The Human Soul in Its Relationship to Divine-Spiritual Individualities
GA 224
29 April 1923, Prague
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The Human Soul in Its Relationship to Divine-Spiritual Individualities, tr. SOL
7. Anthroposophie der Weg zu einem vertieften Verständnis des Ostermysteriums
7. Anthroposophy: The Path to a Deeper Understanding of the Mystery of Easter
[ 1 ] Die Seelenverfassung, das ganze Leben der menschlichen Seele nehmen wir als Menschen zu sehr bloß in derjenigen Art, wie wir das als Menschen der Gegenwart, des 19., 20. Jahrhunderts erleben. Und was wir aus der Geschichte wissen, sind zum großen Teile die äußeren Ereignisse, weniger die Geschichte der menschlichen Seele selbst. Die Veränderungen, die mit dem Seelenleben der Menschheit vor sich gehen, die werden wenig berücksichtigt. Nun muß man sagen, daß frühere Zeiten nicht in derselben Art Veranlassung gehabt haben, sich mit dieser Geschichte des menschlichen Seelenlebens zu befassen wie die heutige Zeit. Denn die heutige Zeit, die, wenn wir sie als großen, historischen Zeitpunkt ins Auge fassen, schon mit der Mitte oder eigentlich schon mit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts beginnt, diese heutige Zeit stellt dem Menschen ganz besondere Aufgaben, die er nur mit seinem Bewußtsein lösen kann, während er seine früheren Aufgaben aus einem gewissen Instinkt heraus, wenn auch aus einem menschlich geformten Instinkt, lösen konnte. Sie haben verschiedentlich gehört und vielleicht in Zyklen gelesen, wie in alten Zeiten eine Art von instinktivem Hellsehen der Menschheit eigen war, wie die Entwickelung der Menschheit darin besteht, daß dieses instinktive Hellsehen verlorengegangen ist, und wie an die Stelle jenes instinktiven Hellsehens die heutige Seelenverfassung getreten ist, die eine intellektuelle ist, die vorzugsweise den Verstand des Menschen ausbildet. Ich will nicht sagen, daß deshalb in der Menschheit der heutigen Zeit die Gefühls- und Willenskräfte nicht tätig wären. Aber dasjenige, was die Größe unserer gegenwärtigen Zivilisation ausmacht, was wir vor allem auch in der heutigen Zeit erleben, das appelliert an den Verstand, an die Begriffskräfte. Der heutige Mensch hat aber gar sehr Veranlassung, über die Frage nachzudenken: Welche Bedeutung hat eine Verstandeszivilisation für die menschliche Seele? - Erschöpfend beantworten kann man diese Frage nur, wenn man ein wenig den Hinweis auf das vorirdische menschliche Dasein berücksichtigt, auf das gestern in einem andern Zusammenhange hingewiesen wurde.
[ 1 ] As human beings, we tend to view the state of the soul—the entire life of the human soul—too narrowly, limited to the way we experience it as people of the present, of the 19th and 20th centuries. And what we know from history consists largely of external events, rather than the history of the human soul itself. The changes taking place in the inner life of humanity are given little consideration. Now, it must be said that earlier times did not have the same impetus to engage with this history of the human soul as the present age does. For the present age—which, if we view it as a major historical epoch, begins as early as the middle, or indeed the first third, of the fifteenth century—this present age presents humanity with very special tasks that can be solved only through conscious effort, whereas earlier tasks could be solved out of a certain instinct, albeit one shaped by human experience. You have heard on various occasions—and perhaps read in the lecture cycles—how in ancient times a kind of instinctive clairvoyance was inherent in humanity, how the development of humanity consists in the loss of this instinctive clairvoyance, and how the soul constitution of today—which is an intellectual one, one that primarily develops the human intellect—has taken the place of that instinctive clairvoyance. I do not mean to say that the powers of feeling and will are therefore inactive in humanity today. But what constitutes the greatness of our present civilization—what we experience above all in the present age—appeals to the intellect, to the powers of conceptual thought. Yet modern humanity has every reason to reflect on the question: What significance does a civilization of the intellect hold for the human soul? — This question can only be answered exhaustively if one takes into account, to some extent, the reference to pre-earthly human existence, which was mentioned yesterday in a different context.
[ 2 ] Wir empfinden heute als Menschen der Gegenwart die Vorstellungen als etwas sehr Abstraktes, als etwas, was wir nicht in demselben Grade innerlich erleben wie die Vorstellungen, die während der Zeit des alten, instinktiven Hellsehens im Menschen gelebt haben. Und wenn wir von diesen abstrakten, intellektualistischen Vorstellungen aus hinsehen auf das vorirdische Menschendasein, dann finden wir, daß in diesem das, was heute abstrakte Gedanken sind, etwas ganz anderes war. Als wir noch im vorirdischen Dasein keinen Leib, keinen Körper hatten, als wir noch seelisch-geistige Wesenheit hatten, waren die Gedanken etwas ganz anderes. Damals hatten die Gedanken noch ein seelisches Leben, da erlebten wir einen Gedanken so, daß wir wußten: Diese Gedanken sind in der ganzen Welt verbreitet, und wir schöpfen sie aus der Welt in unser eigenes Seelensein herein.
[ 2 ] As people of the present day, we perceive these ideas as something very abstract, as something we do not experience inwardly to the same degree as the ideas that were alive within human beings during the time of ancient, instinctive clairvoyance. And when we look at pre-earthly human existence from the perspective of these abstract, intellectual concepts, we find that what are today abstract thoughts were something entirely different back then. When we were still in pre-earthly existence and had no physical body, when we were still soul-spiritual beings, thoughts were something entirely different. Back then, thoughts still had a soul life; we experienced a thought in such a way that we knew: These thoughts are spread throughout the entire world, and we draw them from the world into our own soul life.
[ 3 ] Heute ist der Mensch der Ansicht, daß die Gedanken etwas sind, was er mit seinem Gehirn erzeugt. Das ist ungefähr geradeso gescheit, als wenn ein Mensch, der ein Glas Wasser zu sich nimmt, glauben würde, daß das Wasser aus seiner Zunge herauskommt, nicht von außen hereingenommen würde. In Wahrheit sind die Gedanken etwas Regsames, Lebendiges, die wirkenden Kräfte in aller Welt, und wir schöpfen sie nur aus der Welt. Unser organisches System ist nur das Gefäß, in das wir mit unserem Ich hineinschöpfen die Gedanken. Aber dem Irrtum, daß wir selbst die Gedanken erzeugten, daß wir sie nicht aus der Welt schöpften, diesem Irrtum kann man sich nur hingeben innerhalb des Erdenlebens zwischen Geburt und Tod. Solange man im vorirdischen Dasein ist, weiß man, daß die Gedankenwelt alles erfüllt, was im Umkreis ist, wie die Luft im Dasein zwischen Geburt und Tod. Wir wissen, daß wir die Gedankenkräfte gewissermaßen einatmen und wieder ausatmen, daß sie etwas Regsames, Wirkendes sind.
[ 3 ] Today, people believe that thoughts are something they produce with their brains. That is about as sensible as if a person drinking a glass of water were to believe that the water comes out of their tongue, rather than being taken in from the outside. In truth, thoughts are something active and alive—the active forces in the entire world—and we merely draw them from the world. Our physical system is merely the vessel into which we draw thoughts with our “I.” But the misconception that we ourselves produce thoughts—that we do not draw them from the world—is one to which one can only succumb during earthly life, between birth and death. As long as one is in pre-earthly existence, one knows that the world of thoughts permeates everything in one’s surroundings, just as the air does in existence between birth and death. We know that we, so to speak, inhale and exhale the forces of thought, that they are something active and effective.
[ 4 ] Das ist von außerordentlicher Wichtigkeit, daß wir uns bewußt werden, wie die Gedankenkräfte im vorirdischen Leben etwas ganz anderes sind als im irdischen Dasein. Wenn wir in der Welt einem Leichnam begegnen, dann sagen wir uns nicht, dieser Leichnam könne durch irgendwelche Kräfte, die wir Naturkräfte nennen, in die Form gebracht worden sein, die er als Leichnam hat. Wir wissen, er ist der Überrest eines lebenden Menschen. Der lebendige Mensch muß notwendig dagewesen sein, eine Naturkraft kann niemals einem Leichnam seine Form geben, die er hat. Der Leichnam kann nur der Überrest eines lebendigen Menschen sein. Was wir beobachten können über das Gedankenleben des Menschen, wie wir es haben im irdischen Dasein, gibt uns ebenso Anhaltspunkte dazu, zu erkennen, daß die Gedankenkräfte, die wir entwickeln während des irdischen Daseins, nicht für sich in unserem physischen Organismus entstehen können, sondern daß sie die Überreste sind lebendiger Kräfte, die wir im vorirdischen Dasein hatten. Mit derselben Sicherheit, mit der man sagt, daß der Leichnam der tote Überrest eines lebendigen Menschen ist, kann man auch sagen: Das abstrakte Denken, das wir heute haben, ist der tote Überrest dessen, was wir im vorirdischen Dasein im lebendigen Denken hatten. Das lebendige Denken stirbt, indem wir geboren beziehungsweise empfangen werden, und was in uns als Denkkräfte sich geltend macht, ist der Leichnam jenes lebendigen Denkens, das wir im vorirdischen Dasein hatten. Wir verstehen das irdische Denken nur dann ganz recht, wenn wir es ansehen als Überrest des vorirdischen Denkens, ebenso wie wir den Leichnam ansehen als Überrest des lebendigen Menschen.
[ 4 ] It is of extraordinary importance that we realize how the powers of thought in pre-earthly life are something entirely different from those in earthly existence. When we encounter a corpse in the world, we do not tell ourselves that this corpse could have been shaped into the form it has as a corpse by any forces we call natural forces. We know that it is the remnant of a living human being. The living human being must necessarily have existed; a natural force can never give a corpse the form it has. The corpse can only be the remnant of a living human being. What we can observe about the human life of thought, as we experience it in earthly existence, likewise provides us with clues to recognize that the powers of thought we develop during earthly existence cannot arise on their own within our physical organism, but rather that they are the remnants of living forces we possessed in our pre-earthly existence. With the same certainty with which one says that the corpse is the dead remnant of a living human being, one can also say: The abstract thinking we have today is the dead remnant of what we had in our pre-earthly existence in the form of living thinking. Living thought dies when we are born or conceived, and what manifests itself within us as thinking powers is the corpse of that living thought we possessed in our pre-earthly existence. We can only truly understand earthly thought if we regard it as a remnant of pre-earthly thought, just as we regard the corpse as a remnant of the living human being.
[ 5 ] Dieses Bewußtsein, daß das menschliche Denken der Überrest eines lebendigen Denkens ist, muß die Menschheit allmählich immer mehr und mehr durchdringen. Dann erst sieht man sich in der rechten Weise als Menschen an, dann sieht man in der richtigen Weise zurück auf das vorirdische Dasein, wie man zurücksieht von dem Leichnam, in dem nur noch die Naturkräfte leben, zum lebendigen Menschen, in dem höhere Kräfte leben. Aber man betrachtet diese ganze Tatsache erst im richtigen Lichte, wenn man weiß: So, wie dieses Denken, das zur Abstraktheit hinneigt, heute bei uns ist, haben wir es erst seit dem 15. Jahrhundert entwickelt. Natürlich entwickelte es sich bei den einzelnen Rassen und Volksstämmen in verschiedener Weise, aber im Durchschnitt ist es für die zivilisierte Menschheit so gewesen, daß sie sich zu diesem toten Denken im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts entwickelt hat, daß dieses Denken immer mehr tot wurde und dann einen gewissen Kulminationspunkt dieses Totseins gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erreichte.
[ 5 ] This awareness—that human thought is the remnant of a living form of thought—must gradually take hold of humanity more and more. Only then will we view ourselves correctly as human beings; only then will we look back correctly on our pre-earthly existence—just as we look back from the corpse, in which only the forces of nature still live, to the living human being, in whom higher forces live. But one can only view this entire fact in the right light when one realizes: This form of thinking, which tends toward abstraction, as we know it today, is something we have only developed since the 15th century. Of course, it developed in different ways among individual races and tribes, but on average, civilized humanity evolved toward this dead thinking in the first third of the 15th century; this thinking became increasingly dead and then reached a certain culmination point of this deadness precisely in the last third of the 19th century.
[ 6 ] Ja, wenn wir weiter zurückschauen in. der Entwickelung, dann finden wir, daß in alter Zeit die Menschenseelen, indem sie durchgegangen waren durch Empfängnis und Geburt, noch etwas aus dem votirdischen Dasein in das Erdendasein hinübergetragen haben. Die Lebendigkeit der alten Mythen, der alten Volkslegenden, der alten bildenden Kräfte der Seelen, die nicht eins sind mit unserer heutigen Phantasietätigkeit, hätte sich nicht entwickeln können, wenn nicht etwas hereingestrahlt hätte von dem lebendigen vorirdischen Denken, wenn das irdische Denken schon ganz abstrakt geworden wäre. Man kann in gewissem Sinne sagen, daß auch heute noch im kindlichen Lebensalter ein letzter Rest vorirdischen Denkens vorhanden ist, der sich aber im Laufe des Lebens verliert. Aber jene Menschen einer älteren Zeit waren auch in ihrem ganzen Seelenleben ganz anders als die heutigen Menschen. Stellen Sie sich nur einmal richtig vor, Sie würden auch heute in diesem lebendigen Denken sein, Sie würden ein solches Hellsehen, wie es eben in älteren Zeiten die Menschenseele hatte, erleben können; Sie würden Imaginationen erleben können, aber diese Imaginationen würden so stark auf Sie wirken, daß Sie sich nur vorkommen würden als Umhüllung göttlich-geistiger Kräfte: Sie würden niemals zum Bewußtsein der Freiheit kommen. Das richtige Freiheitsgefühl hat sich erst in der zivilisierten Menschheit entwickelt. Daß der Mensch frei werden konnte, verdankt er dem Umstande, daß das lebendige Denken wenigstens nicht in seinem erwachten Zustande wirkt, sondern ein totes Denken, in das er hineingießen kann, was er selbst aus seinem freien Willen hineingießen will. Nicht wie früher denken im Menschen Geister, er fängt selbst zu denken an. Selbst anfangen zu denken heißt aber, den menschlichen Willen hineinzusenden in das Denken, und wenn er ein totes Denken findet, kann er den freien Willen in das Denken hineingießen. So daß der Mensch zum toten Denken vorrücken mußte, um im Laufe der Erdenentwickelung ein freies Wesen werden zu können. Sie sehen, wenn wir in dieser Weise die Entwickelung des menschlichen Seelenlebens betrachten, geht uns auf, daß sinnvoll gestaltet ist die ganze Menschenentwickelung auf Erden.
[ 6 ] Yes, if we look further back in the course of evolution, we find that in ancient times, human souls—having passed through conception and birth—still carried over something from their pre-earthly existence into their earthly existence. The vitality of the ancient myths, the ancient folk legends, and the ancient creative powers of the soul—which are not the same as our present-day imaginative activity—could not have developed if something had not shone in from that living pre-earthly thinking, if earthly thinking had already become entirely abstract. In a certain sense, one can say that even today, in childhood, a final remnant of pre-earthly thinking still exists, though it is lost in the course of life. But those people of an earlier time were also, in their entire soul life, quite different from people today. Just imagine for a moment that you were still living within this living thinking today; that you could experience the kind of clairvoyance that the human soul possessed in earlier times; that you could experience imaginations—but these imaginations would have such a powerful effect on you that you would feel merely as a vessel for divine-spiritual forces: you would never attain a sense of freedom. The true sense of freedom has only developed in civilized humanity. Human beings owe their ability to become free to the fact that living thought, at least in its awakened state, no longer exerts its influence, but rather a dead form of thought into which they can pour whatever they themselves wish to pour from their free will. It is no longer spirits who think within the human being, as in the past; the human being begins to think for themselves. But to begin thinking for oneself means to send the human will into thought, and when one finds dead thought, one can pour one’s free will into it. Thus, human beings had to advance toward dead thought in order to become free beings in the course of Earth’s evolution. You see, when we consider the development of human soul life in this way, it becomes clear to us that the entire course of human development on Earth is meaningfully structured.
[ 7 ] Nun wollen wir aber einmal noch in etwas ältere Zeiten zurückgehen. Dasjenige, was sich vollzogen hat als Ertötung, als Verabstrahierung, als Intellektualisierung des Denkens im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, das bereitet sich langsam und allmählich vor. Solche Dinge geschehen nicht auf einmal, sie bereiten sich vor, nehmen eine Art Anlauf, um dann zu einem Höhepunkt zu kommen. Nun ist deutlich erkennbar, daß der erste Anlauf zu diesem abstrakten Denken im 4. nachchristlichen Jahrhundert gekommen ist. Ich meine, im 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt die erste Spur im menschlichen Bewußtsein sich geltend zu machen, daß der Mensch glaubte, er bringe die Gedanken hervor. Das hätte ein Grieche in Wirklichkeit nicht geglaubt. Der Grieche war sich durchaus noch bewußt einer gewissen Lebendigkeit des Denkens und war sich bewußt, daß die Gedanken überall in den Dingen sind, daß er selbst sie bloß aus den Dingen schöpft. Die Meinung, daß der Mensch die Gedanken erzeugt, entstand dadurch, daß die Gedanken immer mehr und mehr unlebendig wurden. Und diese unlebendigen Gedanken, mit denen man sozusagen machen kann, was man will, stellten sich erst ein seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Das ging so allmählich weiter, bis dann im 15. Jahrhundert das Bewußtsein, das wir heute noch haben, deutlich ausgeprägt war.
[ 7 ] But let us now go back to somewhat earlier times. What took place—the suppression, the abstraction, the intellectualization of thought—in the first third of the 15th century was a process that developed slowly and gradually. Such things do not happen all at once; they build up, gathering momentum, before reaching a climax. It is now clearly evident that the first stirrings of this abstract thinking occurred in the 4th century A.D. I mean, in the 4th century A.D., the first trace began to assert itself in human consciousness: the belief that human beings produce their own thoughts. A Greek would not have believed that, in reality. The Greek was still very much aware of a certain vitality in thought and was aware that thoughts are present everywhere in things, that he himself merely draws them from those things. The belief that human beings generate thoughts arose because thoughts became more and more lifeless. And these lifeless thoughts—with which one can, so to speak, do whatever one wants—did not emerge until the 4th century A.D. This process continued gradually until, in the 15th century, the consciousness we still have today was clearly established.
[ 8 ] Aber was folgt denn daraus für die Entwickelung der Menschheit? Im 4. nachchristlichen Jahrhundert entstand der Anlauf zu einem intellektuellen, abstrakten Denken. Das heißt aber nichts anderes, als: das Mysterium von Golgatha, das Erscheinen des Christus auf der Erde fiel in eine Zeit, wo die menschliche Seele noch von lebendigen Gedanken erfüllt war. In dieser Beziehung ist in der Tat der Menschheit in bezug auf ihr Bewußtsein viel verlorengegangen. Zwar hat die Menschheit dadurch sich die Freiheit erobert, aber ihr ist dennoch viel verlorengegangen. Als der Christus auf der Erde erschien, da wurde er noch empfangen von einer gewissen Zahl von Menschen, die noch ein innerlich lebendiges reges Denken hatten, die in dem Denken noch Reste von dem vorirdischen Dasein hatten. Und diese Menschen stellten sich in einer ganz andern Weise als die Menschen der späteren Zeit zum Mysterium von Golgatha. Bedenken Sie nur einmal recht: Bis in diese Zeit sagten sich die Menschen - sie sprachen es nicht deutlich aus, es war damals alles mehr in Bilder getaucht, aber es war ein Bewußtsein davon da.-, ich bin jetzt auf der Erde, ich habe auf ihr als Erdenmensch mein Denken, aber das weist mich zurück durch Geburt und Empfängnis in ein vorirdisches Dasein, in eine andere Welt, aus der ich heruntergestiegen bin. - Man empfand sich hier als Fortsetzung dessen, was man im vorirdischen Dasein war. Sie waren sich darüber klar, die damaligen Menschen, daß sie mit dem Erdendasein ein früheres, vorirdisches Dasein fortsetzten, wenn auch in dieser Zeit die Menschen wie durch ein trübes Glas hineinschauten in eine Welt des vorirdischen Daseins. Dieses Bewußtsein, daß der Mensch ein von den Himmeln zur Erde heruntergestiegenes Wesen ist, ging im wesentlichen im 4. nachchristlichen Jahrhundert verloren.
[ 8 ] But what does this imply for the development of humanity? In the 4th century A.D., the first steps toward intellectual, abstract thinking began to emerge. But this means nothing other than that the Mystery of Golgotha—the appearance of the Christ on Earth—occurred at a time when the human soul was still filled with living thoughts. In this regard, humanity has indeed lost much in terms of its consciousness. Although humanity has thereby gained freedom, it has nevertheless lost much. When Christ appeared on Earth, He was still received by a certain number of people who still possessed an inner, living, and active thinking—people who still retained remnants of their pre-earthly existence within their thinking. And these people approached the Mystery of Golgotha in a completely different way than people of later times. Just consider this carefully: Up until that time, people told themselves—they did not express it explicitly; everything was more shrouded in imagery back then, but an awareness of it existed—‘I am now on Earth; as an earthly human being, I have my thinking here, but this thinking traces me back, through birth and conception, to a pre-earthly existence, to another world from which I have descended.’ —People here saw themselves as a continuation of what they had been in their pre-earthly existence. The people of that time were clear that, through their earthly existence, they were continuing a previous, pre-earthly existence, even though in those days people looked into the world of pre-earthly existence as if through a dim glass. This awareness—that human beings are beings who have descended from the heavens to Earth—was essentially lost in the 4th century A.D.
[ 9 ] Von diesem Gesichtspunkte aus betrachteten die Menschen aber auch das Ereignis von Golgatha. Wenn zu diesen Menschen von den Eingeweihten, die es damals noch gab, die nicht so weise waren wie die Eingeweihten der alten Mysterien, die aber immerhin noch Reste der alten Mysterienweisheit hatten, gesprochen wurde von dem Christus, war für sie die Frage diese: Jesus Christus war in derjenigen Welt früher heimisch, in der wir auch darinnengewesen sind, bevor wir zur Erde herabstiegen. Das war seine Welt, nur hat er diese Welt früher niemals verlassen. Es ist ja das Eigentümliche der Erdenmenschen, daß sie heruntersteigen mußten schon seit sehr alten Zeiten. Da sind sie von dem Christus fortgegangen, um auf die Erde herabzusteigen. Wenn in den alten Mysterien die Rede vom Christus war es war von diesem Christus in den alten Mysterien immer die Rede, wenn er auch nicht mit dem Namen «Christus» genannt wurde -, so mußten die Gedanken hinaufgelenkt werden zum vorirdischen Dasein und den Menschen gesagt werden: Wollt ihr von dem Christus etwas wissen, so dürft ihr euch nicht an euer Erdenbewußtsein halten, sondern müßt hinaufschauen zum vorirdischen Dasein.
[ 9 ] From this perspective, however, people also viewed the events at Golgotha. When the initiates who still existed at that time—who were not as wise as the initiates of the ancient mysteries, but who nevertheless still possessed remnants of the ancient mystery wisdom—spoke to these people about the Christ, the question for them was this: Jesus Christ had previously been at home in the same world in which we, too, had been before we descended to Earth. That was his world; only, he had never left that world before. It is, after all, a distinctive feature of earthly human beings that they have had to descend since very ancient times. Thus they departed from the Christ in order to descend to Earth. Whenever the Christ was spoken of in the ancient mysteries—and it was always this Christ who was spoken of in the ancient mysteries, even if he was not called by the name “Christ”—thoughts had to be directed upward toward pre-earthly existence, and people had to be told: “If you wish to know anything about the Christ, you must not cling to your earthly consciousness, but must look upward toward pre-earthly existence.”
[ 10 ] Wir müssen schon einiges anführen von diesem vorirdischen Dasein, um zu verstehen, was ich heute ausführen möchte. Wir stehen hier auf der Erde als Erdenmenschen, wir schauen hinauf zur Sonne, wir machen uns Vorstellungen von dieser Sonne, bilden uns sogar Hypothesen über sie aus, wie diese Sonne ein Gasball ist oder so etwas ähnliches. Es ist vom irdischen Gesichtspunkte aus auch selbstverständlich, daß man sich solche Vorstellungen ausbildet, aber man glaubt, daß das von allen Gesichtspunkten aus so wäre. Bevor wir zur Erde herabgestiegen waren, haben wir die Sonne auch gesehen, aber von den Weiten des Kosmos, gewissermaßen von der andern Seite. Da war sie nicht ein physisches Gebilde, sondern der Inbegriff geistiger Wesenheiten, und die bedeutsamste von diesen Wesenheiten für die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha war der Christus. So daß man auch das Folgende sagen kann. Wenn in der vorchristlichen Zeit die Mysterienschüler eingeweiht wurden in dasjenige, was sich später in das Mysterium von Golgatha gewandelt hat, wurde ihnen klar: Der Mensch im vorirdischen Dasein sah die Sonne und nahm den Christus wahr, und wenn er herunterstieg auf die Erde, sah er die Sonne von der andern Seite, aber der Christus verbarg sich ihm, er konnte nur durch Mysterienwissen zu dem Christus hinaufgeleitet werden. - Das empfand man in der ersten Zeit der christlichen Entwickelung als das Wesen des Christentums, daß der große Sonnengeist nun nicht Sonnengeist geblieben war, sondern durch das Mysterium von Golgatha jene Regionen verlassen hat, die von den Menschen nur durchgemacht werden außerhalb des physischen Leibes, und in das Erdendasein hereingekommen ist; daß er die einzige der göttlich-geistigen Wesenheiten war, welche das Erdendasein selber betreten hat. Und wir treffen, allerdings mit den Mitteln der geistigen Forschung, auf Menschen auch in der ersten Zeit der christlichen Entwickelung, die ganz tief in ihrem Gemüt empfanden: Der Christus ist aus der Sphäre der Geister, die nicht durch Geburt und Tod hindurchzugehen brauchen, für die Geburt und Tod nur eine Verwandlung ist, heruntergestiegen und durch Geburt und Tod gegangen.
[ 10 ] We need to mention quite a few things about this pre-earthly existence in order to understand what I would like to explain today. We stand here on Earth as earthly human beings; we look up at the sun; we form ideas about this sun; we even develop hypotheses about it, such as that the sun is a ball of gas or something similar. From an earthly perspective, it is only natural to form such ideas, but people believe this to be the case from every perspective. Before we descended to Earth, we also saw the sun, but from the vastness of the cosmos—from the “other side,” so to speak. There it was not a physical entity, but the embodiment of spiritual beings, and the most significant of these beings for humanity before the Mystery of Golgotha was the Christ. So that one can also say the following: When, in pre-Christian times, the initiates were initiated into that which later became the Mystery of Golgotha, it became clear to them: In their pre-earthly existence, human beings saw the sun and perceived the Christ, and when they descended to Earth, they saw the sun from the other side, but the Christ was hidden from them; they could only be guided upward to the Christ through mystery knowledge. - In the early days of Christian development, this was perceived as the essence of Christianity: that the great Sun Spirit had not remained a Sun Spirit, but through the Mystery of Golgotha had left those regions that human beings pass through only outside the physical body, and had entered earthly existence; that he was the only one of the divine-spiritual beings who had actually entered earthly existence himself. And we encounter—albeit through the means of spiritual research—people even in the early days of Christian development who felt deep within their hearts: Christ descended from the sphere of spirits who need not pass through birth and death—for whom birth and death are merely a transformation—and passed through birth and death.
[ 11 ] Dieses Heruntersteigen des Christus auf die Erde war die ganz wesentliche Empfindung, die man zunächst in der ersten Zeit der christlichen Entwickelung hatte. Das war den damaligen Menschen viel wichtiger, dieses Heruntersteigen, als was auf dieses Heruntersteigen folgte. Daß der Christus Gemeinschaft machen wollte mit den Menschen, daß er die zwei bedeutsamsten Erlebnisse, Geburt und Tod, mitmachen wollte, empfand man in Eingeweihtenkreisen als den eigentlichen religiösen Impuls. Man konnte das nur, weil eben der Mensch noch etwas von einem inneren, lebendigen Denken hatte, weil bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert das Denken noch nicht ganz abgelähmt, ganz abstrakt geworden war, weil es den Menschen noch so ausfüllte wie der Atem heute in physischer Beziehung. Deshalb empfand man, daß er auch das menschliche Schicksal des Herabsteigens vollzogen hatte, was die andern göttlich-geistigen Wesen nicht vollzogen hatten, weil Geborenwerden und Sterben den Göttern nicht eigen ist, sondern nur den Menschen. Das ist das Grandiose im Eingeweihtenglauben der ersten christlichen Jahrhunderte, daß empfunden wurde: Der Christus ist wirklich Mensch geworden, das heißt, er hat wirklich menschliches Geschick auf sich geladen, er ist die einzige der göttlich-geistigen Wesenheiten, die mit dem Menschen dieses Schicksal geteilt hat.
[ 11 ] This descent of Christ to Earth was the very essence of the feeling people had in the early days of Christian development. For the people of that time, this descent was far more important than what followed it. The fact that Christ wanted to enter into communion with human beings, that he wanted to share in the two most significant experiences—birth and death—was perceived in initiatory circles as the true religious impulse. This was possible only because human beings still possessed something of an inner, living thought life; because, up until the 4th century A.D., thinking had not yet become completely dulled or entirely abstract; and because it still filled people as fully as breath does today in a physical sense. That is why it was felt that he had also fulfilled the human destiny of descent—something the other divine-spiritual beings had not accomplished, because being born and dying are not inherent to the gods, but only to human beings. This is what is so magnificent about the initiatory faith of the early Christian centuries: the realization that Christ truly became human—that is, he truly took upon himself the human fate; he is the only one among the divine-spiritual beings who has shared this fate with humanity.
[ 12 ] Nun ist aber notwendig, daß auch ersichtlich vor die Menschenseele hintritt, daß diese Menschenseele, insofern sie der Welt des vorirdischen Daseins angehört, nicht eigentlich sterben kann. Daher ist auch das eingetreten, was wir mit der Auferstehung des Christus verbinden: der Sieg des Christus über den Tod, vorbildlich für den Sieg jeder Menschenseele über den Tod. Und indem, ich möchte sagen, die alte Idee von dem Ungeborensein sich gefügt hat an die neue Idee von dem Auferstehen, die ja auch vorhanden war, aber nicht in derselben Intensität, indem das Ereignis von Golgatha eingetreten war, da war es gewissermaßen der Ausdruck für ein Allerwichtigstes in der menschlichen Erdenentwickelung.
[ 12 ] Now, however, it is necessary for it to become evident to the human soul that, insofar as this human soul belongs to the world of pre-earthly existence, it cannot actually die. Hence, what we associate with the Resurrection of Christ has also come to pass: Christ’s victory over death, serving as a model for the victory of every human soul over death. And as—I might say—the old idea of non-birth merged with the new idea of resurrection—which had indeed existed but not with the same intensity—when the event at Golgotha took place, it was, in a sense, the expression of something of the utmost importance in human development on Earth.
[ 13 ] Als das Denken noch lebendig war, fürchtete der Mensch sich nicht im allergeringsten vor dem Tode. Der Tod war ja für ihn kein außergewöhnliches Ereignis. Das ist etwas außerordentlich Wichtiges in der Geschichte der Menschheitsentwickelung, daß die Menschen den Tod ganz anders genommen haben, als etwas ganz Selbstverständliches, während, als die Menschen das Bewußtsein von dem vorirdischen Dasein immer mehr und mehr verloren haben, das abstrakte Denken, das den physischen Leib zum Werkzeug hat, immer mehr die Furcht vor dem Tode brachte und den Glauben, daß der Tod etwas Abschließendes sei. Die alte Menschheit brauchte wenig die Auferstehungsidee, sondern die des gemeinsamen Herabsteigens mit dem Christus. Aber indem die Menschen immer mehr und mehr vorrückten zum abstrakten Denken, brauchten sie immer mehr einen Ausblick aus dem irdischen Dasein, einen Ausblick nach der Seite der Unsterblichkeit hin. Und dieser Ausblick ergibt sich der Menschheit aus dem richtigen Hinschauen auf die Auferstehungstatsache des Christus. Diese Tatsache habe ich in Büchern, Vorträgen und Zyklen mannigfaltig dargelegt. Beide Tatsachen, das Herabsteigen des Christus zu Geburt und Tod und die Auferstehungstatsache, die des Sieges über den Tod, konnte der Menschheit bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert hinein empfindungsgemäß klar sein, weil das lebendige Denken noch vorhanden war. Von dem 4. nachchristlichen Jahrhundert ab, indem immer mehr das abstrakte Denken heraufrückte, wurde die Menschheit immer unfähiger, Gedanken mit dem Inhalt des Mysteriums von Golgatha zu verbinden. Und es ist schon das Schicksal der Menschheitsentwickelung, daß in dem Zeitalter, in dem die Menschheit sich durch das abstrakte Denken ihre Freiheit errang, durch das im Verhältnis zur geistigen Welt tote Denken das Verständnis für den Christus Jesus, das ja in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten vorhanden war, verlorengehen mußte. Es ist verlorengegangen, namentlich aus dem Grunde, weil jene Schriften, die mit dem heute schon fast zum Schimpfwort gewordenen Worte gnostische Schriften bezeichnet werden, bis auf einige Reste, mit denen aber literarisch nicht viel zu unternehmen ist, mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden sind. Dasjenige, was in den ersten Jahrhunderten gedacht worden ist von denen, die noch etwas gewußt haben vom lebendigen Denken, wurde vernichtet; das kennen wir nur aus den Schriften der Gegner. Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn durch irgendeinen Zufall alle anthroposophischen Bücher und Schriften verschwänden, und dasjenige, was Anthroposophie ist, auch nur aus den Schriften der Gegner beurteilt werden müßte! Soviel wissen die Leute, die sich nur auf die äußeren Dokumente verlassen, heute von der Gnosis. Jenes ganz ungeheuere Christus-Verständnis der Gnosis, das sie in sich schlossen, ging der Menschheit ganz verloren. Vor allen Dingen ging ganz das Bewußtsein verloren, daß der Christus mit der Sonne etwas zu tun habe und daß der Christus herabgestiegen ist und ein mit der Menschheit gemeinsames Schicksal auf Golgatha durchgemacht hat. Alle diese Zusammenhänge, namentlich die Gefühle, die mit diesen Dingen verbunden sind, gingen der Menschheit verloren. Immer mehr kamen die abstrakten Auslegungen, die abstrakten Gedanken heraus.
[ 13 ] When thinking was still alive, human beings did not fear death in the slightest. After all, death was not an extraordinary event for them. This is an extraordinarily important point in the history of human development: that people viewed death quite differently—as something entirely natural—whereas, as people increasingly lost their awareness of pre-earthly existence, abstract thinking—which uses the physical body as a tool—brought with it an ever-growing fear of death and the belief that death is a final end. Ancient humanity had little need for the idea of resurrection, but rather for that of descending together with Christ. But as people advanced further and further into abstract thinking, they increasingly needed a perspective beyond earthly existence—a perspective toward immortality. And this perspective is revealed to humanity through a correct contemplation of the fact of Christ’s resurrection. I have expounded on this fact in various ways in books, lectures, and lecture cycles. Both facts—Christ’s descent into birth and death, and the fact of the Resurrection, which is the victory over death—could be intuitively clear to humanity well into the 4th century A.D., because living thinking was still present. From the 4th century A.D. onward, as abstract thinking increasingly came to the fore, humanity became increasingly unable to connect thoughts with the content of the Mystery of Golgotha. And it is indeed the fate of human development that, in the age in which humanity won its freedom through abstract thinking—a form of thinking that is dead in relation to the spiritual world—the understanding of Christ Jesus, which had indeed existed in the first centuries A.D., was bound to be lost. It has been lost, namely because those writings—which are designated by the term “Gnostic writings,” a term that has today almost become a term of abuse—have been eradicated root and branch, save for a few remnants from which, however, little of literary value can be derived. What was thought in the first centuries by those who still knew something of living thought was destroyed; we know of it only from the writings of their opponents. Imagine what it would be like if, by some chance, all anthroposophical books and writings were to disappear, and what anthroposophy is were to be judged solely on the basis of the writings of its opponents! That is all that people who rely solely on external documents know about Gnosticism today. That truly immense Gnostic understanding of Christ, which they held within themselves, was completely lost to humanity. Above all, the awareness that Christ had something to do with the sun—and that Christ descended and shared a common destiny with humanity on Golgotha—was entirely lost. All these connections—especially the feelings associated with these things—were lost to humanity. Abstract interpretations and abstract thoughts increasingly took precedence.
[ 14 ] Einen derjenigen, die aus dem Charakter des Zeitalters heraus nach einem Verständnis des Christentums rangen, sehen wir in Augustinus. In diesem Augustinus sehen wir einen Geist, der nicht mehr verstehen konnte die alte Form der Naturanschauung. Sie wissen, es wird erzählt, daß Augustinus Manichäer war. Augustinus erzählt es selber. Aber dasjenige, was hinter allen diesen Dingen ist, kann heute mit dem äußeren Erkennen nicht mehr richtig durchschaut werden. Was Augustinus Manichäer nennt, was man heute Manichäerlehre nennt, ist ja nur das verkommene Produkt einer uralten Lehre, die sich den Geist nur als schöpferisch vorstellte und keinen Gegensatz zwischen Materie und Geist kannte. Es war kein Geist da, der nicht schuf, und was er schuf, merkte man als Materie. Ebensowenig hatten diese alten Zeiten einen Begriff von der bloßen Materie, sondern in allem war Geist darin. Das war etwas, was Augustinus nicht verstehen konnte, was die Gnosis verstand, was man später nicht mehr verstand und was auch unsere Gegenwart nicht mehr versteht. Es ist so, es gibt keine Materie für sich. Die Gnostiker wußten davon und sahen das ganze Herabsteigen des Christus im Lichte dieser Anschauung. Augustinus konnte damit nichts mehr machen. Das Zeitalter war vorbei, die Möglichkeit, etwas damit zu machen, war nicht mehr, weil man die Dokumente vernichtet hatte, auch war das alte Hellsehen verglommen. So kam Augustinus nach langem, schier übermenschlichem Ringen dazu, sich zu sagen, er könne nicht von sich aus zur Wahrheit kommen, sondern müsse sich fügen dem, was die katholische Kirche als Wahrheit vorschreibt: sich unter die Autorität der katholischen Kirche beugen. Und diese Stimmung - nehmen Sie es zunächst als Stimmung -, die blieb, lebte namentlich dadurch, daß das Denken immer abstrakter und abstrakter wurde. Wirklich langsam und allmählich wurde erst das Denken abgelähmt.
[ 14 ] We see in Augustine one of those who, shaped by the spirit of the age, struggled to understand Christianity. In Augustine, we see a mind that could no longer comprehend the old way of viewing nature. As you know, it is said that Augustine was a Manichaean. Augustine himself recounts this. But what lies behind all these things can no longer be properly grasped today through external knowledge. What Augustine calls Manichaeism—what we today call the Manichaean doctrine—is, after all, merely the degenerate product of an ancient teaching that conceived of the spirit solely as creative and recognized no opposition between matter and spirit. There was no spirit that did not create, and what it created was perceived as matter. Nor did those ancient times have a concept of mere matter; rather, spirit was present in everything. This was something Augustine could not understand, something Gnosticism understood, something that was later lost, and something that even our present age no longer understands. The fact is, there is no such thing as matter in and of itself. The Gnostics knew this and viewed the entire descent of Christ in the light of this perspective. Augustine could do nothing with it. That era was over; the possibility of doing anything with it no longer existed, because the documents had been destroyed, and the ancient clairvoyance had also faded away. Thus, after a long, almost superhuman struggle, Augustine came to tell himself that he could not arrive at the truth on his own, but must submit to what the Catholic Church prescribes as truth: to bow to the authority of the Catholic Church. And this mood—take it for now as a mood—persisted and thrived precisely because thought became increasingly abstract. It was only very slowly and gradually that thought itself became paralysed.
[ 15 ] Und die Scholastiker in ihrer Größe - sie sind groß -, sie lebten noch in einer Spur von Wissen, daß das Denken auf Erden abstammt von einem überirdischen Denken, daß der Mensch lebt in einem himmlischen Denken. Aber unter dieser Entwickelung ging die Möglichkeit immer mehr verloren, mit dem Ereignis von Golgatha etwas Lebendiges zu machen. Und es ist doch wirklich eigentlich so, daß der fortschrittlichen Theologie des 19. Jahrhunderts, weil sie im modernen Sinne wissenschaftlich werden wollte, der Christus verlorengegangen ist, und daß die Theologie froh war, zuletzt noch zu haben den «schlichten Mann von Nazareth». Der Christus war nurmehr «der höchste Mensch auf Erden». Von dem Innewohnen des Christus in dem Jesus konnte man sich keine Vorstellung mehr machen.
[ 15 ] And the Scholastics, in all their greatness—for they are great—still lived with a vestige of the knowledge that earthly thought derives from a super-earthly thought, that human beings live within a heavenly thought. But in the course of this development, the possibility of making something living out of the event at Golgotha was increasingly lost. And it is indeed true that the progressive theology of the 19th century, because it sought to become scientific in the modern sense, lost sight of Christ, and that theology was glad to have, in the end, the “simple man from Nazareth.” Christ was now merely “the highest human being on earth.” It was no longer possible to conceive of Christ dwelling within Jesus.
[ 16 ] Und so ist eigentlich die Entwickelung seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert ein Verlorengehen des Zusammenhanges des Menschen mit dem Christus in jener lebendigen Weise, wie es bei vielen vorhanden war in den ersten Jahrhunderten des Christentums. Und so kam es auch, daß man zuletzt immer weniger und weniger den Inhalt der Evangelien verstand. Den Menschen, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums gelebt haben, wäre es ganz sonderbar vorgekommen, von Widersprüchen in den Evangelien zu sprechen. Es ist so, wie wenn jemand nur das Bild eines Menschen en face kennt, und nun brächte ihm jemand eine Photographie, die das Profil aufgenommen hat, und er sagte: Das kann nicht das Bild von demselben Menschen sein. — So wäre es den Menschen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte vorgekommen, wenn man ihnen von Widersprüchen der Evangelien gesprochen hätte. Sie wußten sehr gut: Die vier Evangelien stellen nur das Bild von vier verschiedenen Seiten dar. - Der Mensch der heutigen Zeit würde sagen: Das sind ja sonderbare Darstellungen, die sind ja von allen Seiten verschieden. - In der geistigen Welt ist eben alles viel reicher.
[ 16 ] And so, in fact, the development since the 4th century A.D. has been a loss of the connection between human beings and Christ in that living way that existed for many during the first centuries of Christianity. And so it also came to pass that, in the end, people understood the content of the Gospels less and less. To people who lived in the first centuries of Christianity, it would have seemed quite strange to speak of contradictions in the Gospels. It is as if someone knew only the front view of a person, and then someone brought him a photograph taken from the side, and he said: “That cannot be a picture of the same person.” — That is how it would have seemed to the people of the first centuries after Christ if someone had spoken to them of contradictions in the Gospels. They knew very well: The four Gospels merely present the image from four different angles. — People today would say: “These are indeed strange depictions; they differ from every angle.” — In the spiritual world, everything is simply much richer.
[ 17 ] Immer mehr kam dann die Zeit, in der man im alten Sinne von dem Ereignis von Golgatha nichts mehr kannte. Nun ist ja das Ereignis von Golgatha ein solches, das nur vom geistigen Gesichtspunkt aus begriffen werden kann. Es ist interessant, daß die Geschichtsschreiber in der Regel sich um das Ereignis von Golgatha herumdrücken. Da haben wir nun den Geschichtsschreiber Ranke, der als ein vorzüglicher Geschichtsschreiber gilt, der erklärt: Darüber redet man nicht, das läßt man aus. - Wenn man das Allerwichtigste aus der Geschichte ausläßt, so kann keine Geschichte entstehen. Selbst wenn man nicht einen Zusammenhang mit der geistigen Welt hat, also das Mysterium von Golgatha nicht verstehen kann, müßte man doch den ungeheueren Einfluß zugeben. Aber es wird heute Geschichte geschrieben, ohne die ungeheuere Wirkung des Mysteriums von Golgatha zu verzeichnen. Es kam immer mehr die Fähigkeit abhanden, hinzuschauen in richtiger Weise auf das Mysterium von Golgatha.
[ 17 ] Gradually, the time came when people no longer knew anything about the event at Golgotha in the traditional sense. Now, the event at Golgotha is one that can only be understood from a spiritual perspective. It is interesting that historians generally avoid addressing the event at Golgotha. Take, for example, the historian Ranke, who is regarded as an outstanding historian, and who declares: “One does not speak of this; it is left out.”—If one omits the very most important aspect of history, no history can emerge. Even if one has no connection to the spiritual world—and thus cannot understand the Mystery of Golgotha—one would still have to acknowledge its immense influence. Yet history is written today without recording the immense impact of the Mystery of Golgotha. The ability to look properly at the Mystery of Golgotha has been increasingly lost.
[ 18 ] Wir können aber auch die Sache von ganz andern Seiten betrachten, können uns sagen: Die Menschheit kam im Laufe ihrer Entwickelung vor die Notwendigkeit, den Christus in ihrer Mitte haben zu müssen. Immer mehr und mehr kam den Menschen abhanden das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit mit dem vorirdischen Dasein. Auf das schauten sie nicht mehr hin. Die Menschen wußten zuletzt nur, daß sie dastehen seit ihrer irdischen Geburt. Da kam der Christus zu ihnen, um ihnen durch sein Herabsteigen zu zeigen, daß es ein vorirdisches Dasein gibt, um ihnen ein Verständnis zu geben für dasjenige, was in ihrem eigenen Bewußtsein nicht mehr leben konnte. Da die Menschen in ihrem eigenen Bewußtsein nicht mehr den Zusammenhang hatten, sollten sie einen neuen Zusammenhang gewinnen durch ihr Verhältnis zum Christus, der durch das Ereignis von Golgatha gegangen war, Der Christus hatte sich gewissermaßen selbst der Menschheit geschenkt in derjenigen Zeit, in der allmählich heranrücken sollte die Epoche, in welcher die Menschheit zur Freiheit aufsteigen sollte. Nun war, als das Denken immer abstrakter wurde, keine Möglichkeit mehr da, in Gedanken hinzuschauen auf das Mysterium von Golgatha. Aber der Inhalt der neutestamentlichen Geschichte war ein so sehr hinreißender, ein so sehr in das Gemüt herein sprechender, daß eben durch die rein äußeren Traditionen dasjenige einige Zeitlang noch bleiben konnte, was mit den Gedanken nicht mehr aufgefaßt werden konnte.
[ 18 ] But we can also look at the matter from a completely different perspective and say to ourselves: In the course of its evolution, humanity faced the necessity of having the Christ in its midst. More and more, people lost the awareness of their connection to pre-earthly existence. They no longer looked to that. In the end, people knew only that they had existed since their earthly birth. Then Christ came to them to show them, through His descent, that a pre-earthly existence exists, to give them an understanding of that which could no longer live in their own consciousness. Since human beings no longer had this connection within their own consciousness, they were to gain a new connection through their relationship to Christ, who had gone through the event of Golgotha. Christ had, so to speak, given himself to humanity at that time, just as the epoch in which humanity was to ascend to freedom was gradually drawing near. Now, as thinking became increasingly abstract, there was no longer any possibility of contemplating the Mystery of Golgotha in thought. But the content of the New Testament story was so captivating, so deeply moving to the soul, that precisely through the purely external traditions, that which could no longer be grasped by thought was able to remain for some time.
[ 19 ] Gehen wir durch die erste Zeit, insoferne sich das Christentum ausbreitet. Da sehen wir, wie die Traditionen vorhanden sind, die zuletzt doch aus den Evangelien fließen, wie das kindliche Gemüt sich immer mehr des Bildes der palästinensischen Ereignisse bemächtigt. Aber wir sehen zu gleicher Zeit, wie im erkenntnismäßigen Erleben das Mysterium von Golgatha verlorengeht. In demselben Maße, als das tote Denken auftrat, verdunkelte sich auch die kindliche Erinnerung an die palästinensische Zeit, verloren die Menschen ihren Zusammenhang mit dem Christus Jesus, und man war froh, wenn man noch den Zusammenhang mit dem Menschen Jesus erhalten konnte. Nun stehen wir in unserer Gegenwart; da ist eigentlich — die Menschen bemerken es nur noch nicht -— das Bewußtsein des Zusammenhanges mit dem Christus Jesus schon verlorengegangen. Traditionell verbleiben die Menschen bei den Bekenntnissen, und einen lebendigen inneren Zusammenhang mit dem Christus Jesus haben sie nicht. Man braucht sich nur anzusehen, wie äußerlich die Jahrfeste geworden sind! Wie äußerlich ist das Osterfest geworden für den Menschen der Gegenwart, während das Osterfest den Menschen früherer Zeit so war, daß die Menschen in tiefster Innerlichkeit etwas durchmachten, was man als eine Erinnerung an das Mysterium von Golgatha ansprechen kann.
[ 19 ] Let us look back at the early days, as Christianity was spreading. There we see how traditions existed that ultimately stemmed from the Gospels, and how the childlike mind increasingly took hold of the image of the events in Palestine. But at the same time, we see how the mystery of Golgotha is lost in the experience of knowledge. To the same extent that dead thinking emerged, the childlike memory of the Palestinian era also grew dim; people lost their connection to Christ Jesus, and they were glad if they could still maintain a connection to the man Jesus. Now we stand in the present; in fact—though people have not yet noticed it—the awareness of the connection with Christ Jesus has already been lost. Out of tradition, people cling to their creeds, yet they have no living inner connection with Christ Jesus. One need only look at how superficial the annual festivals have become! How superficial Easter has become for people today, whereas for people of earlier times, Easter was an occasion when they experienced, in the deepest recesses of their inner being, something that can be described as a remembrance of the Mystery of Golgotha.
[ 20 ] Der Christus hat sich den Menschen gegeben in einer Zeit, wo die Menschheit ausbilden mußte das Freiheitsbewußtsein. Dazu hat sie es in gewissem Sinne gebracht. Sie würde sich aber veräußerlichen, wenn nicht der Zusammenhang mit dem Christus wieder gefunden werden könnte. Der kann nicht anders gefunden werden, als wenn wir anfangen, eine geistige Erkenntnis zu suchen. Geistige Erkenntnis, wie sie Anthroposophie sucht, wird wieder den Zusammenhang mit dem Christus Jesus finden. Dieser Zusammenhang kann nur geistig gefunden werden. Was auf Golgatha geschehen ist, ist nicht nur ein Ereignis, das hereingegriffen hat in die physisch-irdische Menschheitsgeschichte, sondern auch ein geistiges Ereignis. Niemand kann das Ereignis von Golgatha verstehen, der es nicht im Geiste verstehen will. Daher ist anthroposophische Geisteswissenschaft zugleich eine Vorbereitung für ein neues Verständnis des Christus und des Mysteriums von Golgatha. Wenn wir diese Tatsache so betrachten, werden wir erinnert an das bedeutungsvolle Evangelienwort: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Erdenzeiten.» Es strahlt von diesem Worte die Gewißheit aus, daß er nicht bloß da war, als das Ereignis von Golgatha abgelaufen ist, daß er dableibt bei den Menschen als Geistwesen, im Geiste auffindbar. Wir dürfen daher nicht bloß das als christlich ansehen, was aus den Evangelien erstrahlt, sondern wir wissen: Christus ist bei uns, und wenn wir heute, ausgerüstet mit geistiger Erkenntnis, hinhorchen darauf, was uns die geistige Welt über ihn offenbart, so ist das Christus-Offenbarung. Es ist Christus-Offenbarung ebenso wie das, was wir gewinnen, wenn wir auf die Evangelien hinblicken.
[ 20 ] Christ gave Himself to humanity at a time when humanity had to develop a sense of freedom. In a certain sense, humanity has achieved this. However, it would lose its inner essence if the connection with Christ could not be rediscovered. This connection can only be found if we begin to seek spiritual knowledge. Spiritual knowledge, as sought by anthroposophy, will once again restore the connection with Christ Jesus. This connection can only be found spiritually. What happened on Golgotha is not merely an event that intervened in the physical, earthly history of humanity, but also a spiritual event. No one can understand the event of Golgotha who does not wish to understand it in the spirit. Therefore, anthroposophical spiritual science is at the same time a preparation for a new understanding of Christ and the Mystery of Golgotha. When we consider this fact in this way, we are reminded of the significant words from the Gospel: “I am with you always, even to the end of the age.” This saying radiates the certainty that He was not merely present when the event of Golgotha took place, but that He remains with humanity as a spiritual being, accessible in the spirit. We must therefore not regard as Christian only what shines forth from the Gospels; rather, we know that Christ is with us, and when we listen today—equipped with spiritual insight—to what the spiritual world reveals to us about him, that is a revelation of Christ. It is a revelation of Christ just as much as what we gain when we look to the Gospels.
[ 21 ] «Ich hätte euch noch viel zu sagen, allein ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen», das ist der Hinweis auf jene Zeit, wo der Christus neu gesehen werden soll. Und jetzt nahen sich diese Zeiten, sie sind schon da. Die Menschheit würde den Christus verlieren, wenn sie nicht auf neue Weise in geistiger Erkenntnis den Christus gewinnen könnte. Dadurch muß uns sehr viel erst wieder verständlich werden, was in alter Zeit mit dem Mysterium von Golgatha verbunden worden ist, was aber verlorengegangen ist, weil das geistige Verständnis dafür verlorengegangen ist. Wie plagen sich doch mit dem heutigen Intellektualismus die Menschen mit dem Worte, welches der Christus gesprochen haben soll: daß das Gottesreich heruntergekommen ist auf die Erde, daß ein ganz neues Leben anfangen soll. - Es ist so unendlich gescheit, heute zu sagen: Es ist doch auf der Erde alles gerade so geblieben, wie es war! - Das ist selbstverständlich gescheit, aber man muß die andere Frage aufwerfen aus dem Geiste des ChristusWortes heraus: Ist das auch im Sinne eines richtigen christlichen, geistigen Verständnisses gesprochen, zu glauben, daß da irgendein äußeres Geistesreich aufgerichtet werden soll? - Ein äußeres Geistesreich wäre ja physisch! Diesen Widerspruch merkt man nicht! Aber es ist höchst merkwürdig, daß man in der heutigen Zeit eigentlich recht gescheit geworden ist, doch die Gescheitheit auf dem eigenen Gebiete nicht recht würdigen kann.
[ 21 ] “I have much more to say to you, but you cannot bear it yet”—this is a reference to the time when Christ is to be seen anew. And now those times are drawing near; they are already here. Humanity would lose Christ if it could not regain Him in a new way through spiritual understanding. Through this, much of what was once connected to the Mystery of Golgotha—but which has been lost because the spiritual understanding of it has been lost—must once again become comprehensible to us. How people, with today’s intellectualism, struggle with the words that Christ is said to have spoken: that the Kingdom of God has come down to earth, that a whole new life is to begin. - It is so incredibly clever to say today: “But everything on earth has remained exactly as it was!” - That is, of course, clever, but one must raise the other question from the spirit of Christ’s words: Is it also in the sense of a true Christian, spiritual understanding to believe that some kind of external spiritual kingdom is to be established? - An external spiritual realm would, after all, be physical! People don’t notice this contradiction! But it is highly remarkable that, in this day and age, people have actually become quite wise, yet are unable to properly appreciate that wisdom within their own sphere.
[ 22 ] Ich möchte, wenn uns das auch vom eigentlichen Thema abführt, Sie auf etwas recht Interessantes hinweisen. Der Wiener Geologe Eduard Sueß, ein ausgezeichneter Forscher, spricht in seinem Buche über «Das Antlitz der Erde» davon, daß das Antlitz der Erde ganz anders gewesen sein muß, die Steine viel lebendiger als heute, daß man heute eigentlich schon auf einer toten Erde geht. Die Schollen, auf denen wir gehen, gehören einer absterbenden Welt an. Der Geologe nimmt an, die Erde war einmal lebendiger und ist allmählich in den toten Zustand übergegangen. Da sagt Sueß für ein ganz anderes Gebiet etwas ganz ähnliches, wie der Christus gesagt hat für das geistige Leben der Erde. Wenn nur das da wäre, daß die Erde zerfiele in einer fernen Zukunft, in der die Erde in der Welt zerstäubt, wenn es nicht mit der Erde geradeso wäre wie mit dem Menschen - der Leib zerfällt in Staub, sein Geist aber lebt weiter —, dann würden wir alle in diese Zerstreuung mit hineingehen. Mit dieser Erde schauen wir auf das, was in das Jupiterdasein hinaufführt. Wir schauen da schon eine neue Erde.
[ 22 ] Although this may take us away from the main topic, I would like to point out something quite interesting to you. The Viennese geologist Eduard Sueß, an outstanding researcher, writes in his book *The Face of the Earth* that the face of the Earth must have been quite different, the rocks much more alive than they are today, and that we are, in fact, already walking on a dead Earth. The clods of earth upon which we walk belong to a dying world. The geologist assumes that the Earth was once more alive and has gradually transitioned into a state of death. Here, Sueß says something very similar—in a completely different context—to what Christ said about the spiritual life of the Earth. If it were only the case that the Earth would disintegrate in a distant future, when the Earth is scattered throughout the universe—if it were not the case with the Earth just as it is with human beings—the body decays into dust, but the spirit lives on—then we would all be caught up in this scattering. With this Earth, we look toward what leads upward into the existence of Jupiter. We are already beholding a new Earth there.
[ 23 ] Für das Physische ist diese Anschauung vom Zerfall der Erde richtig, für das Geistig-Seelische gilt ein anderes. Für die alten Eingeweihten der Zeit des Mysteriums von Golgatha war es klar: Mit der alten Zivilisation, mit den alten Mysterien ist es zu Ende. So, wie die alten Menschen mit ihren Göttern gelebt haben, ist es zu Ende. So, wie sie mit den Naturerscheinungen zusammengelebt haben, ist es zu Ende. Aber die Götter schicken den Menschen die Möglichkeit, einer Zukunft entgegenzugehen mit dem Geiste. Was in alter Zeit an Erkenntnis aus der Erde herausgesogen worden ist, das ist Vergangenheit. Eine neue Zeit muß kommen, wo der Mensch durch seinen eigenen Willen ein Reich beginnen muß, wo der Mensch aus eigener Kraft das tote Denken wieder beleben kann. Das war eine Prophetie zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Äußerlich kam auch dieses Reich heran. Begriffen werden, aufgenommen werden kann es erst von den Menschen der Gegenwart. Jetzt müssen wir fühlen, daß das Gottesreich, von dem der Christus spricht, von uns gesehen werden muß auf der Erde, indem der Christus auf der Erde wirkt. Das muß Erfüllung werden auf der Erde, und die Erfüllung dieses Gottesreiches muß mit Ernst erfaßt werden gerade in dieser unserer Gegenwart. Wir erleben es auf allen Gebieten, wie der Mensch beginnt, vor der Gefahr zu stehen, abgeschnitten zu werden von den geistigen Welten und von seinem eigentlichen Wesen, wenn er nicht den Zugang findet zur spirituellen Welt. Der Mensch kommt mit der Naturwissenschaft nicht an den Menschen heran.
[ 23 ] From a physical standpoint, this view of the Earth’s decay is correct; from a spiritual-psychic standpoint, however, the situation is different. For the ancient initiates of the time of the Mystery of Golgotha, it was clear: the old civilization and the ancient mysteries have come to an end. The way the ancient people lived with their gods has come to an end. The way they lived in harmony with natural phenomena has come to an end. But the gods are sending humanity the opportunity to move toward a future with the spirit. What was drawn from the earth as knowledge in ancient times is now a thing of the past. A new era must dawn in which humanity, through its own will, must establish a kingdom where it can, through its own power, revive dead thinking. This was a prophecy at the time of the Mystery of Golgotha. Outwardly, this kingdom also drew near. It can only be understood and embraced by the people of the present. Now we must feel that the Kingdom of God, of which Christ speaks, must be seen by us on earth through Christ’s work on earth. This must be fulfilled on earth, and the fulfillment of this Kingdom of God must be grasped with earnestness, especially in our present time. We are experiencing it in all areas: how human beings begin to face the danger of being cut off from the spiritual worlds and from their true nature if they do not find access to the spiritual world. Human beings cannot approach the human being through natural science.
[ 24 ] Nehmen Sie den großen Riß, der heute zwischen Alter und Jugend besteht. Ein Gegensatz bestand schon immer, aber so stark bestand er nicht wie heute. Ganz besonders eines muß man an ihm verstehen. Viele Menschen sagen, die Alten können nicht wirken für die Jugend, weil sie sich die Kindlichkeit nicht bewahrt haben. Das sieht furchtbar schön aus, es ist aber nicht so. Die Jugend verlangt nicht von uns, daß wir uns so jung gebärden sollten, wie die Jugend selber ist, sonst sagt die Jugend instinktiv: Das, was die können, können wir auch. Die brauchen wir ja dann gar nicht, da können wir ja unter uns allein bleiben. - Was wir verstehen müssen, ist, in richtiger Weise alt zu werden, in voller Frische den gealterten Menschenleib zu gebrauchen. Die jungen Leute lieben nicht die altgewordenen Kindsköpfe, sondern die richtig Altgewordenen, die liebt die Jugend. Die Jugend möchte gerade zu alten Leuten aufblicken, weil sie da anderes findet, was sie selbst nicht hat. Aber wir haben in der Menschheit die Fähigkeit verloren, recht lebendig geistig zu sein. Wenn das eigentliche Kindheitsfeuer vorüber ist, dorten wir aus. Der Körper wird nur älter, aber wir hantieren mit dem alten Körper so, wie wir als Kinder mit ihm hantiert haben. Wir müssen die Möglichkeit gewinnen, auch ohne daß uns unser Leib zu Hilfe kommt, unsere Gedanken aus der geistigen Erkenntnis heraus zu spiritualisieren, wiederum als lebendige Gedanken durch unseren eigenen Willen neu zu schaffen, die Auferstehung der Gedanken zu erzeugen in uns. Was in uns an totem Denken ist, muß so ein lebendiges Denken werden. Dann wird dieses lebendige Denken eindringen können in das Mysterium von Golgatha, dann werden wir erst, wie mit einem wahren Opfer des Denkens und Fühlens, lebendig in uns wiederholen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»
[ 24 ] Consider the great divide that exists today between the elderly and the young. There has always been a contrast, but it has never been as pronounced as it is today. There is one thing in particular that must be understood about this. Many people say that the elderly cannot have a positive influence on the young because they have not retained their childlike qualities. That sounds wonderfully appealing, but it is not the case. Young people do not demand that we act as young as they do; otherwise, they would instinctively say: “What they can do, we can do too.” Then we wouldn’t need them at all—we could just stay among ourselves. —What we must understand is how to age properly, how to use our aging bodies with full vitality. Young people do not love those who have grown old but remain childish; rather, they love those who have truly grown old—that is who the young admire. Young people want to look up to older people precisely because they find in them something different that they themselves do not possess. But we in humanity have lost the ability to be truly spiritually alive. Once the actual fire of childhood has passed, we burn out. The body merely grows older, but we treat the old body just as we treated it when we were children. We must gain the ability—even without our body’s assistance—to spiritualize our thoughts through spiritual insight, to recreate them anew as living thoughts through our own will, and to bring about the resurrection of thoughts within us. Whatever dead thinking there is within us must thus become living thinking. Then this living thinking will be able to penetrate the Mystery of Golgotha, and only then will we, as if through a true sacrifice of thought and feeling, repeat vividly within ourselves: “Not I, but Christ in me.”
[ 25 ] Dieses Wort bedeutet auch für unser Zeitalter etwas ganz Gewaltiges. Das Ich-Bewußtsein haben wir uns errungen durch das unlebendige Denken. Mit dem alten, lebendigen Denken hätte dieses nicht errungen werden können. Wir haben es nun, dieses Ich-Bewußtsein, aber es muß innerlich durchglüht und durchgeistigt werden, indem wir diese Worte richtig aussprechen lernen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Wir müssen in dieses unser innerstes Wesen, das wir uns aneignen müssen durch geistige Erkenntnis, den Christus aufnehmen können. Das ist etwas, das wir als Menschen heute nur erreichen können, wenn wir uns durchdringen können mit dem eigentlichen Willen des anthroposophischen Lebens. Und im Grunde genommen wird Anthroposophie nicht eine neue Religion sein wollen. Die christliche Religion ist ja schon da. Indem der Mensch zum Christus geführt wird, gründet er nicht eine neue Religion, aber er braucht einen neuen Weg zum Christentum. Und ein neuer Weg zum Christentum eröffnet sich durch Anthroposophie. Sie ist es, die den neuen, heute so notwendigen Weg zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha eröffnet.
[ 25 ] This word also holds tremendous significance for our age. We have attained self-consciousness through lifeless thinking. With the old, living thinking, this could not have been attained. We now possess this sense of self, but it must be purified and spiritualized from within by learning to utter these words correctly: “Not I, but Christ within me.” We must be able to receive Christ into our innermost being—which we must make our own through spiritual knowledge. This is something we as human beings today can achieve only if we can imbue ourselves with the very will of the anthroposophical life. And, fundamentally speaking, anthroposophy does not seek to be a new religion. The Christian religion is, after all, already here. As a person is led to Christ, they do not found a new religion, but they need a new path to Christianity. And a new path to Christianity opens up through anthroposophy. It is anthroposophy that opens the new path—so necessary today—to an understanding of the Mystery of Golgotha.
[ 26 ] Das ist, was ich anschließen möchte an das hier Gesagte. Denn es ist schon das Rechte, wenn wir von Zeit zu Zeit versuchen, diesen Mittelpunkt der ganzen Menschheitsentwickelung, das Mysterium von Golgatha, beleuchtet von Anthroposophie, richtig vor unsere Seele treten zu lassen. Denn wahrhaftig, der Gang der Menschheitsentwickelung ist ein solcher: Die Erde entwickelt sich bis zum Mysterium von Golgatha hin, dann geht eine gewaltige Befruchtung der Erde aus dem geistigen Kosmos heraus und ein Weiterleben der Erde unter ganz neuen Verhältnissen vor sich. Nur dadurch, daß man diese religiöse Nuance in das anthroposophische Verständnis hereinbringt, heben wir es auf dasjenige Niveau, das es bekommen muß, wenn es den tiefsten Sehnsuchten der Menschen von heute entgegenkommen will.
[ 26 ] This is what I would like to add to what has been said here. For it is indeed right that we should, from time to time, try to allow this central point of the entire development of humanity—the Mystery of Golgotha, illuminated by anthroposophy—to truly come to life in our souls. For truly, the course of human development is as follows: The Earth develops up to the Mystery of Golgotha; then a powerful fertilization of the Earth emanates from the spiritual cosmos, and the Earth continues its existence under entirely new conditions. Only by introducing this religious nuance into the anthroposophical understanding do we raise it to the level it must attain if it is to meet the deepest longings of people today.
[ 27 ] Indem wir uns so in die wichtigste Angelegenheit der Menschheit bei diesem unserem Zusammensein haben vertiefen dürfen, darf ich Ihnen meine tiefe Befriedigung ausdrücken, daß ich habe wiederum einmal in Ihrer Mitte weilen dürfen. Und ich darf wohl auch die Empfindung so zum Ausdrucke bringen, daß dasjenige, was wir gepflegt haben im räumlichen Zusammensein, fortleben möchte, wenn wir räumlich auseinander sind. Anthroposophie möchte auch für das ganze geistige Dasein des Menschen ein Symbolum sein. Wir müssen es durch Anthroposophie fühlen können, daß das räumliche Beieinandersein als Ausgangspunkt gelten muß für ein unräumliches Beisammensein, in dem sich alle für die Anthroposophie verständnisvollen Seelen, die es in der Welt gibt, zusammenfinden können. Es gibt diese seelisch-geistige Gemeinschaft für solche, die sie heute suchen. Und innerhalb dieser wird auch der Christus am intensivsten wirken können, nachdem er sich mit der Erdenentwickelung vereinigt hat im Mysterium von Golgatha und auf ein Zeitalter wartete, das ihn nicht bloß aus der Tradition heraus, sondern in Gedanken, Gefühl und Wollen verstehen kann. In all dieses dringt ein gerade dasjenige Wollen, das ich das durchchristete Wollen nennen möchte: «Du sollst den Namen Gottes nicht eitel aussprechen!» Hieraus handeln und hieraus denken, mit allen Gleichgesinnten in Gemeinschaft, in geistigen Gedanken, das wird dann auch eine richtige Gemeinschaft in äußeren Dingen werden können.
[ 27 ] Having been able to immerse ourselves in this way in the most important matter for humanity during our gathering here, I would like to express to you my deep satisfaction at having been able to spend time among you once again. And I may also express the feeling that what we have cultivated in our physical togetherness may continue to live on even when we are physically apart. Anthroposophy would also like to be a symbol for the entire spiritual existence of the human being. Through anthroposophy, we must be able to feel that our physical togetherness must serve as the starting point for a non-physical togetherness in which all souls in the world who are receptive to anthroposophy can come together. This spiritual-soul community exists for those who seek it today. And within it, Christ will also be able to work most intensely, after having united himself with the development of the Earth in the Mystery of Golgotha and having waited for an age that can understand him not merely through tradition, but in thought, feeling, and will. It is precisely that will—which I would like to call the Christ-imbued will—that permeates all of this: “You shall not take the name of God in vain!” To act and think from this, in community with all like-minded people, in spiritual thought—this will then also be able to become a true community in outward matters.
