Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Individualitäten
Die Verinnerlichung der Jahresfeste
GA 224
29 April 1923, Prague
7. Anthroposophie der Weg zu einem vertieften Verständnis des Ostermysteriums
[ 1 ] Die Seelenverfassung, das ganze Leben der menschlichen Seele nehmen wir als Menschen zu sehr bloß in derjenigen Art, wie wir das als Menschen der Gegenwart, des 19., 20. Jahrhunderts erleben. Und was wir aus der Geschichte wissen, sind zum großen Teile die äußeren Ereignisse, weniger die Geschichte der menschlichen Seele selbst. Die Veränderungen, die mit dem Seelenleben der Menschheit vor sich gehen, die werden wenig berücksichtigt. Nun muß man sagen, daß frühere Zeiten nicht in derselben Art Veranlassung gehabt haben, sich mit dieser Geschichte des menschlichen Seelenlebens zu befassen wie die heutige Zeit. Denn die heutige Zeit, die, wenn wir sie als großen, historischen Zeitpunkt ins Auge fassen, schon mit der Mitte oder eigentlich schon mit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts beginnt, diese heutige Zeit stellt dem Menschen ganz besondere Aufgaben, die er nur mit seinem Bewußtsein lösen kann, während er seine früheren Aufgaben aus einem gewissen Instinkt heraus, wenn auch aus einem menschlich geformten Instinkt, lösen konnte. Sie haben verschiedentlich gehört und vielleicht in Zyklen gelesen, wie in alten Zeiten eine Art von instinktivem Hellsehen der Menschheit eigen war, wie die Entwickelung der Menschheit darin besteht, daß dieses instinktive Hellsehen verlorengegangen ist, und wie an die Stelle jenes instinktiven Hellsehens die heutige Seelenverfassung getreten ist, die eine intellektuelle ist, die vorzugsweise den Verstand des Menschen ausbildet. Ich will nicht sagen, daß deshalb in der Menschheit der heutigen Zeit die Gefühls- und Willenskräfte nicht tätig wären. Aber dasjenige, was die Größe unserer gegenwärtigen Zivilisation ausmacht, was wir vor allem auch in der heutigen Zeit erleben, das appelliert an den Verstand, an die Begriffskräfte. Der heutige Mensch hat aber gar sehr Veranlassung, über die Frage nachzudenken: Welche Bedeutung hat eine Verstandeszivilisation für die menschliche Seele? - Erschöpfend beantworten kann man diese Frage nur, wenn man ein wenig den Hinweis auf das vorirdische menschliche Dasein berücksichtigt, auf das gestern in einem andern Zusammenhange hingewiesen wurde.
[ 2 ] Wir empfinden heute als Menschen der Gegenwart die Vorstellungen als etwas sehr Abstraktes, als etwas, was wir nicht in demselben Grade innerlich erleben wie die Vorstellungen, die während der Zeit des alten, instinktiven Hellsehens im Menschen gelebt haben. Und wenn wir von diesen abstrakten, intellektualistischen Vorstellungen aus hinsehen auf das vorirdische Menschendasein, dann finden wir, daß in diesem das, was heute abstrakte Gedanken sind, etwas ganz anderes war. Als wir noch im vorirdischen Dasein keinen Leib, keinen Körper hatten, als wir noch seelisch-geistige Wesenheit hatten, waren die Gedanken etwas ganz anderes. Damals hatten die Gedanken noch ein seelisches Leben, da erlebten wir einen Gedanken so, daß wir wußten: Diese Gedanken sind in der ganzen Welt verbreitet, und wir schöpfen sie aus der Welt in unser eigenes Seelensein herein.
[ 3 ] Heute ist der Mensch der Ansicht, daß die Gedanken etwas sind, was er mit seinem Gehirn erzeugt. Das ist ungefähr geradeso gescheit, als wenn ein Mensch, der ein Glas Wasser zu sich nimmt, glauben würde, daß das Wasser aus seiner Zunge herauskommt, nicht von außen hereingenommen würde. In Wahrheit sind die Gedanken etwas Regsames, Lebendiges, die wirkenden Kräfte in aller Welt, und wir schöpfen sie nur aus der Welt. Unser organisches System ist nur das Gefäß, in das wir mit unserem Ich hineinschöpfen die Gedanken. Aber dem Irrtum, daß wir selbst die Gedanken erzeugten, daß wir sie nicht aus der Welt schöpften, diesem Irrtum kann man sich nur hingeben innerhalb des Erdenlebens zwischen Geburt und Tod. Solange man im vorirdischen Dasein ist, weiß man, daß die Gedankenwelt alles erfüllt, was im Umkreis ist, wie die Luft im Dasein zwischen Geburt und Tod. Wir wissen, daß wir die Gedankenkräfte gewissermaßen einatmen und wieder ausatmen, daß sie etwas Regsames, Wirkendes sind.
[ 4 ] Das ist von außerordentlicher Wichtigkeit, daß wir uns bewußt werden, wie die Gedankenkräfte im vorirdischen Leben etwas ganz anderes sind als im irdischen Dasein. Wenn wir in der Welt einem Leichnam begegnen, dann sagen wir uns nicht, dieser Leichnam könne durch irgendwelche Kräfte, die wir Naturkräfte nennen, in die Form gebracht worden sein, die er als Leichnam hat. Wir wissen, er ist der Überrest eines lebenden Menschen. Der lebendige Mensch muß notwendig dagewesen sein, eine Naturkraft kann niemals einem Leichnam seine Form geben, die er hat. Der Leichnam kann nur der Überrest eines lebendigen Menschen sein. Was wir beobachten können über das Gedankenleben des Menschen, wie wir es haben im irdischen Dasein, gibt uns ebenso Anhaltspunkte dazu, zu erkennen, daß die Gedankenkräfte, die wir entwickeln während des irdischen Daseins, nicht für sich in unserem physischen Organismus entstehen können, sondern daß sie die Überreste sind lebendiger Kräfte, die wir im vorirdischen Dasein hatten. Mit derselben Sicherheit, mit der man sagt, daß der Leichnam der tote Überrest eines lebendigen Menschen ist, kann man auch sagen: Das abstrakte Denken, das wir heute haben, ist der tote Überrest dessen, was wir im vorirdischen Dasein im lebendigen Denken hatten. Das lebendige Denken stirbt, indem wir geboren beziehungsweise empfangen werden, und was in uns als Denkkräfte sich geltend macht, ist der Leichnam jenes lebendigen Denkens, das wir im vorirdischen Dasein hatten. Wir verstehen das irdische Denken nur dann ganz recht, wenn wir es ansehen als Überrest des vorirdischen Denkens, ebenso wie wir den Leichnam ansehen als Überrest des lebendigen Menschen.
[ 5 ] Dieses Bewußtsein, daß das menschliche Denken der Überrest eines lebendigen Denkens ist, muß die Menschheit allmählich immer mehr und mehr durchdringen. Dann erst sieht man sich in der rechten Weise als Menschen an, dann sieht man in der richtigen Weise zurück auf das vorirdische Dasein, wie man zurücksieht von dem Leichnam, in dem nur noch die Naturkräfte leben, zum lebendigen Menschen, in dem höhere Kräfte leben. Aber man betrachtet diese ganze Tatsache erst im richtigen Lichte, wenn man weiß: So, wie dieses Denken, das zur Abstraktheit hinneigt, heute bei uns ist, haben wir es erst seit dem 15. Jahrhundert entwickelt. Natürlich entwickelte es sich bei den einzelnen Rassen und Volksstämmen in verschiedener Weise, aber im Durchschnitt ist es für die zivilisierte Menschheit so gewesen, daß sie sich zu diesem toten Denken im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts entwickelt hat, daß dieses Denken immer mehr tot wurde und dann einen gewissen Kulminationspunkt dieses Totseins gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erreichte.
[ 6 ] Ja, wenn wir weiter zurückschauen in. der Entwickelung, dann finden wir, daß in alter Zeit die Menschenseelen, indem sie durchgegangen waren durch Empfängnis und Geburt, noch etwas aus dem votirdischen Dasein in das Erdendasein hinübergetragen haben. Die Lebendigkeit der alten Mythen, der alten Volkslegenden, der alten bildenden Kräfte der Seelen, die nicht eins sind mit unserer heutigen Phantasietätigkeit, hätte sich nicht entwickeln können, wenn nicht etwas hereingestrahlt hätte von dem lebendigen vorirdischen Denken, wenn das irdische Denken schon ganz abstrakt geworden wäre. Man kann in gewissem Sinne sagen, daß auch heute noch im kindlichen Lebensalter ein letzter Rest vorirdischen Denkens vorhanden ist, der sich aber im Laufe des Lebens verliert. Aber jene Menschen einer älteren Zeit waren auch in ihrem ganzen Seelenleben ganz anders als die heutigen Menschen. Stellen Sie sich nur einmal richtig vor, Sie würden auch heute in diesem lebendigen Denken sein, Sie würden ein solches Hellsehen, wie es eben in älteren Zeiten die Menschenseele hatte, erleben können; Sie würden Imaginationen erleben können, aber diese Imaginationen würden so stark auf Sie wirken, daß Sie sich nur vorkommen würden als Umhüllung göttlich-geistiger Kräfte: Sie würden niemals zum Bewußtsein der Freiheit kommen. Das richtige Freiheitsgefühl hat sich erst in der zivilisierten Menschheit entwickelt. Daß der Mensch frei werden konnte, verdankt er dem Umstande, daß das lebendige Denken wenigstens nicht in seinem erwachten Zustande wirkt, sondern ein totes Denken, in das er hineingießen kann, was er selbst aus seinem freien Willen hineingießen will. Nicht wie früher denken im Menschen Geister, er fängt selbst zu denken an. Selbst anfangen zu denken heißt aber, den menschlichen Willen hineinzusenden in das Denken, und wenn er ein totes Denken findet, kann er den freien Willen in das Denken hineingießen. So daß der Mensch zum toten Denken vorrücken mußte, um im Laufe der Erdenentwickelung ein freies Wesen werden zu können. Sie sehen, wenn wir in dieser Weise die Entwickelung des menschlichen Seelenlebens betrachten, geht uns auf, daß sinnvoll gestaltet ist die ganze Menschenentwickelung auf Erden.
[ 7 ] Nun wollen wir aber einmal noch in etwas ältere Zeiten zurückgehen. Dasjenige, was sich vollzogen hat als Ertötung, als Verabstrahierung, als Intellektualisierung des Denkens im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, das bereitet sich langsam und allmählich vor. Solche Dinge geschehen nicht auf einmal, sie bereiten sich vor, nehmen eine Art Anlauf, um dann zu einem Höhepunkt zu kommen. Nun ist deutlich erkennbar, daß der erste Anlauf zu diesem abstrakten Denken im 4. nachchristlichen Jahrhundert gekommen ist. Ich meine, im 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt die erste Spur im menschlichen Bewußtsein sich geltend zu machen, daß der Mensch glaubte, er bringe die Gedanken hervor. Das hätte ein Grieche in Wirklichkeit nicht geglaubt. Der Grieche war sich durchaus noch bewußt einer gewissen Lebendigkeit des Denkens und war sich bewußt, daß die Gedanken überall in den Dingen sind, daß er selbst sie bloß aus den Dingen schöpft. Die Meinung, daß der Mensch die Gedanken erzeugt, entstand dadurch, daß die Gedanken immer mehr und mehr unlebendig wurden. Und diese unlebendigen Gedanken, mit denen man sozusagen machen kann, was man will, stellten sich erst ein seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Das ging so allmählich weiter, bis dann im 15. Jahrhundert das Bewußtsein, das wir heute noch haben, deutlich ausgeprägt war.
[ 8 ] Aber was folgt denn daraus für die Entwickelung der Menschheit? Im 4. nachchristlichen Jahrhundert entstand der Anlauf zu einem intellektuellen, abstrakten Denken. Das heißt aber nichts anderes, als: das Mysterium von Golgatha, das Erscheinen des Christus auf der Erde fiel in eine Zeit, wo die menschliche Seele noch von lebendigen Gedanken erfüllt war. In dieser Beziehung ist in der Tat der Menschheit in bezug auf ihr Bewußtsein viel verlorengegangen. Zwar hat die Menschheit dadurch sich die Freiheit erobert, aber ihr ist dennoch viel verlorengegangen. Als der Christus auf der Erde erschien, da wurde er noch empfangen von einer gewissen Zahl von Menschen, die noch ein innerlich lebendiges reges Denken hatten, die in dem Denken noch Reste von dem vorirdischen Dasein hatten. Und diese Menschen stellten sich in einer ganz andern Weise als die Menschen der späteren Zeit zum Mysterium von Golgatha. Bedenken Sie nur einmal recht: Bis in diese Zeit sagten sich die Menschen - sie sprachen es nicht deutlich aus, es war damals alles mehr in Bilder getaucht, aber es war ein Bewußtsein davon da.-, ich bin jetzt auf der Erde, ich habe auf ihr als Erdenmensch mein Denken, aber das weist mich zurück durch Geburt und Empfängnis in ein vorirdisches Dasein, in eine andere Welt, aus der ich heruntergestiegen bin. - Man empfand sich hier als Fortsetzung dessen, was man im vorirdischen Dasein war. Sie waren sich darüber klar, die damaligen Menschen, daß sie mit dem Erdendasein ein früheres, vorirdisches Dasein fortsetzten, wenn auch in dieser Zeit die Menschen wie durch ein trübes Glas hineinschauten in eine Welt des vorirdischen Daseins. Dieses Bewußtsein, daß der Mensch ein von den Himmeln zur Erde heruntergestiegenes Wesen ist, ging im wesentlichen im 4. nachchristlichen Jahrhundert verloren.
[ 9 ] Von diesem Gesichtspunkte aus betrachteten die Menschen aber auch das Ereignis von Golgatha. Wenn zu diesen Menschen von den Eingeweihten, die es damals noch gab, die nicht so weise waren wie die Eingeweihten der alten Mysterien, die aber immerhin noch Reste der alten Mysterienweisheit hatten, gesprochen wurde von dem Christus, war für sie die Frage diese: Jesus Christus war in derjenigen Welt früher heimisch, in der wir auch darinnengewesen sind, bevor wir zur Erde herabstiegen. Das war seine Welt, nur hat er diese Welt früher niemals verlassen. Es ist ja das Eigentümliche der Erdenmenschen, daß sie heruntersteigen mußten schon seit sehr alten Zeiten. Da sind sie von dem Christus fortgegangen, um auf die Erde herabzusteigen. Wenn in den alten Mysterien die Rede vom Christus war es war von diesem Christus in den alten Mysterien immer die Rede, wenn er auch nicht mit dem Namen «Christus» genannt wurde -, so mußten die Gedanken hinaufgelenkt werden zum vorirdischen Dasein und den Menschen gesagt werden: Wollt ihr von dem Christus etwas wissen, so dürft ihr euch nicht an euer Erdenbewußtsein halten, sondern müßt hinaufschauen zum vorirdischen Dasein.
[ 10 ] Wir müssen schon einiges anführen von diesem vorirdischen Dasein, um zu verstehen, was ich heute ausführen möchte. Wir stehen hier auf der Erde als Erdenmenschen, wir schauen hinauf zur Sonne, wir machen uns Vorstellungen von dieser Sonne, bilden uns sogar Hypothesen über sie aus, wie diese Sonne ein Gasball ist oder so etwas ähnliches. Es ist vom irdischen Gesichtspunkte aus auch selbstverständlich, daß man sich solche Vorstellungen ausbildet, aber man glaubt, daß das von allen Gesichtspunkten aus so wäre. Bevor wir zur Erde herabgestiegen waren, haben wir die Sonne auch gesehen, aber von den Weiten des Kosmos, gewissermaßen von der andern Seite. Da war sie nicht ein physisches Gebilde, sondern der Inbegriff geistiger Wesenheiten, und die bedeutsamste von diesen Wesenheiten für die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha war der Christus. So daß man auch das Folgende sagen kann. Wenn in der vorchristlichen Zeit die Mysterienschüler eingeweiht wurden in dasjenige, was sich später in das Mysterium von Golgatha gewandelt hat, wurde ihnen klar: Der Mensch im vorirdischen Dasein sah die Sonne und nahm den Christus wahr, und wenn er herunterstieg auf die Erde, sah er die Sonne von der andern Seite, aber der Christus verbarg sich ihm, er konnte nur durch Mysterienwissen zu dem Christus hinaufgeleitet werden. - Das empfand man in der ersten Zeit der christlichen Entwickelung als das Wesen des Christentums, daß der große Sonnengeist nun nicht Sonnengeist geblieben war, sondern durch das Mysterium von Golgatha jene Regionen verlassen hat, die von den Menschen nur durchgemacht werden außerhalb des physischen Leibes, und in das Erdendasein hereingekommen ist; daß er die einzige der göttlich-geistigen Wesenheiten war, welche das Erdendasein selber betreten hat. Und wir treffen, allerdings mit den Mitteln der geistigen Forschung, auf Menschen auch in der ersten Zeit der christlichen Entwickelung, die ganz tief in ihrem Gemüt empfanden: Der Christus ist aus der Sphäre der Geister, die nicht durch Geburt und Tod hindurchzugehen brauchen, für die Geburt und Tod nur eine Verwandlung ist, heruntergestiegen und durch Geburt und Tod gegangen.
[ 11 ] Dieses Heruntersteigen des Christus auf die Erde war die ganz wesentliche Empfindung, die man zunächst in der ersten Zeit der christlichen Entwickelung hatte. Das war den damaligen Menschen viel wichtiger, dieses Heruntersteigen, als was auf dieses Heruntersteigen folgte. Daß der Christus Gemeinschaft machen wollte mit den Menschen, daß er die zwei bedeutsamsten Erlebnisse, Geburt und Tod, mitmachen wollte, empfand man in Eingeweihtenkreisen als den eigentlichen religiösen Impuls. Man konnte das nur, weil eben der Mensch noch etwas von einem inneren, lebendigen Denken hatte, weil bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert das Denken noch nicht ganz abgelähmt, ganz abstrakt geworden war, weil es den Menschen noch so ausfüllte wie der Atem heute in physischer Beziehung. Deshalb empfand man, daß er auch das menschliche Schicksal des Herabsteigens vollzogen hatte, was die andern göttlich-geistigen Wesen nicht vollzogen hatten, weil Geborenwerden und Sterben den Göttern nicht eigen ist, sondern nur den Menschen. Das ist das Grandiose im Eingeweihtenglauben der ersten christlichen Jahrhunderte, daß empfunden wurde: Der Christus ist wirklich Mensch geworden, das heißt, er hat wirklich menschliches Geschick auf sich geladen, er ist die einzige der göttlich-geistigen Wesenheiten, die mit dem Menschen dieses Schicksal geteilt hat.
[ 12 ] Nun ist aber notwendig, daß auch ersichtlich vor die Menschenseele hintritt, daß diese Menschenseele, insofern sie der Welt des vorirdischen Daseins angehört, nicht eigentlich sterben kann. Daher ist auch das eingetreten, was wir mit der Auferstehung des Christus verbinden: der Sieg des Christus über den Tod, vorbildlich für den Sieg jeder Menschenseele über den Tod. Und indem, ich möchte sagen, die alte Idee von dem Ungeborensein sich gefügt hat an die neue Idee von dem Auferstehen, die ja auch vorhanden war, aber nicht in derselben Intensität, indem das Ereignis von Golgatha eingetreten war, da war es gewissermaßen der Ausdruck für ein Allerwichtigstes in der menschlichen Erdenentwickelung.
[ 13 ] Als das Denken noch lebendig war, fürchtete der Mensch sich nicht im allergeringsten vor dem Tode. Der Tod war ja für ihn kein außergewöhnliches Ereignis. Das ist etwas außerordentlich Wichtiges in der Geschichte der Menschheitsentwickelung, daß die Menschen den Tod ganz anders genommen haben, als etwas ganz Selbstverständliches, während, als die Menschen das Bewußtsein von dem vorirdischen Dasein immer mehr und mehr verloren haben, das abstrakte Denken, das den physischen Leib zum Werkzeug hat, immer mehr die Furcht vor dem Tode brachte und den Glauben, daß der Tod etwas Abschließendes sei. Die alte Menschheit brauchte wenig die Auferstehungsidee, sondern die des gemeinsamen Herabsteigens mit dem Christus. Aber indem die Menschen immer mehr und mehr vorrückten zum abstrakten Denken, brauchten sie immer mehr einen Ausblick aus dem irdischen Dasein, einen Ausblick nach der Seite der Unsterblichkeit hin. Und dieser Ausblick ergibt sich der Menschheit aus dem richtigen Hinschauen auf die Auferstehungstatsache des Christus. Diese Tatsache habe ich in Büchern, Vorträgen und Zyklen mannigfaltig dargelegt. Beide Tatsachen, das Herabsteigen des Christus zu Geburt und Tod und die Auferstehungstatsache, die des Sieges über den Tod, konnte der Menschheit bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert hinein empfindungsgemäß klar sein, weil das lebendige Denken noch vorhanden war. Von dem 4. nachchristlichen Jahrhundert ab, indem immer mehr das abstrakte Denken heraufrückte, wurde die Menschheit immer unfähiger, Gedanken mit dem Inhalt des Mysteriums von Golgatha zu verbinden. Und es ist schon das Schicksal der Menschheitsentwickelung, daß in dem Zeitalter, in dem die Menschheit sich durch das abstrakte Denken ihre Freiheit errang, durch das im Verhältnis zur geistigen Welt tote Denken das Verständnis für den Christus Jesus, das ja in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten vorhanden war, verlorengehen mußte. Es ist verlorengegangen, namentlich aus dem Grunde, weil jene Schriften, die mit dem heute schon fast zum Schimpfwort gewordenen Worte gnostische Schriften bezeichnet werden, bis auf einige Reste, mit denen aber literarisch nicht viel zu unternehmen ist, mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden sind. Dasjenige, was in den ersten Jahrhunderten gedacht worden ist von denen, die noch etwas gewußt haben vom lebendigen Denken, wurde vernichtet; das kennen wir nur aus den Schriften der Gegner. Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn durch irgendeinen Zufall alle anthroposophischen Bücher und Schriften verschwänden, und dasjenige, was Anthroposophie ist, auch nur aus den Schriften der Gegner beurteilt werden müßte! Soviel wissen die Leute, die sich nur auf die äußeren Dokumente verlassen, heute von der Gnosis. Jenes ganz ungeheuere Christus-Verständnis der Gnosis, das sie in sich schlossen, ging der Menschheit ganz verloren. Vor allen Dingen ging ganz das Bewußtsein verloren, daß der Christus mit der Sonne etwas zu tun habe und daß der Christus herabgestiegen ist und ein mit der Menschheit gemeinsames Schicksal auf Golgatha durchgemacht hat. Alle diese Zusammenhänge, namentlich die Gefühle, die mit diesen Dingen verbunden sind, gingen der Menschheit verloren. Immer mehr kamen die abstrakten Auslegungen, die abstrakten Gedanken heraus.
[ 14 ] Einen derjenigen, die aus dem Charakter des Zeitalters heraus nach einem Verständnis des Christentums rangen, sehen wir in Augustinus. In diesem Augustinus sehen wir einen Geist, der nicht mehr verstehen konnte die alte Form der Naturanschauung. Sie wissen, es wird erzählt, daß Augustinus Manichäer war. Augustinus erzählt es selber. Aber dasjenige, was hinter allen diesen Dingen ist, kann heute mit dem äußeren Erkennen nicht mehr richtig durchschaut werden. Was Augustinus Manichäer nennt, was man heute Manichäerlehre nennt, ist ja nur das verkommene Produkt einer uralten Lehre, die sich den Geist nur als schöpferisch vorstellte und keinen Gegensatz zwischen Materie und Geist kannte. Es war kein Geist da, der nicht schuf, und was er schuf, merkte man als Materie. Ebensowenig hatten diese alten Zeiten einen Begriff von der bloßen Materie, sondern in allem war Geist darin. Das war etwas, was Augustinus nicht verstehen konnte, was die Gnosis verstand, was man später nicht mehr verstand und was auch unsere Gegenwart nicht mehr versteht. Es ist so, es gibt keine Materie für sich. Die Gnostiker wußten davon und sahen das ganze Herabsteigen des Christus im Lichte dieser Anschauung. Augustinus konnte damit nichts mehr machen. Das Zeitalter war vorbei, die Möglichkeit, etwas damit zu machen, war nicht mehr, weil man die Dokumente vernichtet hatte, auch war das alte Hellsehen verglommen. So kam Augustinus nach langem, schier übermenschlichem Ringen dazu, sich zu sagen, er könne nicht von sich aus zur Wahrheit kommen, sondern müsse sich fügen dem, was die katholische Kirche als Wahrheit vorschreibt: sich unter die Autorität der katholischen Kirche beugen. Und diese Stimmung - nehmen Sie es zunächst als Stimmung -, die blieb, lebte namentlich dadurch, daß das Denken immer abstrakter und abstrakter wurde. Wirklich langsam und allmählich wurde erst das Denken abgelähmt.
[ 15 ] Und die Scholastiker in ihrer Größe - sie sind groß -, sie lebten noch in einer Spur von Wissen, daß das Denken auf Erden abstammt von einem überirdischen Denken, daß der Mensch lebt in einem himmlischen Denken. Aber unter dieser Entwickelung ging die Möglichkeit immer mehr verloren, mit dem Ereignis von Golgatha etwas Lebendiges zu machen. Und es ist doch wirklich eigentlich so, daß der fortschrittlichen Theologie des 19. Jahrhunderts, weil sie im modernen Sinne wissenschaftlich werden wollte, der Christus verlorengegangen ist, und daß die Theologie froh war, zuletzt noch zu haben den «schlichten Mann von Nazareth». Der Christus war nurmehr «der höchste Mensch auf Erden». Von dem Innewohnen des Christus in dem Jesus konnte man sich keine Vorstellung mehr machen.
[ 16 ] Und so ist eigentlich die Entwickelung seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert ein Verlorengehen des Zusammenhanges des Menschen mit dem Christus in jener lebendigen Weise, wie es bei vielen vorhanden war in den ersten Jahrhunderten des Christentums. Und so kam es auch, daß man zuletzt immer weniger und weniger den Inhalt der Evangelien verstand. Den Menschen, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums gelebt haben, wäre es ganz sonderbar vorgekommen, von Widersprüchen in den Evangelien zu sprechen. Es ist so, wie wenn jemand nur das Bild eines Menschen en face kennt, und nun brächte ihm jemand eine Photographie, die das Profil aufgenommen hat, und er sagte: Das kann nicht das Bild von demselben Menschen sein. — So wäre es den Menschen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte vorgekommen, wenn man ihnen von Widersprüchen der Evangelien gesprochen hätte. Sie wußten sehr gut: Die vier Evangelien stellen nur das Bild von vier verschiedenen Seiten dar. - Der Mensch der heutigen Zeit würde sagen: Das sind ja sonderbare Darstellungen, die sind ja von allen Seiten verschieden. - In der geistigen Welt ist eben alles viel reicher.
[ 17 ] Immer mehr kam dann die Zeit, in der man im alten Sinne von dem Ereignis von Golgatha nichts mehr kannte. Nun ist ja das Ereignis von Golgatha ein solches, das nur vom geistigen Gesichtspunkt aus begriffen werden kann. Es ist interessant, daß die Geschichtsschreiber in der Regel sich um das Ereignis von Golgatha herumdrücken. Da haben wir nun den Geschichtsschreiber Ranke, der als ein vorzüglicher Geschichtsschreiber gilt, der erklärt: Darüber redet man nicht, das läßt man aus. - Wenn man das Allerwichtigste aus der Geschichte ausläßt, so kann keine Geschichte entstehen. Selbst wenn man nicht einen Zusammenhang mit der geistigen Welt hat, also das Mysterium von Golgatha nicht verstehen kann, müßte man doch den ungeheueren Einfluß zugeben. Aber es wird heute Geschichte geschrieben, ohne die ungeheuere Wirkung des Mysteriums von Golgatha zu verzeichnen. Es kam immer mehr die Fähigkeit abhanden, hinzuschauen in richtiger Weise auf das Mysterium von Golgatha.
[ 18 ] Wir können aber auch die Sache von ganz andern Seiten betrachten, können uns sagen: Die Menschheit kam im Laufe ihrer Entwickelung vor die Notwendigkeit, den Christus in ihrer Mitte haben zu müssen. Immer mehr und mehr kam den Menschen abhanden das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit mit dem vorirdischen Dasein. Auf das schauten sie nicht mehr hin. Die Menschen wußten zuletzt nur, daß sie dastehen seit ihrer irdischen Geburt. Da kam der Christus zu ihnen, um ihnen durch sein Herabsteigen zu zeigen, daß es ein vorirdisches Dasein gibt, um ihnen ein Verständnis zu geben für dasjenige, was in ihrem eigenen Bewußtsein nicht mehr leben konnte. Da die Menschen in ihrem eigenen Bewußtsein nicht mehr den Zusammenhang hatten, sollten sie einen neuen Zusammenhang gewinnen durch ihr Verhältnis zum Christus, der durch das Ereignis von Golgatha gegangen war, Der Christus hatte sich gewissermaßen selbst der Menschheit geschenkt in derjenigen Zeit, in der allmählich heranrücken sollte die Epoche, in welcher die Menschheit zur Freiheit aufsteigen sollte. Nun war, als das Denken immer abstrakter wurde, keine Möglichkeit mehr da, in Gedanken hinzuschauen auf das Mysterium von Golgatha. Aber der Inhalt der neutestamentlichen Geschichte war ein so sehr hinreißender, ein so sehr in das Gemüt herein sprechender, daß eben durch die rein äußeren Traditionen dasjenige einige Zeitlang noch bleiben konnte, was mit den Gedanken nicht mehr aufgefaßt werden konnte.
[ 19 ] Gehen wir durch die erste Zeit, insoferne sich das Christentum ausbreitet. Da sehen wir, wie die Traditionen vorhanden sind, die zuletzt doch aus den Evangelien fließen, wie das kindliche Gemüt sich immer mehr des Bildes der palästinensischen Ereignisse bemächtigt. Aber wir sehen zu gleicher Zeit, wie im erkenntnismäßigen Erleben das Mysterium von Golgatha verlorengeht. In demselben Maße, als das tote Denken auftrat, verdunkelte sich auch die kindliche Erinnerung an die palästinensische Zeit, verloren die Menschen ihren Zusammenhang mit dem Christus Jesus, und man war froh, wenn man noch den Zusammenhang mit dem Menschen Jesus erhalten konnte. Nun stehen wir in unserer Gegenwart; da ist eigentlich — die Menschen bemerken es nur noch nicht -— das Bewußtsein des Zusammenhanges mit dem Christus Jesus schon verlorengegangen. Traditionell verbleiben die Menschen bei den Bekenntnissen, und einen lebendigen inneren Zusammenhang mit dem Christus Jesus haben sie nicht. Man braucht sich nur anzusehen, wie äußerlich die Jahrfeste geworden sind! Wie äußerlich ist das Osterfest geworden für den Menschen der Gegenwart, während das Osterfest den Menschen früherer Zeit so war, daß die Menschen in tiefster Innerlichkeit etwas durchmachten, was man als eine Erinnerung an das Mysterium von Golgatha ansprechen kann.
[ 20 ] Der Christus hat sich den Menschen gegeben in einer Zeit, wo die Menschheit ausbilden mußte das Freiheitsbewußtsein. Dazu hat sie es in gewissem Sinne gebracht. Sie würde sich aber veräußerlichen, wenn nicht der Zusammenhang mit dem Christus wieder gefunden werden könnte. Der kann nicht anders gefunden werden, als wenn wir anfangen, eine geistige Erkenntnis zu suchen. Geistige Erkenntnis, wie sie Anthroposophie sucht, wird wieder den Zusammenhang mit dem Christus Jesus finden. Dieser Zusammenhang kann nur geistig gefunden werden. Was auf Golgatha geschehen ist, ist nicht nur ein Ereignis, das hereingegriffen hat in die physisch-irdische Menschheitsgeschichte, sondern auch ein geistiges Ereignis. Niemand kann das Ereignis von Golgatha verstehen, der es nicht im Geiste verstehen will. Daher ist anthroposophische Geisteswissenschaft zugleich eine Vorbereitung für ein neues Verständnis des Christus und des Mysteriums von Golgatha. Wenn wir diese Tatsache so betrachten, werden wir erinnert an das bedeutungsvolle Evangelienwort: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Erdenzeiten.» Es strahlt von diesem Worte die Gewißheit aus, daß er nicht bloß da war, als das Ereignis von Golgatha abgelaufen ist, daß er dableibt bei den Menschen als Geistwesen, im Geiste auffindbar. Wir dürfen daher nicht bloß das als christlich ansehen, was aus den Evangelien erstrahlt, sondern wir wissen: Christus ist bei uns, und wenn wir heute, ausgerüstet mit geistiger Erkenntnis, hinhorchen darauf, was uns die geistige Welt über ihn offenbart, so ist das Christus-Offenbarung. Es ist Christus-Offenbarung ebenso wie das, was wir gewinnen, wenn wir auf die Evangelien hinblicken.
[ 21 ] «Ich hätte euch noch viel zu sagen, allein ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen», das ist der Hinweis auf jene Zeit, wo der Christus neu gesehen werden soll. Und jetzt nahen sich diese Zeiten, sie sind schon da. Die Menschheit würde den Christus verlieren, wenn sie nicht auf neue Weise in geistiger Erkenntnis den Christus gewinnen könnte. Dadurch muß uns sehr viel erst wieder verständlich werden, was in alter Zeit mit dem Mysterium von Golgatha verbunden worden ist, was aber verlorengegangen ist, weil das geistige Verständnis dafür verlorengegangen ist. Wie plagen sich doch mit dem heutigen Intellektualismus die Menschen mit dem Worte, welches der Christus gesprochen haben soll: daß das Gottesreich heruntergekommen ist auf die Erde, daß ein ganz neues Leben anfangen soll. - Es ist so unendlich gescheit, heute zu sagen: Es ist doch auf der Erde alles gerade so geblieben, wie es war! - Das ist selbstverständlich gescheit, aber man muß die andere Frage aufwerfen aus dem Geiste des ChristusWortes heraus: Ist das auch im Sinne eines richtigen christlichen, geistigen Verständnisses gesprochen, zu glauben, daß da irgendein äußeres Geistesreich aufgerichtet werden soll? - Ein äußeres Geistesreich wäre ja physisch! Diesen Widerspruch merkt man nicht! Aber es ist höchst merkwürdig, daß man in der heutigen Zeit eigentlich recht gescheit geworden ist, doch die Gescheitheit auf dem eigenen Gebiete nicht recht würdigen kann.
[ 22 ] Ich möchte, wenn uns das auch vom eigentlichen Thema abführt, Sie auf etwas recht Interessantes hinweisen. Der Wiener Geologe Eduard Sueß, ein ausgezeichneter Forscher, spricht in seinem Buche über «Das Antlitz der Erde» davon, daß das Antlitz der Erde ganz anders gewesen sein muß, die Steine viel lebendiger als heute, daß man heute eigentlich schon auf einer toten Erde geht. Die Schollen, auf denen wir gehen, gehören einer absterbenden Welt an. Der Geologe nimmt an, die Erde war einmal lebendiger und ist allmählich in den toten Zustand übergegangen. Da sagt Sueß für ein ganz anderes Gebiet etwas ganz ähnliches, wie der Christus gesagt hat für das geistige Leben der Erde. Wenn nur das da wäre, daß die Erde zerfiele in einer fernen Zukunft, in der die Erde in der Welt zerstäubt, wenn es nicht mit der Erde geradeso wäre wie mit dem Menschen - der Leib zerfällt in Staub, sein Geist aber lebt weiter —, dann würden wir alle in diese Zerstreuung mit hineingehen. Mit dieser Erde schauen wir auf das, was in das Jupiterdasein hinaufführt. Wir schauen da schon eine neue Erde.
[ 23 ] Für das Physische ist diese Anschauung vom Zerfall der Erde richtig, für das Geistig-Seelische gilt ein anderes. Für die alten Eingeweihten der Zeit des Mysteriums von Golgatha war es klar: Mit der alten Zivilisation, mit den alten Mysterien ist es zu Ende. So, wie die alten Menschen mit ihren Göttern gelebt haben, ist es zu Ende. So, wie sie mit den Naturerscheinungen zusammengelebt haben, ist es zu Ende. Aber die Götter schicken den Menschen die Möglichkeit, einer Zukunft entgegenzugehen mit dem Geiste. Was in alter Zeit an Erkenntnis aus der Erde herausgesogen worden ist, das ist Vergangenheit. Eine neue Zeit muß kommen, wo der Mensch durch seinen eigenen Willen ein Reich beginnen muß, wo der Mensch aus eigener Kraft das tote Denken wieder beleben kann. Das war eine Prophetie zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Äußerlich kam auch dieses Reich heran. Begriffen werden, aufgenommen werden kann es erst von den Menschen der Gegenwart. Jetzt müssen wir fühlen, daß das Gottesreich, von dem der Christus spricht, von uns gesehen werden muß auf der Erde, indem der Christus auf der Erde wirkt. Das muß Erfüllung werden auf der Erde, und die Erfüllung dieses Gottesreiches muß mit Ernst erfaßt werden gerade in dieser unserer Gegenwart. Wir erleben es auf allen Gebieten, wie der Mensch beginnt, vor der Gefahr zu stehen, abgeschnitten zu werden von den geistigen Welten und von seinem eigentlichen Wesen, wenn er nicht den Zugang findet zur spirituellen Welt. Der Mensch kommt mit der Naturwissenschaft nicht an den Menschen heran.
[ 24 ] Nehmen Sie den großen Riß, der heute zwischen Alter und Jugend besteht. Ein Gegensatz bestand schon immer, aber so stark bestand er nicht wie heute. Ganz besonders eines muß man an ihm verstehen. Viele Menschen sagen, die Alten können nicht wirken für die Jugend, weil sie sich die Kindlichkeit nicht bewahrt haben. Das sieht furchtbar schön aus, es ist aber nicht so. Die Jugend verlangt nicht von uns, daß wir uns so jung gebärden sollten, wie die Jugend selber ist, sonst sagt die Jugend instinktiv: Das, was die können, können wir auch. Die brauchen wir ja dann gar nicht, da können wir ja unter uns allein bleiben. - Was wir verstehen müssen, ist, in richtiger Weise alt zu werden, in voller Frische den gealterten Menschenleib zu gebrauchen. Die jungen Leute lieben nicht die altgewordenen Kindsköpfe, sondern die richtig Altgewordenen, die liebt die Jugend. Die Jugend möchte gerade zu alten Leuten aufblicken, weil sie da anderes findet, was sie selbst nicht hat. Aber wir haben in der Menschheit die Fähigkeit verloren, recht lebendig geistig zu sein. Wenn das eigentliche Kindheitsfeuer vorüber ist, dorten wir aus. Der Körper wird nur älter, aber wir hantieren mit dem alten Körper so, wie wir als Kinder mit ihm hantiert haben. Wir müssen die Möglichkeit gewinnen, auch ohne daß uns unser Leib zu Hilfe kommt, unsere Gedanken aus der geistigen Erkenntnis heraus zu spiritualisieren, wiederum als lebendige Gedanken durch unseren eigenen Willen neu zu schaffen, die Auferstehung der Gedanken zu erzeugen in uns. Was in uns an totem Denken ist, muß so ein lebendiges Denken werden. Dann wird dieses lebendige Denken eindringen können in das Mysterium von Golgatha, dann werden wir erst, wie mit einem wahren Opfer des Denkens und Fühlens, lebendig in uns wiederholen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»
[ 25 ] Dieses Wort bedeutet auch für unser Zeitalter etwas ganz Gewaltiges. Das Ich-Bewußtsein haben wir uns errungen durch das unlebendige Denken. Mit dem alten, lebendigen Denken hätte dieses nicht errungen werden können. Wir haben es nun, dieses Ich-Bewußtsein, aber es muß innerlich durchglüht und durchgeistigt werden, indem wir diese Worte richtig aussprechen lernen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Wir müssen in dieses unser innerstes Wesen, das wir uns aneignen müssen durch geistige Erkenntnis, den Christus aufnehmen können. Das ist etwas, das wir als Menschen heute nur erreichen können, wenn wir uns durchdringen können mit dem eigentlichen Willen des anthroposophischen Lebens. Und im Grunde genommen wird Anthroposophie nicht eine neue Religion sein wollen. Die christliche Religion ist ja schon da. Indem der Mensch zum Christus geführt wird, gründet er nicht eine neue Religion, aber er braucht einen neuen Weg zum Christentum. Und ein neuer Weg zum Christentum eröffnet sich durch Anthroposophie. Sie ist es, die den neuen, heute so notwendigen Weg zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha eröffnet.
[ 26 ] Das ist, was ich anschließen möchte an das hier Gesagte. Denn es ist schon das Rechte, wenn wir von Zeit zu Zeit versuchen, diesen Mittelpunkt der ganzen Menschheitsentwickelung, das Mysterium von Golgatha, beleuchtet von Anthroposophie, richtig vor unsere Seele treten zu lassen. Denn wahrhaftig, der Gang der Menschheitsentwickelung ist ein solcher: Die Erde entwickelt sich bis zum Mysterium von Golgatha hin, dann geht eine gewaltige Befruchtung der Erde aus dem geistigen Kosmos heraus und ein Weiterleben der Erde unter ganz neuen Verhältnissen vor sich. Nur dadurch, daß man diese religiöse Nuance in das anthroposophische Verständnis hereinbringt, heben wir es auf dasjenige Niveau, das es bekommen muß, wenn es den tiefsten Sehnsuchten der Menschen von heute entgegenkommen will.
[ 27 ] Indem wir uns so in die wichtigste Angelegenheit der Menschheit bei diesem unserem Zusammensein haben vertiefen dürfen, darf ich Ihnen meine tiefe Befriedigung ausdrücken, daß ich habe wiederum einmal in Ihrer Mitte weilen dürfen. Und ich darf wohl auch die Empfindung so zum Ausdrucke bringen, daß dasjenige, was wir gepflegt haben im räumlichen Zusammensein, fortleben möchte, wenn wir räumlich auseinander sind. Anthroposophie möchte auch für das ganze geistige Dasein des Menschen ein Symbolum sein. Wir müssen es durch Anthroposophie fühlen können, daß das räumliche Beieinandersein als Ausgangspunkt gelten muß für ein unräumliches Beisammensein, in dem sich alle für die Anthroposophie verständnisvollen Seelen, die es in der Welt gibt, zusammenfinden können. Es gibt diese seelisch-geistige Gemeinschaft für solche, die sie heute suchen. Und innerhalb dieser wird auch der Christus am intensivsten wirken können, nachdem er sich mit der Erdenentwickelung vereinigt hat im Mysterium von Golgatha und auf ein Zeitalter wartete, das ihn nicht bloß aus der Tradition heraus, sondern in Gedanken, Gefühl und Wollen verstehen kann. In all dieses dringt ein gerade dasjenige Wollen, das ich das durchchristete Wollen nennen möchte: «Du sollst den Namen Gottes nicht eitel aussprechen!» Hieraus handeln und hieraus denken, mit allen Gleichgesinnten in Gemeinschaft, in geistigen Gedanken, das wird dann auch eine richtige Gemeinschaft in äußeren Dingen werden können.
