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Three Perspectives of Anthroposophy
Cultural Phenomena
from the Perspective of Spiritual Science
GA 225

1 July 1923, Dornach

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Anthroposophy as Cosmosophy I, tr. SOL
  1. Anthroposophie als Kosmosophie, Erster Teil

3. Kulturphänomene

3. Cultural Phenomena

[ 1 ] Der heutige Vortrag soll in der Reihe derjenigen, die ich gehalten habe, nur eine Episode sein, ein Einschiebsel also, und zwar aus dem Grunde, weil es notwendig ist, daß Anthroposophen wache Leute seien, das heißt sich ein Urteil bilden durch ein gewisses Hinschauen auf die Welt. Und so ist eben schon von Zeit zu Zeit einmal notwendig, daß auch innerhalb der Vorträge, die sonst den anthroposophischen Stoff behandeln, das eine oder das andere eingeschoben werde, was einen Blick eröffnet auf die sonstigen Vorgänge, auf die sonstige Verfassung unserer Zivilisation. Und zwar möchte ich heute etwas weiter ausführen dasjenige, was ich kurz dargestellt habe in dem letzten Artikel des «Goetheanum», wo ich über eine Schrift gesprochen habe, die jetzt eben neu erschienen ist: «Verfall und Wiederaufbau der Kultur» von Albert Schweitzer. Sie bezeichnet sich als der erste Teil einer Kulturphilosophie und beschäftigt sich im wesentlichen mit einer Art Kritik der gegenwärtigen Kultur. Ich möchte aber, um die Charakteristik, die Albert Schweitzer über die Gegenwart gibt, auf einiges zu stützen, davon ausgehen, daß ich den Bestand derjenigen Kultur, die Albert Schweitzer treffen will, durch ein einzelnes, aber vielleicht charakteristisches Beispiel vor Sie hinstelle. Ich hätte ja Tausende wählen können. Man braucht nur so hineinzugreifen, man kann nicht sagen, in das volle Kulturleben der Gegenwart, sondern in den vollen Kulturtod der Gegenwart, und man findet immer Genügendes. Gerade darum handelt es sich ja, wie ich auch in den pädagogischen Vorträgen gestern und heute bemerkt habe, daß wir uns gewöhnen, in solche Dinge mit ehrlich wachem Auge zu sehen. Und so habe ich denn zu einer Art von Grundlage etwas herausgegriffen aus der Reihe, die ja immer wie eine Repräsentation der gegenwärtigen Geisteskultur gelten kann, ich habe eine Rektoratsrede gewählt, die gehalten worden ist 1910, am 15. Oktober in Berlin. Ich habe diese Rede deshalb gewählt, weil sie gerade von einem Mediziner herrührt, von einer Persönlichkeit, die also nicht etwa einseitig in irgendeiner philosophischen Kulturbetrachtung darinnensteht, sondern die aus naturwissenschaftlichem Denken heraus eine Art Zeittableau hat geben wollen.

[ 1 ] Today’s lecture is intended to be just one episode in the series of lectures I have given—a brief interlude, so to speak—for the reason that it is necessary for anthroposophists to be alert individuals, that is, to form their own judgments by observing the world with a certain degree of attention. And so, from time to time, it is necessary that even within the lectures that otherwise deal with anthroposophical material, one thing or another be inserted that opens our eyes to other processes, to the broader state of our civilization. Today, I would like to elaborate a bit further on what I briefly outlined in the latest issue of Goetheanum, where I discussed a book that has just been republished: The Decline and Rebuilding of Culture by Albert Schweitzer. It describes itself as the first part of a philosophy of culture and deals essentially with a kind of critique of contemporary culture. However, in order to provide some context for Albert Schweitzer’s characterization of the present, I would like to begin by presenting to you the state of the culture that Albert Schweitzer seeks to address through a single, yet perhaps characteristic, example. I could, of course, have chosen thousands. One need only dip into—one cannot say the full cultural life of the present, but rather the full cultural death of the present—and one will always find sufficient evidence. This is precisely the point, as I also noted in the educational lectures yesterday and today: that we must accustom ourselves to viewing such matters with an honest and alert eye. And so, as a sort of foundation, I have selected something from the series—which can always be regarded as a representation of contemporary intellectual culture—I have chosen a rector’s address delivered on October 15, 1910, in Berlin. I chose this speech because it comes from a physician—a figure who is not, as it were, one-sidedly immersed in some philosophical view of culture, but who, drawing on scientific thinking, sought to present a kind of snapshot of the times.

[ 2 ] Nun will ich Sie nicht mit dem ersten Teile dieser Rektoratsrede plagen, wo vorzugsweise von der Berliner Universität die Rede ist, sondern ich möchte Sie mehr mit den allgemeinen Weltanschauungsgedanken bekanntmachen, die der Mediziner Rubner — er ist es nämlich — dazumal bei feierlicher Gelegenheit äußerte. Es ist schon deshalb das Beispiel vielleicht charakteristisch, weil es eben in das Jahr 1910 fällt, wo alles in Europa und weit über Europa hinaus in dem optimistischen Glauben war, daß ein ungeheurer geistiger Aufschwung da sei, daß man es eben so herrlich weit gebracht habe. Das, was ich auswählen will, ist eine Art Apostrophe an die Studentenschaft, aber eine solche Apostrophe, die einen so recht in dasjenige hineinsehen läßt, was eine repräsentative Persönlichkeit der Gegenwart in ihrem Herzen eigentlich herumwälzt. Da wird zunächst die Studentenschaft so angeredet: «Wir müssen alle lernen. Wir bringen auf die Welt nichts anderes mit als unser Instrument zur geistigen Arbeit, ein unbeschriebenes Blatt, das Gehirn, verschieden veranlagt, verschieden entwickelungsfähig; wir empfangen alles aus der Außenwelt.»

[ 2 ] Now, I do not wish to bore you with the first part of this inaugural address, which focuses primarily on the University of Berlin; rather, I would like to acquaint you with the general philosophical ideas that the physician Rubner—for that is who he is—expressed on that solemn occasion. This example is perhaps characteristic precisely because it dates back to the year 1910, when everyone in Europe—and far beyond—was filled with the optimistic belief that a tremendous intellectual upswing was underway, that we had indeed come so wonderfully far. What I wish to highlight is a kind of appeal to the student body—but one that truly allows us to glimpse what a prominent figure of the present is actually pondering in his heart. The appeal begins by addressing the student body as follows: “We must all learn. We bring nothing else into the world but our instrument for intellectual work—a blank slate, the brain, with varying predispositions and varying capacities for development; we receive everything from the outside world.”

[ 3 ] Nun ja, man kann, wenn man durch diese materialistische Kultur der Gegenwart durchgegangen ist, ja auch diese Ansicht haben. Man braucht nicht engherzig zu sein. Man muß sich klar sein darüber, welche Macht die materialistische Kultur auf die gegenwärtigen Persönlichkeiten ausübt, und man kann dann begreifen, wenn jemand so spricht, daß man in die Welt hereinkomme mit einem unbeschriebenen Blatt, dem Gehirn, und daß man alles von der Außenwelt empfange. Aber hören wir doch weiter, wie diese Ansprache an die Studenten nun weitergeht. Da wird zunächst ausgeführt, scheinbar etwas klarer, wie wir ein unbeschriebenes Blatt sind, wie das Kind des bedeutendsten Mathematikers wieder das Einmaleins lernen muß, weil es ja leider von seinem Vater die hohe Mathematik nicht vererbt hat, wie das Kind des größten Sprachforschers wiederum seine Muttersprache lernen muß und so weiter. Kein Gehirn möchte auch das alles fassen, was seine Vorfahren insgesamt erlebt und erfahren haben. Nun aber wird diesen Gehirnen angeraten, was sie, weil sie so ganz unbeschriebene Blätter sind, tun sollen in der Welt, um beschrieben zu werden. Da heißt es weiter: «Was Milliarden Gehirne im Laufe der menschlichen Geschichte erwogen und gereift, was unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben ...» — nicht wahr, das wird so zwei Seiten lang hintereinander gesagt, es wird den Menschen eingeschärft: Sie kommen mit ihren Gehirnen als mit einem unbeschriebenen Blatt zur Welt und sollen nur recht achtgeben, daß sie das aufnehmen, was die Geistesheroen geschaffen haben.

[ 3 ] Well, yes, if one has been shaped by today’s materialistic culture, one might well hold this view. There’s no need to be narrow-minded. One must be clear about the power that materialistic culture exerts on people today, and then one can understand why someone might say that we enter the world as a blank slate—our brain—and that we receive everything from the outside world. But let’s listen further to how this address to the students continues. First, it is explained—apparently a bit more clearly—how we are a blank slate, how the child of the most eminent mathematician must learn the multiplication tables all over again, because, unfortunately, he or she has not inherited advanced mathematics from his or her father, how the child of the greatest linguist must, in turn, learn his or her native language, and so on. No mind would even want to grasp everything that its ancestors have collectively experienced and learned. But now these minds are advised on what they—since they are such completely blank slates—should do in the world in order to be written upon. It goes on to say: “What billions of brains have pondered and refined over the course of human history, what our intellectual heroes have helped create...”—isn’t that right? This is repeated for about two pages straight; it is drummed into people: They are born with brains that are like blank slates and must simply take care to absorb what the intellectual heroes have created.

[ 4 ] Ja, wenn diese Geistesheroen alle unbeschriebene Blätter waren, woher soll denn das alles gekommen sein, was die geschaffen haben und was nun die anderen unbeschriebenen Blätter aufnehmen sollen? Ein merkwürdiger Gedankengang, nicht wahr! — Also: «Was unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben, empfängt es», dieses unbeschriebene Blatt Gehirn, «in kurzen Sätzen durch die Erziehung, und daraus kann nun seine Eigenart und sein individuelles Leben sich entfalten.»

[ 4 ] Yes, if these intellectual heroes were all blank slates, where on earth did all that they created come from—and what are the other blank slates now supposed to absorb? A strange line of thought, isn’t it! — So: “What our intellectual heroes have helped to create, this blank slate of a brain receives in short phrases through education, and from this its own character and individual life can now unfold.”

[ 5 ] Auf der nächsten Seite wird diesen unbeschriebenen Blättern, diesen Gehirnen, nun ein merkwürdiger Satz vorgesetzt: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial für das produktive Denken.» Also jetzt figuriert auf einmal das produktive Denken auf den unbeschriebenen Blättern, diesen Gehirnen. Es wäre doch selbstverständlich, daß jemand, der von den Gehirnen als unbeschriebenen Blättern spricht, da nicht sprechen würde von produktivem Denken.

[ 5 ] On the next page, these blank pages—these brains—are now presented with a curious sentence: “What has been learned provides the raw material for productive thinking.” So now, all of a sudden, productive thinking appears on the blank pages—these brains. It would seem only natural that someone who speaks of brains as blank pages would not speak of productive thinking.

[ 6 ] Nun ein Satz, der so recht zeigt, wie massiv materialistisch die Besten eigentlich allmählich gedacht haben. Denn Rubner ist nicht einer der schlechtesten. Er ist ein Mediziner und hat sogar den Philosophen Zeller gelesen, was etwas heißen will. Also er ist gar nicht engherzig, sehen Sie. Aber wie denkt er? Er will das Erfrischende des Lebens darstellen, da sagt er: «Aber es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirnes zu arbeiten.» Wenn also der Student eine Zeitlang etwas gelernt hat und nun zu einem anderen Fache übergeht, dann bedeutet das, daß er nun ein neues Feld des Gehirns beackert. Sie sehen, die Denkformen haben allmählich eine ganz charakteristische materialistische Note bekommen. «Denn», so sagt er weiter, «manche Felder des Gehirns werden erst erträgnisreich, wenn man sie wiederholt beackert, tragen aber schließlich dieselben guten Früchte wie andere, die müheloser sich erschließen.»

[ 6 ] Now, here’s a sentence that really shows just how deeply materialistic the best minds have actually come to think. For Rubner is not one of the worst. He is a physician and has even read the philosopher Zeller, which is saying something. So he’s not narrow-minded at all, you see. But how does he think? He wants to portray the refreshing aspect of life, and so he says: “But there is always something refreshing about working in a new, previously untilled field of the brain.” So when a student has studied one subject for a while and now moves on to another, that means he is now tilling a new field of the brain. You see, these ways of thinking have gradually taken on a very characteristic materialistic tone. “For,” he continues, “some fields of the mind only become productive when they are repeatedly cultivated, but ultimately bear the same good fruit as others that are more easily accessed.”

[ 7 ] Man kann außerordentlich schwer jetzt diesem Gedanken nachgehen, denn es soll das Gehirn ein unbeschriebenes Blatt sein, und nun soll es von den beschriebenen Blättern, die aber auch einmal bei ihrer Geburt unbeschriebene gewesen sein müssen, alles lernen. Nun soll dieses Gehirn beackert werden. Aber nun müßte wenigstens ein Akkersmann da sein. Je weiter man eingehen würde auf solch ganz unglaubliches, unmögliches Denken, desto verwirrter würde man werden. Aber Max Rubner ist sehr besorgt um seine Studenten, und daher rät er ihnen, das Gehirn nur ja recht zu beackern. Sie sollen also das Gehirn beackern. Nun kann er doch nicht anders als sagen, daß nun das Denken das Gehirn beackert. Aber nun will er das Denken eben empfehlen. Da schlägt ihm wieder seine materialistische Denkweise in den Nacken, und da findet sich denn ein außerordentlich hübscher Satz: «Das Denken stärkt das Gehirn, letzteres nimmt durch Übung ebenso in den Leistungen zu wie ein anderes Organ, wie unsere Muskelkraft durch Arbeit und Sport. Studieren ist Gehirnsport.»

[ 7 ] It is extremely difficult to follow this line of thought right now, because the brain is supposed to be a blank slate, and yet it is supposed to learn everything from the “written pages”—which, after all, must also have been blank at the time of their creation. Now this brain is supposed to be tilled. But for that to happen, there would at least have to be a farmer. The more one delves into such utterly unbelievable, impossible thinking, the more confused one becomes. But Max Rubner is very concerned for his students, and so he advises them to be sure to till the brain properly. They are therefore to till the brain. Now, he can’t help but say that thinking is what tills the brain. But now he wants to recommend thinking. That’s when his materialistic way of thinking comes back to haunt him, and an exceptionally lovely sentence emerges: “Thinking strengthens the brain; through practice, the brain’s performance increases just like any other organ, just as our muscle strength increases through work and sports. Studying is brain exercise.”

[ 8 ] Nun, Jetzt wußten die Berliner Studenten 1910, was sie vom Denken zu halten haben: «Denken ist Gehirnsport.» Ja, da fällt der repräsentativen Persönlichkeit der Gegenwart gar nicht ein, was beim Sport noch viel interessanter ist als dasjenige, was da äußerlich sich abspielt. Ungeheuer viel interessanter beim Sport wäre nämlich das zu betrachten, was sich während der verschiedenen sportlichen Bewegungen in den Gliedern der Menschen eigentlich abspielt, was da für innere Vorgänge geschehen. Dann würde man sogar auf etwas sehr Interessantes kommen. WennmandiesesInteressanteredesSportesbetrachten würde, dann würde man darauf kommen, daß der Sport ja zu denjenigen Betätigungen gehört, die dem Gliedmaßenmenschen, dem Stoffwechselmenschenangehören. DasDenkengehörtdem Nerven-Sinnes-Menschen an. Da kehrt sich das Verhältnis um. Was beim Menschen nach innen gewendet ist, die Vorgänge im Innern des menschlichen Wesens, die treten beim Denken nach außen. Und dasjenige, was beim Sport nach außen tritt, das tritt nach innen. Also müßte man gerade beim Denken das Interessantere in Betracht ziehen. Aber die repräsentative Persönlichkeit hat eben das Denken verlernt, kann überhaupt nicht irgendeinen Gedanken zu Ende bringen.

[ 8 ] Well, by 1910, the Berlin students knew what to make of thinking: “Thinking is a mental exercise.” Indeed, it does not even occur to the leading figures of our time that what is happening internally during various athletic movements is far more interesting than what is taking place externally. What is actually far more interesting in sports is to observe what is actually happening in people’s limbs during the various athletic movements—what internal processes are taking place there. Then one would even arrive at something very interesting. If one were to consider this interesting aspect of sports, one would realize that sports belong to those activities that pertain to the human being as a being of limbs, the human being of metabolism. Thinking, on the other hand, belongs to the human being of nerves and senses. Here the relationship is reversed. What is turned inward in human beings—the processes within the human being—manifests outwardly in thinking. And what manifests outwardly in sports manifests inwardly. Therefore, one should consider thinking to be the more interesting aspect. But the representative personality has simply forgotten how to think and is completely unable to follow any thought through to its conclusion.

[ 9 ] Aus einem solchen, eigentlich in sich ganz unvollendeten, immer unvollendet bleibenden Denken ist ja unsere ganze neuzeitliche Kultur hervorgegangen. Man fängt nur gewissermaßen bei solchen repräsentativen Gelegenheiten dieses Denken, das unsere Kultur hervorgebracht hat, eben ab. Man ertappt es gewissermaßen da. Aber leider sind diejenigen, die solches Ertappen anstellen, ja nicht allzu häufig. Denn bei einer Berliner Rektoratsrede, also einer Universitätsrede bei feierlicher Gelegenheit: «Unsere Ziele für die Zukunft» — da wird man, wenn man ein richtiger Mensch der Gegenwart ist, doch ernst. Das sagt ja die Wissenschaft, das sagt ja die unbesiegbare Autorität Wissenschaft, die weiß ja alles. Und wenn es der bewiesen ist, daß Denken Gehirnsport ist, nun, dann muß man sich eben damit abfinden; dann sind die Menschen nach Jahrtausenden und Jahrtausenden so gescheit geworden, daß sie endlich darauf gekommen sind: Denken ist Gehirnsporrt.

[ 9 ] Our entire modern culture has, in fact, emerged from this kind of thinking—which is, in itself, entirely incomplete and will always remain so. It is only on such representative occasions, so to speak, that one catches a glimpse of this way of thinking that has given rise to our culture. One catches it there, so to speak. But unfortunately, those who manage to catch it are not all that common. For in a Berlin rector’s address—that is, a university speech on a solemn occasion titled “Our Goals for the Future”—if one is a true person of the present, one cannot help but take it seriously. After all, that is what science says; that is what the invincible authority of science says—which, of course, knows everything. And if it has been proven that thinking is a brain sport, well, then one simply has to accept it; then, after millennia upon millennia, humans have become so intelligent that they’ve finally realized: Thinking is a brain sport.

[ 10 ] Ich könnte diese Betrachtungen jetzt fortsetzen in die verschiedensten Gebiete hinein, und wir würden überall sehen, daß, der gleiche Geist kann ich nicht sagen, daß der gleiche Ungeist waltet, der aber natürlich bewundert wird. Nun, was da geworden ist, das haben doch einige Einsichtige auch schon, bevor der so äußerlich sichtbare Verfall da war, gesehen. Und man muß zum Beispiel sagen: Albert Schweitzer, dem ausgezeichneten Verfasser des Buches «Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, von Reimarus zu Wrede», der immerhin durch ein umsichtiges, gründliches, tiefdringendes und scharfes Denken vorrücken konnte in der Leben-Jesu-Forschung bis zu der Apokalyptik, dem war schon zuzutrauen, daß er auch einen freien Blick bekam über die Verfallserscheinungen in der Kultur der Gegenwart. Nun versicherte er, daß diese seine Schrift «Verfall und Wiederaufbau der Kultur» nicht etwa erst nach dem Kriege entstanden sei, sondern in der ersten Form schon 1900 konzipiert worden ist, daß sie dann ausgearbeitet wurde von 1914 bis 1917. Jetzt ist sie erschienen. Und man muß schon sagen, hier sieht einmal jemand den Verfall der Kultur mit einem offenen Auge. Und es ist immerhin interessant, dasjenige ein wenig vor die Seele sich hinzustellen, was ein solcher Verfallskultur-Betrachter, ich möchte sagen, wie mit scharfen kritischen Messern an dieser Kultur bearbeitet. Es fallen in der Tat die Sätze, mit denen die gegenwärtige Kultur bezeichnet wird, wie schneidende Messer heraus. Lassen wir ein paar solcher Sätze auf unsere Seele wirken. Der erste Satz des Buches heißt: «Wir stehen im Zeichen des Niedergangs der Kultur. Der Krieg hat diese Situation nicht geschaffen. Er selber ist nur eine Erscheinung davon. Was geistig gegeben war, hat sich in Tatsachen umgesetzt, die nun ihrerseits wieder in jeder Hinsicht verschlechternd auf das Geistige zurückwirken.» — «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war.» — «So überschritten wir die Schwelle des Jahrhunderts mit unerschütterten Einbildungen über uns selbst.» — «Nun ist für alle offenbar, daß die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist.»

[ 10 ] I could now continue these reflections into a wide variety of fields, and we would see everywhere that—I cannot say the same spirit, but rather the same “un-spirit”—prevails, though it is, of course, admired. Well, some discerning people had already seen what had come to pass even before the outwardly visible decline set in. And one must mention, for example, Albert Schweitzer, the outstanding author of the book History of Research into the Life of Jesus, from Reimarus to Wrede, who, after all, was able to advance in research into the life of Jesus—all the way to apocalyptic thought—through prudent, thorough, penetrating, and incisive thinking; he was certainly capable of gaining a clear perspective on the signs of decline in contemporary culture. Now he assured us that his work Decline and Reconstruction of Culture was not written after the war, but was conceived in its initial form as early as 1900, and that it was then elaborated upon from 1914 to 1917. It has now been published. And one must say that here, for once, someone is observing the decline of culture with an open eye. And it is, after all, interesting to let sink into one’s soul what such an observer of cultural decline—I would say—works on this culture with sharp, critical knives. Indeed, the sentences used to describe contemporary culture stand out like cutting knives. Let’s allow a few such sentences to sink into our souls. The first sentence of the book reads: “We are living in an era marked by the decline of culture. The war did not create this situation. It is merely a manifestation of it. What existed intellectually has translated into facts that, in turn, are having a detrimental effect on the intellectual realm in every respect.” — “We strayed from culture because there was no reflection on culture among us.” — “Thus we crossed the threshold of the century with unshakeable illusions about ourselves.” — “Now it is obvious to everyone that the self-destruction of culture is underway.”

[ 11 ] Auch das sieht Albert Schweitzer in seiner Art- ich möchte sagen, etwas kraftmeierisch drückt er es aus —, daß dieser Verfall der Kultur um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat, um jene Mitte des 19. Jahrhunderts, die ich so oft hier bezeichnet habe als einen wichtigen Zeitpunkt, der betrachtet werden muß, wenn man die Gegenwart irgendwie wachend verstehen will. Darüber sagt Schweitzer: «Aber um die Mitte des 19. Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung ethischer Vernunftideale mit der Wirklichkeit an abzunehmen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Stillstand. Kampflos und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur. Ihre Gedanken blieben hinter der Zeit zurück, als wären sie zu erschöpft, mit ihr Schritt zu halten.» — Und noch etwas bringt Schweitzer vor, was eigentlich überraschend ist, was aber von uns gut verstanden werden kann, weil es in einem viel tieferen Sinne, als Schweitzer es vorzubringen vermag, hier oftmals besprochen worden ist. Ihm ist klar: In früheren Zeiten gab es eine Totalweltanschauung. Alle Erscheinungen des Lebens, von dem Stein unten angefangen bis hinauf zu den höchsten menschlichen Idealen, waren eine Lebenstotalität. In dieser Lebenstotalität wirkte das göttlich-geistige Sein. Wenn man wissen wollte, wie die Naturgesetze wirken in der Natur, wandte man sich an das göttlich-geistige Sein. Wenn man wissen wollte, wie die Sittengesetze wirken, die religiösen Impulse wirken, wandte man sich an das göttlich-geistige Sein. Eine Totalweltanschauung war da, welche die Sittlichkeit ebenso verankert hatte in der Objektivität, wie die Naturgesetze in der Objektivität verankert sind. Die letzte Weltanschauung, die heraufgekommen ist und die noch etwas gewußt hat von einer solchen Totalweltanschauung, das war die Aufklärung, die alles aus dem Intellekt heraus holen wollte, aber die noch die sittliche Welt in einen gewissen inneren Zusammenhang brachte mit dem, was die natürliche Welt ist.

[ 11 ] Albert Schweitzer also sees this in his own way—I would say he expresses it somewhat bombastically—that this decline of culture began around the middle of the 19th century, that very middle of the 19th century which I have so often referred to here as an important juncture that must be considered if one wishes to understand the present in any meaningful way. Schweitzer says the following about this: “But around the middle of the 19th century, this engagement of ethical ideals of reason with reality began to wane. Over the course of the following decades, it came to a standstill more and more. The abdication of culture took place without a fight and in silence. Its ideas lagged behind the times, as if they were too exhausted to keep pace with them.” — And Schweitzer raises another point that is actually surprising, but which we can easily understand because it has often been discussed here in a much deeper sense than Schweitzer is able to articulate. It is clear to him: In earlier times, there was a total worldview. All phenomena of life, from the stone on the ground up to the highest human ideals, constituted a totality of life. Within this totality of life, the divine-spiritual Being was at work. If one wanted to know how the laws of nature operate in nature, one turned to the divine-spiritual Being. If one wanted to know how moral laws operate, or how religious impulses operate, one turned to the divine-spiritual Being. There existed a holistic worldview that had anchored morality in objectivity just as the laws of nature are anchored in objectivity. The last worldview to emerge—and one that still retained some awareness of such a comprehensive worldview—was the Enlightenment, which sought to derive everything from the intellect, yet still placed the moral world in a certain inner connection with the natural world.

[ 12 ] Bedenken Sie, wie oft ich es hier ausgesprochen habe: Glaubt heute einer ehrlich an die Naturgesetze, so wie sie dargestellt werden, so kann er nur glauben an einen Weltenbeginn, so ähnlich, wie die Kant-Laplacesche Theorie ihn darstellt, und an ein Weltenende, wie es einmal im Wärmetod sein wird. Dann muß man sich aber vorstellen, daß alle sittlichen Ideale herausgekocht sind aus den durcheinanderwirbelnden Teilen des Weltennebels, die sich allmählich zusammengeballt haben, Kristalle und Organismen und endlich der Mensch geworden sind, und aus dem Menschen heraus wirbelt dann die idealistische ethische Anschauung. Aber diese ethischen Ideale, da sie nur Illusionen sind, herausgeboren aus den wirbelnden Atomen des Menschen, werden verschwunden sein, wenn die Erde im Wärmetod verschwunden sein wird. Das heißt, eine Weltanschauung ist entstanden, die sich bloß auf das Natürliche bezieht, die die sittlichen Ideale nicht in ihr verankert hat. Und nur weil der Mensch der Gegenwart unehrlich ist und sich das nicht gesteht, nicht hinschauen will auf diese Tatsachen, glaubt er, daß die sittlichen Ideale noch irgendwie verankert sind. Aber wer an die heutige Naturwissenschaft glaubt und ehrlich ist, der darf nicht an die Ewigkeit der sittlichen Ideale glauben. Er tut es aus feiger Unehrlichkeit, wenn er es tut. Mit diesem Ernst muß in die Gegenwart hineingeschaut werden.

[ 12 ] Consider how often I have stated this here: If anyone today sincerely believes in the laws of nature as they are presented, he can only believe in a beginning of the universe similar to that described by the Kant-Laplace theory, and in an end of the universe as it will one day come about through heat death. But then one must imagine that all moral ideals have been distilled from the swirling particles of the cosmic nebula, which gradually coalesced to become crystals, organisms, and finally human beings—and from within humanity, the idealistic ethical worldview then emerges. But these ethical ideals, since they are merely illusions born of the swirling atoms of humankind, will have vanished when the Earth has perished in the heat death. This means that a worldview has emerged that relates solely to the natural world, one that has not anchored moral ideals within itself. And only because people today are dishonest and refuse to admit it—refusing to look squarely at these facts—do they believe that moral ideals are still somehow anchored. But anyone who believes in modern science and is honest must not believe in the eternity of moral ideals. If they do, they do so out of cowardly dishonesty. It is with this seriousness that we must look at the present.

[ 13 ] Und gerade dies sieht auf seine Art auch Albert Schweitzer, und er sucht, wo die Schuld liegt, daß das so gekommen ist. Er sagt: «Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie.» Nun kann man über diese Sache seine besonderen Gedanken haben. Man kann nämlich glauben, daß ja die Philosophen die Einsiedler in der Welt sind, daß die anderen Menschen nichts zu tun haben mit den Philosophen. Aber Albert Schweitzer sagt ganz richtig an einer späteren Stelle seiner Schrift: «Kant und Hegel haben Millionen regiert, die nie eine Zeile von ihnen gelesen haben und nicht einmal wußten, daß sie ihnen gehorchten.» Die Wege, die die Gedanken der Welt nehmen, sind eben durchaus nicht so, wie man es sich gewöhnlich vorstellt. Ich weiß sehr gut, denn ich habe es oft erfahren, daß bis in das Ende des 19. Jahrhunderts herein die wichtigsten Werke Hegels in den Bibliotheken lagen und nicht einmal aufgeschnitten waren. Studiert hat man sie nicht. Aber die wenigen Exemplare, die von wenigen studiert worden sind, sind übergegangen in das ganze Bildungsleben. Und esgibteigentlich kaumeinen einzigenunter Ihnen, in dessen Denkleben nicht eben Kant und Hegel drinnenstecken, weil die Wege durchaus, ich möchte sagen, geheimnisvolle sind. Und wenn in den entlegensten Gebirgsdörfern die Leute schon dazu gekommen sind, Zeitungen zu lesen, so gilt das auch für sie, für diese Leute in den Gebirgsdörfern, daß sie von Kant und Hegel beherrscht werden, nicht nur für diese erlauchte und erleuchtete Gesellschaft, die hier im Saale sitzt.

[ 13 ] And this is precisely how Albert Schweitzer sees it, in his own way, and he seeks to determine where the blame lies for how things have turned out. He says: “The decisive factor was the failure of philosophy.” Now, one may have one’s own particular thoughts on this matter. One might believe, after all, that philosophers are the hermits of the world, that other people have nothing to do with philosophers. But Albert Schweitzer quite rightly says later in his work: “Kant and Hegel ruled over millions who never read a single line of their work and did not even know that they were obeying them.” The paths that the world’s ideas take are simply not at all what one usually imagines. I know very well—for I have often experienced it—that right up until the end of the 19th century, Hegel’s most important works lay on library shelves and had never even been opened. They were not studied. But the few copies that were studied by a few have permeated the entire realm of education. And there is actually hardly a single one among you whose intellectual life does not include Kant and Hegel, because the paths are, I might say, mysterious. And even if people in the most remote mountain villages have come to read newspapers, it is true of them as well—of these people in the mountain villages—that they are influenced by Kant and Hegel, not just this illustrious and enlightened society sitting here in this hall.

[ 14 ] Also man kann schon sagen wie Albert Schweitzer: «Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie. Im 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert war die Philosophie die Anführerin der öffentlichen Meinung gewesen. Sie hatte sich mit den Fragen, die sich den Menschen und der Zeit stellten, beschäftigt, und ein Nachdenken darüber im Sinne der Kultur lebendig erhalten. In der Philosophie gab es damals ein elementares Philosophieren über Mensch, Gesellschaft, Volk, Menschheit und Kultur, das in natürlicher Weise eine lebendige, oftmals die Meinung beherrschende und Kulturenthusiasmus unterhaltende Popularphilosophie hervorbrachte.»

[ 14 ] So one can certainly say, as Albert Schweitzer did: “The decisive factor was the failure of philosophy. In the 18th and early 19th centuries, philosophy had been the guiding force of public opinion. It had engaged with the questions facing people and the times, and kept reflection on these issues alive in the spirit of culture. At that time, philosophy involved a fundamental exploration of the human being, society, the people, humanity, and culture, which naturally gave rise to a vibrant popular philosophy that often dominated public opinion and fostered enthusiasm for culture.”

[ 15 ] Und nun über den weiteren Fortgang spricht sich Albert Schweitzer so aus: «Der Philosophie ward nicht klar, daß die Energie der ihr anvertrauten Kulturideen anfing fraglich zu werden. Am Schlusse eines der hervorragendsten, am Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Werkes über Geschichte der Philosophie», es ist nämlich dasselbe, das ich einmal in einem öffentlichen Vortrage auch aufs Korn genommen habe, dieses Werk über die Geschichte der Philosophie, «wird diese als der Prozeß definiert, in dem sich», jetzt zitiert er den anderen, diesen Geschichtsschreiber der Philosophie: «mit immer klarerem und sichererem Bewußtsein die Besinnung auf die Kulturwerte vollzogen hat, deren Allgemeingültigkeit der Gegenstand der Philosophie selbst ist.» Dazu sagt jetzt Schweitzer: «Dabei vergaß der Verfasser das Wesentliche: daß nämlich früher die Philosophie sich nicht nur auf die Kulturwerte besann, sondern sie auch als wirkende Ideen in die öffentliche Meinung ausgehen ließ, während sie ihr von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an immer mehr zu einem gehüteten, unproduktiven Kapital wurden.»

[ 15 ] And now Albert Schweitzer comments on the further course of events as follows: “It did not occur to philosophy that the vitality of the cultural ideas entrusted to it was beginning to be called into question. At the end of one of the most outstanding works on the history of philosophy published at the end of the 19th century”—it is, in fact, the very same work that I once took aim at in a public lecture, this work on the history of philosophy—“philosophy is defined as the process in which,” and now he quotes the other, this historian of philosophy: “with ever clearer and more certain awareness, has brought about a reflection on cultural values, the universal validity of which is the very subject of philosophy itself.” Schweitzer now comments on this: “In doing so, the author forgot the essential point: namely, that in the past, philosophy not only reflected on cultural values but also allowed them to permeate public opinion as active ideas, whereas from the second half of the 19th century onward, they increasingly became a guarded, unproductive asset.”

[ 16 ] Man hat nämlich gar nicht bemerkt, wozu es eigentlich mit dem Denken der Menschheit gekommen ist. Man lese nur einmal die meisten dieser Jahrhundertbetrachtungen, die erschienen sind an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts. Hat man es einmal anders gemacht, wie ich es in meinem Buche, das dann später «Die Rätsel der Philosophie» hieß, gemacht habe, dann betrachtete man das natürlich als unhistorisch. Und einer von diesen edlen Philosophen hat mir, weil das Buch «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» damals hieß, den Vorwurf gemacht, daß in diesem Buche nichts über Bismarck gesagt wird. Ja, ein Philosoph hat diesem Buch diesen Vorwurf gemacht. Manche andere ähnliche Vorwürfe sind diesem Buche gemacht worden, weil es eben gerade versuchte, dasjenige, was in die Zukunft hinein wirkt, herauszuschälen aus dem Vergangenen. Aber was taten denn diese Betrachter zumeist? Sie besannen sich. Sie besannen sich auf dasjenige, was Kultur ist, was schon da ist. Daß frühere Jahrhunderte Kultur gemacht haben, davon hatten diese Denker überhaupt gar keine Ahnung mehr.

[ 16 ] In fact, no one really noticed where human thought had actually ended up. One need only read most of these reflections on the turn of the century, which appeared at the turn of the 19th and 20th centuries. If one took a different approach—as I did in my book, which was later titled The Riddles of Philosophy—it was naturally regarded as ahistorical. And one of these noble philosophers, because the book was then titled Worldviews and Outlooks on Life in the 19th Century, accused me of not saying anything about Bismarck in it. Yes, a philosopher leveled this criticism at the book. Many other similar criticisms were directed at the book precisely because it sought to distill from the past that which has an impact on the future. But what did most of these observers do? They reflected. They reflected on what culture is, on what already exists. These thinkers no longer had the slightest idea that earlier centuries had created culture.

[ 17 ] Aber nun kommt Albert Schweitzer dazu, ich möchte sagen, mit Bezug auf diese Zukunft der Philosophie zu resignieren. Da sagt er: Es ist eigentlich nicht die Schuld der Philosophie, daß sie nicht mehr eine eigentliche produktive Denkrolle spielte. Das war mehr das Schicksal der Philosophie. Denn die Welt hat im allgemeinen das Denken verlernt, und die Philosophie hat es halt mit verlernt. — In einer gewissen Beziehung ist sogar Schweitzer sehr nachsichtig, denn man könnte doch auch auf den Gedanken kommen: Wenn alle Welt das Denken verlernt, so hätten es doch wenigstens die Philosophen pflegen können. Aber Schweitzer findet es ganz natürlich, daß die Philosophen einfach mit allen anderen Leuten das Denken verlernt haben. So sagt er: «Daß das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschauung von optimistisch-ethischem Charakter aufzustellen und die Ideale, die die Kultur ausmachen, in einer solchen zu begründen, war nicht Schuld der Philosophie, sondern eine Tatsache, die sich in der Entwicklung des Denkens einstellte.» — Das war also bei allen Leuten. — «Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philosophie dadurch, daß sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur unterhielte.»

[ 17 ] But now Albert Schweitzer comes along—I would say—to resign himself to this future of philosophy. He says: It is not really philosophy’s fault that it no longer plays a truly productive role in thought. That was more a matter of philosophy’s fate. For the world in general has forgotten how to think, and philosophy has simply forgotten along with it.” — In a certain sense, even Schweitzer is very lenient, for one might also think: If the whole world has forgotten how to think, then at least the philosophers could have continued to cultivate it. But Schweitzer finds it quite natural that philosophers, along with everyone else, have simply forgotten how to think. He says: “The fact that thought failed to establish a worldview of an optimistic-ethical character and to ground the ideals that constitute culture within such a worldview was not philosophy’s fault, but a fact that arose in the development of thought.” — So that was the case for everyone. — “But philosophy became culpable for our world by failing to acknowledge this fact and remaining under the illusion that it was truly fostering cultural progress.”

[ 18 ] Also die Philosophen haben mit den anderen Leuten, so sagt Albert Schweitzer mit seiner messerscharfen Kritik, das Denken verlernt; aber das ist nicht eigentlich ihre Schuld, das ist nun einmal eine Tatsache, sie haben halt mit den andern Leuten das Denken verlernt. Aber ihre eigentliche Schuld besteht darinnen, daß sie das gar nicht gemerkt haben. Sie hätten es wenigstens merken sollen und hätten davon reden sollen. — Nur das ist es, was Schweitzer den Philosophen vorwirft. «Ihrer letzten Bestimmung nach ist die Philosophie Anführerin und Wächterin der allgemeinen Vernunft. Ihre Pflicht wäre es gewesen, unserer Welt einzugestehen, daß die ethischen Vernunftideale nicht mehr wie früher in einer Totalweltanschauung Halt fänden, sondern bis auf weiteres auf sich selbst gestellt seien und sich allein durch ihre innere Kraft in der Welt behaupten müßten.» Und dann schließt er dieses erste Kapitel damit, daß er sagt: «So wenig philosophierte die Philosophie über Kultur, daß sie nicht einmal merkte, wie sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der Stunde der Gefahr schlief der Wächter, der uns wach erhalten sollte. So kam es, daß wir nicht um unsere Kultur rangen.»

[ 18 ] So, as Albert Schweitzer points out in his razor-sharp critique, philosophers—along with everyone else—have forgotten how to think; but that is not really their fault—it is simply a fact: they have, along with everyone else, forgotten how to think. But their real fault lies in the fact that they didn’t even realize it. They should at least have noticed it and should have spoken out about it. — That is the only thing Schweitzer holds against the philosophers. “By its ultimate purpose, philosophy is the guide and guardian of universal reason. It would have been its duty to admit to our world that the ethical ideals of reason no longer find a foothold in a total worldview as they once did, but are, for the time being, left to their own devices and must assert themselves in the world through their own inner strength alone.” And then he concludes this first chapter by saying: “Philosophy reflected so little on culture that it did not even notice how it itself—and the times along with it—were becoming increasingly devoid of culture. In the hour of danger, the guardian who was supposed to keep us alert was asleep. Thus it came to pass that we did not fight for our culture.”

[ 19 ] Nun bitte ich Sie aber, mit diesen Sätzen des Albert Schweitzer nicht etwa das nun so zu machen, daß Sie etwa sich sagen oder ein Teil von Ihnen sich sagt: Nun ja, das ist eben eine Kritik der deutschen Kultur, und die gilt ja nicht für England, nicht für Amerika, am wenigsten natürlich für Frankreich! Albert Schweitzer hat nämlich eine große Anzahl von Schriften geschrieben. Unter diesen sind in englischer Sprache geschrieben: «The Mystery of the Kingdom of God»; dann eine andere Schrift: «The Question of the historical Jesus»; dann eine dritte; dann hat er noch einige andere in französischer Sprache geschrieben. Also der Mann ist schon international und redet ganz gewiß nicht etwa bloß von der deutschen Kultur, sondern er redet von der Kultur der Gegenwart. Daher wäre es nicht sehr schön, wenn es dieser Betrachtung gegenüber so ginge, wie wir einmal in Berlin etwas erlebt haben. Da hatten wir einmal eine anthroposophische Versammlung, und dabei war ein Mitglied, das hatte einen Hund. Nun mußte ich immer erklären, die Menschen haben wiederholte Erdenleben, Reinkarnationen, und die Tiere nicht, da sind es die Gattungsseelen, die Gruppenseelen, welche in demselben Stadium sind, nicht das einzelne individuelle Tier. Diese Persönlichkeit hatte aber ihren Hund so lieb, daß sie meinte, trotzdem sie zugab, daß andere Tiere, selbst die anderen Hunde, keine wiederholten Erdenleben haben, ihr Hund habe aber wiederholte Erdenleben, das wisse sie ganz genau. Es wurde ein wenig diskutiert über diese Sache — Diskussionen sind ja manchmal anregend, wie Sie wissen und man konnte nun denken, daß diese Persönlichkeit niemals überzeugt werden könnte und daß die anderen überzeugt seien. Das stellte sich auch sogleich heraus, als wir dann in einem Kaffeehause saßen. Dieses andere Mitglied sagte, es wäre eigentlich furchtbar töricht von dieser Persönlichkeit, daß sie meinte, ihr Hund habe wiederholte Erdenleben; das habe sie gleich eingesehen, das gehe ja ganz klar aus der Anthroposophie hervor, daß das eine Unmöglichkeit sei. Ja, wenn das mein Papagei wäre! Der — für den gilt das! — Ich möchte nicht, daß etwa diese Gedankenform von den verschiedenen Nationalitäten in der Weise übertragen würde, daß sie sagen: Ja, für die Leute, für die der Albert Schweitzer spricht, da gilt das, daß die Kultur im Niedergange ist, daß die Philosophen es selbst nicht gemerkt haben, aber — unser Papagei hat wiederholte Erdenleben!

[ 19 ] But now I ask you not to take these words of Albert Schweitzer and say to yourselves—or have a part of you say: “Well, that’s just a critique of German culture, and it certainly doesn’t apply to England, or to America, and least of all, of course, to France!” Albert Schweitzer has, in fact, written a large number of works. Among these are those written in English: The Mystery of the Kingdom of God; then another work: The Question of the Historical Jesus; then a third; and he has also written several others in French. So this man is truly an international figure and certainly does not speak merely of German culture, but rather of contemporary culture. Therefore, it would not be very nice if this perspective were met with the same reaction we once experienced in Berlin. We once had an anthroposophical gathering, and there was a member present who had a dog. Now I always had to explain that human beings have repeated earthly lives—reincarnations—while animals do not; in the case of animals, it is the species souls and group souls that remain at the same stage, not the individual animal itself. This person, however, loved her dog so much that she believed—even though she admitted that other animals, even other dogs, do not have repeated earthly lives—that her dog did have repeated earthly lives; she knew this for certain. There was a bit of discussion about this matter—discussions are sometimes stimulating, as you know—and one might have thought that this person could never be convinced and that the others were convinced. That became immediately apparent when we were sitting in a coffeehouse. This other member said it was actually terribly foolish of this person to believe that her dog had repeated earthly lives; she had realized that right away, she said, since it was quite clear from anthroposophy that this was an impossibility. “Yes, if that were my parrot!” That—that’s what this applies to!—I wouldn’t want this line of thought to be projected onto the various nationalities in such a way that they say: “Yes, for the people Albert Schweitzer is speaking of, it’s true that culture is in decline, that the philosophers themselves haven’t noticed it, but—our parrot has had repeated earthly lives!”

[ 20 ] Im zweiten Kapitel spricht dann Albert Schweitzer über «Kulturhemmende Umstände in unserem wirtschaftlichen und geistigen Leben», und auch da ist er außerordentlich scharf denkend. Zuweilen sind ja natürlich auch Trivialitäten da, ich möchte sagen, desjenigen, was ganz offenbar ist. Aber dann durchschaut Albert Schweitzer einen Mangel des modernen Menschen, dieses kulturlosen modernen Menschen, indem er findet, daß der moderne Mensch dadurch, daß ihm die Kultur abhanden gekommen ist, erstens unfrei geworden ist, zweitens, daß er ungesammelt ist. Nun, ich habe Ihnen Sätze vorgelesen von Max Rubner — von starker Gedankensammlung zeugen sie allerdings nicht. Ungesammelt ist schon gerade der repräsentative moderne Mensch.

[ 20 ] In the second chapter, Albert Schweitzer discusses “Circumstances That Hinder Culture in Our Economic and Intellectual Life,” and here, too, his thinking is exceptionally incisive. Of course, there are occasionally trivialities—I would say, things that are quite obvious. But then Albert Schweitzer sees through a deficiency in modern man—this cultureless modern man—by observing that, because he has lost his culture, modern man has, first, become unfree, and second, has lost his composure. Well, I have read you some passages by Max Rubner—they certainly do not attest to a strong concentration of thought. It is precisely the representative modern person who is unfocused.

[ 21 ] Dann legt Albert Schweitzer diesem modernen Menschen noch ein niedliches Prädikat bei. Er ist nämlich außerdem, daß er unfrei und ungesammelt ist, auch «unvollständig». Nun denken Sie sich einmal, diese modernen Menschen glauben doch alle, daß sie als vollständige Menschenexemplare durch die Welt gehen. Aber Albert Schweitzer ist der Ansicht, daß heute durch die moderne Erziehung ein jeder in ein ganz einseitiges Berufsleben hineingesteckt wird, nur einseitig seine Fähigkeiten ausbildet, die anderen verkümmern läßt und daher in Wirklichkeit ein unvollständiger Mensch wird. Und in Verbindung mit dieser Unfreiheit, Unvollständigkeit und Ungesammeltheit des modernen Menschen macht sich für Albert Schweitzer geltend eine gewisse Unhumanität des modernen Menschen: «Tatsächlich bewegen sich Gedanken vollendeter Inhumanität seit zwei Menschenaltern in der häßlichen Klarheit der Worte und mit der Autorität logischer Grundsätze unter uns. Es hat sich eine Mentalität der Gesellschaft herausgebildet, die die einzelnen von der Humanität abbringt. Die Höflichkeit des natürlichen Empfindens schwindet.» — Ich erinnere an die Generalversammlung, die wir hier gehabt haben, wo über die Höflichkeit geredet worden ist! — «An ihre Stelle tritt das mit mehr oder weniger Formen ausgestattete Benehmen der absoluten Indifferenz. Die gegen Unbekannte auf jede Weise betonte Unnahbarkeit und Teilnahmslosigkeit wird gar nicht mehr als innere Roheit empfunden, sondern gilt als weltmännisches Verhalten. Auch hat unsere Gesellschaft aufgehört, allen Menschen als solchen Menschenwert und Menschenwürde zuzuerkennen. Teile der Menschheit sind für uns Menschenmaterial und Menschendinge geworden. Wenn seit Jahrzehnten unter uns mit steigender Leichtfertigkeit von Krieg und Eroberungen geredet werden konnte, als ob es sich um ein Operieren auf dem Schachbrett handelte, so war dies nur möglich, weil eine Gesamtgesinnung geschaffen war, die sich das Schicksal der einzelnen nicht mehr vorstellte, sondern sie nur als Ziffern und Gegenstände gegenwärtig hatte. Als der Krieg kam, erhielt die Inhumanität, die in uns war, freien Lauf. Und was ist in den letzten Jahrzehnten an feinen und groben Roheiten über die farbigen Menschen in unserer Kolonialliteratur und in unseren Parlamenten als Vernunftwahrheit aufgetreten und in die öffentliche Meinung übergegangen! Vor zwanzig Jahren wurde in einem Parlamente des europäischen Festlandes sogar hingenommen, daß in bezug auf deportierte Schwarze, die man an Hunger und Seuchen hatte sterben lassen, von der Tribüne herab gesagt wurde, sie seien

[ 21 ] Albert Schweitzer then adds another charming epithet to this modern human being. For, in addition to being unfree and unfocused, he is also “incomplete.” Now just imagine: these modern people all believe that they are walking through the world as complete human beings. But Albert Schweitzer is of the opinion that, due to modern education, everyone today is funneled into a completely one-sided professional life, developing only one aspect of their abilities while allowing the others to atrophy, and thus, in reality, becoming an incomplete human being. And in connection with this lack of freedom, incompleteness, and lack of focus in modern people, Albert Schweitzer argues that a certain inhumanity is taking hold among them: “In fact, ideas of utter inhumanity have been circulating among us for two generations, expressed in the ugly clarity of words and with the authority of logical principles. A societal mentality has emerged that turns individuals away from humanity. The courtesy born of natural feeling is fading.”—I recall the general assembly we held here, where courtesy was discussed!—“In its place comes the behavior of absolute indifference, clothed in varying degrees of formality. The aloofness and indifference toward strangers, emphasized in every way, is no longer perceived as inner coarseness at all, but is regarded as sophisticated behavior. Our society has also ceased to recognize human worth and human dignity in all people as such. Parts of humanity have become mere human material and human objects to us. If, for decades, it has been possible to speak among us with increasing frivolity of war and conquest, as if it were a matter of maneuvering on a chessboard, this was only possible because a collective mindset had been created that no longer imagined the fate of individuals, but viewed them only as numbers and objects. When war came, the inhumanity within us was given free rein. And what subtle and crude acts of brutality against people of color have appeared in our colonial literature and in our parliaments over the past decades as “rational truths,” only to become part of public opinion! Twenty years ago, in a parliament on the European mainland, it was even accepted that, with regard to deported Black people who had been left to die of starvation and disease, it was stated from the rostrum that they had “perished as if they were animals.”

[ 22 ] Nun bespricht Albert Schweitzer auch noch die Rolle der Überorganisation in unserem Kulturverfall. Kulturhemmend, meint er, wirken auch die öffentlichen Verhältnisse dadurch, daß Überorganisation überall aufträte. Es werden ja heute überall organisierende Verfügungen, Verordnungen, Gesetze geschaffen. Man ist mit allem in einer Organisation darinnen. Die Menschen erleben das gedankenlos. Sie tun auch gedankenlos. Sie sind immer in irgend etwas organisiert, so daß Albert Schweitzer findet, daß auch diese «Überorganisation» durchaus kulturhemmend gewirkt hat.

[ 22 ] Albert Schweitzer also discusses the role of over-organization in the decline of our culture. He believes that public conditions also hinder cultural development because over-organization is prevalent everywhere. After all, organizing decrees, regulations, and laws are being created everywhere today. Everything is part of some organization. People experience this without giving it a second thought. They act without thinking, too. They are always organized into something, so Albert Schweitzer believes that this “over-organization” has certainly had a culture-inhibiting effect.

[ 23 ] «Die furchtbare Wahrheit, daß mit dem Fortschreiten der Geschichte und der wirtschaftlichen Entwicklung die Kultur nicht leichter, sondern schwerer wird, kam nicht zu Worte.» — «Der Bankerott des Kulturstaates, der von Jahrzehnt zu Jahrzehnt offenbarer wird, richtet den modernen Menschen zugrunde. Die Demoralisation des einzelnen durch die Gesamtheit ist in vollem Gange.

[ 23 ] “The terrible truth—that as history and economic development progress, culture does not become easier but harder—was not voiced.” — “The bankruptcy of the cultural state, which is becoming more apparent with each passing decade, is ruining modern man. The demoralization of the individual by society as a whole is in full swing.

[ 24 ] Ein Unfreier, ein Ungesammelter, ein Unvollständiger, ein sich in Humanitätlosigkeit Verlierender, ein seine geistige Selbständigkeit und sein moralisches Urteil an die organisierte Gesellschaft Preisgebender, ein in jeder Hinsicht Hemmungen der Kulturgesinnung Erfahrender: so zog der moderne Mensch seinen dunklen Weg in dunkler Zeit. Für die Gefahr, in der er sich befand, hatte die Philosophie kein Verständnis. So machte sie keinen Versuch, ihm zu helfen. Nicht einmal zum Nachdenken über das, was mit ihm vorging, hielt sie ihn an.»

[ 24 ] An unfree person, a scattered person, an incomplete person, one lost in inhumanity, one who surrenders his intellectual independence and moral judgment to organized society, one who experiences, in every respect, the constraints of cultural sensibility: thus modern man trudged along his dark path in dark times. Philosophy had no understanding of the danger in which he found himself. Thus, it made no attempt to help him. It did not even urge him to reflect on what was happening to him.”

[ 25 ] Im dritten Kapitel spricht dann Albert Schweitzer davon, daß eine wirkliche Kultur einen ethischen Grundcharakter haben müßte. Frühere Weltanschauungen haben ethische Werte geboren; seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat man mit den alten ethischen Werten weitergelebt, ohne sie irgendwie zu verankern in einer Totalweltanschauung, und man bemerkte das gar nicht: «Man lebte in der durch die ethische Kulturbewegung geschaffenen Situation weiter, ohne sich darüber klarzuwerden, daß sie nun unhaltbar geworden war, und ohne auf das, was sich zwischen den Völkern und in den Völkern vorbereitete, auszublicken. So kam unsere Zeit, gedankenlos wie sie war, zu der Meinung, daß Kultur vornehmlich in wissenschaftlichen, technischen und künstlerischen Leistungen bestehe und ohne Ethik oder mit einem Minimum von Ethik auskommen könne. Autorität erlangte diese veräußerlichte Auffassung von Kultur in der öffentlichen Meinung dadurch, daß sie durchgängig auch von Personen vertreten wurde, denen nach ihrer gesellschaftlichen Stellung und nach ihrer wissenschaftlichen Bildung Kompetenz in Sachen des geistigen Lebens zuzukommen schien.» — «Unser Wirklichkeitssinn besteht also darin, daß wir aus einer Tatsache durch Leidenschaften und kurzsichtige Nützlichkeitserwägungen die nächstliegend andere hervorgehen lassen, und so fort und fort. Da uns die zielbewußte Absicht auf ein zu verwirklichendes Ganzes fehlt, fällt unsere Aktivität unter den Begriff des Naturgeschehens.»

[ 25 ] In the third chapter, Albert Schweitzer goes on to argue that a true culture must have an ethical foundation. Earlier worldviews gave rise to ethical values; since the mid-19th century, people have continued to live by these old ethical values without anchoring them in any comprehensive worldview, and they did not even notice this: “People continued to live in the situation created by the ethical cultural movement without realizing that it had now become untenable, and without looking ahead to what was brewing among and within nations. Thus, our era—thoughtless as it was—came to believe that culture consisted primarily of scientific, technical, and artistic achievements and could manage without ethics or with only a minimum of ethics. This externalized conception of culture gained authority in public opinion because it was consistently advocated by individuals who, by virtue of their social standing and scholarly education, appeared to possess competence in matters of intellectual life.” — “Our sense of reality, then, consists in deriving from one fact—through passions and short-sighted considerations of utility—the next most obvious fact, and so on and so forth. Since we lack a purposeful intention directed toward a whole to be realized, our activity falls under the concept of a natural phenomenon.”

[ 26 ] Und auch das sieht Albert Schweitzer mit voller Klarheit ein, daß die Leute, weil sie Kulturschöpferisches nicht mehr hatten, zum Nationalismus gekommen sind.

[ 26 ] Albert Schweitzer also recognizes with complete clarity that people turned to nationalism because they no longer had anything to contribute to culture.

[ 27 ] «Bezeichnend für das krankhafte Wesen der Realpolitik des Nationalismus war, daß sie sich auf jede Weise mit dem Flitter des Ideals zu behängen suchte. Der Kampf um die Macht wurde zum Kampf für Recht und Kultur. Die egoistischen Interessengemeinschaften, die Völker untereinander gegen andere eingingen, präsentierten sich als Freundschaften und Seelenverwandtschaften. Als solche wurden sie in die Vergangenheit zurückdatiert, wenn die Geschichte auch mehr vonErbfeindschaftals voninnerer Verwandtschaftzuberichten wußte.

[ 27 ] “It was characteristic of the pathological nature of nationalism’s realpolitik that it sought in every way to cloak itself in the glitter of the ideal. The struggle for power became a struggle for justice and culture. The self-serving interest groups, which pitted one people against another, presented themselves as friendships and kindred spirits. As such, they were retroactively dated back into the past, even though history had more to say about hereditary enmity than about inner kinship.

[ 28 ] Zuletzt genügte es dem Nationalismus nicht, in seiner Politik jede Absicht auf das Zustandekommen einer Kulturmenschheit beiseite zu setzen. Er zerstörte noch die Vorstellung der Kultur selber, indem er die nationale Kultur proklamierte.»

[ 28 ] Ultimately, it was not enough for nationalism to set aside any intention of bringing about a cultural humanity in its policies. It went on to destroy the very concept of culture itself by proclaiming national culture.»

[ 29 ] Sehen Sie, auf den verschiedensten Gebieten des Lebens sieht schon Albert Schweitzer, man muß sagen, recht klar. Und er findet Worte, um dieses Negative unserer Zeit auszudrücken. $o, möchte ich sagen, ist es ihm auch ganz klar, was unsere Zeit geworden ist durch den großen Einfluß der Wissenschaft. Da ihm aber auch klar ist, daß unsere Zeit nicht denken kann — ich habe Ihnen das an dem Beispiel des Max Rubner gezeigt —, so weiß Albert Schweitzer auch, daß die Wissenschaft erst recht gedankenlos geworden ist und daher in unserer Zeit gar nicht den Beruf zur Führung der Menschheit in der Kultur haben kann.

[ 29 ] You see, Albert Schweitzer already sees quite clearly—it must be said—in the most diverse areas of life. And he finds the words to express this negative aspect of our time. $o, I would say, it is also quite clear to him what our time has become due to the great influence of science. But since it is also clear to him that our age is incapable of thinking—I have shown you this using the example of Max Rubner—Albert Schweitzer also knows that science, more than ever, has become thoughtless and therefore cannot, in our time, have any claim to lead humanity in culture.

[ 30 ] «Heute hat das Denken nichts mehr von der Wissenschaft, weil diese ihm gegenüber selbständig und indifferent geworden ist. Fortgeschrittenstes Wissen verträgt sich jetzt mit gedankenlosester Weltanschauung. Es behauptet, es nur mit Einzelfeststellungen zu tun zu haben, da nur bei diesen sachliche Wissenschaft gewahrt sei. Die Zusammenfassung der Erkenntnisse und die Geltendmachung ihrer Konsequenzen für die Weltanschauung sei nicht seine Sache. Früher war jeder wissenschaftliche Mensch», so sagt Albert Schweitzer, «zugleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermögen angelangt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu können. Darum gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast keine denkende Wissenschaft mehr.»

[ 30 ] “Today, thinking no longer has anything to do with science, because science has become independent of and indifferent to it. The most advanced knowledge is now compatible with the most thoughtless worldview. It claims to deal only with individual observations, since objective science is preserved only in these. The synthesis of findings and the application of their implications to worldview is not its concern. ‘In the past,’ says Albert Schweitzer, ‘every scientist was at the same time a thinker who played a significant role in the general intellectual life of his generation. Our age has reached the point where it can distinguish between science and thought. That is why we still have freedom of science, but almost no thinking science left.”

[ 31 ] Sie sehen, das Negative sieht Schweitzer außerordentlich klar, und er weiß auch zu sagen, worauf es ankommt: daß es darauf ankommt, den Geist wiederum in die Kultur hineinzubringen. Er weiß, daß die Kultur geistlos geworden ist. Aber ich habe heute vormittag im pädagogischen Vortrag ausgeführt, wie von dem, was in früherer Zeit die Menschen von der Seele wußten, nur die Worte geblieben sind. Es wird fortgesprochen in Worten von der Seele, aber irgend etwas Reales wird mit den Worten nicht mehr verbunden. Und so ist es mit dem Geiste. Daher ist heute kein Bewußtsein vom Geiste vorhanden. Man hat nur das Wort. Und dann, wenn dann nun jemand so scharfsinnig das Negative der modernen Kultur charakterisiert hat, dann kann er höchstens noch dazu kommen, nach gewissen traditionellen Empfindungen, die man hat, wenn heute von Geist gesprochen wird — weil ja aber niemand etwas von Geist weiß —, da kann man dann höchstens dazu kommen zu sagen: Der Geist ist notwendig.

[ 31 ] As you can see, Schweitzer perceives the negative aspects with extraordinary clarity, and he also knows how to articulate what really matters: that what matters is bringing the spirit back into culture. He knows that culture has become spiritless. But this morning, in my lecture on education, I explained how, of what people once knew about the soul, only the words remain. People continue to speak of the soul in words, but nothing real is connected to those words anymore. And so it is with the spirit. That is why there is no awareness of the spirit today. All that remains is the word. And then, when someone has so astutely characterized the negative aspects of modern culture, the most they can do is, based on certain traditional feelings people have when speaking of the spirit today—since, after all, no one knows anything about the spirit—the most they can do is say: “The spirit is necessary.”

[ 32 ] Aber wenn man sagen soll, wie der Geist nun in die Kultur hineinkommen soll, da wird es einem so — verzeihen Sie: Als ich ein ganz kleiner Junge noch war, da lebte ich in der Nähe eines Dorfes, und da waren einer Persönlichkeit, die zu den höchsten Honoratioren des Dorfes gehörte, Hühner gestohlen worden. Nun kam es zu einem Prozeß. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung. Der Richter wollte durchaus herausbringen, wie groß er die Strafe bemessen sollte, und dazu war notwendig, daß eine Vorstellung erweckt wurde, wie denn die Hühner waren. Und da verlangte er von dieser Persönlichkeit, die zu den Honoratioren des Dorfes gehörte, sie solle beschreiben, was das für Hühner waren. — Also sagen Sie uns etwas Näheres, was waren denn das für Hühner? Beschreiben Sie sie uns ein bißchen! Ja, Herr Richter, es waren schöne Hühner. — Da kann man nichts Rechtes damit anfangen, wenn Sie uns nicht etwas Genaueres sagen können! Sie haben diese Hühner doch gehabt, beschreiben Sie uns ein bißchen diese Hühner. — Ja, Herr Richter, es waren halt schöne Hühner! — Und so fuhr diese Persönlichkeit fort. Weiteres war nicht aus ihr herauszubringen als: Es waren schöne Hühner.

[ 32 ] But when one is asked to explain how the spirit is to find its way into culture, it makes one feel—forgive me: When I was still a very young boy, I lived near a village, and there was a prominent figure among the village’s leading citizens whose chickens had been stolen. So a lawsuit ensued. A court hearing was held. The judge was determined to determine the appropriate severity of the punishment, and to do so, it was necessary to get a clear picture of what the chickens were like. So he asked this prominent figure, who was one of the village’s leading citizens, to describe what kind of chickens they were. — So tell us a little more—what kind of chickens were they? Describe them to us a bit! Yes, Your Honor, they were beautiful chickens. — We can’t really make head or tail of this if you can’t give us any more specific details! You did have these chickens, after all—describe them to us a little. — Yes, Your Honor, they were just beautiful chickens! — And so this person continued. Nothing more could be coaxed out of him except: “They were beautiful chickens.”

[ 33 ] Und sehen Sie, da kommt ja nun auch im weiteren Kapitel Albert Schweitzer dazu, daß er positiv sagen soll, wie er sich nun vorstellt, daß eine totale Weltanschauung wieder werden soll. «Welcher Art aber», so sagt er, «muß die denkende Weltanschauung sein, damit Kulturideen und Kulturgesinnungen in ihr begründet sein können? Optimistisch und ethisch.» Es waren halt schöne Hühner! Optimistisch und ethisch muß sie sein. Ja, aber wie soll sie es sein? Denken Sie sich nur einmal, wenn ein Architekt jemandem ein Haus bauen sollte, und er will herausbekommen, wie das Haus sein soll, und der Betreffende erwidert ihm nur: Das Haus soll fest sein, wettersicher, schön, und es soll sich gut drinnen wohnen lassen —, nun machen Sie den Plan und wissen, wie er es haben will! Aber gerade so ist es, wenn einem Jemand sagt, eine Weltanschauung soll optimistisch und ethisch sein. Wenn man ein Haus bauen will, so muß man doch den Plan gestalten; das muß ein konkret gestalteter Plan werden. Aber der so scharfsinnige Albert Schweitzer weiß nichts zu sagen als: Es waren halt schöne Hühner. Oder: Das Haus soll schön sein, nämlich es soll optimistisch und ethisch sein.

[ 33 ] And look, in the following chapter Albert Schweitzer is also called upon to state positively how he envisions a comprehensive worldview should be restored. “But what kind,” he says, “must a thoughtful worldview be so that cultural ideas and attitudes can be grounded in it? Optimistic and ethical.” They were just beautiful chickens! It must be optimistic and ethical. Yes, but how exactly should it be? Just imagine, for a moment, if an architect were to build a house for someone, and he wanted to figure out what the house should be like, and the person in question simply replied: “The house should be sturdy, weatherproof, beautiful, and it should be comfortable to live in”—well, go ahead and draw up the plans and see if you can figure out exactly what he wants! But that’s exactly what happens when someone tells you that a worldview should be optimistic and ethical. If you want to build a house, you have to draw up the plans; it has to be a concrete, detailed plan. But the otherwise so astute Albert Schweitzer has nothing to say except: “They were just beautiful chickens.” Or: “The house should be beautiful—that is, it should be optimistic and ethical.”

[ 34 ] Er geht sogar ein bißchen weiter, aber es kommt doch nicht viel anderes heraus als die schönen Hühner. Er sagt zum Beispiel, weil nun das Denken so sehr aus der Mode gekommen ist, weil das Denken gar nicht mehr gekonnt wird und die Philosophen selbst nicht bemerken, daß es gar nicht mehr da ist, sondern immer noch glauben, sie können denken, so sind viele Leute zur Mystik gekommen, die gedankenfrei arbeiten will, die ohne das Denken zu einer Weltanschauung kommen will. Nun sagt er: Ja, aber warum sollte man denn nicht auch mit dem Denken in die Mystik hineingehen? Also die Weltanschauung, die da kommen soll, muß mit dem Denken in die Mystik hineingehen. Ja, aber wie wird denn das dann? Das Haus soll fest, wettersicher, schön sein und so, daß man bequem drinnen wohnen kann. Die Weltanschauung soll so sein, daß sie denkend in die Mystik eindringt. Das ist genau dasselbe. Ein wirklicher Inhalt wird nirgends auch nur spärlichst angedeutet. Das gibt es gar nicht.

[ 34 ] He even goes a little further, but it doesn't really amount to much more than those pretty chickens. He says, for example, that because thinking has fallen so far out of fashion—because people no longer know how to think, and philosophers themselves don’t realize that it’s no longer there but still believe they can think—many people have turned to mysticism, seeking to operate free of thought, to arrive at a worldview without thinking. Now he says: Yes, but why shouldn’t one also enter into mysticism through thinking? So the worldview that is to emerge must enter into mysticism through thinking. Yes, but how does that work, then? The house should be sturdy, weatherproof, beautiful, and such that one can live comfortably inside it. The worldview should be such that it penetrates mysticism through thinking. That is exactly the same thing. Nowhere is even the slightest hint of any real content given. It doesn’t exist at all.

[ 35 ] Nun, wodurch unterscheidet sich denn Anthroposophie von einer solchen Kulturkritik? Mit dem Negativen kann sie ja ganz einverstanden sein, aber sie ist nicht zufrieden damit, das Haus so zu beschreiben: Es soll fest und wettersicher und schön und so sein, daß man bequem drinnen wohnen kann —, sondern sie macht die Pläne des Hauses, sie entwirft wirklich das Bild einer Kultur. Nun, dagegen wehrt sich zwar Albert Schweitzer etwas, indem er sagt: «Die große Revision der Überzeugungen und Ideale, in denen und für die wir leben, kann sich nicht so vollziehen, daß man in die Menschen unserer Zeit andere, bessere Gedanken hineinredet als die, die sie haben. Sie kommt nur so in Gang, daß die vielen über den Sinn des Lebens nachdenkend werden ...» Also das geht nicht, in die Menschen unserer Zeit bessere Gedanken hineinzureden als die, die sie schon haben, das geht nicht! Ja, was soll man dann tun im Sinne von Albert Schweitzer? Er ermahnt die Menschen, sie sollen in sich gehen, sie sollen dasjenige aus sich herausholen, was sie aus sich selber haben, damit man ihnen nicht irgendwie andere Gedanken, als sie schon haben, einzureden braucht.

[ 35 ] Well, how does anthroposophy differ from such a critique of culture? It may well agree with the negative aspects, but it is not content merely to describe the house as follows: It should be sturdy, weatherproof, and beautiful, and such that one can live comfortably inside—rather, it draws up the plans for the house; it truly designs the vision of a culture. Now, Albert Schweitzer does object to this to some extent, saying: “The great revision of the convictions and ideals in which and for which we live cannot take place by talking people of our time into having different, better thoughts than the ones they already have. It can only get underway if the many begin to reflect on the meaning of life...” So that won’t work—persuading the people of our time to adopt better ideas than the ones they already have—that won’t work! Yes, what, then, should one do in the spirit of Albert Schweitzer? He urges people to look within themselves, to draw out from within what they already possess, so that there is no need to somehow persuade them to adopt ideas other than the ones they already hold.

[ 36 ] Ja, aber indem die Menschen dasjenige in sich gesucht haben, was sie schon haben, kam eben das alles, was im Anfange steht: «Wir stehen im Zeichen des Niederganges der Kultur.» — «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war» und so weiter. Ja, das ist ja alles dadurch geworden — was also Schweitzer so sehr scharf und mit einem intensiven Denken trifft —, daß die Menschen außer acht gelassen haben jede wirkliche konkrete Planlegung der Kultur. Und jetzt sagt er: Das geht nicht, daß die Menschen irgend etwas aufnehmen; sie müssen in sich selber gehen. — Sehen Sie, da kann man sagen, nicht nur ein Max Rubner, der überall mit seinem Denken nicht fertig wird, sondern sogar ein so furchtbar scharfer Denker wie der Albert Schweitzer ist nicht imstande, den Übergang zu machen von einer negativen Kritik der Kultur zu einer Anerkenntnis dessen, was als ein neues Geistesleben befruchtend in diese Kultur hereinkommen muß. Anthroposophie ist ja ebensolange da, als Albert Schweitzer, eingestandenermaßen seit dem Jahre 1900, an diesem Buch geschrieben hat. Aber er hat nichts bemerkt davon, daß in positiver Weise Anthroposophie das will, was er bloß in negativer Weise kritisiert: Geist in die Kultur hineinbringen. In dieser Beziehung wird er sogar sehr spaßig. Denn da sagt er ungefähr gegen das Ende des letzten Teiles seiner Schrift:

[ 36 ] Yes, but by seeking within themselves what they already possess, they arrived at precisely what is stated at the beginning: “We are living in an era of cultural decline.” — “We strayed from culture because there was no reflection on culture among us,” and so on. Yes, all of that came about—which is what Schweitzer so sharply and with such intense thought points out—because people neglected any real, concrete planning of culture. And now he says: It’s not enough for people to simply take something in; they must look within themselves. — You see, one could say that not only is there a Max Rubner, who can’t come to terms with his own thinking anywhere, but even such a terribly sharp thinker as Albert Schweitzer is incapable of making the transition from a negative critique of culture to a recognition of what must enter this culture as a new spiritual life that will enrich it. Anthroposophy has, after all, been around just as long as Albert Schweitzer—admittedly since 1900—has been writing this book. But he failed to notice that, in a positive sense, anthroposophy seeks precisely what he merely criticizes in a negative sense: to bring spirit into culture. In this regard, he even becomes quite amusing. For toward the end of the last part of his work, he says something to the effect of:

[ 37 ] «An sich schon hat das Besinnen auf den Sinn des Lebens eine Bedeutung. Kommt solches Nachdenken wieder unter uns auf» — es ist der konditionelle Satz, nur verschlechtert, denn eigentlich müßte es heißen: Wenn solches Nachdenken wieder unter uns aufkäme! —, «so welken die Eitelkeits- und Leidenschaftsideale, die jetzt wie böses Unkraut in den Überzeugungen der Massen wuchern, rettungslos dahin. Wieviel wäre für die heutigen Zustände schon gewonnen, wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten ...» — also er kommt darauf, daß es gut wäre für die Menschen, wenn sie jeden Abend drei Minuten zu dem gestirnten Himmel hinaufblickten! Wenn man es ihnen so sagt, werden sie es ganz gewiß nicht tun; aber lesen Sie nach, wie diese Dinge gemacht werden sollten, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Man begreift es nicht, warum hier der Schritt vom Negativen zum Positiven gar nicht gemacht werden kann, man begreift das nicht! «... und bei der Teilnahme an einem Begräbnis uns dem Rätsel von Tod und Leben hingeben würden, statt in gedankenloser Unterhaltung hinter dem Sarg einherzugehen.»

[ 37 ] “In and of itself, reflecting on the meaning of life is significant. Should such reflection arise among us again”—this is a conditional sentence, but a flawed one, for it should actually read: If such reflection were to arise among us again! —, “then the ideals of vanity and passion, which now proliferate like evil weeds in the convictions of the masses, would wither away beyond redemption. How much would already be gained for today’s circumstances if we all simply looked up thoughtfully at the infinite worlds of the starry sky for three minutes every evening...” — so he concludes that it would be good for people if they looked up at the starry sky for three minutes every evening! If you tell them this, they will certainly not do it; but read in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? to find out how these things should be done. It’s hard to understand why the step from the negative to the positive simply cannot be taken here—it’s hard to understand! “... and when attending a funeral, we would immerse ourselves in the mystery of death and life, instead of walking behind the coffin engaged in thoughtless conversation.”

[ 38 ] Sehen Sie, wenn man so negativ ist, dann schließt man eine solche Betrachtung über den Kulturvertall so ab, daß man sagt: «Das bisherige Denken gedachte den Sinn des Lebens aus dem Sinn der Welt zu verstehen. Es kann sein, daß wir uns darein schicken müssen, den Sinn der Welt dahingestellt sein zu lassen und unserm Leben aus dem Willen zum Leben, wie er in uns ist, einen Sinn zu geben. Mögen auch die Wege, auf denen wir dem Ziele zuzustreben haben, noch im Dunkel liegen: Die Richtung, in der wir gehen müssen, ist klar.»

[ 38 ] You see, when one is so negative, one concludes such a reflection on the cultural crisis by saying: “Thought up to now has sought to understand the meaning of life from the meaning of the world. It may be that we must resign ourselves to leaving the meaning of the world aside and giving our lives meaning through the will to live as it exists within us. Even if the paths along which we must strive toward this goal still lie in darkness, the direction in which we must go is clear.”

[ 39 ] So klar, wie es war, daß seine Hühner schöne Hühner waren, und so klar, wie das ist, daß einer über den Plan seines Hauses sagt: Das Haus soll fest, wettersicher, schön sein. Die meisten Menschen der Gegenwart sehen es nämlich als klar an, wenn sie irgend etwas in der Weise charakterisieren, und merken es überhaupt gar nicht, wie unklar es ist.

[ 39 ] Just as clear as it was that his chickens were beautiful chickens, and just as clear as it is when someone says of the plans for his house: “The house should be sturdy, weatherproof, and beautiful.” Most people today take it for granted when they characterize something in this way, and do not even realize how unclear it actually is.

[ 40 ] «Miteinander haben wir über den Sinn des Lebens denkend zu werden, miteinander darum zu ringen, zu einer welt- und lebenbejahenden Weltanschauung zu gelangen, in der unser von uns als notwendig und wertvoll erlebter Trieb zu wirken Rechtfertigung, Orientierung, Klärung, Vertiefung, Versittlichung und Stählung findet ...» — Das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man gut darin wohnen kann. In bezug auf ein Haus sagt man so, in bezug auf Weltanschauung sagt man: Die Weltanschauung soll so sein, daß sie wirken kann Rechtfertigung, Orientierung, Klärung, Vertiefung, Versittlichung und Stählung! — «... und daraufhin fähig wird, definitive und vom Geist wahrer Humanität eingegebene Kulturideale aufzustellen und zu verwirklichen.»

[ 40 ] “Together we must reflect on the meaning of life, struggle together to arrive at a worldview that affirms the world and life, in which our drive to act—which we experience as necessary and valuable—finds justification, orientation, clarification, deepening, refinement, and strengthening ...” — A house should be beautiful, sturdy, weatherproof, and suitable for comfortable living. When speaking of a house, one says this; when speaking of a worldview, one says: The worldview should be such that it can provide justification, orientation, clarification, deepening, moral refinement, and fortification! — “... and thereby become capable of establishing and realizing definitive cultural ideals inspired by the spirit of true humanity.”

[ 41 ] Nun haben wir es. Schärfstes, voll anzuerkennendes Denken über das Negative, absolute Ohnmacht, irgendwo ein Positives zu sehen. Diejenigen Menschen, die man am meisten heute loben muß — und Albert Schweitzer gehört zu denen, die man am meisten heute loben muß —, die sind in solcher Lage. Darüber sollen gerade Anthroposophen ein waches Bewußtsein entwickeln, damit sie Bescheid wissen, wenn dann einer von denjenigen kommt, die im Sinne dieses scharfsinnigen Albert Schweitzer «Philosophen» sind, zum Beispiel ein Neu-Kantianer, wie sich die Leute nennen, und die nun gar nicht merken, daß sie nicht nur das Denken verschlafen haben, sondern daß sie es auch gar nicht bemerkt haben, wie sie das Denken verschlafen haben. Von denen kann man natürlich nicht verlangen, daß sie Anthroposophie verstehen. Aber man soll doch ein waches Auge darüber haben, in welcher Weise solche Menschen, die eben von Schweitzer mit Recht als die verschlafenen Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts geschildert werden, nun von Anthroposophie reden. Wir sollen nach allen Seiten hin mit wachem Auge in die Gegenwart hineinschauen.

[ 41 ] There we have it. The sharpest, most fully acknowledged thinking about the negative—the absolute inability to see anything positive anywhere. Those people whom we must praise the most today—and Albert Schweitzer is among those whom we must praise the most today—find themselves in such a situation. Anthroposophists, in particular, should develop a keen awareness of this, so that they are well-informed when someone comes along who, in the sense of this astute Albert Schweitzer, is a “philosopher”—for example, a Neo-Kantian, as people call themselves— and who are completely unaware not only that they have slept through the process of thinking, but also that they have not even noticed how they have slept through it. Of course, one cannot expect such people to understand anthroposophy. But we should nevertheless keep a watchful eye on the way in which such people—who are rightly described by Schweitzer as the “sleepy philosophers” of the 19th and 20th centuries—now speak of anthroposophy. We should look at the present with a watchful eye in all directions.

[ 42 ] Da wird in einer Zeitungsnotiz zunächst davon gesprochen, wie wenig gegen Kant Bergson wirkt. Dann aber wird gesagt: Noch viel weniger halten die wilden Spekulationen Steiners und seine großen geistigen Tiraden einer an Kant orientierten erkenntnistheoretischen Prüfung stand. Auch Steiner glaubt über Kant und die Neu-Kantianer hinaus zu dringen zu höheren Erkenntnissen. Tatsächlich bleibt er weit hinter ihnen zurück und hat sie, wie sich aus seinen Schriften leicht nachweisen läßt, an entscheidenden Punkten gänzlich mißverstanden.

[ 42 ] A newspaper article first discusses how little impact Bergson has on Kant. But then it goes on to say: Steiner’s wild speculations and his grand intellectual tirades stand up even less to an epistemological examination grounded in Kant. Steiner, too, believes he is going beyond Kant and the Neo-Kantians to attain higher insights. In fact, he lags far behind them and, as can easily be demonstrated from his writings, has completely misunderstood them on crucial points.

[ 43 ] Das wird natürlich ohne jegliche Begründung einfach in gelesenen Zeitungen der Welt so hinausposaunt. Und dann wird da gesagt von diesen Menschen, die so denken können, ja, die lange nicht so denken können, wie Rubner denken kann: Da braucht man ja nur die Wissenschaft der Gegenwart zu fragen, dann weiß man ganz gut, was diese angeblichen Erkenntnisse — diese Hirnblasen, wie er sie nennt eigentlich bedeuten.

[ 43 ] Of course, this is simply trumpeted in newspapers around the world without any justification whatsoever. And then these people—who are capable of thinking this way, or rather, who are far from being able to think the way Rubner does—say: All you have to do is ask contemporary science, and then you’ll know quite well what these so-called insights—these “brain bubbles,” as he calls them—actually mean.

[ 44 ] Aufmerksam muß man auf diese Dinge schon sein, und man darf sie nicht verschlafen. Denn geltend machen kann sich eben diese — wie sie Albert Schweitzer nennt — gedankenlose Wissenschaft, geltend machen kann sie sich schon in der Welt, und Macht hat sie vorläufig. Es sagen ja heute viele Menschen, daß man nicht auf die Macht sehen soll, sondern auf das Recht; aber leider nennen sie dann die Macht, die sie haben, das Recht. Nun, was der weiter für einen Galimathias vorbringt, das will ich Ihnen heute doch ersparen, denn da geht es nun fort in die spiritistischen Phänomene hinein, die ebenso heute von der Wissenschaft untersucht werden müssen und so weiter.

[ 44 ] One must certainly be attentive to these matters, and one must not let them slip by unnoticed. For this—as Albert Schweitzer calls it—thoughtless science is indeed able to assert itself; it is already asserting itself in the world, and for the time being, it holds power. Many people today say that one should not look to power, but to justice; but unfortunately, they then call the power they possess “justice.” Well, I’ll spare you the rest of the gibberish he goes on about today, because that’s where he veers off into spiritualist phenomena, which likewise must be investigated by science today, and so on.

[ 45 ] Aber wenn nun die armen Studenten doch an die Anthroposophie herankommen und die «Gehirnblasen» aufnehmen, dann gibt ihnen Max Rubner den Rat: «Aber es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirns zu arbeiten.» Manche Felder sind wiederholt beackert! Nun, wenn da den armen Studenten in der Anthroposophie «Gehirnblasen» aufsteigen und sie dann diese Gehirne beackern, dann werden die Blasen vor der Pflugschar doch ganz gewiß hinschwinden. Also in dieser Beziehung stimmt ja die Geschichte wiederum. Dasjenige, was als etwas Positives hinein will in unsere, nach den besten Geistern eingestandenermaßen zerfallende, ja schon zerfallene Kultur, einzusehen, das Positive einzusehen, das ist eben auch den besten Geistern der Gegenwart, insofern diese drinnen stehen im gegenwärtigen Kulturbetriebe, eigentlich gar nicht gegeben. Da bleibt es dabei, daß, wenn sie nun sagen sollen, wie das Haus beschaffen sein soll, sie nicht den Stift nehmen oder die Modellsubstanz nehmen, um das Haus zu gestalten — was Anthroposophie tut —, sondern dann sagen sie: Das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man bequem drin wohnen kann. Beim Haus sagt man so. Bei einer Weltanschauung sagt man, sie soll optimistisch, sie soll ethisch sein, man soll sich darinnen orientieren können, und wie nun die Dinge alle geheißen haben, die aber doch nichts anderes bedeuten, als was ich Ihnen gesagt habe.

[ 45 ] But when these poor students do come into contact with anthroposophy and absorb these “brain bubbles,” Max Rubner offers them this advice: “But there is always something refreshing about working in a new, previously untilled field of the brain.” Some fields have been tilled time and again! Well, if “brain bubbles” rise up in these poor students’ minds as they engage with anthroposophy, and they then set about plowing through these mental fields, then those bubbles will most certainly vanish before the plowshare. So in this respect, the story holds true once again. To recognize what seeks to enter as something positive into our culture—which, as even the finest minds admit, is disintegrating, indeed has already disintegrated—to recognize the positive—this is something that even the finest minds of the present, insofar as they are immersed in the current cultural scene, are actually quite incapable of doing. So it remains the case that, when they are asked to describe what the house should be like, they do not pick up a pencil or use a model to design the house—as anthroposophy does—but instead they say: The house should be beautiful and sturdy and weatherproof, and such that one can live comfortably inside it. That’s how people talk about a house. When it comes to a worldview, people say it should be optimistic, it should be ethical, one should be able to find one’s bearings within it—and whatever else people may have called these things, they ultimately mean nothing other than what I have told you.

[ 46 ] Sie sehen, daß es notwendig ist — und Sie werden es aus der Sache selber erkennen, daß dies notwendig ist —, manchmal so ein bißchen über dasjenige hinauszudringen, was in der Zivilisation vorgeht. Deshalb habe ich die heutige episodenhafte Betrachtung angestellt. Nächsten Freitag wollen wir von diesen Dingen weiterreden, nicht mehr sagen, das Haus soll schön und fest und wettersicher sein und so, daß man bequem darin wohnen kann, die Weltanschauung soll optimistisch und ethisch sein und so, daß man sich darinnen orientieren kann und so weiter, sondern wir wollen wirklich auf die wirkliche Anthroposophie, auf das Geistesleben, das unsere Kultur braucht, hinweisen.

[ 46 ] You see that it is necessary—and you will recognize this from the nature of the matter itself—to sometimes go a little beyond what is happening in civilization. That is why I have offered today’s episodic reflection. Next Friday, let’s continue talking about these things—not just saying that a house should be beautiful, sturdy, and weatherproof so that one can live comfortably in it, or that a worldview should be optimistic and ethical so that one can find one’s bearings within it, and so on—but let’s really point to true anthroposophy, to the spiritual life that our culture needs.