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Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten
GA 223

8 April 1923, Dornach

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Um die Betrachtung, die ich gestern hier angestellt habe über jenes Verhältnis, das sich in alten Zeiten unter dem Einfluß der Mysterien zwischen dem Menschen und dem Naturlauf ausgebildet hatte, auf einen noch weiteren Horizont zu bringen, will ich heute eingehen auf dasjenige, was in jenen alten Zeiten geglaubt worden ist in bezug auf alles, was man durch diesen Naturlauf als Mensch von dem Weltenall empfing. Sie haben ja aus dem gestrigen Vortrage entnehmen können — auch vielleicht in Erinnerung an manches, was ich über solche Dinge um die letzte Weihnachtszeit noch in dem uns nun entrissenen Goetheanum ausführen konnte —, daß der Jahreslauf in seinen Erscheinungen empfunden wurde, ja auch heute noch empfunden werden kann als ein Lebensablauf, als etwas, was in bezug auf den äußeren Verlauf ebenso der Ausdruck eines dahinterstehenden lebendigen Wesens ist, wie die Äußerungen des menschlichen Organismus solche Offenbarungen eines Wesens, der menschlichen Seele selber sind.

[ 2 ] Erinnern wir uns daran, wie die Menschen unter diesem alten Mysterieneinfluß zur Hochsommerzeit, zu der Zeit, die wit heute als die Johannizeit empfinden, ein gewisses Verhältnis zu ihrem Ich empfunden haben; zu demjenigen Ich aber, das sie dazumal noch nicht sich selbst ausschließlich zuschrieben, sondern das sie noch versetzten in den Schoß des Göttlich-Geistigen. Diese Menschen glaubten eben, daß sie durch alle diese Verrichtungen, die ich geschildert habe, sich während der Hochsommerzeit ihrem Ich näherten, das sich durch den übrigen Jahreslauf hindurch vor den Menschen verbirgt. Natürlich dachten sich die Menschen als ganzes Wesen überhaupt im Schoße des Göttlich-Geistigen befindlich. Allein sie dachten, während der übrigen Dreiviertel des Jahres offenbart sich ihnen nichts von dem, was zu ihnen als ihr Ich gehört; nur in diesem einen Viertel, das seinen Höhepunkt zur Johannizeit hatte, da offenbart sich ihnen gewissermaßen durch ein Fenster, das hereinerrichtet war aus der göttlich-geistigen Welt, die Wesenheit ihres eigenen Ich.

[ 3 ] Nun wurde aber diese Wesenheit des eigenen Ich innerhalb der göttlich-geistigen Welt, in der sie sich offenbarte, nicht in einem so neutralen, gleichgültigen, ja, man kann schon sagen phlegmatischen Erkenntniswege gedacht, wie das heute der Fall ist. Wenn heute von dem Ich gesprochen wird, so denkt ja der Mensch eigentlich dabei kaum irgendwelche wirkliche Beziehung zu dieser oder jener Welt. Er denkt sich das Ich gewissermaßen als einen Punkt, von dem ausstrahlt, was er tut, in den einstrahlt, was er erkennt. Aber es ist durchaus eine Art phlegmatischer Empfindung, die der Mensch heute gegenüber seinem Ich hat. Man kann nicht einmal sagen, daß der heutige Mensch in seinem Ich, trotzdem dieses ja das Ego ist, den eigentlichen Egoismus empfindet; denn wenn er ehrlich sein will, kann er sich ja gar nicht sagen, er habe sein Ich besonders gern. Er hat seinen Leib gern, er hat seine Instinkte gern, er hat diese oder jene Erlebnisse gern, Aber das Ich ist ja nur ein Wörtchen, das als Punkt empfunden wird, und in dem eben all das Angedeutete so mehr oder weniger zusammengefaßt wird. Aber in jener Zeit, in der die Annäherung an dieses Ich festlich begangen wurde, in der man schon lange Vorbereitungen machte, um gewissermaßen sein Ich im Weltenall zu treffen, in der Zeit, in der man dann wiederum empfand, wie dieses Ich sich allmählich zurückzog und den Menschen mit seinem leiblich-seelischen Wesen — was wir heute nennen würden physisch-ätherisch-astralisches Wesen — allein ließ, in jener Zeit empfand man das Ich wirklich in Beziehung zu dem ganzen Kosmos, zu der ganzen Welt.

[ 4 ] Aber was man vor allen Dingen empfand gegenüber diesem Ich in seinem Verhältnis zur Welt, das war nicht etwas Naturalistisches, wenn wir das heutige Wort gebrauchen, das war nicht etwas, was nur als äußere Erscheinung aufgefaßt wurde, sondern es war etwas, was im wesentlichen als der Mittelpunkt der alten, der uralten moralischen Weltanschauung galt. Man nahm nicht an, daß dem Menschen große Naturgeheimnisse geoffenbart wurden in dieser Zeit. Gewiß, solche Naturgeheimnisse — wir haben sie gestern ausgesprochen —, auf die achtete der Mensch nicht in allererster Linie damals, sondern er hatte die Empfindung, daß vor allen Dingen dasjenige, was er als moralische Impulse in sich aufnehmen soll, sich in dieser Hochsommerzeit offenbart, in der Licht und Wärme ihren höchsten Stand erreichen. Es war die Zeit, die der Mensch empfand als die göttlich-moralische Erleuchtung. Und was man vor allen Dingen als Antwort von den Himmeln erhalten wollte durch die musikalischen, poetischen, tänzerischen Aufführungen, die damals gepflegt wurden, was man erwartete, das war, daß sich offenbarte aus den Himmeln in allem Ernste dasjenige, was die Himmel in moralischer Beziehung von den Menschen verlangten.

[ 5 ] Wenn es sich einmal zutrug, daß alle diese Verrichtungen gepflogen wurden, die ich gestern beschrieben habe, daß in schwüler Sommerzeit diese Feste gefeiert wurden und dann ein mächtiges Gewitter hereinbrach mit Blitz und Donner, dann fühlte man gerade in dem Hereinbrechen von Blitz und Donner die moralische Ermahnung der Himmel an die Erdenmenschheit. Aus diesen alten Zeiten ist zurückgeblieben, was sich etwa in der Anschauung über den Zeus findet, daß er der Donnergott ist, der Gott, der mit dem Blitze ausgestattet ist. Ähnliches knüpft sich an den deutschen Donar-Gott an. Das auf der einen Seite, und auf der andern Seite das Folgende.

[ 6 ] Man empfand ja da, ich möchte sagen, die in sich gesättigte, warme, leuchtende Natur, man empfand dasjenige, was leuchtende, wärmende Natur während des Tages war, auch in die Nachtzeit hinein und man machte nur den Unterschied, daß man sich sagte: Während des Tages ist die Luft angefüllt mit dem Wärmeelemente, mit dem Lichtelemente. Da weben und leben im Wärme- und im Lichtelemente die geistigen Boten, durch die sich die höheren göttlichen Wesenheiten den Menschen kundgeben wollen, sie ausstatten wollen mit moralischen Impulsen. Aber des Nachts, wenn sich zurückziehen die höheren geistigen Wesenheiten, dann bleiben die Boten und offenbaren sich auf ihre Weise. — Und so empfand man besonders zu dieser Hochsommerzeit das Walten und Weben der Natur in den Sommernächten, in den Sommerabenden. Und was man da erlebte, war einem etwas wie ein in der Wirklichkeit erlebter Sommertraum, ein Sommertraum, durch den man sich der göttlich-geistigen Welt besonders genähert hatte; ein Sommertraum, von dem man überzeugt war, daß da alles, was Naturerscheinung war, zu gleicher Zeit moralische Sprache der Götter war, daß da aber auch allerlei Elementarwesen wirkten und sich auf ihre Art den Menschen zeigten.

[ 7 ] Alles, was die Ausschmückung des Sommernachtstraumes, des Johanninachtstraumes ist, das ist dasjenige, was später geblieben ist von den wunderbaren Ausgestaltungen, welche die menschliche Imagination einmal vollzog für alles das, was geistig-seelisch diese Hochsommerzeit durchzog, was aber im großen und kleinen genommen wurde als eine geistig-göttlich-moralische Offenbarung des Kosmos an die Menschen. Und so dürfen wir sagen, daß die Vorstellung, die da zugrunde lag, diese war: In der Hochsommerzeit offenbarte sich die göttlich-geistige Welt durch moralische Impulse, die den Menschen eingepflanzt wurden in Erleuchtung (siehe Schema Seite 76). Und was man da ganz besonders empfand, was da wirkte auf die Menschen, das empfand man als ein, ich möchte sagen, Übermenschliches, das hereinspielte in die menschliche Ordnung. Der Mensch wußte aus dem Mitempfinden dieser Festlichkeiten, die da gefeiert wurden, daß er, so wie er nun einmal in jener Zeit war, über sich selber hinausgehoben wurde ins Übermenschliche, daß gewissermaßen die Gottheit die ihr von dem Menschen zu dieser Zeit entgegengestreckte Hand nahm. Alles, was man glaubte göttlich-geistig zu haben, das schrieb man den Offenbarungen dieser Johannizeit zu.

[ 8 ] Wenn nun der Sommer zu Ende ging und die Herbsteszeit heraufkam, wenn die Blätter welk wurden, die Saaten reiften, wenn also das volle strotzende Leben des Sommers bleichte, die Bäume kahl wurden, dann empfand man, weil überall in diese Empfindungen hineingeströmt wurden die Erkenntnisse der Mysterien: Die göttlich-geistige Welt zieht sich wiederum von dem Menschen zurück. Er spürt, wie er auf sich selbst zurückgewiesen wird; er wächst gewissermaßen aus dem Geistigen heraus in die Natur hinein. — So empfand der Mensch dieses Hineinleben in den Herbst als ein Herausleben aus dem Geistigen, als ein Hineinleben in die Natur. Die Blätter der Bäume mineralisierten sich, die Saaten wurden dürr, mineralisierten sich. Alles neigte sich gewissermaßen nach dem Jahrestode der Natur hin.

[ 9 ] In diesem Verwobensein mit dem Mineralischwerden dessen, was auf Erden war und die Erde umgab, empfand man ein Verwobenwerden des Menschen selber mit der Natur. Der Mensch stand dazumal in seinem inneren Erleben noch näher dem, was sich äußerlich zutrug. Und so dachte er auch, sann er auch in dem Sinne, wie er dieses Verwobenwerden mit der Natur erlebte. Sein ganzes Denken nahm diesen Charakter an. Würden wir heute in unserer Sprache das ausdrücken wollen, was da der Mensch empfand, wenn der Herbst kam, so müßten wir folgendes sagen. Ich bitte Sie aber, die Sache so aufzufassen, daß ich mit heutigen Worten spreche, daß man also dazumal natürlich nicht in der Lage gewesen wäre, so zu sprechen. Dazumal war ja alles durchaus Empfindung, man charakterisierte die Dinge ja nicht denkend. Wenn man aber in heutigen Worten, in unseren Worten sprechen wollte, so müßte man sagen: Der Mensch empfand diesen Übergang so, daß er mit seiner Denkrichtung, mit seiner Empfindungsart den Übergang fand vom Geisteserkennen zum Naturerkennen (siehe Schema Seite 76). Das empfand der Mensch, daß er gegen den Herbst zu nicht mehr im Geist-Erkennen war, sondern daß der Herbst von ihm verlangte, daß er die Natur erkennen sollte. So daß wir bei der Herbstwende nicht mehr die moralischen Impulse haben, sondern das Erkennen der Natur. Der Mensch fing an, über die Natur nachzudenken.

[ 10 ] So war es auch in der Zeit, als man damit rechnete, daß der Mensch ein Geschöpf, ein Wesen innerhalb des Kosmos war. In jener Zeit hätte man es als einen Unsinn betrachtet, im Sommer Naturerkennen in der damaligen Form an den Menschen heranzubringen. Der Sommer ist da, um den Menschen in Beziehung zum Geistigen der Welt zu bringen. Wenn die Zeit begann, die wir heute die Michaelizeit nennen würden, da war es, daß man sagte: Aus alledem, was der Mensch um sich herum empfindet in den Wäldern, in den Bäumen, in den Pflanzen, da wird er angeregt, Naturerkenntnis zu treiben. — Es war überhaupt die Zeit, in welcher die Menschen dazu kommen sollten, Erkenntnis, Nachdenklichkeit zu ihrer Beschäftigung zu machen. Es war ja auch die Zeit, wo das die äußeren Lebensverhältnisse möglich machten. Also es ging über das menschliche Leben von der Erleuchtung in das Erkennen. Es war die Zeit der Erkenntnis, der immer sich steigernden Erkenntnis.

[ 11 ] Wenn die Mysterienschüler ihren Unterricht empfingen von den Mysterienlehrern, dann gaben ihnen diese solche Sprüche mit, wie wir sie dann in den Sprüchen der griechischen Weisen irgendwie wieder nachgebildet finden. Aber es sind diese sieben Sprüche der sieben griechischen Weisen nicht die der ursprünglichen Mysterien. In den ursprünglichen Mysterien gab es für den Hochsommer den Spruch:

Empfange das Licht

[ 12 ] und man bezeichnete mit dem Lichte eigentlich die geistige Weisheit. Man bezeichnete dasjenige, innerhalb dessen das eigene menschliche Ich strahlte.

[ 13 ] Für den Herbst wurde der Spruch geprägt in den Mysterien, um zu ermahnen zu dem, was getrieben werden sollte von den Seelen:

Schaue um dich.

[ 14 ] Nun näherte sich dann die Entwickelung des Jahres und damit auch dasjenige, was der Mensch in sich selber von sich verbunden mit diesem Jahre fühlte, es näherte sich das der Winterzeit. Wir kommen in den Tiefwinter hinein, der unsere Weihnachtszeit enthält. Ebenso wie sich der Mensch in der Hochsommerzeit über sich hinausgehoben fühlte zu dem göttlich-geistigen Dasein des Kosmos, so fühlte sich der Mensch in der Tiefwinterzeit wie unter sich herunterentwickelt. Er fühlte sich gewissermaßen wie von den Kräften der Erde umspült, von den Kräften der Erde mitgenommen. Er fühlte so etwas, wie wenn seine Willensnatur, seine Instinkt- und Triebnatur durchsetzt und dutchströmt wäre von Schwerkraft, von Zerstörungskraft und andern Kräften, die in der Erde sind. Der Mensch fühlte den Winter nicht so in diesen alten Zeiten, wie wir ihn fühlen, daß uns bloß kalt wird und daß wir zum Beispiel Stiefel anziehen, damit uns nicht kalt wird, sondern der Mensch fühlte das, was von der Erde heraufkam, als etwas, was sich jetzt mit seinem eigenen Wesen vereinigte. Er fühlte sozusagen den Gegensatz des schwülen, des lichtvollen Elementes als ein frostiges Element, das heraufkam. Das Frostige, das fühlen wir ja auch noch heute, denn das bezieht sich auf die Körperlichkeit, aber der alte Mensch fühlte seelisch als Begleiterscheinung des Frostigen das Dunkle, das Finstere. Er fühlte gewissermaßen, als ob sich überall, wo er ging, aus der Erde heraus das Finstere höbe und ihn wolkenförmig einschlösse, nur bis zu seiner Körpermitte herauf allerdings, aber so fühlte der Mensch. Und dann sagte er sich — ich muß das wiederum mit etwas neueren Worten charakterisieren —, dann sagte sich der Mensch: Während des Hochsommers stehe ich der Erleuchtung gegenüber, da strömt in diese Erdenwelt herein, was himmlischüberirdisch ist, jetzt strömt das Irdische herauf.

[ 15 ] Aber etwas vom Irdischen hat der Mensch schon während der Herbstwende erlebt und empfunden. Da hat er aber von der Erdennatur etwas erlebt und empfunden, was ihm gewissermaßen noch konform war, was noch etwas mit ihm zu tun hatte. Wir könnten etwa auch sagen: Der Mensch fühlte in der Herbstwende das Natürliche in seinem Gemüte, in seiner Gefühlswelt. Jetzt aber fühlte er, wie wenn die Erde ihn in Anspruch nähme, wie wenn er umgarnt würde von den Kräften der Erde in bezug auf seine Willensnatur. Das fühlte er wie das Gegenteil der moralischen Weltordnung. Er fühlte zugleich mit dieser Schwärze, die ihn wolkenförmig einhüllte, die Gegenkräfte gegen das Moralische ihn umgarnen. Er fühlte die Finsternis schlangenförmig aus der Erde aufsteigen und ihn umwinden. Aber er fühlte zu gleicher Zeit mit diesem noch etwas anderes. Schon während des Herbstes hatte er gefühlt, daß sich etwas regt, was wir heute Verstand nennen. Während im Sommer der Verstand ausdünstet und von außen herein das Moralisch-Weisheitsvolle kommt, konsolidiert sich während des Herbstes der Verstand. Der Mensch nähert sich dem Bösen, aber sein Verstand konsolidiert sich. Man hat durchaus etwas wie eine Schlangenoffenbarung gefühlt in der Tiefwinterzeit, aber zugleich das Konsolidieren, das Stärkerwerden der Klugheit, des Nachdenklichen, dessen, was den Menschen schlau und listig machte, was ihn dazu anspornte, die Nützlichkeitsprinzipien im Leben zu verfolgen. Das alles empfand man in dieser Weise. Und so wie im Herbste allmählich die Erkenntnis der Natur heraufkam, so kam in der Tiefwinterzeit heran an die Menschen die Versuchung der Hölle, die Versuchung von seiten des Bösen. So empfand man das. So daß, wenn wir hier schreiben (siehe Schema Seite 76): Moralischer Impuls, Erkennen der Natur —, wir nun hier, bei Tiefwinter, schreiben müssen: Versuchung durch das Böse.

[ 16 ] Und das war eben die Zeit, in der der Mensch entwickeln mußte, was sich in ihm ja ohnedies naturhaft zusammenschloß: das Verstandesmäßige, das Schlaue, das Listige, das auf das Nützliche Gerichtete. Das sollte der Mensch bezwingen durch die Besonnenheit. Es war die Zeit eben, in der der Mensch entwickeln mußte nun nicht den offenen Sinn für die Weisheit, den man von ihm im Sinne der alten Mysterienweisheit verlangte während der Zeit der Erleuchtung. Gerade in der Zeit, in der sich das Böse in der angedeuteten Weise offenbarte, konnte der Mensch den Widerstand gegen das Böse in entsprechender Weise empfinden: er sollte besonnen werden. Er sollte vor allen Dingen jetzt bei dieser Wendung, die er da durchmachte, während er von der Erleuchtung zum Erkennen übergegangen war, eben vom Geisteserkennen zum Naturerkennen, jetzt übergehen vom Naturerkennen zur Anschauung des Bösen. So faßte man das auf. Und den Schülern der Mysterien, denen man Lehren geben wollte, die ihnen Geleitworte sein konnten, wie man ihnen im Hochsommer sagte: Empfange das Licht —, wie man ihnen im Herbst sagte: Schaue um dich —, ihnen sagte man im Tiefwinter: Hüte dich vor dem Bösen.

[ 17 ] Und man rechnete darauf, daß durch diese Besonnenheit, durch dieses Sich-Hüten vor dem Bösen die Menschen zu einer Art von Selbsterkenntnis kommen, die sie dann dazu führt, einzusehen, wie sie im Jahreslaufe abgewichen waren von den moralischen Impulsen.

[ 18 ] Das Abweichen von den moralischen Impulsen durch das Anschauen des Bösen, seine Überwindung durch die Besonnenheit, das sollte den Menschen gerade in der Zeit, die auf die 'Tiefwinterzeit folgte, zum Bewußtsein kommen. Deshalb wurde in diese Weisheit allerlei aufgenommen, was die Menschen anleitete, Buße zu tun für dasjenige, wovon sie eingesehen hatten, daß es abweichend war von dem, was sie an moralischen Impulsen durch die Erleuchtung bekommen hatten.

[ 19 ] Wir nähern uns dem Frühling, der Frühlingswende. Und ebenso wie wir hier (siehe Schema Seite 76: Hochsommer, Herbst, Tiefwinter) die Erleuchtung haben, das Erkennen, die Besonnenheit, so haben wir für die Frühlingswende dasjenige, was empfunden wurde als Bußetätigkeit. Und an die Stelle des Erkennens, beziehungsweise der Versuchung durch das Böse, trat jetzt etwas, was man nennen konnte die Umkehr, die Wiederhinwendung zu seiner höheren Natur durch die Buße. Haben wir hier geschrieben: Erleuchtung, Erkennen, Besonnenheit —, so müssen wir hier schreiben: Umkehr zur menschlichen Natur.

[ 20 ] Wenn Sie noch einmal zurückblicken zu dem, was in der Tiefwinterzeit die Zeit der Versuchung durch das Böse war, so werden Sie sagen müssen: Da fühlte sich eben der Mensch wie versenkt in die Klüfte der Erde. Er fühlte sich umgarnt von der Erdenfinsternis. Da war es, wo gerade so, wie er gewissermaßen während der Hochsommerzeit aus sich herausgerissen war, wie sein Seelisches über ihn selbst erhoben wurde, wo sich jetzt innerlich, um nicht umgarnt zu werden von dem Bösen während der Tiefwinterzeit, das Seelische frei machte. Dadurch war während der Tiefwinterzeit, ich möchte sagen, ein Gegenbild da zu dem, was in der Hochsommerzeit da war.

[ 21 ] In der Hochsommerzeit sprachen die Naturerscheinungen auf geistige Art. Man suchte in Blitz und Donner insbesondere die Sprache der Himmel. Man blickte auf die Naturerscheinungen hin, aber man suchte in den Naturerscheinungen geistige Sprache. Selbst in den Kleinigkeiten suchte man in der Johannizeit die geistige Sprache der Elementarwesen, aber außerhalb. Man träumte gewissermaßen außerhalb des Menschen.

[ 22 ] In der Tiefwinterzeit nun versenkte man sich in sich und träumte innerhalb des Menschen. Indem man sich losriß von der Umgarnung der Erde, träumte man innerhalb des Menschen, wenn man sein Seelisches losreißen konnte. Und von diesem ist geblieben dasjenige, was sich knüpft an die Schauungen, an das innere Schauen der dreizehn Nächte nach der Wintersonnenwendezeit. Es sind überall an diese alten Zeiten Erinnerungen zurückgeblieben. Sie können geradezu das norwegische Olaf-Lied als eine spätere Ausbildung dessen ansehen, was in alten Zeiten in ganz besonderem Maße vorhanden war.

[ 23 ] Dann nahte die Frühlingszeit. Heute hat sich die Sache etwas verschoben; die Frühlingszeit war damals mehr gegen den Winter zugeneigt. Überhaupt wurde das Ganze angesehen als in drei Jahresperioden gelegt. Es wurden auch die Dinge zusammengeschoben, aber dennoch, das, was ich Ihnen hier mitteile, wurde wiederum gelehrt. So wie man zur Hochsommerzeit sagte: Empfange das Licht —, zur Herbsteszeit, zur Michaelizeit: Schaue um dich —, so wie man in der Tiefwinterzeit, in derjenigen Zeit, wo wir das Weihnachtsfest haben, sagte: Hüte dich vor dem Bösen —, so hatte man für die Zeit der Umkehr einen Spruch, der nur für diese Zeit dazumal als wirksam gedacht worden ist:

Erkenne dich selbst

[ 24 ] gerade gegenübergestellt dem Erkennen der Natur.

[ 25 ] Hüte dich vor dem Bösen — könnte man auch so aussprechen: Hüte dich, zucke zurück vor dem Erdendunkel. — Aber das hat man nicht gesagt. Während man zur Hochsommerzeit die äußere Naturerscheinung des Lichtes für die Weisheit nahm, also zur Hochsommerzeit gewissermaßen auf naturhafte Weise sprach, so würde man den Spruch zur Winterzeit nicht hineingegossen haben in den Satz: Hüte dich vor der Finsternis —, sondern da sprach man die moralische Deutung aus: Hüte dich vor dem Bösen.

[ 26 ] Überall sind dann die Anklänge an diese Feste geblieben, soweit man die Dinge verstanden hat. Natürlich ist alles anders geworden, als das große Ereignis von Golgatha eintrat. In die Zeit der tiefsten Menschenversuchung, in die Winterzeit hinein fiel die Geburt Jesu. Die Geburt Jesu fiel in die Zeit, in der der Mensch eben umklammert war von den Erdenmächten, gewissermaßen hinunterversenkt war in die Erdenklüfte. Sie finden unter den Sagen, die sich anschließen an die Geburt Jesu, auch eine, welche davon spricht, daß Jesus in einer Höhle zur Welt gekommen sei, womit eben hingedeutet wird auf etwas, was als Weisheit in den allerältesten Mysterien empfunden wurde: daß der Mensch da dasjenige, was er zu suchen hat, finden könne trotz seiner Umklammerung von dem Irdisch-Finsteren, das zugleich die Gründe enthält, warum der Mensch dem Bösen verfallen kann. Und ein Anklang an all das ist dann, daß in die Zeit, wo der Frühling herannaht, die Bußezeit gelegt wird.

[ 27 ] Für das Hochsommerfest ist natürlich das Verständnis noch mehr geschwunden als für die andere Seite des Jahreslaufes. Denn je mehr der Materialismus über die Menschheit hereinbrach, desto weniger fühlte man sich hingezogen zur Erleuchtung oder dergleichen. Und was für die gegenwärtige Menschheit von ganz besonderer Wichtigkeit ist, das ist eben diejenige Zeit, die von der Erleuchtung, die zunächst den Menschen noch unbewußt bleibt, hinführt gegen die Herbsteszeit hin. Da liegt der Punkt, wo der Mensch, der ja in das Naturerkennen hinein muß, im Naturerkennen das Abbild eines Gottgeist-Erkennens erfassen soll. Dafür gibt es kein besseres Erinnerungsfest als das Michaeli-Fest. Von diesem muß ausgehen, wenn es in der richtigen Weise gefeiert wird, die allmenschliche Erfassung der Frage: Wie wird in dem gloriosen Naturerkennen der Gegenwart die GeistErkenntnis gefunden, wie metamorphosiert man die Naturerkenntnisse so, daß aus dem, was der Mensch als Naturerkenntnisse hat, ihm die Geist-Erkenntnis wird? — Wie wird, mit andern Worten, dasjenige besiegt, was, wenn es in sich verläuft, den Menschen mit dem Untermenschlichen umgarnen müßte?

[ 28 ] Eine Wendung muß eintreten. Das Michaeli-Fest muß einen bestimmten Sinn bekommen. Der Sinn ergibt sich dann, wenn man das Folgende empfinden kann: Die Naturwissenschaft hat den Menschen dazu geführt, die eine Seite der Weltentwickelung zu erkennen, zum Beispiel, daß sich aus niederen tierischen Organismen höhere, vollkommenere und so weiter bis herauf zum Menschen ergeben haben im Laufe der Zeit, oder daß der Mensch während der Keimesentwickelung im Mutterleibe die Tierformen nacheinander durchmacht. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere Seite ist die, welche vor unsere Seele tritt, wenn wir uns sagen: Der Mensch hat sich aus seiner ursprünglich göttlich-menschlichen Anlage herausentwickeln müssen. Wenn dieses (siehe Zeichnung) die ursprüngliche menschliche Anlage ist (hell schraffiert), so hat sich herausentwickeln müssen der Mensch zu seiner heutigen Entfaltung. Er hat nach und nach von sich abstoßen müssen zuerst die niederen Tiere, dann immer weiter und weiter alles das, was an Tierformen da ist. Das hat er überwunden, von sich herausgesetzt, abgestoßen (dunkel schraffiert). Dadurch ist er zu seiner ursprünglichen Bestimmung gekommen. Ebenso ist es bei seiner Embryonalentwickelung. Der Mensch stößt nach und nach alles ab, was er nicht sein soll. Dadurch aber bekommen wir den eigentlichen Sinn der heutigen Naturerkenntnis nicht. Was ist der Sinn der heutigen Naturerkenntnis? Der liegt in dem Satze: Du schaust in dem, was dir Naturerkenntnis zeigt, dasjenige, was du von der Menschenerkenntnis ausschließen mußt. — Was heißt das? Das heißt: Der Mensch muß heute Naturwissenschaft studieren. Warum? Wenn er in das Mikroskop hineinsieht, so weiß er, was nicht Geist ist. Wenn er durch das Teleskop in die Ferne des Weltenraumes sieht, so offenbart sich ihm dasjenige, was nicht Geist ist. Wenn er auf eine andere Weise im physikalisch-chemischen Laboratorium experimentiert, offenbart sich ihm, was nicht Geist ist. In seiner reinen Gestalt offenbart sich ihm alles, was nicht Geist ist.

[ 29 ] In alten Zeiten haben die Menschen, wenn sie angeschaut haben, was heute Natur ist, noch den Geist durchscheinen gesehen. Heute müssen wir die Natur erkennen, um eben sagen zu können: Das alles ist nicht Geist, das ist Winterweisheit. Und alles, was Sommerweisheit ist, das muß andere Gestalt haben. — Damit der Mensch den Stoß bekommt, den Impuls bekommt zum Geist, muß er das Ungeistige, das Widergeistige erkennen. Und einsehen muß man solche Dinge, die heute noch kein Mensch zugibt. Heute sagt zum Beispiel jeder: Nun ja, wenn ich irgendein kleines Lebewesen habe, das man mit freiem Auge nicht sieht, so lege ich es unter das Mikroskop; da vergrößert es sich mir, dann sehe ich es. — Ja, aber man wird einsehen müssen: Diese Größe ist ja verlogen; ich dehne das Lebewesen aus, ich habe es nicht mehr, ich habe ein Gespenst. Das ist nicht mehr Wirklichkeit, was ich da sehe. Ich habe eine Lüge an die Stelle der Wahrheit gesetzt! — Es ist natürlich für die heutige Anschauung Wahnsinn, aber es ist gerade die Wahrheit. Wenn man einsehen wird, daß man Naturwissenschaft braucht, damit man an diesem Gegenbilde der Wahrheit den Stoß bekommt zur Wahrheit hin, dann wird die Kraft entwickelt sein, die symbolisch angedeutet werden kann in der Überwindung des Drachen durch den Michael.

[ 30 ] Aber dazu gehört etwas, was nun eigentlich auch schon, ich möchte sagen, auf geistige Art in den Annalen steht, aber es steht so, daß dann, als man keine rechte Ahnung mehr hatte von dem, was im Jahreslauf lebt, man die Sache auf den Menschen bezog. Da setzte man auf dasjenige, was zur Erleuchtung hinführt, den Begriff der Weisheit; da setzte man auf dasjenige, was hinführt zum Erkennen, den Begriff des Mutes; bei der Besonnenheit blieb es (siehe Schema Seite 76), und auf das, was der Buße entsprach, setzte man den Begriff der Gerechtigkeit. Hier haben Sie die vier platonischen Tugendbegriffe: Weisheit, Mut, Besonnenheit, Gerechtigkeit. Es wurde in den Menschen hineingenommen, was der Mensch vorher aus dem Leben des Jahreslaufes empfing. Das aber wird beim Michael-Fest ganz besonders in Betracht kommen: daß das wird sein müssen ein Fest zu Ehren des menschlichen Mutes, der menschlichen Offenbarung des Michael-Mutes. Denn was ist es, was heute den Menschen von der Geist-Erkenntnis zurückhält? Seelische Mutlosigkeit, um nicht zu sagen seelische Feigheit. Der Mensch will passiv alles empfangen, will sich hinsetzen vor die Welt wie vor ein Kino und will sich alles sagen lassen durch das Mikroskop und Teleskop. Er will nicht in Aktivität härten das Instrument des eigenen Geistes, der eigenen Seele. Er will nicht Michael-Nachfolger sein. Dazu gehört innerer Mut. Dieser innere Mut, der muß sein Fest bekommen in dem Michael-Fest. Dann wird von dem Fest des Mutes, von dem Fest der inneren mutigen Menschenseele ausstrahlen, was auch den andern Festeszeiten des Jahres rechten Inhalt geben wird.

[ 31 ] Ja, wir müssen sogar den Weg fortsetzen: wir müssen hereinnehmen in die menschliche Natur das, was früher draußen war. So steht es heute nicht mehr mit dem Menschen, daß er nut im Herbste das Erkennen der Natur und so weiter entwickeln könnte. Es steht schon so, daß im Menschen die Dinge heute ineinanderliegen, denn nur dadurch kann er seine Freiheit entfalten. Aber dabei bleibt es doch richtig, daß, ich möchte sagen, in einem verwandelten Sinne das Feste-Feiern wiederum notwendig wird. Waren die Feste ehemals Feste des Gebens des Göttlichen an die Irdischen, empfing der Mensch ehemals unmittelbar die Gaben der himmlischen Mächte bei den Festen, so besteht heute, wo er in sich die Fähigkeiten hat, die Metamorphosierung des Festgedankens darin, daß es Feste der Erinnerungen sind. So daß sich der Mensch in die Seele schreibt dasjenige, was er in sich vollbringen soll.

[ 32 ] Und da wird es wiederum am besten sein, als das stärkstwirkende Fest der Erinnerung, dieses Fest, das den Herbst beginnt, das MichaelFest zu haben, denn da spricht zu gleicher Zeit die ganze Natur eine bedeutsame kosmische Sprache. Die Bäume werden kahl, die Blätter verwelken, die Tiere, die den Sommer hindurch als Schmetterlinge die Luft durchflatterten, als Käfer die Luft durchsurrten, ziehen sich zurück. Viele Tiere verfallen in den Winterschlaf. Alles lähmt sich ab. Die Natur, die durch ihre eigene Wirksamkeit dem Menschen geholfen hat durch Frühling und Sommer, die Natur, die im Menschen gewirkt hat durch Frühling und Sommer, zieht sich zurück. Der Mensch ist auf sich zurückgewiesen. Was jetzt erwachen muß, wo die Natur einen verläßt, das ist der Seelenmut. Wiederum werden wir hingewiesen, wie es ein Fest des Seelenmutes, der Seelenkraft, der Seelenaktivität sein muß, was wir als Michael-Fest auffassen können.

[ 33 ] Das ist es, was allmählich dem Festesgedanken einen Erinnerungscharakter geben wird, der aber schon angedeutet worden ist mit einem monumentalen Worte, mit welchem darauf hingewiesen wurde, daß in aller Zukunft dasjenige, was vorher Feste der Gaben waren, Erinnerungsfeste werden oder werden sollen. Dieses monumentale Wort, das das Fundament für alle Festgedanken sein muß, also auch derjenigen, die wieder entstehen werden, dieses monumentale Wort ist: «Dieses tut zu meinem Angedenken.» Da ist der Gedanke des Festes nach der Erinnerungsseite hingewendet.

[ 34 ] So wie das andere, was im Christus-Impuls liegt, lebendig fortwirken muß, sich gestalten muß, nicht bloß totes Produkt bleiben darf, zu dem man zurückschaut, so muß auch dieser Gedanke empfindungs- und gedankenzeugend weiterwirken, und man muß verstehen, daß die Feste bleiben müssen, trotzdem der Mensch sich ändert, und daß daher auch die Feste Metamorphosen durchmachen müssen. Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt