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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenwesen Menschenschicksal und Welt-Entwickelung
GA 226

20 Mai 1923, Oslo

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Man kann das Menschenwesen in der Gegenwart nicht voll beurteilen, wenn man nicht einen größeren Abschnitt ins Auge faßt, durch den hindurch sich die Menschen entwickelt haben. Denn wir müssen doch bedenken — das geht aus den übrigen Darstellungen der Anthroposophie hervor, geht auch aus den Darstellungen hervor, die ich in diesen Tagen hier schon gegeben habe —, unsere Seelen machen wiederholte Erdenleben durch, zwischen denen immer das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt liegt, so daß wir durch die verschiedensten Entwickelungsepochen der Menschheit mit unserer Seele da durchgegangen sind. Bedenkt man dieses, so muß man sich klar darüber sein, daß man das Menschenwesen ganz nur erfassen kann, wenn man einen größeren Zeitabschnitt berücksichtigt, in dem unsere Seelen wiederholt durch das Erdenleben durchgegangen sind.

[ 2 ] Ich habe auch schon hier in Vorträgen in Kristiania über die aufeinanderfolgenden Entwickelungsperioden, wie sie dem Mysterium von Golgatha vorangegangen sind, wie sie auf dieses Mysterium von Golgatha folgen, gesprochen. Ich muß das heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte her tun. Die Menschheit hat im Laufe ihrer Entwickelung große Veränderungen durchgemacht. Das berücksichtigt man gewöhnlich viel zu wenig. Man denkt so leicht: Nun, der Mensch ist eben so und so, und wenn man in die Vergangenheit zurückschaut, so ist der Mensch im wesentlichen immer so gewesen. Man weiß, es hat eine Griechenzeit gegeben, eine ägyptische Zeit, es hat vorher andere Zeiten gegeben. Für die Zeiten, von denen man in dieser Weise spricht, denkt man, das Menschenwesen wäre eben immer ungefähr so gewesen wie heute. Man sieht hin auf Kulturentwickelungsimpulse, aber was die Hauptsache des Seelenlebens betrifft, so denkt man sich, wenigstens für die historischen Zeiten, die Menschen seien immer so gewesen wie heute. Allerdings, dann macht man eine große lange Pause in der rückwärtigen Betrachtung und kommt gewöhnlich zu dem Stadium, das man heute mit einer gewissen Vorliebe beschreibt, zu dem Stadium, wo der Mensch affenartig gewesen sein soll.

[ 3 ] So wie man sich da die Menschenentwickelung vorstellt, war sie durchaus nicht. Um zu begreifen, wie sie sich verändert hat, wollen wir uns einmal vergegenwärtigen, daß in unserem Zeitalter für die ersten Lebensalter des Menschen eine verhältnismäßig große Abhängigkeit zwischen dem Seelisch-Geistigen, das sich in uns entwickelt, und dem Physisch-Leiblichen besteht.

[ 4 ] Bedenken Sie nur einmal das erste Kindesalter bis zum Zahnwechsel hin und die große Veränderung, die jedem unbefangenen Beobachtenden auffallen muß, die ich auch hier öfters charakterisiert habe, die mit dem Menschen vorgeht, wenn er den Zahnwechsel durchmacht. Der Leib macht den Zahnwechsel durch, die ganze Seelenverfassung des Kindes wird eine andere. Dann wiederum ist eine Lebensepoche bis zur Geschlechtsreife. Wir wissen alle, daß mit der körperlichen Entwickelung in diesem Zeitalter auch die geistig-seelische in Abhängigkeit einhergeht. Und wir bemerken auch für das spätere Lebensalter bis in die Zwanzigerjahre hinein, wenn wir nur unbefangen genug dazu sind, die Abhängigkeit des seelisch-geistigen Wesens von dem Körperlichen, wenn auch heute in der Zeit der Jugendbewegung — wir sagen es ohne einen abträglichen Ton — gerade bei der Jugend von dieser Abhängigkeit nicht mehr stark und gern gesprochen wird. Man denkt natürlich, man ist, wenn man so das sechzehnte, siebzehnte Lebensjahr erreicht hat, eben eine junge Dame, ein junger Mann, vollentwickelt, und wenn man dann besondere geistige Fähigkeiten sich zuschreibt, schreibt man mit einundzwanzig Jahren Feuilletons. Aber jedenfalls, man möchte gern verwischen, daß für diese Lebensalter doch noch eine sehr starke Abhängigkeit des SeelischGeistigen vom Körperlichen vorhanden ist. Auf jeden Fall aber hört für den heutigen Menschen in einem gewissen Lebensalter diese Abhängigkeit doch mehr oder weniger auf. Der Mensch wird in den Zwanzigerjahren eben ein Erwachsener. Und dann fühlt er sich nicht mehr in der Weise von dem Körperlichen abhängig, wie sich abhängig fühlen müßte, wenn es diese Zustände mit vollem Bewußtsein durchmachte, das Kind vom Zahnwechsel, vom Heranreifen des Zahnwechsels, wiederum vom Heranreifen zur Geschlechtsteife und so weiter. Es war noch ein Gefühl in verhältnismäßig nicht weit zurückliegenden Zeitaltern von diesem Heranreifen des Menschen vorhanden, indem man deutlich unterschieden hat, daß der Mensch anders behandelt werden müsse, wenn er die sogenannte Lehrzeit durchmacht, die Gesellenzeit, und die Meisterzeit kam ja verhältnismäßig erst ziemlich spät.

[ 5 ] Aber für den heutigen Menschen, wie gesagt, stimmt das durchaus, daß er von einem gewissen Lebensalter ab in seinem Seelisch-Geistigen sich nicht mehr stark abhängig fühlt von dem Körperlichen. Gewiß, man merkt, wenn man ein gewisses stattliches Alter schon erreicht hat, daß man dann wiederum abhängig wird von dem Körperlichen. Man merkt ja, wenn die Beine nicht mehr recht wollen, wenn Runzeln auftreten im Gesicht, wenn die Haare sich bleichen, daß da auch eine gewisse Abhängigkeit vom Körperlichen eintritt. Aber diesem schreibt man nicht einen wirklichen Parallelismus des Körperlichen und des Seelischen zu. Man fühlt halt, daß der Körper in seinen Kräften nachläßt, aber man fühlt, daß man im Geistig-Seelischen eigentlich doch mehr oder weniger unabhängig bleibt und bleiben müsse auch in unserem Zeitalter von diesem Körperlich-Physischen. Das war aber nicht immer so, sondern wenn wir in frühere Zeitepochen der Menschheitsentwickelung zurückgehen, dann finden wir, daß die Menschen bis in hohe Lebensalter hinauf so lebendig abhängig blieben von ihrem Körperlichen, wie heute das Kind vom Zahnwechsel, von der Geschlechtsteife abhängig ist in seinem Seelischen vom Körperlichen. Und wenn wir zurückgehen bis in die erste Epoche, die wir nicht äußerlich historisch, aber geisteswissenschaftlich verfolgen können als die Epoche der Menschheitsentwickelung nach der großen, gewaltigen atlantischen Katastrophe, durch die sich die Kontinente auf der Erde umgelagert haben, wenn wir in diese erste Epoche zurückgehen, die ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» die urindische genannt habe, da fühlte sich der Mensch, so wie das Kind vom Zahnwechsel, der Jüngling und die Jungfrau von der Geschlechtsreife abhängig vom Physisch-Leiblichen bis hinauf in das Lebensalter der Fünfzigerjahre. Das heißt, wie man die aufsteigende Wachstumsentwickelung heute in der Kindheit miterlebt, so erlebte man die absteigende Entwickelung im Seelisch-Geistigen mit. Und geradeso in den Fünfzigerjahten, da war es so, daß die Menschen, wenn sie in diesem Lebensalter ankamen, innerlich zu etwas heranreiften dadurch, daß sie einfach älter geworden sind, wie man zu etwas heranreift heute, wenn man die Geschlechtsreife erlangt hat. Und es war dies das Zeitalter, sieben-, achttausend Jahre vor dem Mysterium von Golgatha, wo der Mensch erwartungsvoll sein ganzes Leben hindurch auf dieses Älterwerden hinblickte, weil er sich sagte: Da offenbart sich mir einfach aus meiner körperlichen Beschaffenheit heraus etwas, was ich im früheren Lebensalter, bevor ich neunundvierzig, fünfzig Jahre alt werde, einfach nicht erfahren kann. — Es ist das, was in jener Zivilisation vorhanden war, etwas, was für den heutigen Menschen natürlich furchtbar schockant ist. Man stelle sich nur heute einmal einen Menschen vor, der da doch ganz sicher glaubt, wenn er die Zwanzigerjahre erreicht hat, ist er einfach ein gemachter Mensch. Man stelle sich vor, der soll nun warten, daß sich ihm einfach durch das Alter später etwas enthüllt, was man vorher nicht wissen kann, was man vorher nicht fühlen und empfinden kann!

[ 6 ] Durch die körperliche Beschaffenheit kam man nämlich dahin, in den Fünfzigerjahren schon etwas von dem zu fühlen, was man eine Loslösung des physischen Leibes von dem Seelisch-Geistigen nennen könnte. Man fühlte gewissermaßen immer mehr und mehr, wie sich das Leibliche näherte dem Leichnammäßigen. Man fühlte in diesem Fremdwerden des physischen Leibes, in diesem Entgegengehen des physischen Leibes den Erdenelementen gegenüber, man fühlte das Freiwerden des Seelisch-Geistigen. Und gerade indem man den Leib dann wie ein Kleid fühlte, empfand man das Verwandte des Leibes mit dem Erdigen, mit demjenigen, was einmal im Tode der Erde angehören wird. Man war gewissermaßen weniger erstaunt als heute, daß man den Leib einmal ablegen und den Erdenmächten übergeben muß, weil man diesen Prozeß des Ablegens des Leibes langsam und allmählich durchmachte. Das klingt paradox, weil man sich vorstellt, daß es schrecklich ist, seinen physischen Leib wie einen werdenden Leichnam an sich zu tragen. Aber so war das eben nicht, daß man ihn nur fühlte wie etwas, was unbequem ist, was gewissermaßen in eine Art von Fäulnis übergeht. Nein, man fühlte ihn als eine selbständige Hülle und Schale, die man aber durchaus trotz ihres Erdigwerdens lebenskräftig fühlte, aber schalenhaft, hüllenhaft wurde für diese Fünfzigerjahre der menschliche physische Leib. Dadurch aber erfuhr man etwas, einfach wegen dieser Beschaffenheit des Leibes, durch dieses Ähnlichwerden des Leibes mit dem Irdischen, was man heute nur durch abstrakte Wissenschaft erfahren kann. Man erfuhr zum Beispiel etwas über die innere Beschaffenheit der Metalle. Ein Mensch, der fünfzig Jahre alt war, hatte einen Instinkt für die Unterscheidung von Kupfer, Silber, Gold. Da fühlte er dann das Ähnliche dieser Metalle gegenüber seinem erdigwerdenden Organismus. Er fühlte anders gegenüber einem Bergkristall als gegenüber der Ackererde. Ein Mensch wurde weise in bezug auf die irdischen Verhältnisse dadurch, daß er alt wurde. Das beeinflußte die ganze Zivilisation. War man ein Kind, so sah man zu dem altgewordenen Menschen auf und sagte sich: Wenn ich so alt sein werde wie der, so werde ich weise sein; der ist weise. — Das begründete eine tiefe Verehrung und eine ungeheure Achtung vor dem Alter.

[ 7 ] Jene Altersverehrung und Altersachtung war in diesen alten Zeiten der Menschheitsentwickelung bei einem gewissen Teile der Erde vorhanden, allerdings nicht auf dem Teil der Erde, wo dazumal die Menschen mit der zurücklaufenden Stirne gelebt haben, die heute von den Anthropologen ausgegraben werden, wo aber die Menschen gelebt haben, die schon eine hohe Zivilisation gehabt haben. In diesen Gegenden der Erde war die ganze Zivilisation mit einer wunderbaren Altersverehrung und Altersachtung verbunden. Und wir müssen uns fragen: Woher kam denn das, daß der Mensch so etwas an sich durchmachte? — Ja, das kam davon, daß der Mensch gerade weniger in seinem physischen Leibe dazumal lebte, als er heute lebt. Heute kriecht der Mensch, wenn er zwanzig Jahre alt ist, in seinen physischen Leib hinein, oder ist schon ganz in seinen physischen Leib hineingekrochen, macht alle Erlebnisse dieses physischen Leibes mit. Daher fühlt er sich identisch, eins mit seinem physischen Leibe. Womit man sich aber eins fühlt, dessen Schicksal erlebt man mit. Weil in jenen alten Zeiten die Menschen sich viel selbständiger in ihrem physischen Leibe fühlten, ihr Denken viel bildhafter war, ihr Fühlen wie ein innerliches Weben und Leben in Realität war, deshalb war ihnen von vornherein der physische Leib etwas, in dem sie wie in einer Hülle steckten. Und diese Hülle verhärtete sich gegen das Ende des Lebens zu in den Fünfzigerjahren, und der Mensch fühlte, indem dieser Leib mehr der Außenwelt gemäß sich entwickelte, wie dieser Leib nun ein Vermittler von Weisheitsinhalten über die Außenwelt wurde.

[ 8 ] Das war anders geworden, als die Menschheit dann, die zivilisierte Menschheit der damaligen Zeit, übertrat in das nächste Kulturzeitalter, das ich in meiner «Geheimwissenschaft» das urpersische genannt habe. Da konnten die Menschen diese Abhängigkeit ihres physischen Leibes von dem Irdischen in den Fünfzigerjahren nicht mehr empfinden. Aber dafür empfanden sie noch in den Vierzigerjahren, vom etwa zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre bis zum neunundvierzigsten, fünfzigsten Lebensjahre eine andere Beeinflussung durch das Älterwerden ihres physischen Leibes. Sie machten nämlich in dieser Zeit in einer intensiven Weise den Jahreslauf mit. Sie fühlten an ihrem Leibe Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ihr Leib bekam ein sprießendes, sprossendes Wesen im Frühling, Sommer, bekam wiederum ein Wesen des Niederganges im Herbst und im Winter. Der Mensch lebte den Jahreslauf mit, die Luftänderungen. Und mit diesem Wahrnehmen der Luftänderungen, des Jahreslaufes war etwas anderes verbunden. Der Mensch fühlte dadurch, wie sein Sprechen etwas wurde, was eigentlich nicht mehr ihm gehörte. So wie man in den Fünfzigerjahren früher gefühlt hat, daß einem eigentlich der ganze physische Leib nicht mehr gehört, daß er mehr oder weniger der Erde gehört, so fühlte man in der urpersischen Zivilisationsepoche, wie der Leib eigentlich auch mit dem, daß er die Sprache hervorbringt, dem umliegenden Volke angehört, der Umgebung angehört. Der Angehörige der urindischen Kultur, wenn er fünfzig Jahre alt geworden war, sagte gar nicht mehr: Ich gehe —, wenn er seine eigene Empfindung aussprach, sondern er sagte: Mein Leib geht. Er sagte nicht: Ich gehe zur Türe herein —, sondern er sagte: Mein Leib trägt mich zur Türe herein. — Denn er empfand seinen Leib als etwas der Außenwelt Verwandtes, der Erde Verwandtes. Und der Angehörige dieser persischen späteren Zivilisation im fünften, sechsten Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha, fühlte, daß die Sprache sich selber spricht, daß sie etwas ist, was er mit seiner ganzen Umgebung gemein hat. Man lebte dazumal nicht so international, sondern viel mehr im Volksgefüge darinnen, über die ganze Erde hinüber. Man fühlte, wie einem die Sprache fremd wurde, wie gewissermaßen: Es spricht in einem — gesagt werden konnte, wenn man seine wirklichen Empfindungen ausdrückte.

[ 9 ] Und wirklich war es so, wenn die Leute die Vierzigerjahre erreicht hatten, dann drückten sie in einem gewissen Sinne aus, ich möchte sagen, seht respektvoll: Göttlich-geistige Mächte sprechen durch mich. — Der Mensch fühlt auch so, als ob ihm sein Atem selber nicht mehr angehört, als ob er ganz der Umgebung hingegeben wäre. Und in den letzten Dreißigerjahren fühlte man in einer solchen ähnlichen Weise in der ägyptisch-chaldäischen Kultur, die vom 3., 4. Jahrtausend bis in das 8., 9. vorchristliche Jahrhundert reichte —, so gegenüber seinen Gedanken, gegenüber seinen Vorstellungen. Nur fühlte man diese Vorstellungen, wenn das fünfunddreißigste Jahr herankam, wie wenn sie mit den Himmelsmächten, mit den Sternengängen verbunden wären.

[ 10 ] Wie der Urinder seinen Leib am Ende seines Lebens verbunden fühlte mit der Erde, der Urperser seine Sprache, seinen Atem verbunden fühlte mit dem Jahreslauf, mit der Umgebung, so fühlte der Angehörige der älteren ägyptischen, der Angehörige der alten chaldäischen Kultur, wie sein Denken von dem Sternenlauf dirigiert wurde. Und in die Gedanken herein fühlte er göttliche Sternenmächte spielen.

[ 11 ] Nun war es aber so, daß in der ägyptisch-chaldäischen Kultur der Mensch bis so zu seinem zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre diese Abhängigkeit seiner Gedanken von den Himmelsmächten fühlte. Dann trat für ihn nicht mehr etwas ein, was ihm neu war im menschlichen Lebenslauf. Das aber hatte auch schon der Urperser, daß er sein Denken wie von den Sternen ihm eingegeben fühlte; dazu bekam er in den Vierzigerjahren dann dieses Verhältnis zur Sprache, das ich geschildert habe. Und ebenso hatte der Urinder vom fünfunddreißigsten Jahre an das Verhältnis zu den Sternenmächten. Daher war ihm die Astrologie etwas Selbstverständliches. Er bekam nur dazu in den Vierzigerjahren die Abhängigkeit der Sprache von der Umgebung. Und er bekam dazu in den Fünfzigerjahren das ganze Objektivwerden des physischen Leibes, das Schattenhaftwerden des physischen Leibes. Er gewöhnte sich gewissermaßen an das Sterben, weil das Sterben schon in den Fünfzigerjahren an ihn herantrat. Die Seele war nicht so verknüpft mit dem Leibe. Daher traten durch die äußeren Verhältnisse diese Veränderungen mit dem Leibe ein. Und das wurde wieder die Seele gewahr, das nahm die Seele wahr, erlebte die Seele mit. Dadurch lebte sich der Mensch, indem er älter und älter wurde, immer mehr und mehr in die Welt hinein.

[ 12 ] Nun kam die griechisch-lateinische Zeit heran, die ja dauerte vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis in das 15. nachchristliche Jahrhundert hinein, denn da waren noch immer — in den Jahrhunderten vor dem 15. nachchristlichen Jahrhundert — die Nachklänge der griechisch-lateinischen Kultur in den zivilisierten Gegenden. Da war das Zeitalter herangerückt, wo der Mensch sich noch fühlte — wir machen uns heute nach der landläufigen Historie, die wir als eine vollständig unzulängliche Historie in der Schule aufnehmen, von diesen Veränderungen in der Menschheitsentwickelung gar keinen Begriff bis in die Dreißigerjahre hinauf abhängig von seinem physischen Leibe. Aber er fühlte sich jetzt, wenn wir zum Beispiel zum alten Griechen zurückschauen, nicht mehr abhängig von den Sternen, von dem Jahreslauf, nicht mehr abhängig von der Erde, aber er fühlte sich ganz in seinem physischen Leibe noch darinnenstecken. Der Grieche fühlte einen Einklang, eine Harmonie zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Physisch-Leiblichen, nur sonderte sich das PhysischLeibliche nicht mehr von ihm ab. Da kam die Zeit heran, wo der Mensch so mit seinem physischen Leibe verbunden wurde, daß er nicht mehr dem physischen Leibe es überließ, den Weltenlauf in seiner geistigen Gesetzmäßigkeit mitzumachen, wo der Mensch ganz und gar mit seinem physischen Leibe verbunden war. Diese Zeit trat für die Menschheit erst mit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert ein.

[ 13 ] Das aber bewirkte einen großen Umschwung in der ganzen Menschheitsentwickelung, insofern die zivilisierte Menschheit in Betracht kommt. Der Mensch fühlte sich, wenn so die Dreißigerjahre herankamen, zwar eins mit seinem physischen Leibe, aber der physische Leib sonderte sich nicht mehr ab. Er fühlte sich verbunden mit ihm. Der physische Leib verriet ihm keine Weltengeheimnisse mehr. Das hatte zur Folge, daß das Menschengeschlecht gerade in diesem Zeitalter ein ganz neues Verhältnis zum Tode gewann. In der Zeit, wo der Mensch gewissermaßen durch die Absonderung seines physischen Leibes sich auf das Sterben vorbereitete, war dieses Sterben für ihn bloß eine Verwandlung im Leben, denn er lernte in den Fünfzigerjahren das allmähliche Sterben kennen. Er empfand es als etwas, was gerade weisheitsvoll in das Weltenall sich hineinlebte. Er empfand den Tod als etwas, was ihn in die Welt hineinführte, in die er sich schon hineingelebt hatte während des Erdenlebens. Der Tod war etwas ganz anderes, als er es später geworden ist. Man möchte sagen: Immer mehr und mehr trat an den Menschen das heran, daß das Seelisch-Geistige das Sterben mitmachte.

[ 14 ] Vergleichen Sie nur einmal die Griechenzeit mit der urindischen Zeit. Mit der urindischen Zeit machte sich der Leib selbständig. Der Mensch wußte: Ich bin noch etwas außer meinem selbständig schalenhaft gewordenen Leibe. — Er konnte gar nicht auf den Gedanken kommen, daß der Tod irgend etwas wie ein Ende sei im Leben. Diesen Gedanken gab es während der urindischen Zeit gar nicht im Menschenleben der Erde. Nach und nach erst, und am stärksten im 8. vorchristlichen Jahrhundert, sagte sich der Mensch, er sagte es sich unbewußt in der Empfindung, rationalistisch denken konnte er allerdings über diese Dinge nicht, aber im Empfindungsleben, da war es vorhanden, daß er sich sagte: Mein Körper stirbt, aber ich bin ja mit meinem Seelisch-Geistigen eins mit meinem Leibe. — Er merkte keinen Unterschied mehr des Leiblichen vom Seelisch-Geistigen.

[ 15 ] Es kam über die Menschen der Gedanke, der in der ersten Zeit, als er auftrat, ich möchte sagen, aus dunklen Geistestiefen in der Menschheit im 9., im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha etwas Furchtbares hatte. Es kam der Gedanke an die Menschen heran: Könnte denn nicht meine Seele denselben Weg machen, nämlich sterben, wie mein Leib stirbt?

[ 16 ] Dieser für die urindische Epoche ganz unmögliche Gedanke, der kam immer mehr und mehr herauf, je mehr sich das letzte Jahrtausend der Menschheitsentwickelung dem Mysterium von Golgatha näherte. Und aus dieser Stimmung ist so etwas hervorgegangen wie das berühmte griechische Wort, das Wort der griechischen Helden: Lieber ein Bettler in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten. — Denn der Grieche fühlte wenigstens, daß das Leben erstarkt, auch das seelische Leben erstarkt mit dem körperlichen Leben. Das war die Zeit, in der jene Menschheitsstimmung heranreifte, die in der richtigen Weise dem Mysterium von Golgatha entgegenwuchs. Denn woher rührte denn jene Kraft in der Frischhaltung des Seelenwesens, die den alten Menschen den Gedanken unmöglich machte, daß die Seele denselben Todesweg gehen könnte, den der Leib geht? Es machte diese Seelenfrische, diese Seelenunabhängigkeit in der Empfindung für den Menschen das aus, daß der Mensch in jenen alten Zeiten wußte, ich habe ein Leben gehabt, denn er schaute in dieses Leben hinein, das ein vorirdisches Leben war, das ich seelisch-geistig durchgemacht habe, bevor ich heruntergestiegen bin in die physische Erdenwelt. In dieser Welt, in der ich da oben war, war ich verbunden mit dem hohen Sonnenwesen.

[ 17 ] Und die alten Mysterien bildeten ihre Lehre dahingehend aus, daß der Mensch im vorirdischen Dasein mit dem Geiste der Sonne verbunden ist, wie im irdischen Leben der Leib des Menschen mit dem physischen Lichte der Sonne verbunden ist. Und die Mysterienlehrer sagten ihren Schülern, und diese sagten es wieder der übrigen Menschheit — sie nannten das hohe Sonnenwesen noch nicht den Christus, aber es war der Christus, wir können daher heute dieses Wort gebrauchen: Der Christus ist ein Wesen, das niemals zur Erde heruntersteigt. Aber ihr wart, bevor ihr auf die Erde heruntergestiegen seid, in der Gemeinschaft des Christus oben in den geistigen Welten im vorirdischen Dasein. Und die Kraft dieses Christus hat euch die Fähigkeit gegeben, unabhängig zu halten eure Seele von dem Leiblichen.

[ 18 ] Diese instinktive Erinnerung an ein vorirdisches Dasein ging verloren, indem der Mensch sich immer mehr und mehr identisch mit seinem Leibe fühlte. Und im Griechenzeitalter war für den Erdenmenschen eigentlich nur noch der Anblick des irdischen Lebens für seine instinktiven Bewußtseinsmächte da. Der Grieche lebte gerade dadurch dieses harmonische Erdendasein, daß ihm der Ausblick in die Himmelswelten des Geistes entschwunden war. Der Grieche erlangte so viel in der Bezwingung des Sinnlich-Physischen, daß ihm das Geistige mehr oder weniger aus dem Lebenshorizonte verschwunden war. Nicht mehr war da das Bewußtsein für die Menschen der zivilisierten Gegenden: Wir waren, bevor wir heruntergestiegen sind, in Gegenwart des hohen Sonnenwesens, das man später den Christus nannte. — Dunkel war es, wenn man auf den vorgeburtlichen, auf den vorirdischen Zustand hinschaute. Und das Rätsel des Todes trat auf.

[ 19 ] Dasjenige, was nun geschah, müssen wir nicht bloß als eine Menschheitsangelegenheit betrachten, sondern wir müssen es als eine Götterangelegenheit betrachten. Die göttlich-geistigen Mächte, die den Menschen auf die Erde herabgesendet haben, haben ihm die Impulse dieser Entwickelung gegeben, die ich eben geschildert habe. Denn dadurch, daß der Mensch immer mehr und mehr in bezug auf sein Geistig-Seelisches mit dem physischen Leibe zusammenwuchs, sozusagen sein Geistig-Seelisches identifizierte mit dem physischen Leibe, so daß das Rätsel des Todes auch für das Geistig-Seelische herantrat, dadurch drohte für die göttlich-geistigen Mächte, die den Menschen auf die Erde heruntergeschickt haben, daß diesen Göttern der Mensch verlorengehen könne, daß er nach und nach auch seelisch mit seinem Leibe sterben könne.

[ 20 ] ‚Aber der Mensch wäre niemals ein freies Wesen geworden, ein unabhängiges Wesen, wenn er nicht in seinen Körper hineingewachsen wäre in diesen Zeiten. Frei konnte der Mensch in der Entwickelung nur dadurch werden, daß sich ihm der Blick nach dem Vorirdischen verdunkelte, daß er gewissermaßen ganz verlassen in dem Hause seines physischen Leibes einmal auf der Erde stehen konnte. Dadurch glänzte und leuchtete sein selbständiges Ich auf. Denn das Aufleuchten dieses selbständigen Ichs kann gerade dadurch kommen, daß man ganz und gar in seinen physischen Leib hineinwächst. Wenn man in geistig-seelische Welten hinaufwächst, dann tritt das Ich zurück, dann geht man in das objektiv Geistig-Seelische auf. Ein freies Ich-Wesen konnte der Mensch nur werden, wenn ihm die Impulse der Götter gegeben waren, zusammenzuwachsen immer mehr und mehr mit seinem physischen Leibe. Dann aber mußte das Rätsel des Todes einmal auftreten, weil der physische Leib dem Tode verfallen mußte. Wenn die Menschen nicht auf eine andere Weise den Ausblick erhalten hätten, dann wäre über die Menschen auf der Erde die Überzeugung immer mehr und mehr gekommen: Wir sterben hin mit unserem physischen Leibe auch als Seelen. — Und wir wären heute allerdings schon angekommen, wenn nun nichts anderes eingetreten wäre, wenn der geradlinige Fortlauf der Geschichte sich nur vollzogen hätte, bei der allmenschlichen Überzeugung, daß mit dem Leibe sich auch die Seele ins Grab legt.

[ 21 ] Da beschlossen die göttlich-geistigen Mächte, das hohe Sonnenwesen, den Christus, auf die Erde herunterzuschicken, damit die Menschen, die nicht mehr ein Wissen von ihrer Gemeinschaft mit dem Christus im vorirdischen Dasein hatten, ein Bewußtsein von ihrer Gemeinschaft mit dem Christus haben können, der nun auf die Erde zu ihnen heruntergestiegen ist und ihr Menschenschicksal in dem Leibe des Jesus von Nazareth auf Golgatha und in Palästina überhaupt mitgemacht hat. Der Gott stieg herunter auf die Erdenwelt in dem Augenblicke der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit, wo die Menschen ihr Zusammengehörigkeitsgefühl für das Sonnenwesen jenseits der Erdenwelt verloren hatten.

[ 22 ] Warum kam der Christus auf die Erde herunter? Weil die Menschen ihn jetzt auf Erden brauchten, wo sie ihr Bewußtsein zum völligen Ich-Bewußtsein durchgerungen hatten, wo sie auf der Erde erfahren mußten, daß es den Sieger über den Tod gibt, daß es den Sieger gibt, der sterben kann und wieder auferstehen. Dieses Mysterium mußte in der Geschichte vor die Menschen in dem Zeitalter hingestellt werden, in dem die Menschen nicht mehr in das vorirdische Dasein hinaufschauen konnten, um da zu erschauen ihre Gemeinschaft mit dem Unsterblichkeitsgeber für die Menschen, mit dem Christus.

[ 23 ] Es ist eine Götterangelegenheit, daß der Christus von den jenseitigen Welten auf die Erde heruntergeschickt worden ist, nicht eine bloße Menschheitsangelegenheit. Denn den Göttern wäre das Menschengeschlecht entsunken, wenn die Götter nicht einen ihrer Höchsten auf die Erde heruntergeschickt hätten, um mit den Menschen, mit dem Menschenschicksal und -sein in die ganze Menschen-Weltenentwickelung ein göttliches Ereignis mitten unter die irdisch-menschlichen Ereignisse einzuweben. Man begreift das Ereignis von Golgatha nicht, wenn man es bloß als ein menschliches Ereignis anschaut. Man begreift das Ereignis von Golgatha erst, wenn man es als eine Götterangelegenheit mitbetrachten kann, wenn man sieht, wie da etwas, was vorher nur in den göttlichen Welten geschaut worden ist, nun in der irdischen Welt geschaut werden konnte.

[ 24 ] Sie werden vielleicht jetzt den Einwand erheben: Ja, aber es sind doch nicht alle Menschen Bekenner Christi geworden, und viele glauben nicht an den Christus. Sind die nun in der Lage, zu meinen, ihre Seele lege sich mit dem Leibe sterbend ins Grab? — So dürfen wir das Ereignis von Golgatha nicht auffassen. Für alle die Jahrhunderte, die dem unsrigen vorangegangen sind, gilt es, daß der Christus in unendlicher gnadenvoller Barmherzigkeit nicht nur für diejenigen gestorben ist, die sich zu ihm bekennen, sondern für alle Menschen der Erde. Die Erlösung von dem Rätsel des Todes ist durch Christus für alle Erdenmenschen vollzogen worden. Das ist eine Angelegenheit, die zunächst mit dem menschlichen Bewußtsein nichts zu tun hatte. Es war nur natürlich, daß sich Menschen fanden, die allmählich die Größe und Bedeutung des Mysteriums von Golgatha auch in ihr Bewußtsein aufnahmen. Aber der Christus ist für die Chinesen, Japaner, Hindus ebenso gestorben und auferstanden wie für die Christen.

[ 25 ] Erst weil die Menschheitsentwickelung seit dem 15. Jahrhundert und jetzt immer mehr und mehr den Intellektualismus als ihre höchste Seelenkraft betrachten muß, weil der intellektualistische Impuls immer mächtiger und mächtiger gegen die Zukunft hin werden wird, sind wir jetzt in dem Zeitalter, in der Zeitepoche angekommen, wo es sich darum handeln wird, daß die Menschheit, weil es immer mehr und mehr auf ihr Bewußtsein ankommt, daß die Menschen über die ganze Erde hin immer mehr und mehr begreifen lernen dasjenige, was mit dem Mysterium von Golgatha geschehen ist. Dazu allerdings wird es notwendig sein, daß eine Art und Weise der Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha auftrete, die nun wirklich für alle Menschen auch begreiflich sein kann.

[ 26 ] Die Art und Weise, wie das Christentum durch die bisherigen Jahrhunderte sich entwickelt hat, hatte noch viel von der Eigentümlichkeit der alten Völkerreligionen, der alten ethnischen Religionen. Sie hatte noch nicht das Universalistische, diese christliche Entwickelung. Und die Missionare, wenn sie ausgezogen sind zu andern Bekennern, wurden wenig verstanden oder gar nicht verstanden, weil sie von dem Christus sprachen wie von einem singulären Gotte, der Eigenschaften in ihrer Darstellung, in ihrer Charakteristik hatte, wie die alten Volksgötter sie hatten. So hatte sich schließlich das Christentum auch ausgebreitet. Sehen Sie hin, warum Konstantin, warum Chlodwig das Christentum angenommen haben? Weil sie glaubten, daß ihnen der Christengott mehr helfen kann, als ihnen ihre bisherigen Götter geholfen haben. Sie tauschten gewissermaßen ihre bisherigen Götter gegen den Christengott aus. Dadurch bekam der Christus viele Eigenschaften der alten Volksgötter. Diese Eigenschaften haften dem Christus durch die Jahrhunderte hindurch an.

[ 27 ] Aber auf diese Weise konnte das Christentum auch noch nicht die universalistische Religion werden, sondern es mußte das Christentum gerade immer mehr und mehr dazu kommen, ich möchte sagen, vor dem Intellektualismus zurückzutreten. Und wir sehen manche theologische Entwickelung gerade im 19. Jahrhundert, die gar nichts mehr von der übersinnlichen Art des Christus-Ereignisses verstehen konnte, wo man nur noch sprechen wollte von dem Menschen Jesus, dem man allerdings zuschtieb, daß er als Mensch über die übrigen Menschen hinausrage. Aber man wollte nunmehr von dem Menschen Jesus sprechen, nicht von dem Gotte Christus. Von dem Gotte Christus muß wiederum gesprochen werden können, weil dieser Christus in seinem Schicksale durch das Mysterium von Golgatha auf Erden für die Menschen dasjenige dargelebt hat, was er früher für sie in Himmelshöhen war, bevor sie auf die Erde herabgestiegen waren.

[ 28 ] Und so müssen wir sagen: Die alten Volksreligionen waren zunächst örtliche Religionen. — Sagen wit, es wurde gebetet zu dem Gott von Theben, es wurde gebetet zu dem Gott, der auf dem Olymp war. Es waren lokale Götter da, man mußte in der Nähe des betreffenden Ortes wohnen. Damit waren die alten Bekenntnisse von vornherein auf einen beschränkten Erdenkreis gebannt. Später wurden an die Stelle der lokalen Götter, die ihren Wohnsitz an einem bestimmten Orte hatten, diejenigen Götter gesetzt, die mehr an die Persönlichkeit der einzelnen Menschen, der führenden Heroen der Völker gebunden waren. Aber immerhin war noch der Gott eines Volkes entweder der noch lebende Heros des Volkes oder die nachgebliebene Seele, die Ahnenseele des Volkes. Das religiöse Bekenntnis hatte etwas Eingeschränktes.

[ 29 ] Mit dem Christentum war eine Erdenreligion entwickelt, welche als geistiges Element so für die Erde ist, wie die Sonne als physisches Element für die Erde ist. Das Klima von der Gegend in der Nähe von Olympia ist verschieden von dem Klima in der Nähe von Theben, das Klima in der Nähe von Theben ist verschieden von dem Klima in der Nähe von Bombay. Wenn sich das religiöse Bekenntnis an die Lokalität anschmiegt, dann reicht es auch nicht über die Lokalität hinaus. Aber die Sonne verbreitet ihr Licht über alle Lokalitäten der Erde, scheint allen Menschen als die gleiche Sonne.

[ 30 ] So war, als derjenige Gott Menschengestalt angenommen hatte, der seinen physischen Abglanz in der Sonne hat, dem Menschengeschlechte doch ein Gott gegeben, der für alle Menschen der ganzen Erde als Gott gelten kann. Man muß nur die Möglichkeit finden, in das Wesen dieses Christus-Gottes einzudringen, dann wird man ihn darstellen können als den Gott, der für die ganze Erdenmenschheit gilt. Wir sind in der anthroposophischen Lehre erst im Anfange. Wir stammeln gewissermaßen heute erst Anthroposophie. Aber Anthroposophie wird sich immer weiter und weiter entwickeln, und ein Teil ihrer Entwickelung wird darinnen bestehen, daß sie Worte über die Darstellung des Mysteriums von Golgatha finden wird, mit denen sie zu den Hindus, zu den Chinesen, in alle Gebiete der Erde gehen kann, und das Mysterium von Golgatha so verständlich machen können wird, daß der Hindu, der Chinese, der Japaner nicht mehr dasjenige zurückweisen werden, was ihnen über das Mysterium von Golgatha gesagt wird.

[ 31 ] Dazu ist aber allerdings notwendig, daß dasjenige, was christliche Tradition ist, in vollem Sinne ernst genommen werde. Durch die Jahrhunderte hindurch band man sich mehr oder weniger an das Evangeliumwort. Man studierte die alten Bücher und man studierte auch so, wie man sie verstand. Hier soll gewiß nichts gegen die Gültigkeit der Evangelien gesagt werden. Wir haben in unseren Zyklen über jedes der Evangelien eine besondere anthroposophische Interpretation, wo versucht wird, in den Sinn, in den tieferen Sinn der Evangelien einzudringen. Aber dennoch muß gesagt werden: Warum wird denn gewöhnlich das Wort am Ende des einen Evangeliums so wenig ernst genommen, das da heißt: «Ich hätte euch noch viel zu sagen, allein ihr könnet es jetzt noch nicht verstehen»? Und warum wird denn das andere Wort des Evangeliums so wenig ernst genommen: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten»? Denn der Christus hat wahr gesprochen. Er hatte den Menschen nicht nur dasjenige zu sagen, was in den Evangelien aufgezeichnet ist. In den Evangelien ist vom Christus-Wort dasjenige aufgezeichnet, wofür die Menschen der damaligen Zeit, einzelne Menschen wenigstens reif waren. Aber reifer und immer reifer mußte die Menschheit in der Erdenentwickelung werden. Der Christus blieb vom Mysterium von Golgatha an als der lebendige Christus, nicht als der tote Christus unter den Menschen. Und er ist da. Lernen wir seine Sprache kennen, dann werden wir auch wissen können, daß er da ist, daß sein Wort wahr ist: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.» Und seine Sprache, seine Geistsprache möchte sprechen gerade anthroposophische Weltanschauung. Anthroposophische Weltanschauung möchte über die Natur, möchte über ein jegliches Wesen der Erde, möchte über den Sternenhimmel und die Sonne so sprechen, daß in dieser Sprache auch das Mysterium von Golgatha verständlich und der Christus als der immerwährend Daseiende empfunden werden kann.

[ 32 ] Wir dürfen auch dasjenige, was wir aus der geistigen Welt mit Hilfe derjenigen Macht, die durch das Mysterium von Golgatha vom Himmel auf die Erde herabgestiegen ist, gewinnen, nach dem Mysterium von Golgatha als das Wort Christi ansehen. Wir dürfen das Wort des Paulus wahrmachen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Ja, der Christus in mir als Mensch, wenn wir als Menschen sprechen von den geistigen Welten. Denn heute sind wir bereits in ein Zeitalter eingetreten, wo wir nicht einmal mehr wie die Griechen uns noch mit unserem physischen Leibe eins fühlen, aber diesen physischen Leib deutlich als einen harmonisch selbständigen fühlen. Heute dringen wir noch früher als im Griechenzeitalter in die Untergründe unseres physischen Leibes hinein, trennen uns dadurch von dem Spirituellen unserer Umgebung, können uns nur vertiefen, wenn wir die Verbindung mit dem Gotte suchen, der aus den Himmeln zu den Menschen herabgestiegen ist, können uns nur mit dem Gotte, der den Erdenort betreten hat, verbunden fühlen, weil die Menschen nicht mehr in ihrem physischen Dasein mit ihrem gewöhnlichen Bewußtsein den Himmelsort unmittelbar betreten können. Wenn wir den Christus finden, das heißt, wenn wir uns eröffnen die geistige Welt, dann finden wir auch wiederum den Zugang zu der übersinnlichen Welt, aber jetzt nicht durch den physischen Leib, wie das in alten Zeiten der Fall war, sondern durch die erhöhte Kraft der Seele. Und diese bekommen wir jetzt, wo der Parallelismus zwischen der leiblichen und seelischen Entwickelung in die Zwanzigerjahre nur hinaufgeht später wird er noch weniger weit hinaufgehen —, dadurch, daß wir uns mit der Erkenntnis eines übersinnlichen Ereignisses durchdringen, nämlich des Mysteriums von Golgatha mitten unter sinnlichen Ereignissen der Erdenentwickelung. Alles ging auf Erden sinnlich zu. Nur im Mysterium von Golgatha mischte sich unter die Erdenereignisse ein Übersinnliches. Das kann nur durch eine übersinnliche Erkenntnis auch begriffen werden. So bekommen wir als Menschen in der Seele durch unsere Verbindung mit dem Christus die starke Kraft, ein Verhältnis zu der übersinnlichen Welt zu gewinnen, was die Menschen früher dadurch gewannen, daß sie noch mit ihrem physischen Leibe so verbunden waren, daß der Leib ihnen schalenartig werden konnte, daß sie noch vor dem physischen Tode das Herannahen dieses Todes verspürten und dadurch zusammenwuchsen mit dem Geiste, der in der Umgebung enthalten ist.

[ 33 ] Wir müssen seelisch das erreichen, was auf eine mehr durch den Leib vermittelte Art in den älteren Zeiten erreicht worden ist. Wenn wir auch noch so sehr bewundern dasjenige, was übrigens nicht aus der urindischen Zeit auf uns gekommen ist, sondern was später geblieben ist aus dieser urindischen Zeit in der Herrlichkeit der Veden, der Großartigkeit der Vedantaphilosophie, in dem Glanzvollen der Bhagavad Gita, so müssen wir wissen, das konnte in jenen alten Zeiten nur dadurch errungen werden, daß der Mensch in dieser Weise, indem er ins Alter hineinwuchs, von seinem Leibe etwas Spirituelles in sich zurückgestrahlt bekam.

[ 34 ] Der Mensch wurde sozusagen in jenen älteren Zeiten, in denen vom fünfunddreißigsten Jahre das Leben abwärts geht, entschädigt für dieses Abwärtsgehen des Leibes dadurch, daß gewissermaßen aus dem härter werdenden Leib, aus dem vertrocknet werdenden, runzelig werdenden Leib der Geist sich herauspreßte, den der Mensch wahrnahm. Man dichtete die großen philosophischen Dichtungen der alten Zeiten nicht als Jüngling, man dichtete als weise gewordener alter Patriarch. Aber es war dieses das Ergebnis desjenigen, was man vom Leibe hatte. Wir müssen in diesem anders gewordenen Zeitalter der Menschheitsentwickelung dasjenige, was in alten Zeiten die Menschen von dem Leibe hatten, von der stärker gewordenen Seele haben. Unser Leib wird alt. Wir bleiben mit ihm verbunden. Wir lassen den Geist nicht aus ihm herauskommen, weil wir diesen Leib frühzeitig in Anspruch nehmen.

[ 35 ] Würden wir das nicht tun, würden wir nicht freie Menschen geworden sein. Wir müssen das als unser rechtmäßiges Erdenschicksal hinnehmen. Aber wir müssen uns auch klar sein, unsere Seele muß darum um so stärker werden. Dasjenige, was uns gewissermaßen an geistiger Stärke, die dem schwachgewordenen Leibe in alten Zeiten entsprochen hat, nicht mehr zufließt, das müssen wir durch die eigene Verstärkung unserer Seele erwerben. Und diese Verstärkung unserer Seele ergibt sich, wenn wir wirklich in lebendigem Anschauen auf das große, gewaltige, auf das Himmelsereignis hinblicken, das mitten im Irdischen mit dem Mysterium von Golgatha geschehen ist. Im Anblicke des Mysteriums von Golgatha und im Bewußtsein, daß die Nachwirkung des Mysteriums von Golgatha auch unter uns lebt, im Geistig-Übersinnlichen da ist, im Anblicke dieses Ereignisses stärkt sich unser Seelisch-Geistiges, und wir kommen wiederum an die geistige Welt heran.

[ 36 ] Ja, der Christus ist auf die Erde heruntergestiegen, damit die Menschen ihn auf der Erde schauen konnten, als sie ihn im Himmel nicht mehr erinnernd schauen konnten. Das ist es, was eigentlich uns das Mysterium von Golgatha von dem heutigen Gesichtspunkte aus erst recht vor das geistige Auge rückt.

[ 37 ] Die Jünger haben noch einen Rest des alten Hellsehens gehabt, konnten daher den Christus als ihren Lehrer auch nach der Auferstehung, wo er im Geistleib unter ihnen lebte, haben. Aber diese Kraft schwand ihnen allmählich dahin. Und das völlige Dahinschwinden dieser Kraft wird symbolisch in dem Feste der Himmelfahrt dargestellt. Die Jünger verfielen in eine tiefe Trauer, weil sie meinen mußten, der Christus sei nun nicht mehr da. Das Ereignis von Golgatha hatten sie mitgemacht. Aber als ihnen der Christus aus dem Bewußtsein hinweggegangen war — sie sahen die Christus-Gestalt in den Wolken entschwinden, das heißt, aus ihrem Bewußtsein hinweggehen —, mußte es ihnen vorkommen, als wenn der Christus doch jetzt nicht mehr auf Erden wäre. Da verfielen sie in eine tiefe Trauer. Und alle wirkliche Erkenntnis ist aus der Trauer, aus dem Schmerz, aus dem Leid heraus geboren. Aus der Lust wird wahre, tiefe Erkenntnis nicht geboren. Wahre, tiefe Erkenntnis wird aus dem Leid geboren. Und aus dem Leid, das aus dem Himmelfahrtsfeste für die Jünger Christi sich ergeben hat, aus diesem tiefen Seelenleide ist das Pfingstmysterium herausgewachsen. Für das äußere instinktive Hellsehen der Jünger schwand der Anblick Christi dahin. Im Inneren ging ihnen die Kraft des Christus auf. Der Christus hatte ihnen den Geist gesandt, der ihrer Seele möglich machte, sein Christus-Dasein in ihrem Inneren zu erfühlen. Das gab dem ersten Pfingstfeste in der Menschheitsentwickelung seinen Inhalt. Es folgte auf das Himmelfahrtsfest das Pfingstfest. Der Christus, der für den äußeren hellseherischen Anblick, wie er als Erbschaft den Jüngern aus alten Zeiten der Menschheitsentwickelung geblieben ist, verschwunden war, trat am Pfingstfeste in dem innerlichen Erleben der Jünger auf. Die feurigen Zungen sind nichts anderes als das Aufleben des inneren Christus in den Seelen seiner Schüler, in den Seelen seiner Jünger. Das Pfingstfest mußte sich mit innerer Notwendigkeit an das Himmelfahrtsfest anschließen.

[ 38 ] So sehen wir, wie das Mysterium von Golgatha in seiner Totalität sich in die Menschheitsentwickelung hineinstellt. Und so stellte es sich hinein, so wirkte es durch die Zeiten hindurch bis auf unsere Zeit. Und wie wir in würdiger Weise heute uns nähern dem, was für uns in der unmittelbaren Gegenwart, ich möchte sagen, am heutigen Tage der historischen Menschheitsentwickelung das Mysterium von Golgatha sein kann, das wollen wir aus dem, was wir in diesen Tagen betrachtet haben, herausentwickeln in dem morgigen letzten Vortrage, den ich vor Ihnen halten darf. Da wollen wir das eigentliche Pfingstmysterium, aber in seiner Bedeutung für die unmittelbare Gegenwart, vor unsere Seele hinstellen und damit unseren Vortragszyklus dann beschließen.