Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Three Perspectives of Anthroposophy
Cultural Phenomena
from the Perspective of Spiritual Science
GA 225

22 September 1923, Dornach

Translate the original German text into any language:

11. Die Traumeswelt als eine Übergangsströmung zwischen der physisch-natürlichen Welt und der Welt der sittlichen Anschauungen

11. The World of Dreams as a Transitional Current Between the Physical-Natural World and the World of Moral Conceptions

[ 1 ] Wenn man das, was man als die Stufen des Weges in die geistige Welt hinein kennenlernen kann, einordnen will in dasjenige, was einem aus dem gewöhnlichen Leben schon bekannt ist, so handelt es sich darum, daß man die drei Bewußtseinszustände, in denen der Mensch schon im gewöhnlichen Leben ist, in der richtigen Weise zu beurteilen vermag. Diese drei Bewußtseinszustände haben wir ja immer wiederum beschrieben: Wachen, Träumen, Schlafen. Und wir wissen auch, wie eigentlich ein wirkliches Wachen für den Menschen nur vorhanden ist in seinem Denken, in seinem Vorstellen, wie schon das Gefühl so wirkt, daß es zwar in seinen Erlebnissen anders aussieht als die Traumeswelt, daß es aber doch in seiner ganzen Verfassung, in der Art und Weise, wie es zum Menschen steht, gleich ist der Traumeswelt. Man erlebt die Gefühle im gewöhnlichen Bewußtsein in einer ebenso unbestimmten Art wie die Träume, aber nicht nur in einer so unbestimmten Art, sondern gewissermaßen auch in einem solchen Zusammenhang wie die Träume.

[ 1 ] If one wishes to classify what can be recognized as the stages of the path into the spiritual world in terms of what is already familiar from ordinary life, it is a matter of being able to correctly assess the three states of consciousness that a person already experiences in ordinary life. We have, of course, described these three states of consciousness time and again: waking, dreaming, and sleeping. And we also know that true wakefulness for a human being actually exists only in their thinking and imagination; that feeling, too, operates in such a way that, although it appears different from the dream world in their experiences, it is nevertheless, in its entire nature and in the way it relates to the human being, similar to the dream world. In ordinary consciousness, we experience feelings in a manner just as indeterminate as dreams, but not only in such an indeterminate manner—they also exist, so to speak, in a context similar to that of dreams.

[ 2 ] Der Traum reiht Bild an Bild. Er kümmert sich nicht, indem er Bild an Bild reiht, um die Zusammenhänge in der Außenwelt. Er hat seine eigenen Zusammenhänge. Ebenso ist es im Grunde genommen mit der Gefühlswelt. Und derjenige Mensch, der für das gewöhnliche Bewußtsein eine solche Gefühlswelt hätte, wie er eine Vorstellungswelt hat, der wäre ja ein furchtbarer Nüchterling, ein schrecklich trockener, eisiger Mensch. In der Vorstellungswelt, also im vollständigen Wachsein, muß man auf das sehen, was im gewöhnlichen Sinne die Logik ist. Man würde unmöglich im eigentlichen Leben weiterkommen, wenn man alles das auch so fühlen würde, wie man es denkt.

[ 2 ] A dream strings one image after another. In doing so, it pays no heed to the connections in the external world. It has its own connections. The same is essentially true of the emotional world. And anyone who, in the eyes of ordinary consciousness, possessed an emotional world as rich as their world of imagination would be a terribly sober person, a dreadfully dry, icy human being. In the world of imagination—that is, in full wakefulness—one must pay attention to what is, in the ordinary sense, logic. It would be impossible to get anywhere in real life if one were to feel everything exactly as one thinks it.

[ 3 ] Und dann haben wir ja öfter erwähnt: Der Wille, der taucht aus verborgenen Tiefen des Menschendaseins auf. Er kann vorgestellt werden, aber sein eigentliches Wesen, wie es da wirkt und webt im menschlichen Organismus, das bleibt eigentlich dem Menschen so unbekannt oder unbewußt wie die Erlebnisse des Schlafes selber. Und es wäre auch zunächst für den Menschen in einer außerordentlich starken Weise bestürzend, wenn er dasjenige erleben würde, was der Wille eigentlich tut.

[ 3 ] And as we have often mentioned: The will emerges from the hidden depths of human existence. It can be conceived of, but its true nature—the way it acts and weaves its way through the human organism—remains as unknown or unconscious to the human being as the experiences of sleep itself. And it would also be, at first, extraordinarily unsettling for a person to experience what the will actually does.

[ 4 ] Der Wille ist in Wirklichkeit ein Verbrennungsprozeß, ein Aufzehrungsprozeß. Und immer wahrzunehmen, wie eigentlich im Wollen man seinen Organismus aufzehrt, das Aufgezehrte immer wieder ersetzen muß durch Nahrung oder Schlaf, das wäre, wenn es das ganze Wachleben begleiten würde, eben zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein kein ganz behaglicher Prozeß.

[ 4 ] Will is, in reality, a process of combustion, a process of consumption. And to constantly be aware of how, in the very act of willing, one consumes one’s own organism—and must repeatedly replace what has been consumed through food or sleep—would, if it were to accompany one’s entire waking life, be, at first, not a very comfortable process for ordinary consciousness.

[ 5 ] Nun können wir also in einem gewissen Sinne nebeneinanderstellen die Gefühlswelt des Menschen im Wachzustande, gewissermaßen das wachende Träumen, und die Traumwelt im schlummertrunkenen oder halbschlafenden Zustande, in ihren Bildern, mehr so, daß der Mensch diese Bilder ja zunächst nicht als Ich empfindet, sondern als etwas, was Außenwelt ist. Der träumende Mensch empfindet das, was sich als Traumbilder abspielt, so stark sogar als eine Außenwelt, daß er zuweilen sich selber innerhalb dieser Traumbilder wahrnehmen kann.

[ 5 ] So, in a certain sense, we can juxtapose the emotional world of the human being in the waking state—a kind of “waking dream,” so to speak—with the dream world in a drowsy or half-asleep state, in terms of their images, particularly since the person does not initially perceive these images as the “self,” but rather as something that belongs to the external world. The dreaming person perceives what unfolds as dream images so strongly as an external world that he can sometimes perceive himself within these dream images.

[ 6 ] Was uns aber heute an diesen Traumbildern besonders interessieren soll, das ist dieses: Nicht wahr, wir durchleben das gewöhnliche Leben, Erlebnis stellt sich neben Erlebnis hin. Der Traum schüttelt diese Erlebnisse durcheinander. Er beachtet wenig, was der Mensch im wachenden Dasein als Zusammenhang der Erlebnisse hat. Er ist ein Dichter, der die merkwürdigsten Neigungen entfaltet.

[ 6 ] But what should particularly interest us today about these dream images is this: Don’t we go through ordinary life, with one experience following another? The dream jumbles these experiences together. It pays little heed to the connections between experiences that a person has in waking life. It is a poet that unfolds the most remarkable inclinations.

[ 7 ] Ein Philosoph erzählte von sich, er träume sehr häufig, daß er ein Buch geschrieben habe, das er in Wirklichkeit nicht geschrieben hat, aber im Traum glaubte er, daß er das Buch geschrieben habe, das Buch, das besser sei als alle seine übrigen Bücher. Doch gleichzeitig träumt ihm, daß das Manuskript verlorengegangen ist. Er kann es nicht finden, er hat es verlegt. Und nun eilt er von Schublade zu Schublade, alles durchsucht er im Traum, er findet das Manuskript nicht. Es beschleicht ihn im Traum ein ungeheuer unbehagliches Gefühl, daß er just dieses Manuskript seines allerbesten Buches verloren habe und vielleicht nicht wieder finden könne. Über diesem Unbehagen wacht er dann auf. Natürlich ist das schon ein Erlebnis, gerade bei dem Philosophen, den ich meine, der viele Bücher geschrieben hat. Sie sind in so großer Anzahl erschienen, daß einmal, als ich einen Besuch bei diesem Philosophen machte, wo auch die Frau des Philosophen anwesend war, mir die Frau sagte: Ja, mein Mann, der schreibt so viele Bücher, daß immer eines dem anderen Konkurrenz macht.

[ 7 ] A philosopher once said that he very often dreams that he has written a book that he has not actually written, but in the dream he believes that he has written that book—the book that is better than all his other books. But at the same time, he dreams that the manuscript has been lost. He cannot find it; he has misplaced it. And now he rushes from drawer to drawer, searching through everything in his dream, but he cannot find the manuscript. A terribly uneasy feeling creeps over him in his dream—that he has lost precisely this manuscript of his very best book and may never find it again. He then wakes up from this feeling of unease. Of course, this is quite an experience, especially for the philosopher I’m referring to, who has written many books. So many of them have been published that once, when I visited this philosopher—and his wife was also present—she said to me: “Yes, my husband writes so many books that one is always competing with the other.”

[ 8 ] Es war nämlich im Hause dieses Philosophen immer auch ein merkwürdig praktischer Sinn, so daß ich einmal, als ich mit einem Verleger einen Besuch machte bei diesem Philosophen, eigentlich etwas ärgerlich wurde, denn ich wollte mit ihm erkenntnistheoretische Probleme besprechen. Nun hatte ich den Verleger mitgeschleppt, eigentlich hatte er sich mitgeschleppt, und der Philosoph fing nun gleich an: Können Sie aus Ihrer Sachkenntnis heraus mir sagen, ob sehr viele Exemplare dieses oder jenes Werkes — welches, habe ich jetzt vergessen — von mir bei den Antiquaren zu haben sind? — Also es war ein sehr praktischer Sinn gerade im Hause dieses Philosophen. Ich will das gar nicht verachten, ich erzähle es nur als etwas Charakteristisches. Nun, irgendein anderer hätte vielleicht etwas anderes geträumt, was ebenso die Erlebnisse ins Phantastische koloriert.

[ 8 ] In fact, there was always a strangely practical streak in this philosopher’s household, so that once, when I visited him with a publisher, I actually got a little annoyed, because I had intended to discuss epistemological problems with him. Now I had dragged the publisher along—actually, he had dragged himself along—and the philosopher immediately began: “Based on your expertise, can you tell me whether a large number of copies of this or that work of mine—I’ve forgotten which one now—are available at antiquarian bookstores?”—So there was indeed a very practical sensibility in this philosopher’s home. I don’t mean to disparage that at all; I’m just recounting it as something characteristic. Well, someone else might have dreamed something different, which would have colored the experiences in an equally fantastical way.

[ 9 ] Es wird jeder wissen können, daß der Traum nicht so vor sich geht wie das äußere Erleben, sondern daß andere Zusammenhänge geschaffen werden im Traume. Aber auf der anderen Seite wird auch das jeder wissen können, wie der Traum doch in einem innigen Zusammenhange steht mit dem, was der Mensch eigentlich ist. Es ist ja tatsächlich so, daß viele Träume eigentlich nur Abspiegelungen sogar des körperlichen menschlichen Inneren sind, und man webt schon im Traume als in etwas, das mit einem in einem innigen Zusammenhange steht.

[ 9 ] Everyone will be able to recognize that dreams do not unfold in the same way as external experience, but that different connections are created within the dream. On the other hand, everyone will also be able to recognize how dreams are, in fact, intimately connected to what a human being truly is. It is indeed the case that many dreams are actually merely reflections of even the physical inner self, and one weaves within the dream as if within something that is intimately connected to oneself.

[ 10 ] Nun wird man ja nach und nach wirklich gewahr, wie der Traum die Erlebnisse in seiner Art zusammenstellt. Wenn man sich das ganz deutlich vorhält, so kommt man allmählich darauf zu wissen, in diesem Träumen lebt man doch selbst. Nur lebt man in diesem Träumen eben in den Zeiten, wo man entweder gerade herausgeht aus dem physischen Leib und dem Ätherleib oder wo man wiederum hinein zurückkehrt. Immer in diesen Übergängen zwischen Wachen und Schlafen, Schlafen und Wachen spielt sich eigentlich der Traum ab. Ich habe wiederholt Beispiele angeführt, die zeigen, daß das Hauptsächlichste des Traumes sich während des Aufwachens und Einschlafens abspielt. Ich habe ja unter den charakteristischen Beispielen dieses angeführt — Sie erinnern sich daran —, wie ein Student träumt, daß zwei Studenten an der Türe eines Hörsaales stehen. Da sagt der eine etwas zu dem anderen, was nach dem Ding, das man Komment nennt, unbedingt Satisfaktion fordert. Es kommt zum Duell. Es wird alles lebendig geträumt, das Hinausgehen zum Duell, zuerst noch das Wählen der Sekundanten und so weiter, bis es zum Losschießen kommt. Er hört noch den Knall, aber es verwandelt sich der Knall sofort, indem er aufwacht, in den Schlag, den ein Stuhl, den er in diesem Momente umgeworten hat, gemacht hat. Also in diesem Momente wacht er ja schon auf. Dieser Fall des Stuhles hat den ganzen Traum ausgelöst. Der Traum verfließt also im Momente des Aufwachens, stellt sich nur so, da er seine eigene Zeit in sich hat, also nicht etwa die Zeit, die er dauern würde. Manche Träume dauern ja nach ihrer inneren Zeit so lange, daß man gar nicht so lange schläft, als man schlafen müßte, wenn der Traum die Zeit, die er in sich trägt, entsprechend dauern würde. Dennoch, der Traum steht in innigem Zusammenhange mit dem, was der Mensch innerlich erlebt, aber innerlich erlebt bis in seinen physischen Leib hinunter.

[ 10 ] Now, little by little, one really becomes aware of how the dream puts together these experiences in its own way. If one keeps this very clearly in mind, one gradually comes to realize that one actually lives within these dreams. But in these dreams, one lives precisely during those moments when one is either just leaving the physical body and the etheric body or when one is returning to them. It is always during these transitions between waking and sleeping, sleeping and waking, that the dream actually takes place. I have repeatedly cited examples that show that the most essential part of the dream occurs during the process of waking up and falling asleep. Among the characteristic examples, I have cited—as you may recall—the case of a student who dreams that two students are standing at the door of a lecture hall. One of them says something to the other that, according to what is called “comment,” absolutely demands satisfaction. A duel ensues. Everything is dreamed vividly—going out to the duel, first choosing the seconds, and so on, until the shots are fired. He still hears the bang, but the moment he wakes up, the bang immediately transforms into the thud made by a chair he had just knocked over. So at that very moment, he’s already waking up. The falling of the chair triggered the entire dream. The dream thus fades away at the moment of waking; it merely appears that way because it contains its own time within itself—not, that is, the time it would actually take to last. Some dreams, according to their inner time, last so long that one does not actually sleep as long as one would have to if the dream were to last for the time it carries within itself. Nevertheless, the dream is intimately connected with what a person experiences inwardly—but experiences inwardly right down into their physical body.

[ 11 ] Solche Dinge haben ja die Menschen der älteren Zeiten recht gut gewußt, und für eine gewisse Art von Träumen — Sie können das selbst in der Bibel lesen — sagten die alten Juden: Gott hat dich in deinen Nieren gestraft. — Man wußte also, daß mit der Funktion der Niere eine ganz bestimmte Art von Träumen zusammenhängt. Auf der anderen Seite brauchen Sie ja nur so etwas wie «Die Seherin von Prevorst» nachzulesen, und Sie werden finden, wie Menschen tatsächlich die Schadhaftigkeit ihrer Organe aus dem Traum beschreiben, Menschen, die besonders dazu veranlagt sind, so daß also irgendein krankhaftes Organ symbolisch in mächtigen Bildern zur Anschauung kommt, was dazu führen kann, daß dann sich neben dieses krankhafte Organ zugleich das Heilmittel hinstellt. In älteren Zeiten wurde dies sogar benützt, um in einer gewissen Beziehung den Kranken selbst dazu zu veranlassen, sein Heilmittel aus seiner eigenen Traumeserklärung anzugeben. Und dasjenige, was in dem Berechtigten des Tempelschlafes geübt wurde, muß nach dieser Richtung hin auch studiert werden.

[ 11 ] People in earlier times were quite aware of such things, and regarding a certain kind of dream—you can read about this yourself in the Bible—the ancient Jews said: “God has punished you in your kidneys.” — So it was known that a very specific kind of dream is connected to the function of the kidneys. On the other hand, you need only read something like The Seer of Prevorst to see how people actually describe the dysfunction of their organs through their dreams—people who are particularly predisposed to this, so that a diseased organ is symbolically revealed in powerful imagery, which can lead to the remedy appearing alongside that diseased organ. In earlier times, this was even used, in a certain sense, to prompt the sick person themselves to identify their own remedy from the interpretation of their own dreams. And what was practiced in the Temple of Sleep must also be studied in this light.

[ 12 ] Wenn man dieses ganze Verhältnis des Traumes zu den äußeren Erlebnissen sich anschaut, muß man eben sagen: Der Traum protestiert gegen die Naturgesetze. Nach Naturgesetzen leben wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Der Traum kehrt sich nicht an diese Naturgesetze. Der Traum dreht gewissermaßen den Naturgesetzen eine Nase. Und das, was als Naturgesetze für die äußere physische Welt erforscht wird, ist nicht die Gesetzmäßigkeit des Traumes. Der Traum hat in sich einen lebendigen Protest gegen die Naturgesetze. Frägt man auf der einen Seite die Natur, was wahr ist, so antwortet sie in Naturgesetzen. Frägt man den Traum, was wahr ist, so antwortet er nicht in Naturgesetzen. Und derjenige, der nach den Naturgesetzen einen Traumverlauf beurteilt, wird eben sagen, der Traum lügt. In diesem gewöhnlichen Sinn lügt er ja auch. Aber er kommt heran, dieser Traum, an das Geistig-Übersinnliche im Menschen, wenn auch die Bilder des Traumes dem Unterbewußtsein, wie man abstrakt sagen kann, angehören, und man beurteilt ihn nicht richtig, wenn man nicht weiß, er kommt an die innere geistige Wirklichkeit des Menschen heran.

[ 12 ] When one considers this entire relationship between dreams and external experiences, one must simply say: Dreams defy the laws of nature. According to the laws of nature, we live from the moment we wake up until we fall asleep. Dreams do not conform to these laws of nature. In a sense, the dream thumps its foot in defiance of the laws of nature. And what is investigated as the laws of nature for the external physical world is not the lawfulness of the dream. The dream contains within itself a living protest against the laws of nature. If, on the one hand, one asks nature what is true, it answers in terms of the laws of nature. If one asks the dream what is true, it does not answer in terms of the laws of nature. And anyone who judges the course of a dream according to the laws of nature will simply say that the dream lies. In this conventional sense, it does indeed lie. But this dream touches upon the spiritual and supersensible in human beings, even if the images of the dream belong to the subconscious, as one might say in abstract terms; and one does not judge it correctly unless one knows that it touches upon the inner spiritual reality of the human being.

[ 13 ] Nun, das ist aber bereits etwas, was in unserer Zeit schwer zugegeben wird. Man will den Traum verabstrahieren. Man will ihn nur seiner Phantastik nach beurteilen. Man will nicht darauf sehen, daß man doch im Traume etwas vor sich hat, was mit dem Inneren des Menschen in einem Zusammenhang steht. Nicht wahr, wenn der Traum in einem gewissen Sinne mit dem Innern des Menschen in einem Zusammenhang steht und gegen die Naturgesetze protestiert, dann ist das ein Zeichen dafür, daß das Innere des Menschen selber etwas ist, was gegen die Naturgesetze protestiert.

[ 13 ] Well, that is something that is difficult to admit in our time. People want to abstract the dream. They want to judge it solely on the basis of its fantastical nature. People do not want to acknowledge that, after all, a dream presents us with something that is connected to the inner life of the human being. Isn’t it true that if the dream is, in a certain sense, connected to the inner life of the human being and protests against the laws of nature, then this is a sign that the inner life of the human being itself is something that protests against the laws of nature?

[ 14 ] Ich bitte Sie, aufzufassen, daß dies ein gewichtiges Wort ist, daß, wenn man an den Menschen herankommt, sein Inneres eigentlich gegen die Naturgesetze protestiert. Denn was bedeutet das?

[ 14 ] I ask you to understand that this is a weighty statement: that when one approaches a person, their inner self actually protests against the laws of nature. For what does that mean?

[ 15 ] Wenn heute die naturforscherische Denkungsweise aus dem, was draußen in der Natur ist, laboratoriumsgemäß die Naturgesetze beobachtet, dann tritt diese naturforscherische Weltanschauung auch an den Menschen heran und behandelt ihn so, wie wenn sich die Naturgesetze in ihm auch in seinem Inneren, ich möchte besser anschaulich sagen, im Innern seiner Haut fortsetzen würden. Das ist aber gar nicht der Fall. Diesem Innern steht der Traum mit seiner Verleugnung der Naturgesetze viel näher als die Naturgesetze; das menschliche Innere ist so, daß es eben nicht nach Naturgesetzen handelt und seine Tätigkeiten entfaltet. Dafür ist der Traum, der in gewissem Sinne in seiner Zusammenstellung ein Abbild dieses menschlichen Inneren ist, ein Zeugnis. Und für den, der dies versteht, ist es einfach so, daß er sagen muß, es ist eigentlich ein Unding, zu glauben, daß innerhalb des Herzens, der Leber, dieselben Gesetze herrschen wie äußerlich in der Natur. Zu der äußeren Natur gehört die Logik. Zu dem Innern des Menschen gehört der Traum, und wer den Traum phantastisch nennt, der soll nun auch gleich das menschliche Innere phantastisch nennen. Er kann das ja empfinden; denn wie dieses menschliche Innere verläuft zwischen Geburt und Tod hier im irdischen Leben, wo aus irgendeiner Ecke eine Krankheit auftaucht, aus einer anderen Ecke ein Wohlbefinden, das ist dem 'I’raum viel ähnlicher als der äußeren Logik. Aber unserer heutigen Denkweise fehlt ganz und gar diese Art, an das menschliche Innere heranzukommen, denn unsere heutige Denkweise ist ganz eingesponnen in dem, was man beobachtend in der äußeren Natur oder im Laboratorium vollführt. Man will durchaus das auch im menschlichen Inneren finden.

[ 15 ] When, today, the scientific way of thinking observes the laws of nature in a laboratory-like manner based on what exists out there in nature, this scientific worldview also applies to human beings and treats them as if the laws of nature were to continue within them—or, to put it more vividly, within their skin. But that is not the case at all. The dream, with its denial of the laws of nature, is much closer to this inner world than the laws of nature themselves; the human inner world is such that it does not act according to the laws of nature or unfold its activities in accordance with them. The dream, which in a certain sense is a reflection of this human inner world in its structure, bears witness to this. And for anyone who understands this, it is simply the case that they must say: it is actually absurd to believe that the same laws govern the inside of the heart or the liver as they do externally in nature. Logic belongs to external nature. Dreams belong to the human inner world, and anyone who calls dreams “fantastical” should also call the human inner world “fantastical.” One can indeed sense this; for the way the human inner world unfolds between birth and death here in earthly life—where illness arises from one corner and well-being from another—is much more akin to the “I-space” than to external logic. But our present way of thinking completely lacks this approach to the human inner life, for our present way of thinking is entirely entangled in what is observed in external nature or carried out in the laboratory. People are determined to find the same thing within the human inner life as well.

[ 16 ] In dieser Beziehung ist ja wirklich von einer großen Bedeutung, daß man zum Beispiel wissen lernt, wie die Art, wie heute oftmals dasjenige, was im Physischen des Menschen eine Rolle spielt, von der Wissenschaft behandelt wird. Man weiß, zum menschlichen Le ben gehört Eiweiß, gehören Fette, gehören Kohlehydrate und gehören Salze — im wesentlichen natürlich. Das weiß man. Was tut nun die Wissenschaft? Sie analysiert das Eiweiß, findet darin soundso viel Sauerstoff, soundso viel Stickstoff, soundso viel Kohlenstoff prozentual; sie analysiert die Fette, die Kohlehydrate und so weiter. Man weiß jetzt, wie viel da in allem drinnen ist. Aber Sie lernen aus einer solchen Analyse niemals, welchen Einfluß zum Beispiel die Kartoffel in der europäischen Kultur gespielt hat. Es ist auch wenig die Rede von diesem Einfluß der Kartoffelnahrung auf die europäische Kultur, denn aus dieser Analyse, wo Sie einfach finden, wie anders Kohlenstoff, Stickstoff und so weiter verteilt sind in dem einen Nahrungsmittel und in dem andern, finden Sie niemals heraus, warum zum Beispiel Roggen vorzugsweise durch die Kräfte des Unterleibes verdaut wird, dagegen die Kartoffel bis ins Gehirn herauf Kräfte zu ihrer Verdauung in Anspruch nimmt, so daß der Mensch, wenn er übermäßig Kartoffel ißt, sein Gehirn dazu verwenden muß, die Kartoffel zu verdauen, daher ihm etwas von der Gehirnkraft verlorengeht für das Denken.

[ 16 ] In this regard, it is indeed of great importance to learn, for example, how science approaches the physical aspects of the human being that often play a role today. We know that human life consists of proteins, fats, carbohydrates, and salts—essentially, of course. We know that. So what does science do? It analyzes the proteins, finds a certain percentage of oxygen, a certain percentage of nitrogen, and a certain percentage of carbon in them; it analyzes the fats, the carbohydrates, and so on. We now know how much of each element is contained in everything. But you will never learn from such an analysis what influence, for example, the potato has played in European culture. There is also little discussion of this influence of the potato diet on European culture, because from this analysis—where you simply find how carbon, nitrogen, and so on are distributed in one food and another, you’ll never discover why, for example, rye is primarily digested by the forces of the lower abdomen, whereas the potato draws upon forces all the way up to the brain for its digestion—so that when a person eats too many potatoes, they must use their brain to digest them, and thus loses some of their brain power for thinking.

[ 17 ] Gerade an solchen Dingen merkt man, wie weder die heutige materialistisch gesinnte Wissenschaft noch die mehr theologisch gefärbten Anschauungen an die Wahrheit herankommen. Die Wissenschaft beschreibt die Nahrungsmittel ungefähr so, wie wenn ich eine Uhr beschreiben wollte, und nun fange ich an: Das Silber wird im Silberbergwerk gewonnen; das macht man so und so. Dann lädt man das Silber auf, man verfrachtet es in die Städte und so weiter. Aber man macht halt beim Uhrmacher. In dessen Werkstätte schaut man nicht mehr hinein. Dann, nicht wahr, beschreibt man vielleicht das Zifferblatt aus Porzellan, wie das Porzellan fabriziert wird. Wiederum macht man halt vor der Werkstätte des Uhrmachers. So verfährt die heutige Wissenschaft mit den Nahrungsmitteln. Sie analysiert sie. Damit sagt sie etwas, was eigentlich für die Bedeutung der Nahrungsmittel im menschlischen Organismus gar nichts gibt, denn es ist ein großer Unterschied, trotz aller Analyse, ob man von irgend etwas die Frucht genießt, zum Beispiel von Roggen oder Weizen, oder ob man die Knollen genießt, wie bei den Kartoffeln.

[ 17 ] It is precisely in matters like these that one realizes how neither today’s materialistically oriented science nor the more theologically colored views come close to the truth. Science describes foodstuffs in much the same way as if I were to describe a watch, and so I begin: Silver is mined in a silver mine; that’s done this way and that way. Then the silver is loaded up, shipped to the cities, and so on. But the description stops at the watchmaker. We don’t look any further into his workshop. Then, perhaps, we describe the porcelain dial and how the porcelain is manufactured. Again, we stop short of the watchmaker’s workshop. This is how modern science approaches food. It analyzes it. In doing so, it says something that actually has no bearing on the significance of food in the human organism, for—despite all the analysis—there is a huge difference between enjoying the grain of something, such as rye or wheat, and enjoying the tubers, as with potatoes.

[ 18 ] Knollen fügen sich in den menschlichen Organismus ganz anders ein als die Früchte, als die Samen. So kann man wirklich sagen, diese heutige Denkweise durchschaut gar nicht mehr das materielle Dasein. Daher ist der Materialismus diejenige Weltanschauung, die die Materieinihren Wirkungen gar nicht kennt. Da muß schon die Geisteswissenschaft hineinleuchten, damit man die Materie kennenlernt. Deshalb sagen die materialistisch wissenschaftlich Gesinnten: Die Anthroposophie ist phantastisch geistig. Und diejenigen, die Theosophie oder Theologie haben und stehenbleiben wollen beim abgezogenen Geist, der niemals zum wirklichen Schaffen kommt, bei dem es niemals so weit kommt, daß er nun wirklich zeigt, wie er eingreift als Geist in die materiellen Wirkungen, die sagen, die Anthroposophie ist matersalistisch, weil sie ihre Erkenntnisse bis zu der Materie hinbringt.

[ 18 ] Tubers integrate into the human organism in a completely different way than fruits or seeds do. So one can truly say that today’s way of thinking no longer comprehends material existence at all. Therefore, materialism is the worldview that does not understand matter in its effects at all. Spiritual science must shed light on this so that we may come to know matter. That is why those with a materialistic, scientific mindset say: Anthroposophy is fantastically spiritual. And those who adhere to theosophy or theology and wish to remain stuck at the level of an abstract spirit—one that never engages in real creation, one that never reaches the point of actually demonstrating how it intervenes as spirit in material effects—they say that anthroposophy is materialistic because it extends its insights all the way to matter.

[ 19 ] Und so wird man eigentlich angegriffen von zwei Fronten her, sowohl von denen, die alles ideell abstrakt behandeln, wie von denen, die alles materiell behandeln. Aber die einen, die alles ideell abstrakt behandeln, lernen den Geist nicht kennen, und die anderen, die alles materiell behandeln, lernen die Materie nicht kennen. Auf diese Weise bildet sich heute immer mehr und mehr eine Denkweise heraus, die an den Menschen gar nicht heran kann.

[ 19 ] And so one is actually attacked from two fronts: both by those who treat everything in an ideal, abstract way, and by those who treat everything in a material way. But the former, who treat everything in an ideal, abstract way, do not come to know the spirit, and the latter, who treat everything in a material way, do not come to know matter. In this way, a way of thinking is emerging today that is increasingly unable to relate to human beings at all.

[ 20 ] Nun hat sich aber eigentlich doch in der letzten Zeit innerhalb unserer geistigen Entwickelung etwas sehr Merkwürdiges zugetragen. Die Menschen können nicht mehr anders, als wenigstens die Nachtseiten des geistigen Lebens zuzugeben, wenn sie nicht ganz bockbeinig sein wollen. Und es ist ein charakteristisches Denkmal für die Art und Weise, wie so ganz in die Naturwissenschaft eingesponnene Menschen sich dann verhalten, wenn sie diese dunklen Gebiete des geistigen Lebens betreten, oder noch etwas anderes ich werde es gleich erwähnen — doch nicht ableugnen können.

[ 20 ] But actually, something very strange has been happening recently in the course of our intellectual development. People can no longer help but acknowledge at least the darker aspects of spiritual life, unless they want to be completely stubborn. And it is a telling indication of the way in which people who are so deeply immersed in the natural sciences behave when they enter these dark realms of spiritual life—or, as I will mention in a moment, when they cannot deny something else.

[ 21 ] Ein denkwürdiges Beispiel dafür ist ja das Buch von Ludwig Staudenmaier: «Die Magie als experimentelle Wissenschaft». Es ist fast so, wie wenn man sagen würde: Die Nachtigall als Maschine. Aber immerhin, es konnte als etwas ganz Charakteristisches dieses Buch in unserer Zeit geschrieben werden.

[ 21 ] A memorable example of this is Ludwig Staudenmaier’s book, Magic as an Experimental Science. It’s almost as if one were to say: “The Nightingale as a Machine.” But still, this book was written in our time as something quite distinctive.

[ 22 ] Wie verfährt nun dieser Mann eigentlich? Das Eigentümliche an ihm ist, daß ihn sein Leben dazu getrieben hat, daß das Magische experimentell herangekommen ist durch ihn selbst. Er mußte eines Tages anfangen, das ergab, ich möchte sagen, ein dunkles Schicksal, mit sich selbst zu experimentieren. Er konnte nicht leugnen nach manchem, was er erfahren hat, daß es zum Beispiel Schreibmedien gibt. Sie wissen, ich empfehle diese Dinge nicht und lege immer ihr Gefährliches dar; aber wenn nun da ist, was eben Schreibmedien tun, so kommt ja etwas höchst Merkwürdiges durch, wobei man wiederum sehr kritisch eben Wahrheit von Irrtum sondern muß. Nun ja, dieses Schreiben von Dingen, die der Mensch selber in dem Augenblick, wo er sie schreibt, nicht im Kopfe hat, dieses mediale Schreiben wurde für Staudenmaier ein experimentelles Problem, und er fing an, nun selber den Bleistift anzusetzen, und siehe da, da kamen Dinge heraus, die er so niemals gedacht hatte. Er schrieb die kuriosesten Dinge. Denken Sie, es ist auch eine Überraschung, wenn man ganz naturwissenschaftlich denkt und den Bleistift in die Hand nimmt, sich selber zum Schreibmedium macht und nun glaubt, das wird nicht gehen. Nun aber bekommt dieser Bleistift plötzlich Kraft, führt die Hand, schreibt allerlei auf, worüber man höchst erstaunt ist. Das ist Staudenmaier passiert.

[ 22 ] So how does this man actually go about things? What is peculiar about him is that his life has driven him to the point where the magical has come to him experimentally through his own efforts. One day he had to begin—it was, I might say, a dark fate—to experiment on himself. After some of the things he had experienced, he could not deny, for example, that there are writing mediums. You know, I do not recommend these things and always point out their dangers; but if there is such a thing as what writing mediums do, then something highly peculiar comes through, and one must, in turn, be very critical in distinguishing truth from error. Well, this writing of things that a person does not have in mind at the very moment they are writing them—this mediumistic writing—became an experimental problem for Staudenmaier, and he began to put pencil to paper himself, and lo and behold, things came out that he had never thought of that way. He wrote the most curious things. Just imagine—it’s quite a surprise when, thinking entirely in scientific terms, you pick up a pencil, make yourself the writing medium, and believe it won’t work. But then, suddenly, that pencil gains power, guides your hand, and writes down all sorts of things that leave you utterly astonished. That’s what happened to Staudenmaier.

[ 23 ] Und was ihn am meisten überrascht hat, das ist, daß dieser Bleistift launisch wurde — so sagen ja die Leute —, wie der Traum launisch wird, ganz andere Dinge aufgeschrieben hat, als er gedacht hat. So scheint, aus den Zusammenhängen kann man das erkennen, der Bleistift einmal den Zwang auf die Handführung ausgeübt zu haben: Du bist ein Kohlkopf! und ähnliche schöne Dinge zu schreiben.

[ 23 ] And what surprised him most was that this pencil became capricious—as people say—just as a dream becomes capricious, writing down things completely different from what he had intended. So it seems—as can be seen from the context—that the pencil once exerted a compulsion on his hand to write: “You’re a cabbage!” and other such lovely things.

[ 24 ] Nun, das sind Dinge, die ganz gewiß der Herr nicht selber gedacht hat! Und nachdem solche Dinge sich gehäuft haben, immer wiederum der Bleistift die tollsten Dinge aufgeschrieben hat, hat Staudenmaier gefragt: Ja, wer ist denn das eigentlich, der da schreibt? — Nun antwortete es: Geister sind es, die da schreiben. — Das war nach seiner Ansicht wieder nicht wahr, denn Geister gibt es nicht für einen naturwissenschaftlich Denkenden. Wie sollte er jetzt sagen? Die Geister haben ihn angelogen, kann er ja nicht sagen, also sagt er: Sein Unterbewußtsein lügt fortwährend. Es ist eine fatale Geschichte, nicht wahr, wenn das Unterbewußtsein plötzlich zur Überzeugung kommt im Menschen selbst, daß man zum Beispiel ein Kohlkopf ist und das noch dazu aufschreibt, so daß es, wie man sagt im gewöhnlichen Leben, schwarz auf weiß dasteht.

[ 24 ] Well, those are things that the Lord certainly did not think of Himself! And after such things had piled up—time and again the pencil had written down the wildest things—Staudenmaier asked: “Well, who is it, actually, who’s writing there?” — “It is spirits who are writing,” it replied. — In his view, that wasn’t true either, because ghosts don’t exist for someone who thinks scientifically. What was he supposed to say now? He couldn’t very well say that the ghosts had lied to him, so he said: “My subconscious is constantly lying.” It’s a disastrous situation, isn’t it, when the subconscious suddenly convinces a person that they are, for example, a head of cabbage, and they even write it down, so that—as we say in everyday life—it’s there in black and white.

[ 25 ] Aber er fuhr doch fort, sich so zu benehmen, wie wenn Geister sprechen würden. Und da fragte er sie, warum sie denn nicht die Wahrheit sagen. Da antworteten sie: Ja, das ist so unsere Art, wir sind eben solche Geister, die dich anlügen müssen; es liegt in unserem Charakter, wir müssen lügen.

[ 25 ] But he continued to act as if spirits were speaking. And so he asked them why they didn’t tell the truth. They replied, “Yes, that’s just the way we are; we are the kind of spirits who have to lie to you; it’s in our nature—we have to lie.”

[ 26 ] Das war außerordentlich charakteristisch. Nun beginnt da allerdings ein Gebiet, wo die Sache wirklich recht sengerig wird, denn wissen Sie, wenn sich auf diese Weise herausstellt, daß die Wahrheit nur da oben sitzt und da unten fortwährend gelogen wird, so gibt das natürlich einen unbehaglichen Zustand. Aber wenn man ganz in naturwissenschaftlicher Weltanschauung befangen ist, so kann man ja in einem solchen Falle gar nicht anders als dazu kommen, daß in einem selber dieser verlogene Kerl steckt.

[ 26 ] That was exceptionally telling. Now, however, we’re entering a realm where things really start to get quite troubling, because, you see, if it turns out in this way that the truth resides only up there and lies are constantly being told down here, that naturally creates an uncomfortable situation. But if one is completely caught up in a scientific worldview, then in such a case one can’t help but conclude that this deceitful fellow is hiding within oneself.

[ 27 ] Dennoch kommt Staudenmaier zu der Ansicht: Niemals sprechen objektive geistige Wesenheiten, sondern immer nur das Unterbewußtsein. — In solche allgemeine Ausdrücke kann man ja alles zusammenfassen.

[ 27 ] Nevertheless, Staudenmaier concludes that objective spiritual beings never speak; it is always and only the subconscious that does so. — After all, one can summarize everything in such general terms.

[ 28 ] Aber sehen Sie, charakteristisch ist es doch, daß diese Geister sich gar nicht haben angelegen sein lassen, Staudenmaiers Hand so zu führen, daß sie ihm etwa einen neuen mathematischen Beweis aufgeschrieben oder ein naturwissenschaftliches Problem gelöst hätten. Das ist eigentlich das besonders Charakteristische, daß sie immer etwas anderes sagten.

[ 28 ] But you see, what is characteristic is that these spirits did not bother to guide Staudenmaier’s hand in such a way that they would, for example, have written down a new mathematical proof for him or solved a scientific problem. That is actually what is particularly characteristic—that they always said something else.

[ 29 ] Es ist schon alle Veranlassung dagewesen, daß Staudenmaier etwas aus dem Häuschen gekommen ist, und da fand sich dann ein ärztlicher Freund, der gab ihm den Rat, er soll auf die Jagd gehen. In solchen Anweisungen bestehen viele ärztliche Ratschläge. Ein besonders beliebter Ratschlag ist ja zum Beispiel manchmal in der Medizin, man soll heiraten. Dort war eben dieser Ratschlag, er soll auf die Jagd gehen, um etwas herauszukommen aus diesem verrückten Zeug, sich sozusagen zu Zerstreuen.

[ 29 ] There had already been plenty of reason for Staudenmaier to be a bit out of sorts, and then a doctor friend of his advised him to go hunting. Much medical advice consists of such instructions. For example, one particularly popular piece of advice in medicine is sometimes that one should get married. In this case, the advice was that he should go hunting to get away from all this crazy stuff—to take his mind off things, so to speak.

[ 30 ] Aber siehe da, trotzdem er nun, wie er genau beschreibt, auf die Elsternjagd ging, also immer nach Elstern auslugte, guckten von den Bäumen allerlei dämonische Gestalten herunter, nicht Elstern. Da saßen auf irgendeinem Zweig solche Dinge, wie etwas, das ein halber Kater und ein halber Elefant war und ihm allerlei Nasen drehte oder ihm die Zunge herausstreckte. Und guckte er vom Baume weg ins Gras, sah er nicht etwa Hasen, sondern auch allerlei phantastische Gestalten, die ihre Gaukeleien mit ihm trieben.

[ 30 ] But lo and behold, even though he was now, as he describes in detail, hunting magpies—that is, constantly on the lookout for them—all sorts of demonic figures peered down at him from the trees, not magpies. There, perched on some branch, were creatures that looked like a cross between a cat and an elephant, making all sorts of faces at him or sticking their tongues out. And when he looked away from the tree toward the grass, he didn’t see hares, but all sorts of fantastical figures playing tricks on him.

[ 31 ] So hatte nicht nur der Stift allerlei Zeug aufgeschrieben, sondern jetzt wurde auch das höhere Phantasievermögen in einer solchen Weise angeregt, daß sich nicht Elstern zeigten, sondern Dämonen, allerlei gespenstartiges Gezücht, also wieder erlogen. Eigentlich ist es wie im Traum, was er da sah, und es hätte passieren können, wenn sein Wille intakt geblieben wäre, daß er statt einer Elster so irgendeine Kanaille geschossen hätte, die halb Kater und halb Elefant gewesen wäre. Wenn sie heruntergefallen wäre, hätte sie sich sicher verwandelt, da wäre sie halb Laubfrosch und halb Nachtigall gewesen mit einem Teufelsschwanz, denn während des Herabfallens hätte sie sich schon verwandelt.

[ 31 ] Not only had the pen jotted down all sorts of things, but now his imagination had been stirred in such a way that it wasn’t magpies he saw, but demons—all manner of ghostly creatures—so, once again, it was all a lie. Actually, what he saw there was like a dream, and it could have happened—if his will had remained intact—that instead of a magpie, he would have shot some sort of monstrosity that was half tomcat and half elephant. If it had fallen to the ground, it would surely have transformed; it would have been half tree frog and half nightingale with a devil’s tail, for it would have already transformed while falling.

[ 32 ] Jedenfalls kann man sagen, diesem Experimentator rückte eine Welt, die sehr ähnlich ist der Welt des Traumes, an den Leib heran, und diese Welt ist auch ein Protest gegen den ganzen naturgesetzlichen Zusammenhang. Denn wie wäre der naturgesetzliche Zusammenhang gewesen? Nun, er hätte seine Flinte von der Schulter genommen, und nachdem er eine Elster geschossen, wäre unten eine Elster gewesen. Aber das alles zeigte sich nicht, sondern was ich Ihnen gekennzeichnet habe: wiederum ein Protest dieser Nachtseite der geistigen Welt, in die der Mann hineingestoßen war, gegen die Naturgesetzlichkeit. Und mindestens hätte sich der Mann doch selbst, wenn er beim Unterbewußten stehengeblieben wäre, sagen müssen: Wenn das alles da unten im Unterbewußten ist, dann protestiert mein Unterbewußtes gegen die Naturgesetze. — Denn was sagt ihm denn eigentlich dieses Unterbewußte? Ja, das zaubert ihm allerlei Dämonen vor und dergleichen, wie ich es beschrieben habe. Das sagt ihm etwas ganz anderes, als er sich über sich ausgedacht hat. Er müßte also mindestens daraus schließen: Wenn die Welt nur nach Naturgesetzen eingerichtet wäre, dann könnte es ja mein Inneres gar nicht geben, dann könnte ich als Mensch gar nicht existieren, denn wenn dieses Innere spricht, dann spricht es ganz anders als in Naturgesetzen. Zu dem Inneren des Menschen gehört also eine ganz andere Welt als diejenige Welt, über die die Naturgesetze ausgesponnen sind, eine Welt, die protestiert in ihrem Zusammenhange gegen die Naturgesetze.

[ 32 ] In any case, one could say that this experimenter was confronted with a world very similar to the world of dreams, and this world is also a protest against the entire framework of natural laws. For what would that framework of natural laws have been like? Well, he would have taken his shotgun off his shoulder, and after shooting a magpie, there would have been a magpie down below. But none of that happened; instead, what I have described to you occurred: yet another protest by this nocturnal aspect of the spiritual world—into which the man had been thrust—against the laws of nature. And at the very least, if the man had remained at the level of the subconscious, he would have had to say to himself: If all of this is down there in the subconscious, then my subconscious is protesting against the laws of nature. — For what does this subconscious actually tell him? Yes, it conjures up all sorts of demons and the like, as I have described. It tells him something entirely different from what he had imagined about himself. He would therefore have to conclude, at the very least: If the world were organized solely according to the laws of nature, then my inner self could not possibly exist; I could not exist as a human being at all, for when this inner self speaks, it speaks in a way entirely different from the laws of nature. The inner self of a human being thus encompasses a world entirely different from the one over which the laws of nature are spun—a world that, in its very structure, protests against the laws of nature.

[ 33 ] Das ist immerhin doch das einzig Interessante an diesem magischen Experimentator oder experimentierenden Magier, der vielen Leuten so außerordentlich imponiert hat. Das ist etwas, was uns zeigt, wie in der Tat auch auf andere Weise der Mensch zur Wahrnehmung einer solchen Welt kommen kann, wie es die sonst mehr oder weniger immer im Leben auftretende Traumeswelt in ihren Zusammenhängen ist.

[ 33 ] After all, that is the only interesting thing about this magical experimenter—or experimenting magician—who has made such an extraordinary impression on so many people. This is something that shows us how, in fact, human beings can come to perceive such a world in other ways as well—a world similar in its context to the world of dreams, which otherwise occurs more or less constantly throughout life.

[ 34 ] Und das führt schon dazu, durch eine richtige Anschauung über das gewöhnliche Leben anzuerkennen, daß einfach, weil der Mensch da ist, an die gewöhnliche, von Naturgesetzen durchsponnene Welt eine andere grenzt, die nicht von Naturgesetzen durchsponnen ist.

[ 34 ] And this leads us, through a proper understanding of ordinary life, to recognize that simply because human beings exist, the ordinary world—which is interwoven with the laws of nature—is bordered by another world that is not interwoven with those laws.

[ 35 ] Schaut man diese Dinge richtig an, so muß man sich eben sagen: Da ist die Welt von Naturgesetzen durchsponnen, die wir studieren. An diese grenzt eine andere Welt, die nichts mit den Naturgesetzen zu tun hat, darinnen herrschen ganz andere Gesetze. Man gelangt also, indem man in einer realen Weise in die Traumeswelt untertaucht, in eine Welt, wo die Naturgesetze aufhören. Daß der Mensch zunächst mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein phantastisch in dieser Welt wahrnimmt, rührt lediglich davon her, daß er nicht die Fähigkeit hat, die Zusammenhänge, die ihm da entgegentreten, zu erkennen. Die Phantastik trägt er hinein. Aber dasjenige, was da webt und lebt, ist eben eine andere Weltensphäre, in die der Mensch im Traum hinuntertaucht.

[ 35 ] If one looks at these things correctly, one must simply say to oneself: Here is the world interwoven with the laws of nature that we study. Adjacent to this is another world that has nothing to do with the laws of nature; entirely different laws prevail there. Thus, by immersing oneself in the world of dreams in a real sense, one enters a world where the laws of nature cease to apply. The fact that a person initially perceives this world as fantastical through their ordinary consciousness stems solely from their lack of ability to recognize the connections that present themselves there. They bring their own fantasy with them. But what unfolds and lives there is precisely another sphere of existence into which a person dives in a dream.

[ 36 ] Das führt uns unmittelbar in etwas anderes. Wenn man mit demjenigen redet, der ganz eingesponnen ist in die heute gebräuchliche Weltanschauungsrichtung, so sagt er: Ich studiere die Fallgesetze an dem fallenden Stein. Ich bekomme die Gesetze der Gravitation heraus. Dann gehe ich hinaus in die Welt und wende das auch auf die Sterne an. — Und es wird dann so gedacht: Hier ist die Erde, darauf finde ich die Naturgesetze, und da ist dann der Kosmos. Ich denke, Tafel 10 die Gesetze, die ich hier auf Erden gefunden habe, gelten auch für den Orionnebel oder für irgend etwas.

[ 36 ] This leads us directly to something else. When you speak with someone who is completely caught up in the prevailing worldview of today, they say: “I study the laws of falling objects by observing a falling stone.” I deduce the laws of gravity. Then I go out into the world and apply them to the stars as well.” — And the thinking goes like this: Here is the Earth, on which I discover the laws of nature, and there is the cosmos. I believe, as stated in Plate 10, that the laws I have discovered here on Earth also apply to the Orion Nebula or to anything else.

[ 37 ] Nun weiß jeder Mensch, daß ja zum Beispiel die Schwerkraft im Quadrat der Entfernung abnimmt, daß sie immer schwächer und schwächer wird, daß das Licht abnimmt, und ich habe schon gesagt: So nimmt auch die Wahrheit unserer Naturgesetze ab. Was wahr ist in bezug auf Naturgesetze auf unserer Erde hier, ist nicht mehr wahr da draußen im Weltenall. Das ist nur bis zu einer gewissen Entfernung wahr. Aber dadraußen im Weltenall beginnt außerhalb einer gewissen Weite dieselbe Gesetzmäßigkeit, die wir antreffen, wenn wir in den Traum untertauchen. Daher sollten die Menschen sich klar sein, wenn sie hinausblicken in den Orionnebel, dann müßten sie eigentlich, um den Orionnebel zu begreifen, nicht nach der experimentellen Methode physisch denken, sondern anfangen zu träumen, denn der Orionnebel zeigt seine Gesetzmäßigkeit nach Träumen.

[ 37 ] Now everyone knows that, for example, gravity decreases with the square of the distance—that it grows weaker and weaker—and that light diminishes; and as I have already said: the truth of our laws of nature also diminishes in this way. What is true with regard to the laws of nature here on Earth is no longer true out there in the universe. It is true only up to a certain distance. But out there in the universe, beyond a certain distance, the same regularity begins that we encounter when we plunge into a dream. Therefore, people should realize that when they look out at the Orion Nebula, in order to truly understand it, they should not think in physical terms using the experimental method, but rather begin to dream, for the Orion Nebula reveals its laws through dreams.

[ 38 ] Man kann sagen, von solchen Dingen haben eigentlich die Menschen einmal das verschiedenste gewußt, und Ahnungen sind für die spätere Zeit noch geblieben, besonders bei den Denkern, die sich recht gut konzentrieren konnten.

[ 38 ] It can be said that people once knew a great deal about such things, and traces of that knowledge have remained for later times, especially among thinkers who were able to concentrate quite well.

[ 39 ] So war ein solcher Naturforscher, der allerdings nicht in der zweiten, sondern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt hat — er war der Lehrer Haeckels —, Johannes Müller. Er war ein solcher Mann, der sich wirklich immer konzentrieren konnte. Er lebte ganz in dem, was er gerade vornahm. Dadurch, daß man wirklich so leben kann, konzentriert in dem, was man gerade vornimmt, kommt man manchmal auf mehr darauf; es mag ja in mancher Beziehung, wie ich gleich erwähnen will, Schattenseiten haben. Johannes Müller wurde zum Beispiel einmal gefragt über irgend etwas während eines Sommerkurses, den er gehalten hat. Da sagte er: Das ist etwas, was ich nur während der Wintervorlesungen weiß, im Sommer nicht. — Er war im Sommer so sehr auf den Stoff seiner Soemmervorlesungen konzentriert, daß er ganz frei eingestand, das andere wisse er nur im Winter.

[ 39 ] One such naturalist—who, incidentally, lived not in the second but in the first half of the 19th century (he was Haeckel’s teacher)—was Johannes Müller. He was the kind of man who could truly concentrate at all times. He was completely absorbed in whatever he was doing at the moment. The fact that one can truly live this way—fully focused on whatever one is currently doing—sometimes leads to greater insights; though, as I will mention shortly, it may have its downsides in some respects. Johannes Müller, for example, was once asked about something during a summer course he was teaching. He replied: “That is something I only know during the winter lectures, not in the summer.” — He was so focused on the material for his summer lectures during the summer that he freely admitted he only knew the other things in the winter.

[ 40 ] Aber dieser Johannes Müller gestand zum Beispiel einmal das sehr Interessante, daß er wirklich lange Zeit Leichen zerschneiden kann, um auf etwas zu kommen; er kommt nicht darauf, er gelangt nicht in das hinein, was er eigentlich verstehen will. Aber es gelingt ihm manchmal, zu träumen von dem, was er erexperimentiert hat, und dann sieht er viel tiefer in die Sache hinein, dann gehen ihm die Sachen auf. — Es war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da konnte sich jemand noch solche Extravaganzen gestatten, selbst wenn er ein berühmter Naturforscher war.

[ 40 ] But this Johannes Müller, for example, once admitted something very interesting: that he can dissect corpses for a very long time in an attempt to figure something out; he doesn’t figure it out—he doesn’t get to the heart of what he actually wants to understand. But sometimes he manages to dream about what he has experimented with, and then he sees much more deeply into the matter; then things become clear to him. — This was in the first half of the 19th century. Back then, someone could still afford such extravagances, even if he was a famous naturalist.

[ 41 ] Also der Mensch kommt in eine ganz andere Welt, in eine ganz andere Gesetzmäßigkeit hinein, wenn er träumt. Und bei richtiger Erwägung muß vorausgesetzt werden, daß eigentlich, wenn man es so machen würde wie Johannes Müller, man über den Orionnebel nicht denken, wie man auf den Sternwarten oder in den astronomischen Anstalten denkt, sondern träumen müßte, dann würde man mehr davon wissen, als wenn man nachdenkt. Ich möchte sagen, das hängt ja damit zusammen, daß in Hirtenzeitaltern, wo die Hirten in der Nacht auf der Weide geschlafen haben, sie tatsächlich träumten über die Sterne, und da wußten sie mehr, als die Späteren wissen. Es ist wirklich wahr, es ist so.

[ 41 ] So when a person dreams, they enter a completely different world, a world governed by entirely different laws. And upon careful consideration, one must assume that, in fact, if one were to do as Johannes Müller did—that is, not to think about the Orion Nebula as one does in observatories or astronomical institutions, but rather to dream about it—one would know more about it than by simply thinking about it. I would say that this is connected to the fact that in the age of shepherds, when shepherds slept out in the pastures at night, they actually dreamed about the stars, and in doing so they knew more than later generations do. It is truly true; that is how it is.

[ 42 ] Kurz, ob wir in das Innere des Menschen hineingehen und uns der Traumeswelt nähern oder ob wir hinausgehen ins weite Weltenall, wir treffen, wie die Alten sagten, außerhalb des Tierkreises eine Welt der Träume.

[ 42 ] In short, whether we venture into the inner world of the human being and approach the world of dreams, or whether we go out into the vast universe, we encounter—as the ancients said—a world of dreams beyond the zodiac.

[ 43 ] Und da sind wir an dem Punkt, wo wir verstehen können, was die Griechen meinten, die noch von solchen Dingen etwas wußten, wenn sie den Ausdruck «Chaos» gebrauchten. Ich habe über das Chaos schon alle möglichen Erklärungen gelesen, fand sie immer eigentlich weit weg von der Wahrheit. Denn was meinte der Grieche, wenn er von Chaos sprach? Er meinte die Gesetzmäßigkeit, von der man eine Ahnung kriegt, wenn man in den Traum sich vertieft, oder die man voraussetzen muß im äußersten Umkreise dieses Weltenalls. Diese Gesetzmäßigkeit, die nicht die Naturgesetzmäßigkeit, sondern eine andere ist, schrieb der Grieche dem Chaos zu. Ja, er sagte, das Chaos beginnt da, wo die Naturgesetzmäßigkeit nicht mehr zu finden ist, wo eine andere Gesetzmäßigkeit herrscht. Aus dem Chaos heraus ist die Welt geboren für den Griechen, das heißt aus einem solchen Zusammenhang, der noch nicht naturgesetzlich, sondern so ist wie der Traum oder so wie heute noch die Weltenweiten, im Sternbild des Orion der Jagdhund und so weiter. Da kommt man zunächst in eine Welt hinein, die sich dem Menschen wenigstens noch ankündigt in der phantastischen, aber lebendigen Welt der Traumesbilder.

[ 43 ] And here we are at the point where we can understand what the Greeks—who still knew something about such things—meant when they used the term “chaos.” I have read all sorts of explanations about chaos, but I have always found them to be far from the truth. For what did the Greeks mean when they spoke of chaos? They meant the order that one gets a sense of when one delves into a dream, or that one must assume exists at the very outer reaches of this universe. The Greeks attributed this order—which is not the order of nature, but a different one—to chaos. Yes, he said, chaos begins where the laws of nature can no longer be found, where a different order of laws prevails. For the Greeks, the world was born out of chaos—that is, out of a context that is not yet governed by the laws of nature, but is like a dream or, as is still the case today, the vastness of the cosmos, such as the constellation of Orion, the hunting dog, and so on. There, one first enters a world that at least still reveals itself to human beings in the fantastical yet vivid realm of dream images.

[ 44 ] Nun aber ist es so, daß wenn hier die physisch natürliche Welt liegt, so gelangen wir gewissermaßen in eine zweite Strömung hinein, indem wir in die Träume untertauchen. Dann aber gelangen wir in eine dritte Strömung, die jenseits der Traumeswelt liegt, die gar nicht mehr eine Beziehung hat zu den Naturgesetzen unmittelbar. Die Traumeswelt protestiert in ihrer Bildhaftigkeit gegen die Naturgesetze. Bei dieser dritten Welt wäre es ganz unsinnig zu sagen, sie richte sich nach Naturgesetzen. Sie widerspricht vollends sogar kühnlich den Naturgesetzen, denn sie tritt auch an den Menschen heran. Während der Traum noch in der lebendigen Bilderwelt zum Vorscheine kommt, kommt diese dritte Welt durch die Stimme des Gewissens in der sittlichen Weltanschauung zunächst zum Vorschein.

[ 44 ] Now, however, the fact is that while the physical, natural world lies here, we enter, as it were, into a second current as we immerse ourselves in dreams. But then we enter a third current that lies beyond the world of dreams, one that no longer has any direct connection to the laws of nature. The world of dreams, with its imagery, defies the laws of nature. In this third world, it would be completely nonsensical to say that it is governed by the laws of nature. It completely—even boldly—contradicts the laws of nature, for it also approaches human beings. While the dream still manifests itself in the living world of images, this third world first comes to light through the voice of conscience in the moral worldview.

[ 45 ] Wenn man so nebeneinander hat auf der einen Seite die Welt der Natur, auf der anderen Seite die Welt der Sittlichkeit, dann gibt es keinen Übergang. Aber der Übergang liegt in der Traumeswelt oder in der Welt, die der Experimentator auf dem Gebiete der Magie erlebt hat, wo ihm die Dinge etwas ganz anderes gesagt haben, als die naturgesetzlichen Zusammenhänge sind.

[ 45 ] When you have the world of nature on one side and the world of morality on the other, there is no transition between them. But the transition lies in the world of dreams or in the world that the experimenter has experienced in the realm of magic, where things have revealed something entirely different to him than what the laws of nature dictate.

[ 46 ] Zwischen der Welt, die von Naturgesetzen durchwoben ist, und der Welt, aus der in uns einströmend unser Gewissen redet, liegt für das gewöhnliche Bewußtsein die Traumeswelt. Das aber führt unmittelbar dazu — weil dies zugleich die Wachwelt, dies die Traumeswelt, dieses die Schlafwelt ist —, daß uns dieses heranbringt an die Vorstellung, daß tatsächlich während des Schlafes die Götter zu dem Menschen sprechen von dem, was nicht natürlich, sondern sittlich ist, was dann dem Menschen bleibt als die Gottesstimme in seinem Inneren, wenn er aufwacht, als das Gewissen.

[ 46 ] For ordinary consciousness, the world of dreams lies between the world interwoven with the laws of nature and the world from which our conscience speaks to us as it flows into us. But this leads directly—because this is at once the waking world, that the dream world, and this the world of sleep—to the idea that, in fact, during sleep the gods speak to human beings about what is not natural but moral, which then remains with the person as the voice of God within, when they wake up, as conscience.

[ 47 ] Auf diese Weise schließen sich die drei Welten zusammen, und man begreift zweierlei: auf der einen Seite, warum die Traumeswelt protestiert gegen den Naturzusammenhang, und auf der anderen Seite, inwiefern diese Traumeswelt ein Übergang ist zu einer Welt, die dem gewöhnlichen Bewußtsein in ihrer Realität verborgen bleibt, zu der Welt, aus der auch die sittlichen Anschauungen kommen.

[ 47 ] In this way, the three worlds come together, and one comes to understand two things: on the one hand, why the world of dreams protests against the natural order, and on the other hand, to what extent this world of dreams is a transition to a world whose reality remains hidden from ordinary consciousness—the world from which moral views also originate.

[ 48 ] Findet man sich dann in diese Welt hinein, dann findet man dort die weitere geistige Welt, die nicht mehr nach Naturgesetzen begriffen werden kann, sondern nach Geistgesetzen, während sich eben im Traume bunt durcheinandermischen Naturgesetze mit Geistgesetzen, Geistgesetze mit Naturgesetzen, weil die Traumwelt eine Übergangsströmung zwischen den beiden Welten ist.

[ 48 ] Once one finds oneself in this world, one discovers there the broader spiritual world, which can no longer be understood according to the laws of nature but rather according to the laws of the spirit; whereas in dreams, the laws of nature and the laws of the spirit intermingle in a colorful jumble—the laws of nature with the laws of the spirit, and the laws of the spirit with the laws of nature—because the dream world is a transitional current between the two worlds.

[ 49 ] So haben wir von einer anderen Seite her beleuchtet, wie der Mensch sich eingliedert in die drei Welten.

[ 49 ] In this way, we have examined from a different perspective how human beings are integrated into the three worlds.