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Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten
GA 223

7 April 1923, Dornach

Vierter Vortrag

[ 1 ] In der letzten Zeit habe ich oftmals hinweisen müssen auf den Zusammenhang des Jahreslaufes mit irgendwelchen menschlichen Verhältnissen, und ich habe ja während der Ostertage hingewiesen auf den Zusammenhang des Jahreslaufes mit der Begehung menschlicher Feste. Ich möchte heute in sehr alte Zeiten zurückgehen, um gerade im Zusammenhange mit dem Mysterienwesen der Menschheit in alten Zeiten etwas über diesen Zusammenhang des Jahreslaufes mit menschlichen Festen noch zu sagen, das vielleicht dasjenige, was wir schon besprochen haben, nach der einen oder andern Seite noch vertiefen kann.

[ 2 ] Die Festlichkeiten während des Jahres bedeuteten den Menschen sehr alter Erdenzeiten eigentlich ein Stück von ihrem ganzen Leben. Wir wissen, daß in diesen alten Zeiten das menschliche Bewußtsein in ganz anderer Weise wirkte als später. Man möchte diesem alten Bewußtsein etwas Träumetisches zuschreiben. Und aus diesem Träumerischen sind ja diejenigen Erkenntnisse des menschlichen Bewußtseins, der menschlichen Seele hervorgegangen, die dann die Mythenform angenommen haben, die auch zur Mythologie selber wurden. Durch dieses mehr träumerische, man kann auch sagen, instinktiv-hellseherische Bewußtsein schauten die Menschen tiefer hinein in dasjenige, was geistig in der Umgebung des Menschen ist. Aber gerade dadurch, daß die Menschen auf diese Art intensiv teilnahmen nicht nur an dem Sinnenwirken der Natur, wie das heute der Fall ist, sondern an den geistigen Geschehnissen, gerade dadurch waren die Menschen auch mehr hingegeben an die Erscheinungen des Jahreslaufes, an die Verschiedenheit des Wirkens in der Natur im Frühling und im Herbste. Ich habe auch darauf gerade in der letzten Zeit hingewiesen.

[ 3 ] Heute aber will ich Ihnen einiges andere darüber mitteilen: wie namentlich das Hochsommerfest, das dann zu unserem Johannifeste geworden ist, und das Tiefwinterfest, das zu unserem Weihnachtsfest geworden ist, im Zusammenhange mit den alten Mysterienlehren begangen wurden. Da müssen wir allerdings uns klarmachen, daß jene Menschheit, von der wir für ältere Erdenzeiten sprechen, nicht in derselben Weise zu einem vollen Ich-Bewußtsein kam, wie wir das heute tun. Im traumhaften Bewußtsein liegt nicht ein volles Ich-Bewußtsein; und wenn kein volles Ich-Bewußtsein da ist, nehmen die Menschen auch nicht dasjenige wahr, worauf gerade die Menschheit der heutigen Zeit so stolz ist. Die Menschen jener Zeit nahmen nicht wahr, was in der toten Natur, in der mineralischen Natur lebte.

[ 4 ] Halten wir das durchaus fest: Das Bewußtsein war ein solches, das nicht in abstrakten Gedanken verlief, das in Bildern lebte, aber es war traumhaft. Dadurch lebten sich die Menschen viel mehr ein, als das jetzt der Fall ist, sagen wir im Frühling in das sprießende, sprossende Pflanzenleben und Pflanzenwesen. Wiederum fühlten sie, könnte man sagen, das Entblättern im Herbste, das Welkwerden der Blätter, das ganze Hinsterben der pflanzlichen Welt, fühlten auch tief mit die Veränderungen, welche die Tierwelt im Laufe des Jahres durchmachte, fühlten die ganze menschliche Umgebung anders, wenn die Luft von Schmetterlingen durchflattert, von Käfern durchsurrt wurde. Sie fühlten gewissermaßen ihr eigenes menschliches Weben zusammen mit dem Weben und Wesen des pflanzlich-tierischen Daseins. Aber sie hatten nicht nur kein Interesse, sondern auch kein rechtes Bewußtsein von dem Mineralischen, von dem Toten draußen. Das ist die eine Seite dieses alten menschlichen Bewußtseins.

[ 5 ] Die andere Seite ist diese, daß auch kein Interesse vorhanden war bei dieser alten Menschheit für die Gestalt des Menschen im allgemeinen. Es ist das heute sogar recht schwierig vorzustellen, wie nach dieser Richtung hin das menschliche Empfinden war; allein ein starkes Interesse für die menschliche Gestalt in ihrer Raumesform hatten die Menschen im allgemeinen nicht. Sie hatten aber ein intensives Interesse für das Rassenhafte des Menschen. Und je weiter wir in alten Kulturen zurückgehen, desto weniger interessiert eigentlich den Menschen so für das allgemeine Bewußtsein die menschliche Gestalt; dagegen interessiert die Menschen, wie die Farbe der Haut ist, wie das Rassentemperament ist. Auf das schauen diese Menschen hin. Auf der einen Seite also interessiert diese Menschen das Tote, Mineralische nicht, und auf der andern Seite interessiert sie nicht die menschliche Gestalt. Es war ein Interesse vorhanden, wie gesagt, für das Rassige, nicht aber für das allgemein Menschliche, auch nicht in bezug auf die äußere Gestalt.

[ 6 ] Das nahmen eben als eine Tatsache die großen Lehrer der Mysterien hin. Wie sie darüber dachten, das will ich Ihnen dutch eine graphische Zeichnung darlegen. Sie sagten: Die Menschen haben ein traumhaftes Bewußtsein; dadurch gelangen sie dazu, das Pflanzenleben in der Umgebung scharf aufzufassen. — Durch ihre Traumesbilder lebten ja diese Menschen das Pflanzenleben mit, aber es reichte dieses Traumbewußtsein nicht bis zu der Auffassung des Mineralischen. So daß die Mysterienlehrer sich sagten: Nach der einen Seite geht das menschliche Bewußtsein zum Pflanzenhaften (siehe Schema), das träumerisch erlebt wird, aber nicht bis zum Mineralischen; das liegt außerhalb des menschlichen Bewußtseins. Und nach der andern Seite fühlt der Mensch in sich das, was ihn noch mit der Tierheit verbindet, das Rassenmäßige, das Tierhafte (siehe Schema). Dagegen liegt außerhalb des menschlichen Bewußtseins das, was den Menschen durch seine aufrechte Gestalt, durch die Raumesform seines Wesens eigentlich zum Menschen macht.

[ 7 ] Also das eigentlich Menschliche liegt außerhalb dessen, was diese Menschen in alten Zeiten interessierte. Wir können also das menschliche Bewußtsein dadurch bezeichnen, daß wir es im Sinne dieser alten Menschheit innerhalb dieses Raumes eingeschlossen denken (siehe Schema, schraffiert), während das Mineralische und das eigentlich Menschliche außer dem Bereich dessen lagen, wovon im Grunde genommen diese alte Menschheit, die außerhalb der Mysterien ihr Dasein verbrachte, etwas wußte.

[ 8 ] Aber was ich jetzt ausgesprochen habe, galt nur so im allgemeinen. Durch seine eigenen Kräfte, durch das, was der Mensch in seinem Wesen erlebte, konnte er nicht bis jenseits dieses Raumes zum Mineralischen auf der einen Seite, zum Menschlichen auf der andern Seite dringen. Aber es gab von den Mysterien ausgehende Einrichtungen, welche im Laufe des Jahres den Menschen, wenigstens annähernd, so etwas brachten wie das menschliche Ich-Bewußtsein einerseits und Anschauung des allgemein Mineralischen auf der andern Seite. So sonderbar es dem Menschen der heutigen Zeit klingt, so ist es doch so, daß die alten Mysterienpriester Feste eingerichtet haben, durch deren besondere Verrichtungen die Menschen sich über das Pflanzenhafte hinaus zum Mineralischen erhoben und dadurch in alten Zeiten in einer gewissen Jahreszeit ein Aufleuchten des Ich hatten. Wie wenn in das Traumbewußtsein das Ich hereinleuchtete, so war es. Sie wissen, daß auch in den Träumen der Menschen von heute das eigene Ich, das die Menschen dann schauen, manchmal noch einen Bestandteil des Traumes bildet.

[ 9 ] Und so leuchtete zum Johannifest durch die Verrichtungen, die für einen Teil der Menschheit, die eben daran teilnehmen wollte, veranstaltet wurden, so leuchtete herein das Ich-Bewußtsein eben zu dieser Hochsommerzeit. Und zu dieser Hochsommerzeit konnten die Menschen wenigstens so weit das Mineralische wahrnehmen, daß sie mit Hilfe dieses Mineralwahrnehmens eine Art Ich-Bewußtsein bekamen, wobei ihnen allerdings das Ich als etwas erschien, das von außen her in die Träume hereinkam. Und um das zu bewirken, wurden in den ältesten Hochsommerfesten, in den Festen zur Sommersonnenwendezeit, die dann unsere Johannifeste geworden sind, die Teilnehmer angeleitet, ein musikalisch-poetisches Element zu entfalten voll von Gesang begleiteter, streng rhythmisch angeordneter Reigentänze. Erfüllt von eigentümlichen musikalischen Rezitativen, die von primitiven Instrumenten begleitet wurden, waren gewisse Darstellungen und Aufführungen. Solch ein Fest war durchaus in Musikalisch-Poetisches getaucht. Der Mensch strömte das, was er in seinem Traumbewußtsein hatte, in musikalisch-sanglicher, in tanzartiger Weise wie in den Kosmos hinaus.

[ 10 ] Was dazumal unter der Anleitung derjenigen Menschen, die selber wieder ihre Anleitung von den Mysterien hatten, für solche mächtige, weit ausgebreitete Volksfeste der alten Zeiten an Musikalischem, an Gesanglichem geleistet worden ist, dafür kann der moderne Mensch nicht ein unmittelbares Verständnis haben. Denn was dann später Musikalisches, Poetisches geworden ist, das steht weit ab von jenem primitiven, elementaren, einfach Musikalisch-Poetischen, das zur Hochsommerzeit unter der Anleitung der Mysterien in jenen alten Zeiten entfaltet wurde. Alles zielte darauf hin, daß, während die Menschen ihre von Gesang und primitiven poetischen Aufführungen begleiteten Reigentänze machten, sie in eine Stimmung kamen, durch die eben dasjenige geschah, was ich jetzt genannt habe das Hereinleuchten des Ich in die menschliche Sphäre.

[ 11 ] Aber wenn man diese alten Menschen, die die Anleitungen hatten, gefragt hätte: Ja, wie kommt man denn eigentlich darauf, solche Gesänge, solche Tänze zu bilden, durch welche das, was ich geschildert habe, entstehen kann? — dann hätten diese alten Menschen wiederum eine für den modernen Menschen höchst paradoxe Antwort gegeben. Sie hätten zum Beispiel gesagt: Ja, vieles ist überliefert, vieles ist schon da, das haben noch ältere gemacht! — Aber in gewissen alten Zeiten hätten die Menschen so gesagt: Man kann es auch heute noch lernen, ohne daß man etwas auf eine Tradition gibt, wenn man nur das, was sich offenbart, weiter ausbildet. Man kann auch heute noch lernen, wie man sich der primitiven Instrumente bedient, wie man die Tänze formt, wie man die Gesangsstimme meistert. — Und nun kommt eben das Paradoxe, was diese alten Leute gesagt hätten. Sie würden gesagt haben: Das lernt man von den Singvögeln. — Aber sie haben eben in einer tiefen Weise verstanden den ganzen Sinn dessen, warum eigentlich die Singvögel singen.

[ 12 ] Das ist ja längst vergessen worden von der Menschheit, warum die Singvögel singen. In der Zeit, in der der Verstand alles beherrscht, in der die Menschen intellektualistisch wurden, gewiß, die Menschen haben sich ja auch da Gesangskunst, poetische Kunst bewahrt, aber den Zusammenhang des Singens mit dem ganzen Weltenall haben sie in der Zeit des Intellektualismus vergessen. Und selbst jemand, der begeistert ist für die musische Kunst, der die musische Kunst hinausstellt über alles Banausisch-Menschliche, der sagt aus diesem späteren intellektualistischen Zeitalter heraus:

Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet.
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet.

[ 13 ] Ja, das sagt der Mensch eines gewissen Zeitalters. Der Vogel selber würde es nämlich niemals sagen. Der Vogel würde niemals sagen: «Das Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet.» Und ebensowenig hätten es die alten Mysterienschüler gesagt. Denn wenn in einer bestimmten Jahreszeit die Lerchen, die Nachtigallen singen, dann dringt das, was da gestaltet wird, nicht durch die Luft, aber durch das ätherische Element in den Kosmos hinaus, vibriert im Kosmos hinaus bis zu einer gewissen Grenze; dann vibriert es zurück auf die Erde, und dann empfängt die Tierwelt dieses, was da zurückvibriert, nur hat sich dann mit ihm das Wesen des Göttlich-Geistigen des Kosmos verbunden. Und so ist es, daß die Nachtigallen, die Lerchen ihre Stimmen hinausrichten in das Weltenall (rot) und daß dasjenige, was sie hinaussenden, ihnen ätherisch wieder zurückkommt (gelb) für den Zustand, wo sie nicht singen, aber das ist dann durchwellt von dem Inhalte des Göttlich-Geistigen. Die Lerchen senden ihre Stimmen hinaus in die Welt, und das Göttlich-Geistige, das an der Formung, an der ganzen Gestaltung des Tierischen teilnimmt, das strömt auf die Erde wiederum herein auf den Wellen dessen, was zurückströmt von den hinausströmenden Liedern der Lerchen und Nachtigallen.

[ 14 ] Man kann also, wenn man nicht aus dem intellektualistischen Zeitalter heraus, sondern aus dem wirklichen, allumfassenden menschlichen Bewußtsein heraus redet, eigentlich nicht sagen: «Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet. Das Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet», sondern man müßte dann sagen: Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet. Das Lied, das aus der Kehle hinausströmt in Weltenweiten, kommt als Segen der Erde wiederum zurück, befruchtend das irdische Leben mit den Impulsen des Göttlich-Geistigen, die dann weiterwirken in der Vogelwelt, und die nur deshalb in der Vogelwelt der Erde wirken können, weil sie den Weg hereinfinden auf den Wellen desjenigen, was ihnen hinausgesungen wird in die Welt.

[ 15 ] Nun sind ja nicht alle TiereNachtigallen und Lerchen; es singen auch selbstverständlich nicht alle hinaus, aber etwas Ähnliches, wenn es auch nicht so schön ist, geht von der ganzen tierischen Welt in den Kosmos hinaus. Das verstand man in jenen alten Zeiten, und deshalb wurden die Schüler der Mysterienschulen angeleitet, solches Gesangliche, solches Tänzerische zu erlernen, das sie dann aufführen konnten am Johannifest, wenn ich es mit dem modernen Ausdruck nennen darf. Das sandten die Menschen in den Kosmos hinaus, natürlich in einer jetzt nicht tierischen, sondern vermenschlichten Gestalt, als eine Weiterbildung dessen, was die Tiere in den Weltenraum hinaussenden.

[ 16 ] Und es gehörte noch etwas anderes zu jenen Festen: nicht nur das Tänzerische, nicht nur das Musikalische, nicht nur das Gesangliche, sondern hinterher das Lauschen. Erst wurden die Feste aktiv aufgeführt, dann gingen die Anleitungen dahin, daß die Menschen zu Lauschern wurden dessen, was ihnen zurückkam. Sie hatten die großen Fragen an das Göttlich-Geistige des Kosmos gerichtet mit ihren Tänzen, mit ihren Gesängen, mit all dem Poetischen, das sie aufgeführt hatten. Das war gewissermaßen hinaufgeströmt in die Weiten des Kosmos, wie das Wasser der Erde hinaufströmt, das oben die Wolken bildet und als Regen wieder hinabträufelt. Also erhoben sich die Wirkungen der menschlichen Festesverrichtungen und kamen jetzt zurück, selbstverständlich nicht als Regen, aber als etwas, was sich als die Ich-Gewalt dem Menschen offenbarte. Und es hatten die Menschen eine feine Empfindung für jene eigentümliche Umwandelung, welche gerade um die Johannifesteszeit mit der um die Erde herum befindlichen Luft und Wärme geschieht.

[ 17 ] Darüber geht natürlich der heutige Mensch der intellektualistischen Zeit hinweg. Er hat etwas anderes zu tun als die Menschen der alten Zeiten. Er muß zu diesen Zeiten, wie auch zu andern Zeiten, zum Five o’clock tea gehen, zu Kaffees gehen, muß ins Theater gehen und so weiter. Er hat eben etwas anderes zu tun, was nicht von der Jahreszeit abhängt. Über alldem, was man da treibt, vergißt man jene leise Umwandelung dessen, was sich in der atmosphärischen Umgebung der Erde vollzieht.

[ 18 ] Es ist nämlich so, daß diese Menschen der alten Zeit gefühlt haben, wie Luft und Wärme anders werden um die Johannizeit, um die Hochsommerzeit, wie sie etwas Pflanzenhaftes bekommen. Denken Sie einmal, was das für eine Empfindung war: eine feine Empfindung für alles, was in der Pflanzenwelt vorgeht. Nehmen wir an, das sei hier die Erde, und aus der Erde überall kommen die Pflanzen heraus; da hatten die Menschen eine feine Empfindung für alles, was mit der Pflanze sich heranentwickelt, was in der Pflanze lebt. Im Frühling hatte man so ein allgemeines Naturgefühl, das höchstens noch in der Sprache erhalten ist. Sie finden im Goetheschen «Faust» das Wort: es «grunelt». Wer merkt denn heute, wenn es grunelt, wenn die Grünheit, die im Frühling aus der Erde herauskommt, die Luft durchweht und durchwellt? Wer merkt denn, wenn es grunelt und wenn es blüht! Nun ja, heute sehen das die Menschen. Da gefällt ihnen das Rote, das Gelbe, das da blüht; aber sie merken es nicht, daß da die Luft etwas ganz anderes wird, wenn es blüht, oder gar wenn es fruchtet. Also dieses Miterleben mit der Pflanzenwelt ist weg für die intellektualistische Zeit. Für diese Menschen aber war es vorhanden. Daher konnten sie auch empfinden, wenn ihnen jetzt nicht von der Erde heraus das Gruneln, das Blühen, das Fruchten, sondern wenn ihnen das aus der Umgebung, aus der Luft kam, wenn Luft und Wärme selber von oben herunter (schraffiert) etwas wie Pflanzenhaftes ausströmten. Und dieses Pflanzenhaftwerden von Luft und Wärme, das versetzte das Bewußtsein hinein in jene Sphäre, wo dann das Ich herunterkam als Antwort auf dasjenige, was man musikalisch-dichterisch in den Kosmos hinaussandte.

[ 19 ] Also diese Feste hatten einen wunderbaren intimen menschlichen Inhalt. Es war eine Frage an das göttlich-geistige Weltenall. Die Antwort bekam man, weil man so, wie man das Fruchtende, das Blühende, das Grunelnde der Erde empfindet, von oben herunter aus der sonst bloß mineralischen Luft etwas Pflanzenhaftes empfand. Dadurch trat in den Traum des Daseins, in dieses träumerische alte Bewußtsein auch der Traum des Ich herein.

[ 20 ] Und wenn dann das Johannifest vorüber war und der Juli und August wieder kamen, dann hatten die Menschen das Gefühl: Wir haben ein Ich; aber das Ich bleibt im Himmel, das ist da oben, das spricht nur zur Johannizeit zu uns. Da werden wir gewahr, daß wir mit dem Himmel zusammenhängen. Der hat unser Ich in Schutz genommen. Der zeigt es uns, wenn er das große Himmelsfenster öffnet; zur Johannizeit zeigt er es uns! Aber wir müssen darum bitten. Wir müssen bitten, indem wir die Festesverrichtungen der Johannizeit aufführen, indem wir da bei diesen Festesverrichtungen uns in die unglaublich traulichen, intimen musikalisch-poetischen Veranstaltungen hineinfinden. So waren schon diese alten Feste die Herstellung einer Kommunikation, einer Verbindung des Irdischen mit dem Himmlischen. Und Sie spüren, meine lieben Freunde: Dieses ganze Fest war in Musikalisches getaucht, in Musikalisch-Poetisches, es wurde plötzlich in der Hochsommerzeit für ein paar Tage — aber es war gut von den Mysterien her vorbereitet —, es wurde plötzlich in den einfachen Ansiedlungen der Urmenschen überall poetisch. Das ganze soziale Leben war in dieses musikalisch-poetische Element getaucht. Die Menschen glaubten eben, sie brauchten das, wie das tägliche Essen und Trinken, zu dem Leben im Jahreslaufe, daß sie da in diese tänzerisch-musikalisch-poetische Stimmung hineinkamen und auf diese Weise ihre Kommunikation mit den göttlich-geistigen Mächten des Kosmos herstellten. Von diesem Feste blieb dann das, was in der späteren Zeit kam: daß, wenn ein Mensch dichtete, er zum Beispiel sagte: Sing’ mir, o Muse, vom Zorn des Peleiden Achilleus —, weil man sich da noch erinnerte, daß einstmals die große Frage an das Göttliche gestellt worden war und das Göttliche antworten sollte auf die Frage der Menschen.

[ 21 ] Ebenso, wie sorgfältig vorbereitet wurden diese Feste zur Johannizeit, um die große Frage an den Kosmos zu stellen, damit der Kosmos zu dieser Zeit dem Menschen verbürge, daß er ein Ich hat, das nur eben die Himmel in Schutz genommen haben, so wurde in derselben Weise vorbereitet das Wintersonnenwendefest, das 'Tiefwinterfest, das jetzt zu unserem Weihnachtsfest geworden ist. Aber wie zur Johannizeit alles getaucht war in das musikalisch-poetische Element, in das tänzerische Element, so war in der Tiefwinterzeit alles zunächst so vorbereitet, daß die Menschen wußten: sie müssen still werden, sie müssen in ein mehr beschauliches Element hineinkommen. Und dann wurde hervorgeholt alles, was in alten Zeiten, von denen die äußere Geschichte ja nichts berichtet, von denen man nur wissen kann durch die Geisteswissenschaft, was in alten Zeiten da war während der Sommerzeit an verbildlichten Elementen, an plastisch verbildlichten Elementen, die ihren Höhepunkt erreichten in jenen tänzerischen, musikalischen Festen, von denen ich Ihnen soeben gesprochen habe. Während jener Zeit kümmerte sich die alte Menschheit, die gewissermaßen da aus sich herausging, um sich mit dem Ich in den Himmeln zu vereinigen, nicht um dasjenige, was man damals lernte. Außerhalb des Festes hatten sie ja zu tun mit der Besorgung all dessen, was eben in der Natur für den menschlichen Unterhalt zu besorgen war. Das Lehrhafte fiel in die Wintermonate, und das erlangte auch seine Kulmination, seinen Festesausdruck eben zur Wintersonnenwende, zur tiefen Winterzeit, zur Weihnachtszeit.

[ 22 ] Da fing man an, die Menschen, welche wiederum unter der Anleitung der Mysterienschüler standen, vorzubereiten darauf, allerlei geistige Verrichtungen zu tun, die während des Sommers nicht getan wurden. Es ist schwierig, weil natürlich die Dinge sich von dem, was heute getan wird, sehr unterscheiden, mit heutigen Ausdrücken das zu benennen, was die Menschen so von unserer September-Oktoberzeit an bis zu unserer Weihnachtszeit hin trieben. Aber sie wurden angeleitet zu dem, was wir etwa heute nennen würden Rätselraten, Fragen beantworten, die in irgendeiner verhüllten Gestalt gegeben wurden, so daß sie aus dem, was in Zeichen gegeben war, einen Sinn herausfinden sollten. Sagen wir, die Mysterienschüler gaben denen, die so etwas lernen sollten, irgendein symbolisches Bild; das sollten sie deuten. Oder sie gaben ihnen, was wir ein Rätsel nennen würden; das sollten sie auflösen, Sie gaben ihnen irgendeinen Zauberspruch. Was der Zauberspruch enthielt, sollten sie auf die Natur beziehen und es damit auch erraten. Aber namentlich wurde sorgfältig vorbereitet, was dann bei den verschiedenen Völkern verschiedenste Formen angenommen hat, was zum Beispiel in nordischen Ländern dann in einer späteren Zeit gelebt hat als das Hinwerfen der Runenstäbe, so daß sie Formen bildeten, die dann enträtselt wurden. Diesen Betätigungen gab man sich zur Tiefwinterzeit hin, aber insbesondere wurden solche Dinge gepflegt, allerdings in der alten primitiven Form, die dann zu einer gewissen primitiven plastischen Kunst führten.

[ 23 ] Bei diesen alten Bewußtseinsformen war nämlich das Eigentümliche — so paradox es wieder für den heutigen Menschen klingt — das Folgende: Wenn der Oktober heranrückte, so machte sich in den menschlichen Gliedern etwas geltend, was nach irgendeiner Betätigung strebte. Im Sommer mußte der Mensch sich im Bewegen seiner Glieder dem fügen, was der Acker von ihm forderte; er mußte die Hand an den Pflug legen, er mußte das oder jenes tun. Da mußte er sich an die Außenwelt anpassen. Wenn die Ernte vorüber war und die Glieder ausruhten, dann regte sich in ihnen das Bedürfnis nach irgendeiner Betätigung, und dann bekamen die Glieder die Sehnsucht, zu kneten. Man hatte an allem plastischen Bilden seine besondere Befriedigung. So wie zur Johannizeit ein intensiver Trieb nach Tanz, nach Musik auftauchte, so tauchte gegen die Weihnachtszeit hin ein intensiver Trieb auf, zu kneten, zu bilden, aus allerlei weichen Massen, die da waren, zu bilden, auch alles Natürliche dazu benützend. Namentlich hatte man eine feine Empfindung für die Art und Weise, wie zum Beispiel das Wasser anfing zu gefrieren. Da gab man ganz besondere Impulse. Man stieß nach dieser oder jener Richtung. Dabei bekamen die Eisformen, die sich im Wasser bildeten, eine besondere Gestalt, und man brachte es dahin, daß man, mit der Hand im Wasser drinnen, Formen ausführte, während einem die Hand erstarrte, so daß dann, wenn das Wasser gefror unter den Wellen, die man da aufwarf, das Wasser die sonderbarsten künstlerischen Formen annahm, die dann natürlich wiederum zerschmolzen.

[ 24 ] Von alledem ist ja nichts mehr geblieben im intellektualistischen Zeitalter als höchstens das Bleigießen in der Silvesternacht. Da wird noch Blei in das Wasser hineingegossen, und man findet, daß es Formen annimmt, die man dann erraten soll. Aber das ist das letzte abstrakte Überbleibsel von jenen wunderbaren Betätigungen der inneren menschlichen Triebkraft in der Natur, die sich zum Beispiel so äußerte, wie ich es beschrieben habe: daß der Mensch die Hand in das Wasser steckte, das schon im Gefrieren war, daß er die Hand erstarrt bekam und nun probierte, wie er das Wasser in Wellen formte, so daß das gefrierende Wasser dann mit den wunderbarsten Gestalten antwortete.

[ 25 ] Der Mensch bekam auf diese Weise die Fragen heraus an die Erde. Durch die Musik, durch die Poesie wandte er sich in der Hochsommerzeit mit seinen Fragen an die Himmel, und die antworteten ihm, indem sie ihm das Ich-Gefühl hereinsandten in sein träumendes Bewußtsein. In der Tiefwinterzeit wandte er sich für das, was er jetzt wissen wollte, nun nicht hinaus an die Himmel, sondern er wandte sich an das irdische Element, und er probierte, was das irdische Element für Formen annehmen kann. Und an diesem merkte er, daß die Formen, die da herauskamen, sich in einer gewissen Weise ähnlich verhielten den Formen, welche die Käfer, die Schmetterlinge bildeten. Das ergab sich für seine Anschauung. Aus der Plastik, die er herausholte aus dem Naturwirken der Erde, ergab sich für ihn die Anschauung, daß überhaupt aus dem irdischen Elemente die verschiedenen Tierformen herausgebildet werden. Zur Weihnachtszeit verstand der Mensch die Tierformen. Und indem er arbeitete, seine Glieder anstrengte, sogar ins Wasser sprang, gewisse Beinbewegungen machte, dann heraussprang und probierte, wie das Wasser antwortete, das erstarrende Wasser, da merkte er an der Außenwelt, welche Gestalt er als Mensch selber hat. Das war aber nur zur Weihnachtszeit, nicht sonst; sonst hatte er nur für das Tierische, für das Rassenhafte eine Empfindung. Zur Weihnachtszeit kam er dann auch an das Erleben der menschlichen Gestalt heran.

[ 26 ] So wie also in jenen alten Mysterienzeiten vermittelt wurde das IchBewußtsein von den Himmeln herein, so wurde die menschliche Gestaltempfindung vermittelt aus der Erde heraus. Der Mensch lernte zur Weihnachtszeit die Erde in ihrer Formkraft, in ihrer plastisch bildnerischen Kraft kennen und lernte erkennen, wie ihm die Sphärenharmonien sein Ich hereinklangen in sein Traumbewußtsein zur Johannizeit im Hochsommer. Und so erweiterten zu besonderen Festeszeiten die alten Mysterien das Menschenwesen. Auf der einen Seite wuchs die Umgebung der Erde in den Himmel hinaus, damit der Mensch wissen konnte, wie die Himmel sein Ich in Schutz halten, wie da sein Ich ruht. Und zur Weihnachtszeit ließen die Mysterienlehrer die Erde auf die Anfrage der Menschen auf dem Wege durch das plastische Bilden antworten, damit der Mensch da allmählich das Interesse bekam für die menschliche Gestalt, für das Zusammenfließen aller tierischen Gestalt in die menschliche Gestalt. Der Mensch lernte sich innerlich seinem Ich nach in det Hochsommerzeit kennen; der Mensch lernte sich äußerlich in bezug auf seine Menschenbildung erfühlen in der tiefen Winterzeit. Und so war das, was der Mensch als sein Wesen empfand, wie er sich eigentlich fühlte, nicht allein zu erlangen dadurch, daß man einfach Mensch war, sondern daß man mit dem Jahreslauf mitlebte, daß einem, um zum Ich-Bewußtsein zu kommen, die Himmel die Fenster öffneten, daß, um zum Bewußtsein der menschlichen Gestalt zu kommen, die Erde gewissermaßen ihre Geheimnisse entfaltete. Da war der Mensch eben innig, intim verbunden mit dem Jahreslaufe, so intim verbunden, daß er sich sagen mußte: Ich weiß ja von dem, was ich als Mensch bin, nur dann, wenn ich nicht stumpf dahinlebe, sondern wenn ich mich erheben lasse im Sommer zu den Himmeln, wenn ich mich einsenken lasse im Winter in die Erdenmysterien, in die Erdengeheimnisse.

[ 27 ] Sie sehen daraus, daß es einmal schon so war, daß die Festeszeiten in ihren Verrichtungen eben als etwas aufgefaßt wurden, das zum menschlichen Leben gehört. Der Mensch fühlte sich nicht nur als Erdenwesen, sondern er fühlte sich als Wesen, das der ganzen Weltangehörte, das ein Bürger der ganzen Welt war. Ja, er fühlte sich so wenig als Erdenwesen, daß er auf das, was er durch die Erde selbst war, eigentlich erst aufmerksam gemacht werden mußte durch Feste, die nur zu einer bestimmten Jahreszeit begangen werden konnten, weil zu andern Jahreszeiten die Menschen, die mehr oder weniger den Jahreslauf erlebten, es gar nicht hätten miterleben können. Es war eben alles, was man durch Feste erfahren und miterleben konnte, an die betreffende Jahreszeit gebunden.

[ 28 ] In dieser Weise, wie es einmal in primitiven Zeiten war, kann der Mensch, nachdem er seine Freiheit im intellektualistischen Zeitalter errungen hat, gewiß nicht wiederum zum Miterleben mit dem Kosmos kommen. Aber er kann dazu kommen auch mit seiner heutigen Konstitution, wenn er sich wiederum einläßt auf das Geistige. In dem IchBewußtsein, das ja jetzt die Menschheit schon lange hat, ist etwas eingezogen, was früher nur durch das Himmelsfenster im Sommer zu erlangen war. Aber deshalb muß der Mensch sich gerade etwas anderes, was wiederum über das Ich hinausliegt, durch das Verständnis des Kosmos aneignen.

[ 29 ] Es ist heute dem Menschen natürlich, von der menschlichen Gestalt im allgemeinen zu sprechen. Wer in das intellektualistische Zeitalter eingetreten ist, hat nicht mehr ein so starkes Gefühl von dem TierischRassenhaften. Aber wie das früher als eine Kraft, als ein Impuls, der nur aus der Erde heraus gesucht werden konnte, über den Menschen gekommen ist, so muß heute durch das Verständnis der Erde, das nicht durch Geologie oder Mineralogie, sondern wiederum nur auf geistige Art gegeben werden kann, der Mensch wiederum zu etwas anderem kommen als bloß zur menschlichen Gestalt.

[ 30 ] Wenn man die menschliche Gestalt nimmt, so kann man sagen: In sehr alten Zeiten hat der Mensch sich innerhalb dieser Gestalt so gefühlt, daß er nur das Äußerlich-Rassenhafte, das im Blute liegt, fühlte, daß er nicht bis zu der Haut hin empfunden hat (siehe Zeichnung, rot); er war nicht aufmerksam auf die Grenze. Heute ist der Mensch so weit, daß er auf die Umgrenzung aufmerksam ist. Er empfindet die Umgrenzung als das eigentlich Menschliche an seiner Gestalt. Aber der Mensch muß nun über sich hinauskommen. Er muß das Ätherisch-Astralische außer sich kennenlernen (blau). Das kann er eben durch geisteswissenschaftliche Vertiefung.

[ 31 ] So sehen wir, daß das gegenwärtige Bewußtsein dadurch erkauft worden ist, daß allerdings vieles von dem Zusammenhang des Bewußtseins mit dem Kosmos verlorengegangen ist; aber nachdem der Mensch einmal zum Erleben dessen gekommen ist, was seine Freiheit und seine Gedankenwelt ist, muß er wiederum hinauskommen und muß kosmisch erleben. Das ist dasjenige, was die Anthroposophie will, wenn sie so von einer Erneuerung der Feste spricht, ja gar von dem Kreieren von Festen wie dem Michaelfest im Herbste, von dem neulich gesprochen worden ist. Man muß wiederum ein inneres Verständnis dafür haben, was in dieser Beziehung der Jahreslauf dem Menschen sein kann. Und er wird dann etwas Höheres sein können, als er einstmals in der geschilderten Weise dem Menschen war.