Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Drei Perspektiven der Anthroposophie
Kulturphänomene
geisteswissenschaftlich betrachtet
GA 225

22 September 1923, Dornach

11. Die Traumeswelt als eine Übergangsströmung zwischen der physisch-natürlichen Welt und der Welt der sittlichen Anschauungen

[ 1 ] Wenn man das, was man als die Stufen des Weges in die geistige Welt hinein kennenlernen kann, einordnen will in dasjenige, was einem aus dem gewöhnlichen Leben schon bekannt ist, so handelt es sich darum, daß man die drei Bewußtseinszustände, in denen der Mensch schon im gewöhnlichen Leben ist, in der richtigen Weise zu beurteilen vermag. Diese drei Bewußtseinszustände haben wir ja immer wiederum beschrieben: Wachen, Träumen, Schlafen. Und wir wissen auch, wie eigentlich ein wirkliches Wachen für den Menschen nur vorhanden ist in seinem Denken, in seinem Vorstellen, wie schon das Gefühl so wirkt, daß es zwar in seinen Erlebnissen anders aussieht als die Traumeswelt, daß es aber doch in seiner ganzen Verfassung, in der Art und Weise, wie es zum Menschen steht, gleich ist der Traumeswelt. Man erlebt die Gefühle im gewöhnlichen Bewußtsein in einer ebenso unbestimmten Art wie die Träume, aber nicht nur in einer so unbestimmten Art, sondern gewissermaßen auch in einem solchen Zusammenhang wie die Träume.

[ 2 ] Der Traum reiht Bild an Bild. Er kümmert sich nicht, indem er Bild an Bild reiht, um die Zusammenhänge in der Außenwelt. Er hat seine eigenen Zusammenhänge. Ebenso ist es im Grunde genommen mit der Gefühlswelt. Und derjenige Mensch, der für das gewöhnliche Bewußtsein eine solche Gefühlswelt hätte, wie er eine Vorstellungswelt hat, der wäre ja ein furchtbarer Nüchterling, ein schrecklich trockener, eisiger Mensch. In der Vorstellungswelt, also im vollständigen Wachsein, muß man auf das sehen, was im gewöhnlichen Sinne die Logik ist. Man würde unmöglich im eigentlichen Leben weiterkommen, wenn man alles das auch so fühlen würde, wie man es denkt.

[ 3 ] Und dann haben wir ja öfter erwähnt: Der Wille, der taucht aus verborgenen Tiefen des Menschendaseins auf. Er kann vorgestellt werden, aber sein eigentliches Wesen, wie es da wirkt und webt im menschlichen Organismus, das bleibt eigentlich dem Menschen so unbekannt oder unbewußt wie die Erlebnisse des Schlafes selber. Und es wäre auch zunächst für den Menschen in einer außerordentlich starken Weise bestürzend, wenn er dasjenige erleben würde, was der Wille eigentlich tut.

[ 4 ] Der Wille ist in Wirklichkeit ein Verbrennungsprozeß, ein Aufzehrungsprozeß. Und immer wahrzunehmen, wie eigentlich im Wollen man seinen Organismus aufzehrt, das Aufgezehrte immer wieder ersetzen muß durch Nahrung oder Schlaf, das wäre, wenn es das ganze Wachleben begleiten würde, eben zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein kein ganz behaglicher Prozeß.

[ 5 ] Nun können wir also in einem gewissen Sinne nebeneinanderstellen die Gefühlswelt des Menschen im Wachzustande, gewissermaßen das wachende Träumen, und die Traumwelt im schlummertrunkenen oder halbschlafenden Zustande, in ihren Bildern, mehr so, daß der Mensch diese Bilder ja zunächst nicht als Ich empfindet, sondern als etwas, was Außenwelt ist. Der träumende Mensch empfindet das, was sich als Traumbilder abspielt, so stark sogar als eine Außenwelt, daß er zuweilen sich selber innerhalb dieser Traumbilder wahrnehmen kann.

[ 6 ] Was uns aber heute an diesen Traumbildern besonders interessieren soll, das ist dieses: Nicht wahr, wir durchleben das gewöhnliche Leben, Erlebnis stellt sich neben Erlebnis hin. Der Traum schüttelt diese Erlebnisse durcheinander. Er beachtet wenig, was der Mensch im wachenden Dasein als Zusammenhang der Erlebnisse hat. Er ist ein Dichter, der die merkwürdigsten Neigungen entfaltet.

[ 7 ] Ein Philosoph erzählte von sich, er träume sehr häufig, daß er ein Buch geschrieben habe, das er in Wirklichkeit nicht geschrieben hat, aber im Traum glaubte er, daß er das Buch geschrieben habe, das Buch, das besser sei als alle seine übrigen Bücher. Doch gleichzeitig träumt ihm, daß das Manuskript verlorengegangen ist. Er kann es nicht finden, er hat es verlegt. Und nun eilt er von Schublade zu Schublade, alles durchsucht er im Traum, er findet das Manuskript nicht. Es beschleicht ihn im Traum ein ungeheuer unbehagliches Gefühl, daß er just dieses Manuskript seines allerbesten Buches verloren habe und vielleicht nicht wieder finden könne. Über diesem Unbehagen wacht er dann auf. Natürlich ist das schon ein Erlebnis, gerade bei dem Philosophen, den ich meine, der viele Bücher geschrieben hat. Sie sind in so großer Anzahl erschienen, daß einmal, als ich einen Besuch bei diesem Philosophen machte, wo auch die Frau des Philosophen anwesend war, mir die Frau sagte: Ja, mein Mann, der schreibt so viele Bücher, daß immer eines dem anderen Konkurrenz macht.

[ 8 ] Es war nämlich im Hause dieses Philosophen immer auch ein merkwürdig praktischer Sinn, so daß ich einmal, als ich mit einem Verleger einen Besuch machte bei diesem Philosophen, eigentlich etwas ärgerlich wurde, denn ich wollte mit ihm erkenntnistheoretische Probleme besprechen. Nun hatte ich den Verleger mitgeschleppt, eigentlich hatte er sich mitgeschleppt, und der Philosoph fing nun gleich an: Können Sie aus Ihrer Sachkenntnis heraus mir sagen, ob sehr viele Exemplare dieses oder jenes Werkes — welches, habe ich jetzt vergessen — von mir bei den Antiquaren zu haben sind? — Also es war ein sehr praktischer Sinn gerade im Hause dieses Philosophen. Ich will das gar nicht verachten, ich erzähle es nur als etwas Charakteristisches. Nun, irgendein anderer hätte vielleicht etwas anderes geträumt, was ebenso die Erlebnisse ins Phantastische koloriert.

[ 9 ] Es wird jeder wissen können, daß der Traum nicht so vor sich geht wie das äußere Erleben, sondern daß andere Zusammenhänge geschaffen werden im Traume. Aber auf der anderen Seite wird auch das jeder wissen können, wie der Traum doch in einem innigen Zusammenhange steht mit dem, was der Mensch eigentlich ist. Es ist ja tatsächlich so, daß viele Träume eigentlich nur Abspiegelungen sogar des körperlichen menschlichen Inneren sind, und man webt schon im Traume als in etwas, das mit einem in einem innigen Zusammenhange steht.

[ 10 ] Nun wird man ja nach und nach wirklich gewahr, wie der Traum die Erlebnisse in seiner Art zusammenstellt. Wenn man sich das ganz deutlich vorhält, so kommt man allmählich darauf zu wissen, in diesem Träumen lebt man doch selbst. Nur lebt man in diesem Träumen eben in den Zeiten, wo man entweder gerade herausgeht aus dem physischen Leib und dem Ätherleib oder wo man wiederum hinein zurückkehrt. Immer in diesen Übergängen zwischen Wachen und Schlafen, Schlafen und Wachen spielt sich eigentlich der Traum ab. Ich habe wiederholt Beispiele angeführt, die zeigen, daß das Hauptsächlichste des Traumes sich während des Aufwachens und Einschlafens abspielt. Ich habe ja unter den charakteristischen Beispielen dieses angeführt — Sie erinnern sich daran —, wie ein Student träumt, daß zwei Studenten an der Türe eines Hörsaales stehen. Da sagt der eine etwas zu dem anderen, was nach dem Ding, das man Komment nennt, unbedingt Satisfaktion fordert. Es kommt zum Duell. Es wird alles lebendig geträumt, das Hinausgehen zum Duell, zuerst noch das Wählen der Sekundanten und so weiter, bis es zum Losschießen kommt. Er hört noch den Knall, aber es verwandelt sich der Knall sofort, indem er aufwacht, in den Schlag, den ein Stuhl, den er in diesem Momente umgeworten hat, gemacht hat. Also in diesem Momente wacht er ja schon auf. Dieser Fall des Stuhles hat den ganzen Traum ausgelöst. Der Traum verfließt also im Momente des Aufwachens, stellt sich nur so, da er seine eigene Zeit in sich hat, also nicht etwa die Zeit, die er dauern würde. Manche Träume dauern ja nach ihrer inneren Zeit so lange, daß man gar nicht so lange schläft, als man schlafen müßte, wenn der Traum die Zeit, die er in sich trägt, entsprechend dauern würde. Dennoch, der Traum steht in innigem Zusammenhange mit dem, was der Mensch innerlich erlebt, aber innerlich erlebt bis in seinen physischen Leib hinunter.

[ 11 ] Solche Dinge haben ja die Menschen der älteren Zeiten recht gut gewußt, und für eine gewisse Art von Träumen — Sie können das selbst in der Bibel lesen — sagten die alten Juden: Gott hat dich in deinen Nieren gestraft. — Man wußte also, daß mit der Funktion der Niere eine ganz bestimmte Art von Träumen zusammenhängt. Auf der anderen Seite brauchen Sie ja nur so etwas wie «Die Seherin von Prevorst» nachzulesen, und Sie werden finden, wie Menschen tatsächlich die Schadhaftigkeit ihrer Organe aus dem Traum beschreiben, Menschen, die besonders dazu veranlagt sind, so daß also irgendein krankhaftes Organ symbolisch in mächtigen Bildern zur Anschauung kommt, was dazu führen kann, daß dann sich neben dieses krankhafte Organ zugleich das Heilmittel hinstellt. In älteren Zeiten wurde dies sogar benützt, um in einer gewissen Beziehung den Kranken selbst dazu zu veranlassen, sein Heilmittel aus seiner eigenen Traumeserklärung anzugeben. Und dasjenige, was in dem Berechtigten des Tempelschlafes geübt wurde, muß nach dieser Richtung hin auch studiert werden.

[ 12 ] Wenn man dieses ganze Verhältnis des Traumes zu den äußeren Erlebnissen sich anschaut, muß man eben sagen: Der Traum protestiert gegen die Naturgesetze. Nach Naturgesetzen leben wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Der Traum kehrt sich nicht an diese Naturgesetze. Der Traum dreht gewissermaßen den Naturgesetzen eine Nase. Und das, was als Naturgesetze für die äußere physische Welt erforscht wird, ist nicht die Gesetzmäßigkeit des Traumes. Der Traum hat in sich einen lebendigen Protest gegen die Naturgesetze. Frägt man auf der einen Seite die Natur, was wahr ist, so antwortet sie in Naturgesetzen. Frägt man den Traum, was wahr ist, so antwortet er nicht in Naturgesetzen. Und derjenige, der nach den Naturgesetzen einen Traumverlauf beurteilt, wird eben sagen, der Traum lügt. In diesem gewöhnlichen Sinn lügt er ja auch. Aber er kommt heran, dieser Traum, an das Geistig-Übersinnliche im Menschen, wenn auch die Bilder des Traumes dem Unterbewußtsein, wie man abstrakt sagen kann, angehören, und man beurteilt ihn nicht richtig, wenn man nicht weiß, er kommt an die innere geistige Wirklichkeit des Menschen heran.

[ 13 ] Nun, das ist aber bereits etwas, was in unserer Zeit schwer zugegeben wird. Man will den Traum verabstrahieren. Man will ihn nur seiner Phantastik nach beurteilen. Man will nicht darauf sehen, daß man doch im Traume etwas vor sich hat, was mit dem Inneren des Menschen in einem Zusammenhang steht. Nicht wahr, wenn der Traum in einem gewissen Sinne mit dem Innern des Menschen in einem Zusammenhang steht und gegen die Naturgesetze protestiert, dann ist das ein Zeichen dafür, daß das Innere des Menschen selber etwas ist, was gegen die Naturgesetze protestiert.

[ 14 ] Ich bitte Sie, aufzufassen, daß dies ein gewichtiges Wort ist, daß, wenn man an den Menschen herankommt, sein Inneres eigentlich gegen die Naturgesetze protestiert. Denn was bedeutet das?

[ 15 ] Wenn heute die naturforscherische Denkungsweise aus dem, was draußen in der Natur ist, laboratoriumsgemäß die Naturgesetze beobachtet, dann tritt diese naturforscherische Weltanschauung auch an den Menschen heran und behandelt ihn so, wie wenn sich die Naturgesetze in ihm auch in seinem Inneren, ich möchte besser anschaulich sagen, im Innern seiner Haut fortsetzen würden. Das ist aber gar nicht der Fall. Diesem Innern steht der Traum mit seiner Verleugnung der Naturgesetze viel näher als die Naturgesetze; das menschliche Innere ist so, daß es eben nicht nach Naturgesetzen handelt und seine Tätigkeiten entfaltet. Dafür ist der Traum, der in gewissem Sinne in seiner Zusammenstellung ein Abbild dieses menschlichen Inneren ist, ein Zeugnis. Und für den, der dies versteht, ist es einfach so, daß er sagen muß, es ist eigentlich ein Unding, zu glauben, daß innerhalb des Herzens, der Leber, dieselben Gesetze herrschen wie äußerlich in der Natur. Zu der äußeren Natur gehört die Logik. Zu dem Innern des Menschen gehört der Traum, und wer den Traum phantastisch nennt, der soll nun auch gleich das menschliche Innere phantastisch nennen. Er kann das ja empfinden; denn wie dieses menschliche Innere verläuft zwischen Geburt und Tod hier im irdischen Leben, wo aus irgendeiner Ecke eine Krankheit auftaucht, aus einer anderen Ecke ein Wohlbefinden, das ist dem 'I’raum viel ähnlicher als der äußeren Logik. Aber unserer heutigen Denkweise fehlt ganz und gar diese Art, an das menschliche Innere heranzukommen, denn unsere heutige Denkweise ist ganz eingesponnen in dem, was man beobachtend in der äußeren Natur oder im Laboratorium vollführt. Man will durchaus das auch im menschlichen Inneren finden.

[ 16 ] In dieser Beziehung ist ja wirklich von einer großen Bedeutung, daß man zum Beispiel wissen lernt, wie die Art, wie heute oftmals dasjenige, was im Physischen des Menschen eine Rolle spielt, von der Wissenschaft behandelt wird. Man weiß, zum menschlichen Le ben gehört Eiweiß, gehören Fette, gehören Kohlehydrate und gehören Salze — im wesentlichen natürlich. Das weiß man. Was tut nun die Wissenschaft? Sie analysiert das Eiweiß, findet darin soundso viel Sauerstoff, soundso viel Stickstoff, soundso viel Kohlenstoff prozentual; sie analysiert die Fette, die Kohlehydrate und so weiter. Man weiß jetzt, wie viel da in allem drinnen ist. Aber Sie lernen aus einer solchen Analyse niemals, welchen Einfluß zum Beispiel die Kartoffel in der europäischen Kultur gespielt hat. Es ist auch wenig die Rede von diesem Einfluß der Kartoffelnahrung auf die europäische Kultur, denn aus dieser Analyse, wo Sie einfach finden, wie anders Kohlenstoff, Stickstoff und so weiter verteilt sind in dem einen Nahrungsmittel und in dem andern, finden Sie niemals heraus, warum zum Beispiel Roggen vorzugsweise durch die Kräfte des Unterleibes verdaut wird, dagegen die Kartoffel bis ins Gehirn herauf Kräfte zu ihrer Verdauung in Anspruch nimmt, so daß der Mensch, wenn er übermäßig Kartoffel ißt, sein Gehirn dazu verwenden muß, die Kartoffel zu verdauen, daher ihm etwas von der Gehirnkraft verlorengeht für das Denken.

[ 17 ] Gerade an solchen Dingen merkt man, wie weder die heutige materialistisch gesinnte Wissenschaft noch die mehr theologisch gefärbten Anschauungen an die Wahrheit herankommen. Die Wissenschaft beschreibt die Nahrungsmittel ungefähr so, wie wenn ich eine Uhr beschreiben wollte, und nun fange ich an: Das Silber wird im Silberbergwerk gewonnen; das macht man so und so. Dann lädt man das Silber auf, man verfrachtet es in die Städte und so weiter. Aber man macht halt beim Uhrmacher. In dessen Werkstätte schaut man nicht mehr hinein. Dann, nicht wahr, beschreibt man vielleicht das Zifferblatt aus Porzellan, wie das Porzellan fabriziert wird. Wiederum macht man halt vor der Werkstätte des Uhrmachers. So verfährt die heutige Wissenschaft mit den Nahrungsmitteln. Sie analysiert sie. Damit sagt sie etwas, was eigentlich für die Bedeutung der Nahrungsmittel im menschlischen Organismus gar nichts gibt, denn es ist ein großer Unterschied, trotz aller Analyse, ob man von irgend etwas die Frucht genießt, zum Beispiel von Roggen oder Weizen, oder ob man die Knollen genießt, wie bei den Kartoffeln.

[ 18 ] Knollen fügen sich in den menschlichen Organismus ganz anders ein als die Früchte, als die Samen. So kann man wirklich sagen, diese heutige Denkweise durchschaut gar nicht mehr das materielle Dasein. Daher ist der Materialismus diejenige Weltanschauung, die die Materieinihren Wirkungen gar nicht kennt. Da muß schon die Geisteswissenschaft hineinleuchten, damit man die Materie kennenlernt. Deshalb sagen die materialistisch wissenschaftlich Gesinnten: Die Anthroposophie ist phantastisch geistig. Und diejenigen, die Theosophie oder Theologie haben und stehenbleiben wollen beim abgezogenen Geist, der niemals zum wirklichen Schaffen kommt, bei dem es niemals so weit kommt, daß er nun wirklich zeigt, wie er eingreift als Geist in die materiellen Wirkungen, die sagen, die Anthroposophie ist matersalistisch, weil sie ihre Erkenntnisse bis zu der Materie hinbringt.

[ 19 ] Und so wird man eigentlich angegriffen von zwei Fronten her, sowohl von denen, die alles ideell abstrakt behandeln, wie von denen, die alles materiell behandeln. Aber die einen, die alles ideell abstrakt behandeln, lernen den Geist nicht kennen, und die anderen, die alles materiell behandeln, lernen die Materie nicht kennen. Auf diese Weise bildet sich heute immer mehr und mehr eine Denkweise heraus, die an den Menschen gar nicht heran kann.

[ 20 ] Nun hat sich aber eigentlich doch in der letzten Zeit innerhalb unserer geistigen Entwickelung etwas sehr Merkwürdiges zugetragen. Die Menschen können nicht mehr anders, als wenigstens die Nachtseiten des geistigen Lebens zuzugeben, wenn sie nicht ganz bockbeinig sein wollen. Und es ist ein charakteristisches Denkmal für die Art und Weise, wie so ganz in die Naturwissenschaft eingesponnene Menschen sich dann verhalten, wenn sie diese dunklen Gebiete des geistigen Lebens betreten, oder noch etwas anderes ich werde es gleich erwähnen — doch nicht ableugnen können.

[ 21 ] Ein denkwürdiges Beispiel dafür ist ja das Buch von Ludwig Staudenmaier: «Die Magie als experimentelle Wissenschaft». Es ist fast so, wie wenn man sagen würde: Die Nachtigall als Maschine. Aber immerhin, es konnte als etwas ganz Charakteristisches dieses Buch in unserer Zeit geschrieben werden.

[ 22 ] Wie verfährt nun dieser Mann eigentlich? Das Eigentümliche an ihm ist, daß ihn sein Leben dazu getrieben hat, daß das Magische experimentell herangekommen ist durch ihn selbst. Er mußte eines Tages anfangen, das ergab, ich möchte sagen, ein dunkles Schicksal, mit sich selbst zu experimentieren. Er konnte nicht leugnen nach manchem, was er erfahren hat, daß es zum Beispiel Schreibmedien gibt. Sie wissen, ich empfehle diese Dinge nicht und lege immer ihr Gefährliches dar; aber wenn nun da ist, was eben Schreibmedien tun, so kommt ja etwas höchst Merkwürdiges durch, wobei man wiederum sehr kritisch eben Wahrheit von Irrtum sondern muß. Nun ja, dieses Schreiben von Dingen, die der Mensch selber in dem Augenblick, wo er sie schreibt, nicht im Kopfe hat, dieses mediale Schreiben wurde für Staudenmaier ein experimentelles Problem, und er fing an, nun selber den Bleistift anzusetzen, und siehe da, da kamen Dinge heraus, die er so niemals gedacht hatte. Er schrieb die kuriosesten Dinge. Denken Sie, es ist auch eine Überraschung, wenn man ganz naturwissenschaftlich denkt und den Bleistift in die Hand nimmt, sich selber zum Schreibmedium macht und nun glaubt, das wird nicht gehen. Nun aber bekommt dieser Bleistift plötzlich Kraft, führt die Hand, schreibt allerlei auf, worüber man höchst erstaunt ist. Das ist Staudenmaier passiert.

[ 23 ] Und was ihn am meisten überrascht hat, das ist, daß dieser Bleistift launisch wurde — so sagen ja die Leute —, wie der Traum launisch wird, ganz andere Dinge aufgeschrieben hat, als er gedacht hat. So scheint, aus den Zusammenhängen kann man das erkennen, der Bleistift einmal den Zwang auf die Handführung ausgeübt zu haben: Du bist ein Kohlkopf! und ähnliche schöne Dinge zu schreiben.

[ 24 ] Nun, das sind Dinge, die ganz gewiß der Herr nicht selber gedacht hat! Und nachdem solche Dinge sich gehäuft haben, immer wiederum der Bleistift die tollsten Dinge aufgeschrieben hat, hat Staudenmaier gefragt: Ja, wer ist denn das eigentlich, der da schreibt? — Nun antwortete es: Geister sind es, die da schreiben. — Das war nach seiner Ansicht wieder nicht wahr, denn Geister gibt es nicht für einen naturwissenschaftlich Denkenden. Wie sollte er jetzt sagen? Die Geister haben ihn angelogen, kann er ja nicht sagen, also sagt er: Sein Unterbewußtsein lügt fortwährend. Es ist eine fatale Geschichte, nicht wahr, wenn das Unterbewußtsein plötzlich zur Überzeugung kommt im Menschen selbst, daß man zum Beispiel ein Kohlkopf ist und das noch dazu aufschreibt, so daß es, wie man sagt im gewöhnlichen Leben, schwarz auf weiß dasteht.

[ 25 ] Aber er fuhr doch fort, sich so zu benehmen, wie wenn Geister sprechen würden. Und da fragte er sie, warum sie denn nicht die Wahrheit sagen. Da antworteten sie: Ja, das ist so unsere Art, wir sind eben solche Geister, die dich anlügen müssen; es liegt in unserem Charakter, wir müssen lügen.

[ 26 ] Das war außerordentlich charakteristisch. Nun beginnt da allerdings ein Gebiet, wo die Sache wirklich recht sengerig wird, denn wissen Sie, wenn sich auf diese Weise herausstellt, daß die Wahrheit nur da oben sitzt und da unten fortwährend gelogen wird, so gibt das natürlich einen unbehaglichen Zustand. Aber wenn man ganz in naturwissenschaftlicher Weltanschauung befangen ist, so kann man ja in einem solchen Falle gar nicht anders als dazu kommen, daß in einem selber dieser verlogene Kerl steckt.

[ 27 ] Dennoch kommt Staudenmaier zu der Ansicht: Niemals sprechen objektive geistige Wesenheiten, sondern immer nur das Unterbewußtsein. — In solche allgemeine Ausdrücke kann man ja alles zusammenfassen.

[ 28 ] Aber sehen Sie, charakteristisch ist es doch, daß diese Geister sich gar nicht haben angelegen sein lassen, Staudenmaiers Hand so zu führen, daß sie ihm etwa einen neuen mathematischen Beweis aufgeschrieben oder ein naturwissenschaftliches Problem gelöst hätten. Das ist eigentlich das besonders Charakteristische, daß sie immer etwas anderes sagten.

[ 29 ] Es ist schon alle Veranlassung dagewesen, daß Staudenmaier etwas aus dem Häuschen gekommen ist, und da fand sich dann ein ärztlicher Freund, der gab ihm den Rat, er soll auf die Jagd gehen. In solchen Anweisungen bestehen viele ärztliche Ratschläge. Ein besonders beliebter Ratschlag ist ja zum Beispiel manchmal in der Medizin, man soll heiraten. Dort war eben dieser Ratschlag, er soll auf die Jagd gehen, um etwas herauszukommen aus diesem verrückten Zeug, sich sozusagen zu Zerstreuen.

[ 30 ] Aber siehe da, trotzdem er nun, wie er genau beschreibt, auf die Elsternjagd ging, also immer nach Elstern auslugte, guckten von den Bäumen allerlei dämonische Gestalten herunter, nicht Elstern. Da saßen auf irgendeinem Zweig solche Dinge, wie etwas, das ein halber Kater und ein halber Elefant war und ihm allerlei Nasen drehte oder ihm die Zunge herausstreckte. Und guckte er vom Baume weg ins Gras, sah er nicht etwa Hasen, sondern auch allerlei phantastische Gestalten, die ihre Gaukeleien mit ihm trieben.

[ 31 ] So hatte nicht nur der Stift allerlei Zeug aufgeschrieben, sondern jetzt wurde auch das höhere Phantasievermögen in einer solchen Weise angeregt, daß sich nicht Elstern zeigten, sondern Dämonen, allerlei gespenstartiges Gezücht, also wieder erlogen. Eigentlich ist es wie im Traum, was er da sah, und es hätte passieren können, wenn sein Wille intakt geblieben wäre, daß er statt einer Elster so irgendeine Kanaille geschossen hätte, die halb Kater und halb Elefant gewesen wäre. Wenn sie heruntergefallen wäre, hätte sie sich sicher verwandelt, da wäre sie halb Laubfrosch und halb Nachtigall gewesen mit einem Teufelsschwanz, denn während des Herabfallens hätte sie sich schon verwandelt.

[ 32 ] Jedenfalls kann man sagen, diesem Experimentator rückte eine Welt, die sehr ähnlich ist der Welt des Traumes, an den Leib heran, und diese Welt ist auch ein Protest gegen den ganzen naturgesetzlichen Zusammenhang. Denn wie wäre der naturgesetzliche Zusammenhang gewesen? Nun, er hätte seine Flinte von der Schulter genommen, und nachdem er eine Elster geschossen, wäre unten eine Elster gewesen. Aber das alles zeigte sich nicht, sondern was ich Ihnen gekennzeichnet habe: wiederum ein Protest dieser Nachtseite der geistigen Welt, in die der Mann hineingestoßen war, gegen die Naturgesetzlichkeit. Und mindestens hätte sich der Mann doch selbst, wenn er beim Unterbewußten stehengeblieben wäre, sagen müssen: Wenn das alles da unten im Unterbewußten ist, dann protestiert mein Unterbewußtes gegen die Naturgesetze. — Denn was sagt ihm denn eigentlich dieses Unterbewußte? Ja, das zaubert ihm allerlei Dämonen vor und dergleichen, wie ich es beschrieben habe. Das sagt ihm etwas ganz anderes, als er sich über sich ausgedacht hat. Er müßte also mindestens daraus schließen: Wenn die Welt nur nach Naturgesetzen eingerichtet wäre, dann könnte es ja mein Inneres gar nicht geben, dann könnte ich als Mensch gar nicht existieren, denn wenn dieses Innere spricht, dann spricht es ganz anders als in Naturgesetzen. Zu dem Inneren des Menschen gehört also eine ganz andere Welt als diejenige Welt, über die die Naturgesetze ausgesponnen sind, eine Welt, die protestiert in ihrem Zusammenhange gegen die Naturgesetze.

[ 33 ] Das ist immerhin doch das einzig Interessante an diesem magischen Experimentator oder experimentierenden Magier, der vielen Leuten so außerordentlich imponiert hat. Das ist etwas, was uns zeigt, wie in der Tat auch auf andere Weise der Mensch zur Wahrnehmung einer solchen Welt kommen kann, wie es die sonst mehr oder weniger immer im Leben auftretende Traumeswelt in ihren Zusammenhängen ist.

[ 34 ] Und das führt schon dazu, durch eine richtige Anschauung über das gewöhnliche Leben anzuerkennen, daß einfach, weil der Mensch da ist, an die gewöhnliche, von Naturgesetzen durchsponnene Welt eine andere grenzt, die nicht von Naturgesetzen durchsponnen ist.

[ 35 ] Schaut man diese Dinge richtig an, so muß man sich eben sagen: Da ist die Welt von Naturgesetzen durchsponnen, die wir studieren. An diese grenzt eine andere Welt, die nichts mit den Naturgesetzen zu tun hat, darinnen herrschen ganz andere Gesetze. Man gelangt also, indem man in einer realen Weise in die Traumeswelt untertaucht, in eine Welt, wo die Naturgesetze aufhören. Daß der Mensch zunächst mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein phantastisch in dieser Welt wahrnimmt, rührt lediglich davon her, daß er nicht die Fähigkeit hat, die Zusammenhänge, die ihm da entgegentreten, zu erkennen. Die Phantastik trägt er hinein. Aber dasjenige, was da webt und lebt, ist eben eine andere Weltensphäre, in die der Mensch im Traum hinuntertaucht.

[ 36 ] Das führt uns unmittelbar in etwas anderes. Wenn man mit demjenigen redet, der ganz eingesponnen ist in die heute gebräuchliche Weltanschauungsrichtung, so sagt er: Ich studiere die Fallgesetze an dem fallenden Stein. Ich bekomme die Gesetze der Gravitation heraus. Dann gehe ich hinaus in die Welt und wende das auch auf die Sterne an. — Und es wird dann so gedacht: Hier ist die Erde, darauf finde ich die Naturgesetze, und da ist dann der Kosmos. Ich denke, Tafel 10 die Gesetze, die ich hier auf Erden gefunden habe, gelten auch für den Orionnebel oder für irgend etwas.

[ 37 ] Nun weiß jeder Mensch, daß ja zum Beispiel die Schwerkraft im Quadrat der Entfernung abnimmt, daß sie immer schwächer und schwächer wird, daß das Licht abnimmt, und ich habe schon gesagt: So nimmt auch die Wahrheit unserer Naturgesetze ab. Was wahr ist in bezug auf Naturgesetze auf unserer Erde hier, ist nicht mehr wahr da draußen im Weltenall. Das ist nur bis zu einer gewissen Entfernung wahr. Aber dadraußen im Weltenall beginnt außerhalb einer gewissen Weite dieselbe Gesetzmäßigkeit, die wir antreffen, wenn wir in den Traum untertauchen. Daher sollten die Menschen sich klar sein, wenn sie hinausblicken in den Orionnebel, dann müßten sie eigentlich, um den Orionnebel zu begreifen, nicht nach der experimentellen Methode physisch denken, sondern anfangen zu träumen, denn der Orionnebel zeigt seine Gesetzmäßigkeit nach Träumen.

[ 38 ] Man kann sagen, von solchen Dingen haben eigentlich die Menschen einmal das verschiedenste gewußt, und Ahnungen sind für die spätere Zeit noch geblieben, besonders bei den Denkern, die sich recht gut konzentrieren konnten.

[ 39 ] So war ein solcher Naturforscher, der allerdings nicht in der zweiten, sondern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt hat — er war der Lehrer Haeckels —, Johannes Müller. Er war ein solcher Mann, der sich wirklich immer konzentrieren konnte. Er lebte ganz in dem, was er gerade vornahm. Dadurch, daß man wirklich so leben kann, konzentriert in dem, was man gerade vornimmt, kommt man manchmal auf mehr darauf; es mag ja in mancher Beziehung, wie ich gleich erwähnen will, Schattenseiten haben. Johannes Müller wurde zum Beispiel einmal gefragt über irgend etwas während eines Sommerkurses, den er gehalten hat. Da sagte er: Das ist etwas, was ich nur während der Wintervorlesungen weiß, im Sommer nicht. — Er war im Sommer so sehr auf den Stoff seiner Soemmervorlesungen konzentriert, daß er ganz frei eingestand, das andere wisse er nur im Winter.

[ 40 ] Aber dieser Johannes Müller gestand zum Beispiel einmal das sehr Interessante, daß er wirklich lange Zeit Leichen zerschneiden kann, um auf etwas zu kommen; er kommt nicht darauf, er gelangt nicht in das hinein, was er eigentlich verstehen will. Aber es gelingt ihm manchmal, zu träumen von dem, was er erexperimentiert hat, und dann sieht er viel tiefer in die Sache hinein, dann gehen ihm die Sachen auf. — Es war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da konnte sich jemand noch solche Extravaganzen gestatten, selbst wenn er ein berühmter Naturforscher war.

[ 41 ] Also der Mensch kommt in eine ganz andere Welt, in eine ganz andere Gesetzmäßigkeit hinein, wenn er träumt. Und bei richtiger Erwägung muß vorausgesetzt werden, daß eigentlich, wenn man es so machen würde wie Johannes Müller, man über den Orionnebel nicht denken, wie man auf den Sternwarten oder in den astronomischen Anstalten denkt, sondern träumen müßte, dann würde man mehr davon wissen, als wenn man nachdenkt. Ich möchte sagen, das hängt ja damit zusammen, daß in Hirtenzeitaltern, wo die Hirten in der Nacht auf der Weide geschlafen haben, sie tatsächlich träumten über die Sterne, und da wußten sie mehr, als die Späteren wissen. Es ist wirklich wahr, es ist so.

[ 42 ] Kurz, ob wir in das Innere des Menschen hineingehen und uns der Traumeswelt nähern oder ob wir hinausgehen ins weite Weltenall, wir treffen, wie die Alten sagten, außerhalb des Tierkreises eine Welt der Träume.

[ 43 ] Und da sind wir an dem Punkt, wo wir verstehen können, was die Griechen meinten, die noch von solchen Dingen etwas wußten, wenn sie den Ausdruck «Chaos» gebrauchten. Ich habe über das Chaos schon alle möglichen Erklärungen gelesen, fand sie immer eigentlich weit weg von der Wahrheit. Denn was meinte der Grieche, wenn er von Chaos sprach? Er meinte die Gesetzmäßigkeit, von der man eine Ahnung kriegt, wenn man in den Traum sich vertieft, oder die man voraussetzen muß im äußersten Umkreise dieses Weltenalls. Diese Gesetzmäßigkeit, die nicht die Naturgesetzmäßigkeit, sondern eine andere ist, schrieb der Grieche dem Chaos zu. Ja, er sagte, das Chaos beginnt da, wo die Naturgesetzmäßigkeit nicht mehr zu finden ist, wo eine andere Gesetzmäßigkeit herrscht. Aus dem Chaos heraus ist die Welt geboren für den Griechen, das heißt aus einem solchen Zusammenhang, der noch nicht naturgesetzlich, sondern so ist wie der Traum oder so wie heute noch die Weltenweiten, im Sternbild des Orion der Jagdhund und so weiter. Da kommt man zunächst in eine Welt hinein, die sich dem Menschen wenigstens noch ankündigt in der phantastischen, aber lebendigen Welt der Traumesbilder.

[ 44 ] Nun aber ist es so, daß wenn hier die physisch natürliche Welt liegt, so gelangen wir gewissermaßen in eine zweite Strömung hinein, indem wir in die Träume untertauchen. Dann aber gelangen wir in eine dritte Strömung, die jenseits der Traumeswelt liegt, die gar nicht mehr eine Beziehung hat zu den Naturgesetzen unmittelbar. Die Traumeswelt protestiert in ihrer Bildhaftigkeit gegen die Naturgesetze. Bei dieser dritten Welt wäre es ganz unsinnig zu sagen, sie richte sich nach Naturgesetzen. Sie widerspricht vollends sogar kühnlich den Naturgesetzen, denn sie tritt auch an den Menschen heran. Während der Traum noch in der lebendigen Bilderwelt zum Vorscheine kommt, kommt diese dritte Welt durch die Stimme des Gewissens in der sittlichen Weltanschauung zunächst zum Vorschein.

[ 45 ] Wenn man so nebeneinander hat auf der einen Seite die Welt der Natur, auf der anderen Seite die Welt der Sittlichkeit, dann gibt es keinen Übergang. Aber der Übergang liegt in der Traumeswelt oder in der Welt, die der Experimentator auf dem Gebiete der Magie erlebt hat, wo ihm die Dinge etwas ganz anderes gesagt haben, als die naturgesetzlichen Zusammenhänge sind.

[ 46 ] Zwischen der Welt, die von Naturgesetzen durchwoben ist, und der Welt, aus der in uns einströmend unser Gewissen redet, liegt für das gewöhnliche Bewußtsein die Traumeswelt. Das aber führt unmittelbar dazu — weil dies zugleich die Wachwelt, dies die Traumeswelt, dieses die Schlafwelt ist —, daß uns dieses heranbringt an die Vorstellung, daß tatsächlich während des Schlafes die Götter zu dem Menschen sprechen von dem, was nicht natürlich, sondern sittlich ist, was dann dem Menschen bleibt als die Gottesstimme in seinem Inneren, wenn er aufwacht, als das Gewissen.

[ 47 ] Auf diese Weise schließen sich die drei Welten zusammen, und man begreift zweierlei: auf der einen Seite, warum die Traumeswelt protestiert gegen den Naturzusammenhang, und auf der anderen Seite, inwiefern diese Traumeswelt ein Übergang ist zu einer Welt, die dem gewöhnlichen Bewußtsein in ihrer Realität verborgen bleibt, zu der Welt, aus der auch die sittlichen Anschauungen kommen.

[ 48 ] Findet man sich dann in diese Welt hinein, dann findet man dort die weitere geistige Welt, die nicht mehr nach Naturgesetzen begriffen werden kann, sondern nach Geistgesetzen, während sich eben im Traume bunt durcheinandermischen Naturgesetze mit Geistgesetzen, Geistgesetze mit Naturgesetzen, weil die Traumwelt eine Übergangsströmung zwischen den beiden Welten ist.

[ 49 ] So haben wir von einer anderen Seite her beleuchtet, wie der Mensch sich eingliedert in die drei Welten.