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Three Perspectives of Anthroposophy
Cultural Phenomena
from the Perspective of Spiritual Science
GA 225

1 July 1923, Dornach

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Anthroposophie als Kosmosophie, Erster Teil
  1. Anthroposophy as Cosmosophy I, tr. SOL

3. Kulturphänomene

3. Kulturphänomene

[ 1 ] Der heutige Vortrag soll in der Reihe derjenigen, die ich gehalten habe, nur eine Episode sein, ein Einschiebsel also, und zwar aus dem Grunde, weil es notwendig ist, daß Anthroposophen wache Leute seien, das heißt sich ein Urteil bilden durch ein gewisses Hinschauen auf die Welt. Und so ist eben schon von Zeit zu Zeit einmal notwendig, daß auch innerhalb der Vorträge, die sonst den anthroposophischen Stoff behandeln, das eine oder das andere eingeschoben werde, was einen Blick eröffnet auf die sonstigen Vorgänge, auf die sonstige Verfassung unserer Zivilisation. Und zwar möchte ich heute etwas weiter ausführen dasjenige, was ich kurz dargestellt habe in dem letzten Artikel des «Goetheanum», wo ich über eine Schrift gesprochen habe, die jetzt eben neu erschienen ist: «Verfall und Wiederaufbau der Kultur» von Albert Schweitzer. Sie bezeichnet sich als der erste Teil einer Kulturphilosophie und beschäftigt sich im wesentlichen mit einer Art Kritik der gegenwärtigen Kultur. Ich möchte aber, um die Charakteristik, die Albert Schweitzer über die Gegenwart gibt, auf einiges zu stützen, davon ausgehen, daß ich den Bestand derjenigen Kultur, die Albert Schweitzer treffen will, durch ein einzelnes, aber vielleicht charakteristisches Beispiel vor Sie hinstelle. Ich hätte ja Tausende wählen können. Man braucht nur so hineinzugreifen, man kann nicht sagen, in das volle Kulturleben der Gegenwart, sondern in den vollen Kulturtod der Gegenwart, und man findet immer Genügendes. Gerade darum handelt es sich ja, wie ich auch in den pädagogischen Vorträgen gestern und heute bemerkt habe, daß wir uns gewöhnen, in solche Dinge mit ehrlich wachem Auge zu sehen. Und so habe ich denn zu einer Art von Grundlage etwas herausgegriffen aus der Reihe, die ja immer wie eine Repräsentation der gegenwärtigen Geisteskultur gelten kann, ich habe eine Rektoratsrede gewählt, die gehalten worden ist 1910, am 15. Oktober in Berlin. Ich habe diese Rede deshalb gewählt, weil sie gerade von einem Mediziner herrührt, von einer Persönlichkeit, die also nicht etwa einseitig in irgendeiner philosophischen Kulturbetrachtung darinnensteht, sondern die aus naturwissenschaftlichem Denken heraus eine Art Zeittableau hat geben wollen.

[ 1 ] Der heutige Vortrag soll in der Reihe derjenigen, die ich gehalten habe, nur eine Episode sein, ein Einschiebsel also, und zwar aus dem Grunde, weil es notwendig ist, daß Anthroposophen wache Leute seien, das heißt sich ein Urteil bilden durch ein gewisses Hinschauen auf die Welt. Und so ist eben schon von Zeit zu Zeit einmal notwendig, daß auch innerhalb der Vorträge, die sonst den anthroposophischen Stoff behandeln, das eine oder das andere eingeschoben werde, was einen Blick eröffnet auf die sonstigen Vorgänge, auf die sonstige Verfassung unserer Zivilisation. Und zwar möchte ich heute etwas weiter ausführen dasjenige, was ich kurz dargestellt habe in dem letzten Artikel des «Goetheanum», wo ich über eine Schrift gesprochen habe, die jetzt eben neu erschienen ist: «Verfall und Wiederaufbau der Kultur» von Albert Schweitzer. Sie bezeichnet sich als der erste Teil einer Kulturphilosophie und beschäftigt sich im wesentlichen mit einer Art Kritik der gegenwärtigen Kultur. Ich möchte aber, um die Charakteristik, die Albert Schweitzer über die Gegenwart gibt, auf einiges zu stützen, davon ausgehen, daß ich den Bestand derjenigen Kultur, die Albert Schweitzer treffen will, durch ein einzelnes, aber vielleicht charakteristisches Beispiel vor Sie hinstelle. Ich hätte ja Tausende wählen können. Man braucht nur so hineinzugreifen, man kann nicht sagen, in das volle Kulturleben der Gegenwart, sondern in den vollen Kulturtod der Gegenwart, und man findet immer Genügendes. Gerade darum handelt es sich ja, wie ich auch in den pädagogischen Vorträgen gestern und heute bemerkt habe, daß wir uns gewöhnen, in solche Dinge mit ehrlich wachem Auge zu sehen. Und so habe ich denn zu einer Art von Grundlage etwas herausgegriffen aus der Reihe, die ja immer wie eine Repräsentation der gegenwärtigen Geisteskultur gelten kann, ich habe eine Rektoratsrede gewählt, die gehalten worden ist 1910, am 15. Oktober in Berlin. Ich habe diese Rede deshalb gewählt, weil sie gerade von einem Mediziner herrührt, von einer Persönlichkeit, die also nicht etwa einseitig in irgendeiner philosophischen Kulturbetrachtung darinnensteht, sondern die aus naturwissenschaftlichem Denken heraus eine Art Zeittableau hat geben wollen.

[ 2 ] Nun will ich Sie nicht mit dem ersten Teile dieser Rektoratsrede plagen, wo vorzugsweise von der Berliner Universität die Rede ist, sondern ich möchte Sie mehr mit den allgemeinen Weltanschauungsgedanken bekanntmachen, die der Mediziner Rubner — er ist es nämlich — dazumal bei feierlicher Gelegenheit äußerte. Es ist schon deshalb das Beispiel vielleicht charakteristisch, weil es eben in das Jahr 1910 fällt, wo alles in Europa und weit über Europa hinaus in dem optimistischen Glauben war, daß ein ungeheurer geistiger Aufschwung da sei, daß man es eben so herrlich weit gebracht habe. Das, was ich auswählen will, ist eine Art Apostrophe an die Studentenschaft, aber eine solche Apostrophe, die einen so recht in dasjenige hineinsehen läßt, was eine repräsentative Persönlichkeit der Gegenwart in ihrem Herzen eigentlich herumwälzt. Da wird zunächst die Studentenschaft so angeredet: «Wir müssen alle lernen. Wir bringen auf die Welt nichts anderes mit als unser Instrument zur geistigen Arbeit, ein unbeschriebenes Blatt, das Gehirn, verschieden veranlagt, verschieden entwickelungsfähig; wir empfangen alles aus der Außenwelt.»

[ 2 ] Nun will ich Sie nicht mit dem ersten Teile dieser Rektoratsrede plagen, wo vorzugsweise von der Berliner Universität die Rede ist, sondern ich möchte Sie mehr mit den allgemeinen Weltanschauungsgedanken bekanntmachen, die der Mediziner Rubner — er ist es nämlich — dazumal bei feierlicher Gelegenheit äußerte. Es ist schon deshalb das Beispiel vielleicht charakteristisch, weil es eben in das Jahr 1910 fällt, wo alles in Europa und weit über Europa hinaus in dem optimistischen Glauben war, daß ein ungeheurer geistiger Aufschwung da sei, daß man es eben so herrlich weit gebracht habe. Das, was ich auswählen will, ist eine Art Apostrophe an die Studentenschaft, aber eine solche Apostrophe, die einen so recht in dasjenige hineinsehen läßt, was eine repräsentative Persönlichkeit der Gegenwart in ihrem Herzen eigentlich herumwälzt. Da wird zunächst die Studentenschaft so angeredet: «Wir müssen alle lernen. Wir bringen auf die Welt nichts anderes mit als unser Instrument zur geistigen Arbeit, ein unbeschriebenes Blatt, das Gehirn, verschieden veranlagt, verschieden entwickelungsfähig; wir empfangen alles aus der Außenwelt.»

[ 3 ] Nun ja, man kann, wenn man durch diese materialistische Kultur der Gegenwart durchgegangen ist, ja auch diese Ansicht haben. Man braucht nicht engherzig zu sein. Man muß sich klar sein darüber, welche Macht die materialistische Kultur auf die gegenwärtigen Persönlichkeiten ausübt, und man kann dann begreifen, wenn jemand so spricht, daß man in die Welt hereinkomme mit einem unbeschriebenen Blatt, dem Gehirn, und daß man alles von der Außenwelt empfange. Aber hören wir doch weiter, wie diese Ansprache an die Studenten nun weitergeht. Da wird zunächst ausgeführt, scheinbar etwas klarer, wie wir ein unbeschriebenes Blatt sind, wie das Kind des bedeutendsten Mathematikers wieder das Einmaleins lernen muß, weil es ja leider von seinem Vater die hohe Mathematik nicht vererbt hat, wie das Kind des größten Sprachforschers wiederum seine Muttersprache lernen muß und so weiter. Kein Gehirn möchte auch das alles fassen, was seine Vorfahren insgesamt erlebt und erfahren haben. Nun aber wird diesen Gehirnen angeraten, was sie, weil sie so ganz unbeschriebene Blätter sind, tun sollen in der Welt, um beschrieben zu werden. Da heißt es weiter: «Was Milliarden Gehirne im Laufe der menschlichen Geschichte erwogen und gereift, was unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben ...» — nicht wahr, das wird so zwei Seiten lang hintereinander gesagt, es wird den Menschen eingeschärft: Sie kommen mit ihren Gehirnen als mit einem unbeschriebenen Blatt zur Welt und sollen nur recht achtgeben, daß sie das aufnehmen, was die Geistesheroen geschaffen haben.

[ 3 ] Nun ja, man kann, wenn man durch diese materialistische Kultur der Gegenwart durchgegangen ist, ja auch diese Ansicht haben. Man braucht nicht engherzig zu sein. Man muß sich klar sein darüber, welche Macht die materialistische Kultur auf die gegenwärtigen Persönlichkeiten ausübt, und man kann dann begreifen, wenn jemand so spricht, daß man in die Welt hereinkomme mit einem unbeschriebenen Blatt, dem Gehirn, und daß man alles von der Außenwelt empfange. Aber hören wir doch weiter, wie diese Ansprache an die Studenten nun weitergeht. Da wird zunächst ausgeführt, scheinbar etwas klarer, wie wir ein unbeschriebenes Blatt sind, wie das Kind des bedeutendsten Mathematikers wieder das Einmaleins lernen muß, weil es ja leider von seinem Vater die hohe Mathematik nicht vererbt hat, wie das Kind des größten Sprachforschers wiederum seine Muttersprache lernen muß und so weiter. Kein Gehirn möchte auch das alles fassen, was seine Vorfahren insgesamt erlebt und erfahren haben. Nun aber wird diesen Gehirnen angeraten, was sie, weil sie so ganz unbeschriebene Blätter sind, tun sollen in der Welt, um beschrieben zu werden. Da heißt es weiter: «Was Milliarden Gehirne im Laufe der menschlichen Geschichte erwogen und gereift, was unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben ...» — nicht wahr, das wird so zwei Seiten lang hintereinander gesagt, es wird den Menschen eingeschärft: Sie kommen mit ihren Gehirnen als mit einem unbeschriebenen Blatt zur Welt und sollen nur recht achtgeben, daß sie das aufnehmen, was die Geistesheroen geschaffen haben.

[ 4 ] Ja, wenn diese Geistesheroen alle unbeschriebene Blätter waren, woher soll denn das alles gekommen sein, was die geschaffen haben und was nun die anderen unbeschriebenen Blätter aufnehmen sollen? Ein merkwürdiger Gedankengang, nicht wahr! — Also: «Was unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben, empfängt es», dieses unbeschriebene Blatt Gehirn, «in kurzen Sätzen durch die Erziehung, und daraus kann nun seine Eigenart und sein individuelles Leben sich entfalten.»

[ 4 ] Ja, wenn diese Geistesheroen alle unbeschriebene Blätter waren, woher soll denn das alles gekommen sein, was die geschaffen haben und was nun die anderen unbeschriebenen Blätter aufnehmen sollen? Ein merkwürdiger Gedankengang, nicht wahr! — Also: «Was unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben, empfängt es», dieses unbeschriebene Blatt Gehirn, «in kurzen Sätzen durch die Erziehung, und daraus kann nun seine Eigenart und sein individuelles Leben sich entfalten.»

[ 5 ] Auf der nächsten Seite wird diesen unbeschriebenen Blättern, diesen Gehirnen, nun ein merkwürdiger Satz vorgesetzt: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial für das produktive Denken.» Also jetzt figuriert auf einmal das produktive Denken auf den unbeschriebenen Blättern, diesen Gehirnen. Es wäre doch selbstverständlich, daß jemand, der von den Gehirnen als unbeschriebenen Blättern spricht, da nicht sprechen würde von produktivem Denken.

[ 5 ] Auf der nächsten Seite wird diesen unbeschriebenen Blättern, diesen Gehirnen, nun ein merkwürdiger Satz vorgesetzt: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial für das produktive Denken.» Also jetzt figuriert auf einmal das produktive Denken auf den unbeschriebenen Blättern, diesen Gehirnen. Es wäre doch selbstverständlich, daß jemand, der von den Gehirnen als unbeschriebenen Blättern spricht, da nicht sprechen würde von produktivem Denken.

[ 6 ] Nun ein Satz, der so recht zeigt, wie massiv materialistisch die Besten eigentlich allmählich gedacht haben. Denn Rubner ist nicht einer der schlechtesten. Er ist ein Mediziner und hat sogar den Philosophen Zeller gelesen, was etwas heißen will. Also er ist gar nicht engherzig, sehen Sie. Aber wie denkt er? Er will das Erfrischende des Lebens darstellen, da sagt er: «Aber es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirnes zu arbeiten.» Wenn also der Student eine Zeitlang etwas gelernt hat und nun zu einem anderen Fache übergeht, dann bedeutet das, daß er nun ein neues Feld des Gehirns beackert. Sie sehen, die Denkformen haben allmählich eine ganz charakteristische materialistische Note bekommen. «Denn», so sagt er weiter, «manche Felder des Gehirns werden erst erträgnisreich, wenn man sie wiederholt beackert, tragen aber schließlich dieselben guten Früchte wie andere, die müheloser sich erschließen.»

[ 6 ] Nun ein Satz, der so recht zeigt, wie massiv materialistisch die Besten eigentlich allmählich gedacht haben. Denn Rubner ist nicht einer der schlechtesten. Er ist ein Mediziner und hat sogar den Philosophen Zeller gelesen, was etwas heißen will. Also er ist gar nicht engherzig, sehen Sie. Aber wie denkt er? Er will das Erfrischende des Lebens darstellen, da sagt er: «Aber es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirnes zu arbeiten.» Wenn also der Student eine Zeitlang etwas gelernt hat und nun zu einem anderen Fache übergeht, dann bedeutet das, daß er nun ein neues Feld des Gehirns beackert. Sie sehen, die Denkformen haben allmählich eine ganz charakteristische materialistische Note bekommen. «Denn», so sagt er weiter, «manche Felder des Gehirns werden erst erträgnisreich, wenn man sie wiederholt beackert, tragen aber schließlich dieselben guten Früchte wie andere, die müheloser sich erschließen.»

[ 7 ] Man kann außerordentlich schwer jetzt diesem Gedanken nachgehen, denn es soll das Gehirn ein unbeschriebenes Blatt sein, und nun soll es von den beschriebenen Blättern, die aber auch einmal bei ihrer Geburt unbeschriebene gewesen sein müssen, alles lernen. Nun soll dieses Gehirn beackert werden. Aber nun müßte wenigstens ein Akkersmann da sein. Je weiter man eingehen würde auf solch ganz unglaubliches, unmögliches Denken, desto verwirrter würde man werden. Aber Max Rubner ist sehr besorgt um seine Studenten, und daher rät er ihnen, das Gehirn nur ja recht zu beackern. Sie sollen also das Gehirn beackern. Nun kann er doch nicht anders als sagen, daß nun das Denken das Gehirn beackert. Aber nun will er das Denken eben empfehlen. Da schlägt ihm wieder seine materialistische Denkweise in den Nacken, und da findet sich denn ein außerordentlich hübscher Satz: «Das Denken stärkt das Gehirn, letzteres nimmt durch Übung ebenso in den Leistungen zu wie ein anderes Organ, wie unsere Muskelkraft durch Arbeit und Sport. Studieren ist Gehirnsport.»

[ 7 ] Man kann außerordentlich schwer jetzt diesem Gedanken nachgehen, denn es soll das Gehirn ein unbeschriebenes Blatt sein, und nun soll es von den beschriebenen Blättern, die aber auch einmal bei ihrer Geburt unbeschriebene gewesen sein müssen, alles lernen. Nun soll dieses Gehirn beackert werden. Aber nun müßte wenigstens ein Akkersmann da sein. Je weiter man eingehen würde auf solch ganz unglaubliches, unmögliches Denken, desto verwirrter würde man werden. Aber Max Rubner ist sehr besorgt um seine Studenten, und daher rät er ihnen, das Gehirn nur ja recht zu beackern. Sie sollen also das Gehirn beackern. Nun kann er doch nicht anders als sagen, daß nun das Denken das Gehirn beackert. Aber nun will er das Denken eben empfehlen. Da schlägt ihm wieder seine materialistische Denkweise in den Nacken, und da findet sich denn ein außerordentlich hübscher Satz: «Das Denken stärkt das Gehirn, letzteres nimmt durch Übung ebenso in den Leistungen zu wie ein anderes Organ, wie unsere Muskelkraft durch Arbeit und Sport. Studieren ist Gehirnsport.»

[ 8 ] Nun, Jetzt wußten die Berliner Studenten 1910, was sie vom Denken zu halten haben: «Denken ist Gehirnsport.» Ja, da fällt der repräsentativen Persönlichkeit der Gegenwart gar nicht ein, was beim Sport noch viel interessanter ist als dasjenige, was da äußerlich sich abspielt. Ungeheuer viel interessanter beim Sport wäre nämlich das zu betrachten, was sich während der verschiedenen sportlichen Bewegungen in den Gliedern der Menschen eigentlich abspielt, was da für innere Vorgänge geschehen. Dann würde man sogar auf etwas sehr Interessantes kommen. WennmandiesesInteressanteredesSportesbetrachten würde, dann würde man darauf kommen, daß der Sport ja zu denjenigen Betätigungen gehört, die dem Gliedmaßenmenschen, dem Stoffwechselmenschenangehören. DasDenkengehörtdem Nerven-Sinnes-Menschen an. Da kehrt sich das Verhältnis um. Was beim Menschen nach innen gewendet ist, die Vorgänge im Innern des menschlichen Wesens, die treten beim Denken nach außen. Und dasjenige, was beim Sport nach außen tritt, das tritt nach innen. Also müßte man gerade beim Denken das Interessantere in Betracht ziehen. Aber die repräsentative Persönlichkeit hat eben das Denken verlernt, kann überhaupt nicht irgendeinen Gedanken zu Ende bringen.

[ 8 ] Nun, Jetzt wußten die Berliner Studenten 1910, was sie vom Denken zu halten haben: «Denken ist Gehirnsport.» Ja, da fällt der repräsentativen Persönlichkeit der Gegenwart gar nicht ein, was beim Sport noch viel interessanter ist als dasjenige, was da äußerlich sich abspielt. Ungeheuer viel interessanter beim Sport wäre nämlich das zu betrachten, was sich während der verschiedenen sportlichen Bewegungen in den Gliedern der Menschen eigentlich abspielt, was da für innere Vorgänge geschehen. Dann würde man sogar auf etwas sehr Interessantes kommen. WennmandiesesInteressanteredesSportesbetrachten würde, dann würde man darauf kommen, daß der Sport ja zu denjenigen Betätigungen gehört, die dem Gliedmaßenmenschen, dem Stoffwechselmenschenangehören. DasDenkengehörtdem Nerven-Sinnes-Menschen an. Da kehrt sich das Verhältnis um. Was beim Menschen nach innen gewendet ist, die Vorgänge im Innern des menschlichen Wesens, die treten beim Denken nach außen. Und dasjenige, was beim Sport nach außen tritt, das tritt nach innen. Also müßte man gerade beim Denken das Interessantere in Betracht ziehen. Aber die repräsentative Persönlichkeit hat eben das Denken verlernt, kann überhaupt nicht irgendeinen Gedanken zu Ende bringen.

[ 9 ] Aus einem solchen, eigentlich in sich ganz unvollendeten, immer unvollendet bleibenden Denken ist ja unsere ganze neuzeitliche Kultur hervorgegangen. Man fängt nur gewissermaßen bei solchen repräsentativen Gelegenheiten dieses Denken, das unsere Kultur hervorgebracht hat, eben ab. Man ertappt es gewissermaßen da. Aber leider sind diejenigen, die solches Ertappen anstellen, ja nicht allzu häufig. Denn bei einer Berliner Rektoratsrede, also einer Universitätsrede bei feierlicher Gelegenheit: «Unsere Ziele für die Zukunft» — da wird man, wenn man ein richtiger Mensch der Gegenwart ist, doch ernst. Das sagt ja die Wissenschaft, das sagt ja die unbesiegbare Autorität Wissenschaft, die weiß ja alles. Und wenn es der bewiesen ist, daß Denken Gehirnsport ist, nun, dann muß man sich eben damit abfinden; dann sind die Menschen nach Jahrtausenden und Jahrtausenden so gescheit geworden, daß sie endlich darauf gekommen sind: Denken ist Gehirnsporrt.

[ 9 ] Aus einem solchen, eigentlich in sich ganz unvollendeten, immer unvollendet bleibenden Denken ist ja unsere ganze neuzeitliche Kultur hervorgegangen. Man fängt nur gewissermaßen bei solchen repräsentativen Gelegenheiten dieses Denken, das unsere Kultur hervorgebracht hat, eben ab. Man ertappt es gewissermaßen da. Aber leider sind diejenigen, die solches Ertappen anstellen, ja nicht allzu häufig. Denn bei einer Berliner Rektoratsrede, also einer Universitätsrede bei feierlicher Gelegenheit: «Unsere Ziele für die Zukunft» — da wird man, wenn man ein richtiger Mensch der Gegenwart ist, doch ernst. Das sagt ja die Wissenschaft, das sagt ja die unbesiegbare Autorität Wissenschaft, die weiß ja alles. Und wenn es der bewiesen ist, daß Denken Gehirnsport ist, nun, dann muß man sich eben damit abfinden; dann sind die Menschen nach Jahrtausenden und Jahrtausenden so gescheit geworden, daß sie endlich darauf gekommen sind: Denken ist Gehirnsporrt.

[ 10 ] Ich könnte diese Betrachtungen jetzt fortsetzen in die verschiedensten Gebiete hinein, und wir würden überall sehen, daß, der gleiche Geist kann ich nicht sagen, daß der gleiche Ungeist waltet, der aber natürlich bewundert wird. Nun, was da geworden ist, das haben doch einige Einsichtige auch schon, bevor der so äußerlich sichtbare Verfall da war, gesehen. Und man muß zum Beispiel sagen: Albert Schweitzer, dem ausgezeichneten Verfasser des Buches «Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, von Reimarus zu Wrede», der immerhin durch ein umsichtiges, gründliches, tiefdringendes und scharfes Denken vorrücken konnte in der Leben-Jesu-Forschung bis zu der Apokalyptik, dem war schon zuzutrauen, daß er auch einen freien Blick bekam über die Verfallserscheinungen in der Kultur der Gegenwart. Nun versicherte er, daß diese seine Schrift «Verfall und Wiederaufbau der Kultur» nicht etwa erst nach dem Kriege entstanden sei, sondern in der ersten Form schon 1900 konzipiert worden ist, daß sie dann ausgearbeitet wurde von 1914 bis 1917. Jetzt ist sie erschienen. Und man muß schon sagen, hier sieht einmal jemand den Verfall der Kultur mit einem offenen Auge. Und es ist immerhin interessant, dasjenige ein wenig vor die Seele sich hinzustellen, was ein solcher Verfallskultur-Betrachter, ich möchte sagen, wie mit scharfen kritischen Messern an dieser Kultur bearbeitet. Es fallen in der Tat die Sätze, mit denen die gegenwärtige Kultur bezeichnet wird, wie schneidende Messer heraus. Lassen wir ein paar solcher Sätze auf unsere Seele wirken. Der erste Satz des Buches heißt: «Wir stehen im Zeichen des Niedergangs der Kultur. Der Krieg hat diese Situation nicht geschaffen. Er selber ist nur eine Erscheinung davon. Was geistig gegeben war, hat sich in Tatsachen umgesetzt, die nun ihrerseits wieder in jeder Hinsicht verschlechternd auf das Geistige zurückwirken.» — «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war.» — «So überschritten wir die Schwelle des Jahrhunderts mit unerschütterten Einbildungen über uns selbst.» — «Nun ist für alle offenbar, daß die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist.»

[ 10 ] Ich könnte diese Betrachtungen jetzt fortsetzen in die verschiedensten Gebiete hinein, und wir würden überall sehen, daß, der gleiche Geist kann ich nicht sagen, daß der gleiche Ungeist waltet, der aber natürlich bewundert wird. Nun, was da geworden ist, das haben doch einige Einsichtige auch schon, bevor der so äußerlich sichtbare Verfall da war, gesehen. Und man muß zum Beispiel sagen: Albert Schweitzer, dem ausgezeichneten Verfasser des Buches «Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, von Reimarus zu Wrede», der immerhin durch ein umsichtiges, gründliches, tiefdringendes und scharfes Denken vorrücken konnte in der Leben-Jesu-Forschung bis zu der Apokalyptik, dem war schon zuzutrauen, daß er auch einen freien Blick bekam über die Verfallserscheinungen in der Kultur der Gegenwart. Nun versicherte er, daß diese seine Schrift «Verfall und Wiederaufbau der Kultur» nicht etwa erst nach dem Kriege entstanden sei, sondern in der ersten Form schon 1900 konzipiert worden ist, daß sie dann ausgearbeitet wurde von 1914 bis 1917. Jetzt ist sie erschienen. Und man muß schon sagen, hier sieht einmal jemand den Verfall der Kultur mit einem offenen Auge. Und es ist immerhin interessant, dasjenige ein wenig vor die Seele sich hinzustellen, was ein solcher Verfallskultur-Betrachter, ich möchte sagen, wie mit scharfen kritischen Messern an dieser Kultur bearbeitet. Es fallen in der Tat die Sätze, mit denen die gegenwärtige Kultur bezeichnet wird, wie schneidende Messer heraus. Lassen wir ein paar solcher Sätze auf unsere Seele wirken. Der erste Satz des Buches heißt: «Wir stehen im Zeichen des Niedergangs der Kultur. Der Krieg hat diese Situation nicht geschaffen. Er selber ist nur eine Erscheinung davon. Was geistig gegeben war, hat sich in Tatsachen umgesetzt, die nun ihrerseits wieder in jeder Hinsicht verschlechternd auf das Geistige zurückwirken.» — «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war.» — «So überschritten wir die Schwelle des Jahrhunderts mit unerschütterten Einbildungen über uns selbst.» — «Nun ist für alle offenbar, daß die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist.»

[ 11 ] Auch das sieht Albert Schweitzer in seiner Art- ich möchte sagen, etwas kraftmeierisch drückt er es aus —, daß dieser Verfall der Kultur um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat, um jene Mitte des 19. Jahrhunderts, die ich so oft hier bezeichnet habe als einen wichtigen Zeitpunkt, der betrachtet werden muß, wenn man die Gegenwart irgendwie wachend verstehen will. Darüber sagt Schweitzer: «Aber um die Mitte des 19. Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung ethischer Vernunftideale mit der Wirklichkeit an abzunehmen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Stillstand. Kampflos und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur. Ihre Gedanken blieben hinter der Zeit zurück, als wären sie zu erschöpft, mit ihr Schritt zu halten.» — Und noch etwas bringt Schweitzer vor, was eigentlich überraschend ist, was aber von uns gut verstanden werden kann, weil es in einem viel tieferen Sinne, als Schweitzer es vorzubringen vermag, hier oftmals besprochen worden ist. Ihm ist klar: In früheren Zeiten gab es eine Totalweltanschauung. Alle Erscheinungen des Lebens, von dem Stein unten angefangen bis hinauf zu den höchsten menschlichen Idealen, waren eine Lebenstotalität. In dieser Lebenstotalität wirkte das göttlich-geistige Sein. Wenn man wissen wollte, wie die Naturgesetze wirken in der Natur, wandte man sich an das göttlich-geistige Sein. Wenn man wissen wollte, wie die Sittengesetze wirken, die religiösen Impulse wirken, wandte man sich an das göttlich-geistige Sein. Eine Totalweltanschauung war da, welche die Sittlichkeit ebenso verankert hatte in der Objektivität, wie die Naturgesetze in der Objektivität verankert sind. Die letzte Weltanschauung, die heraufgekommen ist und die noch etwas gewußt hat von einer solchen Totalweltanschauung, das war die Aufklärung, die alles aus dem Intellekt heraus holen wollte, aber die noch die sittliche Welt in einen gewissen inneren Zusammenhang brachte mit dem, was die natürliche Welt ist.

[ 11 ] Auch das sieht Albert Schweitzer in seiner Art- ich möchte sagen, etwas kraftmeierisch drückt er es aus —, daß dieser Verfall der Kultur um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat, um jene Mitte des 19. Jahrhunderts, die ich so oft hier bezeichnet habe als einen wichtigen Zeitpunkt, der betrachtet werden muß, wenn man die Gegenwart irgendwie wachend verstehen will. Darüber sagt Schweitzer: «Aber um die Mitte des 19. Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung ethischer Vernunftideale mit der Wirklichkeit an abzunehmen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Stillstand. Kampflos und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur. Ihre Gedanken blieben hinter der Zeit zurück, als wären sie zu erschöpft, mit ihr Schritt zu halten.» — Und noch etwas bringt Schweitzer vor, was eigentlich überraschend ist, was aber von uns gut verstanden werden kann, weil es in einem viel tieferen Sinne, als Schweitzer es vorzubringen vermag, hier oftmals besprochen worden ist. Ihm ist klar: In früheren Zeiten gab es eine Totalweltanschauung. Alle Erscheinungen des Lebens, von dem Stein unten angefangen bis hinauf zu den höchsten menschlichen Idealen, waren eine Lebenstotalität. In dieser Lebenstotalität wirkte das göttlich-geistige Sein. Wenn man wissen wollte, wie die Naturgesetze wirken in der Natur, wandte man sich an das göttlich-geistige Sein. Wenn man wissen wollte, wie die Sittengesetze wirken, die religiösen Impulse wirken, wandte man sich an das göttlich-geistige Sein. Eine Totalweltanschauung war da, welche die Sittlichkeit ebenso verankert hatte in der Objektivität, wie die Naturgesetze in der Objektivität verankert sind. Die letzte Weltanschauung, die heraufgekommen ist und die noch etwas gewußt hat von einer solchen Totalweltanschauung, das war die Aufklärung, die alles aus dem Intellekt heraus holen wollte, aber die noch die sittliche Welt in einen gewissen inneren Zusammenhang brachte mit dem, was die natürliche Welt ist.

[ 12 ] Bedenken Sie, wie oft ich es hier ausgesprochen habe: Glaubt heute einer ehrlich an die Naturgesetze, so wie sie dargestellt werden, so kann er nur glauben an einen Weltenbeginn, so ähnlich, wie die Kant-Laplacesche Theorie ihn darstellt, und an ein Weltenende, wie es einmal im Wärmetod sein wird. Dann muß man sich aber vorstellen, daß alle sittlichen Ideale herausgekocht sind aus den durcheinanderwirbelnden Teilen des Weltennebels, die sich allmählich zusammengeballt haben, Kristalle und Organismen und endlich der Mensch geworden sind, und aus dem Menschen heraus wirbelt dann die idealistische ethische Anschauung. Aber diese ethischen Ideale, da sie nur Illusionen sind, herausgeboren aus den wirbelnden Atomen des Menschen, werden verschwunden sein, wenn die Erde im Wärmetod verschwunden sein wird. Das heißt, eine Weltanschauung ist entstanden, die sich bloß auf das Natürliche bezieht, die die sittlichen Ideale nicht in ihr verankert hat. Und nur weil der Mensch der Gegenwart unehrlich ist und sich das nicht gesteht, nicht hinschauen will auf diese Tatsachen, glaubt er, daß die sittlichen Ideale noch irgendwie verankert sind. Aber wer an die heutige Naturwissenschaft glaubt und ehrlich ist, der darf nicht an die Ewigkeit der sittlichen Ideale glauben. Er tut es aus feiger Unehrlichkeit, wenn er es tut. Mit diesem Ernst muß in die Gegenwart hineingeschaut werden.

[ 12 ] Bedenken Sie, wie oft ich es hier ausgesprochen habe: Glaubt heute einer ehrlich an die Naturgesetze, so wie sie dargestellt werden, so kann er nur glauben an einen Weltenbeginn, so ähnlich, wie die Kant-Laplacesche Theorie ihn darstellt, und an ein Weltenende, wie es einmal im Wärmetod sein wird. Dann muß man sich aber vorstellen, daß alle sittlichen Ideale herausgekocht sind aus den durcheinanderwirbelnden Teilen des Weltennebels, die sich allmählich zusammengeballt haben, Kristalle und Organismen und endlich der Mensch geworden sind, und aus dem Menschen heraus wirbelt dann die idealistische ethische Anschauung. Aber diese ethischen Ideale, da sie nur Illusionen sind, herausgeboren aus den wirbelnden Atomen des Menschen, werden verschwunden sein, wenn die Erde im Wärmetod verschwunden sein wird. Das heißt, eine Weltanschauung ist entstanden, die sich bloß auf das Natürliche bezieht, die die sittlichen Ideale nicht in ihr verankert hat. Und nur weil der Mensch der Gegenwart unehrlich ist und sich das nicht gesteht, nicht hinschauen will auf diese Tatsachen, glaubt er, daß die sittlichen Ideale noch irgendwie verankert sind. Aber wer an die heutige Naturwissenschaft glaubt und ehrlich ist, der darf nicht an die Ewigkeit der sittlichen Ideale glauben. Er tut es aus feiger Unehrlichkeit, wenn er es tut. Mit diesem Ernst muß in die Gegenwart hineingeschaut werden.

[ 13 ] Und gerade dies sieht auf seine Art auch Albert Schweitzer, und er sucht, wo die Schuld liegt, daß das so gekommen ist. Er sagt: «Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie.» Nun kann man über diese Sache seine besonderen Gedanken haben. Man kann nämlich glauben, daß ja die Philosophen die Einsiedler in der Welt sind, daß die anderen Menschen nichts zu tun haben mit den Philosophen. Aber Albert Schweitzer sagt ganz richtig an einer späteren Stelle seiner Schrift: «Kant und Hegel haben Millionen regiert, die nie eine Zeile von ihnen gelesen haben und nicht einmal wußten, daß sie ihnen gehorchten.» Die Wege, die die Gedanken der Welt nehmen, sind eben durchaus nicht so, wie man es sich gewöhnlich vorstellt. Ich weiß sehr gut, denn ich habe es oft erfahren, daß bis in das Ende des 19. Jahrhunderts herein die wichtigsten Werke Hegels in den Bibliotheken lagen und nicht einmal aufgeschnitten waren. Studiert hat man sie nicht. Aber die wenigen Exemplare, die von wenigen studiert worden sind, sind übergegangen in das ganze Bildungsleben. Und esgibteigentlich kaumeinen einzigenunter Ihnen, in dessen Denkleben nicht eben Kant und Hegel drinnenstecken, weil die Wege durchaus, ich möchte sagen, geheimnisvolle sind. Und wenn in den entlegensten Gebirgsdörfern die Leute schon dazu gekommen sind, Zeitungen zu lesen, so gilt das auch für sie, für diese Leute in den Gebirgsdörfern, daß sie von Kant und Hegel beherrscht werden, nicht nur für diese erlauchte und erleuchtete Gesellschaft, die hier im Saale sitzt.

[ 13 ] Und gerade dies sieht auf seine Art auch Albert Schweitzer, und er sucht, wo die Schuld liegt, daß das so gekommen ist. Er sagt: «Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie.» Nun kann man über diese Sache seine besonderen Gedanken haben. Man kann nämlich glauben, daß ja die Philosophen die Einsiedler in der Welt sind, daß die anderen Menschen nichts zu tun haben mit den Philosophen. Aber Albert Schweitzer sagt ganz richtig an einer späteren Stelle seiner Schrift: «Kant und Hegel haben Millionen regiert, die nie eine Zeile von ihnen gelesen haben und nicht einmal wußten, daß sie ihnen gehorchten.» Die Wege, die die Gedanken der Welt nehmen, sind eben durchaus nicht so, wie man es sich gewöhnlich vorstellt. Ich weiß sehr gut, denn ich habe es oft erfahren, daß bis in das Ende des 19. Jahrhunderts herein die wichtigsten Werke Hegels in den Bibliotheken lagen und nicht einmal aufgeschnitten waren. Studiert hat man sie nicht. Aber die wenigen Exemplare, die von wenigen studiert worden sind, sind übergegangen in das ganze Bildungsleben. Und esgibteigentlich kaumeinen einzigenunter Ihnen, in dessen Denkleben nicht eben Kant und Hegel drinnenstecken, weil die Wege durchaus, ich möchte sagen, geheimnisvolle sind. Und wenn in den entlegensten Gebirgsdörfern die Leute schon dazu gekommen sind, Zeitungen zu lesen, so gilt das auch für sie, für diese Leute in den Gebirgsdörfern, daß sie von Kant und Hegel beherrscht werden, nicht nur für diese erlauchte und erleuchtete Gesellschaft, die hier im Saale sitzt.

[ 14 ] Also man kann schon sagen wie Albert Schweitzer: «Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie. Im 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert war die Philosophie die Anführerin der öffentlichen Meinung gewesen. Sie hatte sich mit den Fragen, die sich den Menschen und der Zeit stellten, beschäftigt, und ein Nachdenken darüber im Sinne der Kultur lebendig erhalten. In der Philosophie gab es damals ein elementares Philosophieren über Mensch, Gesellschaft, Volk, Menschheit und Kultur, das in natürlicher Weise eine lebendige, oftmals die Meinung beherrschende und Kulturenthusiasmus unterhaltende Popularphilosophie hervorbrachte.»

[ 14 ] Also man kann schon sagen wie Albert Schweitzer: «Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie. Im 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert war die Philosophie die Anführerin der öffentlichen Meinung gewesen. Sie hatte sich mit den Fragen, die sich den Menschen und der Zeit stellten, beschäftigt, und ein Nachdenken darüber im Sinne der Kultur lebendig erhalten. In der Philosophie gab es damals ein elementares Philosophieren über Mensch, Gesellschaft, Volk, Menschheit und Kultur, das in natürlicher Weise eine lebendige, oftmals die Meinung beherrschende und Kulturenthusiasmus unterhaltende Popularphilosophie hervorbrachte.»

[ 15 ] Und nun über den weiteren Fortgang spricht sich Albert Schweitzer so aus: «Der Philosophie ward nicht klar, daß die Energie der ihr anvertrauten Kulturideen anfing fraglich zu werden. Am Schlusse eines der hervorragendsten, am Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Werkes über Geschichte der Philosophie», es ist nämlich dasselbe, das ich einmal in einem öffentlichen Vortrage auch aufs Korn genommen habe, dieses Werk über die Geschichte der Philosophie, «wird diese als der Prozeß definiert, in dem sich», jetzt zitiert er den anderen, diesen Geschichtsschreiber der Philosophie: «mit immer klarerem und sichererem Bewußtsein die Besinnung auf die Kulturwerte vollzogen hat, deren Allgemeingültigkeit der Gegenstand der Philosophie selbst ist.» Dazu sagt jetzt Schweitzer: «Dabei vergaß der Verfasser das Wesentliche: daß nämlich früher die Philosophie sich nicht nur auf die Kulturwerte besann, sondern sie auch als wirkende Ideen in die öffentliche Meinung ausgehen ließ, während sie ihr von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an immer mehr zu einem gehüteten, unproduktiven Kapital wurden.»

[ 15 ] Und nun über den weiteren Fortgang spricht sich Albert Schweitzer so aus: «Der Philosophie ward nicht klar, daß die Energie der ihr anvertrauten Kulturideen anfing fraglich zu werden. Am Schlusse eines der hervorragendsten, am Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Werkes über Geschichte der Philosophie», es ist nämlich dasselbe, das ich einmal in einem öffentlichen Vortrage auch aufs Korn genommen habe, dieses Werk über die Geschichte der Philosophie, «wird diese als der Prozeß definiert, in dem sich», jetzt zitiert er den anderen, diesen Geschichtsschreiber der Philosophie: «mit immer klarerem und sichererem Bewußtsein die Besinnung auf die Kulturwerte vollzogen hat, deren Allgemeingültigkeit der Gegenstand der Philosophie selbst ist.» Dazu sagt jetzt Schweitzer: «Dabei vergaß der Verfasser das Wesentliche: daß nämlich früher die Philosophie sich nicht nur auf die Kulturwerte besann, sondern sie auch als wirkende Ideen in die öffentliche Meinung ausgehen ließ, während sie ihr von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an immer mehr zu einem gehüteten, unproduktiven Kapital wurden.»

[ 16 ] Man hat nämlich gar nicht bemerkt, wozu es eigentlich mit dem Denken der Menschheit gekommen ist. Man lese nur einmal die meisten dieser Jahrhundertbetrachtungen, die erschienen sind an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts. Hat man es einmal anders gemacht, wie ich es in meinem Buche, das dann später «Die Rätsel der Philosophie» hieß, gemacht habe, dann betrachtete man das natürlich als unhistorisch. Und einer von diesen edlen Philosophen hat mir, weil das Buch «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» damals hieß, den Vorwurf gemacht, daß in diesem Buche nichts über Bismarck gesagt wird. Ja, ein Philosoph hat diesem Buch diesen Vorwurf gemacht. Manche andere ähnliche Vorwürfe sind diesem Buche gemacht worden, weil es eben gerade versuchte, dasjenige, was in die Zukunft hinein wirkt, herauszuschälen aus dem Vergangenen. Aber was taten denn diese Betrachter zumeist? Sie besannen sich. Sie besannen sich auf dasjenige, was Kultur ist, was schon da ist. Daß frühere Jahrhunderte Kultur gemacht haben, davon hatten diese Denker überhaupt gar keine Ahnung mehr.

[ 16 ] Man hat nämlich gar nicht bemerkt, wozu es eigentlich mit dem Denken der Menschheit gekommen ist. Man lese nur einmal die meisten dieser Jahrhundertbetrachtungen, die erschienen sind an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts. Hat man es einmal anders gemacht, wie ich es in meinem Buche, das dann später «Die Rätsel der Philosophie» hieß, gemacht habe, dann betrachtete man das natürlich als unhistorisch. Und einer von diesen edlen Philosophen hat mir, weil das Buch «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» damals hieß, den Vorwurf gemacht, daß in diesem Buche nichts über Bismarck gesagt wird. Ja, ein Philosoph hat diesem Buch diesen Vorwurf gemacht. Manche andere ähnliche Vorwürfe sind diesem Buche gemacht worden, weil es eben gerade versuchte, dasjenige, was in die Zukunft hinein wirkt, herauszuschälen aus dem Vergangenen. Aber was taten denn diese Betrachter zumeist? Sie besannen sich. Sie besannen sich auf dasjenige, was Kultur ist, was schon da ist. Daß frühere Jahrhunderte Kultur gemacht haben, davon hatten diese Denker überhaupt gar keine Ahnung mehr.

[ 17 ] Aber nun kommt Albert Schweitzer dazu, ich möchte sagen, mit Bezug auf diese Zukunft der Philosophie zu resignieren. Da sagt er: Es ist eigentlich nicht die Schuld der Philosophie, daß sie nicht mehr eine eigentliche produktive Denkrolle spielte. Das war mehr das Schicksal der Philosophie. Denn die Welt hat im allgemeinen das Denken verlernt, und die Philosophie hat es halt mit verlernt. — In einer gewissen Beziehung ist sogar Schweitzer sehr nachsichtig, denn man könnte doch auch auf den Gedanken kommen: Wenn alle Welt das Denken verlernt, so hätten es doch wenigstens die Philosophen pflegen können. Aber Schweitzer findet es ganz natürlich, daß die Philosophen einfach mit allen anderen Leuten das Denken verlernt haben. So sagt er: «Daß das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschauung von optimistisch-ethischem Charakter aufzustellen und die Ideale, die die Kultur ausmachen, in einer solchen zu begründen, war nicht Schuld der Philosophie, sondern eine Tatsache, die sich in der Entwicklung des Denkens einstellte.» — Das war also bei allen Leuten. — «Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philosophie dadurch, daß sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur unterhielte.»

[ 17 ] Aber nun kommt Albert Schweitzer dazu, ich möchte sagen, mit Bezug auf diese Zukunft der Philosophie zu resignieren. Da sagt er: Es ist eigentlich nicht die Schuld der Philosophie, daß sie nicht mehr eine eigentliche produktive Denkrolle spielte. Das war mehr das Schicksal der Philosophie. Denn die Welt hat im allgemeinen das Denken verlernt, und die Philosophie hat es halt mit verlernt. — In einer gewissen Beziehung ist sogar Schweitzer sehr nachsichtig, denn man könnte doch auch auf den Gedanken kommen: Wenn alle Welt das Denken verlernt, so hätten es doch wenigstens die Philosophen pflegen können. Aber Schweitzer findet es ganz natürlich, daß die Philosophen einfach mit allen anderen Leuten das Denken verlernt haben. So sagt er: «Daß das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschauung von optimistisch-ethischem Charakter aufzustellen und die Ideale, die die Kultur ausmachen, in einer solchen zu begründen, war nicht Schuld der Philosophie, sondern eine Tatsache, die sich in der Entwicklung des Denkens einstellte.» — Das war also bei allen Leuten. — «Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philosophie dadurch, daß sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur unterhielte.»

[ 18 ] Also die Philosophen haben mit den anderen Leuten, so sagt Albert Schweitzer mit seiner messerscharfen Kritik, das Denken verlernt; aber das ist nicht eigentlich ihre Schuld, das ist nun einmal eine Tatsache, sie haben halt mit den andern Leuten das Denken verlernt. Aber ihre eigentliche Schuld besteht darinnen, daß sie das gar nicht gemerkt haben. Sie hätten es wenigstens merken sollen und hätten davon reden sollen. — Nur das ist es, was Schweitzer den Philosophen vorwirft. «Ihrer letzten Bestimmung nach ist die Philosophie Anführerin und Wächterin der allgemeinen Vernunft. Ihre Pflicht wäre es gewesen, unserer Welt einzugestehen, daß die ethischen Vernunftideale nicht mehr wie früher in einer Totalweltanschauung Halt fänden, sondern bis auf weiteres auf sich selbst gestellt seien und sich allein durch ihre innere Kraft in der Welt behaupten müßten.» Und dann schließt er dieses erste Kapitel damit, daß er sagt: «So wenig philosophierte die Philosophie über Kultur, daß sie nicht einmal merkte, wie sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der Stunde der Gefahr schlief der Wächter, der uns wach erhalten sollte. So kam es, daß wir nicht um unsere Kultur rangen.»

[ 18 ] Also die Philosophen haben mit den anderen Leuten, so sagt Albert Schweitzer mit seiner messerscharfen Kritik, das Denken verlernt; aber das ist nicht eigentlich ihre Schuld, das ist nun einmal eine Tatsache, sie haben halt mit den andern Leuten das Denken verlernt. Aber ihre eigentliche Schuld besteht darinnen, daß sie das gar nicht gemerkt haben. Sie hätten es wenigstens merken sollen und hätten davon reden sollen. — Nur das ist es, was Schweitzer den Philosophen vorwirft. «Ihrer letzten Bestimmung nach ist die Philosophie Anführerin und Wächterin der allgemeinen Vernunft. Ihre Pflicht wäre es gewesen, unserer Welt einzugestehen, daß die ethischen Vernunftideale nicht mehr wie früher in einer Totalweltanschauung Halt fänden, sondern bis auf weiteres auf sich selbst gestellt seien und sich allein durch ihre innere Kraft in der Welt behaupten müßten.» Und dann schließt er dieses erste Kapitel damit, daß er sagt: «So wenig philosophierte die Philosophie über Kultur, daß sie nicht einmal merkte, wie sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der Stunde der Gefahr schlief der Wächter, der uns wach erhalten sollte. So kam es, daß wir nicht um unsere Kultur rangen.»

[ 19 ] Nun bitte ich Sie aber, mit diesen Sätzen des Albert Schweitzer nicht etwa das nun so zu machen, daß Sie etwa sich sagen oder ein Teil von Ihnen sich sagt: Nun ja, das ist eben eine Kritik der deutschen Kultur, und die gilt ja nicht für England, nicht für Amerika, am wenigsten natürlich für Frankreich! Albert Schweitzer hat nämlich eine große Anzahl von Schriften geschrieben. Unter diesen sind in englischer Sprache geschrieben: «The Mystery of the Kingdom of God»; dann eine andere Schrift: «The Question of the historical Jesus»; dann eine dritte; dann hat er noch einige andere in französischer Sprache geschrieben. Also der Mann ist schon international und redet ganz gewiß nicht etwa bloß von der deutschen Kultur, sondern er redet von der Kultur der Gegenwart. Daher wäre es nicht sehr schön, wenn es dieser Betrachtung gegenüber so ginge, wie wir einmal in Berlin etwas erlebt haben. Da hatten wir einmal eine anthroposophische Versammlung, und dabei war ein Mitglied, das hatte einen Hund. Nun mußte ich immer erklären, die Menschen haben wiederholte Erdenleben, Reinkarnationen, und die Tiere nicht, da sind es die Gattungsseelen, die Gruppenseelen, welche in demselben Stadium sind, nicht das einzelne individuelle Tier. Diese Persönlichkeit hatte aber ihren Hund so lieb, daß sie meinte, trotzdem sie zugab, daß andere Tiere, selbst die anderen Hunde, keine wiederholten Erdenleben haben, ihr Hund habe aber wiederholte Erdenleben, das wisse sie ganz genau. Es wurde ein wenig diskutiert über diese Sache — Diskussionen sind ja manchmal anregend, wie Sie wissen und man konnte nun denken, daß diese Persönlichkeit niemals überzeugt werden könnte und daß die anderen überzeugt seien. Das stellte sich auch sogleich heraus, als wir dann in einem Kaffeehause saßen. Dieses andere Mitglied sagte, es wäre eigentlich furchtbar töricht von dieser Persönlichkeit, daß sie meinte, ihr Hund habe wiederholte Erdenleben; das habe sie gleich eingesehen, das gehe ja ganz klar aus der Anthroposophie hervor, daß das eine Unmöglichkeit sei. Ja, wenn das mein Papagei wäre! Der — für den gilt das! — Ich möchte nicht, daß etwa diese Gedankenform von den verschiedenen Nationalitäten in der Weise übertragen würde, daß sie sagen: Ja, für die Leute, für die der Albert Schweitzer spricht, da gilt das, daß die Kultur im Niedergange ist, daß die Philosophen es selbst nicht gemerkt haben, aber — unser Papagei hat wiederholte Erdenleben!

[ 19 ] Nun bitte ich Sie aber, mit diesen Sätzen des Albert Schweitzer nicht etwa das nun so zu machen, daß Sie etwa sich sagen oder ein Teil von Ihnen sich sagt: Nun ja, das ist eben eine Kritik der deutschen Kultur, und die gilt ja nicht für England, nicht für Amerika, am wenigsten natürlich für Frankreich! Albert Schweitzer hat nämlich eine große Anzahl von Schriften geschrieben. Unter diesen sind in englischer Sprache geschrieben: «The Mystery of the Kingdom of God»; dann eine andere Schrift: «The Question of the historical Jesus»; dann eine dritte; dann hat er noch einige andere in französischer Sprache geschrieben. Also der Mann ist schon international und redet ganz gewiß nicht etwa bloß von der deutschen Kultur, sondern er redet von der Kultur der Gegenwart. Daher wäre es nicht sehr schön, wenn es dieser Betrachtung gegenüber so ginge, wie wir einmal in Berlin etwas erlebt haben. Da hatten wir einmal eine anthroposophische Versammlung, und dabei war ein Mitglied, das hatte einen Hund. Nun mußte ich immer erklären, die Menschen haben wiederholte Erdenleben, Reinkarnationen, und die Tiere nicht, da sind es die Gattungsseelen, die Gruppenseelen, welche in demselben Stadium sind, nicht das einzelne individuelle Tier. Diese Persönlichkeit hatte aber ihren Hund so lieb, daß sie meinte, trotzdem sie zugab, daß andere Tiere, selbst die anderen Hunde, keine wiederholten Erdenleben haben, ihr Hund habe aber wiederholte Erdenleben, das wisse sie ganz genau. Es wurde ein wenig diskutiert über diese Sache — Diskussionen sind ja manchmal anregend, wie Sie wissen und man konnte nun denken, daß diese Persönlichkeit niemals überzeugt werden könnte und daß die anderen überzeugt seien. Das stellte sich auch sogleich heraus, als wir dann in einem Kaffeehause saßen. Dieses andere Mitglied sagte, es wäre eigentlich furchtbar töricht von dieser Persönlichkeit, daß sie meinte, ihr Hund habe wiederholte Erdenleben; das habe sie gleich eingesehen, das gehe ja ganz klar aus der Anthroposophie hervor, daß das eine Unmöglichkeit sei. Ja, wenn das mein Papagei wäre! Der — für den gilt das! — Ich möchte nicht, daß etwa diese Gedankenform von den verschiedenen Nationalitäten in der Weise übertragen würde, daß sie sagen: Ja, für die Leute, für die der Albert Schweitzer spricht, da gilt das, daß die Kultur im Niedergange ist, daß die Philosophen es selbst nicht gemerkt haben, aber — unser Papagei hat wiederholte Erdenleben!

[ 20 ] Im zweiten Kapitel spricht dann Albert Schweitzer über «Kulturhemmende Umstände in unserem wirtschaftlichen und geistigen Leben», und auch da ist er außerordentlich scharf denkend. Zuweilen sind ja natürlich auch Trivialitäten da, ich möchte sagen, desjenigen, was ganz offenbar ist. Aber dann durchschaut Albert Schweitzer einen Mangel des modernen Menschen, dieses kulturlosen modernen Menschen, indem er findet, daß der moderne Mensch dadurch, daß ihm die Kultur abhanden gekommen ist, erstens unfrei geworden ist, zweitens, daß er ungesammelt ist. Nun, ich habe Ihnen Sätze vorgelesen von Max Rubner — von starker Gedankensammlung zeugen sie allerdings nicht. Ungesammelt ist schon gerade der repräsentative moderne Mensch.

[ 20 ] Im zweiten Kapitel spricht dann Albert Schweitzer über «Kulturhemmende Umstände in unserem wirtschaftlichen und geistigen Leben», und auch da ist er außerordentlich scharf denkend. Zuweilen sind ja natürlich auch Trivialitäten da, ich möchte sagen, desjenigen, was ganz offenbar ist. Aber dann durchschaut Albert Schweitzer einen Mangel des modernen Menschen, dieses kulturlosen modernen Menschen, indem er findet, daß der moderne Mensch dadurch, daß ihm die Kultur abhanden gekommen ist, erstens unfrei geworden ist, zweitens, daß er ungesammelt ist. Nun, ich habe Ihnen Sätze vorgelesen von Max Rubner — von starker Gedankensammlung zeugen sie allerdings nicht. Ungesammelt ist schon gerade der repräsentative moderne Mensch.

[ 21 ] Dann legt Albert Schweitzer diesem modernen Menschen noch ein niedliches Prädikat bei. Er ist nämlich außerdem, daß er unfrei und ungesammelt ist, auch «unvollständig». Nun denken Sie sich einmal, diese modernen Menschen glauben doch alle, daß sie als vollständige Menschenexemplare durch die Welt gehen. Aber Albert Schweitzer ist der Ansicht, daß heute durch die moderne Erziehung ein jeder in ein ganz einseitiges Berufsleben hineingesteckt wird, nur einseitig seine Fähigkeiten ausbildet, die anderen verkümmern läßt und daher in Wirklichkeit ein unvollständiger Mensch wird. Und in Verbindung mit dieser Unfreiheit, Unvollständigkeit und Ungesammeltheit des modernen Menschen macht sich für Albert Schweitzer geltend eine gewisse Unhumanität des modernen Menschen: «Tatsächlich bewegen sich Gedanken vollendeter Inhumanität seit zwei Menschenaltern in der häßlichen Klarheit der Worte und mit der Autorität logischer Grundsätze unter uns. Es hat sich eine Mentalität der Gesellschaft herausgebildet, die die einzelnen von der Humanität abbringt. Die Höflichkeit des natürlichen Empfindens schwindet.» — Ich erinnere an die Generalversammlung, die wir hier gehabt haben, wo über die Höflichkeit geredet worden ist! — «An ihre Stelle tritt das mit mehr oder weniger Formen ausgestattete Benehmen der absoluten Indifferenz. Die gegen Unbekannte auf jede Weise betonte Unnahbarkeit und Teilnahmslosigkeit wird gar nicht mehr als innere Roheit empfunden, sondern gilt als weltmännisches Verhalten. Auch hat unsere Gesellschaft aufgehört, allen Menschen als solchen Menschenwert und Menschenwürde zuzuerkennen. Teile der Menschheit sind für uns Menschenmaterial und Menschendinge geworden. Wenn seit Jahrzehnten unter uns mit steigender Leichtfertigkeit von Krieg und Eroberungen geredet werden konnte, als ob es sich um ein Operieren auf dem Schachbrett handelte, so war dies nur möglich, weil eine Gesamtgesinnung geschaffen war, die sich das Schicksal der einzelnen nicht mehr vorstellte, sondern sie nur als Ziffern und Gegenstände gegenwärtig hatte. Als der Krieg kam, erhielt die Inhumanität, die in uns war, freien Lauf. Und was ist in den letzten Jahrzehnten an feinen und groben Roheiten über die farbigen Menschen in unserer Kolonialliteratur und in unseren Parlamenten als Vernunftwahrheit aufgetreten und in die öffentliche Meinung übergegangen! Vor zwanzig Jahren wurde in einem Parlamente des europäischen Festlandes sogar hingenommen, daß in bezug auf deportierte Schwarze, die man an Hunger und Seuchen hatte sterben lassen, von der Tribüne herab gesagt wurde, sie seien

[ 21 ] Dann legt Albert Schweitzer diesem modernen Menschen noch ein niedliches Prädikat bei. Er ist nämlich außerdem, daß er unfrei und ungesammelt ist, auch «unvollständig». Nun denken Sie sich einmal, diese modernen Menschen glauben doch alle, daß sie als vollständige Menschenexemplare durch die Welt gehen. Aber Albert Schweitzer ist der Ansicht, daß heute durch die moderne Erziehung ein jeder in ein ganz einseitiges Berufsleben hineingesteckt wird, nur einseitig seine Fähigkeiten ausbildet, die anderen verkümmern läßt und daher in Wirklichkeit ein unvollständiger Mensch wird. Und in Verbindung mit dieser Unfreiheit, Unvollständigkeit und Ungesammeltheit des modernen Menschen macht sich für Albert Schweitzer geltend eine gewisse Unhumanität des modernen Menschen: «Tatsächlich bewegen sich Gedanken vollendeter Inhumanität seit zwei Menschenaltern in der häßlichen Klarheit der Worte und mit der Autorität logischer Grundsätze unter uns. Es hat sich eine Mentalität der Gesellschaft herausgebildet, die die einzelnen von der Humanität abbringt. Die Höflichkeit des natürlichen Empfindens schwindet.» — Ich erinnere an die Generalversammlung, die wir hier gehabt haben, wo über die Höflichkeit geredet worden ist! — «An ihre Stelle tritt das mit mehr oder weniger Formen ausgestattete Benehmen der absoluten Indifferenz. Die gegen Unbekannte auf jede Weise betonte Unnahbarkeit und Teilnahmslosigkeit wird gar nicht mehr als innere Roheit empfunden, sondern gilt als weltmännisches Verhalten. Auch hat unsere Gesellschaft aufgehört, allen Menschen als solchen Menschenwert und Menschenwürde zuzuerkennen. Teile der Menschheit sind für uns Menschenmaterial und Menschendinge geworden. Wenn seit Jahrzehnten unter uns mit steigender Leichtfertigkeit von Krieg und Eroberungen geredet werden konnte, als ob es sich um ein Operieren auf dem Schachbrett handelte, so war dies nur möglich, weil eine Gesamtgesinnung geschaffen war, die sich das Schicksal der einzelnen nicht mehr vorstellte, sondern sie nur als Ziffern und Gegenstände gegenwärtig hatte. Als der Krieg kam, erhielt die Inhumanität, die in uns war, freien Lauf. Und was ist in den letzten Jahrzehnten an feinen und groben Roheiten über die farbigen Menschen in unserer Kolonialliteratur und in unseren Parlamenten als Vernunftwahrheit aufgetreten und in die öffentliche Meinung übergegangen! Vor zwanzig Jahren wurde in einem Parlamente des europäischen Festlandes sogar hingenommen, daß in bezug auf deportierte Schwarze, die man an Hunger und Seuchen hatte sterben lassen, von der Tribüne herab gesagt wurde, sie seien

[ 22 ] Nun bespricht Albert Schweitzer auch noch die Rolle der Überorganisation in unserem Kulturverfall. Kulturhemmend, meint er, wirken auch die öffentlichen Verhältnisse dadurch, daß Überorganisation überall aufträte. Es werden ja heute überall organisierende Verfügungen, Verordnungen, Gesetze geschaffen. Man ist mit allem in einer Organisation darinnen. Die Menschen erleben das gedankenlos. Sie tun auch gedankenlos. Sie sind immer in irgend etwas organisiert, so daß Albert Schweitzer findet, daß auch diese «Überorganisation» durchaus kulturhemmend gewirkt hat.

[ 22 ] Nun bespricht Albert Schweitzer auch noch die Rolle der Überorganisation in unserem Kulturverfall. Kulturhemmend, meint er, wirken auch die öffentlichen Verhältnisse dadurch, daß Überorganisation überall aufträte. Es werden ja heute überall organisierende Verfügungen, Verordnungen, Gesetze geschaffen. Man ist mit allem in einer Organisation darinnen. Die Menschen erleben das gedankenlos. Sie tun auch gedankenlos. Sie sind immer in irgend etwas organisiert, so daß Albert Schweitzer findet, daß auch diese «Überorganisation» durchaus kulturhemmend gewirkt hat.

[ 23 ] «Die furchtbare Wahrheit, daß mit dem Fortschreiten der Geschichte und der wirtschaftlichen Entwicklung die Kultur nicht leichter, sondern schwerer wird, kam nicht zu Worte.» — «Der Bankerott des Kulturstaates, der von Jahrzehnt zu Jahrzehnt offenbarer wird, richtet den modernen Menschen zugrunde. Die Demoralisation des einzelnen durch die Gesamtheit ist in vollem Gange.

[ 23 ] «Die furchtbare Wahrheit, daß mit dem Fortschreiten der Geschichte und der wirtschaftlichen Entwicklung die Kultur nicht leichter, sondern schwerer wird, kam nicht zu Worte.» — «Der Bankerott des Kulturstaates, der von Jahrzehnt zu Jahrzehnt offenbarer wird, richtet den modernen Menschen zugrunde. Die Demoralisation des einzelnen durch die Gesamtheit ist in vollem Gange.

[ 24 ] Ein Unfreier, ein Ungesammelter, ein Unvollständiger, ein sich in Humanitätlosigkeit Verlierender, ein seine geistige Selbständigkeit und sein moralisches Urteil an die organisierte Gesellschaft Preisgebender, ein in jeder Hinsicht Hemmungen der Kulturgesinnung Erfahrender: so zog der moderne Mensch seinen dunklen Weg in dunkler Zeit. Für die Gefahr, in der er sich befand, hatte die Philosophie kein Verständnis. So machte sie keinen Versuch, ihm zu helfen. Nicht einmal zum Nachdenken über das, was mit ihm vorging, hielt sie ihn an.»

[ 24 ] Ein Unfreier, ein Ungesammelter, ein Unvollständiger, ein sich in Humanitätlosigkeit Verlierender, ein seine geistige Selbständigkeit und sein moralisches Urteil an die organisierte Gesellschaft Preisgebender, ein in jeder Hinsicht Hemmungen der Kulturgesinnung Erfahrender: so zog der moderne Mensch seinen dunklen Weg in dunkler Zeit. Für die Gefahr, in der er sich befand, hatte die Philosophie kein Verständnis. So machte sie keinen Versuch, ihm zu helfen. Nicht einmal zum Nachdenken über das, was mit ihm vorging, hielt sie ihn an.»

[ 25 ] Im dritten Kapitel spricht dann Albert Schweitzer davon, daß eine wirkliche Kultur einen ethischen Grundcharakter haben müßte. Frühere Weltanschauungen haben ethische Werte geboren; seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat man mit den alten ethischen Werten weitergelebt, ohne sie irgendwie zu verankern in einer Totalweltanschauung, und man bemerkte das gar nicht: «Man lebte in der durch die ethische Kulturbewegung geschaffenen Situation weiter, ohne sich darüber klarzuwerden, daß sie nun unhaltbar geworden war, und ohne auf das, was sich zwischen den Völkern und in den Völkern vorbereitete, auszublicken. So kam unsere Zeit, gedankenlos wie sie war, zu der Meinung, daß Kultur vornehmlich in wissenschaftlichen, technischen und künstlerischen Leistungen bestehe und ohne Ethik oder mit einem Minimum von Ethik auskommen könne. Autorität erlangte diese veräußerlichte Auffassung von Kultur in der öffentlichen Meinung dadurch, daß sie durchgängig auch von Personen vertreten wurde, denen nach ihrer gesellschaftlichen Stellung und nach ihrer wissenschaftlichen Bildung Kompetenz in Sachen des geistigen Lebens zuzukommen schien.» — «Unser Wirklichkeitssinn besteht also darin, daß wir aus einer Tatsache durch Leidenschaften und kurzsichtige Nützlichkeitserwägungen die nächstliegend andere hervorgehen lassen, und so fort und fort. Da uns die zielbewußte Absicht auf ein zu verwirklichendes Ganzes fehlt, fällt unsere Aktivität unter den Begriff des Naturgeschehens.»

[ 25 ] Im dritten Kapitel spricht dann Albert Schweitzer davon, daß eine wirkliche Kultur einen ethischen Grundcharakter haben müßte. Frühere Weltanschauungen haben ethische Werte geboren; seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat man mit den alten ethischen Werten weitergelebt, ohne sie irgendwie zu verankern in einer Totalweltanschauung, und man bemerkte das gar nicht: «Man lebte in der durch die ethische Kulturbewegung geschaffenen Situation weiter, ohne sich darüber klarzuwerden, daß sie nun unhaltbar geworden war, und ohne auf das, was sich zwischen den Völkern und in den Völkern vorbereitete, auszublicken. So kam unsere Zeit, gedankenlos wie sie war, zu der Meinung, daß Kultur vornehmlich in wissenschaftlichen, technischen und künstlerischen Leistungen bestehe und ohne Ethik oder mit einem Minimum von Ethik auskommen könne. Autorität erlangte diese veräußerlichte Auffassung von Kultur in der öffentlichen Meinung dadurch, daß sie durchgängig auch von Personen vertreten wurde, denen nach ihrer gesellschaftlichen Stellung und nach ihrer wissenschaftlichen Bildung Kompetenz in Sachen des geistigen Lebens zuzukommen schien.» — «Unser Wirklichkeitssinn besteht also darin, daß wir aus einer Tatsache durch Leidenschaften und kurzsichtige Nützlichkeitserwägungen die nächstliegend andere hervorgehen lassen, und so fort und fort. Da uns die zielbewußte Absicht auf ein zu verwirklichendes Ganzes fehlt, fällt unsere Aktivität unter den Begriff des Naturgeschehens.»

[ 26 ] Und auch das sieht Albert Schweitzer mit voller Klarheit ein, daß die Leute, weil sie Kulturschöpferisches nicht mehr hatten, zum Nationalismus gekommen sind.

[ 26 ] Und auch das sieht Albert Schweitzer mit voller Klarheit ein, daß die Leute, weil sie Kulturschöpferisches nicht mehr hatten, zum Nationalismus gekommen sind.

[ 27 ] «Bezeichnend für das krankhafte Wesen der Realpolitik des Nationalismus war, daß sie sich auf jede Weise mit dem Flitter des Ideals zu behängen suchte. Der Kampf um die Macht wurde zum Kampf für Recht und Kultur. Die egoistischen Interessengemeinschaften, die Völker untereinander gegen andere eingingen, präsentierten sich als Freundschaften und Seelenverwandtschaften. Als solche wurden sie in die Vergangenheit zurückdatiert, wenn die Geschichte auch mehr vonErbfeindschaftals voninnerer Verwandtschaftzuberichten wußte.

[ 27 ] «Bezeichnend für das krankhafte Wesen der Realpolitik des Nationalismus war, daß sie sich auf jede Weise mit dem Flitter des Ideals zu behängen suchte. Der Kampf um die Macht wurde zum Kampf für Recht und Kultur. Die egoistischen Interessengemeinschaften, die Völker untereinander gegen andere eingingen, präsentierten sich als Freundschaften und Seelenverwandtschaften. Als solche wurden sie in die Vergangenheit zurückdatiert, wenn die Geschichte auch mehr vonErbfeindschaftals voninnerer Verwandtschaftzuberichten wußte.

[ 28 ] Zuletzt genügte es dem Nationalismus nicht, in seiner Politik jede Absicht auf das Zustandekommen einer Kulturmenschheit beiseite zu setzen. Er zerstörte noch die Vorstellung der Kultur selber, indem er die nationale Kultur proklamierte.»

[ 28 ] Zuletzt genügte es dem Nationalismus nicht, in seiner Politik jede Absicht auf das Zustandekommen einer Kulturmenschheit beiseite zu setzen. Er zerstörte noch die Vorstellung der Kultur selber, indem er die nationale Kultur proklamierte.»

[ 29 ] Sehen Sie, auf den verschiedensten Gebieten des Lebens sieht schon Albert Schweitzer, man muß sagen, recht klar. Und er findet Worte, um dieses Negative unserer Zeit auszudrücken. $o, möchte ich sagen, ist es ihm auch ganz klar, was unsere Zeit geworden ist durch den großen Einfluß der Wissenschaft. Da ihm aber auch klar ist, daß unsere Zeit nicht denken kann — ich habe Ihnen das an dem Beispiel des Max Rubner gezeigt —, so weiß Albert Schweitzer auch, daß die Wissenschaft erst recht gedankenlos geworden ist und daher in unserer Zeit gar nicht den Beruf zur Führung der Menschheit in der Kultur haben kann.

[ 29 ] Sehen Sie, auf den verschiedensten Gebieten des Lebens sieht schon Albert Schweitzer, man muß sagen, recht klar. Und er findet Worte, um dieses Negative unserer Zeit auszudrücken. $o, möchte ich sagen, ist es ihm auch ganz klar, was unsere Zeit geworden ist durch den großen Einfluß der Wissenschaft. Da ihm aber auch klar ist, daß unsere Zeit nicht denken kann — ich habe Ihnen das an dem Beispiel des Max Rubner gezeigt —, so weiß Albert Schweitzer auch, daß die Wissenschaft erst recht gedankenlos geworden ist und daher in unserer Zeit gar nicht den Beruf zur Führung der Menschheit in der Kultur haben kann.

[ 30 ] «Heute hat das Denken nichts mehr von der Wissenschaft, weil diese ihm gegenüber selbständig und indifferent geworden ist. Fortgeschrittenstes Wissen verträgt sich jetzt mit gedankenlosester Weltanschauung. Es behauptet, es nur mit Einzelfeststellungen zu tun zu haben, da nur bei diesen sachliche Wissenschaft gewahrt sei. Die Zusammenfassung der Erkenntnisse und die Geltendmachung ihrer Konsequenzen für die Weltanschauung sei nicht seine Sache. Früher war jeder wissenschaftliche Mensch», so sagt Albert Schweitzer, «zugleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermögen angelangt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu können. Darum gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast keine denkende Wissenschaft mehr.»

[ 30 ] «Heute hat das Denken nichts mehr von der Wissenschaft, weil diese ihm gegenüber selbständig und indifferent geworden ist. Fortgeschrittenstes Wissen verträgt sich jetzt mit gedankenlosester Weltanschauung. Es behauptet, es nur mit Einzelfeststellungen zu tun zu haben, da nur bei diesen sachliche Wissenschaft gewahrt sei. Die Zusammenfassung der Erkenntnisse und die Geltendmachung ihrer Konsequenzen für die Weltanschauung sei nicht seine Sache. Früher war jeder wissenschaftliche Mensch», so sagt Albert Schweitzer, «zugleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermögen angelangt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu können. Darum gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast keine denkende Wissenschaft mehr.»

[ 31 ] Sie sehen, das Negative sieht Schweitzer außerordentlich klar, und er weiß auch zu sagen, worauf es ankommt: daß es darauf ankommt, den Geist wiederum in die Kultur hineinzubringen. Er weiß, daß die Kultur geistlos geworden ist. Aber ich habe heute vormittag im pädagogischen Vortrag ausgeführt, wie von dem, was in früherer Zeit die Menschen von der Seele wußten, nur die Worte geblieben sind. Es wird fortgesprochen in Worten von der Seele, aber irgend etwas Reales wird mit den Worten nicht mehr verbunden. Und so ist es mit dem Geiste. Daher ist heute kein Bewußtsein vom Geiste vorhanden. Man hat nur das Wort. Und dann, wenn dann nun jemand so scharfsinnig das Negative der modernen Kultur charakterisiert hat, dann kann er höchstens noch dazu kommen, nach gewissen traditionellen Empfindungen, die man hat, wenn heute von Geist gesprochen wird — weil ja aber niemand etwas von Geist weiß —, da kann man dann höchstens dazu kommen zu sagen: Der Geist ist notwendig.

[ 31 ] Sie sehen, das Negative sieht Schweitzer außerordentlich klar, und er weiß auch zu sagen, worauf es ankommt: daß es darauf ankommt, den Geist wiederum in die Kultur hineinzubringen. Er weiß, daß die Kultur geistlos geworden ist. Aber ich habe heute vormittag im pädagogischen Vortrag ausgeführt, wie von dem, was in früherer Zeit die Menschen von der Seele wußten, nur die Worte geblieben sind. Es wird fortgesprochen in Worten von der Seele, aber irgend etwas Reales wird mit den Worten nicht mehr verbunden. Und so ist es mit dem Geiste. Daher ist heute kein Bewußtsein vom Geiste vorhanden. Man hat nur das Wort. Und dann, wenn dann nun jemand so scharfsinnig das Negative der modernen Kultur charakterisiert hat, dann kann er höchstens noch dazu kommen, nach gewissen traditionellen Empfindungen, die man hat, wenn heute von Geist gesprochen wird — weil ja aber niemand etwas von Geist weiß —, da kann man dann höchstens dazu kommen zu sagen: Der Geist ist notwendig.

[ 32 ] Aber wenn man sagen soll, wie der Geist nun in die Kultur hineinkommen soll, da wird es einem so — verzeihen Sie: Als ich ein ganz kleiner Junge noch war, da lebte ich in der Nähe eines Dorfes, und da waren einer Persönlichkeit, die zu den höchsten Honoratioren des Dorfes gehörte, Hühner gestohlen worden. Nun kam es zu einem Prozeß. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung. Der Richter wollte durchaus herausbringen, wie groß er die Strafe bemessen sollte, und dazu war notwendig, daß eine Vorstellung erweckt wurde, wie denn die Hühner waren. Und da verlangte er von dieser Persönlichkeit, die zu den Honoratioren des Dorfes gehörte, sie solle beschreiben, was das für Hühner waren. — Also sagen Sie uns etwas Näheres, was waren denn das für Hühner? Beschreiben Sie sie uns ein bißchen! Ja, Herr Richter, es waren schöne Hühner. — Da kann man nichts Rechtes damit anfangen, wenn Sie uns nicht etwas Genaueres sagen können! Sie haben diese Hühner doch gehabt, beschreiben Sie uns ein bißchen diese Hühner. — Ja, Herr Richter, es waren halt schöne Hühner! — Und so fuhr diese Persönlichkeit fort. Weiteres war nicht aus ihr herauszubringen als: Es waren schöne Hühner.

[ 32 ] Aber wenn man sagen soll, wie der Geist nun in die Kultur hineinkommen soll, da wird es einem so — verzeihen Sie: Als ich ein ganz kleiner Junge noch war, da lebte ich in der Nähe eines Dorfes, und da waren einer Persönlichkeit, die zu den höchsten Honoratioren des Dorfes gehörte, Hühner gestohlen worden. Nun kam es zu einem Prozeß. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung. Der Richter wollte durchaus herausbringen, wie groß er die Strafe bemessen sollte, und dazu war notwendig, daß eine Vorstellung erweckt wurde, wie denn die Hühner waren. Und da verlangte er von dieser Persönlichkeit, die zu den Honoratioren des Dorfes gehörte, sie solle beschreiben, was das für Hühner waren. — Also sagen Sie uns etwas Näheres, was waren denn das für Hühner? Beschreiben Sie sie uns ein bißchen! Ja, Herr Richter, es waren schöne Hühner. — Da kann man nichts Rechtes damit anfangen, wenn Sie uns nicht etwas Genaueres sagen können! Sie haben diese Hühner doch gehabt, beschreiben Sie uns ein bißchen diese Hühner. — Ja, Herr Richter, es waren halt schöne Hühner! — Und so fuhr diese Persönlichkeit fort. Weiteres war nicht aus ihr herauszubringen als: Es waren schöne Hühner.

[ 33 ] Und sehen Sie, da kommt ja nun auch im weiteren Kapitel Albert Schweitzer dazu, daß er positiv sagen soll, wie er sich nun vorstellt, daß eine totale Weltanschauung wieder werden soll. «Welcher Art aber», so sagt er, «muß die denkende Weltanschauung sein, damit Kulturideen und Kulturgesinnungen in ihr begründet sein können? Optimistisch und ethisch.» Es waren halt schöne Hühner! Optimistisch und ethisch muß sie sein. Ja, aber wie soll sie es sein? Denken Sie sich nur einmal, wenn ein Architekt jemandem ein Haus bauen sollte, und er will herausbekommen, wie das Haus sein soll, und der Betreffende erwidert ihm nur: Das Haus soll fest sein, wettersicher, schön, und es soll sich gut drinnen wohnen lassen —, nun machen Sie den Plan und wissen, wie er es haben will! Aber gerade so ist es, wenn einem Jemand sagt, eine Weltanschauung soll optimistisch und ethisch sein. Wenn man ein Haus bauen will, so muß man doch den Plan gestalten; das muß ein konkret gestalteter Plan werden. Aber der so scharfsinnige Albert Schweitzer weiß nichts zu sagen als: Es waren halt schöne Hühner. Oder: Das Haus soll schön sein, nämlich es soll optimistisch und ethisch sein.

[ 33 ] Und sehen Sie, da kommt ja nun auch im weiteren Kapitel Albert Schweitzer dazu, daß er positiv sagen soll, wie er sich nun vorstellt, daß eine totale Weltanschauung wieder werden soll. «Welcher Art aber», so sagt er, «muß die denkende Weltanschauung sein, damit Kulturideen und Kulturgesinnungen in ihr begründet sein können? Optimistisch und ethisch.» Es waren halt schöne Hühner! Optimistisch und ethisch muß sie sein. Ja, aber wie soll sie es sein? Denken Sie sich nur einmal, wenn ein Architekt jemandem ein Haus bauen sollte, und er will herausbekommen, wie das Haus sein soll, und der Betreffende erwidert ihm nur: Das Haus soll fest sein, wettersicher, schön, und es soll sich gut drinnen wohnen lassen —, nun machen Sie den Plan und wissen, wie er es haben will! Aber gerade so ist es, wenn einem Jemand sagt, eine Weltanschauung soll optimistisch und ethisch sein. Wenn man ein Haus bauen will, so muß man doch den Plan gestalten; das muß ein konkret gestalteter Plan werden. Aber der so scharfsinnige Albert Schweitzer weiß nichts zu sagen als: Es waren halt schöne Hühner. Oder: Das Haus soll schön sein, nämlich es soll optimistisch und ethisch sein.

[ 34 ] Er geht sogar ein bißchen weiter, aber es kommt doch nicht viel anderes heraus als die schönen Hühner. Er sagt zum Beispiel, weil nun das Denken so sehr aus der Mode gekommen ist, weil das Denken gar nicht mehr gekonnt wird und die Philosophen selbst nicht bemerken, daß es gar nicht mehr da ist, sondern immer noch glauben, sie können denken, so sind viele Leute zur Mystik gekommen, die gedankenfrei arbeiten will, die ohne das Denken zu einer Weltanschauung kommen will. Nun sagt er: Ja, aber warum sollte man denn nicht auch mit dem Denken in die Mystik hineingehen? Also die Weltanschauung, die da kommen soll, muß mit dem Denken in die Mystik hineingehen. Ja, aber wie wird denn das dann? Das Haus soll fest, wettersicher, schön sein und so, daß man bequem drinnen wohnen kann. Die Weltanschauung soll so sein, daß sie denkend in die Mystik eindringt. Das ist genau dasselbe. Ein wirklicher Inhalt wird nirgends auch nur spärlichst angedeutet. Das gibt es gar nicht.

[ 34 ] Er geht sogar ein bißchen weiter, aber es kommt doch nicht viel anderes heraus als die schönen Hühner. Er sagt zum Beispiel, weil nun das Denken so sehr aus der Mode gekommen ist, weil das Denken gar nicht mehr gekonnt wird und die Philosophen selbst nicht bemerken, daß es gar nicht mehr da ist, sondern immer noch glauben, sie können denken, so sind viele Leute zur Mystik gekommen, die gedankenfrei arbeiten will, die ohne das Denken zu einer Weltanschauung kommen will. Nun sagt er: Ja, aber warum sollte man denn nicht auch mit dem Denken in die Mystik hineingehen? Also die Weltanschauung, die da kommen soll, muß mit dem Denken in die Mystik hineingehen. Ja, aber wie wird denn das dann? Das Haus soll fest, wettersicher, schön sein und so, daß man bequem drinnen wohnen kann. Die Weltanschauung soll so sein, daß sie denkend in die Mystik eindringt. Das ist genau dasselbe. Ein wirklicher Inhalt wird nirgends auch nur spärlichst angedeutet. Das gibt es gar nicht.

[ 35 ] Nun, wodurch unterscheidet sich denn Anthroposophie von einer solchen Kulturkritik? Mit dem Negativen kann sie ja ganz einverstanden sein, aber sie ist nicht zufrieden damit, das Haus so zu beschreiben: Es soll fest und wettersicher und schön und so sein, daß man bequem drinnen wohnen kann —, sondern sie macht die Pläne des Hauses, sie entwirft wirklich das Bild einer Kultur. Nun, dagegen wehrt sich zwar Albert Schweitzer etwas, indem er sagt: «Die große Revision der Überzeugungen und Ideale, in denen und für die wir leben, kann sich nicht so vollziehen, daß man in die Menschen unserer Zeit andere, bessere Gedanken hineinredet als die, die sie haben. Sie kommt nur so in Gang, daß die vielen über den Sinn des Lebens nachdenkend werden ...» Also das geht nicht, in die Menschen unserer Zeit bessere Gedanken hineinzureden als die, die sie schon haben, das geht nicht! Ja, was soll man dann tun im Sinne von Albert Schweitzer? Er ermahnt die Menschen, sie sollen in sich gehen, sie sollen dasjenige aus sich herausholen, was sie aus sich selber haben, damit man ihnen nicht irgendwie andere Gedanken, als sie schon haben, einzureden braucht.

[ 35 ] Nun, wodurch unterscheidet sich denn Anthroposophie von einer solchen Kulturkritik? Mit dem Negativen kann sie ja ganz einverstanden sein, aber sie ist nicht zufrieden damit, das Haus so zu beschreiben: Es soll fest und wettersicher und schön und so sein, daß man bequem drinnen wohnen kann —, sondern sie macht die Pläne des Hauses, sie entwirft wirklich das Bild einer Kultur. Nun, dagegen wehrt sich zwar Albert Schweitzer etwas, indem er sagt: «Die große Revision der Überzeugungen und Ideale, in denen und für die wir leben, kann sich nicht so vollziehen, daß man in die Menschen unserer Zeit andere, bessere Gedanken hineinredet als die, die sie haben. Sie kommt nur so in Gang, daß die vielen über den Sinn des Lebens nachdenkend werden ...» Also das geht nicht, in die Menschen unserer Zeit bessere Gedanken hineinzureden als die, die sie schon haben, das geht nicht! Ja, was soll man dann tun im Sinne von Albert Schweitzer? Er ermahnt die Menschen, sie sollen in sich gehen, sie sollen dasjenige aus sich herausholen, was sie aus sich selber haben, damit man ihnen nicht irgendwie andere Gedanken, als sie schon haben, einzureden braucht.

[ 36 ] Ja, aber indem die Menschen dasjenige in sich gesucht haben, was sie schon haben, kam eben das alles, was im Anfange steht: «Wir stehen im Zeichen des Niederganges der Kultur.» — «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war» und so weiter. Ja, das ist ja alles dadurch geworden — was also Schweitzer so sehr scharf und mit einem intensiven Denken trifft —, daß die Menschen außer acht gelassen haben jede wirkliche konkrete Planlegung der Kultur. Und jetzt sagt er: Das geht nicht, daß die Menschen irgend etwas aufnehmen; sie müssen in sich selber gehen. — Sehen Sie, da kann man sagen, nicht nur ein Max Rubner, der überall mit seinem Denken nicht fertig wird, sondern sogar ein so furchtbar scharfer Denker wie der Albert Schweitzer ist nicht imstande, den Übergang zu machen von einer negativen Kritik der Kultur zu einer Anerkenntnis dessen, was als ein neues Geistesleben befruchtend in diese Kultur hereinkommen muß. Anthroposophie ist ja ebensolange da, als Albert Schweitzer, eingestandenermaßen seit dem Jahre 1900, an diesem Buch geschrieben hat. Aber er hat nichts bemerkt davon, daß in positiver Weise Anthroposophie das will, was er bloß in negativer Weise kritisiert: Geist in die Kultur hineinbringen. In dieser Beziehung wird er sogar sehr spaßig. Denn da sagt er ungefähr gegen das Ende des letzten Teiles seiner Schrift:

[ 36 ] Ja, aber indem die Menschen dasjenige in sich gesucht haben, was sie schon haben, kam eben das alles, was im Anfange steht: «Wir stehen im Zeichen des Niederganges der Kultur.» — «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war» und so weiter. Ja, das ist ja alles dadurch geworden — was also Schweitzer so sehr scharf und mit einem intensiven Denken trifft —, daß die Menschen außer acht gelassen haben jede wirkliche konkrete Planlegung der Kultur. Und jetzt sagt er: Das geht nicht, daß die Menschen irgend etwas aufnehmen; sie müssen in sich selber gehen. — Sehen Sie, da kann man sagen, nicht nur ein Max Rubner, der überall mit seinem Denken nicht fertig wird, sondern sogar ein so furchtbar scharfer Denker wie der Albert Schweitzer ist nicht imstande, den Übergang zu machen von einer negativen Kritik der Kultur zu einer Anerkenntnis dessen, was als ein neues Geistesleben befruchtend in diese Kultur hereinkommen muß. Anthroposophie ist ja ebensolange da, als Albert Schweitzer, eingestandenermaßen seit dem Jahre 1900, an diesem Buch geschrieben hat. Aber er hat nichts bemerkt davon, daß in positiver Weise Anthroposophie das will, was er bloß in negativer Weise kritisiert: Geist in die Kultur hineinbringen. In dieser Beziehung wird er sogar sehr spaßig. Denn da sagt er ungefähr gegen das Ende des letzten Teiles seiner Schrift:

[ 37 ] «An sich schon hat das Besinnen auf den Sinn des Lebens eine Bedeutung. Kommt solches Nachdenken wieder unter uns auf» — es ist der konditionelle Satz, nur verschlechtert, denn eigentlich müßte es heißen: Wenn solches Nachdenken wieder unter uns aufkäme! —, «so welken die Eitelkeits- und Leidenschaftsideale, die jetzt wie böses Unkraut in den Überzeugungen der Massen wuchern, rettungslos dahin. Wieviel wäre für die heutigen Zustände schon gewonnen, wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten ...» — also er kommt darauf, daß es gut wäre für die Menschen, wenn sie jeden Abend drei Minuten zu dem gestirnten Himmel hinaufblickten! Wenn man es ihnen so sagt, werden sie es ganz gewiß nicht tun; aber lesen Sie nach, wie diese Dinge gemacht werden sollten, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Man begreift es nicht, warum hier der Schritt vom Negativen zum Positiven gar nicht gemacht werden kann, man begreift das nicht! «... und bei der Teilnahme an einem Begräbnis uns dem Rätsel von Tod und Leben hingeben würden, statt in gedankenloser Unterhaltung hinter dem Sarg einherzugehen.»

[ 37 ] «An sich schon hat das Besinnen auf den Sinn des Lebens eine Bedeutung. Kommt solches Nachdenken wieder unter uns auf» — es ist der konditionelle Satz, nur verschlechtert, denn eigentlich müßte es heißen: Wenn solches Nachdenken wieder unter uns aufkäme! —, «so welken die Eitelkeits- und Leidenschaftsideale, die jetzt wie böses Unkraut in den Überzeugungen der Massen wuchern, rettungslos dahin. Wieviel wäre für die heutigen Zustände schon gewonnen, wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten ...» — also er kommt darauf, daß es gut wäre für die Menschen, wenn sie jeden Abend drei Minuten zu dem gestirnten Himmel hinaufblickten! Wenn man es ihnen so sagt, werden sie es ganz gewiß nicht tun; aber lesen Sie nach, wie diese Dinge gemacht werden sollten, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Man begreift es nicht, warum hier der Schritt vom Negativen zum Positiven gar nicht gemacht werden kann, man begreift das nicht! «... und bei der Teilnahme an einem Begräbnis uns dem Rätsel von Tod und Leben hingeben würden, statt in gedankenloser Unterhaltung hinter dem Sarg einherzugehen.»

[ 38 ] Sehen Sie, wenn man so negativ ist, dann schließt man eine solche Betrachtung über den Kulturvertall so ab, daß man sagt: «Das bisherige Denken gedachte den Sinn des Lebens aus dem Sinn der Welt zu verstehen. Es kann sein, daß wir uns darein schicken müssen, den Sinn der Welt dahingestellt sein zu lassen und unserm Leben aus dem Willen zum Leben, wie er in uns ist, einen Sinn zu geben. Mögen auch die Wege, auf denen wir dem Ziele zuzustreben haben, noch im Dunkel liegen: Die Richtung, in der wir gehen müssen, ist klar.»

[ 38 ] Sehen Sie, wenn man so negativ ist, dann schließt man eine solche Betrachtung über den Kulturvertall so ab, daß man sagt: «Das bisherige Denken gedachte den Sinn des Lebens aus dem Sinn der Welt zu verstehen. Es kann sein, daß wir uns darein schicken müssen, den Sinn der Welt dahingestellt sein zu lassen und unserm Leben aus dem Willen zum Leben, wie er in uns ist, einen Sinn zu geben. Mögen auch die Wege, auf denen wir dem Ziele zuzustreben haben, noch im Dunkel liegen: Die Richtung, in der wir gehen müssen, ist klar.»

[ 39 ] So klar, wie es war, daß seine Hühner schöne Hühner waren, und so klar, wie das ist, daß einer über den Plan seines Hauses sagt: Das Haus soll fest, wettersicher, schön sein. Die meisten Menschen der Gegenwart sehen es nämlich als klar an, wenn sie irgend etwas in der Weise charakterisieren, und merken es überhaupt gar nicht, wie unklar es ist.

[ 39 ] So klar, wie es war, daß seine Hühner schöne Hühner waren, und so klar, wie das ist, daß einer über den Plan seines Hauses sagt: Das Haus soll fest, wettersicher, schön sein. Die meisten Menschen der Gegenwart sehen es nämlich als klar an, wenn sie irgend etwas in der Weise charakterisieren, und merken es überhaupt gar nicht, wie unklar es ist.

[ 40 ] «Miteinander haben wir über den Sinn des Lebens denkend zu werden, miteinander darum zu ringen, zu einer welt- und lebenbejahenden Weltanschauung zu gelangen, in der unser von uns als notwendig und wertvoll erlebter Trieb zu wirken Rechtfertigung, Orientierung, Klärung, Vertiefung, Versittlichung und Stählung findet ...» — Das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man gut darin wohnen kann. In bezug auf ein Haus sagt man so, in bezug auf Weltanschauung sagt man: Die Weltanschauung soll so sein, daß sie wirken kann Rechtfertigung, Orientierung, Klärung, Vertiefung, Versittlichung und Stählung! — «... und daraufhin fähig wird, definitive und vom Geist wahrer Humanität eingegebene Kulturideale aufzustellen und zu verwirklichen.»

[ 40 ] «Miteinander haben wir über den Sinn des Lebens denkend zu werden, miteinander darum zu ringen, zu einer welt- und lebenbejahenden Weltanschauung zu gelangen, in der unser von uns als notwendig und wertvoll erlebter Trieb zu wirken Rechtfertigung, Orientierung, Klärung, Vertiefung, Versittlichung und Stählung findet ...» — Das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man gut darin wohnen kann. In bezug auf ein Haus sagt man so, in bezug auf Weltanschauung sagt man: Die Weltanschauung soll so sein, daß sie wirken kann Rechtfertigung, Orientierung, Klärung, Vertiefung, Versittlichung und Stählung! — «... und daraufhin fähig wird, definitive und vom Geist wahrer Humanität eingegebene Kulturideale aufzustellen und zu verwirklichen.»

[ 41 ] Nun haben wir es. Schärfstes, voll anzuerkennendes Denken über das Negative, absolute Ohnmacht, irgendwo ein Positives zu sehen. Diejenigen Menschen, die man am meisten heute loben muß — und Albert Schweitzer gehört zu denen, die man am meisten heute loben muß —, die sind in solcher Lage. Darüber sollen gerade Anthroposophen ein waches Bewußtsein entwickeln, damit sie Bescheid wissen, wenn dann einer von denjenigen kommt, die im Sinne dieses scharfsinnigen Albert Schweitzer «Philosophen» sind, zum Beispiel ein Neu-Kantianer, wie sich die Leute nennen, und die nun gar nicht merken, daß sie nicht nur das Denken verschlafen haben, sondern daß sie es auch gar nicht bemerkt haben, wie sie das Denken verschlafen haben. Von denen kann man natürlich nicht verlangen, daß sie Anthroposophie verstehen. Aber man soll doch ein waches Auge darüber haben, in welcher Weise solche Menschen, die eben von Schweitzer mit Recht als die verschlafenen Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts geschildert werden, nun von Anthroposophie reden. Wir sollen nach allen Seiten hin mit wachem Auge in die Gegenwart hineinschauen.

[ 41 ] Nun haben wir es. Schärfstes, voll anzuerkennendes Denken über das Negative, absolute Ohnmacht, irgendwo ein Positives zu sehen. Diejenigen Menschen, die man am meisten heute loben muß — und Albert Schweitzer gehört zu denen, die man am meisten heute loben muß —, die sind in solcher Lage. Darüber sollen gerade Anthroposophen ein waches Bewußtsein entwickeln, damit sie Bescheid wissen, wenn dann einer von denjenigen kommt, die im Sinne dieses scharfsinnigen Albert Schweitzer «Philosophen» sind, zum Beispiel ein Neu-Kantianer, wie sich die Leute nennen, und die nun gar nicht merken, daß sie nicht nur das Denken verschlafen haben, sondern daß sie es auch gar nicht bemerkt haben, wie sie das Denken verschlafen haben. Von denen kann man natürlich nicht verlangen, daß sie Anthroposophie verstehen. Aber man soll doch ein waches Auge darüber haben, in welcher Weise solche Menschen, die eben von Schweitzer mit Recht als die verschlafenen Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts geschildert werden, nun von Anthroposophie reden. Wir sollen nach allen Seiten hin mit wachem Auge in die Gegenwart hineinschauen.

[ 42 ] Da wird in einer Zeitungsnotiz zunächst davon gesprochen, wie wenig gegen Kant Bergson wirkt. Dann aber wird gesagt: Noch viel weniger halten die wilden Spekulationen Steiners und seine großen geistigen Tiraden einer an Kant orientierten erkenntnistheoretischen Prüfung stand. Auch Steiner glaubt über Kant und die Neu-Kantianer hinaus zu dringen zu höheren Erkenntnissen. Tatsächlich bleibt er weit hinter ihnen zurück und hat sie, wie sich aus seinen Schriften leicht nachweisen läßt, an entscheidenden Punkten gänzlich mißverstanden.

[ 42 ] Da wird in einer Zeitungsnotiz zunächst davon gesprochen, wie wenig gegen Kant Bergson wirkt. Dann aber wird gesagt: Noch viel weniger halten die wilden Spekulationen Steiners und seine großen geistigen Tiraden einer an Kant orientierten erkenntnistheoretischen Prüfung stand. Auch Steiner glaubt über Kant und die Neu-Kantianer hinaus zu dringen zu höheren Erkenntnissen. Tatsächlich bleibt er weit hinter ihnen zurück und hat sie, wie sich aus seinen Schriften leicht nachweisen läßt, an entscheidenden Punkten gänzlich mißverstanden.

[ 43 ] Das wird natürlich ohne jegliche Begründung einfach in gelesenen Zeitungen der Welt so hinausposaunt. Und dann wird da gesagt von diesen Menschen, die so denken können, ja, die lange nicht so denken können, wie Rubner denken kann: Da braucht man ja nur die Wissenschaft der Gegenwart zu fragen, dann weiß man ganz gut, was diese angeblichen Erkenntnisse — diese Hirnblasen, wie er sie nennt eigentlich bedeuten.

[ 43 ] Das wird natürlich ohne jegliche Begründung einfach in gelesenen Zeitungen der Welt so hinausposaunt. Und dann wird da gesagt von diesen Menschen, die so denken können, ja, die lange nicht so denken können, wie Rubner denken kann: Da braucht man ja nur die Wissenschaft der Gegenwart zu fragen, dann weiß man ganz gut, was diese angeblichen Erkenntnisse — diese Hirnblasen, wie er sie nennt eigentlich bedeuten.

[ 44 ] Aufmerksam muß man auf diese Dinge schon sein, und man darf sie nicht verschlafen. Denn geltend machen kann sich eben diese — wie sie Albert Schweitzer nennt — gedankenlose Wissenschaft, geltend machen kann sie sich schon in der Welt, und Macht hat sie vorläufig. Es sagen ja heute viele Menschen, daß man nicht auf die Macht sehen soll, sondern auf das Recht; aber leider nennen sie dann die Macht, die sie haben, das Recht. Nun, was der weiter für einen Galimathias vorbringt, das will ich Ihnen heute doch ersparen, denn da geht es nun fort in die spiritistischen Phänomene hinein, die ebenso heute von der Wissenschaft untersucht werden müssen und so weiter.

[ 44 ] Aufmerksam muß man auf diese Dinge schon sein, und man darf sie nicht verschlafen. Denn geltend machen kann sich eben diese — wie sie Albert Schweitzer nennt — gedankenlose Wissenschaft, geltend machen kann sie sich schon in der Welt, und Macht hat sie vorläufig. Es sagen ja heute viele Menschen, daß man nicht auf die Macht sehen soll, sondern auf das Recht; aber leider nennen sie dann die Macht, die sie haben, das Recht. Nun, was der weiter für einen Galimathias vorbringt, das will ich Ihnen heute doch ersparen, denn da geht es nun fort in die spiritistischen Phänomene hinein, die ebenso heute von der Wissenschaft untersucht werden müssen und so weiter.

[ 45 ] Aber wenn nun die armen Studenten doch an die Anthroposophie herankommen und die «Gehirnblasen» aufnehmen, dann gibt ihnen Max Rubner den Rat: «Aber es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirns zu arbeiten.» Manche Felder sind wiederholt beackert! Nun, wenn da den armen Studenten in der Anthroposophie «Gehirnblasen» aufsteigen und sie dann diese Gehirne beackern, dann werden die Blasen vor der Pflugschar doch ganz gewiß hinschwinden. Also in dieser Beziehung stimmt ja die Geschichte wiederum. Dasjenige, was als etwas Positives hinein will in unsere, nach den besten Geistern eingestandenermaßen zerfallende, ja schon zerfallene Kultur, einzusehen, das Positive einzusehen, das ist eben auch den besten Geistern der Gegenwart, insofern diese drinnen stehen im gegenwärtigen Kulturbetriebe, eigentlich gar nicht gegeben. Da bleibt es dabei, daß, wenn sie nun sagen sollen, wie das Haus beschaffen sein soll, sie nicht den Stift nehmen oder die Modellsubstanz nehmen, um das Haus zu gestalten — was Anthroposophie tut —, sondern dann sagen sie: Das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man bequem drin wohnen kann. Beim Haus sagt man so. Bei einer Weltanschauung sagt man, sie soll optimistisch, sie soll ethisch sein, man soll sich darinnen orientieren können, und wie nun die Dinge alle geheißen haben, die aber doch nichts anderes bedeuten, als was ich Ihnen gesagt habe.

[ 45 ] Aber wenn nun die armen Studenten doch an die Anthroposophie herankommen und die «Gehirnblasen» aufnehmen, dann gibt ihnen Max Rubner den Rat: «Aber es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirns zu arbeiten.» Manche Felder sind wiederholt beackert! Nun, wenn da den armen Studenten in der Anthroposophie «Gehirnblasen» aufsteigen und sie dann diese Gehirne beackern, dann werden die Blasen vor der Pflugschar doch ganz gewiß hinschwinden. Also in dieser Beziehung stimmt ja die Geschichte wiederum. Dasjenige, was als etwas Positives hinein will in unsere, nach den besten Geistern eingestandenermaßen zerfallende, ja schon zerfallene Kultur, einzusehen, das Positive einzusehen, das ist eben auch den besten Geistern der Gegenwart, insofern diese drinnen stehen im gegenwärtigen Kulturbetriebe, eigentlich gar nicht gegeben. Da bleibt es dabei, daß, wenn sie nun sagen sollen, wie das Haus beschaffen sein soll, sie nicht den Stift nehmen oder die Modellsubstanz nehmen, um das Haus zu gestalten — was Anthroposophie tut —, sondern dann sagen sie: Das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man bequem drin wohnen kann. Beim Haus sagt man so. Bei einer Weltanschauung sagt man, sie soll optimistisch, sie soll ethisch sein, man soll sich darinnen orientieren können, und wie nun die Dinge alle geheißen haben, die aber doch nichts anderes bedeuten, als was ich Ihnen gesagt habe.

[ 46 ] Sie sehen, daß es notwendig ist — und Sie werden es aus der Sache selber erkennen, daß dies notwendig ist —, manchmal so ein bißchen über dasjenige hinauszudringen, was in der Zivilisation vorgeht. Deshalb habe ich die heutige episodenhafte Betrachtung angestellt. Nächsten Freitag wollen wir von diesen Dingen weiterreden, nicht mehr sagen, das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man bequem darin wohnen kann, die Weltanschauung soll optimistisch und ethisch sein und so, daß man sich darinnen orientieren kann und so weiter, sondern wir wollen wirklich auf die wirkliche Anthroposophie, auf das Geistesleben, das unsere Kultur braucht, hinweisen.

[ 46 ] Sie sehen, daß es notwendig ist — und Sie werden es aus der Sache selber erkennen, daß dies notwendig ist —, manchmal so ein bißchen über dasjenige hinauszudringen, was in der Zivilisation vorgeht. Deshalb habe ich die heutige episodenhafte Betrachtung angestellt. Nächsten Freitag wollen wir von diesen Dingen weiterreden, nicht mehr sagen, das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man bequem darin wohnen kann, die Weltanschauung soll optimistisch und ethisch sein und so, daß man sich darinnen orientieren kann und so weiter, sondern wir wollen wirklich auf die wirkliche Anthroposophie, auf das Geistesleben, das unsere Kultur braucht, hinweisen.