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Human Nature, Human Destiny
and World Development
GA 226

20 May 1921, Oslo

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Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Man kann das Menschenwesen in der Gegenwart nicht voll beurteilen, wenn man nicht einen größeren Abschnitt ins Auge faßt, durch den hindurch sich die Menschen entwickelt haben. Denn wir müssen doch bedenken — das geht aus den übrigen Darstellungen der Anthroposophie hervor, geht auch aus den Darstellungen hervor, die ich in diesen Tagen hier schon gegeben habe —, unsere Seelen machen wiederholte Erdenleben durch, zwischen denen immer das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt liegt, so daß wir durch die verschiedensten Entwickelungsepochen der Menschheit mit unserer Seele da durchgegangen sind. Bedenkt man dieses, so muß man sich klar darüber sein, daß man das Menschenwesen ganz nur erfassen kann, wenn man einen größeren Zeitabschnitt berücksichtigt, in dem unsere Seelen wiederholt durch das Erdenleben durchgegangen sind.

[ 1 ] One cannot fully assess human beings in the present unless one takes into account the broader period of time through which humanity has developed. For we must bear in mind—as is evident from the other presentations of anthroposophy, and also from the presentations I have already given here in recent days—that our souls undergo repeated earthly lives, between which there is always the life between death and a new birth, so that we have passed through the most diverse epochs of human development with our souls. If we bear this in mind, we must be clear that we can fully comprehend the human being only by taking into account a broader span of time during which our souls have repeatedly passed through earthly life.

[ 2 ] Ich habe auch schon hier in Vorträgen in Kristiania über die aufeinanderfolgenden Entwickelungsperioden, wie sie dem Mysterium von Golgatha vorangegangen sind, wie sie auf dieses Mysterium von Golgatha folgen, gesprochen. Ich muß das heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte her tun. Die Menschheit hat im Laufe ihrer Entwickelung große Veränderungen durchgemacht. Das berücksichtigt man gewöhnlich viel zu wenig. Man denkt so leicht: Nun, der Mensch ist eben so und so, und wenn man in die Vergangenheit zurückschaut, so ist der Mensch im wesentlichen immer so gewesen. Man weiß, es hat eine Griechenzeit gegeben, eine ägyptische Zeit, es hat vorher andere Zeiten gegeben. Für die Zeiten, von denen man in dieser Weise spricht, denkt man, das Menschenwesen wäre eben immer ungefähr so gewesen wie heute. Man sieht hin auf Kulturentwickelungsimpulse, aber was die Hauptsache des Seelenlebens betrifft, so denkt man sich, wenigstens für die historischen Zeiten, die Menschen seien immer so gewesen wie heute. Allerdings, dann macht man eine große lange Pause in der rückwärtigen Betrachtung und kommt gewöhnlich zu dem Stadium, das man heute mit einer gewissen Vorliebe beschreibt, zu dem Stadium, wo der Mensch affenartig gewesen sein soll.

[ 2 ] I have also spoken here in Kristiania in lectures about the successive periods of development that preceded the Mystery of Golgotha and those that followed it. Today I must do so again from a certain perspective. Humanity has undergone great changes in the course of its development. This is usually given far too little consideration. It is all too easy to think: Well, human beings are simply this way or that way, and when one looks back into the past, human beings have essentially always been that way. We know there was a Greek era, an Egyptian era, and there were other eras before that. When speaking of these eras in this way, one assumes that human beings have always been more or less the same as they are today. People look at the impulses driving cultural development, but when it comes to the core of spiritual life—at least for historical times—they imagine that human beings have always been just as they are today. However, when one pauses for a long time in this retrospective view, one usually arrives at the stage that is described today with a certain fondness—the stage where human beings are said to have been ape-like.

[ 3 ] So wie man sich da die Menschenentwickelung vorstellt, war sie durchaus nicht. Um zu begreifen, wie sie sich verändert hat, wollen wir uns einmal vergegenwärtigen, daß in unserem Zeitalter für die ersten Lebensalter des Menschen eine verhältnismäßig große Abhängigkeit zwischen dem Seelisch-Geistigen, das sich in uns entwickelt, und dem Physisch-Leiblichen besteht.

[ 3 ] Human development was by no means as it is commonly imagined. To understand how it has changed, let us consider that in our age, during the early stages of human life, there is a relatively strong interdependence between the soul-spiritual aspects that develop within us and the physical-bodily aspects.

[ 4 ] Bedenken Sie nur einmal das erste Kindesalter bis zum Zahnwechsel hin und die große Veränderung, die jedem unbefangenen Beobachtenden auffallen muß, die ich auch hier öfters charakterisiert habe, die mit dem Menschen vorgeht, wenn er den Zahnwechsel durchmacht. Der Leib macht den Zahnwechsel durch, die ganze Seelenverfassung des Kindes wird eine andere. Dann wiederum ist eine Lebensepoche bis zur Geschlechtsreife. Wir wissen alle, daß mit der körperlichen Entwickelung in diesem Zeitalter auch die geistig-seelische in Abhängigkeit einhergeht. Und wir bemerken auch für das spätere Lebensalter bis in die Zwanzigerjahre hinein, wenn wir nur unbefangen genug dazu sind, die Abhängigkeit des seelisch-geistigen Wesens von dem Körperlichen, wenn auch heute in der Zeit der Jugendbewegung — wir sagen es ohne einen abträglichen Ton — gerade bei der Jugend von dieser Abhängigkeit nicht mehr stark und gern gesprochen wird. Man denkt natürlich, man ist, wenn man so das sechzehnte, siebzehnte Lebensjahr erreicht hat, eben eine junge Dame, ein junger Mann, vollentwickelt, und wenn man dann besondere geistige Fähigkeiten sich zuschreibt, schreibt man mit einundzwanzig Jahren Feuilletons. Aber jedenfalls, man möchte gern verwischen, daß für diese Lebensalter doch noch eine sehr starke Abhängigkeit des SeelischGeistigen vom Körperlichen vorhanden ist. Auf jeden Fall aber hört für den heutigen Menschen in einem gewissen Lebensalter diese Abhängigkeit doch mehr oder weniger auf. Der Mensch wird in den Zwanzigerjahren eben ein Erwachsener. Und dann fühlt er sich nicht mehr in der Weise von dem Körperlichen abhängig, wie sich abhängig fühlen müßte, wenn es diese Zustände mit vollem Bewußtsein durchmachte, das Kind vom Zahnwechsel, vom Heranreifen des Zahnwechsels, wiederum vom Heranreifen zur Geschlechtsteife und so weiter. Es war noch ein Gefühl in verhältnismäßig nicht weit zurückliegenden Zeitaltern von diesem Heranreifen des Menschen vorhanden, indem man deutlich unterschieden hat, daß der Mensch anders behandelt werden müsse, wenn er die sogenannte Lehrzeit durchmacht, die Gesellenzeit, und die Meisterzeit kam ja verhältnismäßig erst ziemlich spät.

[ 4 ] Just consider early childhood up to the time of tooth replacement and the profound change—which must be apparent to any impartial observer, and which I have often described here—that occurs in a person as they go through this process. As the body undergoes the change of teeth, the child’s entire mental and emotional state changes. Then comes another phase of life leading up to sexual maturity. We all know that during this period, mental and emotional development goes hand in hand with physical development. And we also observe, for the later years of life up into one’s twenties—if we are only open-minded enough—the interdependence of the soul-spiritual being on the physical, even though today, in the era of the youth movement—we say this without any derogatory tone—this interdependence is no longer spoken of strongly or readily, especially among young people. Naturally, people think that once they reach the age of sixteen or seventeen, they are simply a young woman or a young man, fully developed, and if they then attribute special intellectual abilities to themselves, they are writing feature articles by the age of twenty-one. But in any case, people would like to gloss over the fact that at these ages there is still a very strong dependence of the soul-spiritual on the physical. In any case, however, for people today, this dependence more or less ceases at a certain age. A person becomes an adult in their twenties. And then they no longer feel dependent on the physical in the way they would have to feel dependent if they were going through these stages with full consciousness—the child going through the change of teeth, the maturation of the change of teeth, and then the maturation toward sexual maturity, and so on. In relatively recent times, there was still a sense of this human maturation, in that a clear distinction was made: a person had to be treated differently while going through the so-called apprenticeship period, the journeyman stage, and the master stage—which, after all, came relatively late.

[ 5 ] Aber für den heutigen Menschen, wie gesagt, stimmt das durchaus, daß er von einem gewissen Lebensalter ab in seinem Seelisch-Geistigen sich nicht mehr stark abhängig fühlt von dem Körperlichen. Gewiß, man merkt, wenn man ein gewisses stattliches Alter schon erreicht hat, daß man dann wiederum abhängig wird von dem Körperlichen. Man merkt ja, wenn die Beine nicht mehr recht wollen, wenn Runzeln auftreten im Gesicht, wenn die Haare sich bleichen, daß da auch eine gewisse Abhängigkeit vom Körperlichen eintritt. Aber diesem schreibt man nicht einen wirklichen Parallelismus des Körperlichen und des Seelischen zu. Man fühlt halt, daß der Körper in seinen Kräften nachläßt, aber man fühlt, daß man im Geistig-Seelischen eigentlich doch mehr oder weniger unabhängig bleibt und bleiben müsse auch in unserem Zeitalter von diesem Körperlich-Physischen. Das war aber nicht immer so, sondern wenn wir in frühere Zeitepochen der Menschheitsentwickelung zurückgehen, dann finden wir, daß die Menschen bis in hohe Lebensalter hinauf so lebendig abhängig blieben von ihrem Körperlichen, wie heute das Kind vom Zahnwechsel, von der Geschlechtsteife abhängig ist in seinem Seelischen vom Körperlichen. Und wenn wir zurückgehen bis in die erste Epoche, die wir nicht äußerlich historisch, aber geisteswissenschaftlich verfolgen können als die Epoche der Menschheitsentwickelung nach der großen, gewaltigen atlantischen Katastrophe, durch die sich die Kontinente auf der Erde umgelagert haben, wenn wir in diese erste Epoche zurückgehen, die ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» die urindische genannt habe, da fühlte sich der Mensch, so wie das Kind vom Zahnwechsel, der Jüngling und die Jungfrau von der Geschlechtsreife abhängig vom Physisch-Leiblichen bis hinauf in das Lebensalter der Fünfzigerjahre. Das heißt, wie man die aufsteigende Wachstumsentwickelung heute in der Kindheit miterlebt, so erlebte man die absteigende Entwickelung im Seelisch-Geistigen mit. Und geradeso in den Fünfzigerjahten, da war es so, daß die Menschen, wenn sie in diesem Lebensalter ankamen, innerlich zu etwas heranreiften dadurch, daß sie einfach älter geworden sind, wie man zu etwas heranreift heute, wenn man die Geschlechtsreife erlangt hat. Und es war dies das Zeitalter, sieben-, achttausend Jahre vor dem Mysterium von Golgatha, wo der Mensch erwartungsvoll sein ganzes Leben hindurch auf dieses Älterwerden hinblickte, weil er sich sagte: Da offenbart sich mir einfach aus meiner körperlichen Beschaffenheit heraus etwas, was ich im früheren Lebensalter, bevor ich neunundvierzig, fünfzig Jahre alt werde, einfach nicht erfahren kann. — Es ist das, was in jener Zivilisation vorhanden war, etwas, was für den heutigen Menschen natürlich furchtbar schockant ist. Man stelle sich nur heute einmal einen Menschen vor, der da doch ganz sicher glaubt, wenn er die Zwanzigerjahre erreicht hat, ist er einfach ein gemachter Mensch. Man stelle sich vor, der soll nun warten, daß sich ihm einfach durch das Alter später etwas enthüllt, was man vorher nicht wissen kann, was man vorher nicht fühlen und empfinden kann!

[ 5 ] But for people today, as I said, it is certainly true that, from a certain age onward, they no longer feel strongly dependent on the physical in their soul-spiritual life. Of course, once one has reached a certain advanced age, one notices that one becomes dependent on the physical again. One does notice, after all, when the legs no longer cooperate, when wrinkles appear on the face, when the hair turns gray, that a certain dependence on the physical does set in. But one does not attribute to this a true parallelism between the physical and the soul-spiritual. One simply feels that the body’s strength is waning, but one feels that, in the spiritual-soul realm, one actually remains more or less independent—and must remain so—even in our age, from the physical-bodily realm. This was not always the case, however; if we go back to earlier epochs of human development, we find that people, even into old age, remained just as vitally dependent on their physical bodies as a child today is, in its psychological development, dependent on the physical aspects of teething and puberty. And if we go back to the first epoch—which we cannot trace externally through history but can trace through spiritual science as the epoch of human development following the great, violent Atlantean catastrophe that caused the continents on Earth to shift—if we go back to this first epoch, which I have called the “primordial Indian” in my *Outline of Esoteric Science* as the “primordial Indian” epoch, human beings felt—just as a child is dependent on the change of teeth, and adolescents on sexual maturity—that their physical and bodily development extended all the way up to the age of fifty. That is to say, just as we witness the upward growth and development in childhood today, so too did people experience the downward development in the soul-spiritual realm. And just as in one’s fifties, it was the case that when people reached this stage of life, they matured inwardly simply by growing older—just as one matures today upon reaching sexual maturity. And this was the age—seven or eight thousand years before the Mystery of Golgotha—when people looked forward with anticipation to this process of growing older throughout their entire lives, because they told themselves: “Something is simply revealed to me through my physical constitution that I simply cannot experience at an earlier age, before I turn forty-nine or fifty.” — This is what existed in that civilization—something that is, of course, terribly shocking to people today. Just imagine, for a moment, a person today who is absolutely convinced that once he reaches his twenties, he is simply a fully formed person. Imagine if he were now to wait for something to be revealed to him later, simply through the process of aging—something that cannot be known beforehand, something that cannot be felt or sensed beforehand!

[ 6 ] Durch die körperliche Beschaffenheit kam man nämlich dahin, in den Fünfzigerjahren schon etwas von dem zu fühlen, was man eine Loslösung des physischen Leibes von dem Seelisch-Geistigen nennen könnte. Man fühlte gewissermaßen immer mehr und mehr, wie sich das Leibliche näherte dem Leichnammäßigen. Man fühlte in diesem Fremdwerden des physischen Leibes, in diesem Entgegengehen des physischen Leibes den Erdenelementen gegenüber, man fühlte das Freiwerden des Seelisch-Geistigen. Und gerade indem man den Leib dann wie ein Kleid fühlte, empfand man das Verwandte des Leibes mit dem Erdigen, mit demjenigen, was einmal im Tode der Erde angehören wird. Man war gewissermaßen weniger erstaunt als heute, daß man den Leib einmal ablegen und den Erdenmächten übergeben muß, weil man diesen Prozeß des Ablegens des Leibes langsam und allmählich durchmachte. Das klingt paradox, weil man sich vorstellt, daß es schrecklich ist, seinen physischen Leib wie einen werdenden Leichnam an sich zu tragen. Aber so war das eben nicht, daß man ihn nur fühlte wie etwas, was unbequem ist, was gewissermaßen in eine Art von Fäulnis übergeht. Nein, man fühlte ihn als eine selbständige Hülle und Schale, die man aber durchaus trotz ihres Erdigwerdens lebenskräftig fühlte, aber schalenhaft, hüllenhaft wurde für diese Fünfzigerjahre der menschliche physische Leib. Dadurch aber erfuhr man etwas, einfach wegen dieser Beschaffenheit des Leibes, durch dieses Ähnlichwerden des Leibes mit dem Irdischen, was man heute nur durch abstrakte Wissenschaft erfahren kann. Man erfuhr zum Beispiel etwas über die innere Beschaffenheit der Metalle. Ein Mensch, der fünfzig Jahre alt war, hatte einen Instinkt für die Unterscheidung von Kupfer, Silber, Gold. Da fühlte er dann das Ähnliche dieser Metalle gegenüber seinem erdigwerdenden Organismus. Er fühlte anders gegenüber einem Bergkristall als gegenüber der Ackererde. Ein Mensch wurde weise in bezug auf die irdischen Verhältnisse dadurch, daß er alt wurde. Das beeinflußte die ganze Zivilisation. War man ein Kind, so sah man zu dem altgewordenen Menschen auf und sagte sich: Wenn ich so alt sein werde wie der, so werde ich weise sein; der ist weise. — Das begründete eine tiefe Verehrung und eine ungeheure Achtung vor dem Alter.

[ 6 ] Indeed, due to the nature of the physical body, people in the 1950s began to sense something of what might be called a detachment of the physical body from the soul-spiritual. In a sense, they felt more and more how the physical body was approaching a state akin to that of a corpse. In this alienation of the physical body, in this drawing of the physical body toward the earthly elements, one sensed the liberation of the soul-spiritual. And precisely by perceiving the body as a garment, one sensed its kinship with the earthly, with that which will one day, in death, belong to the earth. People were, in a sense, less astonished than we are today at the fact that one must eventually shed the body and surrender it to the forces of the earth, because they went through this process of shedding the body slowly and gradually. This sounds paradoxical, because one imagines that it is terrible to carry one’s physical body around as if it were a corpse in the making. But that was not the case; one did not merely feel it as something uncomfortable, something that, in a sense, was turning into a kind of decay. No, one felt it as an independent shell and covering, which—despite its becoming earthly—one still felt to be full of life; yet during these fifty years, the human physical body became shell-like and covering-like. Through this, however—simply because of the body’s nature, through this becoming similar to the earthly—one experienced something that today can only be experienced through abstract science. For example, one learned something about the inner nature of metals. A person who was fifty years old had an instinct for distinguishing between copper, silver, and gold. In doing so, they sensed the similarity of these metals to their own organism as it became more earthly. They felt differently toward a rock crystal than toward farmland soil. A person became wise with regard to earthly conditions simply by growing old. This influenced the entire civilization. As a child, one looked up to an elderly person and thought to oneself: When I am as old as that person, I will be wise; that person is wise. — This gave rise to a deep reverence and immense respect for old age.

[ 7 ] Jene Altersverehrung und Altersachtung war in diesen alten Zeiten der Menschheitsentwickelung bei einem gewissen Teile der Erde vorhanden, allerdings nicht auf dem Teil der Erde, wo dazumal die Menschen mit der zurücklaufenden Stirne gelebt haben, die heute von den Anthropologen ausgegraben werden, wo aber die Menschen gelebt haben, die schon eine hohe Zivilisation gehabt haben. In diesen Gegenden der Erde war die ganze Zivilisation mit einer wunderbaren Altersverehrung und Altersachtung verbunden. Und wir müssen uns fragen: Woher kam denn das, daß der Mensch so etwas an sich durchmachte? — Ja, das kam davon, daß der Mensch gerade weniger in seinem physischen Leibe dazumal lebte, als er heute lebt. Heute kriecht der Mensch, wenn er zwanzig Jahre alt ist, in seinen physischen Leib hinein, oder ist schon ganz in seinen physischen Leib hineingekrochen, macht alle Erlebnisse dieses physischen Leibes mit. Daher fühlt er sich identisch, eins mit seinem physischen Leibe. Womit man sich aber eins fühlt, dessen Schicksal erlebt man mit. Weil in jenen alten Zeiten die Menschen sich viel selbständiger in ihrem physischen Leibe fühlten, ihr Denken viel bildhafter war, ihr Fühlen wie ein innerliches Weben und Leben in Realität war, deshalb war ihnen von vornherein der physische Leib etwas, in dem sie wie in einer Hülle steckten. Und diese Hülle verhärtete sich gegen das Ende des Lebens zu in den Fünfzigerjahren, und der Mensch fühlte, indem dieser Leib mehr der Außenwelt gemäß sich entwickelte, wie dieser Leib nun ein Vermittler von Weisheitsinhalten über die Außenwelt wurde.

[ 7 ] That veneration and respect for old age existed in those early days of human development in certain parts of the world—though not in the regions where people with receding foreheads lived at that time, the remains of whom are now being excavated by anthropologists, but rather in the regions where people who had already attained a high level of civilization lived. In these regions of the Earth, the entire civilization was linked to a wondrous veneration and respect for old age. And we must ask ourselves: Where did this come from—that human beings underwent such a process within themselves? — Yes, it came from the fact that human beings lived less within their physical bodies back then than they do today. Today, when a person is twenty years old, they crawl into their physical body—or have already crawled completely into it—and experience everything that this physical body experiences. That is why they feel identical with, one with, their physical body. But whatever one feels at one with, one shares in its fate. Because in those ancient times people felt much more independent within their physical bodies, their thinking was much more pictorial, and their feeling was like an inner weaving and living in reality—that is why, from the very beginning, the physical body was for them something in which they were enclosed, as in a shell. And this shell hardened toward the end of life in one’s fifties, and as this body developed more in accordance with the external world, the person felt how this body now became a mediator of wisdom regarding the external world.

[ 8 ] Das war anders geworden, als die Menschheit dann, die zivilisierte Menschheit der damaligen Zeit, übertrat in das nächste Kulturzeitalter, das ich in meiner «Geheimwissenschaft» das urpersische genannt habe. Da konnten die Menschen diese Abhängigkeit ihres physischen Leibes von dem Irdischen in den Fünfzigerjahren nicht mehr empfinden. Aber dafür empfanden sie noch in den Vierzigerjahren, vom etwa zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre bis zum neunundvierzigsten, fünfzigsten Lebensjahre eine andere Beeinflussung durch das Älterwerden ihres physischen Leibes. Sie machten nämlich in dieser Zeit in einer intensiven Weise den Jahreslauf mit. Sie fühlten an ihrem Leibe Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ihr Leib bekam ein sprießendes, sprossendes Wesen im Frühling, Sommer, bekam wiederum ein Wesen des Niederganges im Herbst und im Winter. Der Mensch lebte den Jahreslauf mit, die Luftänderungen. Und mit diesem Wahrnehmen der Luftänderungen, des Jahreslaufes war etwas anderes verbunden. Der Mensch fühlte dadurch, wie sein Sprechen etwas wurde, was eigentlich nicht mehr ihm gehörte. So wie man in den Fünfzigerjahren früher gefühlt hat, daß einem eigentlich der ganze physische Leib nicht mehr gehört, daß er mehr oder weniger der Erde gehört, so fühlte man in der urpersischen Zivilisationsepoche, wie der Leib eigentlich auch mit dem, daß er die Sprache hervorbringt, dem umliegenden Volke angehört, der Umgebung angehört. Der Angehörige der urindischen Kultur, wenn er fünfzig Jahre alt geworden war, sagte gar nicht mehr: Ich gehe —, wenn er seine eigene Empfindung aussprach, sondern er sagte: Mein Leib geht. Er sagte nicht: Ich gehe zur Türe herein —, sondern er sagte: Mein Leib trägt mich zur Türe herein. — Denn er empfand seinen Leib als etwas der Außenwelt Verwandtes, der Erde Verwandtes. Und der Angehörige dieser persischen späteren Zivilisation im fünften, sechsten Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha, fühlte, daß die Sprache sich selber spricht, daß sie etwas ist, was er mit seiner ganzen Umgebung gemein hat. Man lebte dazumal nicht so international, sondern viel mehr im Volksgefüge darinnen, über die ganze Erde hinüber. Man fühlte, wie einem die Sprache fremd wurde, wie gewissermaßen: Es spricht in einem — gesagt werden konnte, wenn man seine wirklichen Empfindungen ausdrückte.

[ 8 ] This had changed when humanity—the civilized humanity of that time—entered the next cultural epoch, which I have called the “Proto-Persian” in my *Secret Science*. By the 1950s, people could no longer sense this dependence of their physical bodies on the earthly realm. Instead, however, they still felt a different influence from the aging of their physical bodies during their forties—from around the ages of forty-two or forty-three down to forty-nine or fifty. For during this time, they experienced the cycle of the years in an intense way. They felt spring, summer, fall, and winter in their bodies. Their bodies took on a sprouting, budding quality in spring and summer, and in turn took on a quality of decline in fall and winter. People lived through the cycle of the seasons and the changes in the air. And connected to this perception of the changes in the air and the cycle of the seasons was something else. Through this, people sensed how their speech became something that no longer truly belonged to them. Just as people in the 1950s used to feel that their entire physical body no longer truly belonged to them—that it belonged, more or less, to the earth—so, in the era of ancient Persian civilization, people felt that the body, through the very act of producing speech, actually belonged to the surrounding people and to the environment. A member of the ancient Indian culture, upon reaching the age of fifty, no longer said, “I am going—” when expressing his own feelings, but rather said, “My body is going.” He did not say, “I am walking through the door—” but rather, “My body is carrying me through the door.” — For he perceived his body as something akin to the external world, akin to the earth. And the member of this later Persian civilization in the fifth and sixth millennia before the Mystery of Golgotha felt that language speaks for itself, that it is something he shares with his entire surroundings. People in those days did not live in such an international way, but rather within the fabric of their people, across the entire earth. One felt how language became foreign to one, how, in a sense, it could be said: “It speaks within me”—when one expressed one’s true feelings.

[ 9 ] Und wirklich war es so, wenn die Leute die Vierzigerjahre erreicht hatten, dann drückten sie in einem gewissen Sinne aus, ich möchte sagen, seht respektvoll: Göttlich-geistige Mächte sprechen durch mich. — Der Mensch fühlt auch so, als ob ihm sein Atem selber nicht mehr angehört, als ob er ganz der Umgebung hingegeben wäre. Und in den letzten Dreißigerjahren fühlte man in einer solchen ähnlichen Weise in der ägyptisch-chaldäischen Kultur, die vom 3., 4. Jahrtausend bis in das 8., 9. vorchristliche Jahrhundert reichte —, so gegenüber seinen Gedanken, gegenüber seinen Vorstellungen. Nur fühlte man diese Vorstellungen, wenn das fünfunddreißigste Jahr herankam, wie wenn sie mit den Himmelsmächten, mit den Sternengängen verbunden wären.

[ 9 ] And indeed, once people reached their forties, they expressed—in a certain sense, I would say, quite respectfully—that divine-spiritual powers were speaking through them. — A person also feels as if even their own breath no longer belongs to them, as if they were entirely surrendered to their surroundings. And in the late 1930s, people felt in a similar way toward the Egyptian-Chaldean culture—which spanned from the 3rd 4th millennium to the 8th and 9th centuries B.C. — one felt this way toward one’s thoughts and ideas. Only, as one approached the age of thirty-five, one felt these ideas as if they were connected to the heavenly powers and the movements of the stars.

[ 10 ] Wie der Urinder seinen Leib am Ende seines Lebens verbunden fühlte mit der Erde, der Urperser seine Sprache, seinen Atem verbunden fühlte mit dem Jahreslauf, mit der Umgebung, so fühlte der Angehörige der älteren ägyptischen, der Angehörige der alten chaldäischen Kultur, wie sein Denken von dem Sternenlauf dirigiert wurde. Und in die Gedanken herein fühlte er göttliche Sternenmächte spielen.

[ 10 ] Just as the ancient Indian felt his body connected to the earth at the end of his life, and the ancient Persian felt his language and his breath connected to the cycle of the year and to his surroundings, so too did the members of the ancient Egyptian and ancient Chaldean cultures feel that their thinking was guided by the movement of the stars. And he sensed divine stellar powers at work within his thoughts.

[ 11 ] Nun war es aber so, daß in der ägyptisch-chaldäischen Kultur der Mensch bis so zu seinem zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre diese Abhängigkeit seiner Gedanken von den Himmelsmächten fühlte. Dann trat für ihn nicht mehr etwas ein, was ihm neu war im menschlichen Lebenslauf. Das aber hatte auch schon der Urperser, daß er sein Denken wie von den Sternen ihm eingegeben fühlte; dazu bekam er in den Vierzigerjahren dann dieses Verhältnis zur Sprache, das ich geschildert habe. Und ebenso hatte der Urinder vom fünfunddreißigsten Jahre an das Verhältnis zu den Sternenmächten. Daher war ihm die Astrologie etwas Selbstverständliches. Er bekam nur dazu in den Vierzigerjahren die Abhängigkeit der Sprache von der Umgebung. Und er bekam dazu in den Fünfzigerjahren das ganze Objektivwerden des physischen Leibes, das Schattenhaftwerden des physischen Leibes. Er gewöhnte sich gewissermaßen an das Sterben, weil das Sterben schon in den Fünfzigerjahren an ihn herantrat. Die Seele war nicht so verknüpft mit dem Leibe. Daher traten durch die äußeren Verhältnisse diese Veränderungen mit dem Leibe ein. Und das wurde wieder die Seele gewahr, das nahm die Seele wahr, erlebte die Seele mit. Dadurch lebte sich der Mensch, indem er älter und älter wurde, immer mehr und mehr in die Welt hinein.

[ 11 ] Now, in Egyptian-Chaldean culture, a person felt this dependence of his thoughts on the celestial powers until he was about forty-two or forty-three years old. After that, nothing new occurred in the course of his human life. The ancient Persians, too, felt that their thinking was inspired by the stars; in addition, in their forties, they developed the relationship to language that I have described. And in the same way, the ancient Indians had this relationship to the stellar powers from the age of thirty-five onward. Therefore, astrology was something natural to him. In his forties, he came to understand the dependence of language on its environment. And in his fifties, he experienced the physical body becoming entirely objective, the physical body taking on a shadow-like quality. He grew accustomed, so to speak, to dying, because death was already approaching him in his fifties. The soul was not so closely bound to the body. Therefore, these changes in the body occurred as a result of external circumstances. And the soul became aware of this again; the soul perceived it and experienced it. As a result, as the person grew older and older, he lived more and more deeply into the world.

[ 12 ] Nun kam die griechisch-lateinische Zeit heran, die ja dauerte vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis in das 15. nachchristliche Jahrhundert hinein, denn da waren noch immer — in den Jahrhunderten vor dem 15. nachchristlichen Jahrhundert — die Nachklänge der griechisch-lateinischen Kultur in den zivilisierten Gegenden. Da war das Zeitalter herangerückt, wo der Mensch sich noch fühlte — wir machen uns heute nach der landläufigen Historie, die wir als eine vollständig unzulängliche Historie in der Schule aufnehmen, von diesen Veränderungen in der Menschheitsentwickelung gar keinen Begriff bis in die Dreißigerjahre hinauf abhängig von seinem physischen Leibe. Aber er fühlte sich jetzt, wenn wir zum Beispiel zum alten Griechen zurückschauen, nicht mehr abhängig von den Sternen, von dem Jahreslauf, nicht mehr abhängig von der Erde, aber er fühlte sich ganz in seinem physischen Leibe noch darinnenstecken. Der Grieche fühlte einen Einklang, eine Harmonie zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Physisch-Leiblichen, nur sonderte sich das PhysischLeibliche nicht mehr von ihm ab. Da kam die Zeit heran, wo der Mensch so mit seinem physischen Leibe verbunden wurde, daß er nicht mehr dem physischen Leibe es überließ, den Weltenlauf in seiner geistigen Gesetzmäßigkeit mitzumachen, wo der Mensch ganz und gar mit seinem physischen Leibe verbunden war. Diese Zeit trat für die Menschheit erst mit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert ein.

[ 12 ] Now came the Greco-Latin era, which lasted from the 8th century B.C. well into the 15th century A.D., for even then—in the centuries preceding the 15th century A.D.—the echoes of Greco-Latin culture could still be heard in the civilized regions. That was the era when human beings still felt—according to the conventional history we learn in school, which we recognize as a completely inadequate account—that they were dependent on their physical bodies right up until the 1930s, with no concept whatsoever of these changes in human development. But now, if we look back, for example, at the ancient Greeks, they no longer felt dependent on the stars or the course of the year, nor on the earth; yet they still felt themselves completely embedded within their physical bodies. The Greeks felt a harmony between the soul-spiritual and the physical-bodily, only the physical-bodily no longer separated itself from them. Then came the time when human beings became so bound to their physical bodies that they no longer allowed the physical body to participate in the course of the worlds according to its spiritual laws; human beings were now completely bound to their physical bodies. This era did not begin for humanity until the 8th century B.C.

[ 13 ] Das aber bewirkte einen großen Umschwung in der ganzen Menschheitsentwickelung, insofern die zivilisierte Menschheit in Betracht kommt. Der Mensch fühlte sich, wenn so die Dreißigerjahre herankamen, zwar eins mit seinem physischen Leibe, aber der physische Leib sonderte sich nicht mehr ab. Er fühlte sich verbunden mit ihm. Der physische Leib verriet ihm keine Weltengeheimnisse mehr. Das hatte zur Folge, daß das Menschengeschlecht gerade in diesem Zeitalter ein ganz neues Verhältnis zum Tode gewann. In der Zeit, wo der Mensch gewissermaßen durch die Absonderung seines physischen Leibes sich auf das Sterben vorbereitete, war dieses Sterben für ihn bloß eine Verwandlung im Leben, denn er lernte in den Fünfzigerjahren das allmähliche Sterben kennen. Er empfand es als etwas, was gerade weisheitsvoll in das Weltenall sich hineinlebte. Er empfand den Tod als etwas, was ihn in die Welt hineinführte, in die er sich schon hineingelebt hatte während des Erdenlebens. Der Tod war etwas ganz anderes, als er es später geworden ist. Man möchte sagen: Immer mehr und mehr trat an den Menschen das heran, daß das Seelisch-Geistige das Sterben mitmachte.

[ 13 ] This, however, brought about a major turning point in the entire development of humanity, as far as civilized humanity is concerned. As people approached their thirties, they felt at one with their physical body, yet the physical body no longer separated itself from them. They felt connected to it. The physical body no longer revealed the secrets of the world to them. As a result, the human race developed an entirely new relationship to death precisely during this era. In the time when human beings, so to speak, prepared for death through the separation from their physical bodies, this dying was for them merely a transformation within life, for in their fifties they came to know the process of gradual dying. They experienced it as something that wisely integrated itself into the universe. They experienced death as something that led them into the world into which they had already lived themselves during their earthly life. Death was something entirely different from what it later became. One might say: More and more, people came to realize that the soul-spiritual aspect was participating in the process of dying.

[ 14 ] Vergleichen Sie nur einmal die Griechenzeit mit der urindischen Zeit. Mit der urindischen Zeit machte sich der Leib selbständig. Der Mensch wußte: Ich bin noch etwas außer meinem selbständig schalenhaft gewordenen Leibe. — Er konnte gar nicht auf den Gedanken kommen, daß der Tod irgend etwas wie ein Ende sei im Leben. Diesen Gedanken gab es während der urindischen Zeit gar nicht im Menschenleben der Erde. Nach und nach erst, und am stärksten im 8. vorchristlichen Jahrhundert, sagte sich der Mensch, er sagte es sich unbewußt in der Empfindung, rationalistisch denken konnte er allerdings über diese Dinge nicht, aber im Empfindungsleben, da war es vorhanden, daß er sich sagte: Mein Körper stirbt, aber ich bin ja mit meinem Seelisch-Geistigen eins mit meinem Leibe. — Er merkte keinen Unterschied mehr des Leiblichen vom Seelisch-Geistigen.

[ 14 ] Just compare the Greek era with the Proto-Indian era. In the Proto-Indian era, the body became independent. Human beings knew: “I am still something beyond my body, which has become an independent shell.” — It never even occurred to them that death might be anything like an end to life. This idea did not exist at all in human life on Earth during the primordial Indian era. Only gradually—and most strongly in the 8th century B.C.—did human beings say to themselves—they said it unconsciously in their feelings; they could not, of course, think rationally about these things, but in their emotional life, it was present—that they said to themselves: My body dies, but I am, after all, one with my body through my soul and spirit. — They no longer perceived any distinction between the physical and the soul-spiritual.

[ 15 ] Es kam über die Menschen der Gedanke, der in der ersten Zeit, als er auftrat, ich möchte sagen, aus dunklen Geistestiefen in der Menschheit im 9., im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha etwas Furchtbares hatte. Es kam der Gedanke an die Menschen heran: Könnte denn nicht meine Seele denselben Weg machen, nämlich sterben, wie mein Leib stirbt?

[ 15 ] A thought occurred to people—one that, when it first arose, I would say, from the dark depths of the human spirit in the 9th and 8th centuries before the Mystery of Golgotha, had something terrible about it. The thought occurred to people: Could my soul not follow the same path—that is, die—as my body dies?

[ 16 ] Dieser für die urindische Epoche ganz unmögliche Gedanke, der kam immer mehr und mehr herauf, je mehr sich das letzte Jahrtausend der Menschheitsentwickelung dem Mysterium von Golgatha näherte. Und aus dieser Stimmung ist so etwas hervorgegangen wie das berühmte griechische Wort, das Wort der griechischen Helden: Lieber ein Bettler in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten. — Denn der Grieche fühlte wenigstens, daß das Leben erstarkt, auch das seelische Leben erstarkt mit dem körperlichen Leben. Das war die Zeit, in der jene Menschheitsstimmung heranreifte, die in der richtigen Weise dem Mysterium von Golgatha entgegenwuchs. Denn woher rührte denn jene Kraft in der Frischhaltung des Seelenwesens, die den alten Menschen den Gedanken unmöglich machte, daß die Seele denselben Todesweg gehen könnte, den der Leib geht? Es machte diese Seelenfrische, diese Seelenunabhängigkeit in der Empfindung für den Menschen das aus, daß der Mensch in jenen alten Zeiten wußte, ich habe ein Leben gehabt, denn er schaute in dieses Leben hinein, das ein vorirdisches Leben war, das ich seelisch-geistig durchgemacht habe, bevor ich heruntergestiegen bin in die physische Erdenwelt. In dieser Welt, in der ich da oben war, war ich verbunden mit dem hohen Sonnenwesen.

[ 16 ] This idea—which was entirely inconceivable during the primordial Indian epoch—came to the fore more and more as the last millennium of human development drew closer to the Mystery of Golgotha. And out of this mood emerged something like the famous Greek saying, the saying of the Greek heroes: “Better to be a beggar in the upper world than a king in the realm of shadows.” — For the Greeks at least felt that life grows stronger, and that spiritual life grows stronger along with physical life. That was the time when that human mood matured, one that grew in the right way toward the Mystery of Golgotha. For where did that power come from—the power to keep the soul fresh—which made it impossible for the ancient people to conceive that the soul could follow the same path of death as the body? It was this freshness of the soul, this independence of the soul in feeling, that made it possible for people in those ancient times to know, “I have had a life,” for they looked into that life—which was a pre-earthly life—that they had lived through soul- and spirit-wise before descending into the physical world of the earth. In that world where I was up there, I was connected to the high solar being.

[ 17 ] Und die alten Mysterien bildeten ihre Lehre dahingehend aus, daß der Mensch im vorirdischen Dasein mit dem Geiste der Sonne verbunden ist, wie im irdischen Leben der Leib des Menschen mit dem physischen Lichte der Sonne verbunden ist. Und die Mysterienlehrer sagten ihren Schülern, und diese sagten es wieder der übrigen Menschheit — sie nannten das hohe Sonnenwesen noch nicht den Christus, aber es war der Christus, wir können daher heute dieses Wort gebrauchen: Der Christus ist ein Wesen, das niemals zur Erde heruntersteigt. Aber ihr wart, bevor ihr auf die Erde heruntergestiegen seid, in der Gemeinschaft des Christus oben in den geistigen Welten im vorirdischen Dasein. Und die Kraft dieses Christus hat euch die Fähigkeit gegeben, unabhängig zu halten eure Seele von dem Leiblichen.

[ 17 ] And the ancient mysteries formulated their teaching to the effect that, in pre-earthly existence, the human being is connected to the spirit of the sun, just as, in earthly life, the human body is connected to the physical light of the sun. And the mystery teachers told their disciples, and they in turn told the rest of humanity—they did not yet call this exalted solar being “Christ,” but it was the Christ; we can therefore use this word today: The Christ is a being who never descends to Earth. But before you descended to Earth, you were in the company of the Christ up in the spiritual worlds during your pre-earthly existence. And the power of this Christ has given you the ability to keep your soul independent of the physical body.

[ 18 ] Diese instinktive Erinnerung an ein vorirdisches Dasein ging verloren, indem der Mensch sich immer mehr und mehr identisch mit seinem Leibe fühlte. Und im Griechenzeitalter war für den Erdenmenschen eigentlich nur noch der Anblick des irdischen Lebens für seine instinktiven Bewußtseinsmächte da. Der Grieche lebte gerade dadurch dieses harmonische Erdendasein, daß ihm der Ausblick in die Himmelswelten des Geistes entschwunden war. Der Grieche erlangte so viel in der Bezwingung des Sinnlich-Physischen, daß ihm das Geistige mehr oder weniger aus dem Lebenshorizonte verschwunden war. Nicht mehr war da das Bewußtsein für die Menschen der zivilisierten Gegenden: Wir waren, bevor wir heruntergestiegen sind, in Gegenwart des hohen Sonnenwesens, das man später den Christus nannte. — Dunkel war es, wenn man auf den vorgeburtlichen, auf den vorirdischen Zustand hinschaute. Und das Rätsel des Todes trat auf.

[ 18 ] This instinctive memory of a pre-earthly existence was lost as human beings came to identify more and more with their physical bodies. And in the Greek era, for earthly human beings, the sight of earthly life was, in fact, all that remained for their instinctive powers of consciousness. It was precisely because the Greeks had lost their view into the heavenly realms of the spirit that they were able to live this harmonious earthly existence. The Greeks achieved so much in mastering the sensory-physical realm that the spiritual had more or less vanished from their horizon of life. Gone was the awareness held by people in civilized regions: “Before we descended, we were in the presence of the high solar being whom people later called Christ.” — It was a mystery when one looked back at the pre-birth, pre-earthly state. And the mystery of death arose.

[ 19 ] Dasjenige, was nun geschah, müssen wir nicht bloß als eine Menschheitsangelegenheit betrachten, sondern wir müssen es als eine Götterangelegenheit betrachten. Die göttlich-geistigen Mächte, die den Menschen auf die Erde herabgesendet haben, haben ihm die Impulse dieser Entwickelung gegeben, die ich eben geschildert habe. Denn dadurch, daß der Mensch immer mehr und mehr in bezug auf sein Geistig-Seelisches mit dem physischen Leibe zusammenwuchs, sozusagen sein Geistig-Seelisches identifizierte mit dem physischen Leibe, so daß das Rätsel des Todes auch für das Geistig-Seelische herantrat, dadurch drohte für die göttlich-geistigen Mächte, die den Menschen auf die Erde heruntergeschickt haben, daß diesen Göttern der Mensch verlorengehen könne, daß er nach und nach auch seelisch mit seinem Leibe sterben könne.

[ 19 ] What happened then must not be regarded merely as a matter concerning humanity, but rather as a matter concerning the gods. The divine-spiritual powers that sent human beings down to Earth gave them the impulses for this development that I have just described. For as human beings became more and more intertwined with their physical bodies in terms of their spiritual and soul life—identifying, so to speak, their spiritual and soul life with the physical body—so that the mystery of death also came to affect the spiritual and soul life, this posed a threat to the divine-spiritual powers that had sent human beings down to Earth: that these gods might lose humanity, that human beings might gradually die in their soul as well as in their body.

[ 20 ] ‚Aber der Mensch wäre niemals ein freies Wesen geworden, ein unabhängiges Wesen, wenn er nicht in seinen Körper hineingewachsen wäre in diesen Zeiten. Frei konnte der Mensch in der Entwickelung nur dadurch werden, daß sich ihm der Blick nach dem Vorirdischen verdunkelte, daß er gewissermaßen ganz verlassen in dem Hause seines physischen Leibes einmal auf der Erde stehen konnte. Dadurch glänzte und leuchtete sein selbständiges Ich auf. Denn das Aufleuchten dieses selbständigen Ichs kann gerade dadurch kommen, daß man ganz und gar in seinen physischen Leib hineinwächst. Wenn man in geistig-seelische Welten hinaufwächst, dann tritt das Ich zurück, dann geht man in das objektiv Geistig-Seelische auf. Ein freies Ich-Wesen konnte der Mensch nur werden, wenn ihm die Impulse der Götter gegeben waren, zusammenzuwachsen immer mehr und mehr mit seinem physischen Leibe. Dann aber mußte das Rätsel des Todes einmal auftreten, weil der physische Leib dem Tode verfallen mußte. Wenn die Menschen nicht auf eine andere Weise den Ausblick erhalten hätten, dann wäre über die Menschen auf der Erde die Überzeugung immer mehr und mehr gekommen: Wir sterben hin mit unserem physischen Leibe auch als Seelen. — Und wir wären heute allerdings schon angekommen, wenn nun nichts anderes eingetreten wäre, wenn der geradlinige Fortlauf der Geschichte sich nur vollzogen hätte, bei der allmenschlichen Überzeugung, daß mit dem Leibe sich auch die Seele ins Grab legt.

[ 20 ] “But human beings would never have become free beings, independent beings, if they had not grown into their bodies during those times. Human beings could only become free in their development by having their view of the pre-earthly world darkened, so that they could, as it were, stand on Earth at last, entirely on their own in the house of their physical body. Through this, their independent “I” shone and glowed. For the shining forth of this independent “I” can come precisely through growing fully and completely into one’s physical body. When one ascends into the spiritual-soul worlds, the “I” recedes, and one merges into the objective spiritual-soul realm. Human beings could only become free “I”-beings if they were given the impulses of the gods to grow ever more closely together with their physical bodies. But then the mystery of death had to arise at some point, because the physical body was bound to succumb to death. If human beings had not gained this perspective in some other way, the conviction would have taken hold more and more among people on Earth: We perish along with our physical bodies, even as souls. — And we would indeed have arrived at that point by now, had nothing else intervened, had the straightforward course of history simply unfolded, with the universal human conviction that the soul, too, is laid to rest in the grave along with the body.

[ 21 ] Da beschlossen die göttlich-geistigen Mächte, das hohe Sonnenwesen, den Christus, auf die Erde herunterzuschicken, damit die Menschen, die nicht mehr ein Wissen von ihrer Gemeinschaft mit dem Christus im vorirdischen Dasein hatten, ein Bewußtsein von ihrer Gemeinschaft mit dem Christus haben können, der nun auf die Erde zu ihnen heruntergestiegen ist und ihr Menschenschicksal in dem Leibe des Jesus von Nazareth auf Golgatha und in Palästina überhaupt mitgemacht hat. Der Gott stieg herunter auf die Erdenwelt in dem Augenblicke der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit, wo die Menschen ihr Zusammengehörigkeitsgefühl für das Sonnenwesen jenseits der Erdenwelt verloren hatten.

[ 21 ] Then the divine-spiritual powers decided to to send the high solar being, the Christ, down to Earth, so that human beings—who no longer had any knowledge of their communion with the Christ in their pre-earthly existence—might gain an awareness of their communion with the Christ, who had now descended to Earth to be with them and had shared in their human destiny in the body of Jesus of Nazareth on Golgotha and in Palestine as a whole. God descended into the earthly world at that moment in the course of human history when people had lost their sense of belonging to the Solar Being beyond the earthly world.

[ 22 ] Warum kam der Christus auf die Erde herunter? Weil die Menschen ihn jetzt auf Erden brauchten, wo sie ihr Bewußtsein zum völligen Ich-Bewußtsein durchgerungen hatten, wo sie auf der Erde erfahren mußten, daß es den Sieger über den Tod gibt, daß es den Sieger gibt, der sterben kann und wieder auferstehen. Dieses Mysterium mußte in der Geschichte vor die Menschen in dem Zeitalter hingestellt werden, in dem die Menschen nicht mehr in das vorirdische Dasein hinaufschauen konnten, um da zu erschauen ihre Gemeinschaft mit dem Unsterblichkeitsgeber für die Menschen, mit dem Christus.

[ 22 ] Why did the Christ come down to Earth? Because people now needed him on Earth, where they had struggled to develop their consciousness to the point of full self-awareness, where they had to experience on Earth that there is a conqueror of death, that there is a conqueror who can die and rise again. This mystery had to be presented to humanity in history during the age when people could no longer look up to the pre-earthly existence to perceive there their communion with the Giver of Immortality to humanity, with the Christ.

[ 23 ] Es ist eine Götterangelegenheit, daß der Christus von den jenseitigen Welten auf die Erde heruntergeschickt worden ist, nicht eine bloße Menschheitsangelegenheit. Denn den Göttern wäre das Menschengeschlecht entsunken, wenn die Götter nicht einen ihrer Höchsten auf die Erde heruntergeschickt hätten, um mit den Menschen, mit dem Menschenschicksal und -sein in die ganze Menschen-Weltenentwickelung ein göttliches Ereignis mitten unter die irdisch-menschlichen Ereignisse einzuweben. Man begreift das Ereignis von Golgatha nicht, wenn man es bloß als ein menschliches Ereignis anschaut. Man begreift das Ereignis von Golgatha erst, wenn man es als eine Götterangelegenheit mitbetrachten kann, wenn man sieht, wie da etwas, was vorher nur in den göttlichen Welten geschaut worden ist, nun in der irdischen Welt geschaut werden konnte.

[ 23 ] The fact that Christ was sent down to Earth from the worlds beyond is a matter for the gods, not merely a matter for humanity. For the human race would have been lost to the gods if the gods had not sent one of their highest beings down to Earth to weave a divine event into the entire development of the human world—into human destiny and human existence—right in the midst of earthly, human events. One cannot understand the event of Golgotha if one regards it merely as a human event. One can only understand the event of Golgotha when one is able to view it as a divine matter, when one sees how something that had previously been seen only in the divine worlds could now be seen in the earthly world.

[ 24 ] Sie werden vielleicht jetzt den Einwand erheben: Ja, aber es sind doch nicht alle Menschen Bekenner Christi geworden, und viele glauben nicht an den Christus. Sind die nun in der Lage, zu meinen, ihre Seele lege sich mit dem Leibe sterbend ins Grab? — So dürfen wir das Ereignis von Golgatha nicht auffassen. Für alle die Jahrhunderte, die dem unsrigen vorangegangen sind, gilt es, daß der Christus in unendlicher gnadenvoller Barmherzigkeit nicht nur für diejenigen gestorben ist, die sich zu ihm bekennen, sondern für alle Menschen der Erde. Die Erlösung von dem Rätsel des Todes ist durch Christus für alle Erdenmenschen vollzogen worden. Das ist eine Angelegenheit, die zunächst mit dem menschlichen Bewußtsein nichts zu tun hatte. Es war nur natürlich, daß sich Menschen fanden, die allmählich die Größe und Bedeutung des Mysteriums von Golgatha auch in ihr Bewußtsein aufnahmen. Aber der Christus ist für die Chinesen, Japaner, Hindus ebenso gestorben und auferstanden wie für die Christen.

[ 24 ] You may now raise the objection: Yes, but not all people have become followers of Christ, and many do not believe in Christ. Are they then in a position to think that their soul will be laid to rest in the grave along with their dying body? — We must not understand the event at Golgotha in this way. For all the centuries that preceded our own, it remains true that Christ, in His infinite, gracious mercy, died not only for those who profess faith in Him, but for all people on earth. Redemption from the mystery of death has been accomplished by Christ for all people on earth. This is a matter that, at first, had nothing to do with human consciousness. It was only natural that people would gradually come to grasp the greatness and significance of the Mystery of Golgotha in their own consciousness as well. But Christ died and rose again for the Chinese, the Japanese, and the Hindus just as much as for the Christians.

[ 25 ] Erst weil die Menschheitsentwickelung seit dem 15. Jahrhundert und jetzt immer mehr und mehr den Intellektualismus als ihre höchste Seelenkraft betrachten muß, weil der intellektualistische Impuls immer mächtiger und mächtiger gegen die Zukunft hin werden wird, sind wir jetzt in dem Zeitalter, in der Zeitepoche angekommen, wo es sich darum handeln wird, daß die Menschheit, weil es immer mehr und mehr auf ihr Bewußtsein ankommt, daß die Menschen über die ganze Erde hin immer mehr und mehr begreifen lernen dasjenige, was mit dem Mysterium von Golgatha geschehen ist. Dazu allerdings wird es notwendig sein, daß eine Art und Weise der Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha auftrete, die nun wirklich für alle Menschen auch begreiflich sein kann.

[ 25 ] It is precisely because human development, since the 15th century and now more and more, must regard intellectualism as its highest spiritual force—and because the intellectualist impulse will become ever more powerful as we look toward the future—that we have now arrived at the age, the epoch, in which the task for humanity will be, since it depends more and more on its consciousness that people all over the earth are learning to understand more and more what happened in connection with the Mystery of Golgotha. For this, however, it will be necessary for a way of understanding the Mystery of Golgotha to emerge that can truly be comprehensible to all people.

[ 26 ] Die Art und Weise, wie das Christentum durch die bisherigen Jahrhunderte sich entwickelt hat, hatte noch viel von der Eigentümlichkeit der alten Völkerreligionen, der alten ethnischen Religionen. Sie hatte noch nicht das Universalistische, diese christliche Entwickelung. Und die Missionare, wenn sie ausgezogen sind zu andern Bekennern, wurden wenig verstanden oder gar nicht verstanden, weil sie von dem Christus sprachen wie von einem singulären Gotte, der Eigenschaften in ihrer Darstellung, in ihrer Charakteristik hatte, wie die alten Volksgötter sie hatten. So hatte sich schließlich das Christentum auch ausgebreitet. Sehen Sie hin, warum Konstantin, warum Chlodwig das Christentum angenommen haben? Weil sie glaubten, daß ihnen der Christengott mehr helfen kann, als ihnen ihre bisherigen Götter geholfen haben. Sie tauschten gewissermaßen ihre bisherigen Götter gegen den Christengott aus. Dadurch bekam der Christus viele Eigenschaften der alten Volksgötter. Diese Eigenschaften haften dem Christus durch die Jahrhunderte hindurch an.

[ 26 ] The way in which Christianity has developed over the centuries to date still bore many of the characteristics of the ancient folk religions, the ancient ethnic religions. It had not yet attained that universalistic quality—that Christian development. And when the missionaries set out to other believers, they were little understood or not understood at all, because they spoke of Christ as a singular God who, in their portrayal and characterization, possessed attributes similar to those of the ancient folk gods. This is ultimately how Christianity spread. Consider this: Why did Constantine and Clovis adopt Christianity? Because they believed that the Christian God could help them more than their previous gods had. In a sense, they exchanged their previous gods for the Christian God. As a result, Christ acquired many attributes of the ancient folk gods. These attributes have clung to Christ throughout the centuries.

[ 27 ] Aber auf diese Weise konnte das Christentum auch noch nicht die universalistische Religion werden, sondern es mußte das Christentum gerade immer mehr und mehr dazu kommen, ich möchte sagen, vor dem Intellektualismus zurückzutreten. Und wir sehen manche theologische Entwickelung gerade im 19. Jahrhundert, die gar nichts mehr von der übersinnlichen Art des Christus-Ereignisses verstehen konnte, wo man nur noch sprechen wollte von dem Menschen Jesus, dem man allerdings zuschtieb, daß er als Mensch über die übrigen Menschen hinausrage. Aber man wollte nunmehr von dem Menschen Jesus sprechen, nicht von dem Gotte Christus. Von dem Gotte Christus muß wiederum gesprochen werden können, weil dieser Christus in seinem Schicksale durch das Mysterium von Golgatha auf Erden für die Menschen dasjenige dargelebt hat, was er früher für sie in Himmelshöhen war, bevor sie auf die Erde herabgestiegen waren.

[ 27 ] But Christianity could not yet become a universalist religion in this way; rather, it had to move more and more—I would say—toward stepping back from intellectualism. And we see certain theological developments, particularly in the 19th century, that could no longer comprehend the supernatural nature of the Christ event, where people wanted to speak only of the human being Jesus—though they did attribute to him the quality of being, as a human being, superior to other human beings. But people now wanted to speak of the man Jesus, not of Christ the God. It must once again be possible to speak of Christ the God, because this Christ, in his destiny through the Mystery of Golgotha on earth, lived out for human beings what he had previously been for them in the heights of heaven, before they had descended to earth.

[ 28 ] Und so müssen wir sagen: Die alten Volksreligionen waren zunächst örtliche Religionen. — Sagen wit, es wurde gebetet zu dem Gott von Theben, es wurde gebetet zu dem Gott, der auf dem Olymp war. Es waren lokale Götter da, man mußte in der Nähe des betreffenden Ortes wohnen. Damit waren die alten Bekenntnisse von vornherein auf einen beschränkten Erdenkreis gebannt. Später wurden an die Stelle der lokalen Götter, die ihren Wohnsitz an einem bestimmten Orte hatten, diejenigen Götter gesetzt, die mehr an die Persönlichkeit der einzelnen Menschen, der führenden Heroen der Völker gebunden waren. Aber immerhin war noch der Gott eines Volkes entweder der noch lebende Heros des Volkes oder die nachgebliebene Seele, die Ahnenseele des Volkes. Das religiöse Bekenntnis hatte etwas Eingeschränktes.

[ 28 ] And so we must say: The ancient folk religions were, at first, local religions. — That is to say, people prayed to the god of Thebes; they prayed to the god who was on Mount Olympus. There were local gods; one had to live near the place in question. Thus, from the outset, the ancient faiths were confined to a limited geographical area. Later, the local gods, who resided in a specific place, were replaced by gods who were more closely tied to the personalities of individual people—the leading heroes of the peoples. But at least the god of a people was still either the people’s hero who was still alive or the soul left behind—the ancestral soul of the people. Religious belief had a somewhat limited scope.

[ 29 ] Mit dem Christentum war eine Erdenreligion entwickelt, welche als geistiges Element so für die Erde ist, wie die Sonne als physisches Element für die Erde ist. Das Klima von der Gegend in der Nähe von Olympia ist verschieden von dem Klima in der Nähe von Theben, das Klima in der Nähe von Theben ist verschieden von dem Klima in der Nähe von Bombay. Wenn sich das religiöse Bekenntnis an die Lokalität anschmiegt, dann reicht es auch nicht über die Lokalität hinaus. Aber die Sonne verbreitet ihr Licht über alle Lokalitäten der Erde, scheint allen Menschen als die gleiche Sonne.

[ 29 ] With Christianity, an earthly religion was developed that, as a spiritual element, is to the Earth what the sun is to the Earth as a physical element. The climate of the region near Olympia differs from that near Thebes; the climate near Thebes differs from that near Bombay. When religious belief is tied to a specific locality, it does not extend beyond that locality. But the sun spreads its light over all localities on Earth and shines upon all people as the same sun.

[ 30 ] So war, als derjenige Gott Menschengestalt angenommen hatte, der seinen physischen Abglanz in der Sonne hat, dem Menschengeschlechte doch ein Gott gegeben, der für alle Menschen der ganzen Erde als Gott gelten kann. Man muß nur die Möglichkeit finden, in das Wesen dieses Christus-Gottes einzudringen, dann wird man ihn darstellen können als den Gott, der für die ganze Erdenmenschheit gilt. Wir sind in der anthroposophischen Lehre erst im Anfange. Wir stammeln gewissermaßen heute erst Anthroposophie. Aber Anthroposophie wird sich immer weiter und weiter entwickeln, und ein Teil ihrer Entwickelung wird darinnen bestehen, daß sie Worte über die Darstellung des Mysteriums von Golgatha finden wird, mit denen sie zu den Hindus, zu den Chinesen, in alle Gebiete der Erde gehen kann, und das Mysterium von Golgatha so verständlich machen können wird, daß der Hindu, der Chinese, der Japaner nicht mehr dasjenige zurückweisen werden, was ihnen über das Mysterium von Golgatha gesagt wird.

[ 30 ] Thus, when that God—who has his physical reflection in the sun—took on human form, the human race was indeed given a God who can be regarded as God for all people throughout the entire earth. One need only find a way to penetrate the essence of this Christ-God; then one will be able to portray him as the God who applies to all of humanity on Earth. We are only at the beginning of the anthroposophical teaching. In a sense, we are only just beginning to stammer our way through anthroposophy today. But anthroposophy will continue to develop further and further, and part of its development will consist in finding words to describe the Mystery of Golgotha—words with which it can reach out to the Hindus, the Chinese, and all regions of the earth—and make the Mystery of Golgotha so understandable that the Hindu, the Chinese, and the Japanese will no longer reject what is told to them about the Mystery of Golgotha.

[ 31 ] Dazu ist aber allerdings notwendig, daß dasjenige, was christliche Tradition ist, in vollem Sinne ernst genommen werde. Durch die Jahrhunderte hindurch band man sich mehr oder weniger an das Evangeliumwort. Man studierte die alten Bücher und man studierte auch so, wie man sie verstand. Hier soll gewiß nichts gegen die Gültigkeit der Evangelien gesagt werden. Wir haben in unseren Zyklen über jedes der Evangelien eine besondere anthroposophische Interpretation, wo versucht wird, in den Sinn, in den tieferen Sinn der Evangelien einzudringen. Aber dennoch muß gesagt werden: Warum wird denn gewöhnlich das Wort am Ende des einen Evangeliums so wenig ernst genommen, das da heißt: «Ich hätte euch noch viel zu sagen, allein ihr könnet es jetzt noch nicht verstehen»? Und warum wird denn das andere Wort des Evangeliums so wenig ernst genommen: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten»? Denn der Christus hat wahr gesprochen. Er hatte den Menschen nicht nur dasjenige zu sagen, was in den Evangelien aufgezeichnet ist. In den Evangelien ist vom Christus-Wort dasjenige aufgezeichnet, wofür die Menschen der damaligen Zeit, einzelne Menschen wenigstens reif waren. Aber reifer und immer reifer mußte die Menschheit in der Erdenentwickelung werden. Der Christus blieb vom Mysterium von Golgatha an als der lebendige Christus, nicht als der tote Christus unter den Menschen. Und er ist da. Lernen wir seine Sprache kennen, dann werden wir auch wissen können, daß er da ist, daß sein Wort wahr ist: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.» Und seine Sprache, seine Geistsprache möchte sprechen gerade anthroposophische Weltanschauung. Anthroposophische Weltanschauung möchte über die Natur, möchte über ein jegliches Wesen der Erde, möchte über den Sternenhimmel und die Sonne so sprechen, daß in dieser Sprache auch das Mysterium von Golgatha verständlich und der Christus als der immerwährend Daseiende empfunden werden kann.

[ 31 ] For this, however, it is certainly necessary that Christian tradition be taken seriously in the fullest sense. Throughout the centuries, people have adhered to the words of the Gospels to a greater or lesser extent. They studied the ancient texts and interpreted them according to their own understanding. Certainly, nothing is to be said here against the validity of the Gospels. In our lecture cycles on each of the Gospels, we offer a specific anthroposophical interpretation that seeks to penetrate the meaning—the deeper meaning—of the Gospels. Yet it must be asked: Why is the statement at the end of one Gospel usually taken so lightly, the one that says, “I have much more to say to you, but you cannot bear it now”? And why is that other statement in the Gospel taken so little seriously: “I am with you always, even to the end of the age”? For Christ spoke the truth. He had more to say to humanity than what is recorded in the Gospels. What is recorded in the Gospels of Christ’s words is that for which the people of that time—or at least certain individuals—were ready. But humanity had to become more and more mature in the course of Earth’s evolution. From the Mystery of Golgotha onward, Christ remained among humanity as the living Christ, not as the dead Christ. And He is here. If we learn to understand His language, then we will also be able to know that He is here, that His word is true: “I am with you always, even to the end of the age.” And it is precisely the anthroposophical worldview that seeks to speak His language, His spiritual language. The anthroposophical worldview seeks to speak about nature, about every being on Earth, about the starry sky and the sun in such a way that, through this language, the Mystery of Golgotha can be understood and Christ can be perceived as the ever-present One.

[ 32 ] Wir dürfen auch dasjenige, was wir aus der geistigen Welt mit Hilfe derjenigen Macht, die durch das Mysterium von Golgatha vom Himmel auf die Erde herabgestiegen ist, gewinnen, nach dem Mysterium von Golgatha als das Wort Christi ansehen. Wir dürfen das Wort des Paulus wahrmachen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Ja, der Christus in mir als Mensch, wenn wir als Menschen sprechen von den geistigen Welten. Denn heute sind wir bereits in ein Zeitalter eingetreten, wo wir nicht einmal mehr wie die Griechen uns noch mit unserem physischen Leibe eins fühlen, aber diesen physischen Leib deutlich als einen harmonisch selbständigen fühlen. Heute dringen wir noch früher als im Griechenzeitalter in die Untergründe unseres physischen Leibes hinein, trennen uns dadurch von dem Spirituellen unserer Umgebung, können uns nur vertiefen, wenn wir die Verbindung mit dem Gotte suchen, der aus den Himmeln zu den Menschen herabgestiegen ist, können uns nur mit dem Gotte, der den Erdenort betreten hat, verbunden fühlen, weil die Menschen nicht mehr in ihrem physischen Dasein mit ihrem gewöhnlichen Bewußtsein den Himmelsort unmittelbar betreten können. Wenn wir den Christus finden, das heißt, wenn wir uns eröffnen die geistige Welt, dann finden wir auch wiederum den Zugang zu der übersinnlichen Welt, aber jetzt nicht durch den physischen Leib, wie das in alten Zeiten der Fall war, sondern durch die erhöhte Kraft der Seele. Und diese bekommen wir jetzt, wo der Parallelismus zwischen der leiblichen und seelischen Entwickelung in die Zwanzigerjahre nur hinaufgeht später wird er noch weniger weit hinaufgehen —, dadurch, daß wir uns mit der Erkenntnis eines übersinnlichen Ereignisses durchdringen, nämlich des Mysteriums von Golgatha mitten unter sinnlichen Ereignissen der Erdenentwickelung. Alles ging auf Erden sinnlich zu. Nur im Mysterium von Golgatha mischte sich unter die Erdenereignisse ein Übersinnliches. Das kann nur durch eine übersinnliche Erkenntnis auch begriffen werden. So bekommen wir als Menschen in der Seele durch unsere Verbindung mit dem Christus die starke Kraft, ein Verhältnis zu der übersinnlichen Welt zu gewinnen, was die Menschen früher dadurch gewannen, daß sie noch mit ihrem physischen Leibe so verbunden waren, daß der Leib ihnen schalenartig werden konnte, daß sie noch vor dem physischen Tode das Herannahen dieses Todes verspürten und dadurch zusammenwuchsen mit dem Geiste, der in der Umgebung enthalten ist.

[ 32 ] We may also regard what we gain from the spiritual world with the help of that power which descended from heaven to earth through the Mystery of Golgotha as the Word of Christ in accordance with the Mystery of Golgotha. We may bring to life the words of Paul: “Not I, but Christ in me.” Yes, the Christ within me as a human being—when we, as human beings, speak of the spiritual worlds. For today we have already entered an age in which we no longer even feel at one with our physical body, as the Greeks did, but clearly perceive this physical body as a harmoniously independent entity. Today, even more so than in the Greek era, we penetrate into the depths of our physical body, thereby separating ourselves from the spiritual in our surroundings; we can only find depth when we seek connection with the God who has descended from the heavens to humanity; we can only feel connected to the God who has set foot on Earth, because human beings can no longer directly enter the heavenly realm in their physical existence with their ordinary consciousness. When we find Christ—that is, when we open ourselves to the spiritual world—we also regain access to the supersensible world, but now not through the physical body, as was the case in ancient times, but through the elevated power of the soul. And we receive this now—since the parallelism between physical and soul development extends only up to the 1920s, and later it will extend even less far—by imbuing ourselves with the knowledge of a supersensible event, namely, the Mystery of Golgotha, amidst the sensory events of earthly evolution. Everything on Earth took place within the realm of the physical. Only in the Mystery of Golgotha did a supersensible element intermingle with earthly events. This can only be understood through supersensible knowledge. Thus, as human beings, through our connection with Christ, we receive in our souls the powerful strength to establish a relationship with the supersensible world—a relationship that people in the past attained by being so closely connected to their physical bodies that the body could become like a shell to them, so that even before physical death they sensed the approach of that death and thereby grew together with the spirit contained in their surroundings.

[ 33 ] Wir müssen seelisch das erreichen, was auf eine mehr durch den Leib vermittelte Art in den älteren Zeiten erreicht worden ist. Wenn wir auch noch so sehr bewundern dasjenige, was übrigens nicht aus der urindischen Zeit auf uns gekommen ist, sondern was später geblieben ist aus dieser urindischen Zeit in der Herrlichkeit der Veden, der Großartigkeit der Vedantaphilosophie, in dem Glanzvollen der Bhagavad Gita, so müssen wir wissen, das konnte in jenen alten Zeiten nur dadurch errungen werden, daß der Mensch in dieser Weise, indem er ins Alter hineinwuchs, von seinem Leibe etwas Spirituelles in sich zurückgestrahlt bekam.

[ 33 ] We must achieve spiritually what was achieved in earlier times in a manner more mediated through the body. No matter how much we may admire what, incidentally, did not come down to us from the ancient Indian era, but rather what remained later from that era in the splendor of the Vedas, the grandeur of Vedanta philosophy, and the splendor of the Bhagavad Gita—we must recognize that in those ancient times, this could only be attained because, as a person grew into old age, something spiritual was reflected back into them from their body.

[ 34 ] Der Mensch wurde sozusagen in jenen älteren Zeiten, in denen vom fünfunddreißigsten Jahre das Leben abwärts geht, entschädigt für dieses Abwärtsgehen des Leibes dadurch, daß gewissermaßen aus dem härter werdenden Leib, aus dem vertrocknet werdenden, runzelig werdenden Leib der Geist sich herauspreßte, den der Mensch wahrnahm. Man dichtete die großen philosophischen Dichtungen der alten Zeiten nicht als Jüngling, man dichtete als weise gewordener alter Patriarch. Aber es war dieses das Ergebnis desjenigen, was man vom Leibe hatte. Wir müssen in diesem anders gewordenen Zeitalter der Menschheitsentwickelung dasjenige, was in alten Zeiten die Menschen von dem Leibe hatten, von der stärker gewordenen Seele haben. Unser Leib wird alt. Wir bleiben mit ihm verbunden. Wir lassen den Geist nicht aus ihm herauskommen, weil wir diesen Leib frühzeitig in Anspruch nehmen.

[ 34 ] In those earlier times, so to speak, when life begins to decline after the age of thirty-five, human beings were compensated for this physical decline by the fact that, in a sense, the spirit—which the individual perceived—forced its way out of the body as it grew stiffer, drier, and more wrinkled. The great philosophical works of antiquity were not composed by youths, but by wise, aged patriarchs. Yet this was the result of what one derived from the body. In this changed era of human development, we must derive from the soul—which has grown stronger—what people in ancient times derived from the body. Our body grows old. We remain connected to it. We do not allow the spirit to emerge from it because we lay claim to this body too early.

[ 35 ] Würden wir das nicht tun, würden wir nicht freie Menschen geworden sein. Wir müssen das als unser rechtmäßiges Erdenschicksal hinnehmen. Aber wir müssen uns auch klar sein, unsere Seele muß darum um so stärker werden. Dasjenige, was uns gewissermaßen an geistiger Stärke, die dem schwachgewordenen Leibe in alten Zeiten entsprochen hat, nicht mehr zufließt, das müssen wir durch die eigene Verstärkung unserer Seele erwerben. Und diese Verstärkung unserer Seele ergibt sich, wenn wir wirklich in lebendigem Anschauen auf das große, gewaltige, auf das Himmelsereignis hinblicken, das mitten im Irdischen mit dem Mysterium von Golgatha geschehen ist. Im Anblicke des Mysteriums von Golgatha und im Bewußtsein, daß die Nachwirkung des Mysteriums von Golgatha auch unter uns lebt, im Geistig-Übersinnlichen da ist, im Anblicke dieses Ereignisses stärkt sich unser Seelisch-Geistiges, und wir kommen wiederum an die geistige Welt heran.

[ 35 ] If we did not do this, we would not have become free people. We must accept this as our rightful earthly destiny. But we must also be clear that our soul must become all the stronger for it. That which, so to speak, no longer flows to us in terms of the spiritual strength that once corresponded to the weakened body in times past—we must acquire this through the strengthening of our own soul. And this strengthening of our soul arises when we truly gaze with living contemplation upon the great, mighty celestial event that took place in the midst of earthly life with the Mystery of Golgotha. In the contemplation of the Mystery of Golgotha and in the awareness that the aftereffects of the Mystery of Golgotha also live among us, existing in the spiritual and supersensible realms—in the contemplation of this event, our soul-spiritual nature is strengthened, and we once again draw near to the spiritual world.

[ 36 ] Ja, der Christus ist auf die Erde heruntergestiegen, damit die Menschen ihn auf der Erde schauen konnten, als sie ihn im Himmel nicht mehr erinnernd schauen konnten. Das ist es, was eigentlich uns das Mysterium von Golgatha von dem heutigen Gesichtspunkte aus erst recht vor das geistige Auge rückt.

[ 36 ] Yes, Christ descended to Earth so that people could see him here on Earth, since they could no longer see him in heaven, having forgotten him. This is what, from today’s perspective, truly brings the Mystery of Golgotha into sharp focus before our spiritual eyes.

[ 37 ] Die Jünger haben noch einen Rest des alten Hellsehens gehabt, konnten daher den Christus als ihren Lehrer auch nach der Auferstehung, wo er im Geistleib unter ihnen lebte, haben. Aber diese Kraft schwand ihnen allmählich dahin. Und das völlige Dahinschwinden dieser Kraft wird symbolisch in dem Feste der Himmelfahrt dargestellt. Die Jünger verfielen in eine tiefe Trauer, weil sie meinen mußten, der Christus sei nun nicht mehr da. Das Ereignis von Golgatha hatten sie mitgemacht. Aber als ihnen der Christus aus dem Bewußtsein hinweggegangen war — sie sahen die Christus-Gestalt in den Wolken entschwinden, das heißt, aus ihrem Bewußtsein hinweggehen —, mußte es ihnen vorkommen, als wenn der Christus doch jetzt nicht mehr auf Erden wäre. Da verfielen sie in eine tiefe Trauer. Und alle wirkliche Erkenntnis ist aus der Trauer, aus dem Schmerz, aus dem Leid heraus geboren. Aus der Lust wird wahre, tiefe Erkenntnis nicht geboren. Wahre, tiefe Erkenntnis wird aus dem Leid geboren. Und aus dem Leid, das aus dem Himmelfahrtsfeste für die Jünger Christi sich ergeben hat, aus diesem tiefen Seelenleide ist das Pfingstmysterium herausgewachsen. Für das äußere instinktive Hellsehen der Jünger schwand der Anblick Christi dahin. Im Inneren ging ihnen die Kraft des Christus auf. Der Christus hatte ihnen den Geist gesandt, der ihrer Seele möglich machte, sein Christus-Dasein in ihrem Inneren zu erfühlen. Das gab dem ersten Pfingstfeste in der Menschheitsentwickelung seinen Inhalt. Es folgte auf das Himmelfahrtsfest das Pfingstfest. Der Christus, der für den äußeren hellseherischen Anblick, wie er als Erbschaft den Jüngern aus alten Zeiten der Menschheitsentwickelung geblieben ist, verschwunden war, trat am Pfingstfeste in dem innerlichen Erleben der Jünger auf. Die feurigen Zungen sind nichts anderes als das Aufleben des inneren Christus in den Seelen seiner Schüler, in den Seelen seiner Jünger. Das Pfingstfest mußte sich mit innerer Notwendigkeit an das Himmelfahrtsfest anschließen.

[ 37 ] The disciples still possessed a remnant of their former clairvoyance; therefore, they were able to recognize Christ as their teacher even after the Resurrection, when he lived among them in his spiritual body. But this power gradually faded away from them. And the complete fading away of this power is symbolically represented in the Feast of the Ascension. The disciples fell into deep mourning because they believed that Christ was no longer with them. They had witnessed the events at Golgotha. But when Christ had departed from their consciousness—they saw the figure of Christ vanish into the clouds, that is, depart from their consciousness—it must have seemed to them as though Christ were no longer on earth. Then they fell into deep sorrow. And all true knowledge is born out of grief, out of pain, out of suffering. True, deep knowledge is not born out of pleasure. True, deep knowledge is born out of suffering. And out of the suffering that arose for Christ’s disciples from the Feast of the Ascension—out of this deep soul-suffering—the mystery of Pentecost grew. To the disciples’ outward, instinctive clairvoyance, the sight of Christ faded away. Within them, however, the power of Christ dawned. Christ had sent them the Spirit, which enabled their souls to feel His Christ-presence within themselves. This gave the first Pentecost in human evolution its meaning. The Feast of Pentecost followed the Feast of the Ascension. Christ, who had vanished from the outer clairvoyant vision—as it had been bequeathed to the disciples from earlier times in human development—appeared on the Feast of Pentecost in the inner experience of the disciples. The tongues of fire are nothing other than the awakening of the inner Christ in the souls of his pupils, in the souls of his disciples. The Feast of Pentecost had to follow the Feast of the Ascension out of an inner necessity.

[ 38 ] So sehen wir, wie das Mysterium von Golgatha in seiner Totalität sich in die Menschheitsentwickelung hineinstellt. Und so stellte es sich hinein, so wirkte es durch die Zeiten hindurch bis auf unsere Zeit. Und wie wir in würdiger Weise heute uns nähern dem, was für uns in der unmittelbaren Gegenwart, ich möchte sagen, am heutigen Tage der historischen Menschheitsentwickelung das Mysterium von Golgatha sein kann, das wollen wir aus dem, was wir in diesen Tagen betrachtet haben, herausentwickeln in dem morgigen letzten Vortrage, den ich vor Ihnen halten darf. Da wollen wir das eigentliche Pfingstmysterium, aber in seiner Bedeutung für die unmittelbare Gegenwart, vor unsere Seele hinstellen und damit unseren Vortragszyklus dann beschließen.

[ 38 ] Thus we see how the Mystery of Golgotha, in its entirety, is woven into the development of humanity. And this is how it became woven into it, how it has worked through the ages right up to our own time. And just as we approach today, in a fitting manner, what the Mystery of Golgotha can mean for us in the immediate present—I would say, at this very moment in the historical development of humanity—let us draw this out from what we have considered these past few days in tomorrow’s final lecture, which I will have the privilege of presenting to you. There we will set before our souls the actual mystery of Pentecost—but in its significance for the immediate present—and thus conclude our lecture series.