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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenwesen Menschenschicksal und Welt-Entwickelung
GA 226

19 Mai 1923, Oslo

Vierter Vortrag

[ 1 ] Wenn wir die Seele des Menschen betrachten, finden wir innerhalb des Seelischen Denken, Vorstellen, Fühlen und Wollen. Nun habe ich gewiß schon auch hier öfters über diese drei Seelentätigkeiten gesprochen. Allein ich möchte heute wiederum in einem besonderen Zusammenhange, der sich in unseren Zyklus einfügt, gerade über diese dreigliedrige menschliche Seele einige Worte vorbringen.

[ 2 ] Im wachen Zustande leben wir eigentlich nur in unseren Vorstellungen. Dasjenige, was wir denken, ist uns im wachen Zustande voll bewußt. Wenn Sie sich fragen: Sind die Gefühle, die wir durchmachen im Wachzustande, ebenso bewußt wie die Vorstellungen? — so müssen Sie sich dieses mit Nein beantworten. Die Gefühle bleiben für das wache Bewußtsein in einem gewissen Sinne dunkel und unbestimmt. Und wenn Sie dasjenige vergleichen, was Sie in Ihrer Gefühlswelt erleben, mit demjenigen, was Sie erleben, wenn Sie sich gegenübergestellt finden der mannigfaltigen Bilderwelt Ihrer Träume, so werden Sie in der Gefühlswelt und in der Traumeswelt denselben Grad von Bewußtsein finden. Es wird in der Gefühlswelt nur auf eine andere Weise geträumt, aber es wird auch in der Gefühlswelt nur geträumt. Man täuscht sich über diesen Charakter der Gefühlswelt dadurch leicht, daß man dasjenige, was gefühlt wird, in Vorstellungen übersetzt. Man stellt sich seine Gefühle vor. Dadurch hebt man die Gefühle in das Wachbewußtsein herauf. Aber die Gefühle als solche sind nicht mehr bewußt als der Traum.

[ 3 ] Und insbesondere unbewußt bleiben, vollständig unbewußt können wir sagen, die Willensimpulse des Menschen. Stellen Sie sich nur einmal vor, wieviel Sie von etwas wissen, was Sie ein Wollen nennen. Nehmen Sie nur an, Sie strecken die Hand aus, um irgend etwas zu ergreifen. Sie haben zuerst die Vorstellung davon, daß Sie die Hand ausstrecken werden. Darinnen liegt Ihre Absicht. Wie aber diese Absicht nun hinunterströmt in Ihren ganzen Organismus, wie diese Absicht sich den Muskeln, den Knochen mitteilt, damit die Hand den Gegenstand ergreifen kann, davon wissen Sie ebensowenig, wie Sie von dem wissen im gewöhnlichen Bewußtsein, was während des Schlafes mit Ihrem Ich vorgeht. Erst wenn Sie den Gegenstand ergriffen haben, dann nehmen Sie wiederum wahr die Bewegung des Ergreifens, also wiederum eine Vorstellung. Was zwischen dieser Vorstellung, welche die Absicht bildet, und der Vorstellung liegt, die Sie dann haben, wenn Sie die Absicht in der äußeren Ausführung sehen, was dazwischen liegt, was da in Ihrem Organismus vor sich geht, das verschlafen Sie auch bei wachendem Bewußtsein. Das Wollen ist ein Schlafen, das Fühlen ist ein Träumen, und nur das Vorstellen, das Denken ist ein wirkliches Wachen.

[ 4 ] Da haben wir auch während des Wachzustandes die dreigliedrige menschliche Seele: die wache Seele, die vorstellt, die träumende Seele, die fühlt, und die wollende Seele, die schläft, so daß der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein niemals sagen kann, was eigentlich da unten in den Zuständen vor sich geht, in denen der Wille webt und lebt.

[ 5 ] Wenn man dann aber mit den Methoden der anthroposophischen Forschung in diejenige Region hinunterleuchtet, wo der Wille pulsiert, da findet man zunächst das Folgende. Wenn wir die Absicht haben, irgendeinen Willensentschluß auszuführen, dann ist das zunächst ein Gedanke, eine Vorstellung. In dem Momente, wo diese Absicht in den Organismus hineinströmt, entsteht im Organismus dasjenige, was man einen inneren Verbrennungsprozeß nennen kann. Jedesmal wird im Organismus ein Verbtennungsprozeß entstehen längs des ganzen Weges, den der Willensentschluß macht. Durch das Verbrennen von Stoffwechselprodukten, die Sie in sich haben, wird alles das bewirkt, was den Arm bewegt, um einen Willensentschluß auszuführen, so daß eigentlich ein wollender Mensch im physischen Sinne in einem verbrennungsartigen Verzehren seiner Stoffwechselprodukte sich befindet. Eigentlich müssen wir immer deshalb die Stoffwechselprodukte erneuern, weil durch den Willen diese Stoffwechselprodukte fortwährend verzehrt, verbrannt werden.

[ 6 ] Das ist anders beim Vorstellen. Beim Vorstellen findet ein fortwährendes Ablagern von salzartigen Bestandteilen statt. Erdige, salzartige, aschenartige Bestandteile sondern sich aus dem Organismus ab, so daß, physisch gesprochen, das Denken, das Vorstellen ein Salzablagern ist. Das Wollen ist ein Verbrennen. Und dem Anschauen, dem geistigen Anschauen stellt sich das menschliche Leben als ein fortwährendes Salzablagern von oben und als ein Verbrennen von unten herauf dar. Dieses Verbrennen, das macht, daß wir, wenn ich mich so ausdrücken darf, im Feuer des eigenen Leibes mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht wahrnehmen können, was der Wille eigentlich ist. Dieses Verbrennen bewirkt, daß wir den Willen, alles Wollen fortwährend verschlafen.

[ 7 ] Aber was wird uns denn da unsichtbar für das gewöhnliche Bewußtsein, wenn wir den Willen verschlafen? Wenn man nun in dieses organische Feuer, das fortwährend durch den Willen entsteht, mit den Mitteln der Geistesanschauung hineinleuchtet, dann nimmt man wahr, daß in diesem Feuer die Wirkungen unseres moralischen Verhaltens in dem vorhergehenden Erdenleben leben. Da drinnen lebt dasjenige, was man menschliches Schicksal, menschliches Karma nennen kann. Es ist wirklich so, daß, wenn man richtig anschaut, wenn ein Mensch zum Beispiel in einem bestimmten Jahre seines Lebens die Bekanntschaft eines andern Menschen macht, daß sich dann ganz anders diese Tatsache ausnimmt, wenn man sie geistig richtig anschaut, als wenn man sie nur äußerlich mit dem sinnlich-intellektualistischen Bewußtsein anschaut.

[ 8 ] Nehmen wir an, ein Mensch hat eben in irgendeinem Jahre seines Lebens einen andern Menschen kennengelernt. Man spricht da sehr häufig von Zufall. Und es nimmt sich das ja auch so aus, als wenn der andere Mensch durch die verschiedenen Zufallswege des Lebens einem zugeführt worden wäre, und man hätte dann im Augenblicke mit ihm Bekanntschaft geschlossen. Aber so ist es ja nicht. Wenn man hineinschaut mit den Mitteln der Geisteswissenschaft in den ganzen Zusammenhang des menschlichen Lebens, in all das, was unsichtbar durch den angedeuteten Verbrennungsprozeß wird, dann sieht man, daß eine Bekanntschaft, die man zum Beispiel im fünfunddreißigsten Lebensjahre gemacht hat, ganz planmäßig das ganze Leben hindurch ersehnt und erstrebt worden ist. Wenn Sie den Menschen von seinem fünfunddreißigsten Lebensjahre bis zu seiner ersten Kindheit verfolgen und Sie legen bloß, Sie machen die Wege offenbar, die er durchgemacht hat, um zuletzt da anzukommen, wo ihm der andere Mensch begegnet ist, so ist das ein ganz planmäßiges Erstreben im Unterbewußtsein. Und manchmal ist es, wenn man in dieser Weise das Schicksal des Menschen betrachtet, ganz wunderbar, welche Winkelzüge ein Mensch macht, um an einer bestimmten Stelle in einem bestimmten Jahre anzukommen und da den andern Menschen zu treffen. Wer wirklich in das menschliche Leben hineinsieht, der kann gar nicht anders sagen als: Derjenige, der etwas erlebt, hat dieses Erlebnis sein ganzes Erdenleben hindurch so gesucht, wie man nur irgend etwas suchen kann. — Und warum suchen wir ein bestimmtes Erlebnis? Weil uns dieses Suchen aus früheren Erdenleben in die Seele hinein ergossen ist. Aber diese früheren Erdenleben erscheinen in ihren Wirkungen nicht im Gedankenbewußtsein, in dem wir wachen, sondern sie erscheinen in ihren Wirkungen in dem Bewußtsein, wo ein Verbrennungsprozeß uns fortwährend in einen Schlaf einlullt. Wir streben unbewußt, aber wir streben nach den Erlebnissen unseres Erdendaseins hin.

[ 9 ] Nun können sich verschiedene Einwände erheben, Gedanken erheben, wenn so etwas ausgesprochen wird. Zuerst kann der Mensch sagen: Ja, dann ist unser ganzes Leben schicksalsbestimmt und wir haben keine Freiheit. — Aber verlieren wir dadurch an Freiheit, daß wir blonde Haare haben und nicht schwarze? Das ist ja auch vorbestimmt. Wir sind dennoch frei, trotzdem wir blonde Haare haben und nicht schwarze, wenn wir uns vielleicht auch schwarze wünschen; wir sind dennoch frei, wenn wir auch nicht, was wir vielleicht als Kind wollen, den Mond herunterlangen können. Wir sind dennoch frei, wenn auch von dem Beginn unseres Erdenlebens an von uns gewisse Erlebnisse gesucht werden, denn nicht das ganze menschliche Leben setzt sich aus solchen schicksalsmäßigen Erlebnissen zusammen, sondern es fügen sich immer den schicksalsmäßigen Erlebnissen die freien Erlebnisse ein. Und diese freien Erlebnisse, die sich einfügen, findet die Geisteswissenschaft wiederum an einer andern Stelle.

[ 10 ] Ich spreche ja oftmals von den drei Stufen der Geisteserkenntnis: von der Imagination, wo wir zuerst eine Bilderwelt schauen, von der Inspiration, wo in diese Bilderwelt die geistige Wirklichkeit und Wesenhaftigkeit hereinkommt, und dann von der Intuition, wo wir in der geistigen Wirklichkeit und Wesenhaftigkeit darinnenstehen.

[ 11 ] Wenn nun der Mensch als Geistesforscher zur Imagination kommt und dadurch, wie ich schon im öffentlichen Vortrage angedeutet habe, sein Lebenstableau vor sich hat, dann wird zu gleicher Zeit auch immer etwas anderes anschaubar. Man kann nicht das eine ohne das andere haben. Man kann nicht die Imagination haben, die wirkliche Geist-Erkenntnis des bisherigen Erdenlebens, ohne daß in einer merkwürdigen Weise wie eine Erinnerung diejenigen Erlebnisse auftauchen, die wir während des Schlafes immer gehabt haben vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Ich habe Ihnen erzählt, wie diese Erlebnisse sind. Wenn man auf der einen Seite die Imagination erhält, erhält man auf der andern Seite insbesondere stark, wenn dann auch das innere Schweigen der Seele eintritt, eine Anschauung desjenigen, was der Mensch im Schlafzustande erlebt.

[ 12 ] Nun habe ich Ihnen schon manches von dem geschildert, was der Mensch im Schlafzustande erlebt. Aber dasjenige, was einem vor allen Dingen vor das Seelenauge an Erlebnissen während des Schlafes tritt, das ist das neu sich bildende Schicksal. Wenn wir in das Schlafen hinunterleuchten, das im Wollen liegt während des Wachens, dann kommen wir auf das Karma, welches aus früheren Erdenleben hereinwirkt. Wenn wir anfangen, die Erlebnisse zwischen dem Einschlafen und Aufwachen zu durchschauen, dann schauen wir hin, wie sich aus unseren freien Handlungen, die wir gegenwärtig verrichten, zusammenwebt das Karma, das sich erst wiederum im nächsten Erdenleben verwirklicht.

[ 13 ] Glauben Sie nicht, daß nun, wenn man in dieses Schlafesleben hineinschaut, dasjenige das besonders Beunruhigende ist, daß man sich jetzt sagen muß: Du hast dir durch dein moralisches Verhalten im jetzigen Erdenleben dieses Karma zubereitet. — Das beunruhigt nicht mehr, als wenn man weiß, heute ist die Sonne aufgegangen, bis zur Mittagshöhe gestiegen, ist wieder hinuntergegangen und wird am nächsten Tag denselben Weg durchmachen. Diese Gesetzmäßigkeit, die einem da aus der Tiefe des Schlafes herausdtingt, die beunruhigt einen nicht, weil auf die mannigfaltigste Weise wiederum durch Freiheit in dem nächsten Erdenleben dasjenige zur Wirkung kommen kann, was man veranlagt findet in den Schlafeszuständen des gegenwärtigen Erdenlebens. Aber man überschaut durchaus das Karma, das sich in den unterbewußten Zuständen des Wollens auswirkt, und man überschaut das sich wieder anspinnende Karma, wenn man in dasjenige hineinschaut, was sich für das gewöhnliche Bewußtsein auch unbewußt im Schlafe beginnt zu weben als ein anfängliches Karma. Und das sieht man auch, wie die Vergangenheit sich immer wieder zusammenwebt im Menschen mit der Zukunft, wie dasjenige, was der Mensch bei Tag verschläft als die inneren Geheimnisse seines Willens, sich zusammenspinnt mit demjenigen, was er bei Nacht verschläft als die inneren Geheimnisse seines Ichs und seines astralischen Leibes, wenn sie sich von dem physischen Leibe und Ätherleibe getrennt haben und an dem Zukunftskarma weiterweben.

[ 14 ] Wenn wir im gewöhnlichen Wachsein denken, dann denken wir zumeist über äußere Dinge. Diese äußeren Dinge, die wir da denken, die bleiben dann in unserer Erinnerung durch den gewöhnlichen Inhalt unseres Seelenlebens. Aber das ist nur die Oberfläche des Seelenlebens. Hinter diesem Niveau des Denkens liegt ein viel tieferes Seelenleben. Dieses, was wir beim Tagwachen als unser Denken erleben, das erleben wir im ätherischen Leibe, im Bildekräfteleibe. Dasjenige, was dahinter vorgeht im astralischen Leibe und im Ich, das kann man nur erleben, wenn man bewußt in die Geschehnisse eindringt, die das Ich und der astralische Leib durchmachen, wenn sie vom physischen Leibe und vom Ätherleibe getrennt sind im Schlafe. Da spinnt sich das Zukunftskarma an. Das wird durch die äußeren Gedanken, die im Ätherleib sind, bei Tag für uns verhüllt. Aber in den Tiefen der Seele, da webt es auch bei Tag sich zusammen mit demjenigen, was im unbewußten schlafenden Willen ist als das Karma, das aus der Vergangenheit herüberkommt. Und so kann man sehr genau in dieses Karma des Menschen hineinweisen.

[ 15 ] Aber da liegt nun folgendes Eigentümliche vor. Ganz besonders interessant ist für die Karmabeobachtung die Zeit der allerersten Kindheit des Menschen. Die Entschlüsse des Kindes erscheinen uns ganz willkürlich, dennoch sind sie nicht willkürlich. Oh, es ist schon so, daß diese Willensentschlüsse des Kindes dasjenige nachahmen, was in der Umgebung des Kindes vor sich geht. Und ich habe im öffentlichen Vortrag das angedeutet, wie das Kind ganz Sinnesorgan ist, wie es innerlich jede Geste erlebt, jede Bewegung der Menschen seiner Umgebung. Aber es erlebt jede Geste, jede Bewegung mit der moralischen Bedeutung, so daß das Kind an einem jähzornigen Vater das Unmoralische erlebt, das mit dem Jähzorn verknüpft sein kann. Und das Kind erlebt in den feinsten Bewegungen, die der Mensch in seiner Umgebung macht, die Gedanken, die der Mensch hat. Wir sollten uns daher nie gestatten, unreine, unmoralische Gedanken etwa in der Umgebung eines Kindes zu haben und zu sagen: In Gedanken können wir uns das gestatten, das Kind weiß doch nichts davon. — Das ist nicht wahr. Wenn wir denken, bewegen sich immer in irgendeiner Weise wenigstens unsere inneren Nervenstränge. Diese nimmt auch das Kind wahr, besonders in den allerersten Jahren. Das Kind ist ein feiner Beobachter und Nachahmer seiner Umgebung. Aber was das Merkwürdige, das, ich möchte sagen, im erhabenen Sinne Interessante ist, ist, daß das Kind nicht alles nachahmt, sondern daß es eine Wahl trifft. Und diese Wahl geschieht eigentlich auf eine sehr komplizierte Weise.

[ 16 ] Denken Sie sich also einmal, in der Umgebung des Kindes wirkt meinetwillen ein unüberlegter jähzorniger Vater, der allerlei Dinge macht, welche eigentlich nicht richtig sind. Weil das Kind ganz Sinnesorgan ist, muß es alle diese Dinge aufnehmen, wie das Auge sich nicht wehren kann, es muß das schen, was in seiner Umgebung ist. Aber das Kind nimmt dasjenige, was es da aufnimmt, eben nur im Wachzustande auf. Nun beginnt das Kind zu schlafen. Kinder schlafen viel. Und während des Schlafes trifft nun das Kind die Wahl. Dasjenige, was es aufnehmen will, sendet es aus seiner Seele in seinen Leib, in seinen Körper hinunter. Dasjenige, was es nicht aufnehmen will, stößt es während des Schlafes in die ätherische Welt hinaus, so daß das Kind nur dasjenige in seine Körperlichkeit aufnimmt, wozu es schicksalsmäßig vorbestimmt ist durch sein Karma, durch sein Schicksal. Das Walten des Schicksals sieht man insbesondere lebendig in den allerersten Kindesjahren.

[ 17 ] Wenn man ein intellektualistischer Mensch ist, dann hat man oftmals das Bewußtsein, man ist furchtbar gescheit und das Kind ist furchtbar dumm. Wenn man allmählich in die Welt hineinsehen lernt, dann hat man dieses Urteil nicht, dann hat man das andere Urteil, wie dumm man eigentlich seit der Kindheit geworden ist. Nur ist die Gescheitheit, die man sich angeeignet hat, gegenüber der Kindheit eine bewußte Gescheitheit. Die Weisheit aber, mit der das Kind auf die beschriebene Art die Wahl trifft zwischen dem, was es sich einverleiben will, nach seinem Schicksal von den vorhergehenden Erdenleben sich einverleiben muß, und demjenigen, was es in die allgemeine Ätherwelt abstößt, ist eine viel, viel größere als die Weisheit, die wir im späteren Leben haben. Und dasjenige, was der Mensch aus seinem früheren Erdenleben in das gegenwärtige Erdenleben hereinträgt, trägt er gerade in den ersten Kindheitsjahren am allerersten herein, wo die Frage der Freiheit überhaupt noch gar nicht in Betracht kommt. In derjenigen Lebenszeit, in der das Freiheitsbewußtsein auftaucht, haben wir eigentlich das allermeiste, das weitaus meiste von dem, was wir aus früheren Erdenleben in dieses Erdenleben hereintragen sollen, schon hereingetragen. Und wenn einer im fünfunddreißigsten Lebensjahre ein ganz bestimmtes Erlebnis hat, so hat er sich die Wege zu diesem Erlebnis durchaus schon in den allerersten Kindesjahren geebnet. Die ersten Schritte des Lebens sind für das schicksalsmäßig Bestimmte die allerwichtigsten und wesentlichsten.

[ 18 ] Ich habe einmal versucht, das anzudeuten, wie das Kind weise ist, und wie man eigentlich im Verlaufe des Lebens immer weniger weise wird. Man wird bewußter, und man schätzt dann die bewußte Rationalität, und man schätzt nicht die unbewußte Weisheit des Kindes. Die schätzt man eigentlich erst durch die Initiationswissenschaft. Ich habe einmal darauf aufmerksam gemacht. Das ist aber von offiziell philosophischer Seite furchtbar getadelt worden. Ich habe darauf in meinem Büchelchen aufmerksam gemacht «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», gleich im ersten Kapitel. Es ist also schon wichtig, daß wir auf diese allererste Kindheit in dieser Weise hinzuschauen vermögen. Wenn die Menschen das einmal durchschauen, dann werden sie auch wiederum ein gesünderes Urteil bekommen über etwas, was heute immer und immer wiederum erwähnt wird, aber gar nicht durchschaut wird, die vererbten Eigenschaften. In Dichtung und Wissenschaft möchte man heute alles auf die vererbten Eigenschaften, auf die von den Eltern ererbten Eigenschaften zurückführen. Wird man einmal einsehen, wie das Kind karmisch aus den früheren Erdenleben sich dasjenige hereinträgt, was es sogar in sehr weiser Art auswählt, dann wird man das rechte Verhältnis zwischen dem finden, was in der Schicksalsbestimmung liegt, und dem, was die äußere Vererbung und Kleidung ist. Denn diese Vererbung ist nur eine Umkleidung. Und daß sie da ist, wundert den nicht, der in der richtigen Weise dasjenige versteht, was ich hier in diesen Vorträgen auch gesagt habe, daß wir uns an einem gewissen Zeitpunkte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt der Generationenfolge zuwenden. Wir wenden ja den Blick vom Jenseits herunter in das Diesseits, um lange vorauszusehen, was wir für Eltern haben werden. Wir bestimmen mit vom Jenseits die Eigenschaften, welche die Eltern haben werden; kein Wunder, daß wir sie dann erben. Aber in dem Vererbten treffen wir dann wiederum auf die geschilderte Weise die Auswahl. Überhaupt ist die Beobachtung des Menschen in den ersten kindlichen Lebensjahren etwas ganz besonders erhaben Interessantes. Ich muß diesen Ausdruck immer wieder gebrauchen. Ich habe Sie auf dasjenige aufmerksam gemacht, was in den ersten Lebensjahren von dem Kinde gelernt wird: gehen, worunter wir so vieles erfassen, wie wir gestern angeführt haben, sprechen, denken. Das eignet sich das Kind an, Derjenige, der nun richtig beobachten kann, wie das Kind die ersten Schritte macht, wie es fest das Beinchen aufsetzt, oder leise das Beinchen aufsetzt, wie es wacker vorschreitet, oder ängstlich vorschreitet, wie es stärker oder weniger stark das Knie beugt, wie es den Zeigefinger mehr braucht als den kleinen Finger, wer all das, was mit dem Gehen, überhaupt mit der Lebensbalance, in die der Mensch in den drei Raumesrichtungen sich hineinfindet, wer in all das, was damit zusammenhängt, richtig hineinschaut, der sieht gerade darinnen, wie in diesem Gehenlernen das Karma bildhaft zum Ausdrucke kommt. Man sieht, wie ein Kind von vornherein, wenn es gehen lernt, die Füßchen stark aufsetzt. Man schaut zurück, wie das mit einem vorhergehenden Erdenleben zusammenhängt. Man findet, daß das Kind in irgendwelchen Lebenslagen sich in vorhergehenden Erdenleben wacker und tapfer verhalten hat. Das Wackere und Tapfere der vorhergehenden Erdenleben drückt sich bildhaft sinnlich im Abbilde in der Art und Weise aus, wie es die Füßchen stellt. Und man kann gerade im Gehenlernen ein wunderbares Abbild des Menschenkarmas am Kinde beobachten. Das individuelle Karma, dieses persönliche Karma, das man als einzelner Mensch hat, drückt sich insbesondere in diesem Gehenlernen aus.

[ 19 ] Als zweites lernen wir die Sprache. Da ahmen wir dasjenige nach, was in unserer Umgebung gesprochen wird. Jedes Kind tut das auf seine besondere Art, aber es ahmen alle Menschen, die innerhalb eines Sprachgebietes ihre Muttersprache lernen, eine Sprache nach. In der Art und Weise, wie das Kind sich in das Nachahmen der Laute hineinfindet, sieht man, wie sich im Menschen das Volksschicksal auslebt. Im Gehenlernen eines Menschen: einzelnes individuelles Schicksal; im Sprechenlernen: Volksschicksal; und im Denkenlernen: das Schicksal der ganzen Menschheit in einem gewissen Zeitpunkte über das Erdenrund hin. Dreierlei Schicksale verweben sich eigentlich im Menschen.

[ 20 ] Unsere Gedanken kleiden wir zwar in verschiedene Sprachen, aber wenn man durch die Sprache zu den Gedanken vordringt, machen wir den Anspruch darauf, daß die Gedanken in aller Welt von jedem Menschen begriffen werden können. Es gibt eine chinesische und eine norwegische Sprache, aber es gibt keinen Unterschied zwischen chinesischen Gedanken und norwegischen Gedanken als den, der individuell ist. Aber die Gedanken als solche, ihre Wahrheit oder Unwahrheit, sind nicht anders. Daß das Denken eine andere Färbung annimmt, rührt von dem her, daß der Mensch in der Sprache im Individuellen lebt, aber was den Gehalt der Gedanken betrifft, nicht die Form der Gedanken, so ist er für alle Menschen gleich.

[ 21 ] Indem das Kind sich hineinfügt in der dritten Stufe in das Gedankenleben, fügt es sich ein in einen bestimmten Zeitpunkt für die gesamte Menschheit; durch die Sprache in das Volksschicksal, durch das Hineinstellen in drei Raumesvorstellungen, durch das Gehenlernen, Greifenlernen und so weiter in das persönliche, individuelle Schicksal.

[ 22 ] Solche Dinge müssen, wenn man den Menschen in seinem ganzen Wesen richtig verstehen will, allseitig durchschaut werden. Wie das nun mit dem ganzen Menschenleben ist, möchte ich Ihnen noch an einer andern Tatsache klarlegen. Gehen wir noch einmal zu dem Schlafzustande zurück, zu den Erlebnissen, die der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen durchmacht. Da geht der Mensch mit seinem Ich und seinem astralischen Leibe in die geistige Welt hinein, eigentlich zum Ausgangspunkte des Lebens zurück. Aber das Ich und der astralische Leib weben das Zukunftsschicksal. Wenn nun das Ich und der astralische Leib wiederum zurückkehren in den physischen Leib, dann ist jede Nacht ein neues Stück Schicksal gewoben. Aber der Mensch versteht noch nichts von diesem Schicksal im gewöhnlichen Bewußtsein. Er dringt wiederum zurück in seinen Ätherleib und in seinen physischen Leib. Im Ätherleib sind die Gedanken zurückgeblieben. Die Gedanken sind nicht in dem nachtschlafenden Zustande mitgegangen. Der Mensch glaubt nur, daß, wenn er im Bette ist, er nicht denkt. Er denkt fortwährend, nur weiß er nichts davon, weil er mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe außer dem Denken ist. Denn das Denken besteht in einer Tätigkeit des Ätherleibes. Sie können bei demjenigen, was stärkeren Eindruck auf Sie macht, das eigentlich sehr leicht im gewöhnlichen Leben auch beobachten. Denken Sie nur einmal, Sie waren etwa zum ersten Male bei einer Sie besonders anregenden Symphonie. Sie werden in der Nacht, wenn Sie dazu die besondere Veranlagung haben, oftmals aufwachen können und Sie wachen immer in die Töne dieser Symphonie hinein auf, weil Ihr Ätherleib die ganze Nacht in dieser Symphonie fortvibriert. Die hört nicht auf in Ihnen. Es ist gar nicht notwendig, daß Sie dabei sind, damit die Symphonie in Ihnen sich abspielt. Wenn Sie dabei sind, dann nehmen Sie nur in den Vibrationen in Ihrem Ätherleibe wahr. Und so ist es mit allen Gedanken auch. Sie denken die ganze Nacht im Bette, nur sind Sie mit Ihrem Ich nicht dabei, daher wissen Sie nicht, wie Sie da denken.

[ 23 ] Ich kann Ihnen verraten: durch das Ich verderben wir sogar sehr häufig unsere Gedanken. Wir denken nämlich meistens viel gescheiter, wenn wir nicht dabei sind in der Nacht. Sie mögen mir das glauben oder nicht, aber es ist so. Die meisten Menschen haben ein viel gesünderes Urteil über die Dinge des Lebens in der Nacht als bei Tag. Wenn der Ätherleib, der mit den Gesetzen des Kosmos in Harmonie steht, allein denken kann, wenn der Mensch nicht die Gedanken verdirbt, dann denkt der Mensch meist gesünder, als wenn er mit seinem Ich die Gedanken durcheinanderpuddelt. Das tut er bei Tag nämlich sehr häufig.

[ 24 ] Wenn wir nun mit dem Ich und mit dem astralischen Leibe draußen sind aus dem physischen Leibe und dem Ätherleibe, da weben wir aber unser Zukunftskarma. Das, was da als Ich und als astralischer Leib draußen webt und lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, muß durch die Pforte des Todes gehen, in die übersinnliche Welt eingehen. Wenn auch das Astralische sich später dann in das Ich einfügt und das Ich dann mit anderer Substanz das allein durchmacht, aber dennoch: dasjenige, was da draußen außer dem physischen und dem Ätherleibe im Schlafzustande webt, das muß durch die Pforte des Todes gehen und den Weg durchmachen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durch alle die Zustände, die ich Ihnen in diesen Tagen beschrieben habe. Und Sie wissen aus dieser Beschreibung, daß da das Ich durchgeht durch die Arbeit, die es mit den andern Wesen der höheren Hierarchien macht, um in der Zukunft wiederum einen physischen Menschenleib, jetzt im Geistkeim, vorzubereiten. Das erfordert das Sich-Einleben in eine tiefe Weisheit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, einer Weisheit, in der man nur leben kann, wenn man in einer geistigen Tätigkeit zusammenlebt mit den Wesen der höheren Hierarchien.

[ 25 ] Da muß noch vieles hinein in dasjenige, was man da webt an Karma zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, damit das sich in der richtigen Weise verbindet in der Zukunft mit einem physischen Leibe. Denn denken Sie, was da für ein Weg durchgemacht werden muß. Das ist ja im Ich und im astralischen Leibe, was sich da webt als Karma, das muß hinunter in diejenige Region, die wir dann im nächsten Erdenleben als unbewußte Willensregion haben. Das muß hinunter. Das muß sich gründlich mit aller Leiblichkeit des Menschen vereinigen. Davon haben das Ich und der astralische Leib, wenn sie im gewöhnlichen Schlafzustande sind, noch wenig, was sie sich da aneignen müssen im Durchgang zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 26 ] Und da müssen dann das Ich und der astralische Leib wiederum zurück in den physischen Leib, und sie verstehen nicht recht beim Aufwachen, wie es ist mit diesem physischen Leibe. Den haben sie aber aus dem vorhergehenden Leben. Ich und astralischer Leib wissen sich nicht richtig zu benehmen bei diesem Untertauchen. Daher kommt es, daß, weil erst im nächsten Erdenleben von Kindheit auf dieser astralische Leib und das Ich formen können den physischen Leib und den Ätherleib durch die ersten sieben Jahre, durch die zweiten sieben Jahre, weil da erst alles das darinnen ist im Ich und astralischen Leib, was in der richtigen Weise wiederum arbeiten kann an einem physischen Leib, daher kommt es, daß jetzt im Einschlafen, wo das Ich erst das moralische Verhalten des Menschen aufgenommen hat, erst anfängt das Karma zu weben, daß es beim Aufwachen eigentlich nicht richtig versteht: was ist da alles in diesem physischen Leibe.

[ 27 ] Nun, in den physischen Leib kann es überhaupt nur ganz unbewußt untertauchen. Da muß es schon wiederum ins Unbewußte hineinkommen. Aber wenn es bewußt wird, wenn es durch die Vorstellungsregion durchgeht, dann tauchen die verworrenen Bilder des Traumes auf. Was bedeuten diese? Warum sind diese so wenig mit dem Leben oftmals zusammenstimmend? Weil das Ich und der astralische Leib erst probieren, in den physischen und Ätherleib unterzutauchen, sie können es nicht recht. Dieses Nichtzusammenstimmen dessen, was das Ich noch nicht kann und was es können sollte nach den weisen Einrichtungen des physischen Leibes und des Ätherleibes, drückt sich in der Verworrenheit der Aufwacheträume aus. In dem Aufwachtraum haben wir ein Bild, wie das Ich probiert, das, was es noch nicht ist, in einen gewissen Einklang mit dem physischen Leibe und dem Ätherleibe zu bringen. Und erst wenn es unterdrückt für das Wollen das Bewußtsein und untertaucht in die unterbewußte Region, wenn es also sich verläßt nicht auf seine eigene Weisheit, dann geht es wiederum hinein in den physischen Leib, ohne daß verworrene Vorstellungen zustande kommen.

[ 28 ] Würde das Ich beim Aufwachen voll untertauchen in den physischen Leib bewußt, oder halbbewußt wie im Traume, dann würden aus dem ganzen physischen Leibe des Menschen die furchtbarsten Träume aufsteigen. Nur der Umstand, daß wir im rechten Augenblicke ins unbewußte Wollen untertauchen, dämpft die leise hinhuschenden bildhaften Träume ab, und läßt uns wiederum als ordentliche Iche und ordentliche astralische Leiber in die Region des unbewußten Wollens untertauchen. Das ist so klar für den, der unbefangen diese Dinge anschaut, daß jeder Traum dem Menschen zeigen kann, welche Disharmonie besteht im gegenwärtigen Leben zwischen dem Ich und dem astralischen Leibe in bezug auf dasjenige, was sich diese im gegenwärtigen Leben angeeignet haben und dem vollentwickelten physischen und ätherischen Leibe. Da muß sich erst dasjenige, was moralisch sich gewoben hat, vereinigen bei dem Durchgang zwischen dem Tode und einer neuen Geburt mit dem Geistkeim des physischen Leibes. Dann wird dasjenige, was wir im jetzigen Leben zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen weben, so mächtig, daß es im nächsten Kindheitsleben, in diesem träumerischen, halb schlafenden Kindheitsleben wirklich durch die Jahre der Kindheit untertauchen kann in den physischen und in den ätherischen Leib und den dann als Werkzeug für das Erdenleben benutzen kann.

[ 29 ] So wird man eigentlich immer mehr gewahr, wenn man den ganzen Menschen betrachtet, wie in diesem Menschen darinnensteckt dasjenige, was man in nächtlicher Ruhe und nächtlicher Finsternis in den vorigen Erdenleben gewoben hat, und wie zwischen dem Tode und einer neuen Geburt das wunderbare Gewebe des physischen Leibes hinzugefügt worden ist und dann, man möchte sagen, im letzten Augenblicke des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, des ätherischen Leibes. Aber wir tragen in uns das Ergebnis der vorhergehenden Erdenleben. Nur wird dasjenige, was wir da als die Kräfte des vorigen Erdenlebens unten im Organismus, im Willensorganismus in uns tragen, fortwährend, weil die physischen Stoffe und Produkte verbrannt werden und dieses innere Feuer in uns ist, das wird immerfort von diesem Feuer zugedeckt, verbrannt. Und indem es verbrannt wird, wirkt es doch. Wir gehen durch unser Karma unseren Weg durch die Welt. Es ist ein bestimmter Weg für die einzelnen Erlebnisse. Während wir also von der Kindheit auf uns dasjenige auswählen, was wir aus der Umgebung nachahmen, dadurch die ersten Schritte schon zu einem Ereignis machen, das wir erst im fünfzigsten Lebensjahre vielleicht erreichen, während wir die Willensanstrengungen machen, direkt auf dem Wege nach diesem Erlebnisse hin, wird immerfort verbrannt in uns dasjenige, was körperliche Stoffe sind.

[ 30 ] Weil das Feuer uns unbewußt in bezug auf diesen Lebensweg macht, dadurch wird immer für unsere Innenwahrnehmung dasjenige, was ein fortlaufender Schicksalsweg ist, umgesetzt, so daß es uns vorkommt als die augenblicklichen Begierden, Instinkte, Triebe, Temperamente und so weiter. Da unten geht der schicksalsgemäße Lebensweg. Immer sprießen die Feuer auf. Wir sehen nur die Oberfläche der Feuer. Und auf den Oberflächen des Feuers, auf den lodernden Flammen gewissermaßen, da lebt sich dasjenige aus, was wir in unseren Seelen tragen als unsere Leidenschaften, Triebe, Instinkte. Das ist nur der äußere Schein, die äußere Offenbarung für dasjenige, was in den Tiefen als das menschliche Schicksal sitzt. Die Menschen beobachten die einzelnen Leidenschaften, die einzelnen Instinktäußerungen, die einzelnen Triebe, dasjenige, was einer im Augenblicke mag, nicht mag, was einer im Augenblicke aus Sympathie oder Antipathie ausführt oder unterläßt. Aber das ist gerade so, wie wenn wir vor uns haben etwas, und ich sage: d-e-r-g-o-t-t-l-e-n-k-t-d-i-e-w-e-l-t. Ich kann nur buchstabieren. Ein anderer kommt und sagt: Was du da gesagt hast, das sind Buchstaben, das heißt: Der Gott lenkt die Welt. So ist es mit dem Unterschiede der gewöhnlichen Seelenwissenschaft und der Geisteswissenschaft. Die gewöhnliche Seelenwissenschaft kann buchstabieren. Sie schaut das Leben des Menschen an, findet in der Kindheit diese und jene kindlichen Instinkte, Triebe, registriert diese, wie der, der nur buchstabieren kann, die Buchstaben buchstabiert, und so geht es durch das ganze Leben hindurch. Derjenige, der Geisteswissenschaft versteht, der liest, er sieht durch die Oberfläche der Flammen durch auf das, was unten ist, und schaut die schicksalsgemäßen Lebenswege des Menschen.

[ 31 ] Zwischen der gewöhnlichen Psychologie, die heute noch offiziell gang und gäbe ist, und zwischen der wirklichen Erkenntnis des menschlichen Seelenlebens ist ein solcher Unterschied wie zwischen Buchstabieren und Lesen. Aber deshalb wird man so schwer verstanden, weil man zu dem andern nicht sagen kann, das, was er sagt, sei falsch. Demjenigen, der bloß buchstabiert: d-e-r-g-o-t-t — dem kann man doch nicht sagen: Was du da liest, ist falsch. — Es ist ja ganz richtig. Nur weil er das noch nicht weiß, daß man das auch lesen kann, sagt er: Du bist ein verrückter Kerl, ich sehe ja nur d-e-r und so weiter. Das Zusammenfassen ist eine Narrheit. — Er kann das nicht verstehen, daß man da auch noch liest.

[ 32 ] So muß man immer demjenigen, der die heute anerkannte Psychologie geltend macht, sagen: Du hast ja ganz recht. — Man sagt als Anthroposoph zum Naturforscher, zum Psychologen: Ihr habt ja ganz recht. — Man widerlegt sie nicht, man gibt ihnen recht. Er aber sagt: Wenn du von den Instinkten, von den Trieben, Leidenschaften so redest wie von Buchstaben, die du lesen kannst, dann bist du eben ein verrückter Kerl. — Das ist die Schwierigkeit. Der Anthroposoph kann sich mit den andern ganz gut verstehen, er braucht sie auch nicht zu widerlegen. Er polemisiert auch gar nicht gegen die äußere Wissenschaft. Nur dann, wenn diese Wissenschaft anfängt, ihn einen verrückten Kerl zu nennen, dann muß er natürlich das geltend machen, daß das nicht stimmt, und namentlich, daß er auch das gelten läßt, was die andern gelten lassen wollen. Nur kann er nicht den Grundsatz gelten lassen, daß es alles dasjenige nicht gibt, was irgendeiner nicht sieht. Denn das ist gar kein Kriterium der Wahrheit, daß es das nicht gibt, was einer nicht sieht. Da muß er sich erst überzeugen davon, daß der andere das sieht.

[ 33 ] Es ist schon so, daß derjenige, der auf anthroposophischem Boden steht, auch dieses schwierige Verhältnis der Anthroposophie zu den andern Weltanschauungen durchschauen muß. Höchstens kann man manchmal das Urteil fällen, so wie man zu demjenigen, der nur gelten lassen will: d-e-r-g-o-t-t — wie man zu dem sagt: Du bist ein halber Analphabet —, so kann man unter Umständen zu dem, der sich gar nicht losreißen kann von dem bloßen Buchstabieren in Instinkten, Trieben und Leidenschaften, Temperamenten und so weiter, sagen: Du bist ein halber Banause, du bist ein halber Philister, du kannst dich eben nicht aufschwingen. — Aber man wird nicht sagen, er habe Unrecht.

[ 34 ] Also es liegt die Sache zwischen Anthroposophie und der äußeren Weltanschauung so, daß die Verständigung erst dann möglich ist, wenn von seiten des Buchstabierenden der gute Wille entgegengebracht wird, lesen zu lernen. Sonst ist eine Verständigung zunächst gar nicht möglich. Daher verlaufen die gewöhnlichen Debatten so ergebnislos, und die Gegner können auch nichts einsehen. Das verspüren die wenigsten, die Gegner der Anthroposophie sind. Und ich muß schon, weil ich das für richtig halte, von dieser Tatsache auch hier zu Ihnen sprechen.

[ 35 ] Die Gegner der Anthroposophie werden jetzt, ich möchte sagen, mit jedem Monat mehr. Aber weil sie eigentlich nirgends einsetzen können, weil die Anthroposophie ihnen immer recht gibt, aber sie nicht der Anthroposophie recht geben wollen, so können sie eigentlich auch nicht das angreifen, was der Anthroposoph sagt. Daher greifen sie die Persönlichkeit an, verleumden, lügen über die Persönlichkeit. Das ist ja die Gestalt, welche die Polemik immer mehr und mehr annimmt, leider. Das ist etwas, was man durchschauen muß, wenn man auf anthroposophischem Boden steht. Das ist so außerordenlich wichtig, daß man das durchschaut.

[ 36 ] Es gibt heute schon ganz merkwürdige gegnerische Bücher. Viele von Ihnen werden die anthroposophische Literatur gelesen haben, werden finden, daß ich immer an den entsprechenden Stellen selber in meinen Büchern das sage, was man gegen irgend etwas einwenden kann. Ich polemisiere immer selber, um dann zu zeigen, wie man das, was ich geltend mache, aus der Welt schaffen kann, so daß man die Gegengründe gegen Anthroposophie bei mir in meinen eigenen Büchern schon finden kann. Nun gibt es heute Gegner, die beschäftigen sich damit, die Gründe, die ich selber in meinen Büchern gegen Anthroposophie angeführt habe, abzuschreiben, und das als gegnerische Schrift gegen die Anthroposophie zu verbreiten. Sie können also heute gegnerische Schriften finden, die Plagiate sind aus meinen Büchern, wo einfach dasjenige abgeschrieben wird, was ich sage. Es ist dem Gegner gerade durch diesen Umstand, daß der Anthroposoph selber dasjenige geltend machen muß, was man gegen ihn einwenden kann, heute die Arbeit eigentlich furchtbar leicht gemacht.

[ 37 ] Nun, ich sagte das alles aber nicht, um jetzt den Gegnern etwas am Zeuge zu flicken, sondern nur, um zu charakterisieren, wie man aufsteigen muß, um vom Buchstabieren des Lebens, in bezug auf die Willensimpulse, zum Lesen des Lebens zu kommen. Das Buchstabieren gibt dasjenige, was als Trieb, als, man möchte sagen animalisches Leben in Wünschen, Begierden, Leidenschaften heraufquillt und für den Augenblick gilt. Weiß man das alles wie Buchstaben zu behandeln und zusammenzulesen, dann dringt man bis zu dem menschlichen Schicksal vor, bis zu dem einzelnen menschlichen Schicksal. Dieses menschliche Schicksal waltet auf dem Grunde des Lebens, und mit diesem Schicksal fügt sich der Mensch in den fortlaufenden Gang der ganzen Menschheitsentwickelung ein. Und nur wenn man in dieser Weise das ganze Leben des einzelnen begreifen kann, kann man auch die menschliche Geschichte begreifen, die wir nun in den nächsten Tagen noch betrachten wollen, als das Leben der Erdenmenschbeit in ihrem Schicksale vor und nach dem Mysterium von Golgatha und das Eingreifen des Mysteriums von Golgatha in die Menschheitsentwickelung der Erde. Ich mußte aber einen Unterbau gewinnen und Ihnen zeigen, was im Menschen waltet, damit in der richtigen Weise gezeigt werden kann, wie die Götter und wie das Mysterium von Golgatha in dem Menschen, in dem Gesamtmenschenschicksal walten.

[ 38 ] Davon sprechen wir dann morgen weiter.