Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Menschenwesen Menschenschicksal und Welt-Entwickelung
GA 226

21 Mai 1923, Oslo

Sechster Vortrag

[ 1 ] Wenn wir auf die Betrachtungen zurückblicken, die wir in diesen Tagen angestellt haben, so werden sie uns die Verhältnisse vor die Seele rufen, die bestehen zwischen dem Menschen auf der einen Seite und dem Weltenall auf der andern Seite, aber auch die Verhältnisse, die bestehen zwischen dem einzelnen menschlichen Leben in einem gewissen Zeitalter und der ganzen menschlichen Entwickelung auf Erden.

[ 2 ] Nun möchte ich heute noch einiges zu diesen Betrachtungen hinzufügen, das sie gewissermaßen abrunden wird. Sie werden entnommen haben aus dem, was ich mir erlaubte zu sagen, daß der Mensch in alten Zeiten, vor dem Mysterium von Golgatha, eigentlich viel näher der äußeren Natur und der äußeren Welt gestanden hat, als er heute steht. Heute bildet sich der Mensch nämlich ein, er stünde mit seiner Wissenschaft der Natur sehr nahe. Das tut er aber gar nicht. Der Mensch macht sich intellektuelle Gedanken über die Natur, aber die macht er sich aus äußeren Beobachtungen. Er erlebt die Natur nicht mehr mit.

[ 3 ] Denn wenn man die Natur miterlebt, wie wir es alle in früheren Erdenleben auf die Art getan haben, wie ich es gestern geschildert habe, dann lernt man in der Natur nämlich nicht jene toten Vorgänge und Wesenheiten kennen, von denen uns die heutige Naturwissenschaft ihrerseits mit Recht spricht, sondern man lernt die ganze Natur als beseelte und lebendige kennen. Für alte Zeiten war das eine Selbstverständlichkeit, überall in der Natur Wesenheiten und Vorgänge zwischen Wesenheiten zu erblicken, weil man durch solche Erlebnisse, wie ich sie gestern geschildert habe, wie man sie hatte mit dem physischen Leibe im hohen Alter, einen Zusammenhang hatte mit dem, was geistig-seelisch draußen in der Natur lebt. Wenn der Mensch in dieser Weise, wenn ich so sagen darf, von dem Naturgeistigen abhängig geblieben wäre, dann wäre er niemals das freie Wesen geworden, das er in der neueren Zeit der geschichtlichen Entwickelung geworden ist. Er wäre nicht zu seinem vollen Ich-Bewußtsein gekommen. Denn wenn wir heute — ganz mit Recht geschieht das — in uns selbst hineinblicken, wenn wir auch auf dasjenige blicken, was wir als Erinnerungsvorstellung haben, wenn wir auf das blicken, was wir erlebt haben, was finden wir in uns? Wir finden unser Ich, unser Ich mit seinen Erlebnissen. Wenn der alte Mensch, namentlich Tausende von Jahren vor dem Mysterium von Golgatha, in sich hineingeblickt hat, dann hat er nicht sein Ich gefunden. Er hat nicht gesagt: Ich habe vor zehn Jahren, vor zwanzig Jahren dies oder jenes erlebt —, sondern gerade in der Erinnerung wurde ihm klar, daß er sagen mußte: Die Götter haben mich dieses oder jenes erleben lassen. — Und der Mensch hat nicht gesagt: Ich in mir —, sondern er hat gesagt: Der Gott in mir. — Gerade dadurch, daß er mit seinem physischen Leibe, mit seinem Ätherleibe, mit seinem astralischen Leibe draußen die Naturvorgänge spirituell miterlebt hat, gerade dadurch, daß er verwandter, daß er vertrauter war mit der Natur, sagte er: Der Gott in mir erlebt die Welt.

[ 4 ] Heute ist der Mensch nicht mehr vertraut mit der Natur. Er verschafft sich Kenntnisse von der Natur durch seinen Intellekt. Dadurch bekommt er aber nur Kenntnis von der toten Natur. Er erlebt die Natur nicht mehr mit. Dadurch ist er fähig geworden, so recht innig zu sich Ich zu sagen, ein freies Ich-Wesen zu sein.

[ 5 ] Das hat besonders stark Paulus empfunden, als er das Ereignis von Damaskus durchgemacht hatte. Denn Paulus war, bevor er das Ereignis von Damaskus durchgemacht hatte, ein Eingeweihter, ein Initiierter im Sinne der alten Initiation. Er hat in den damaligen semitischen Einweihungsschulen dasjenige erfahren, was man in solchen Einweihungsschulen in der damaligen Zeit erfuhr. Da hatte er erfahren, daß man den Gott, den man berechtigt ist den Christus zu nennen, nur schauen konnte im vorirdischen Dasein. Das wußte er aus seinen Einweihungsschulen.

[ 6 ] Die Jünger und Schüler Christi, die er kennenlernte, behaupteten aber: Ja, der Christus hat unter uns in dem Menschen Jesus von Nazareth gelebt. Er war da auf der Erde. Während wir seine Zeitgenossen waren, haben wir ihn nicht nur in der Rückerinnerung im vorirdischen Dasein, sondern hier auf Erden erlebt. — Da sagte der Paulus aus seiner Initiation heraus: Das kann nicht sein, denn der Christus kann nur im vorirdischen Dasein geschaut werden. — Und er war so lange ein Ungläubiger und hat das Christentum verfolgt, bis er durch die Anschauung, die Imagination von Damaskus selber erfahren hatte: der Christus lebt mit der Erde im Zusammenhange. Da hat er, Paulus, das Wort geprägt, das seither für das Christentum, für das innerliche Christentum so wichtig geworden ist, er hat das Wort geprägt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»

[ 7 ] Ja, zum Ich kommt der Mensch auf natürliche Weise von selbst. Wenn er einfach in sich hineinschaut, kommt der Mensch in der neueren Zeit zum Ich von selbst. Um wiederum zu Gott zu gelangen, muß er aus vollem Bewußtsein heraus sich mit dem Mysterium von Golgatha verbinden und sich selber sagen: Der Christus in mir. — Die alten Menschen haben gesagt: Wir waren mit dem Christus und damit mit dem Vatergotte zusammen, bevor wir auf die Erde heruntergestiegen sind. — Der Mensch mußte nun lernen zu sagen: Der Christus ist auf der Erde. Physisch war er während des Mysteriums von Golgatha auf der Erde. Geistig ist er seit dem Mysterium von Golgatha immerdar mit den Menschen vereinigt geblieben auf der Erde. — Das ist auch im Christentume enthalten, wenn davon geredet wird, daß der Christus den Menschen geoffenbart habe, das Himmelreich sei nahe herangekommen. Gerade an der Auffassung dieses Spruches zeigte es sich so recht, wie die Menschen eigentlich, auch wenn sie äußerlich gläubig sind, innerlich ungläubig sind. Denn denken Sie nur, was viele moderne Theologen über dieses nahe herangekommene Himmelreich sagen. Sie sagen: Nun ja, da war der Christus eben abhängig von dem Urteil seiner Zeit. Man hat geglaubt, daß in einem bestimmten Zeitpunkte die Erde viel geistiger werden wird, das ist ein Irrtum des Christus. — Aber es ist ein Irrtum nicht des Christus, es ist ein Irrtum der Menschen. Die Menschen haben sich das so ausgelegt, als ob nunmehr, nachdem das Himmelreich heruntergekommen sein sollte, die Trauben zehnmal größer wachsen, die Früchte alle zehnmal mehr wachsen, und alles auf det Erde von Milch und Honig fließt. Das hat nur der Christus nicht gemeint, sondern der Christus hat vom geistigen Reiche gesprochen, und das ist gerade durch ihn nahe herbeigekommen. Man darf nicht sagen: Das ist ein Irrtum, was der Christus gesagt hat, und man muß heute anders denken —, sondern man muß sagen: Wie verstehe ich das, was der Christus gesagt hat?

[ 8 ] Es ist in der Tat für die Menschen seit dem Mysterium von Golgatha immer notwendiger und notwendiger geworden, innerhalb des Irdischen auch das Geistige zu finden und wahrzunehmen die Richtigkeit des Ausspruches: Die geistigen Welten sind auf die Erde herabgekommen. — Sie sind auf die Erde herabgekommen. Der Mensch muß nur den Weg finden, sie zu suchen. Um etwas zu finden von dem, was auf diesen Weg führt, möchte ich noch einmal heute eine kleine Betrachtung anstellen, welche zur Verständigung in diesen Sachen führen soll.

[ 9 ] In jenen alten Zeiten, wo der Mensch das Ablähmen seines physischen Leibes in den fünfziger Lebensjahren gefühlt hat, da war auch die Zeit, in der man aus den Sternen erschaut hat das menschliche einzelne Schicksal. Seither ist alle Astrologie eine dilettantische Berechnung geworden. Aber in jenen alten Zeiten haben die Menschen, wenn sie fünfzig Jahre alt geworden sind, durch das Wesen ihres physischen Leibes über das Schicksal aus den Sternen etwas gewußt. Sie haben sich verwandt gefühlt mit dem Irdischwerden des physischen Leibes. Aber dieses Irdischwerden des physischen Leibes, dieses Erkennen der Erde durch den physischen Leib hat sie dazu geführt, das Geistige im Schicksal wiederum aus dem Lauf der Sterne zu erkennen, so daß man auf die Sternenweisheit Jahrtausende vor dem Mysterium von Golgatha sehr, sehr viel gegeben hat.

[ 10 ] Dann kam die Zeit, von der ich Ihnen gestern gesagt habe, daß der Mensch mehr seine Umgebung gefühlt hat, daß er auch die Sprache so gefühlt hat, daß er, wenn er in die Vierzigerjahre gekommen ist, gesagt hat: Es spricht in mir der Volksgeist, der Volksgenius spricht in mir. — Der Mensch hat die Sprache wie etwas Objektives gefühlt. Aber damit war noch etwas anderes verknüpft. Damit war verknüpft, daß der Mensch dasjenige, was gewissermaßen im Kreislaufe um ihn vorging, erlebte. Später erlebte der Mensch noch den täglichen Sonnenaufgang, den täglichen Sonnenuntergang. Er richtete sich sein Leben etwas ein nach dem täglichen Sonnenaufgang, nach dem täglichen Sonnenuntergange. Aber für den Jahteslauf hatten die Menschen später nicht viel Verständnis.

[ 11 ] Es gab nun eine Zeit um das 6., 5., 4. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha, da lebten die Menschen nicht nur mit Tag und Nacht, da lebten die Menschen auch mit dem Jahre. Von diesem Miterleben mit dem Jahre ist noch manches zurückgeblieben für spätere Zeiten. Aber in voller Blüte war dieses Miterleben mit dem Jahreslauf in der Zeit, die ich Ihnen angedeutet habe, im Orient. Gerade hier im Norden ist für viel spätere Zeiten davon etwas zurückgeblieben. Und dieses Zurückgebliebene, das fühlen Sie noch zum Beispiel in dem Olaf-Gesang, wo Olaf den Jahreslauf soweit erlebt, daß er um die Weihnachtszeit, nach der Weihnachtszeit miterlebt die geistige Welt. Denn das Olafs-Lied enthielt in Wirklichkeit das Miterleben der geistigen Welt nach der Weihnachtszeit im Jahreslaufe. Das ist, ich möchte sagen, noch eine Erinnerung an jene Blütezeit des Miterlebens des Jahreslaufes, wie es in sehr alten Zeiten gerade dort war, wo die höchste Zivilisation der Menschheit geblüht hat, im alten Orient. Und da hat man etwas verstanden, was später nur mehr aus der Tradition heraus verstanden wurde, man hat verstanden, Feste zu machen im Laufe des Jahres. Man hat den Jahreslauf miterlebt. Wie zum Beispiel?

[ 12 ] Man weiß heute auch nicht durch unmittelbares Erleben, sondern durch die Wissenschaft: der Mensch atmet ein, der Mensch atmet aus. Da ist die Luft dann draußen, dann drinnen in uns, da ist die Luft, die jetzt drinnen ist, dann draußen, wenn wir ausgeatmet haben. Das weiß heute der Mensch kaum mehr durch etwas anderes als durch die Wissenschaft. Er erlebt nicht mehr so Ein- und Ausatmen, wie das auch in alten Zeiten der Fall war, wo der Mensch lebendig sein Ein- und Ausatmen erlebt hat.

[ 13 ] Aber es atmet ja nicht bloß der Mensch, es atmet, wenn auch in anderer Art, unsere Erde. Geradeso wie der Mensch ein Seelisches hat, so hat die Erde ein Seelisches. Aber die Erde atmet im Laufe eines Jahres ihr Seelisches ein und ihr Seelisches aus. Und wenn jene Winterszeit herankommt, in der das Weihnachtsfest liegt, dann ist das die Zeit, wo die Erde am meisten eingeatmet hat, wo die Erdenseele ganz in der Erde ist. Da hat die Erde in sich selber am meisten seelisches Leben. Und daher wird auch in der Erde das Geistig-Seelische in dieser Zeit sichtbar.

[ 14 ] Und der Mensch erlebt dieses Eingeatmet-Haben der Erde mit, wo die Erde ihre ganze Seele in sich hat, und wo alle Elementarwesen aus dem Irdischen herauskommen können und leben mit den Bäumen, die allerdings dann von Schnee bedeckt sind, leben mit der Oberfläche der Erde, auf der das Wasser gefriert; gerade, wenn die Erde sich mit der kalten Hülle bedeckt, dann werden rege die geistigen Wesen in der Erde. Der bloße Naturalist sagt: Der Landmann sät in die Erde den Samen, der überwintert und blüht im Frühling wieder. — Das würde alles nicht sein, wenn nicht die Elementargeister die geistige Kraft der Aussaat über den Winter hinübertrügen. Die geistigen Wesenheiten, die Naturgeister wachen am meisten dann, wenn die Erde ihre ganze Seele eingeatmet hat während der Winterszeit, während der Weihnachtszeit. Daher wurde die Geburt des Jesus am besten verstanden dadurch, daß sie zur Weihnachtszeit, wenn die Erde ihre ganze Seele hat, sich zugetragen hat. Aber da war gewissermaßen auch schon während des Mysteriums von Golgatha nur bei wenigen Menschen noch ein Verständnis für dieses Geistig-Seelische in der Erde während der Winterszeit.

[ 15 ] Und ebenso wußte man in jener Zeit, daß der entgegengesetzte Zustand in der Hochsommerszeit vorhanden ist, in der Johannizeit, Ende Juni. Da hat die Erde am meisten ausgeatmet. Da hat die Erde an den außerirdischen Kosmos ihre Seele hingegeben. Von der Weihnachtszeit bis zur Johannizeit nimmt man immer wahr das Hinausatmen des Seelischen in den weiten Weltenraum. Die Seele der Erde strebt den Sternen zu. Die Seele der Erde will das Leben der Sterne kennenlernen. Und die Seele der Erde ist in ihrer Art am meisten verbunden durch das Licht der Sommersonne mit den Sternbewegungen der Johannizeit. Das hat man in gewissen Gegenden in alten Zeiten, Tausende von Jahren vor dem Mysterium von Golgatha wahrgenommen. Das konnte man erkennen. Und aus diesem Erkennen ging die Pflege der Sommermysterien hervor.

[ 16 ] In den Sommermysterien, in den Johannesmysterien, die insbesondere im Norden gepflegt worden sind, in den Hochsommermysterien suchten die Schüler der Eingeweihten unter dem Rate der Eingeweihten, ihrer Initiierten, der Erdenseele in die Sternenweiten zu folgen, um von den Sternen zu lesen, welche geistigen Geschehnisse, welche geistigen Tatsachen mit der Erde verbunden sind. Und während der Zeit von Weihnachten bis Johanni verfolgt man dieses Hinausgehen der Erdenseele in die Sternenwelten, dieses Streben der Erdenseele nach den Sternen. Und ein Nachklang, aber ein traditioneller Nachklang von diesem Streben der Erdenseele nach den Sternen ist noch vorhanden in der Festsetzung des Osterfestes. Das Osterfest wird am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmonde, also nach einem Maßstab, der den Sternen entnommen ist, festgelegt, weil man in alten Zeiten sagte: Die Seele des Menschen will der Erdenseele auf ihrem Wege zu den Sternen folgen und die Sternenweisheit als dasjenige betrachten, wonach man sich richten soll. — Daher sollte dieses Frühlingsfest, das Osterfest, zunächst festgesetzt werden nicht nach einer irdischen Angabe, nach einer irdischen Rechnung, sondern nach einer Himmelsrechnung, nach einer Sternenrechnung. Die Dinge stimmen alle zusammen, wenn man sie in der richtigen Weise zu betrachten vermag.

[ 17 ] So war es für das menschliche Gefühl gekommen, daß jedesmal mit jeder Frühlingszeit, als nicht mehr eine Welterkenntnis wie in den alten Zeiten da war, aber eine Sehnsucht nach dem, was die Menschenseele von dieser Erkenntnis hatte, daß die Menschen ganz besonders im Frühling traurig werden konnten. Das war in den Jahrhunderten vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert so stark gerade in den Volksgemütern der zivilisierten Gegenden vorhanden, daß die Menschen im Frühling traurig wurden über das Schicksal der Menschheit, über das kosmische Schicksal der Menschheit, denn die Sehnsucht war noch vorhanden, mitzufolgen der Erdenseele, wenn diese im Frühling nach den Sternen gehen will. Nun konnte das die Menschenseele nicht mehr, die an den Körper gebunden war. Es war aus der Natur keine Möglichkeit zu gewinnen, jenen Aufschwung zu der Sternenwelt zu haben, det in alten Zeiten vorhanden war. Deshalb war es dem Menschen auf der andern Seite so verständlich, daß das Osterfest, das Fest, an dem Tod und Auferstehung Christi gefeiert werden sollten, durch das Fallen dieses Ereignisses in die Frühlingszeit, gerade eben in der Frühlingszeit stattfinden, daß dieses Fest im Jahreslaufe im Frühling sein sollte.

[ 18 ] Und die Gottheit kam ihnen entgegen, indem tatsächlich der Tod des Christus Jesus in dem Frühling erfolgte. Aber daß man da nicht irdisch rechnen darf, das drückte sich sogar in dieser Feststellung des Osterfestes aus. Mit dem Weihnachtsfeste mußte man irdisch rechnen, denn da war die Seele der Erde ganz bei der Erde. Das Weihnachtsfest mußte man an einem bestimmten Tag festsetzen. Dem Osterfest lag etwas anderes zugrunde, das Osterfest sollte nicht nach irdischen Rechnungen festgestellt werden, sondern nach himmlischen Rechnungen. Da konnte man nicht ein bestimmtes Datum festsetzen, sondern man mußte jedes Jahr rechnen, wie die Sternkonstellation ist. Denn wenn wir etwas auf der Erde feststellen, wenn wir mit noch so genauen Präzisionsinstrumenten rechnen, von dem Himmel aus angesehen ist es immer um ein paar Tage falsch, weil die Himmelszeit anders als die Erdenzeit verläuft. Die Erdenzeit suchen wir möglichst gleichmäßig verlaufen zu lassen. Das ist gar nicht der Fall mit der Himmelszeit, die schneller und langsamer verläuft, weil sie in sich lebendig ist. Wir Menschen selber machen die Erdenzeit tot, daher verläuft sie ganz gleichmäßig. Die Himmelszeit ist lebendig, verläuft nicht gleichmäßig in sich. Und es ist eine Sehnsucht vorhanden, sich nach der Himmelszeit, nach der Sternkonstellation in der Feststellung des Osterfestes zu richten, trotzdem natürlich für irdische Verhältnisse doch der Todestag Christi auf einen bestimmten Tag gefallen sein mußte und jedes Jahr an einem bestimmten Tage gefeiert werden müßte.

[ 19 ] Wir tun das nicht, weil wir uns im Frühling nach der Himmelszeit, nicht nach der Erdenzeit richten wollen. Eine tiefe Weisheit ist gerade in dieser Feststellung des Osterfestes. Aber die moderne Zeit denkt anders. Sehen Sie, ich saß vielleicht vor vierundzwanzig Jahren öfters mit einem sehr bekannten Astronomen jede Woche einmal zusammen. Wir hatten einen kleinen Verein. Dieser Astronom konnte nur verstehen, es kommt Unordnung in alle Rechnungsbücher der Erde hinein, wenn wir das Osterfest jedes Jahr an einem andern Tage haben. Das Osterfest muß mindestens festgelegt werden, meinte er, am ersten Sonntag des April oder muß so irgendwie abstrakt festgelegt werden. Sie wissen ja, daß es auch eine Bewegung gibt nach dieser Verabstrahierung des Osterfestes. Die Menschen wollen in ihrem Soll und Haben, auf das sie heute zu allermeist etwas geben, Ordnung haben. Da bringt jedes Jahr das Osterfest, das immerhin ein paar Tage Festlichkeit in Anspruch nimmt, diese Unordnung hinein. Es wäre mehr Ordnung, wenn es abstrakt auf einen Tag festgesetzt würde. Das ist aber ein äußeres Symbolum dafür, daß man das Richten nach Geistigem vollständig aus der Welt verbannen will. In diesen Dingen zeigt sich am besten, wie wir Materialisten geworden sind, wie wir das Geistige immer mehr und mehr verbannen wollen.

[ 20 ] Aber vor allen Dingen erlebte der Mensch den Jahreslauf so mit, daß er dann, wenn er der Erdenseele gegen die Frühlingszeit hin folgte und gegen die Johannizeit in den Kosmos hinaus, daß er jedes Jahr durch dieses Folgen auch den geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien nachfolgen lernte und namentlich den toten Seelen nachfolgen lernte, die schon in der Welt gestorben sind. In alten Zeiten war es so, daß die Menschen sich bewußt waren, daß, wenn sie den Jahreslauf miterleben, sie dann lernen, den toten Seelen nachzufolgen, gewissermaßen nachzuschauen lernten, wie es ihren Verstorbenen geht. Und die Menschen fühlten: der Frühling bringt ihnen nicht nur die ersten Blüten, der Frühling bringt ihnen auch die Möglichkeit, nachzuschauen bei ihren Toten, wie es diesen Toten geht. — Es war etwas Geistiges mit dem Erleben des Jahreslaufes ganz konkret verbunden. Das ist durch die Entwickelung der Menschheit auf Erden anders geworden. Die Menschen können jetzt nicht mehr mit dem Jahreslauf gehen. Warum ist dieses? Eine sehr einfache Betrachtung wird Ihnen das zeigen.

[ 21 ] In alten Zeiten haben die Menschen wirklich sehr viel auf das gegeben, was mit dem Irdischen, insofern das Irdische von den Sternen abhängt, zusammenhängt. Daraus sind die Menschen herausgewachsen. Denken Sie doch nur einmal, wenn wir hier Johanni haben, wenn es sich hier also darum handelt, daß unsere Seelen folgen können der Erdenseele, die herausgeht, sich mit den Sternen verbindet, so haben die Antipoden, die Gegenfüßler, ihr Weihnachten. Da zieht sich die Erdenseele auf der andern Seite in die Erde hinein zurück. Sie müssen nur bedenken, in den alten spirituellen Zeiten wußte man so wenig von den Gegenfüßlern, daß man die Erde als eine Scheibe vorgestellt hat, daß man gar nicht dazu gekommen war, die Erde überhaupt rund vorzustellen, also dieses ganze Verhältnis zu den Gegenfüßlern zu haben. Die Menschheit rückt wirklich weiter in ihrem Bewußtsein. Das ganze Verhältnis zur Erde hat sich eben dadurch geändert, daß für die Erdenmenschheit die Erde rund geworden ist. Jetzt fühlt auch die Menschenseele, während im Norden die Erdenseele zu den Sternen hinausgeht, gewissermaßen sich zeigt für die geistige Anschauung wie ein Kometenschwanz, der nach dem Himmel hinaus sich zieht, zieht sich auf der andern Seite die Erdenseele zurück in die Erde, und es ist Weihnacht. Und wiederum umgekehrt, wenn hier die Erdenseele sich zurückzieht, streckt sich auf der andern Seite der Kometenschweif in den Kosmos hinaus. Das ist gleichzeitig.

[ 22 ] Indem der Mensch dazu gekommen ist, die Rundung der Erde zu fühlen, wurde er zugleich von dem Jahreslauf unabhängig. Solange er innerhalb seiner Gegend, seiner Lokalität gelebt hat, war für ihn der Jahreslauf etwas Absolutes. Heute, wo der Mensch sich nichts mehr daraus macht, über die Erde zu reisen, fortwährend dadurch, daß er in andere Lokalitäten kommt, die Erlebnisse des Jahreslaufes zu beeinträchtigen, kann der Mensch durch dasjenige, was er äußerlich hat, nicht mehr den Jahreslauf miterleben. Er hat auch nicht mehr jenes intensive Verständnis für die Feste. Denken Sie nur, wie wenig Konkretheit, wieviel Abstraktes heute in den Festen enthalten ist. Man weiß aus der Tradition, zu Weihnachten beschenkt man sich, und freut sich auch, daß da ein paar Tage schulfrei sind. Man sieht vielleicht zu Ostern allerlei Zeremonien, die mit dem traditionell zusammenhängen, was ich auseinandergesetzt habe. Aber wo fühlen die Menschen heute konkret die geistige Welt mit im Jahreslauf?

[ 23 ] Wir können heute nicht Feste aus vollem Verständnis des Jahreslaufes heraus haben. Wir müßten, so wie wir Hunger und Durst in unserem physischen Leibe miterleben, das Ein- und Ausatmen der Erdenseele auf der einen Seite der Erde immer miterleben; auf der andern Seite ist es eben entgegengesetzt. Der Mensch ist nicht nur persönlich für sich ein Ich-Wesen, ein freies Wesen geworden, sondern die Erde selber hat sich emanzipiert aus dem Weltenraume. Die Erde selber steht in der neuesten Zeit nicht mehr in so inniger Beziehung zu dem Weltenraume, wenigstens für die Menschheitsentwickelung, wie das in alten Zeiten der Fall war. Und so ist der Mensch immer mehr und mehr darauf angewiesen worden, in seinem Inneren dasjenige zu suchen, was er außen nicht finden kann. Dazu wird auch die Wissenschaft helfen. Und nun will ich ein ganz klein wenig etwas von der Wissenschaft sagen, was vielleicht manchen nicht interessieren wird, was aber, in dem ganzen Rahmen, zu der Sache gehört.

[ 24 ] Wir haben nach und nach im Laufe des Intellektuellwerdens der Menschheit eine Naturwissenschaft bekommen, die sich mit alldem beschäftigt, was außerhalb des Menschen ist. Ich will jetzt gar nicht von der Physik, von der Chemie reden, die sich ganz äußerlich nur mit dem beschäftigt, was außerhalb des Menschen liegt, ich will von der Lebenswissenschaft, von der Biologie reden. Sie beschäftigt sich in intensiver Weise mit den niederen Tieren, mit den etwas höheren Tieren bis hinauf zu den höchsten Tieren. Und wir haben eine großartige, bewunderungswürdige Wissenschaft über die Form der Tiere bekommen, so daß wir uns heute Vorstellungen machen können darüber, wie sich die einzelnen Tierformen auseinander entwickelt haben. Dadurch hat sich die Darwinistisch-Haeckelsche Vorstellung ergeben, daß sich die Menschenform aus der Tierform entwickelt habe. Auf diese Weise erfährt aber der Mensch außerordentlich wenig über sich selbst. Er wird nur der Schlußpunkt der Tierreihe. Da sind die Tiere von den niedersten bis zu den höchsten, dann Schlußpunkt, der Mensch. Der Mensch lernt sich nicht als Mensch, sondern als höchstes Tier kennen. Das ist eine große Errungenschaft der Wissenschaften, nur muß man es richtig auffassen. Man muß wirklich zugeben, daß die Wissenschaft uns nichts anderes lehren kann, als was der Mensch nicht ist. Wenn das einmal Erkenntnis wird, daß die Wissenschaft sich mit dem beschäftigen muß, nicht was der Mensch ist, sondern was der Mensch nicht ist, dann wird Licht über die Wissenschaft kommen, dann werden wir alle die Formen studieren, welche im Tierreiche zum Beispiel leben, auch im Pflanzenreiche leben. Und was werden wir dann sagen? Wir werden sagen: Da draußen haben wir all die tierischen Formen. Die haben wir in der Welt zurücklassen müssen, denn hätten wir sie in uns, so wären wir keine Menschen. Die Naturwissenschaft belehrt uns über das, was wir in uns haben überwinden müssen. Wir haben uns dadurch entwickelt, daß wir die Naturformen immer mehr abgestreift haben, aus uns hinausgeworfen haben und dasjenige zurückbehalten haben, was nicht Natur ist, was aus dem Seelisch-Geistigen kommt.

[ 25 ] Wird man einmal dahin kommen, zu der Wissenschaft zu sagen: Du bist großartig, denn du lehrst mich alles dasjenige, was der Mensch nicht ist. Ich muß also den Menschen ganz woanders suchen als bei der äußeren Wissenschaft. Ich muß gerade dadurch wissenschaftlich werden, daß ich den Menschen nicht an der Spitze der Tierreihe suche, sondern daß ich die Tiere dadurch zu erkennen suche, daß ihre Formen von dem Menschen abgestreift werden mußten, zurückgelassen werden mußten. Dann stehe ich im richtigen Verhältnis zur Wissenschaft. — Dadurch aber ist der Mensch in die Notwendigkeit versetzt, wiederum etwas nicht durch äußere Beobachtung erkennen zu können, sondern aus dem Inneren heraus, aus dem Seelisch-Geistigen heraus. Und in dem Augenblick, wo sich der Mensch sagen wird: Wissenschaft im heutigen Sinne gibt uns keine Auskunft über den Menschen, sondern gibt uns nur eine Auskunft über das, was der Mensch nicht ist —, in diesem Augenblick wird man auch erkennen, wie notwendig man eine Geisteswissenschaft hat. Denn die nur gibt die Möglichkeit, den Menschen zu erkennen. Sonst lernt man nur die äußere Hülle des Menschen als Schlußpunkt des Tierreiches kennen.

[ 26 ] Gerade das richtige Verstehen der Naturwissenschaft, gerade das richtige Stehen auf dem Boden der Naturwissenschaft macht es uns möglich, die Naturwissenschaft voll anzuerkennen als das Außermenschliche und die Erkenntnis des Menschen auf einem andern Wege, auch in bezug auf seine physischen Eigentümlichkeiten zu schauen. Da wird man sich für den Menschen überhaupt schon eine geistige Beobachtung auch in der Erdenwelt aneignen müssen. Nach dieser geistigen Beobachtung muß Anthroposophie zustreben. Das kann ich Ihnen in einzelnen konkreten Fällen zeigen.

[ 27 ] Unter dem Einflusse des materialistischen Zeitgeistes hat immer mehr und mehr die Tendenz um sich gegriffen, auch dasjenige, was man mit den Kindern in der Schule tun müsse, nach dem Körper zu richten. Man macht heute Experimente über das Gedächtnis selbst, ja sogar über den Willen und über das Denken. Ich streite nicht dagegen, denn für die Wissenschaft ist das ganz interessant, nur pädagogisch sich darnach richten zu wollen, ist etwas Schreckliches, denn es beweist ja, daß wir dem Menschen in seiner eigenen Wesenheit ganz fremd geworden sind, wenn wir äußerlich Experimente machen müssen, um an das Kind zum Beispiel heranzukommen. Wenn wir innerlich mit dem Kinde verbunden sind, brauchen wir doch nicht äußerlich Experimente zu machen. Aber noch einmal möchte ich betonen, ich richte mich nicht gegen die Experimentalpsychologie, deren Bedeutung ich ganz anerkennen will als interessant für die Wissenschaft. Aber als Grundlage für die Pädagogik beweist Experimentalpsychologie dadurch nur, wie fremd wir dem Menschen geworden sind, wenn wir äußerlich an ihm herumexperimentieren, um nun innerlich etwas von ihm zu wissen, wenn wir gar keinen innerlichen Zugang mehr zu ihm haben.

[ 28 ] Wir müssen uns die Möglichkeit verschaffen, innerlich geistig-seelisch den Zugang zu der Menschenwesenheit zu gewinnen. Da erfährt man zum Beispiel, daß man bei dem Kinde, sagen wir so um das neunte, zehnte Lebensjahr herum, zu viel an das Gedächtnis, an das Erinnerungsvermögen appellieren kann oder auch zu wenig. Alles Agitieren, man soll das Gedächtnis nicht überlasten, kann auch dazu führen, zu wenig das Gedächtnis zu beschäftigen. Man muß überall den richtigen Mittelweg finden, nicht zu viel, nicht zu wenig das Gedächtnis zu beschäftigen. Denken Sie, wir beschäftigen so um das neunte, zehnte kindliche Lebensjahr das Gedächtnis zu viel, wir muten dem Gedächtnis zu viel in der Erziehung, im Unterricht zu. Die richtigen Folgen zeigen sich dann erst, wenn der Mensch dreißig, vierzig Jahre alt geworden ist oder vielleicht noch später. Da wird der Mensch entweder Rheumatiker oder Diabetiker. Gerade wenn wir das Gedächtnis zur Unzeit, sagen wit, zwischen dem neunten und zehnten Jahre überlastet haben, zeigt sich diese Überlastung des Gedächtnisses im kindlichen Lebensalter später in einer übertriebenen Ablagerung an unrichtigen Stoffwechselprodukten. Diesen Zusammenhang durch das ganze Erdenleben sehen gewöhnlich die Menschen nicht. Dagegen, wenn wir das Gedächtnis zu wenig beschäftigen, wenn wir also nicht genügend der Erinnerung des Kindes anheim geben, rufen wir wiederum für das spätere Lebensalter die Neigung zu sehr leicht entzündlichen Zuständen aller möglichen Art hervor. Einzusehen, wie in einem Lebensalter die körperlichen Zustände Folgen sind der seelisch-geistigen Zustände eines andern Lebensalters, ist dasjenige, was wichtig ist, was wir wissen müssen.

[ 29 ] Oder ich will etwas anderes sagen. Wir machen Experimente, sagen wir im volksschulpflichtigen Alter, im achten, neunten, zehnten Jahre, wie schnell die Kinder beim Lesen ermüden. Nun kann man zum Beispiel Tabellen machen: beim Rechnenlernen ermüden sie so und so schnell, beim Turnen so und so schnell, und dann richtet man den Unterricht ein nach diesen Tabellen. Diese Tabellen sind natürlich sehr interessant für die rein objektive Wissenschaft, vor der ich allen schuldigen Respekt habe. Ich bekämpfe sie nicht, aber für die Pädagogik taugt eine solche Betrachtung gar nichts. Denn zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsteife, also gerade im volksschulpflichtigen Alter, erziehen und unterrichten wir nur richtig, wenn wir uns weder zu stark an den Kopf, noch zu stark an die Bewegungsglieder, sondern mehr an das Atmungs- und Zirkulationssystem, an das rhythmische System wenden. Wir sollen auch in das Turnen Rhythmus, Takt, Künstlerisches vorzugsweise hereinbringen.

[ 30 ] Daher ist die Eurythmie ein so gutes Erziehungsmittel, weil da Künstlerisches auch in die Bewegungsverrichtungen des Kindes hineinkommt. Ebenso sollen wir den Kopf dadurch entlasten, daß wir nicht in diesem Lebensalter schon das Kind zu viel denken lassen, sondern daß wir den Unterricht bildlich gestalten, alles bildlich an das Kind heranbringen. Dann wenden wir uns nicht an sein NervenSinnessystem, auch nicht an sein Bewegungssystem, sondern hauptsächlich an das rhythmische System. Das ermüdet aber nicht. Denken Sie nur, unser Herz muß die ganze Nacht klopfen, auch wenn wir sonst ermüdet sind und uns ausruhen. Unser Atmen muß unermüdlich zwischen Geburt und Tod vor sich gehen. Von Ermüdung kann nur die Rede beim Bewegungssystem sein. Von Ermüdung ist allein beim Nerven-Sinnessystem zu reden. Das rhythmische System ermüdet nie. Daher muß man in der Zeit, wo das Kind gerade die wichtigsten Dinge für die Seele aufnehmen muß, den Unterricht so einrichten, daß man überhaupt sich an diejenigen Kräfte des Kindes wendet, die nicht ermüden. Allein, wenn man ausrechnet, das Kind ermüdet bei dem und dem so und so viel, so beweist man nur wissenschaftlich, wie man es falsch gemacht hat. Wenn man sich nach der Skala richtet, so richtet man die Unterrichtsmethoden nach dem Falschen ein, nicht nach dem Richtigen. Man muß wissen, das Nichtmenschliche wird einem eigentlich klar durch Experimentalpsychologie, das Menschliche muß man innerlich erkennen.

[ 31 ] Auf diese Weise wird eine seelisch-geistige Betrachtung auch wiederum in die Medizin eindringen. Da war sie auch in alten Zeiten darinnen. Da war sie in den alten Zeiten so darinnen, daß überhaupt Heilen und Erziehen im Grunde genommen dasselbe Wort bedeutete. Man nahm den Menschen, wenn er in die Welt hereinkam, so, daß man ihn heilen mußte. Erziehung war Heilung. Das wird erst wiederum möglich sein, wenn die geistig-seelische Erkenntnis so weit ist, daß sie solche Dinge auch im Tieferen überschaut. Wie ich gesagt habe, zu geringe Belastung des Gedächtnisses ruft später entzündliche Zustände hervor, zu starke Belastung auf der andern Seite Stoffwechselablagerungen.

[ 32 ] Schaut man so hinein, was das Geistig-Seelische im Physischen tut, so findet man es auch noch tätig in der einzelnen Krankheit. Und dann lernt man umgekehrt den Kosmos kennen, wie sich die Stoffe im Kosmos geistig verhalten. Dann findet man die Therapie zu der Pathologie. Da ist man ganz erfüllt von dem Gedanken: wir sind seit dem Mysterium von Golgatha darauf angewiesen, an das Innere der Seele zu appellieren. Wir können nicht mehr aus unserer Umgebung das Geistig-Seelische schöpfen. Rechnen wir auf die Umgebung, gehen wir in den anatomischen Hörsaal, dann kommt dasjenige zustande, was wie ein Notschrei auf einer der letzten Medizinerversammlungen der Welt zutage getreten ist. Aus der Not der Zeit heraus erhob ein Mediziner den Ruf: Gebt uns Leichen, dann werden wir weiterkommen in der Medizin. Gebt uns Leichen. — Gewiß, das ist für die heutige Zeit ganz berechtigt, und ich streite wieder nicht gegen diesen Ruf nach Leichen. Aber der wird nur in der richtigen Weise eine Folge haben, wenn auf der andern Seite der Ruf ertönt: Gebt uns die Möglichkeit, hineinzuschauen in das Seelisch-Geistige, wie das den Leib immerfort aufbaut und immerfort zerstört.

[ 33 ] Das hängt aber mit dem richtigen Verständnis des Mysteriums von Golgatha zusammen. Denn der Christus hat schon gewollt, daß wir wiederum verstehen, von innen heraus zum Heilen zu kommen. Deshalb hat er den heilenden Geist geschickt. Dasjenige, was er verpflanzen wollte in die Menschheit, war zugleich dasjenige, was auch physische Wissenschaft, aber physische Wissenschaft vom Geist aus bringt. Verstehen wir daher den Christus recht, indem wir auch das in der richtigen Weise auffassen als ein Wort des Evangeliums: Wer immerfort auf der Zunge den Ruf führt «Herr, Herm oder «Christus, Christus», der braucht noch nicht ein richtiger Christ zu sein. — Der Anthroposophie wirft man oftmals vor, daß sie weniger als die äußeren Religionsbekenntnisse von Christus spricht. Ich sage dann oftmals zu denjenigen, die der Anthroposophie vorwerfen, daß sie weniger von dem Christus spricht: Aber es gibt ein altes Gebot, das auch von den Christen anerkannt wird, aber beim ewigen Reden von dem Christus nicht berücksichtigt wird: «Du sollst den Namen deines Gottes nicht eitel aussprechen.» Das ist eines der Zehn Gebote.

[ 34 ] Wer immerfort von dem Christus nur spricht, ihn immerfort im Munde führt, sündigt wider die Heiligkeit des Christus-Namens. Anthroposophie möchte in alledem, was sie tut und ist, christlich sein. Daher kann man ihr den Vorwurf nicht machen, daß sie zu wenig von dem Christus spricht, denn das Bewußtsein, daß der Christus lebt, ist in allem, was sie bringt. Und sie will nicht immer «Herr, Herr» auf den Lippen führen, sie will um so mehr christlich sein, je weniger sie fortwährend von Christus reden will.

[ 35 ] Wir müssen uns gerade in echt christlichem Sinne wiederum ein Verständnis dafür erwerben, in das ganze soziale Leben etwas hereinzunehmen, was geistig ist. Wir müssen von innen heraus zu etwas Geistigem, was, ich möchte sagen, auch unter uns lebt, kommen können. Und dazu wird die Menschheit Gelegenheit haben, wenn sie darauf hinarbeitet — das kann nicht an einem Tage geschehen, gerade solche intimen geistigen Dinge können nicht an einem Tag geschehen —, nun rein aus dem inneren Geistigen heraus etwas auch in bezug auf das Zusammenleben der Menschen wiederum zu entwickeln.

[ 36 ] Betrachten wir einmal das Osterfest. Durch das Osterfest stellte sich der Christus Jesus gnadenvoll in die Menschheitsentwickelung hinein, indem er der Menschheit in der Zeit, wo das Rätsel des Todes besonders stark an sie herangetreten ist, sich als den Unsterblichen enthüllt hat, der gewissermaßen das Vorbild des Menschen ist, des unsterblichen Menschen, der durch den Tod geht und die Auferstehung finden mußte. Das versteht man noch aus alten Zeiten. Das vorgeburtliche Leben verstand man. Den Tod sah man auf der Erde, die Auferstehung sollte man sehen an dem Christus Jesus. Aber der Christus Jesus hat auch das Pfingstgeheimnis folgen lassen. Er hat dem Menschen den Geist, den heilenden Geist geschickt, er hat damit angedeutet, daß der Mensch aus sich heraus das Christus-Erlebnis haben soll. Das kann er nun nur haben, wenn er auf dem umgekehrten Wege gehen kann, zuerst die Auferstehung zu erleben und dann nach der erlebten Auferstehung in der richtigen Weise den physischen Tod durchzumachen, das heißt, innerlich die Seele auferstehen zu lassen. Zwischen der Geburt und dem Tode durch die volle Belebung des Verhältnisses zum Mysterium von Golgatha die Seele zu einer höheren Lebendigkeit zu erheben, damit diese Seele aus der geistigen Auferstehung in sich erfühlt: Ich gehe als ein Auferstandener durch den irdischen Tod. — Daß die Götter für den Menschen gesorgt haben, damit er seine Unsterblichkeit nicht verliere, das wird durch die Reihenfolge Tod und Auferstehung am Osterfest vor die Menschheit hingestellt.

[ 37 ] Aber jetzt stellen wir uns einmal vor: Wenn der Mensch geistig ebenso regsam empfindet, wie er im Frühling das Sprießen und Sprossen der jungen Pflanzen empfindet, das Hervorkommen der Blüten, das Grünwerden der Bäume, das Regsam- und Lebendigwerden der ganzen Natur, wie er da durch sein Physisches mit der ganzen Natur lebendig werden kann, wenn er nun ebenso, nachdem er durch die Hochsommerzeit durchgegangen ist und der Herbst wiederum kommt, empfinden kann, wie die Natur abstirbt, wie das äußere Physische in den braunwerdenden Blättern, in den welkenden Pflanzensprossen, in dem Trockenwerden der Früchte, die aufbewahrt werden müssen — wenn der Mensch das ebenso durchlebt, aber jetzt durchlebt, wie in diesem Zugrabetragen der Natur gerade das Geistige aufsprießt, das am meisten dann verbunden sein wird mit dem Irdischen zur Hochwinters- oder Tiefwinterszeit, zur Weihnachtszeit, wenn der Mensch das Herannahen des Herbstes ebenso festlich wird begehen können einmal, wie er den Frühling im Osterfeste begehen kann, wenn er ebenso festlich empfinden wird wie zu Ostern Grablegung, Tod und Auferstehung, so Auferstehung der Seele bei der Grablegung der Natur, um dann recht entgegenzutreten der irdischen Grablegung, dem irdischen Tode, wenn er im Herbst an der Natur die umgekehrte Folge fühlen lernt: Auferstehung, Tod, wenn aus seiner Seele heraus er das Fest schafft, das ebenso sich verhält zum Osterfeste, wie die Herbstessonne zur Frühlingssonne, dann wird der Mensch auch aus dem heutigen Geiste die Kraft gewonnen haben, ein Fest sich zu geben.

[ 38 ] Wir müssen nicht nur trachten, das Bewußtsein vom Inhalte der Feste nicht immer mehr und mehr zu verlieren, so daß wir gar nicht mehr wissen, warum wir Ostern am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond ansetzen sollen. Wir dürfen nicht sagen: Wir haben eben Ostern; das war immer so. Machen wir es am bequemsten, am ersten Sonntag nach dem ersten April, ganz abstrakt! — Wir müssen wiederum fühlen lernen: Wir brauchen einen Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos. — Wie wir die aufgehende und die untergehende Sonne haben, so brauchen wir, wenn wir zu Ostern feiern Tod — Auferstehung, im Herbste Auferstehung — Tod: Auferstehung des Menschen innerhalb der totwerdenden Natur.

[ 39 ] Das werden wir gegenüber dem Jahresablaufe aus geistig-seelischen Untergründen heraus nur in der richtigen Weise fühlen lernen, wenn wir eine Tatsache der geistigen Welt uns vor die Seele führen, die ich in früheren Jahren auch hier öfters besprochen habe. Wir wissen, daß im Alten Testamente, wenn von Jahve oder Jehova gesprochen wurde, gerade diejenigen, die um die Geheimnisse der geistigen Welt wußten, sagten: Jahve steht im Hintergrunde, aber derjenige, der seine Taten auf Erden ausführt, das ist der Archangelos Michael. Nun ist die Menschheitsentwickelung so, daß tatsächlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts diese geistige Wesenheit, die traditionell mit dem Namen des Erzengels Michael bezeichnet wird, einebesondere Belebung ihrer Betätigung, ihrer Aktivität erfahren hat. Sozusagen ist dieser Erzengel Michael seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in der Erdensphäre tätig. Die Menschenseele bemüht sich im Frühling, der ausgeatmeten Erdenseele zu folgen, die den Kosmos aufsucht, aber sie gelangt nicht dahin. Die Menschenseele ist unter der Einwirkung des Freiheitsgefühls, des Ich-Bewußtseins gegenüber den Himmelshöhen ohnmächtig geworden. Wenn aber der Herbst herankommt, dann kann die Menschenseele fühlen, wenn sie richtig fühlt, wie Michael herunterkommt und Michael besonders in Vertretung des Christus im Herbste der Mitarbeiter des Menschen wird.

[ 40 ] Wenn die Blätter welk werden, braun werden, wenn sie herunterfallen von den Bäumen, wenn die Natur hinstirbt, dann fühlt man an dieser Herbstesnatur, wie Michael aus den Höhen, die man nicht mehr mit der Menschenseele erreichen kann, herunterkommt, um in Stellvertretung des Christus, den er zu Weihnachten bringen wird, Helfer der Menschen dutch die Herbstesnöte zu werden. Dann fühlt man die Möglichkeit, in den Jahreslauf ein Fest hineinzubringen, das die Menschen eint aus ihrem Willen heraus, das die Menschen wiederum aus dem geistigen Bewußtsein heraus sich festsetzen. Im Kalender steht es aber wie eine Prophetie, wie eine Andeutung: Ende September das Michael-Fest. Richtig verstanden heißt das: Menschen, verstehet auch noch Feste zu machen! Verstehet, dem Osterfest, als dem Fest des Aufganges, das Michael-Fest Ende September als das Fest des Unterganges entgegenzusetzen! — Wahrhaftig, wenn die Menschen zu einem solchen geistigen Entschlusse kämen, etwas festzusetzen, was aus geistigen Welten in das soziale Leben hereingesetzt wird, würde es für dieses soziale Leben ein Ungeheutes bedeuten.

[ 41 ] Ich weiß, das materielle Bewußtsein wird das als etwas Phantastisches ansehen, wenn irgendwelche sektiererische Menschen, wie man sagen wird, ein Herbstesfest, ein Michael-Fest anstreben. Derjenige aber, der in die Tatsachen der Welt wirklich hineinsieht, weiß, daß stärker auf den sozialen Ausgleich, für den sozialen Fortschritt, als alle soziale Agitation, die heute durch die Welt geht, die Tatsache wirken wird, dieser Willensentschluß, daß die Menschen als eine rein geistige Angelegenheit eine Herbstesfeier ansetzen zum Zeichen dafür, daß sie zwischen Geburt und Tod eine Erweckung der Seele anstreben wollen, eine Auferstehung der Seele, auf die dann ein physischer Tod in der richtigen Weise folgen kann. Geistiges wiederum zu wollen in der physischen Welt, darauf würde es ankommen. Und dieses ist wahrhaftig am leichtesten gerade hier in diesen Gegenden zu verstehen.

[ 42 ] Ich darf vielleicht heute daran erinnern, womit ich bei meiner letzten Anwesenheit hier in Norwegen gerade geschlossen habe. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie die ganzen Naturverhältnisse, wie all das Verhältnis, in dem der Mensch hier zu der Natur steht, die Menschenseele veranlaßt, wenn sie durch den Tod hinausgeht, Naturlehrer der Menschenseelen zu werden nach dem Tode. Die Norweger werden, sagte ich, die Naturlehrer der Menschen in der geistigen Welt nach dem Tode. Diejenigen, die damals bei diesem Vortrage waren, werden sich erinnern, wie ich diese spirituelle naturwissenschaftliche Mission den Menschenherzen hier im Norden nahegelegt habe. Nahegelegt habe, daran zu denken, daß der Norweger durch sein Verhältnis zu Felsen und Meer, zu der ganz besonderen etwas spärlichen Natur im Geiste ein so inniges Verhältnis zur Natur hat, daß er allen andern Menschen der Erde nach dem Tode gerade über die Natur ein Wesentliches sagen kann. Das durfte ich dazumal sagen.

[ 43 ] Dem geht aber parallel ein anderes. Dem geht parallel hier etwas, woran wir uns vor vielen Jahren zusammen hier erinnert haben, als wir allerdings noch ein kleineres Häuflein waren, wo wir uns erinnerten daran, daß aus dem vollen Bewußtsein der Menschen heraus nach dem Mysterium von Golgatha immer mehr und mehr entstehen muß wiederum ein geistiger Zusammenhang der Menschen mit dem Weltenall, wie er in jenen alten Zeiten vorhanden war, wo die Menschen hinter den Naturerscheinungen und Naturgestalten überall die geistigen Wesenheiten, von den Elementarwesen bis hinauf zu den höchsten geistigen Wesenheiten verspürt haben, wo die Menschen noch gewußt haben, was sie zu empfinden haben, wenn sie zu dem Blitz aufschauten. Wissen wir denn das heute?

[ 44 ] Ja, wir wissen es so genau aus der Physik. Wir wissen aus der Physik, da entlädt sich in der Luft Elektrizität und sendet den Blitzfunken durch die Luft. Wir wissen das sehr genau aus der Physik, wenn wir die einfachen physikalischen Instrumente in den Laboratorien haben. Die reiben wir mit dem Lappen und lassen dann den kleinen Blitzfunken überspringen. Und jetzt legen wir uns das so aus: Da oben springt der große Blitzfunke über. — Nur schade, daß unter Umständen einmal ein kleiner Junge kommen könnte und könnte denken: Der Lehrer wischt ja alles so sorgfältig ab an den Elementen, wenn er den kleinen Blitzfunken da überspringen lassen will. Wenn die Glasstange naß ist und der Konduktor naß ist, geht das nicht mit dem Blitzfunken. Aber da oben, da sind die Wolken alle ganz naß. Da soll das so gut gehen, was im Laboratorium so schlecht geht! Ich kann eigentlich nicht glauben, daß da oben der große Funke bloß beim Nassen springt, während hier unten nicht einmal der kleine Funke beim Nassen springt. Es muß doch etwas anderes sein, und vielleicht wissen wir die Sache doch nicht so genau nach dem, was wir in der Physik erleben.

[ 45 ] In der Tat, als man die geistige Wissenschaft, wenn auch auf instinktive Art noch hatte, drückte man das noch anders aus. Da drückte man das so aus, daß man sagte: So wie der Mensch spricht, so wird im Weltenall draußen gesprochen, und das Wort gliedert sich zusammen zu der Wortsynthese. Das Viele, das als Logos draußen ertönt, klingt durch die Welt zuweilen zusammengezogen als Tao. Dann hat Thor mit seinem Hammer geschlagen. Dann hat das Weltenwort sich synthetisch zusammengezogen. Dann zeigt sich das, indem wir den Donner hören. Dann aber hilft auch der andere Gott, welcher der Lichtgott ist.

[ 46 ] Eben anders ausgedrückt, geistig ausgedrückt war das in der Art, wie wir es nicht mehr ausdrücken können. Wir müssen anthroposoPhisch sprechen, aber wir sprechen wiederum geistig. Dazumal wußte man: Wenn wir den Blitz sehen und den Donner hören, dürfen wir es nicht erklären bloß von der Erde aus, sondern dann zeigt sich uns etwas, was jenseits des Irdischen in das Irdische hereinwirkt und sich offenbaren will, was also gerade auf die entgegengesetzte Art sich offenbart, wie hier die Dinge auf Erden entstehen. — Da gestatten Sie mir noch einmal eine naturwissenschaftliche Bemerkung. Jeder Mensch weiß aus der Physik, wenn man ein Licht anzündet, da nimmt die Stärke des Lichtes nach allen Seiten ab. Man hat eine Formel: Mit dem Quadrat der Entfernung nimmt die Lichtstärke ab. Man weiß auch, daß die Schwerkraft wie die Lichtstärke mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt. Aber eines weiß man nicht, daß die Richtigkeit der Naturgesetze mit der Entfernung abnimmt, daß unsere Erdennaturgesetze nicht mehr gelten, wenn wir in den Weltenraum hinauskommen. Man hat nicht den Mut, das Gesetz des Lichtes, das Gesetz der Schwere auch auf das Gesetz des Intellektes anzuwenden. Die Richtigkeit unserer Naturgesetze, die wir hier auf Erden erforschen, nimmt ab mit dem Quadrate der Entfernung, mit der wir uns in den Weltenraum hinausversetzen. Ich weiß, was für eine ungeheure Ketzerei das ist. Es ist heute keine Ketzerei, zu sagen: Das Licht nimmt so ab, die Schwere nimmt so ab. — Aber es ist eine Ketzerei, demjenigen, der im Laboratorium forscht und dort seine chemischen, seine physischen Gesetze aufsucht, zu sagen: Dasjenige, was du da erforschst, nimmt ebenso in die Entfernung hinaus ab, wie das Licht in seiner Stärke, indem es sich ausbreitet, immer schwächer wird. Draußen gelten dann in einer gewissen Entfernung die hiesigen Naturgesetze gar nicht mehr. Was du da in deiner Leidener Flasche hast, dieses Überspringen des Funkens, das magst du auf Erden ganz gut in Naturgesetze hineinzwingen, da draußen gilt es nicht mehr, so wie die Lichtstärke mit der Entfernung abnimmt.

[ 47 ] Wir müssen nach dem Mysterium von Golgatha aus dem Inneren heraus wiederum die Möglichkeit finden, zum Geistigen zu kommen. Das deuten die alten Initiierten zuweilen an, indem sie die Menschen aufmerksam darauf machten: Ja, jetzt hat noch die Menschheit ein instinktives Hellsehen. Sie sieht in den Geist hinein. Aber die Menschheit wird sich ein freies Bewußtsein erringen, wird nicht mehr in den Geist hineinsehen. Dann muß durch innere Schulung des Geistes, durch Erkraftung des Geistes, durch Geisteserkenntnis und Geisteswissenschaft die Menschheit wiederum zum Geiste kommen. Dann wird der Gott wieder erscheinen.

[ 48 ] Götter von der Art werden wieder erscheinen im Gefolge des Christus, wie sie anfangs vor dem Mysterium von Golgatha ohne den Christus da waren. Vor dem Mysterium von Golgatha hat die Menschheit die beseelte, durchgeistigte Natur geschaut. Nach dem Mysterium von Golgatha muß die Menschheit darnach streben, daß die beseelte, durchgeistigte Natur die Gefolgschaft des Christus bildet, daß die Naturgeister alle gesehen werden in der Gefolgschaft des Christus, denn ohne ihn können sie nicht gesehen werden. Das aber ist angedeutet gerade hier, indem hingewiesen wird das Volk hier darauf, daß aus der Schar der alten Geistwesen Widar wieder erscheinen werde in neuer Gestalt, Widar, nachdem er sich selber zum Christentum bekehrt hat, wieder erscheinen wird aus der Schar der alten Gotteswesen. Daran haben wir uns vor vielen Jahren erinnert. Und darnach haben dann unsere nordischen Freunde hier ihren Zweig genannt.

[ 49 ] An eine Erinnerung, an eine gemeinsame Erinnerung knüpfte an dasjenige, was hier der Zweig geworden ist. Mögen solche gemeinsamen Erinnerungen, meine lieben Freunde, immer rege sein bei uns, möge so, wie dasjenige, was zum Zweignamen geführt hat, aus einer gemeinsamen Erinnerung gekommen ist, möge so auch dasjenige, was wir immer bei solchen Zyklen durchleben, zur gemeinsamen Erinnerung, das heißt, zum gemeinsamen Leben werden. Mögen wir so zusammenleben in der Pflege des anthroposophischen Lebens. Das möchte ich in den Abschiedsgruß gießen, den ich Ihnen nunmehr sagen muß, in den Abschiedsgruß das gießen, daß ein lebendiges Erinnern immer mehr auferstehen möge in unseren Seelen und dadurch auch ein rechtes Pfingstbewußtsein immer da sein möge. Und mögen wir so im Geiste beisammen bleiben im gemeinsamen Wirken an dem spirituellen Fortschritt, an der spirituellen Entwickelung der Menschheit. Durch solche Gemeinsamkeit wird die Menschheit nach und nach stark werden, um dem Geiste wieder eine Heimat auf Erden zu bereiten. Möge auch dasjenige, was wir gemeinsam denken konnten in diesen Tagen, ein wenig dazu beitragen, keimhaft nur dazu beitragen, Kraft zu sammeln als einen Teil jener großen Kraft, die notwendig sein wird, um dem Geiste wiederum auf Erden eine Heimat zu bereiten. Das möchte ich Ihnen heute am Schlusse unseres Vortragszyklus ins Herz schreiben und Sie versichern, daß im Hinblicke darauf, daß Sie wiederum gerne aufnehmen wollten dasjenige, was ich Ihnen in diesen Tagen zu sagen hatte, es mir eine tiefe Befriedigung gewährt, daß ich wiederum einige Tage unter Ihnen, meine lieben norwegischen Freunde, habe weilen dürfen, und daß auch bei mir dies wiederum der Ausgangspunkt sein wird, recht, recht viel an dasjenige zu denken, was wir hier gemeinsam haben besprechen können und was wir weiterhin zusammen gemeinsam erleben werden. So können wir im Geiste zusammenbleiben, wenn auch durch die irdischen Verhältnisse der Raum uns immer wieder und wieder trennen wird.

[ 50 ] In diesem Sinne möchte ich mit innigster Befriedigung gegenüber der Aufmerksamkeit, die Sie den Vorträgen zugewendet haben, und in der Hoffnung, daß Erinnerung daran bleibe, Ihnen in diesem Augenblicke meinen herzlichsten Gruß sagen.