Three Perspectives of Anthroposophy
Cultural Phenomena
from the Perspective of Spiritual Science
GA 225
22 July 1923, Dornach
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Anthroposophy as Cosmosophy I, tr. SOL
10. Drei Perspektiven der Anthroposophie: Die Geistige Perspektive
10. Three Perspectives of Anthroposophy: The Spiritual Perspective
[ 1 ] Der Mensch als Erdenwesen kennt zunächst drei wechselnde Bewußtseinszustände: den Wachzustand vom Aufwachen bis zum Einschlafen, den entgegengesetzten Zustand, das ist der Schlafzustand, wo gewissermaßen die Seele hinuntertaucht in die geistige Finsternis und keine Erlebnisse um sich herum hat, und zwischen beiden den Traumzustand, von dem uns ja bewußt ist, wie in ihn hineinspielen die wachen Erlebnisse, wie aber auf der anderen Seite durch gewisse außerordentlich bedeutsame und interessante innere Kräfte die Zusammenhänge des Wachens verändert werden, wie, um nur einiges zu erwähnen, zum Beispiel längst Vergangenes als ein unmittelbar Gegenwärtiges erscheint; wie etwas, was in völliger Unbedachtsamkeit an dem Bewußtsein vorübergegangen ist, von dem man vielleicht im gewöhnlichen Wachleben keine besondere Beachtung genommen hat, heraufrückt in das Traumbewußtsein und so weiter. Dinge, die sonst durchaus nicht zusammengehören, werden durch den Traum zusammengebracht.
[ 1 ] As an earthly being, the human being initially experiences three alternating states of consciousness: the waking state, from the moment of waking until falling asleep; the opposite state, that is, the state of sleep, in which the soul, so to speak, plunges into spiritual darkness and has no experiences around it; and between the two, the dream state—of which we are well aware that waking experiences play a role in it, but also that, on the other hand, certain extraordinarily significant and interesting inner forces alter the connections of waking life, such that—to mention just a few examples—events long past appear as if they were happening right now; how something that passed by the consciousness in complete oblivion—something to which one might not have paid particular attention in ordinary waking life—rises into the dream consciousness, and so on. Things that otherwise have absolutely nothing in common are brought together by the dream.
[ 2 ] Aber es ist zu gleicher Zeit eine durchaus charakteristische Eigenheit des Traumzustandes, daß der Trauminhalt, alles, was wahrgenommen wird im Traum, von einer starken Bildhaftigkeit ist, daß selbst, wenn das Wort hineintönt in den Traum, es die Bildhaftigkeit des Wortes ist, die da hineinspielt, der Ton des Wortes, die Modulierung der Laute, die sich alle zur Bildhaftigkeit, wenn auch eben zur hörbaren, seelisch hörbaren Bildhaftigkeit auseinanderlegen.
[ 2 ] But at the same time, it is a thoroughly characteristic feature of the dream state that the content of the dream, everything that is perceived in a dream, is highly pictorial; so much so that even when a word enters the dream, it is the pictorial nature of the word that comes into play—the sound of the word, the modulation of the sounds—all of which unfold into pictoriality, albeit an audible, psychologically perceptible pictoriality.
[ 3 ] Nun, der Traum hat ja außerordentlich vieles, was die Seele des Menschen im Tiefsten beschäftigen kann. Aber man erlangt nicht einen Einblick in das eigentlich geistige Dasein, wenn man sich nicht gültige Vorstellungen zu machen vermag über das Verhältnis dieser drei Bewußtseinszustände, des Wachens, des Träumens, des Schlafens.
[ 3 ] Well, dreams certainly contain an extraordinary wealth of elements that can engage the human soul at its deepest level. But one cannot gain insight into true spiritual existence unless one is able to form valid concepts regarding the relationship between these three states of consciousness: waking, dreaming, and sleeping.
[ 4 ] Wir wollen heute einmal, so weit es möglich ist, mit Zuhilfenahme der Geisteswissenschaft diese drei Bewußtseinszustände charakterisieren. Zunächst den im wachen Tagesleben.
[ 4 ] Today, as far as possible, we want to characterize these three states of consciousness with the help of spiritual science. First, the state of waking daily life.
[ 5 ] Der Mensch kann sich bewußt werden, daß er dieses wache Tagesleben dadurch führen kann, daß er sich im Aufwachen seines Leibes, der Organe seines Leibes, aber auch des Denkens, das ja an den Leib gebunden ist, zu bedienen anfängt. Und selbst dann, wenn man kein Wissen davon hat, daß das Ich und der astralische Leib beim Aufwachen untertauchen in den physischen und in den Ätherleib, muß man doch empfinden, wie, allerdings in rascher Art, aber deutlich wahrnehmbar, wenigstens deutlich empfindbar, der Mensch Kraft über seine Glieder, Kraft über seine Organe und Kraft, das innerliche Denken zu entfalten, bekommt.
[ 5 ] A person can become aware that they can lead this waking daily life by beginning to make use of their body as it awakens—its organs, but also their thinking, which is, after all, bound to the body. And even if one is unaware that, upon waking, the “I” and the astral body merge into the physical and etheric bodies, one must still sense—albeit rapidly, yet clearly perceptible, or at least distinctly felt—how a person gains strength over their limbs, strength over their organs, and the strength to unfold their inner thinking.
[ 6 ] Das alles kann den Menschen lehren, wie das wache Tagesleben an den physischen Leib gebunden ist. Und indem wir vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus den Äther- oder Bildekräfteleib betrachten, müssen wir ja auch sagen, daß dieses wache Tagesleben ebenso wie an den physischen Leib an den ätherischen oder Bildekräfteleib gebunden ist. Wir müssen in diese beiden Glieder unserer menschlichen Wesenheit untertauchen, müssen uns ihrer Organisation bedienen, um das wache Tagesleben zu führen.
[ 6 ] All of this can teach us how waking daily life is bound to the physical body. And when we consider the etheric body—or body of formative forces—from the perspective of spiritual science, we must also say that this waking life is bound to the etheric body—or body of formative forces—just as it is to the physical body. We must immerse ourselves in these two aspects of our human being and make use of their organization in order to lead our waking life.
[ 7 ] Nun kann man sich den mannigfaltigsten Täuschungen hingeben über dieses wache Tagesleben, wenn man es nicht vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus zu beleuchten beginnt. Wenig brauchen wir zu sagen über das Sinnesleben; denn was könnte klarer sein, als daß der Mensch sich eben im wachen Tagesleben seiner Sinnesorgane bedient und daß diese Sinnesorgane ihm vermitteln, was als Offenbarung der äußeren physischen Welt um ihn herum sich befindet. Man braucht nur ein wenig das Wesen der Sinnesorgane zu betrachten, und man wird schon finden, wie durch die Beziehungen des Auges, des Ohres, der anderen Sinne zu der Umwelt dasjenige zustande kommt, was eben der Mensch seine wachen Tageserlebnisse als Offenbarung der Sinneswelt nennt.
[ 7 ] One can fall prey to the most varied illusions regarding this waking daily life if one does not begin to examine it from the perspective of spiritual science. We need say little about sensory life; for what could be clearer than that in waking daily life, human beings make use of their sense organs, and that these sense organs convey to them what is revealed as the external physical world around them. One need only consider the nature of the sense organs for a moment to see how, through the relationships of the eye, the ear, and the other senses to the external world, that which human beings call their waking daily experiences—as a revelation of the sensory world—comes about.
[ 8 ] Was nun schon nötig macht, zu einer genaueren Betrachtung vorzudringen, das ist das Denken, das Vorstellen. Seien wir uns doch ganz klar darüber, daß der Mensch mit seinen Vorstellungen zunächst nur eine Verinnerlichung seines Sinneslebens gegeben hat.
[ 8 ] What now makes it necessary to proceed to a more detailed examination is thinking and imagination. Let us be perfectly clear about the fact that human beings, with their ideas, have initially achieved nothing more than an internalization of their sensory life.
[ 9 ] Wenn der Mensch ehrlich in sich selbst hineinschaut, dann wird er sich sagen: Durch die Sinne empfange ich Eindrücke, im Denken setze ich nach innen diese Eindrücke fort. Und wenn wir unsere Gedanken dann prüfen, so werden wir finden, daß diese Gedanken schattenhafte Abbilder dessen sind, was uns die Sinne vermitteln. Gewissermaßen ist das Denken des Menschen ganz nach außen gerichtet. Das Denken ist nun die Tätigkeit des Äther- oder Bildekräfteleibes, so daß wir auch sagen können: Indem der Mensch wachend als sinnliches Erdenwesen denkt, richtet sich sein Äther- oder Bildekräfteleib nach außen. Aber damit haben wir im Grunde nur die eine Seite des Äther- oder Bildekräfteleibes ins Auge gefaßt. Und indem wir dasjenige, was wir im gewöhnlichen Wachbewußtsein haben, die Gedanken über die äußere Welt, ins Auge fassen, ist es so, wie wenn wir etwa einen Menschen durch irgendwelche Verhältnisse physisch nur von hinten betrachten könnten. Stellen Sie sich vor, Sie würden eine Anzahl von Menschen immer nur von hinten gesehen haben. Sie würden sich da Vorstellungen machen, die Sie vielleicht gegenüber diesen Menschen nicht befriedigen würden. Sie würden, wenn ich so sagen darf, neugierig, wißbegierig darauf sein, wie die betreffenden Menschen von vorne ausschauen, und Sie sind ja auch schon von vorneherein überzeugt davon, daß zu dem hinteren Teile eines Menschen das Vordere dazugehört, daß das eben die andere Seite, die für den physischen Erdenmenschen ausdrucksvollere Seite ist.
[ 9 ] When a person looks honestly within themselves, they will say to themselves: Through the senses I receive impressions; in thinking, I carry these impressions inward. And when we then examine our thoughts, we will find that these thoughts are shadowy reflections of what the senses convey to us. In a sense, human thinking is directed entirely outward. Thinking is the activity of the etheric or formative body, so that we can also say: When a person thinks while awake as a sensory, earthly being, their etheric or formative body is directed outward. But in doing so, we have essentially considered only one aspect of the etheric or formative body. And when we consider what we have in ordinary waking consciousness—thoughts about the external world—it is as if, due to certain circumstances, we could only physically observe a person from behind. Imagine that you had always seen a number of people only from behind. You would form impressions that might not do justice to these people. You would, if I may say so, be curious and eager to know what these people look like from the front, and you are, after all, convinced from the outset that the front belongs to the back of a person—that it is precisely the other side, the side that is more expressive for the physical human being on Earth.
[ 10 ] So ist es, wenn wir uns bewußt werden des Denkens der Außenwelt: Wir sehen gewissermaßen nach der hinteren Seite des Denkens hin. Es ist umgekehrt, weil ja die Richtung der Sinnesströmungen immer von vorn nach rückwärts geht im Menschen. Selbst da, wo es scheinbar anders ist, muß es so gedacht werden: Das, was sich physisch als vorne repräsentiert, das ist für das Denken die hintere Seite. Und wir müssen uns im Grunde genommen in die Möglichkeit versetzen, das Denken des Menschen von der anderen Seite zu betrachten, wo es nicht den Eindrücken der äußeren Sinne zugekehrt ist, wo es uns seine verborgene innere Seite zeigt.
[ 10 ] This is what happens when we become aware of the thinking of the external world: we look, as it were, toward the back side of thinking. It is the reverse, because the direction of sensory currents in human beings always runs from front to back. Even where it appears to be otherwise, we must think of it this way: what physically appears as the front is, for thought, the back. And we must, in essence, place ourselves in a position to view human thought from the other side—where it is not turned toward the impressions of the external senses, where it reveals its hidden inner side to us.
[ 11 ] Dann aber kommen wir auf etwas ganz Merkwürdiges. Dann repräsentiert sich uns das Denken nicht so, wie es sich ausnimmt, wenn wir es als Bilder der sinnlichen Außenwelt im Bewußtsein tragen. Dann verwandelt sich, von dieser anderen Seite angesehen, unser Denken, das ja die Kräfte des Äther- oder Bildekräfteleibes ausmacht, in Kräfte, die unseren physischen Organismus aufbauen, in unseren physischen Organismus schaffende Kräfte.
[ 11 ] But then we come to something quite remarkable. Then thinking does not present itself to us as it appears when we carry it in our consciousness as images of the external sensory world. Viewed from this other perspective, our thinking—which, after all, constitutes the forces of the etheric or formative body—is transformed into forces that build up our physical organism, into forces that create our physical organism.
[ 12 ] Wenn wir wachsen, wenn unsere Organe vom Keimzustande an aufgebaut werden, wenn unsere Organe plastisch geformt werden, da ist es die andere Seite des Denkens, die vom Äther- oder Bildekräfteleib aus aktiv eingreift und uns organisiert. Was da in uns wirkt und lebt, indem wir wachsen, indem wir die Nahrungsmittel in uns verarbeiten, was überhaupt an Bildekräften in uns vorhanden ist, das ist die andere Seite des Denkens. Das gewöhnliche Denken bewirkt in uns nur die schattenhaften Gedanken, es ist die hintere Seite des Denkens. Was aber unserem Denkapparat erst die Form gibt, was unser Gehirn und unser gesamtes Nervensystem ausbildet, das ist die schaffende Kraft des Denkens, und das ist zugleich die schaffende Kraft des Bildekräfte- oder Ätherleibes. Das ist die andere Seite.
[ 12 ] When we grow, when our organs are built up from the embryonic stage, when our organs are plastically formed—it is the other aspect of thinking that actively intervenes from the etheric body, or body of formative forces, and organizes us. What works and lives within us as we grow, as we process food, and all the formative forces present within us—that is the other side of thinking. Ordinary thinking produces only shadowy thoughts within us; it is the passive aspect of thinking. But what actually gives our thinking apparatus its form, what shapes our brain and our entire nervous system—that is the creative power of thinking, and that is at the same time the creative power of the form-forming body or etheric body. That is the other side.
[ 13 ] Es bedarf noch nicht viel hellseherischer Kraft, um gewahr zu werden, wie im Menschen diese schaffende Kraft des Denkens als Wachstumskraft, als Bildekraft überhaupt wirkt. Man braucht nur, ich möchte sagen, den Ruck in sein Inneres zu machen, um sich bewußt zu werden, daß das Denken nicht bloß schattenhaftes Abbild der Außenwelt, sondern eine innere Tätigkeit ist. Man braucht sozusagen nur den Ruck zurückzumachen aus dem Hingewendetsein an die Außenwelt in das, was man innerlich tut, was man denkt, dann wird man dieser Aktivität des Denkens gewahr.
[ 13 ] It does not take much clairvoyant insight to realize how this creative power of thought operates within human beings as a force of growth, as a formative power in general. One need only—I would say—take a step inward to become aware that thinking is not merely a shadowy reflection of the external world, but an inner activity. One need only, so to speak, take a step back from one’s focus on the external world and turn toward what one does inwardly, what one thinks; then one becomes aware of this activity of thinking.
[ 14 ] In diesem Erfassen der Aktivität des Denkens erfassen wir nun zunächst dasjenige, was menschliche Freiheit ist, und das Verstehen der Freiheit ist einerlei mit dem Erfassen dieser Aktivität des Denkens. Daher erfaßt man auch, indem man in dieser Weise die Aktivität des Denkens erfaßt, die Moralität, die den Menschen durchdringt und durchwellt und durchwebt.
[ 14 ] In this grasping of the activity of thought, we now first grasp what human freedom is, and understanding freedom is one and the same with grasping this activity of thought. Therefore, by grasping the activity of thought in this way, one also grasps the morality that permeates, surges through, and interweaves human beings.
[ 15 ] Dieses Erfassen des Denkens als eines aktiven Elementes, dieses Erfassen des reinen Denkens gegenüber dem von den äußeren Sinnesbildern angefüllten Denken, diesen Ruck nach innen wollte ich begreiflich machen in meiner «Philosophie der Freiheit», wollte begreiflich machen, wie der Mensch innerlich diese Aktivität des Denkens erfassen kann, wie er damit aber auch, durch diesen Ruck in sein Inneres, zum reinen, nicht sinnlichkeitserfüllten Denken die Moralität erfaßt als etwas, was im reinen Denken aufgehen kann, wie er damit aber auch wirklich das Freiheitsbewußtsein erlangt.
[ 15 ] This understanding of thought as an active element, this understanding of pure thought as opposed to thought filled with external sensory images, this inward turn—I wanted to make this comprehensible in my Philosophy of Freedom, I wanted to make it clear how a person can grasp this activity of thought inwardly, how, through this turn inward toward pure, non-sensory thought, he also grasps morality as something that can be absorbed into pure thought, and how, through this, he truly attains a consciousness of freedom.
[ 16 ] So daß wir sagen können: Lassen wir das menschliche Denken, das uns zunächst in seinem ersten Aspekt schattenhafte Abbilder der sinnlichen Außenwelt zeigt, lassen wir das vor uns sich umdrehen, dann wird es die plastisch schaffende Kraft des Menschen selbst, dann wird es die innere Aktivität, dann wird es der Träger der Freiheit, dasjenige, in dem gewissermaßen abgefangen werden kann, was moralische Impulse in der menschlichen Wesenheit sind.
[ 16 ] So that we can say: If we allow human thinking—which at first, in its initial aspect, shows us shadowy images of the external sensory world—to turn inward, then it becomes the sculpting creative power of the human being itself; then it becomes inner activity; then it becomes the bearer of freedom—that in which, so to speak, moral impulses within the human being can be captured.
[ 17 ] Auf diese Weise dringen wir vom physischen Leib auf geistige Art in den Äther- oder Bildekräfteleib vorwärts. Wir können also sagen: Die erste Stufe hinauf in die geistige Welt ist das wirkliche Erleben des Freiheitsgefühles.
[ 17 ] In this way, we advance from the physical body into the etheric body—or body of formative forces—in a spiritual manner. We can therefore say: The first step upward into the spiritual world is the genuine experience of the feeling of freedom.
[ 18 ] Und nun sehen wir uns das Traumbewußstsein an. Träume mögen noch so chaotisch sein, sie mögen Schreck- und Angstträume sein, sie mögen liebliche Träume sein, immer weben sie und leben sie in Bildern, die sie vor die Seele hinzaubern. Sehen wir ab von dem Trauminhalt, aber sehen wir hin auf die Traumdramatik, da sehen wir, wie die Seele gewissermaßen webt und lebt aufwachend oder einschlafend in diesen Traumesbildern.
[ 18 ] And now let us consider dream consciousness. No matter how chaotic dreams may be—whether they are nightmares, dreams of fear, or sweet dreams—they always weave and live in images that they conjure before the soul. If we set aside the content of the dream and focus instead on the drama of the dream, we see how the soul, so to speak, weaves and lives within these dream images as it awakens or falls asleep.
[ 19 ] Ja, da äußert sich eine gewisse Kraft der Seele. Möge man nun streiten darüber, inwiefern diese Bilder falsch oder richtig sind — daß diese Bilder geformt werden können, muß uns darauf hinweisen, daß da eine Kraft in der Seele ist, die diese Bilder formt. Das Traumbild wird durch eine innere Kraft der Seele vor diese Seele selbst hingestellt. Es liegt eine innnerlich webende Kraft der Seele im Erbilden der Träume.
[ 19 ] Yes, this reveals a certain power of the soul. One may argue about the extent to which these images are true or false—but the very fact that these images can be formed must indicate to us that there is a power within the soul that shapes them. The dream image is placed before the soul itself by an inner power of the soul. There is an inner, weaving power of the soul at work in the formation of dreams.
[ 20 ] Schauen Sie hin auf den Moment des Aufwachens. Sie müssen verspüren, wie, auftauchend aus der Finsternis des Schlafes, diese innerlich webende Kraft vorhanden ist. Aber sie taucht unter in den physischen und in den Ätherleib. Sie würden fortträumen, wenn diese Kraft nicht untertauchen würde. Es ist die Kraft des astralischen Leibes. Der astralische Leib, der ohnmächtig ist, seiner selbst gewahr zu werden, wenn er außerhalb des physischen und des Ätherleibes ist, beginnt sich zu spüren, seine eigene Kraft zu empfinden, indem er aufwacht, indem er den Widerstand des physischen und des Ätherleibes fühlt beim Hineintauchen. Es nimmt sich chaotisch im Traume aus, aber es ist die eigene Kraft der Seele, die da gelebt hat vom Einschlafen bis zum Aufwachen und die jetzt untertaucht. Ja, die traumbildende Kraft ergießt sich in den physischen und in den Ätherleib. Sie taucht hinunter in die Blutzirkulation, sie taucht hinunter in die Muskelspannungen und -lösungen. Die traumbildende Kraft taucht auch in den Ätherleib ein. Dadurch wird diese traumbildende Kraft verstärkt. Allein ist sie schwach und ohnmächtig. Es huschen die Traumbilder nur so hin, wenn die traumbildende Kraft allein ist. Wenn die traumbildende Kraft aber sich einschaltet in den physischen und Ätherleib, sich bedient der Organe des physischen und Ätherleibes, wird sie stark.
[ 20 ] Focus on the moment of waking. You must sense how, emerging from the darkness of sleep, this inner, weaving force is present. But it sinks into the physical and etheric bodies. You would continue dreaming if this force did not sink in. It is the force of the astral body. The astral body, which is incapable of becoming aware of itself when it is outside the physical and etheric bodies, begins to sense itself and to feel its own force as it awakens, as it feels the resistance of the physical and etheric bodies as it sinks into them. It appears chaotic in the dream, but it is the soul’s own power that has been active from the moment of falling asleep until waking and is now submerging. Yes, the dream-forming power pours into the physical and etheric bodies. It sinks down into the blood circulation; it sinks down into the tensions and relaxations of the muscles. The dream-forming force also enters the etheric body. This strengthens the dream-forming force. On its own, it is weak and powerless. The dream images merely flit by when the dream-forming power is on its own. But when the dream-forming power engages with the physical and etheric bodies, making use of their organs, it becomes strong.
[ 21 ] Was tut sie, indem sie stark wird? Nun, sie bildet im Menschen die Erinnerung, das Gedächtnis aus. Erinnerung, Gedächtnis ist nichts anderes als die im physischen und Ätherleib verkörperte traumbildende Kraft. Der Traum taucht unter in den physischen Leib, wird dadurch in die Ordnung der physischen Welt eingeschaltet und bildet nun die nicht mehr chaotische, sondern die in die physische Welt eingeschaltete Erinnerung, den Inhalt des Gedächtnisses.
[ 21 ] What does it do as it grows stronger? Well, it develops memory in the human being. Memory is nothing other than the dream-forming force embodied in the physical and etheric bodies. The dream sinks into the physical body, is thereby integrated into the order of the physical world, and now forms not a chaotic recollection, but a memory integrated into the physical world—the content of memory.
[ 22 ] Wir könnten uns an nichts erinnern, wenn wir nicht aus dem Schlafe den Traum mit seiner Kraft mitbrächten in den physischen Leib; denn in dem physischen Leibe wird die Traumeskraft zur Erinnerungs-, zur Gedächtniskraft.
[ 22 ] We would not be able to remember anything if we did not bring the dream, with its power, from sleep into the physical body; for in the physical body, the power of the dream becomes the power of recollection and memory.
[ 23 ] Und wenn Sie still, abgekehrt von der äußeren Sinneswelt, dasitzen und Ihre Erinnerungen spielen lassen, Ihre Erinnerungen, die herauftauchen, beruhigen, beseligen, Ihre Erinnerungen, die die Phantasie anregen — wenn Sie sie walten lassen, so ist es die durch den physischen und Ätherleib verstärkte Traumeskraft, die in Ihnen waltet, jene Traumeskraft, die, als sie der astralische Leib draußen außer dem physischen Leib und Ätherleib hielt, in den Geist der Welt eingetaucht war und im Geiste der Welt die Geheimnisse der Dinge erlebte.
[ 23 ] And when you sit there in silence, turned away from the external sensory world, and let your memories play out—your memories that surface, soothe, and bring joy; your memories that stimulate the imagination—when you let them take hold, then it is the power of dreaming, strengthened by the physical and etheric bodies, that reigns within you—that power of dreaming which, when the astral body was held outside the physical and etheric bodies, was immersed in the spirit of the world and experienced the mysteries of things within the spirit of the world.
[ 24 ] Würden Sie dieselbe Kraft, die in Ihrem Wachzustande die Erinnerungskraft, das Gedächtnis bildet, schlafend entfaltet wahrnehmen außerhalb des physischen und des Ätherleibes, so würden Sie nicht die chaotischen Bilder des Traumes haben, die sich nur im Momente des Untertauchens in den physischen und Ätherleib bilden, sondern Sie würden eingetaucht in die äußere Welt, befreit vom physischen und Ätherleib, schlafend sich selber erleben in einer majestätischen Bilderwelt.
[ 24 ] If you were to perceive, while asleep, the same force that forms your power of recollection—your memory—in your waking state, unfolding outside the physical and etheric bodies, you would not have the chaotic images of dreams, which form only in the moment of submerging into the physical and etheric bodies; rather, immersed in the outer world and freed from the physical and etheric bodies, you would experience yourself in a majestic world of images while asleep.
[ 25 ] Diese Bilderwelt wäre das kosmische Gegenbild dessen, was im einsamen Sinnen in Ihren Erinnerungen auf- und absteigt. Ihr Erinnerungsleben ist das mikrokosmische Gegenbild jenes makrokosmischen, gigantischen, majestätischen Bilderwebens und Bilderwogens, das unsere Traumkraft durchmacht, wenn der astralische Leib untergetaucht ist, statt in den physischen und in den Ätherleib, in die Dinge und Vorgänge des äußeren Kosmos.
[ 25 ] This world of images would be the cosmic counterpart of what rises and falls in your memories as you ponder in solitude. Your life of memory is the microcosmic counterpart to that macrocosmic, gigantic, majestic weaving and surging of images that our dream power undergoes when the astral body has immersed itself—not in the physical and etheric bodies, but in the things and processes of the outer cosmos.
[ 26 ] Und wenn wir von dem geistigen Inhalte unserer Seele sprechen und vorzugsweise finden, daß dieser geistige Inhalt unserer Seele aufund abwogt in dem, was aus den äußeren Eindrücken umgeformt uns in den Erinnerungen, im Gedächtnisinhalte lebt, der, angeeignet durch unser eigenes Inneres, im Grunde genommen alles Beseligende und alles Tragische, alles Freudige und alles Schmerzliche unseres Seelenlebens in uns ausmacht, wenn wir das alles, was hier als geistiger Inhalt in der Erinnerung in unserer Seele lebt, ins Auge fassen, dann müssen wir uns klar werden, daß wir das dem Umstande verdanken, daß wir die traumbildende Kraft, die eigentlich kosmosverwandt ist, in unser Inneres untertauchen können, daß dasjenige, was in den Bildekräften draußen im Kosmos lebt, was draußen schafft und wirkt, verinnerlicht als die uns durchgeistigende, die unsere Seele durchgeistigende Erinnerungskraft vorhanden ist.
[ 26 ] And when we speak of the spiritual content of our soul and find, above all, that this spiritual content of our soul ebbs and flows within what, transformed from external impressions, lives on in our memories, in the contents of memory—which, having been assimilated by our own inner being, essentially constitute everything blissful and everything tragic, everything joyful and everything painful in our soul life—when we consider all that which lives here as spiritual content in the memories of our soul, then we must realize that we owe this to the fact that we can immerse the dream-forming power—which is actually akin to the cosmos—into our inner being; that what lives in the formative powers out there in the cosmos, what creates and acts out there, is present within us as the power of memory that permeates us and our soul.
[ 27 ] So fühlen wir uns verwandt in der Erinnerungskraft mit allen schaffenden und wirkenden Kräften des Kosmos. Und wir dürfen sagen: Blicke ich hinaus, wie sich im Frühling die Bilder der Pflanzen entfalten, blicke ich in den Wald, wie sich durch Jahre, Jahrzehnte hindurch die Bäume aus ihren Keimen heraus entwickeln, blicke ich hinauf, wie Wolken sich wandeln unter dem Einflusse der mehr äußerlichen Bildekräfte, blicke ich hinaus, wie sich Gebirge formen und wieder abtragen in der Welt, blicke ich auf alle diese Bildungskräfte, die bis zu den Sternen hinauf wirken: ich habe von alledem etwas Verwandtes in meiner eigenen Seele, ich habe die Erinnerungskräfte in meiner Seele, und diese sind das mikrokosmische Abbild dessen, was da draußen in der Welt webt und wirkt in den Metamorphosen der Dinge.
[ 27 ] Thus, in our power of remembrance, we feel a kinship with all the creative and active forces of the cosmos. And we may say: When I look out and see how the images of plants unfold in spring, when I look into the forest and see how, over the years, decades, the trees develop from their seeds; when I look up and see how clouds transform under the influence of the more external formative forces; when I look out and see how mountains form and erode in the world; when I look at all these formative forces that work their way up to the stars: I have something akin to all of this in my own soul; I have the powers of memory within my soul, and these are the microcosmic reflection of what is weaving and working out there in the world through the metamorphoses of things.
[ 28 ] Und nun betrachten wir das Ich, das ja auch im schlafenden Zustande den physischen und den Ätherleib verläßt und draußen sich mit den Dingen und Vorgängen des Kosmos verbindet. Wir werden dann gewahr, wie wir als Menschen in der Lage sind, mit unserem eigentlichen Wesen, wenn das auch im Erleben außer uns unbewußt bleibt, unterzutauchen in die Dinge. Allerdings, das Ich selbst taucht aus dem tiefen Schlaf heraus, taucht unter in den physischen und Ätherleib. Und hier ist es nur die geisteswissenschaftliche Initiation, die dem nachgehen kann. Während für die Erinnerung noch das Hineinschlüpfen der Traumeskraft in den physischen Leib für die gewöhnliche Beobachtung einen Anhaltspunkt gibt, muß man mit der Imagination, wie sie ausgebildet werden kann im Sinne meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», nun auch beobachten lernen, wie das vom Einschlafen bis zum Aufwachen bei den Dingen und Vorgängen des Kosmos verweilende Ich untertaucht in den physischen und Ätherleib, wie nun auch dasjenige, was zunächst für die gegenwärtige menschliche Erdenentwickelung so ohnmächtig ist, daß der Mensch im Schlafe wie in Finsternis, in die Finsternis seiner Seele eingetaucht ist, wie das, wenn es untertaucht in den physischen und Ätherleib, sich nun auch verstärkt im physischen und Ätherleib, wie es in Anspruch nimmt die Bahnen des physischen und Ätherleibes und die innerste Kraft des Blutes ergreift, durch die innerste Kraft des Blutes wirkt.
[ 28 ] And now let us consider the “I,” which, even in the sleeping state, leaves the physical and etheric bodies and connects outwardly with the things and processes of the cosmos. We then become aware of how we, as human beings, are capable of immersing ourselves in things with our true being—even if this remains unconscious to us in our everyday experience. However, the “I” itself emerges from deep sleep and immerses itself in the physical and etheric bodies. And here, it is only spiritual scientific initiation that can investigate this. While, for memory, the entry of the dream force into the physical body still provides a point of reference for ordinary observation, one must—through imagination, as it can be cultivated in the sense of my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?— one must now also learn to observe how the “I,” which from the moment of falling asleep until waking remains engaged with the things and processes of the cosmos, submerges into the physical and etheric bodies; how that which is initially so powerless in relation to present human development on Earth—so much so that the human being, in sleep as in darkness, is immersed in the darkness of his soul—how, when it sinks into the physical and etheric bodies, it now also strengthens itself within them, how it takes hold of the pathways of the physical and etheric bodies and seizes the innermost power of the blood, working through the innermost power of the blood.
[ 29 ] Und auch das hat seine Erscheinung im wachen Tagesbewußtsein. Das Ich, untertauchend in den physischen und den Ätherleib, äußert sich dann. Das Ich ist dasjenige, was im Menschen als das Freie wirkt und webt, es kann sich äußern, es kann sich nicht äußern. Aber wenn es sich äußert, was ist seine charakteristischste Äußerung am Menschen? Das ist die im Menschen erscheinende Kraft der Liebe.
[ 29 ] And this, too, manifests itself in waking daytime consciousness. The “I,” immersed in the physical and etheric bodies, then expresses itself. The “I” is that which acts and weaves freely within the human being; it may express itself, or it may not. But when it does express itself, what is its most characteristic expression in the human being? It is the power of love that appears within the human being.
[ 30 ] Niemals würden wir die Fähigkeit haben, in der Liebe aufzugehen in einem anderen Wesen oder einem anderen Vorgang, gewissermaßen hinüberzugehen in diesen anderen Vorgang, wenn nicht das Ich auch allnächtlich aus uns real herausgehen würde, um in die Dinge und Vorgänge des Kosmos draußen unterzutauchen. Da taucht es in Wirklichkeit unter. Indem es in uns hineinschlüpft im tagwachenden Bewußtsein, erteilt es uns durch die Fähigkeit, die es draußen erlangt hat, innerlich die Kraft zu lieben. Dies ist es, was als dreifache Kraft der Seele in ihrem tiefsten Inneren auftaucht: Freiheit, Erinnerungsleben, Liebeskraft.
[ 30 ] We would never have the ability to lose ourselves in love within another being or another process—to, so to speak, pass over into that other process—if the “I” did not also truly step out of us every night to immerse itself in the things and processes of the cosmos outside. There it truly immerses itself. As it slips back into us in our waking consciousness, it bestows upon us, through the capacity it has acquired out there, the inner power to love. This is what emerges as the threefold power of the soul in its deepest core: freedom, the life of memory, and the power of love.
[ 31 ] Freiheit, die innerliche Urgestalt des ätherischen oder Bildekräfteleibes. Erinnerungskraft, die innerlich auftretende traumbildende Kraft des astralischen Leibes. Liebe, die innerlich auftretende, den Menschen zur Hingabe an die Außenwelt führende Liebekraft.
[ 31 ] Freedom, the inner archetype of the etheric body or body of formative forces. Memory, the inner, dream-forming power of the astral body. Love, the inner power of love that leads human beings to devotion to the outer world.
[ 32 ] Dadurch, daß die menschliche Seele dieser dreifachen Kraft teilhaftig werden kann, durchdringt sie sich mit dem Geistesleben. Denn diese dreifache Durchdringung mit dem Freiheitsempfinden, mit der Erinnerungskraft, durch die wir zusammenhalten Vergangenheit und Gegenwart, durch die Liebekraft, durch die wir unser eigenes Innere der Außenwelt hinzugeben vermögen und eins werden können mit der Außenwelt, durch das Innehaben dieser drei Kräfte der Seele wird diese unsere Seele durchgeistet.
[ 32 ] Because the human soul can partake in this threefold power, it becomes imbued with spiritual life. For this threefold permeation—with the sense of freedom; with the power of memory, through which we hold the past and present together; and with the power of love, through which we are able to surrender our inner self to the outer world and become one with it—the possession of these three powers of the soul is what spiritualizes our soul.
[ 33 ] Dieses mit der richtigen Seelennuance begriffen, bedeutet begreifen, was es heißt, der Mensch trägt in seiner Seele den Geist in sich. Und wer nicht so versteht diese dreifache innere Durchgeistigung der Seele, der versteht nicht, wie die Seele des Menschen den Geist birgt.
[ 33 ] To grasp this with the proper spiritual nuance means to understand what it means that human beings carry the Spirit within their souls. And whoever does not understand this threefold inner spiritualization of the soul does not understand how the human soul harbors the Spirit.
[ 34 ] Das dehnt sich dann auf das Leben aus. Wenn wir imstande sein werden, eine innerliche Verbindung lebendig herzustellen zwischen der Erinnerung und der Liebe — die in uns waltende Erinnerung durch den astralischen Leib, die Liebe durch das Ich —, dann wird in bestimmten Fällen ein Wunderbares dadurch zu erreichen sein.
[ 34 ] This then extends to life itself. When we are able to establish a living inner connection between memory and love—the memory that reigns within us through the astral body, and love through the “I”—then, in certain cases, something wonderful can be achieved through this.
[ 35 ] So werden diese Dinge unmittelbar im Leben ergriffen. Wir bewahren einem geliebten Toten die Erinnerung über den Tod hinaus. Wir tragen sein Bild in unserer Seele, das heißt, wir fügen zu den sinnlichen Eindrücken, die wir von ihm während des Lebens erhalten haben, dasjenige, was uns bleibt, wenn uns sein sinnliches Dasein entzogen worden ist. Wir setzen in der Erinnerung mit aller Kraft und Intensität unserer Seele das Leben mit dem Toten fort, so fort, daß wir nun nicht mehr eine Unterstützung haben durch die äußeren Sinneseindrücke, und wir versuchen, bis zu einer solchen Lebendigkeit diese Erinnerungen zu bringen, daß es uns vorkommen mag, als sei der Tote in unmittelbarer Lebendigkeit da. Wir bleiben uns bewußt, daß wir das in unserer Erinnerung tragen, aber wir verbinden nachher diese Kraft, die uns durch eine Verstärkung unseres astralischen Leibes wird, mit derjenigen Kraft, die wir durch unser Ich haben, mit der Liebekraft. Wir erhalten über das Grab hinaus dem Toten die intensive Liebe. Wir machen uns fähig, die Liebekraft mit dem Bilde, das keine sinnliche Anregung mehr erhält, so zu verbinden, wie wir sonst unter der sinnlichen Anregung die Liebekraft haben entwickeln können.
[ 35 ] This is how these things are directly experienced in life. We preserve the memory of a beloved deceased person beyond death. We carry their image in our soul; that is to say, we add to the sensory impressions we received from them during their lifetime that which remains with us once their sensory presence has been taken from us. With all the strength and intensity of our soul, we continue life with the deceased in our memory—to such an extent that we no longer have the support of external sensory impressions—and we strive to bring these memories to such a degree of vividness that it may seem to us as if the deceased were present in immediate, living reality. We remain conscious that we carry this within our memory, but we subsequently combine this power—which comes to us through a strengthening of our astral body—with the power we possess through our “I,” with the power of love. We continue to hold the deceased in our hearts with intense love even beyond the grave. We enable ourselves to connect the power of love with the image—which no longer receives any sensory stimulation—in the same way that we are otherwise able to develop the power of love under sensory stimulation.
[ 36 ] Da ist dann eine Verstärkung dessen möglich, was sonst der astralische Leib und das Ich nur äußern, wenn sie sich der Organe des physischen Leibes bedienen. Gerade wenn wir dem Toten die Erinnerung bewahren, die nicht mehr durch den physischen Leib und durch den ätherischen Leib in uns angeregt werden kann, wenn wir diese Erinnerung so rege und lebendig erhalten können, daß wir mit ihr eine intensive Liebe verbinden können, dann ist das ein Weg, wachend innerlich loszureißen bis zu einem gewissen Grade astralischen Leib und Ich, und gerade in dem Gedächtnisse, das wir dem Toten zu bewahren vermögen, liegt eine der ersten Stufen zum Freiwerden des Ich und des astralischen Leibes vom physischen und Ätherleib während des wachenden Zustandes.
[ 36 ] This makes it possible to intensify what the astral body and the “I” would otherwise only express when they make use of the organs of the physical body. Precisely when we preserve the memory of the deceased—a memory that can no longer be evoked within us through the physical body or the etheric body—and when we can keep this memory so vivid and alive that we can associate an intense love with it, then this is a way to, to a certain degree, detach the astral body and the “I” from the physical and etheric bodies while awake; and it is precisely in the memory that we are able to preserve for the deceased that one of the first steps lies toward the liberation of the “I” and the astral body from the physical and etheric bodies during the waking state.
[ 37 ] Würden die Menschen begreifen, was das Lebendigerhalten der Erinnerung bedeutet, was es bedeutet, das Bild, das von dem Toten geblieben ist, so zu betrachten, wie man es lebendig betrachtet hat, dann würden sie gerade auf diesem Wege, der über die Schwelle, die da liegt zwischen der physischen und der geistigen Welt, führt, das Freiwerden des astralischen Leibes und des Ich erleben, jenen Ruck, der das folgende Erlebnis in sich schließt: Wir haben zuerst die Erinnerung, lebendig, wie wenn der Tote noch da wäre; wir wissen, daß durch unser wachendes Bewußtsein wir mit dem Bilde des Toten die Liebe verbinden, die wir sonst nur gehabt haben, wenn wir die sinnlichen Eindrücke von ihm empfangen haben. Das alles machen wir in uns rege und lebendig. Der Ruck erfolgt, wenn wir die nötige innere Stärke zu entwickeln vermögen. Der Ruck erfolgt, wir überschreiten die Schwelle in die geistige Welt. Der Tote kann da sein in seiner Wirklichkeit.
[ 37 ] If people could understand what it means to keep a memory alive, what it means to view the image that remains of the deceased just as one viewed it when they were alive—then they would experience, precisely along this path that leads across the threshold between the physical and spiritual worlds, the liberation of the astral body and the “I,” that jolt that encompasses the following experience: First we have the memory, vivid, as if the deceased were still here; we know that through our waking consciousness we connect the image of the deceased with the love we otherwise felt only when we received sensory impressions of him. We make all of this active and alive within ourselves. The jolt occurs when we are able to develop the necessary inner strength. The jolt occurs; we cross the threshold into the spiritual world. The deceased can be present there in their reality.
[ 38 ] Es ist das einer der Wege des Menschen in die geistige Welt hinein. Er ist verbunden mit demjenigen, wovor man nur Ehrfurcht haben kann, was man sogar erkennend in Ehrfurcht und mit einer gewissen inneren ernsten Haltung erleben kann.
[ 38 ] This is one of the paths by which human beings enter the spiritual world. It is connected to that which can only inspire awe—something one can even experience with a sense of awe and a certain inner solemnity, while fully recognizing its nature.
[ 39 ] Wenn man all den Ernst auf seine Seele wirken läßt, der mit solchen Vorstellungen verknüpft sein kann, wie ich sie eben jetzt für den einen Fall des Überschreitens der Schwelle in die geistige Welt vor Sie hingestellt habe, wenn Sie sich diesen Ernst vergegenwärtigen, dann haben Sie aber zugleich eine Vorstellung von all dem Ernste, der verbunden sein muß überhaupt mit dem Hineinschreiten in die geistige Welt. Das Leben muß uns gewissermaßen durch unseren eigenen Willen seinen tiefen Ernst gezeigt haben, wenn wir wahrhaftig in die geistige Welt hineinschreiten wollen, ja, wenn wir nur wirklich im Ernste die geistige Welt begreifen wollen.
[ 39 ] If you allow all the gravity associated with such ideas—as I have just presented to you in the specific case of crossing the threshold into the spiritual world—to take hold of your soul, and if you bring this gravity to mind, then you will at the same time have a sense of all the gravity that must be associated with entering the spiritual world in general. Life must, in a sense, have revealed its profound seriousness to us through our own will if we truly wish to enter the spiritual world—indeed, if we merely wish to comprehend the spiritual world in all seriousness.
[ 40 ] Das ist es, was die Initiationswissenschaft zu allen Zeiten in die äußere Zivilisation hat hineingießen wollen. Das ist es, was aber auch unsere so veräußerlichte Zeit wiederum braucht.
[ 40 ] This is what the science of initiation has always sought to infuse into external civilization. But this is also what our increasingly materialistic age needs.
[ 41 ] Denn es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß dem Menschen heute die dogmatische Wissenschaft mehr wert ist als die Wirklichkeit. In jeder sittlichen Handlung kann sich der Mensch seiner Freiheit bewußt sein. Und geradeso, wie wir Rot oder Weiß erleben, so erleben wir eigentlich als Menschen wirklich die Freiheit. Aber wir leugnen sie. Wir leugnen sie unter der Autorität der gegenwärtigen Wissenschaft. Warum? Weil die gegenwärtige Wissenschaft nur auf das Mechanische hinschauen will, wo immer das Frühere die Ursache des Späteren ist. Und da diktiert dogmatisch diese Wissenschaft: Alles muß seine Ursache haben. Die Kausalität diktiert sie dogmatisch, und weil die Kausalität richtig sein muß, weil man auf die Kausalität dogmatisch schwören will, deshalb betäubt man sich über das Gefühl der Freiheit. Die Wirklichkeit wird in Nacht getaucht, um das Dogma aufrechtzuerhalten, in diesem Falle das Dogma der äußeren, eine so starke Autorität ausübenden Wissenschaft.
[ 41 ] For it is a curious phenomenon that people today value dogmatic science more than reality. In every moral act, a person can be conscious of their freedom. And just as we experience red or white, so too do we, as human beings, truly experience freedom. But we deny it. We deny it under the authority of contemporary science. Why? Because contemporary science wants to focus solely on the mechanical, where the earlier is always the cause of the later. And there, this science dogmatically dictates: Everything must have a cause. It dogmatically dictates causality, and because causality must be correct—because people want to swear dogmatically by causality—they numb themselves to the feeling of freedom. Reality is plunged into darkness in order to uphold the dogma, in this case the dogma of external science, which exercises such strong authority.
[ 42 ] Die Wissenschaft schafft das Leben ab. Denn würde sich das Leben seiner selbst gewahr werden im Menschen, so würde dieses Leben in der Aktivität des Denkens unmittelbar die Freiheit ergreifen. Und so ist die rein äußere auf die Kausalität bauende Wissenschaft die große Töterin des Lebensgefühles im Menschen geworden. Dessen muß man sich bewußt sein.
[ 42 ] Science is destroying life. For if life were to become conscious of itself within human beings, that life would immediately seize freedom through the act of thinking. And so science—which is purely external and based on causality—has become the great destroyer of the sense of life within human beings. One must be aware of this.
[ 43 ] Kann man denn hoffen, daß, wenn der Mensch sich innerlich abschafft das Freiheitserlebnis, er dann weiter vordringen kann zu der Geistform, zu der Geistgestalt der Erinnerung? Kann man hoffen, daß der Mensch, so wie er sonst das Rote Offenbarung der roten Rose sein läßt, er so die Erinnerung sein läßt dasjenige, was in ihm offenbart die im Weltenall webende und wirkende 'Traumeskraft? Kann man hoffen, daß der Mensch eine Überzeugung gewinnen kann für die zweite Stufe, wenn er auf der ersten Stufe das Freiheitsgefühl tötet durch das sogenannte Kausalitätsdogma? Dadurch versäumt es der Mensch, in die Geistigkeit der eigenen Seele hineinzuschauen. Dadurch dringt er auch nicht hinunter bis dorthin, wo ihm klar wird, daß er außer der Fähigkeit, schlafend draußen unter den Dingen zu leben, im geistigen Ich die Fähigkeit erlangt, durch seinen Geist zu lieben. Der letzte Grund der Liebe liegt in dem geistdurchwebten Ich, das untertaucht in den menschlichen physischen und ätherischen Organismus. Und die Geistigkeit der Liebe erkennen heißt in einem gewissen Falle überhaupt den Geist erkennen. Wer die Liebe erkennt, erkennt auch den Geist. Aber er muß in der Erkenntnis der Liebe bis zu dem inneren Geisterlebnis der Liebe vordringen. Gerade darin ist unsere Zivilisation in die falscheste Bahn gekommen.
[ 43 ] Can we hope that, if a person inwardly abolishes the experience of freedom, he can then advance further toward the spiritual form, the spiritual image of memory? Can we hope that just as a person otherwise allows the red rose to be a revelation of its own redness, so too will he allow memory to be that which reveals within him the “power of dreams” weaving and working throughout the universe? Can we hope that a person can gain conviction for the second stage if, on the first stage, he kills the sense of freedom through the so-called dogma of causality? As a result, human beings fail to look into the spirituality of their own souls. Consequently, they also do not penetrate to the point where it becomes clear to them that, in addition to the ability to live sleepily out there among things, they attain in the spiritual “I” the ability to love through their spirit. The ultimate source of love lies in the spirit-imbued “I,” which is immersed in the human physical and etheric organism. And to recognize the spirituality of love means, in a certain sense, to recognize the Spirit itself. Whoever recognizes love also recognizes the Spirit. But in recognizing love, one must advance to the inner spiritual experience of love. It is precisely in this regard that our civilization has strayed onto the most erroneous path.
[ 44 ] Die Erinnerung ist ein Weben und Leben im Seeleninneren, und da stellen sich die Unterschiede nicht so klar und tief vor Augen. Nur mystische Geister, Swedenborg, Meister Eckhart, Johannes Tauler, empfinden, indem sie sich in ihre Erinnerungen versenken, das Weben und Leben des Geistig-Ewigen in dieser Erinnerung, sprechen von dem zündenden Fünklein, das da aufleuchtet im Menschen, wenn er gewahr wird in der Erinnerung, daß ja in dieser Erinnerung dasselbe innerlich mikrokosmisch lebt, was in den schaffenden, bildenden Kräften, die traumhaft zugrunde liegen allem Weltendasein, draußen wirkt und webt. Da sind die Dinge nicht so deutlich.
[ 44 ] Memory is a weaving and a living within the soul, and there the differences do not present themselves so clearly or profoundly. Only mystical minds—Swedenborg, Meister Eckhart, Johannes Tauler—perceive, as they immerse themselves in their memories, the weaving and life of the spiritual-eternal within that memory; they speak of the spark that ignites within a person when they become aware, through memory, that within this memory lives—in an inner, microcosmic way—the very same force that works and weaves outwardly in the creative, formative powers that, like a dream, underlie all worldly existence. There, things are not so clear.
[ 45 ] Aber deutlich werden sie, wenn wir auf die dritte Stufe gehen, wenn wir sehen, wie in der dritten Stufe unsere Zivilisation verkannt hat das ursprünglich geistige Wesen und Weben der Liebe. Alles, was geistig ist, hat selbstverständlich seine äußere sinnliche Form, denn es taucht der Geist unter in die Physis. Er verkörpert sich in der Physis. Vergißt er dann seiner selbst, wird er nur die Physis gewahr, dann glaubt er, daß dasjenige, was geisterregt ist, bloß durch die Physis erregt ist. In diesem Wahn lebt unsere Zeit. Sie kennt nicht die Liebe. Sie phantasiert nur von der Liebe, ja, lügt von der Liebe. Sie kennt in der Wirklichkeit nur die Erotik, wenn gedacht wird über die Liebe. Ich will nicht sagen, daß nicht der Einsame die Liebe erlebt, denn der Mensch verleugnet in seinem unbewußten Fühlen, in seinem unbewußten Wollen viel weniger den Geist als bei seinem Denken — wenn aber die gegenwärtige Zivilisation über die Liebe denkt, dann spricht sie nur das Wort Liebe, dann redet sie eigentlich von Erotik. Und man kann schon sagen: Gehe man die gegenwärtige Literatur durch, überall, wo zum Beispiel im Deutschen Liebe steht, sollte eigentlich das Wort Erotik gesetzt werden. Denn das ist es, was das in den Materialismus getauchte Denken allein kennt von der Liebe. Es ist die Verleugnung des Geistes, welche die Liebeskraft zur erotischen Kraft macht. Auf vielen Gebieten ist nicht nur an die Stelle des Genius der Liebe, ich möchte sagen, sein niederer Diener, die Erotik getreten, sondern an vielen Stellen ist nun auch das Gegenbild, der Dämon der Liebe getreten. Der Dämon der Liebe aber entsteht, wenn das, was sonst gottgewollt im Menschen wirkt, durch das menschliche Denken in Anspruch genommen wird, durch die Intellektualität abgerissen wird von der Geistigkeit.
[ 45 ] But they become clear when we move on to the third stage, when we see how, in the third stage, our civilization has misunderstood the original spiritual nature and fabric of love. Everything that is spiritual naturally has its outer, sensory form, for the spirit immerses itself in the physical. It incarnates itself in the physical realm. If it then forgets itself and becomes aware only of the physical, it believes that what is spiritually stirred is merely stirred by the physical. Our age lives in this delusion. It does not know love. It merely fantasizes about love—indeed, it lies about love. In reality, it knows only eroticism when it thinks about love. I do not mean to say that the lonely person does not experience love, for in their unconscious feeling and in their unconscious willing, human beings deny the spirit far less than they do in their thinking—but when contemporary civilization thinks about love, it merely utters the word “love”; in reality, it is speaking of eroticism. And one can certainly say: If one were to go through contemporary literature, wherever, for example, the word “love” appears in German, the word “eroticism” should actually be substituted. For that is all that thinking steeped in materialism knows of love. It is the denial of the spirit that transforms the power of love into erotic power. In many areas, not only has eroticism—I would say, the lower servant of the genius of love—taken the place of that genius, but in many instances the opposite image, the demon of love, has now also taken its place. The demon of love, however, arises when that which otherwise works in human beings by God’s will is appropriated by human thinking and torn away from spirituality by intellectuality.
[ 46 ] So daß der absteigende Weg der ist: Man erkennt den Genius der Liebe, man hat die durchgeistigte Liebe. Man erkennt den niederen Diener, die Erotik. Man fällt aber in den Dämon der Liebe. Und der Genius der Liebe hat seinen Dämon in dem Interpretieren, nicht in der wirklichen Gestalt, aber in dem Interpretieren der Sexualität durch die heutige Zivilisation. Wie wird heute schon nicht nur von der Erotik gesprochen, wenn man an die Liebe herankommen will, sondern nurmehr von der Sexualität!
[ 46 ] So the descending path is this: One recognizes the genius of love; one possesses love imbued with the spirit. One recognizes the lower servant, eroticism. But one falls into the demon of love. And the genius of love has its demon in interpretation—not in its true form, but in the way today’s civilization interprets sexuality. How is it that today, when one wants to approach love, people speak not only of eroticism, but now only of sexuality!
[ 47 ] In diesem Reden der Zivilisation über die Sexualität ist, man kann schon sagen, vieles von dem eingeschlossen, was als sogenannter Unterricht über die Sexualität heute angestrebt wird. In diesem heutigen intellektualisierten Reden über die Sexualität lebt die Dämonologie der Liebe. Wie auf einer anderen Stufe der Genius, dem das Zeitalter folgen soll, in seinem Dämon erscheint, weil der Dämon ja eintritt, wo man den Genius verleugnet, so ist es auch auf diesem Gebiete, wo das Geistige in seiner intimsten Form, in der Liebeform, erscheinen soll. Unser Zeitalter betet oft statt zu dem Genius der Liebe zu dem Dämon der Liebe und verwechselt dasjenige, was Geistigkeit der Liebe ist, mit der Dämonologie der Liebe in der Sexualität.
[ 47 ] This discourse on sexuality within civilization encompasses, one might even say, much of what is today sought after as so-called sex education. In today’s intellectualized discourse on sexuality, the demonology of love thrives. Just as, on another level, the Genius whom the age is meant to follow appears in the form of a demon—because the demon does indeed enter where the Genius is denied—so it is also in this realm, where the spiritual is meant to appear in its most intimate form, the form of love. Our age often worships the demon of love instead of the genius of love, and confuses what is the spirituality of love with the demonology of love in sexuality.
[ 48 ] Gerade auf diesem Gebiete können natürlich die vollständigsten Mißverständnisse entstehen. Denn was in der Sexualität ursprünglich lebt, ist durchdrungen von der geistigen Liebe. Aber die Menschheit kann herunterfallen von dieser Durchgeistigung der Liebe. Und sie fällt am leichtesten herunter in dem intellektualistischen Zeitalter. Denn wenn der Intellekt diejenige Form annimmt, von der ich gestern gesprochen habe, dann wird das Geistige der Liebe vergessen, dann wird nur ihr Äußeres in Betracht gezogen.
[ 48 ] It is precisely in this area, of course, that the most profound misunderstandings can arise. For what is originally alive in sexuality is permeated by spiritual love. But humanity can fall away from this spiritualization of love. And it falls away most easily in the age of intellectualism. For when the intellect takes on the form I spoke of yesterday, then the spiritual aspect of love is forgotten, and only its outward form is taken into account.
[ 49 ] Es ist in des Menschen Macht, möchte ich sagen, daß er sein eigenes Wesen verleugnen kann. Er verleugnet es, wenn er von dem Genius der Liebe heruntersinkt zu dem Dämon der Sexualität — wobei ich eben durchaus die Art des Fühlens über diese Dinge verstehe, wie sie zumeist in der Gegenwart vorhanden ist.
[ 49 ] It is within human power, I would say, to deny one’s own nature. One denies it when one descends from the genius of love to the demon of sexuality—and I fully understand the way people feel about these matters, as it is mostly the case today.
[ 50 ] Wenn wir dies ins Auge fassen, dann werden wir uns sagen müssen: Nicht etwa bloß für unsere Erkenntnis, sondern für unser innerstes Seelenwesen und Seelenleben, für das Wiederfinden des Geistes im Innern der Seele kann uns Anthroposophie Führerin sein. Denn mit Anthroposophie können wir intim werden. Und intim werden wir mit ihr, wenn wir sie zu nehmen verstehen in ihrer Realität.
[ 50 ] When we consider this, we must admit to ourselves: Anthroposophy can serve as our guide—not merely for our understanding, but for the very essence and life of our soul, and for rediscovering the spirit within the soul. For we can develop an intimate relationship with anthroposophy. And we become intimately connected with it when we know how to take it in its reality.
[ 51 ] Es ist heute in irgendeiner äußerlichen Weise hingedeutet worden darauf, daß man ein Bild oder dergleichen ausbilden sollte von der Anthroposophie. Ja, ist sie denn nicht in ihrer Realität da? Brauchen wir noch ein Bild? Aber was wir bedürfen, das ist: durch unsere eigene innerliche Ehrlichkeit intim werden mit Anthroposophie. Dann dringt sie in das innerste Gewebe unseres Seelenlebens und Seelenwesens ein. Nicht in einer äußerlichen Weise sollen wir versuchen, uns ein Bild zu machen. Aber innerlich sollen wir intim werden mit dieser lebendigen Wesensgestalt, die als Anthroposophie, ich möchte sagen, überall zwischen unseren Reihen hindurchgehen soll, wenn wir als Menschen, die solche Dinge verstehen, vereint sind.
[ 51 ] Today, it has been suggested in some outward way that we should form a picture or something similar of anthroposophy. Yes, but isn’t it already there in its reality? Do we still need an image? What we need, however, is to become intimately acquainted with anthroposophy through our own inner honesty. Then it will penetrate the innermost fabric of our soul life and soul being. We should not try to form an image of it in an external way. Rather, inwardly we should become intimately acquainted with this living entity, which, as anthroposophy—I would say—should pass through our ranks everywhere when we, as people who understand such things, are united.
[ 52 ] Wenn wir also mit Anthroposophie als einer realen Wesenheit, die unter uns herumgeht in einem höheren Sinne, real selbst leben, wenn wir Menschen real sind, wenn wir mit dieser Anthroposophie intim werden, dann wird in uns der Impuls aufgehen, das wirklich zu erleben, was die Menschheit so sehr nötig hat, zu erleben in unserem Zeitalter: nicht bloß für das Seelenauge ein Bild, sondern für das Herz eine Liebe zum Wesen Anthroposophie. Das ist es, was wir brauchen, und das wird am meisten ein Impuls unseres Zeitalters sein können.
[ 52 ] So if we truly live with anthroposophy as a real entity that walks among us in a higher sense, if we are truly human, if we become intimately acquainted with this anthroposophy, then the impulse will arise within us to truly experience what humanity so desperately needs to experience in our age: not merely an image for the eye of the soul, but a love for the essence of anthroposophy in our hearts. That is what we need, and that is what can most become the driving force of our age.
[ 53 ] Damit aber habe ich versucht, hinzuzufügen zu der gezeichneten physischen Perspektive der Anthroposophie und zu der gezeichneten seelischen Perspektive die geistige Perspektive. Die geistige Perspektive ist nicht ein äußerliches Verfolgen des Geistes, die geistige Perspektive ist im Gegenteil gerade das Erleben der Anthroposophie im tiefsten, intimsten Inneren der menschlichen Seele und des menschlichen Herzens. Und dieses tiefe intime Erleben von Anthroposophie in der menschlichen Seele und im menschlichen Herzen, das ist jene Meditation, die uns hinführt zur Begegnung, zur realen Begegnung mit Anthroposophie.
[ 53 ] With this, however, I have sought to add the spiritual perspective to the physical perspective and the psychological perspective outlined in anthroposophy. The spiritual perspective is not an external pursuit of the spirit; on the contrary, the spiritual perspective is precisely the experience of anthroposophy in the deepest, most intimate recesses of the human soul and the human heart. And this deep, intimate experience of anthroposophy in the human soul and in the human heart—that is the meditation that leads us to the encounter, to the real encounter with anthroposophy.
[ 54 ] Damit ist versucht, die drei Perspektiven, welche die Anthroposophie eröffnen kann, hinzustellen: die physische, die seelische, die geistige Perspektive.
[ 54 ] This is an attempt to present the three perspectives that anthroposophy can open up: the physical, the psychological, and the spiritual perspectives.
