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The Rudolf Steiner Archive

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Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Individualitäten
Die Verinnerlichung der Jahresfeste
GA 224

28 April 1923, Prague

6. Drei Etappen des Erwachens der menschlichen Seele

[ 1 ] Heute möchte ich esoterisch einiges hinzufügen dem, was ich gestern im öffentlichen Vortrag sprechen durfte. Geradezu eine Art esoterischer Ergänzung soll es sein, was ich heute zu Ihnen sprechen möchte. Wenn der Mensch aus jenem Dasein, das ich gestern das vorirdische genannt habe, zuerst durch das Keimesleben hereinwächst in das physisch-irdische Dasein, so sehen wir, wie in diesem physischen Dasein das Geistig-Seelische, das im Anfang verborgen ist, sich aus dem physischen Leibe heraus geltend macht, wie das Kind gleichsam hereinschiäft in die physische Erdenwelt. Wir sehen, daß das Leben des Kindes im Verhältnis zur Umwelt geradezu noch eine Art Träumen ist, daß es allmählich erst erwacht. Dreierlei aber finden wir, das an besonders hervorragenden Punkten die Stufen dieses Erwachens darstellt. Von diesem Dreierlei wird einiges mit jener innigen Freude beobachtet, mit jener hingebungsvollen Liebe, mit der man das Kind, wenn man ein voller Mensch ist, immer beobachtet. Aber die volle Bedeutung dieser Dreiheit geht einem eigentlich erst auf, wenn man durch Geisteswissenschaft das geistig-seelische Leben im physisch-leiblichen Dasein beobachten kann. Diese Dreiheit ist das Gehenlernen, das Sprechenlernen und das Denkenlernen. Sie wissen, in einem wie frühen Lebensalter der Mensch diese Dreiheit durchmacht. So ist nämlich die sinngemäße Reihenfolge. Wir werden gleich sehen, warum diese sinngemäße Reihenfolge so sein muß. Sie kann anders sein, das Naturgemäße ist aber doch diese Reihenfolge.

[ 2 ] Das Gehenlernen ist etwas, was nur in ganz einseitiger Weise auf eine Reihe von Dingen hinweist, welche sich das Kind zugleich aneignet. Das Kind tritt ja so in die Welt, daß es in einer ganz andern Gleichgewichtslage darin ist als derjenigen, in der es sich später in der Welt bewegt. Zugleich ist damit der richtige Gebrauch der Arme verknüpft, auch die richtige Einstellung des menschlichen Organismus in die Lage, die dem Menschen gegenüber der Welt die entsprechende ist, in die dem Menschen entsprechende Bewegungsfähigkeit im irdischen Dasein. Das ist, was das Kind zunächst lernen muß. Aus dem, was sich da der Mensch an Beweglichkeit aus seinem Organismus aneignet, fließt, was ihn einordnet in die Gleichgewichtslage gegenüber dem Festen, Flüssigen, Gasförmigen. In alledem liegt die Grundlage, der Boden für etwas anderes. Indem der Mensch diese ganze Betätigung vornimmt, das Gehenlernen, das Gleichgewicht, die Arme und Finger gebrauchen lernt, wirken jene Bewegungen, die in seinem ganzen System sich vollziehen, herauf in dasjenige System, das der menschlichen Sprache zugrunde liegt. Das spannt die Muskeln an, das bewegt das Blut, übt einen Einfluß auf den ätherischen Leib des Menschen aus, überträgt sich auf jene physischen, ätherischen, astralischen Organe der Atmung, das setzt sich fort, übt eine gewisse plastische Tätigkeit an dem Gehirn aus. Man möchte sagen, es überträgt sich auf diejenigen Organe, die aus dem Menscheninneren durch Nachahmung seiner Umgebung die Sprache herausbringen. Die Sprache ist umgesetzte Bewegung und umgesetztes Gleichgewicht des Menschen. Wer sich aus der Anschauung des Geistig-Seelischen die Wirklichkeit zur Erkenntnis bringen kann, sieht, wie im melodiösen Element der Sprache weiterwirkt die Geschicklichkeit — nicht die fertige, sondern die Anstrengung, die das Kind machen muß, um jene Geschicklichkeit zu erwerben, die unsere Hand beim Greifen ausübt. Was Rhythmus der Sprache ist, drückt sich aus in der Art, wie die Füße aufgesetzt werden, in den Gehbewegungen. Es ist sehr bedeutungsvoll zu beobachten, ob das gehenlernende Kind zuerst mit den Fersen, den Ballen oder den Zehen auftritt. Aus der Sprache wächst heraus, was aus dem Menschen herausschießt als kindliches Denken. Gehen, Sprechen, Denken: aus jenem dumpfen, traumhaften Bewußtseinszustand entwickelt sich das heraus. Wenn der Mensch geboren worden ist und das noch nicht kann, so ist diese Kraft doch im Kinde vorhanden in der letzten Nachwirkung, so wie sie im vorirdischen Dasein vorhanden ist. Geisteswissenschaft kann uns zeigen, wie das im vorirdischen Dasein vorhanden ist. Die ersten Sprachlaute sind nicht solche, welche Denken wiedergeben, sondern gehen hervor aus dem körperlichen Wohl- oder Mißbehagen.

[ 3 ] Wie hat sich nun Gehen, Sprechen, Denken ausgenommen im vorirdischen Dasein? Wer die Äußerungen dieses Denkens sieht, so wie es ausfließt aus dem Kinde, indem er es rückläufig betrachtet, dem verschwindet es in einem unbestimmten Dunkel. Es taucht ihm erst wieder auf in der letzten Zeit vor der irdischen Geburt. Da schaut man die geistig-seelische Wesenheit des Menschen in einem geistigen Verkehr mit jener Schar von Wesenheiten, die ich beschrieben habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» als Angeloi. Es ist ein Verkehr, der sich so charakterisieren läßt, daß man sagt: Da werden Gedanken nicht abstrakt gedacht und ausgesprochen, sondern es fließt ein lebendiger Gedankenstrom hin und her von Wesenheit zu Wesenheit; ein lebendiger Verkehr mit den Angeloi entsteht. Aus dem, was in die menschliche Seele an Kraft eingeflossen ist, entwickelt sich etwas, was vom Menschen wie verschlafen wird im Keimesleben, das sich aber später auftretend als Kraft des Denkens, des Vorstellens zeigt. Und wir haben dieses, um zum richtigen Verkehr mit den Menschen zu kommen. Denken Sie, was wir wären, wenn wir keine denkenden Wesen wären, was wir wären als Menschen untereinander! Alles, was wir als Menschen untereinander sind, sind wir dadurch, daß wir denkende Wesen sind. Hier auf der Erde verständigen wir uns als Mensch zu Mensch durch das Denken, das wir in die Sprache hineinlegen. Diese Art, wie wir uns hier durch das Denken verständigen, diese Art haben wir aus dem vorirdischen Verkehr mit den Engeln. Da können wir allerdings jenen Verkehr, wie mit den Engeln, auch mit den andern Menschen pflegen, die im vorirdischen Dasein sind; das nimmt sich aus wie eine unmittelbare Gedankensprache. Erhaben darüber ist aber der Verkehr mit der Hierarchie der Engel, denn der gibt nicht nur Befriedigung für die Seele, sondern Kraft, die wiedererscheint im Denken, welches das Kind auf der dritten Stufe seines irdischen Lebens sich aneignet.

[ 4 ] Sehen wir nun auf die zweite Stufe, auf die Sprache. Sie ist nicht so sehr gebunden nur an das Sinnes-Nervensystem wie das Denken. Die Sprache ist gebunden an das Brustsystem, das rhythmische System des Menschen, an das, was sich auslebt in der Atmung, in der Blutzirkulation. Wenn wir das, was sich da dem Kind entringt, die äußere Welt nachahmend in der Sprache, zurückverfolgen bis in das vorirdische Dasein, dann finden wir, daß der Mensch diese Kräfte aus jenem Verkehr hat, den er im vorirdischen Dasein pflegen durfte mit der zweiten Hierarchie, den Erzengeln, den regierenden Wesenheiten der Volksstämme, die diese Aufgabe haben, eben weil sie mit dem Menschen die Beziehung haben, die jetzt gekennzeichnet wurde. Diese Kräfte, die der Mensch bekommt im Verkehr mit den Erzengeln, sie tauchten unter in die Nacht und kommen erst wieder zum Vorschein in den Kräften des irdischen Sprachlebens, durch das wir uns mit andern Menschen verständigen. Was wären wir als Menschen untereinander ohne Sprache, wenn wir nicht das Ätherische der Gedankenwellen hineingießen könnten in die gröberen Luftwellen, die die Sprache vermitteln! Die Kräfte, die bewirken, daß unser rhythmisches System der 'Träger einer dichteren Offenbarung wird, haben wir von der Hierarchie der Archangeloi. Und so können wir das verfolgen, indem wir zurückgehen zum vorirdischen Dasein. Wir können nicht nur im Abstrakten sagen, der Mensch lebt da zwischen geistigen Wesenheiten-, sondern wir können in ganz bestimmter Form sagen, was uns diese oder jene Art von Wesen für eine Gabe für das Erdenleben verliehen hat. Wir danken diesen Geistwesen, das heißt, wir setzen uns zu diesen Wesenheiten in ein richtiges Verhältnis, wenn wir sagen: Für mein Denken danke ich den Angeloi, für die Sprache danke ich den Archangeloi.

[ 5 ] Gehen wir nun zurück zum ersten, was das Kind lernt: zum Gehen, zum Lernen der Gleichgewichtshaltung. Damit ist mehr verbunden, als man gewöhnlich denkt. Verbunden ist damit das Heraufholen eines ganz bestimmten physischen Vorganges durch das Ich, der den Menschen aus dem kriechenden zu einer gehenden Wesen macht. Das Ich ist es, das den Menschen aufrichtet, der Astralleib ist es, der in die Sprachempfindung hineinwirkt in dem aufrechten Wesen, der ätherische Leib ist es, der das alles mit Denkkraft durchdringt. Sie wirken aber alle hinein in den physischen Leib. Wenn wir das Tier betrachten, das sein Rückgrat parallel zur Erdoberfläche hat, so ist das Tun, das Sich-Bewegen, Handeln, alles, was aus dem Astralen hervorgeht, etwas ganz anderes als beim Menschen, der als ein wollendes Wesen aus seiner aufrechten, senkrechten Natur heraus handelt. Was beim Menschen Zustände sind, die sich so im Ich, Astralleib und Ätherleib abspielen, das ist im physischen Leibe eine Art Verbrennungsprozeß. Hier ist der Punkt, wo unsere physische Wissenschaft, wenn sie sich wird vervollkommnen wollen, den Zusammenschluß mit Anthroposophie wird finden können.

[ 6 ] Man muß sagen: Die Verbrennungsprozesse beim Menschen sind ganz andere als beim Tier. Wenn die Flamme des organischen Wesens horizontal wirkt, vernichtet sie das, was aus dem Gewissen kommt, es kann nicht hereinwirken, was aus dem Moralischen kommt vom Gewissen. Daß sie beim Menschen durchströmt wird vom Gewissen, beruht darauf, daß die Willensflamme beim Menschen senkrecht auf dem Erdboden steht. In diesen Einschlag des Moralischen, des Gewissenhaften, versetzt sich das Kind ebenso wie in die äußere physische Gleichgewichtslage. Mit dem Gehenlernen schießt in den Menschen hinein die moralische Menschennatur, ja sogar das religiöse Durchsetztsein der Menschennatur. Das sind wahrhaft erhabene Kräfte, die da einwirken, wenn das Kind übergeht aus der kriechenden in die gehende Bewegung. Diese Kräfte, wenn wir sie zurückverfolgen durch das Dunkel des Kindesbewußtseins, sie führen uns zu einem noch höheren Umgang des Menschen mit den Wesenheiten, die wir Urkräfte, Archai nennen. Das alles wirkt nach, was der Mensch im vorirdischen Dasein durchgemacht hat. Wenn wir der gebetsartigen Formel: Für mein Denken danke ich den Angeloi, für die Sprache danke ich den Archangeloi — hinzufügen wollen ein drittes, so müssen wir sagen: Für mein Hineingestelltsein in das irdische Dasein nach physischen und moralischen Kräften danke ich den Archai, die es von noch höheren Wesenheiten haben.

[ 7 ] Und nun können wir uns die Frage beantworten: Wie kommt es, daß der Mensch, der ein Helligkeitsbewußtsein hatte vor der Geburt, dann ein dumpfes Bewußtsein hereinbringt? Ja, darin taucht dasjenige unter, was wir zusammenfassen können unter den Begriff Geh.kräfte, Sprachkräfte, Denkkräfte, die wir von den höheren Hierarchien hereinbekommen haben, um sie zu verwandeln. Wir sehen daher, wie das, was uns zu Menschen macht, wodurch wir Menschen unter Menschen sind, uns im Zusammenhang mit den höheren göttlich-geistigen Welten zeigt. Diese göttlich-geistigen Welten betreten wir während des irdischen Lebens in gewisser Weise immer wieder von neuem. Es ist so, daß wir uns sagen müssen: Für die eigentliche Wesenheit des Menschen ist der Schlafzustand, aus dem ja die Träume hervorspielen, zum mindesten von einer ebenso großen Wichtigkeit wie der Wachzustand. Wenn der Mensch aus dem wachen Zustand in den Schlafzustand übergeht, beginnen ja gerade diese drei Fähigkeiten zu schweigen, die sich der Mensch in der geschilderten Weise angeeignet hat. Es schweigt das Vorstellen, das Sprechen und Tun. Da sehen wir allerdings, wie der Mensch, indem das Denken schweigt, wenn wir einschlafen, in demselben Maße, in dem seine Gedanken aus seinem Bewußtsein schwinden, in die Nähe der Angeloi kommt, und wie er, wenn die Sprechfähigkeit aufhört, in die Nähe der Archangeloiwesenheiten kommt. In dem Maß, wie der Mensch vollständiger Ruhe hingegeben ist, kommt er durch Stillegung seines Tuns in die Nähe der Archaiwesen, der Urkräfte.

[ 8 ] Um was es sich aber handelt, das ist, daß wir in würdiger Weise in die Nähe dieser drei Hierarchien kommen gerade im schlafenden Zustand; daß wir in würdiger Weise in die Nähe der Angeloi, Archangeloi und Archai kommen. Hier ist der Punkt, wo man insbesondere reden müßte zu den Menschen der Gegenwart, denn es hängt da sehr viel davon ab, wie das Denken während des Wachens sich gestaltet, wie wir in die Nähe der Angeloi kommen. Es hängt ab von der Art, wie der Mensch seine Sprachkräfte in würdiger Weise gebraucht, ob er in würdiger Weise in die Nähe der Archangeloi kommt. Von der Art, wie er in richtiger Weise seine Bewegungsfähigkeit und seinen moralischen Sinn gebraucht, hängt ab, ob er in würdiger Weise in die Nähe der Archai kommt.

[ 9 ] Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen nicht mehr gerne in ihrem Denken etwas haben möchten, was über die physische Welt hinausgeht, wo sie angeregt sein wollen durch die äußere Welt. Ein selbständiges, reines Denken, wie ich es als Grundlage für moralische Einsicht in der «Philosophie der Freiheit» schon vor dreißig Jahren gefordert habe, sucht man und erzeugt man bei den heutigen Kindern leider recht wenig. Aber durch ein solches Denken, das noch Goethe und Schiller ein idealistisches genannt hätten, reißt sich der Mensch los von der bloßen Wachenswelt im irdischen Dasein und behält etwas übrig für den Schlafzustand. So viel Kräfte haben wir, um uns im Schlafe den Angeloi zu nähern, als Idealismus in unserem Denken ist. Und so viel Ohnmacht haben wir zu den Schritten, die wir machen müßten zu den Angeloi hin, als Materialismus in unserem Denken wirkt. Es ist in demselben Sinne zu bemerken, wie jene Menschen während des Schlafes ahrimanischen Elementarwesen verfallen, zu denen sich dann ihr Denken wenden muß, die nicht durch Idealismus, den sie im Wachen entwickeln, die Kräfte finden, in die Nähe der Angeloiwesenheiten zu kommen. Es ist ja so schön, wenn das Kind so unmittelbar denken gelernt hat in einer Weise, von der sich die meisten Menschen gar keine Vorstellung mehr machen! Das Denken des Kindes, unmittelbar nachdem es denken gelernt hat, ist voller Geistigkeit. Es ist wunderbar zu sehen, wie bis zur Zeit, wo sie angefressen werden vom Materialismus, Kinder im Schlafe geradezu wie im Fluge ihren Angeloiwesen entgegengehen, wie sie verbunden werden mit den Engelwesen während des Schlafes. So können wir sagen: Im Schlafe suchen wir, aber nur durch den Idealismus, durch Vergeistigung der Gedankenwelt, jene Welten auf, aus denen wir uns herausentwickelt haben, um hier als Menschen unter Menschen das Denken zu erlernen.

[ 10 ] Und wenn wir die Sprache betrachten: gerade dieselbe Bedeutung, die der Idealismus der Gedanken hat für den Verkehr mit den Angeloi, hat der Idealismus der Gesinnung für den Verkehr des Menschen während des Schlafes mit den Archangeloiwesen. Derjenige Mensch, der in seine Worte hineinzugießen vermag, wenn er sie an einen andern richtet, Wohlwollen, gütige Gesinnung, die sich hinüberlebt in die Seele des andern, die nicht an den Menschen vorübergeht, sondern mit dem Interesse, das man für den Menschen haben kann, auf ihn eingeht, jene Gesinnung, die man als idealistisch-wohlwollende Gesinnung bezeichnen kann, die ist es, die auch der Sprache den Wohllaut gibt. Wenn Astralleib und Ich in den Schlaf übergegangen sind, gibt sie dem astralischen Leib und dem Ich, die auch an der Sprache beteiligt sind, die Kraft, in die Nähe der Archangeloiwesen zu kommen, während die unsoziale, egoistische Gesinnung es ist, die diese Kräfte zerstreut in die Welt der ahrimanischen Elementarwesen; so daß der Mensch, wenn er in den Schlaf kommt und er die Sprache nicht in idealistischer, richtiger Weise gebraucht hat, sich eigentlich entmenscht.

[ 11 ] Ebenso ist es, wenn wir unsere Handlungen, unser Tun in einer Weise gebrauchen, die menschenfreundlich ist, die sich aber voll bewußt ist, daß der Mensch nicht nur jenes Wesen ist, das im Fleische lebt, sondern daß der Mensch seinem inneren Wesen nach ein geistiges Wesen ist. Denn aus diesem Bewußtsein entspringt die Achtung auch der andern Menschen als Geistwesen. Aus dem Tun aus dieser Auffassung heraus gewinnen wir für den Schlafzustand diejenige Kraft, die uns in richtiger Weise in die Nähe der Archai bringt, während, wenn wir nicht in der Lage sind, menschenfreundliche Taten zu tun, wenn wir uns unserer nur als körperlicher Wesen bewußt sind, die entsprechenden Kräfte dann zerstreut werden in der Welt der ahrimanischen Elementarkräfte: wir entfremden uns der Menschennatur selber.

[ 12 ] So bringt sich der Mensch dreierlei Gaben mit aus dem vorirdischen Dasein, so knüpft er sie aber in dreifacher Art wieder an die ursprüngliche Gestalt zwischen Einschlafen und Aufwachen an, wenn er unbewußt bleibt, aber immer wieder in die Nähe dieser Wesenheiten kommt. Es ist dann das gerade so, wie wir hier auf Erden unseren Umgang mit den Menschen aus drei Quellen zu gestalten haben, der Gedankenquelle, der Sprachquelle und der Tatquelle. So stehen wir während unseres Schlaflebens in dreifacher Beziehung zu der geistigen Welt: zu den Engeln, zu den Erzengeln und zu den Urkräften.

[ 13 ] Was wir hier im Verein mit diesen Wesen anknüpfen, ist von maßgebender Bedeutung, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Denn man kann durch Geistesschau erkennen, wie der Mensch immer näher und näher kommen kann den Angeloi-, den Archangeloi-, den Archaiwesen. Es ist allerdings etwas, was sehr schlimm werden kann für die zukünftige Menschheit, wenn sie sich ganz hingibt an die ahrimanischen Elementarwesen, wenn der Materialismus des Denkens, Sprechens, Handelns immer mehr sich festsetzen wird. Aber dank der geistigen Welt haben die Menschenseelen heute noch wenigstens für die meisten Menschen — so viel Erbschaft an guter Gesinnung des Denkens, Sprechens und Handelns, daß durch den Materialismus von heute noch nicht alles verderbt werden kann. Sehr materialistische Menschen haben aus dem gegenwärtigen Erdenleben nicht viel, um in die Nähe der Hierarchien zu kommen, doch aus dem vergangenen Leben quillt empor, was sie hinbringt. Aber die Menschheit könnte sehr leicht einen andern Lohn entgegennehmen, wenn sie: nicht eine geistige Lebensauffassung gewinnt. Die Idealisierung des Denkens, des Sprechens, des Tuns gibt dem Menschen die Möglichkeit, gewissermaßen neue Verbindungen anzuknüpfen mit den drei Arten der göttlich-geistigen Wesenheiten, den Angeloi, den Archangeloi und den Archai, die der Mensch braucht für die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Sonst müßte er in einer fernen Zukunft, wenn er nicht Zusammenhang hätte mit den Angeloi in dieser Zeit, als ein gedankengelähmtes Wesen geboren werden; wenn er nicht eine Verbindung eingegangen wäre mit den Archangeloi, als ein Wesen ohne Sprache; wenn er nicht Zusammenhang hätte mit den Archai, gelähmt an Gliedern und gelähmt an moralischen Impulsen geboren werden. Die Erdenmenschheit hat es in der Hand, durch Materialismus der Zivilisation und Kultur die ganze Erdenmenschheit zugrundezurichten, oder durch Vergeistigung sie zu einer höheren Höhe emporzuheben, die ich in meiner «Geheimwissenschaft» genannt habe das Jupiterdasein des Erdenwesens.

[ 14 ] Anthroposophie ist nicht eine Theorie. Jedes Wort, jeder Gedanke geht in unser ganzes Gedankenleben, in unser ganzes seelisches Menschenwesen über. Wir können nicht anders, als den Gedanken haben: Du bist ja ein verkrüppeltes Wesen, wenn du den richtigen Zusammenhang mit den höheren Wesenheiten nicht hast. — Das gibt uns auch ein Verantwortungsgefühl im moralischen Dasein gegenüber der geistigen Welt, und aus diesem kommt dem Menschen sein richtiges Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der physischen Welt. Nur daraus kommt es. Wenn Sie sich besinnen darauf, was da an dem Menschen geschieht, wie er sich durch den Idealismus in seinen Gedanken in die Nähe der Angeloi bringt, wie er durch seine Worte, durch das, was’ an idealistischer Gesinnung enthalten ist im Sprechen, in die Nähe der Archangeloi bringt, durch das, was in seinen Handlungen an Idealismus enthalten ist, in die Nähe der Archai bringt, wie er sich während des Schlafes zu den drei Hierarchien hinaufringt, dann werden Sie auch begreiflich finden, was anthroposophische Forschung uns zeigt: daß dasjenige, was des Menschen Schicksal ist, in dieser Art gewoben ist. Das alles tragen wir durch die Pforte des Todes hindurch, und später wird es bewußt. Wir müssen nach dem Tode die Gedanken gestalten im Verkehr mit den Angeloi; mit dem, was wir an Gesinnung haben, müssen wir uns die Vorstellungen nach dem Tode erwerben. Die Art und Weise, wie wir uns durch die Sprache in die Menschheit hineinstellen, gibt uns die Fähigkeit, die Kraft, mit den Archangeloi zusammenzukommen. Durch die Art und Weise, wie wir unsere Glieder gebrauchen, müssen wir uns die Möglichkeit erwerben, durch den Verkehr mit den Archai ein Selbstbewußtsein nach dem Tode zu haben. So leben wir uns hinein, und so wird dasjenige gesponnen, was sich dann ausbildet in heller Bewußtseinskraft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.

[ 15 ] Wenn wir jetzt das Kind betrachten in den ersten Lebensjahren, so sehen wir das vorige Erdenleben nachwirken. Man sieht nicht bloß in das vorirdische Leben, sondern in das vorige Erdenleben, und da erst eignet man sich den Blick für das ganze Erdenleben an. Da sieht man dann das Kind an, wie es gehen lernt, seine Arme handhaben lernt, man beobachtet, ob es auf den Ballen oder auf den Fersen geht. Nicht bloß so sieht man es an, wie es sich dem physischen Blicke darstellt, sondern wie früher gewisse Handlungen mit Zartheit, mit Weichheit, mit mitleidsvollem Herzen ausgeführt worden sind, wie das dem Kinde in diesem Leben den festen Schritt gibt, wie ein unsicherer, tänzelnder Schritt die Folge ist eines brutalen, mitleidslosen Auftretens im vorigen Leben. Jeder Schritt, den das Kind macht, das Ringen nach dieser oder jener Gestaltung des Schrittes, verrät uns, wie diese Gestaltung die Folge eines vorigen Erdenlebens ist. Das Physische lernen wir erkennen als Abbild desjenigen, was in dem Kinde von einem früheren Erdenleben als moralischer Impuls lebt. Es ist das Großartigste, was man sehen kann, das Gehenlernen. Das Hauptmaß des Schicksals drückt sich im Gehenlernen aus. Die Freiheit des Menschen, sagte ich schon gestern, wird dadurch, daß der Mensch mit seinem Schicksal geboren wird, so wenig beeinträchtigt, wie dadurch, ob er blonde oder braune Haare hat.

[ 16 ] Im Sprechenlernen drückt sich etwas anderes aus. Es ist das auch ein Zusammenhang mit dem vorirdischen Dasein, aber er ist schwer zu charakterisieren. Weil es schwierig auszudrücken ist, möchte ich Ihnen das in populäre Worte kleiden. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, hat er sein Menschenwesen in einer gewissen Weise moralisch gestaltet. Er hat sein eigenes Wesen immer während des Schlafzustandes gewoben, und was er da gewoben hat, fängt er an, selber zu sehen. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, gelangt er in der richtigen Weise in die Nähe der Angeloi, Archangeloi, Archai. Aber dazu kommt noch etwas, was der Mensch von der zweiten Gruppe der Hierarchien hat. Diese gießen in den Menschen als ein weiteres, mehr unpersönliches Schicksal dasjenige hinein, was den Menschen in seinem kommenden Leben hineinstellt in eine bestimmte Sprache, einreiht in einen bestimmten Volkszusammenhang. Das persönliche Schicksal hängt damit zusammen, was der Mensch ist im Zusammenhange mit den Archai, die Sprachfähigkeit haben wir von den Archangeloi. Welche Sprache wir aber sprechen, das haben wir von viel höheren Wesen: den Exusiai, Dynamis, Kyriotetes.

[ 17 ] Wenn wir auf das Denken, auf das Vorstellen sehen, steht es in einem Zusammenhang, wie ich es gezeigt habe, mit den Angeloi. Diese Wesen können dem Menschen die Gabe des Denkens verleihen. Diese Fähigkeit haben sie aber erst in der Erdenzeit errungen, die hatten sie nicht in der Mondenzeit. Dabei kommt für die Angeloi selbst eine Entwickelung zustande; dadurch kommen sie selbst in die Nähe der Seraphim, Cherubim, Throne. Dadurch haben sie die Fähigkeit errungen, einen unmittelbaren Verkehr mit den Thronen, Cherubim, Seraphim zu haben, und diese verleihen nicht eine Fähigkeit, die nur einer Menschengemeinschaft erteilt wird, sondern die der ganzen Menschheit gegeben wird. Das Denken ist ja etwas, was für die ganze Menschheit gemeinsam ist. Daher die Logik, die über die ganze Welt hin die gleiche ist. Das Gehen, in dem sich das persönliche Schicksal ausprägt, haben wir von den Archai aus deren eigenen Kräften. Die Sprachkräfte hat der Mensch von den Erzengeln, aber diese richten sich dabei nach der zweiten Gruppe der Hierarchien. Von den Angeloi hat der Mensch die Denkfähigkeit, aber diese geben sie ihm unter dem Einfluß der höchsten Hierarchien.

[ 18 ] So sind die Dinge verwoben in der Weltenordnung, und man versteht den Menschen nur, wenn man ihn in seiner Verwobenheit mit der Weltenordnung ins Auge fassen kann. So versteht man nicht nur den einzelnen Menschen, sondern das Wesen eines lebenden oder absterbenden Sprachstammes, eines mangelhaften oder vollkommeneren Denkens. Der Mensch steht auf der Erde in einem gewissen Dualismus darin. Er sieht die Wesen abhängig von gewissen Naturgesetzen. Und demgegenüber hat der Mensch ein Bewußtsein seines Zusammenhanges mit der Gottheit. Hier auf dieser Erde gibt es keine Verbindung zwischen physischer und moralischer Weltenordnung. Aber wenn wir zurückschauen in das vorgeburtliche und ins nachtodliche Leben, dann treten wir in eine Welt ein, wo diese beiden Welten in eine einzige verschmolzen sind. Der Mensch kann auch nicht richtig beurteilen, was er selbst ist, wenn er nicht in der Lage ist, sich als geistiges Wesen recht einzusehen. Der Mensch kommt nicht zu einer einheitlichen Weltanschauung, wenn er nicht hinaussieht über Geburt und Tod, wenn er nicht hineinblickt in die höheren Welten. Der Mensch braucht, um sein ganzes, volles Wesen zu verstehen, ein Bewußtsein, das durchsetzt ist von der Erkenntnis seines Zusammenhanges mit der geistigen Welt. — Das sind die Dinge, die ich Ihnen heute in einer mehr esoterischen Weise sagen wollte.