Denken, Fühlen und Handeln der Menschheit wiederum werden kann.
[ 2 ] Wenn wir das Verhältnis des Menschen zur Natur und zur ganzen Welt ins Auge fassen, das der Mensch heute hat, so werden wir sagen können, wenn wir nur unbefangen genug dieses heutige Verhältnis mit dem Verhältnis der früheren Zeiten vergleichen können: Der Mensch ist eigentlich im Grunde genommen heute ein wahrer Einsiedler gegenüber den kosmischen Mächten geworden, ein Einsiedler insofern, als er durch seine Geburt in das physische Dasein hereingeführt wird und nicht mehr jene Erinnerungen an das vorirdische Dasein hat, die wirklich einmal die ganze Menschheit hatte. In der Zeit, in welcher der Mensch sonst nur zum Gebrauche seiner Verstandes- und Gedächtniskräfte erwächst, bis zu welcher man sich im Erdenleben zurückerinnert, hatte einmal in der ganzen Menschheit der Mensch in den älteren Epochen der Menschheitsentwickelung zugleich das Aufleuchten einer wirklichen Erinnerung, eines wirklichen Zurückschauens an vorirdische Erlebnisse, an Erlebnisse, die er als geistig-seelisches Wesen vor seinem Erdenleben durchgemacht hat. Das ist das eine, was den Menschen gewissermaßen zum Welteneinsiedler heute macht, daß er sich nicht bewußt ist, wie sein irdisches Dasein an ein Geistdasein angeschlossen ist. Das andere ist dieses, daß der Mensch heute seinen Blick hinausrichtet in die Weiten desKosmos, daß er die äußeren Gestalten der Sterne und Sternbilder schaut, daß er aber ein inneres geistiges Verhältnis zu dem Geistigen im Kosmos nicht mehr hat. Ja, man kann auch weiter gehen. Der Mensch richtet heute seinen Blick auf die Reiche der Natur, die ihn auf der Erde umgeben, auf die mannigfaltige Schönheit der Pflanzen, auf das Gigantische der Berge, auf die ziehenden Wolken und so weiter; allein auch da muß er sich auf dasjenige beschränken, was Eindruck macht auf seine Sinne, er fürchtet sich sogar sehr häufig, wenn er eine intimere, tiefere Beziehung zu den Weiten der Natur bekommt, daß ihm die naive Anschauung der Natur verlorengehen könne. Aber so notwendig diese Entwickelungsphase der Menschheit dazu war, daß der Mensch dasjenige entwickele, was wir im Bewußtsein der Freiheit, im Freiheitsgefühl erleben, so notwendig das für den Menschen war, um zu seinem vollen Selbstbewußtsein zu kommen, zu jener inneren Stärke, die das Ich mit voller Kraft im Menschen sich aufrichten läßt, so notwendig, wie gesagt, dieses Einsiedlerleben des Menschen im Kosmos war: es darf nur ein Übergang sein zu einer andern Epoche, in welcher der Mensch wiederum den Weg zurückfindet zu dem Geistigen, das allen Dingen und Wesenheiten denn doch zugrunde liegt. Und gerade dieses Zurückfinden zum Geistigen muß durch diejenige Kraft erreicht werden, die dem Menschen werden kann, wenn er die Michael-Idee in ihrer wahren Gestalt und in derjenigen Gestalt, die sie für unsere Zeit annehmen muß, im rechten Sinne ergreifen kann.
[ 3 ] Wir brauchen für das Denkerische, wir brauchen für das Gemütsleben, wir brauchen auch für das Tatenleben das Durchdrungensein mit dem Michael-Impuls. Aber es genügt natürlich nicht, wenn nun so etwas gehört wird wie: Ein Michael-Fest müsse wiederum lebendig werden in der Menschheit, und es sei nun an der Zeit, dieses MichaelFest hinzuzufügen zu den andern Festen des Jahres. — Es genügt nicht, daß dann einige sagen: Also fangen wir einmal an, begehen wir einmal ein Michael-Fest! — Wenn dasjenige in der Welt erreicht werden soll, was mit Anthroposophie anzustreben ist, dann darf selbstverständlich nicht die sonst heute in der Welt übliche Oberflächlichkeit gerade bei den Einrichtungen des Anthroposophischen eine Rolle spielen, sondern dann muß, wenn aus dem Anthroposophischen irgend etwas herauswächst, dieses mit dem allerintensivsten Ernste herauswachsen. Und um uns ein wenig einzuleben in das, was dieser Ernst sein soll, möchte ich Sie doch bitten, einmal zu erwägen, wie denn die heute verblaßten, einmal lebendigen Feste sich in die Menschheitsentwickelung hineingestellt haben.
[ 4 ] Ist denn etwa das Weihnachtsfest, ist das Osterfest hervorgegangen aus dem Entschlusse von einigen wenigen, die gesagt haben: Wir haben eine Idee, in einer bestimmten Zeit des Jahres ein Fest zu feiern, und wir machen die nötigen Veranstaltungen dazu? — Das ist natürlich nicht der Fall. Damit so etwas wie das Weihnachtsfest in der Menschheit Eingang finden konnte, war ja nötig, daß der Christus Jesus geboren wurde, daß diese Tatsache in der weltgeschichtlichen Entwickelung der Erde eingetreten ist, daß ein überragendes Ereignis dastand. Und das Osterfest? Es hätte keinen Sinn jemals in der Welt gehabt, wenn es nicht das Erinnerungsfest an dasjenige gewesen wäre, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist, wenn nicht dieses Ereignis in die ganze Menschheitsentwickelung einschneidend für die Erdengeschichte eingegriffen hätte. Wenn heute diese Feste verblaßt sind, wenn am Weihnachtsfeste nicht mehr der ganze Ernst gefühlt wird, ebensowenig am Osterfeste, so sollte das vielleicht gerade dazu führen, durch ein intensiveres Verständnis der Geburt des Christus Jesus und des Mysteriums von Golgatha auch diese Feste wiederum zu vertiefen. Keinesfalls dürfte aber die Idee Platz greifen, daß man, um nun zu diesen Festen auch noch mit derselben Oberflächlichkeit ein weiteres hinzuzufügen, nun zum Herbst beginnt, das Michael-Fest einfach einzurichten.
[ 5 ] Es muß irgend etwas da sein, das — wenn vielleicht auch in getingerem Maße — in derselben Weise einschneidend sein kann in der Entwickelung der Menschheit, wie alle die Ereignisse einschneidend waren, die zu Festen geführt haben. Es muß ganz gewiß dazu kommen, daß in allem Ernste ein Michael-Fest gefeiert werden kann, und es muß für dieses Michael-Fest aus der anthroposophischen Bewegung heraus ein Verständnis erwachsen können. Aber so wie äußere Ereignisse, Ereignisse im Objektiven des Werdens, zum Weihnachtsfest, zum Osterfest geführt haben, so muß etwas im Inneren der Menschheit — derjenigen Menschheit, die den Entschluß faßt, so etwas zu tun — ganz anders werden, als es vorher gewesen ist. Es muß Anthroposophie zu einem gründlichen Erlebnis werden, einem Erlebnis, von dem der Mensch wirklich in einer ähnlichen Weise so zu sprechen vermag, wie er zu sprechen vermag, wenn ihm die ganze Kraft, die in der Geburt des Christus Jesus liegt, die im Mysterium von Golgatha ist, aufgeht. Wie gesagt, im geringeren Maße mag das der Fall sein beim Michael-Fest, aber es muß so etwas von seelenumgestaltender Kraft aus der anthroposophischen Bewegung hervorgehen. Das möchte man, daß Anthroposophie diese Kraft bekäme, Seelen umzugestalten. Und das wird sie nur können, wenn dasjenige, was in ihren, wenn ich so sagen darf, Lehren liegt, tatsächlich Erlebnis wird.
[ 6 ] Nun wollen wir gerade heute einiges von jenen Erlebnissen vor unsere Seele hinstellen, die durch Anthroposophie in das Innere des Menschen einziehen können. Wir unterscheiden ja im menschlichen Seelenleben Denken, Fühlen und Wollen, und wir sprechen, indem wir namentlich auf das Fühlen hinschauen, von dem menschlichen Gemüt. Wir finden unser Denken kalt, trocken, nüchtern, wir finden es uns gewissermaßen geistig auszehrend, wenn die Gedanken in abstrakter Form in unserer Seele leben, wenn wir nicht in der Lage sind, heraufzusenden in diese Gedanken die Wärme, den Enthusiasmus des Fühlens. Wir können einen Menschen nur dann gemütvoll nennen, wenn uns in seinen Gedanken, indem er sie zu uns äußert, etwas entgegenströmt von der inneren Wärme seines Gemütes. Und wir können eigentlich an einen Menschen erst dann heran, wenn er uns gegenüber nicht nur pflichtgemäß, korrekt handelt, wenn er auch der Welt gegenüber nicht bloß pflichtgemäß, korrekt handelt, sondern wenn in seinen Handlungen etwas liegt, das uns sehen läßt, es fließt in sie aus der Enthusiasmus seines Herzens, die Wärme, die Liebe für die Natur, für jedes Wesen. So sitzt gewissermaßen in der Mitte des Seelenlebens dieses menschliche Gemüt.
[ 7 ] Aber wenn auch das Denken, wenn auch das Wollen einen bestimmten Charakter angenommen haben durch jene Tatsache, daß der Mensch ein kosmischer Einsiedler geworden ist, am meisten hat eigentlich das menschliche Gemüt einen bestimmten Charakter unter dieser kosmischen Einsiedelei bekommen. Das Denken mag seine vollkommenen Berechnungen über das Weltenall vor sich hinstellen, es ergötzt sich vielleicht an der Spitzfindigkeit dessen, was da errechnet wird, aber es empfindet eben nicht, wie fern es im Grunde genommen dem warmen Pulsschlag des Lebens steht. Und in dem korrekten, rein pflichtgemäßen Handeln kann sich mancher Mensch vielleicht befriedigen, ohne daß er so recht fühlt, wie das Leben in diesem nüchternen Handeln nur ein halbes Leben ist. Beides geht nicht ganz nahe an die menschliche Seele heran. Dasjenige aber, was zwischen Denken und Wollen liegt, alles das, was das menschliche Gemüt umfaßt, geht schon sehr, sehr nahe an das ganze menschliche Wesen heran. Und wenn wir manchmal glauben, daß auch das, was das Gemüt eigentlich erwärmen, erheben, enthusiasmieren soll, bei der eigentümlichen Anlage manches Menschen in der Gegenwart erkalten könne, so ist das eine Täuschung. Es ist doch schließlich so: Für das, was der Mensch innerlich erlebt, bewußt erlebt, läßt sich sagen wir das Paradoxe — zur Not gemütlos sein, aber es läßt sich nicht gemütlos sein, ohne daß irgendwie doch durch die Gemütlosigkeit das menschliche Wesen ergriffen werde. Und wenn der Mensch es seelisch ertragen kann, vielleicht durch Seelenlosigkeit sich zur Gemütlosigkeit zwingt, so wird das in irgendeiner andern Form an seinem ganzen Wesen fressen, wird bis in die physische Organisation, bis in Gesundheit und Krankheit hinein fressen. Vieles, was in unserer Zeit an Niedergangserscheinungen auftritt, hängt im Grunde genommen gerade mit der Gemütlosigkeit zusammen, in die viele Menschen sich hineingefunden haben. Aber was alles mit diesen mehr im allgemeinen hingestellten Sätzen gemeint ist, wird uns erst entgegentreten, wenn wir die gestern begonnenen Betrachtungen ein wenig vertiefen.
[ 8 ] Der Mensch, der einfach in die gegenwärtige Zivilisation hineinwächst, sieht die Dinge der Außenwelt an, nimmt sie wahr, macht sich darüber seine abstrakten Gedanken, hat vielleicht an der lieblichen Blüte, an der majestätischen Pflanze auch seine herzliche Freude, seine herzliche Befriedigung, gewinnt sogar vielleicht, wenn er Phantasie hat, ein gewisses inneres Bild von der lieblichen Blüte, von der majestätischen Pflanze. Allein er ahnt nicht, welches seine tiefere Beziehung ist — sagen wir zunächst, um das eine herauszugreifen — zu der Welt der Pflanzen. Es genügt wahrhaftig für eine geistige Anschauung nicht, daß wir von Geist und Geist und wieder Geist reden, sondern es ist da nötig, daß wir uns der wahrhaftig geistigen Beziehungen bewußt werden, die wir zu den Dingen um uns herum haben.
[ 9 ] Wenn wir eine Pflanze betrachten, wie man es gewohnt ist, sie heute zu betrachten, so ahnt man gar nicht, daß in dieser Pflanze eine elementarische Wesenheit steckt, ein Geistiges steckt, daß in jeder solchen Pflanze etwas drinnen ist, dem es nicht genügt, daß wir sie anschauen und uns die abstrakte Bildvorstellung machen, die wir uns heute gemeiniglich auch von Pflanzen machen. Denn in jeder solchen Pflanze steckt elementarisches geistiges Wesen, aber es steckt so darinnen, daß es gewissermaßen in der Pflanze verzaubert ist. Und im Grunde genommen schaut nur derjenige eine Pflanze richtig an, der sich sagt: Dies ist in aller Schönheit die Umhüllung eines geistigen Wesens, das drinnen verzaubert ist. — Gewiß, im großen kosmischen Zusammenhange ein relativ unbedeutendes Wesen, aber ein Wesen, das eine tiefe Beziehung zum Menschen hat.
[ 10 ] Der Mensch ist eigentlich so innig verknüpft mit der Welt, daß er keinen Gang in die Natur machen kann, ohne daß die intimen Beziehungen, in denen er zur Welt steht, eine intensive Bedeutung für ihn haben. Wenn die Lilie auf dem Felde erwächst aus dem Keim, bis zur Blüte kommt, dann müssen wir uns schon — ohne Personifikation — ganz intensiv vorstellen, daß diese Lilie auf etwas wartet. Ich muß es mit Menschenworten wiederum aussprechen, wie ich das gestrige Bild auch mit Menschenworten aussprechen mußte. Die Menschenworte treffen natürlich die Dinge nicht ganz, aber sie drükken doch das aus, was als Realität in den Dingen drinnen ist. Diese Lilie, indem sie ihre Blätter, aber namentlich ihre Blüte entfaltet, wartet eigentlich auf etwas. Sie sagt sich: Es werden Menschen an mir vorübergehen, Menschen, die mich anschauen, und wenn genügend Menschenaugen ihren Blick auf mich geheftet haben werden, dann werde ich — so sagt der Geist der Lilie — aus der Verzauberung entzaubert sein und werde meinen Weg in geistige Welten antreten können! — Gewiß, Sie werden sagen: Es wachsen viele Lilien, auf die nicht menschliche Augen blicken. — Bei denen ist das eben anders. Lilien, auf die nicht menschliche Augen blicken, finden ihre Entzauberung auf einem andern Wege. Denn das erste menschliche Auge, das auf eine Lilie blickt, ruft die Bestimmung hervor, daß diese Lilie durch Menschenaugen entzaubert werde. Es ist ein Verhältnis, das die Lilie zum Menschen eingeht, indem der Mensch zuerst seinen Blick auf die Lilie wirft. Überall in unserer Umgebung sind diese elementarischen Geister, und sie rufen uns eigentlich zu: Schauet doch nicht so abstrakt die Blumen an und macht euch nicht bloß die abstrakten Bilder davon, sondern habt ein Herz, ein Gemüt für das, was geistig-seelisch in den Blumen wohnt. Das will durch euch aus seiner Verzauberung erlöst werden. — Und das menschliche Dasein sollte eigentlich eine fortdauernde Erlösung sein verzauberter Elementargeister in den Mineralien, Pflanzen und Tieren.
[ 11 ] Eine solche Idee kann in ihrer vollen Schönheit empfunden werden. Aber gerade indem sie im richtigen geistigen Sinne erfaßt wird, kann sie auch im Lichte der vollen Verantwortlichkeit empfunden werden, in die sich der Mensch dadurch zum ganzen Kosmos hineinstellt. Und die Art und Weise, wie sich der Mensch in der Gegenwart, in der Zivilisationsepoche der Entwickelung der Freiheit zu den Blumen verhält, ist eigentlich ein Nippen an demjenigen, an dem er eigentlich trinken sollte. Er nippt, indem er sich Begriffe und Ideen bildet, und er sollte trinken, indem er mit seinem Gemüt sich mit den Blementargeistern der Dinge und Wesenheiten um ihn herum verbindet.
[ 12 ] Ich sagte: Wir brauchen nicht zu denken an diejenigen Lilien, auf die niemals ein menschlicher Blick fällt, aber wir müssen an diejenigen denken, auf die der menschliche Blick fällt, denn die bedürfen des Gemütsverhältnisses, das der Mensch zu ihnen eingehen kann. Nun aber, von der Lilie geht die Wirkung aus. Und mannigfaltig, großartig und gewaltig sind die geistigen Wirkungen, die fortwährend von den Dingen der Natur an den Menschen herantreten, indem der Mensch seinen Weg durch die Natur nimmt. Derjenige, der in diese Dinge hineinschauen kann, sieht eigentlich fortdauernd, wie unendlich mannigfaltig und großartig alles das ist, was an den Menschen von allen Seiten durch die Elementargeistigkeit der Natur heranströmt. Und es strömt in ihn ein. Es ist dasjenige, was — ich habe es gestern im Sinne der äußeren Vorstellung auseinandergesetzt — aus dem Spiegel der äußeren Natur, die ein Spiegel des Göttlich-Geistigen ist, fortwährend dem Menschen als ein Geistiges entgegenströmt, das da ist als ein Übersinnliches, das über die Natur ergossen ist.
[ 13 ] Aber nun ist — wir werden über diese Dinge im Sinne wirklicher anthroposophischer Vorstellung in den nächsten Tagen noch genauer zu sprechen haben — zunächst in dem Menschen diejenige Kraft enthalten, die ich gestern als die Kraft des Drachen beschrieben habe, die Michael bekämpft, des Drachen, mit dem Michael im Streit ist. Ich habe angedeutet, wie dieser Drache zwar eine tierähnliche Gestalt hat, aber eigentlich ein übersinnliches Wesen ist, wie er durch seine Widersetzlichkeit als übersinnliches Wesen in die Sinneswelt verstoßen ist und nun in ihr haust. Ich habe angedeutet, wie er nur im Menschen ist, weil die äußere Natur ihn nicht haben kann. Die äußere Natur in ihrer Unschuld, als ein Spiegel der göttlichen Geistigkeit, hat mit dem Drachen nichts zu tun. Ich habe gestern dargestellt, wie er in den Menschenwesenheiten sitzt. Dadurch aber, daß er ein solches Wesen ist, daß er ein Übersinnliches in der Sinneswelt ist, zieht er in demselben Augenblicke dasjenige an, was aus den Weiten der Natur an den Menschen als übersinnliches Elementarisches heranströmt, verbindet sich mit dem, und statt daß der Mensch durch seine Seelenhaftigkeit, durch sein Gemüt die Elementarwesen, sagen wir der Pflanzen, aus ihrer Verzauberung erlöst, verbindet er sie mit dem Drachen, läßt er sie in seiner niederen Natur mit dem Drachen untergehen. Denn alles in der Welt ist in der Strömung einer Entwickelung, nimmt die verschiedensten Wege der Entwickelung. Und jene Elementarwesen, die in den Mineralien, Pflanzen und Tieren leben, müssen zu höherem Dasein aufsteigen, als sie es haben können in den gegenwärtigen Mineralien, Pflanzen und Tieren. Das können sie nur, wenn sie durch den Menschen durchgehen. Der Mensch ist wahrhaftig auf der Erde nicht nur dazu da, daß er die äußere Kultur begründet. Der Mensch hat innerhalb der ganzen Weltenentwickelung ein kosmisches Ziel, und dieses kosmische Ziel hängt mit solchen Dingen zusammen, wie ich sie eben beschrieben habe: mit der Höherentwickelung jener Elementarwesen, die im irdischen Dasein auf einer niederen Stufe stehen, aber zu einer höheren Stufe bestimmt sind, und die, wenn der Mensch in ein bestimmtes Verhältnis zu ihnen kommt, und wenn das alles mit rechten Dingen zugeht, zu einer höheren Entwickelungsstufe kommen können.
[ 14 ] Es war nun in der Tat in den alten Zeiten der instinktiven Menschenentwickelung, da die Menschen in ihrem Gemüt als Erleben hatten das Seelisch-Geistige, und da ihnen das Geistig-Seelische ebenso ein Selbstverständliches war wie das Natürliche, so, daß in der Tat die Weltenentwickelung vorrückte, indem gewissermaßen die Strömung des Daseins durch den Menschen in einer regelrechten Weise durchging. Aber gerade in der Epoche, die jetzt ihren Abschluß finden muß, die jetzt zu einer höheren Geistigkeit vorrücken muß, ist es so gewesen, daß Unzähliges von Elementarwesenhaftigkeit innerhalb des Menschen dem Drachen ausgeliefert worden ist. Denn es ist gerade das die Wesenhaftigkeit dieses Drachen, daß er dürstet und hungert nach diesen Elementarwesen; er möchte überall herumschleichen, er möchte alle Pflanzen und Mineralien abschlecken, um in sich die Elementarwesen der Natur aufsaugen zu können. Denn mit denen will er sich verbinden, mit denen will er sein eigenes Dasein durchdringen. In der außermenschlichen Natur kann er das nicht, er kann es nur in der innermenschlichen Natur. Er kann es nur in der menschlichen Natur, weil dort für ihn eine Möglichkeit des Daseins ist. Und wenn das so fortginge, dann wäre die Erde dem Verfall anheimgegeben, dann würde unbedingt der Drache, von dem ich gestern gesprochen habe, im irdischen Dasein siegen. Er würde aus einem ganz bestimmten Grunde siegen, weil dadurch, daß er sich gewissermaßen in der Menschennatur vollsaugt mit den Elementarwesen, etwas geschieht.
[ 15 ] Es geschieht dadurch physisch, seelisch und geistig etwas. Geistig: nun, der Mensch würde niemals zu dem albernen Glauben an eine bloß materielle Außenwelt, wie sie die Naturforschung heute annimmt, würde niemals zu einer Annahme von toten Atomen kommen, wie er heute kommt, und zu ähnlichem. Der Mensch würde niemals zu solchen fortschrittfeindlichen Gesetzen kommen, wie dem von der Erhaltung der Kraft und der Energie und der Erhaltung der Materie und dergleichen, wenn nicht der Drache in ihm die Elementarwesen von außen aufsaugen würde. Dadurch, daß die Elementarwesen von außen in ihm sitzen, wird der menschliche Blick von dem Geistigen der Dinge abgelenkt. Wenn der Mensch nach außen sieht, dann sieht er nicht mehr das Geistige in den Dingen, das mittlerweile in ihn eingezogen ist, sondern er sieht nur die tote Materie.
[ 16 ] Und im Seelischen? Alles, was der Mensch jemals geäußert hat an demjenigen, was ich Feigheiten der Seele nennen möchte, rührt von dem her, was der Drache an Elementargewalten in ihm aufsaugt. Oh, wie sind sie verbreitet, diese Feigheiten der Seele! Der Mensch weiß ganz gut: Dies oder jenes soll ich tun, dies oder jenes ist in einer bestimmten Lage das Richtige. — Er kann sich nicht dazu aufraffen, er kann es nicht tun, irgend etwas wirkt als seelische Schwere in ihm. Es sind die Elementarwesen im Leibe des Drachen, die in ihm wirken.
[ 17 ] Und physisch? Der Mensch würde niemals von demjenigen geplagt werden, was man die Bazillen der Krankheiten nennt, wenn nicht in ihm durch jene geistigen Wirkungen, die ich jetzt beschrieben habe, sein Leib fähig gemacht würde, ein Boden für Bazillenwirkungen zu sein. Bis in die physische Organisation gehen diese Dinge hinein. Und man möchte sagen: Sieht man richtig den Menschen in geistiger, seelischer und physischer Verfassung, sieht man, wie er nach diesen drei Richtungen hin heute ist, so sieht man, daß — allerdings zu einem guten Zwecke, zum Zwecke der Erlangung seiner Freiheit — der Mensch nach drei Richtungen hin vom Geistigen abgeschnitten worden ist, daß er die geistigen Kräfte nicht mehr in sich hat, die er haben könnte. Und so sehen Sie, wie durch diese dreifache Schwächung seines Lebens, durch das, was der vollgesogene Drache in dem Menschen geworden ist, der Mensch abgehalten wird, die Schlagkraft des Geistigen in sich zu erleben.
[ 18 ] Es gibt zweierlei Art, Anthroposophie zu erleben. Es gibt noch mannigfaltige Differenzierungen dazwischen, ich will nur die beiden Extreme anführen. Die eine Art ist diese: Man setzt sich auf seinen Stuhl, nimmt ein Buch, liest es, findet es ja ganz interessant, findet es tröstlich für den Menschen, daß es einen Geist gibt, daß es eine Unsterblichkeit gibt, man findet sich recht wohl dabei, daß es das gibt und daß der Mensch der Seele nach nicht tot ist, wenn er auch dem Körper nach tot ist. Man findet sich mehr befriedigt an einer solchen Weltanschauung als an einer materialistischen, man nimmt sie auf, wie man vielleicht die abstrakten Gedanken der Geographie aufnimmt, nur daß, was er bei der Anthroposophie erhält, für den Menschen tröstlicher ist. Gewiß, das ist die eine Art: Man steht von seinem Sitz wieder so auf, wie man sich eigentlich niedergesetzt hat, nur daß man eine gewisse Befriedigung an der Lektüre gehabt hat. Ich könnte ja auch von einem Vortrage reden, statt von der Lektüre. Nun gibt es eine andere Art, Anthroposophie auf sich wirken zu lassen, die Art, daß man Dinge, wie zum Beispiel die Idee vom Streite Michaels mit dem Drachen, so in sich aufnimmt, daß man eigentlich innerlich verwandelt wird, daß es einem ein wichtiges, einschneidendes Erlebnis ist, und daß man im Grunde genommen als ein ganz anderer von seinem Sitze wieder aufsteht, nachdem man so etwas gelesen hat. Zwischen diesen beiden Arten gibt es noch alle möglichen Nuancen.
[ 19 ] Auf die erste Art Leser kann zum Beispiel gar nicht gerechnet werden, wenn von der Wiederbelebung des Michael-Festes die Rede ist, sondern es kann nur auf diejenigen gerechnet werden, die vielleicht, wenigstens annähernd in ihrem Willen das haben, Anthroposophie als etwas Lebendiges in sich aufzunehmen. Und das ist dasjenige, was innerhalb der anthroposophischen Bewegung erlebt werden sollte: diese Notwendigkeit, die Gedanken, die man zunächst als Gedanken empfängt, als Lebensmächte zu empfinden. Ich werde jetzt etwas ganz Paradoxes sagen: Manchmal begreift man die Gegner der Anthroposophie viel besser als die Anhänger. Die Gegner sagen: Ach, diese anthroposophischen Gedanken sind phantastisch, sie entsprechen keiner Wirklichkeit. — Die Gegner weisen sie ab, sie sind nicht weiter von ihnen berührt. Man kann ein solches Verhältnis gut verstehen, man kann die verschiedensten Gründe dafür anführen, meistens ist es die Furcht vor diesen Gedanken, die nur unbewußt bleibt, aber immerhin, es ist ein Verhältnis. Oftmals aber kommt dieses vor, daß die Gedanken zwar aufgenommen werden, daß man aber durch die Gedanken, die von alledem abweichen, was sonst in der Welt aufgenommen werden kann, nicht einmal so viel fühlt, wie man fühlt, wenn man an den Knopf einer Elektrisiermaschine den Knöchel hält und elektrisiert wird. Da fühlt man durch den elektrischen Funken wenigstens körperlich einiges Zucken. Ein solches Einschlagen eines Funkens in die Seele ist dasjenige, was einem, wenn es nicht vorhanden ist, so ungeheuren Schmerz machen kann. Dies hängt mit dem zusammen, daß unsere Zeit notwendig hat für die Menschen, nicht nur vom Physischen ergriffen zu werden, sondern notwendig hat, vom Geistigen ergriffen und gepackt zu werden. Der Mensch vermeidet es, gestoßen, gezerrt zu werden, aber er vermeidet es nicht, Gedanken an sich herankommen zu lassen, die von andern Welten handeln, die sich als etwas ganz Besonderes in die gegenwärtige Welt der Sinne hereinstellen, und vermeidet es nicht, diesen Gedanken gegenüber dieselbe Gleichgültigkeit zu haben wie den Gedanken der Sinne gegenüber.
[ 20 ] Dieses Sich-Aufschwingen dazu, daß man von den Gedanken über das Geistige so erfaßt werden kann wie dutch irgend etwas Physisches in der Welt: das ist Michael-Kraft! Vertrauen haben zu den Gedanken des Geistigen, wenn man die Anlage dazu hat, sie überhaupt aufzunehmen, so daß man weiß: Du hast diesen oder jenen Impuls aus dem Geistigen. Du gibst dich ihm hin, du machst dich zum Werkzeug seiner Ausführung. Ein erster Mißerfolg kommt — macht nichts! Ein zweiter Mißerfolg kommt — macht nichts! Und wenn hundert Mißerfolge kommen — macht nichts! Denn kein Mißerfolg ist jemals ausschlaggebend für die Wahrheit eines geistigen Impulses, dessen Wirkung innerlich durchschaut und ergriffen ist. Denn erst dann hat man Vertrauen, das richtige Vertrauen zu einem geistigen Impuls, den man in einem bestimmten Zeitpunkt faßt, wenn man sich sagt: Hundert Male habe ich Mißerfolg gehabt, das kann mir aber höchstens beweisen, daß für mich in dieser Inkarnation die Bedingungen zur Realisierung dieses Impulses nicht gegeben sind. Daß dieser Impuls aber richtig ist, das schaue ich durch seinen eigenen Charakter. Und wenn es auch erst nach der hundertsten Inkarnation sein wird, daß für diesen Impuls die Kräfte zu seiner Realisierung mir erwachsen — nichts kann mich überzeugen von der Durchschlagskraft oder Nichtdurchschlagskraft eines geistigen Impulses als dessen eigene Natur. — Wenn Sie sich dies im Gemüte des Menschen als das große Vertrauen für irgend etwas Geistiges ausgebildet denken, wenn Sie sich denken, daß der Mensch felsenfest halten kann an etwas, was er als ein geistig Siegendes durchschaut hat, so festhalten kann, daß er es auch dann nicht losläßt, wenn die äußere Weit noch so sehr dagegen spricht, wenn Sie sich dies vorstellen, dann haben Sie eine Vorstellung von dem, was eigentlich die Michael-Kraft, die Michael-Wesenheit von dem Menschen will, denn dann erst haben Sie eine Anschauung von dem, was das große Vertrauen in den Geist ist. Man kann irgendeinen geistigen Impuls zurückstellen, selbst für die ganze Inkarnation zurückstellen, aber hat man ihn einmal gefaßt, so darf man niemals wanken, ihn in seinem Inneren zu hegen und zu pflegen; dann allein kann man ihn aufsparen für die folgenden Inkarnationen. Und wenn auf diese Weise das Vertrauen zu dem Geistigen eine solche Seelenverfassung begründet, daß man in die Lage kommt, dieses Geistige als so real zu empfinden wie den Boden unter unseren Füßen, von dem wir wissen, daß, wenn er nicht da wäre, wir mit unseren Füßen nicht auftreten könnten, dann haben wir ein Gefühl in unserem Gemüte von dem, was eigentlich Michael von uns will.
[ 21 ] Sie werden ohne Zweifel zugestehen, daß von diesem Vertrauen, von diesem aktiven Vertrauen in den Geist im Laufe der letzten Jahrhunderte, ja des letzten Jahrtausends der Menschheit unendlich viel dahingeschwunden ist, daß es eigentlich heute für die meisten Menschen so ist, daß gar nicht aus dem Leben die Zumutung an sie herantritt, ein solches Vertrauen zu entwickeln. Das aber ist es, was kommen mußte. Denn was sage ich damit eigentlich, indem ich dieses ausspreche? Ich sage: Im Grunde genommen hat der Mensch die Brücke zur Michael-Kraft hinter sich abgebrochen. Aber in der Welt hat sich mittlerweile manches ereignet. Der Mensch ist gewissermaßen von der Michael-Kraft abgefallen; der starre und straffe Materialismus des 19. Jahrhunderts ist ja ein Abfall von der Michael-Kraft. Aber im Objektiven, im äußeren Geistigen hat die Michael-Kraft gesiegt, hat gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gesiegt. Dasjenige, was der Drache hat erreichen wollen, durch die menschliche Entwickelung hat erreichen wollen, das wird nicht erreicht werden. Aber das andere Große steht heute vor der menschlichen Seele, daß der Mensch aus eigenem, freiem Entschluß den Sieg des Michael über den Drachen wird mitmachen müssen. Das aber bedingt, daß der Mensch wirklich die Möglichkeit findet, aus jener Passivität des Verhältnisses zum Geistigen, in dem er heute so vielfach ist, herauszutreten und in ein aktives Verhältnis zum Geistigen zu kommen. Die Michael-Kräfte lassen sich nicht erringen — auch nicht durch das passive Gebet durch irgendeine Art von Passivität. Die Michael-Kräfte lassen sich einzig und allein dadurch erringen, daß der Mensch mit seinem liebevollen Willen sich zum Werkzeug für die göttlich-geistigen Kräfte macht. Denn die Michael-Kräfte wollen nicht, daß der Mensch zu ihnen fleht, sie wollen, daß der Mensch sich mit ihnen verbündet. Das kann der Mensch, wenn er mit innerer Energie die Lehren von der geistigen Welt aufnimmt.
[ 22 ] So können wir hindeuten auf dasjenige, was im Menschen eintreten muß, damit der Michael-Gedanke wieder lebendig werden kann. Der Mensch muß das Erlebnis des Geistigen wirklich haben können. Er muß dieses Erlebnis des Geistigen aus dem bloßen Gedanken, nicht etwa erst aus irgendeiner Hellsichtigkeit heraus, gewinnen können. Es wäre schlimm, wenn jeder Mensch hellsichtig werden müßte, um dieses Vertrauen zu dem Geist haben zu können. Dieses Vertrauen zu dem Geist kann ein jeder haben, der überhaupt nur Empfänglichkeit hat für die Lehren der Geisteswissenschaft. Durchdringt sich der Mensch immer mehr und mehr mit diesem Vertrauen für das Geistige, dann wird über ihn etwas kommen wie eine Inspiration, eine Inspiration, auf die eigentlich alle guten Geister der Welt warten. Der Mensch wird den Frühling erleben, so erleben, daß er die Schönheit, die Lieblichkeit der Pflanzenwelt empfindet, daß er seine innigste Freude über das sprießende, sprossende Leben hat, aber er wird zu gleicher Zeit ein Gefühl dafür bekommen, daß in allem sprießenden, sprossenden Leben elementarisch Geistiges verzaubert ist. Er wird ein Gefühl, einen Gemütsinhalt dafür bekommen, daß jeder Blütensproß ihm Zeuge wird für die Tatsache, daß in der blühenden Pflanze Wohnung nimmt ein verzaubertes Elementarwesen. Und der Mensch wird ein Gefühl dafür bekommen, wie in diesem Elementarwesen die Sehnsucht lebt, gerade durch ihn erlöst zu werden, nicht übergeben zu werden dem Drachen, dem es durch seine eigene Unsichtbarkeit ja verwandt ist. Der Mensch wird ein Gefühl dafür bekommen, wenn dann die Blumen im Herbste abwelken, daß es ihm gelungen ist, etwas beizutragen, damit die Welt in ihrer Geistigkeit wiederum ein Stückchen weiterkomme, und daß mit der abwelkenden und sich senkenden Blüte, mit der Blüte, die in den Samen übergeht, die hart und welk wird, ein Elementarwesen aus der Pflanze schlüpft. Entsprechend dem, wie sich der Mensch mit der starken Michael-Kraft durchdrungen hat, wird er es sein, der dieses elementarische Wesen nach aufwärts führt, in die Geistigkeit, nach der es strebt.
[ 23 ] Und der Mensch wird den Jahreslauf miterleben. Er wird den Frühling erleben wie die Geburt von Elementarwesen, die nach Geistigkeit streben, und er wird den Herbst erleben wie die Befreiung dieser Elementarwesen aus den abwelkenden Pflanzen, aus den abwelkenden Blüten und so weiter. Der Mensch wird nicht nur für sich allein als ein kosmischer Einsiedler im Herbste um ein halbes Jahr älter geworden sein, als er im Frühling war. Der Mensch wird zusammen mit der werdenden Natur dann um ein Stück des Lebens fortgeschritten sein. Der Mensch wird nicht bloß so und so oft den physischen Sauerstoff ein- und ausgeatmet haben, er wird teilgenommen haben an dem Werden der Natur, teilgenommen haben an der Verzauberung und Entzauberung von Geistwesen in der Natur. Der Mensch wird nicht nur sein Älterwerden empfinden, er wird die Verwandlung der Natur mit als sein Schicksal empfinden. Er wird zusammenwachsen mit dem, was draußen wächst, er wird größer werden in seinem Wesen, indem sich sein Individuelles als freies Wesen in das Kosmische hineinopfernd ergießen kann. Das wird dasjenige sein, was er beitragen kann zum günstigen Entscheid des Streites Michaels mit dem Drachen.
[ 24 ] Und so können wir darauf hinweisen, daß dasjenige, was zu einem Michael-Fest führen kann, ein menschliches Gemütsereignis sein muß, das Gemütsereignis, das in der angedeuteten Weise den Jahreslauf wiederum wirklich als ein Reales erlebt. Sagen Sie aber nicht, indem Sie diesen abstrakten Gedanken hinstellen vor Ihre Seele, Sie würden dieses erleben, sagen Sie das erst, wenn Sie tatsächlich Anthroposophie so aufgenommen haben, daß Anthroposophie Sie jede Pflanze, jeden Stein anders anschauen lehrt, als Sie vorher die Pflanze oder den Stein angeschaut haben, sagen Sie es auch erst, nachdem die Anthroposophie Sie gelehrt hat, das ganze Menschenleben in seinem Werden anders anzuschauen.
[ 25 ] Ich wollte Ihnen dadurch eine Art Blick geben auf dasjenige, was sich gerade im menschlichen Gemüt vorbereiten muß, damit dieses Menschengemüt geeignet werde, die Natur um sich herum zu empfinden wie die eigne Wesenheit. Notdürftig haben sich die Menschen noch bewahrt, sagen wir, ihren Blutkreislauf so zu erleben, daß sich in ihm zugleich ein Seelisches neben dem Materiellen abspielt. Wenn die Menschen nicht krasse Materialisten sind, haben sie sich das noch bewahrt. Aber den Pulsschlag des äußeren Daseins wie das Innere zu empfinden, den Jahreslauf wieder so mitzuerleben, wie man das Leben innerhalb seiner eigenen Haut erlebt, das ist das, was zum MichaelFest vorbereiten muß.
[ 26 ] Ich möchte, daß diese Vorträge — wie sie dazu bestimmt sind, die Beziehungen zwischen der Anthroposophie und dem menschlichen Gemüt vor die Seele zu rücken — auch wirklich nicht bloß aufgefaßt werden mit dem Kopfe, sondern daß sie gerade auch mit dem Gemüte aufgefaßt werden. Denn eigentlich ist alle Anthroposophie ziemlich vergeblich in der Welt und unter den Menschen, die nicht mit dem Gemüte aufgefaßt wird, die nicht Wärme hineinträgt in dieses menschliche Gemüt. Gescheitheit haben die letzten Jahrhunderte reichlich über die Menschen gebracht; im Denken sind die Menschen so weit fortgeschritten, daß sie schon gar nicht mehr wissen, wie gescheit sie sind. Das ist schon so. Gewiß glaubt mancher, die Menschen wären dumm in der Gegenwart. Es mag zwar zugegeben werden, daß es auch Dumme gibt, aber dies ist eigentlich nur aus dem Grunde, weil die Gescheitheit so groß geworden ist, daß die Menschen aus einer Schwäche ihres Gemütes heraus mit ihrer Gescheitheit nichts anzufangen wissen. Ich sage immer, wenn es von jemandem heißt, er wäre dumm: Da ist nichts anderes im Spiele, als daß der mit seiner Gescheitheit nichts anzufangen weiß. Ich habe schon vielen Verhandlungen zugehört, wo über den einen oder andern Redner deshalb gelacht worden ist, weil man ihn für dumm hielt, manchmal aber erschienen mir die, über die man am meisten lachte, wirklich als die Gescheitesten. Gescheitheit also haben die letzten Jahrhunderte den Menschen genug gebracht. Was sie aber heute brauchen, ist Wärme des Gemütes, und die kann die Anthroposophie geben. Wenn jemand Anthroposophie studiert und sagt, sie lasse ihn kalt, dann kommt er mir vor wie einer, der Holz in den Ofen legt und wieder Holz hineinlegt und dann sagt: Es wird ja ewig nicht warm. — Aber er sollte nur das Holz anzünden, dann wird es schon warm werden! Die Anthroposophie kann man vortragen, sie ist das gute Holz der Seele; aber anzünden kann es jeder nur selber. Das ist das, was jeder in seinem Gemüte finden muß: das Zündholz für die Anthroposophie. Wer die Anthroposophie kalt und nüchtern und intellektuell findet, dem fehlt nur die Möglichkeit, diese sehr brennende, sehr wärmende und das Gemüt durchseelende Anthroposophie anzuzünden, so daß sie ihn mit ihrem Feuer durchglühen kann. Und so wie man für das gewöhnliche Holz nur ein kleines Zündholz braucht, so braucht man auch für die Anthroposophie nur ein kleines Zündholz. Damit aber werden wir die Michael-Kraft im Menschen entzünden können.
