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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenwesen Menschenschicksal und Welt-Entwickelung
GA 226

17 Mai 1923, Oslo

Welten-Pfingsten, die Botschaft der Anthroposophie

[ 1 ] Wenn man in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit zurücksieht, so fallen einem größere und geringere Ereignisse auf, die in das Leben der ganzen Menschheit eingegriffen haben. Das größte von allen diesen Ereignissen ist dasjenige, welches wir bezeichnen als das Mysterium von Golgatha, durch welches das Christentum in die Menschheitsentwickelung eingegriffen hat. Dieses Mysterium von Golgatha ist in der Zeit, in der es geschehen ist, ganz anders verstanden worden als in späteren Zeiten, und in unserer Zeit muß es wiederum neu verstanden und begriffen werden. Dieses Mysterium von Golgatha richtig im Sinne unserer Zeit zu verstehen, ist die Aufgabe der Anthroposophie.

[ 2 ] Wir müssen uns in ältere Zeiten zurückversetzen, in denen die Menschen ein ganz anderes Bewußtsein hatten als heute. Wenn wir uns drei, vier Jahrtausende zurückversetzen, hatten die Menschen ein instinktives Bewußtsein davon, daß sie, bevor sie heruntergestiegen sind auf die Erde in einen physischen Körper hinein, in der geistigen Welt gelebt haben. Jeder Mensch wußte dazumal, daß ein seelisch-geistiges Wesen in seinem Inneren ist, das von den göttlichen Mächten in das Erdendasein heruntergeschickt worden ist.

[ 3 ] Die Menschen hatten dazumal auch ein anderes Bewußtsein von dem Tode, denn, indem sie zurückschauen konnten in der Erinnerung auf ihr geistig-seelisches Dasein vor dem Erdenleben, wußten sie, daß das, was vordem Erdenleben von ihnen gelebt hat,auch über den Tod hinaus lebt.

[ 4 ] Es gab dazumal Lehrschulen, die zu gleicher Zeit religiöse Anstalten waren; Mysterien nennt man sie. In diesen Lehrschulen und religiösen Anstalten wurden die Menschen über dasjenige belehrt, was sie über das Leben wissen konnten, bevor sie heruntergestiegen sind zur Erde. Und die Menschen lernten dadurch kennen, daß sie vor dem Erdendasein so gelebt haben unter Sternen und geistigen Wesen, wie sie auf der Erde unter Pflanzen und Tieren und Bergen und Flüssen leben.

[ 5 ] Der Mensch sagte sich: Ich bin aus der Sternenwelt heruntergestiegen zum irdischen Dasein. — Aber er wußte, daß der Stern nicht bloß physisch ist, sondern daß jeder Stern von geistigen Mächten bewohnt ist, mit denen er in der geistigen Welt im Zusammenhang war, bevor er zur Erde heruntergestiegen ist. Der Mensch wußte, daß wenn er seinen physischen Körper im Tode ablegen mußte, er wiederum in die Sternenwelt, das heißt, in die geistige Welt zurückzukehren habe. Und als den wichtigsten der Sterne sah man die Sonne an, die Sonne mit ihren Wesenheiten, unter denen die höchste diejenige war, die man das Hohe Sonnenwesen nannte.

[ 6 ] Aus den Mysterien kam den Menschen die Lehre, daß das Hohe Sonnenwesen den Menschen, bevor sie zur Erde kommen, die Kraft gibt, nach dem Tode wiederum in die geistigen und Sternenwelten in der richtigen Weise hineinzugehen. Und die Lehrer der Mysterien sagten zu ihren Schülern, und diese Schüler sagten wiederum zu den übrigen Menschen: Es ist die geistige Kraft der Sonne das geistige Licht, welches euch über den Tod hinausträgt, und das ihr mitgebracht habt, als ihr durch die Geburt ins Erdendasein heruntergestiegen seid.

[ 7 ] Es gab viele Gebete, es gab viele erhabene Lehren, welche von den Mysterienlehrern kamen, und die alle zum Lob, zum Preise und zur Beschreibung des Hohen Sonnenwesens waren. Und diese Mysterienlehrer sagten zu ihren Schülern und diese wiederum zu der ganzen Menschheit, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes durchgegangen ist, eindringen muß zuerst in die Sphäre der niederen Sterne und niederen Sternenwesen, dann aber hinaufdringen muß über die Sonne. Er kann aber nicht über die Sonne hinaufdringen, wenn nicht die Kraft des Sonnenwesens ihm gegeben ist. Daher kam es, daß bei Menschen, welche dieses verstanden, das Herz besonders warm wurde, wenn sie zu dem Geiste der Sonne beten konnten, der ihnen die Unsterblichkeit gibt.

[ 8 ] Die Dichtungen und die religiösen Andachtsübungen, die zur Sonne gerichtet waren, hatten einen ganz besonders das Gefühl und die ganze Empfindung der Menschen durchdringenden Wert. Der Mensch fühlte sich mit dem Gotte des Weltenalls verbunden, wenn er den Sonnendienst verrichten konnte. Und es fanden bei denjenigen Völkern, bei denen ein solcher Sonnendienst üblich war, Kultushandlungen statt, Zeremonien, welche für diesen Sonnenandachtsdienst besonders eingerichtet waren. Dieser Sonnendienst bestand in der Regel darinnen, daß das Bild des Gottes in das Grab gelegt wurde und nach einigen Tagen wiederum aus dem Grab genommen wurde, zum Zeichen dafür, daß es einen Gott, den Sonnengott, im Weltenall gibt, der die Menschen immer wieder aufweckt, wenn sie dem Tode verfallen sollten. Und bei der Verrichtung dieses Kultus sagte dann der Opferpriester seinen Schülern, und diese sagten es wieder der übrigen Menschheit: Dies ist das Zeichen dafür, daß ihr, bevor ihr auf die Erde heruntergestiegen seid, in einem geistigen Reiche waret, worinnen der Sonnengott ist.

[ 9 ] Man sagte zu den Bekennern dieses Sonnendienstes: Schauet hinauf, die Sonne leuchtet, aber das ist nur die äußere Offenbarung des Sonnenwesens, hinter diesem Leuchten ist der ewige Sonnengott, der euch die Unsterblichkeit sichert.

[ 10 ] So wußten die Menschen, die solches lernten, daß sie aus geistigen Welten in die irdische Welt heruntergestiegen sind und daß sie die Welt vergessen hatten, in welcher der Sonnengott ist.

[ 11 ] Ihr habt das Reich des Sonnengottes verlassen durch eure Geburt. Ihr sollt es wiederfinden durch die Kraft, die er in eure Herzen gelegt hat, wenn ihr durch den Tod tretet —, so sagten die Opferpriester zu den Bekennern.

[ 12 ] Die eingeweihten Priester dieser Mysterien wußten, daß das Hohe Sonnenwesen, von dem sie zu den Bekennern sprachen, dasselbe ist, wovon man später sprechen wird als dem Christus. Aber vor dem Mysterium von Golgatha war das so, daß diese Opferpriester den Bekennern sagen mußten: Wenn ihr etwas von Christus wissen wollt, dann könnt ihr nicht auf der Erde suchen, dann müßt ihr euch zu den Geheimnissen der Sonne erheben. Nur außerhalb der Erde findet ihr die Geheimnisse des Christus.

[ 13 ] Es war verhältnismäßig nicht schwierig für die Menschen, zu einer solchen Lehre sich zu bekennen, weil sie eine instinktive Rückerinnerung hatten an das Reich des Christus, aus dem sie heruntergestiegen waren auf die Erde. Aber die Menschheit unterliegt einer Entwickelung, und die instinktive Erinnerung an das vorirdische geistige Leben ging der Menschheit allmählich verloren. Achthundert Jahre vor dem Mysterium von Golgatha hatten nur noch die wenigsten Menschen eine instinktive Rückerinnerung an das vorirdische geistige Leben.

[ 14 ] Denken Sie sich einmal, der Mensch geht durch den Tod, er geht hinaus in die Sternenweiten. Er kommt nach und nach an Orte, wo er die Sterne von der andern Seite sieht, also auch die Sonne von der andern Seite sieht. Wir sehen von der Erde die Sonne so, wie wir es jetzt gewohnt sind. Nach dem Tode gehen wir hinaus in den Weltenraum und sehen die Sonne von der andern Seite. Wenn man aber die Sonne von der andern Seite sieht, sieht man sie nicht als physische Scheibe, sondern als ein Reich von geistigen Wesenheiten. Und vor dem Mysterium von Golgatha sah man nach dem Tode und vor der Geburt von der andern Seite in der Sonne den Christus. An diesen Anblick des Christus konnten die Mysterienlehrer ihre Schüler erinnern, denn es konnte wachgerufen werden die Vorstellung: Bevor ich auf Erden war, sah ich die Sonne von der andern Seite. — Das war in alten Zeiten, vor dem Mysterium von Golgatha.

[ 15 ] Nun kam aber die Zeit, in der diese Erinnerung in den Menschen nicht mehr wachgerufen werden konnte. Ungefähr achthundert Jahre vor dem Mysterium von Golgatha konnten die Menschen diese Erinnerung immer weniger und weniger wachrufen: Wir haben, bevor wir auf die Erde heruntergekommen sind, den Christus von jenseits der Sonne gesehen. — Und jetzt hätten Mysterienlehrer nimmer kommen können, zu den Menschen sprechend: Seht hinauf zur Sonne, das ist die Offenbarung Christi. — Die Menschen hätten es nicht mehr verstanden. Und es war dann für die Menschen auf Erden so, als ob sie von der Christus-Kraft ganz verlassen worden wären, als ob sie nichts mehr von der Erinnerung an die geistigen Welten in sich beleben könnten.

[ 16 ] Jetzt kam erst über die Menschen dasjenige, was man die Furcht vor dem Tode nennen kann. Denn früher sahen sie den physischen Leib sterben, sie wußten aber, sie sind als Seelen aus dem Reiche des Christus und sterben nicht. Und die Menschen bekamen eine große Sorge über das Schicksal ihrer unsterblichen, ihrer ewigen Wesenheit in sich. Es war so, wie wenn die Verbindung zwischen den Menschen und dem Christus abgeschnitten wäre. Das war, weil die Menschen nicht mehr in die geistigen Welten hinaufschauen konnten, und weil auf der Erdenwelt der Christus nirgends zu finden war. Jetzt in der Zeit, wo die Menschen den Christus nicht mehr jenseits der Sonne im Überirdischen finden konnten, kam der Christus aus unendlicher Gnade und aus unendlichem Erbarmen auf die Erde herunter, damit die Menschen ihn auf Erden finden konnten.

[ 17 ] Da ist etwas geschehen in der Weltenentwickelung, was sonst nirgends seinesgleichen hat in alledem, was Menschen kennen können. Denn all diejenigen Wesen, die über dem Menschen stehen — Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter bis zu den höchsten göttlichen Wesen —, machten in der geistigen Welt nur Verwandlungen durch, Metamorphosen. Sie wurden nicht geboren und starben nicht. Man sagte dazumal in den Mysterien: Nur die Menschen kennen Geburt und Tod. Die Götter kennen nur Metamorphosen, kennen nicht Geburt und Tod.

[ 18 ] Da die Menschen also nicht mehr zu dem Christus gelangen konnten, kam der Christus zu den Menschen auf Erden. Dazu war notwendig, daß er als Gott dasjenige durchmachte, was Götter niemals früher durchgemacht haben: Geburt und Tod. Christus wurde Seele eines Menschen, des Jesus von Nazareth, machte durch Geburt und Tod, das heißt, zum ersten Male machte ein Gott den Weg durch den Menschentod. Das ist das Wesentliche an dem Mysterium von Golgatha, daß es nicht nur eine Menschenangelegenheit ist, daß es eine Götterangelegenheit ist. Die Götter haben beschlossen: Einer von uns, das Hohe Sonnenwesen selber, soll sein Schicksal mit der Menschheit so weit vereinigen, daß es gehe durch Geburt und Tod. — Seit dieser Zeit können die Menschen immer hinschauen auf das, was sich auf Golgatha zugetragen hat, und können auf Erden finden, was sie, weil ihr Bewußtsein nicht mehr in die Himmel hinaufreichte, sonst verloren hätten: den Christus.

[ 19 ] Diejenigen, welche diese Geheimnisse von Golgatha zuerst mitmachten, hatten noch eine letzte Erbschaft von einem instinktiven Bewußtsein dessen, was da geschehen ist. Das waren die Jünger und Apostel Christi. Und sie wußten: Dasselbe Wesen, das man früher nur gefunden hat, wenn man geistig zur Sonne hat hinschauen können, findet man jetzt, wenn man in der richtigen Weise versteht Geburt, Leben, Leiden des Christus Jesus.

[ 20 ] Wenige Menschen gab es doch noch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha, die wußten: Derjenige, der in Jesus von Nazareth als der Christus war, ist das Hohe Sonnenwesen, das heruntergestiegen ist auf die Erde. — Bis zum 4. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha wußten Menschen noch immer, daß der Christus, der das Sonnenwesen ist, und der Christus, der in Jesus von Nazareth gelebt hat, dasselbe Wesen war. Und besonders tief empfinden kann man, wenn man durch Geisteswissenschaft hört, wie Menschen in den ersten christlichen Jahrhunderten inbrünstig gebetet haben: Dank dem ChristusWesen, von dem wir sonst getrennt worden wären auf Erden, daß es von geistigen Welten zu uns auf die Erde heruntergestiegen ist!

[ 21 ] Nachdem das 4. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha dahingegangen war, konnte man nicht mehr fassen, daß das Hohe Sonnenwesen und der Christus diejenige Gottheit sei, die einem die Unsterblichkeit sichert als Mensch. Man hatte dann vom 4. Jahrhundert bis in unsere Zeiten hinein nur das äußere Evangelienwort, welches historisch erzählt, daß es ein Mysterium von Golgatha gegeben hat. Aber das Evangelienwort wirkte durch die Jahrhunderte doch so stark, daß die Menschen durch dieses Evangelienwort ihr Herz zu dem Mysterium von Golgatha hinlenken konnten.

[ 22 ] Heute aber stehen wir vor einer Zeit, wo die Menschen, nachdem sie so viel über die Geheimnisse der Natur gelernt haben, ganz den Evangelienworten entfremdet werden würden, wenn nicht ein neuer Weg zu dem Christus gebahnt würde. Diesen Weg möchte die Anthroposophie dadurch bahnen, daß sie den Menschen wiederum zu der Erkenntnis der geistigen Welt hinführt. Denn das Christus-Ereignis ist nur zu verstehen als Geistiges, als geistige Tatsache. Wer das Christus-Ereignis nicht als geistige Tatsache verstehen kann, kann es überhaupt nicht verstehen.

[ 23 ] Durch die anthroposophische Erkenntnis können wir uns wieder zurückversetzen in diejenige Zeit, in welcher der Christus Jesus in Palästina gewandelt und sein Erdenschicksal durchgemacht hat. Wir können hineinschauen in das Gemüt der Jünger und Apostel, die in Gemäßheit ihrer instinktiven Erkenntnis gewußt haben: Das Wesen, das früher nur die Sonne bewohnt hat, ist heruntergestiegen auf die Erde und hat unter uns gewandelt. Das Wesen, das unter uns gewandelt hat als der Christus Jesus, das die Erde damit betreten hat, war früher nur auf der Sonne zu finden, — Diese Jünger sagten sich also: Aus dem Auge des Jesus von Nazareth leuchtet uns das Sonnenlicht, aus den Worten des Jesus von Nazareth spricht uns die Kraft der wärmenden Sonne. Wenn der Jesus von Nazareth unter uns wandelt, so ist es so, wie wenn die Sonne selber ihr Licht und ihre Kraft in der Welt aussendet.

[ 24 ] Diejenigen, die das verstehen konnten, sagten sich: So wandelt in einem Menschen das Sonnenwesen unter uns, das früher nur erreicht werden konnte, wenn die Blicke von der Erde hinauf zu der geistigen Welt selbst hin gerichtet waren. — Und weil sich die Jünger und Apostel dieses sagen konnten, standen sie auch in dem richtigen Verhältnisse und Verständnisse zu dem Tod des Christus. Deshalb konnten sie Schüler des Christus Jesus bleiben, auch als der Christus Jesus schon durch den Tod auf Erden gegangen war.

[ 25 ] Wir wissen durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis, daß der Christus, als er den Leib des Jesus von Nazareth verlassen hatte, geistig unter seinen Schülern wandelte und sie weiter belehrte. Die Kraft, welche die Jünger und Apostel empfangen hatten, um, auch als der Christus ihnen nur noch im Geistleib erschien, sich von ihm belehren zu lassen, diese Kraft ging ihnen allerdings nach einiger Zeit verloren. Es gibt einen Zeitpunkt im Leben der Schüler des Christus Jesus, wo sie sich sagten: Wir haben ihn geschaut, wir schauen ihn nicht mehr. Er ist vom Himmel zu uns auf die Erde niedergestiegen. Wohin ist er gegangen?

[ 26 ] Dieser Zeitpunkt, in dem die Jünger wiederum die Gegenwart des Christus verloren zu haben glaubten, ist festgehalten in dem christlichen Himmelfahrtsfeste. Es wurde festgehalten die Bewußtseinstatsache, daß vor den Jüngern wiederum verschwunden war der Hohe Sonnengeist, der in dem Menschen Jesus von Nazareth auf der Erde gewandelt hat. Und jetzt kam, nachdem die Jünger Christi diese Erfahrung gemacht hatten, über sie eine 'Trauer, die sich mit nichts vergleichen läßt, was an Trauer auf der Erde vorhanden sein kann. In den alten Mysterien kam, wenn man den Sonnenkultus gefeiert, das Bild des Gottes in die Erde gelegt hatte, um es erst nach Tagen wiederum herauszuheben, über die Seelen etwas von großer Trauer über den Tod des Gottes. Aber diese Trauer ließ sich nicht vergleichen an Größe mit derjenigen Trauer, die jetzt in die Herzen der Jünger Christi kam.

[ 27 ] Alle wirkliche, große Erkenntnis ist aus dem Schmerz und aus der Sorge herausgeboren. Wenn man durch diejenigen Erkenntnismittel, die in der anthroposophischen Geisteswissenschaft beschrieben werden, den Weg in die höheren Welten zu gehen versucht, so kann man auch nur zu einem Ziele gelangen, wenn man durch den Schmerz hindurchgeht. Ohne daß man gelitten hat, vieles gelitten hat und dadurch frei geworden ist von dem Niederdrückenden des Schmerzes, kann man die geistige Welt nicht erkennen.

[ 28 ] Die Schüler Christi haben nun in derjenigen Zeit, die uns durch die zehn Tage nach der Himmelfahrt angedeutet ist, ungeheuer viel gelitten, weil ihnen der Anblick des Christus entschwunden war. Und aus diesem Schmerz, aus dieser unendlichen Trauer ist dann dasjenige entsprungen, was wir das Pfingstgeheimnis nennen. Die Schüler Christi haben, nachdem sie für das äußere instinktive Hellsehen den Anblick Christi verloren hatten, ihn im Inneren, in der Empfindung, in dem Erlebnis durch die Trauer, durch den Schmerz wiederum gefunden.

[ 29 ] Schauen wir jetzt noch einmal zurück in frühere Zeiten. Die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha hatten eine Erinnerung an das vorirdische Dasein. Sie wußten, daß sie in diesem vorirdischen Dasein die Kraft von dem Christus erlangt hatten, um die Unsterblichkeit zu erringen. Jetzt wußte man, daß man durch die eigene menschliche Kraft nicht zurückschauen kann in die geistige Welt, in das vorirdische Dasein. Und die Jünger wandten sich nun an alles dasjenige, was ihnen im Gedächtnis war über das Ereignis von Golgatha. Und aus dieser Erinnerung und aus diesem Schmerze heraus ging ihnen in der Seele wiederum die Anschauung desjenigen auf, was der Mensch verloren hatte, weil er das instinktive Hellsehen nicht mehr hatte.

[ 30 ] Die alten Menschen hatten also gesagt: Wir waren, bevor wir auf Erden geboren waren, bei Christus. Von ihm haben wir die Kraft der Unsterblichkeit. — Und die Jünger Christi sagten jetzt, zehn Tage nachdem sie den äußeren Anblick des Christus verloren hatten: Wir haben das Mysterium von Golgatha gesehen. Das gibt uns die Kraft, wiederum unser unsterbliches Wesen zu fühlen. — Das wird symbolisch ausgedrückt durch die feurigen Zungen. Daher können wir auch geisteswissenschaftlich in dem Pfingstgeheimnis dieses sehen, daß das Mysterium von Golgatha an die Stelle des alten Mysterien-Sonnenmythus getreten ist.

[ 31 ] Daß man es zu tun hat mit dem Sonnenwesen in dem Christus, das wurde ganz besonders klar dem Paulus, als er die Offenbarung von Damaskus hatte. Paulus war ein Schüler der alten Eingeweihten in den Mysterien. Ihm war klargeworden, den Christus findet man nur, wenn man in Hellsehnis in die geistige Welt gelangt. Nun sagte er: Da gibt es Jünger, die behaupten, das Sonnenwesen sei in einem Menschen lebendig gewesen, sei durch den Tod gegangen. Das kann nicht richtig sein, denn das Sonnenwesen kann nur außer der Erde gesehen werden. — Solange Paulus aus seinem Mysterienwissen dieses glaubte, bekämpfte er das Christentum.

[ 32 ] Durch seine Offenbarung bei Damaskus ist dem Paulus klargeworden: Auch wenn man nicht in die geistigen Welten entrückt ist, kann man den Christus schauen. Er ist also wirklich auf die Erde heruntergestiegen. — Von diesem Augenblick an wußte er: Die Schüler des Christus Jesus sagen richtig, denn das Hohe Sonnenwesen ist jetzt vom Himmel auf die Erde heruntergestiegen.

[ 33 ] Wenn der Christus nicht erschienen wäre auf Erden, wenn er nur Gott der Sonne geblieben wäre, so wäre die Menschheit in Verfall geraten auf Erden. Die Menschen würden immer mehr und mehr nur geglaubt haben: Die materiellen Dinge bestehen, die Sonne ist ein materielles Ding, die Sterne sind materielle Dinge. — Denn die Menschen hatten ganz und gar vergessen, daß sie selber aus dem vorirdischen Dasein, aus der Sternen-Geisteswelt heruntergestiegen sind.

[ 34 ] Aber eine solche Summe von Gedanken, daß alles materiell ist, kann man nur eine gewisse Zeit hindurch haben. Wenn alle Menschen zum Beispiel ein Jahrhundert hindurch nur glaubten, alles sei materiell, so würden sie die innere Kraft des Geistes in sich verlieren und wie gelähmt werden, wie krank werden. So wäre es in der Tat mit der Menschheit geworden, wenn der Christus nicht in unendlichem Erbarmen von der geistigen Welt zur Erde heruntergestiegen wäre.

[ 35 ] Sie werden sagen: Ja, aber viele Menschen wollen ja noch nichts von Christus wissen, haben kein Bekenntnis zu dem Christus. Wie ist es mit diesen? Warum sind sie nicht gelähmt und schwach und krankhaft geworden? — Aber sehen Sie, der Christus ist auf Erden erschienen, als das Mysterium von Golgatha sich zugetragen hat, nicht, um den Menschen eine Lehre bloß zu geben, sondern um die Tatsache seines Erscheinens auf Erden durchzumachen. Er ist für alle Menschen gestorben. Die physische Konstitution aller Menschen, auch derjenigen, die nicht an den Christus glaubten, ist durch das Ereignis von Golgatha verbessert und gerettet worden. Man konnte bis jetzt ein Chinese, ein Japaner, ein Hindu sein, und nichts von Christus wissen wollen. Dennoch: der Christus ist für alle Menschen gestorben.

[ 36 ] Das wird in der Zukunft nicht in gleicher Weise möglich sein, denn in der Zukunft wird viel maßgebender für die Menschheit werden, als es bisher der Fall war, dasjenige, was Erkenntnis ist. Es wird immer mehr und mehr die Notwendigkeit in der Entwickelung der Menschheit heraufziehen, daß alle Menschen zu einer gewissen Erkenntnis des geistigen Wesens und geistigen Lebens kommen.

[ 37 ] Eine solche Erkenntnis, die alle Menschen in die geistige Welt hineinführt, strebt die anthroposophische Geistesforschung an. Und mit dieser Erkenntnis kann man auch wiederum den Christus erkennen, aber so erkennen, daß, wenn man richtige Anthroposophie hat, man den Christus so darstellen kann, daß die Darstellung für alle Menschen verständlich werden kann. Mit dem, was bisher als Christentum verkündet worden ist, konnte man nach Afrika, nach Asien gehen: einzelne Menschen vielleicht bekannten sich zu dem Christus, die große Masse der Völker wies das zurück, denn sie konnte nicht verstehen, was die Missionare sagten.

[ 38 ] Was für Religionen hatten die Völker? Die Völker hatten Religionen, welche innerhalb des Volkes entstanden sind und nur von dem einzelnen Volke begriffen worden sind, weil irgendein heiliger Ort oder eine heilige Persönlichkeit innerhalb dieses Volkes verehrt wurde. Solange die alten Ägypter ihren Gott in 'Theben verehrt haben, so lange mußte man nach Theben gehen, um dort das Heiligtum dieses Gottes verehren zu können. Solange man den Zeus in Olympia verehrt hat, mußte man nach Olympia gehen, um in Olympia den Zeus zu verehren. Ebenso muß der Mohammedaner nach Mekka gehen.

[ 39 ] Etwas davon ist noch selbst im Christentum erhalten. Versteht man das Christentum recht, so weiß man: die Sonne scheint über alle Menschen, sie scheint über Theben, sie scheint über Olympia, sie scheint über Mekka. Die Sonne kann man überall in gleicher Weise physisch sehen, daher auch das Hohe Sonnenwesen, den Christus, geistig verehren. Und so wird die Anthroposophie den Menschen zeigen, daß dasjenige Wesen, das vor dem Mysterium von Golgatha nur mit instinktiven überirdischen Fähigkeiten zu erreichen war, von den Menschen seit dem Mysterium von Golgatha durch die auf der Erde selbst zu erwerbende Erkenntniskraft zu erreichen ist. Man wird wiederum das Wort verstehen: Die Himmelreiche sind herniedergekommen auf die Erde —, und wird nicht in einer unbestimmten mystischen Weise von dem Tausendjährigen Reich sprechen, sondern man wird verstehen: Was früher auf der Sonne zu finden war, ist seither auf der Erde zu finden. — Und man wird sich sagen: Wir haben den Christus seit dem Mysterium von Golgatha, weil er heruntergestiegen ist auf die Erde, auch auf dieser Erde unter Menschen wohnhaft.

[ 40 ] Man wird dasjenige, was die Jünger als das Pfingstgeheimnis gefühlt haben, immer wieder von neuem fühlen können: Der Christus ist selbst herniedergestiegen auf die Erde. In unserem Herzen geht seine Kraft auf als die Kraft, die den Menschen die Unsterblichkeit sichert. — Aber man muß dann auch die Worte des Christus ganz ernst und in ihrer tiefen Wahrheit nehmen können, zum Beispiel ein solches Wort: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.» Und wenn man ein solches Wort in seiner geistigen Tiefe ganz ernst nehmen kann, dann wird man auch sich durchringen zu der Erkenntnis: Nicht nur im Beginne unserer Zeitrechnung war der Christus da. Er ist immer da, er spricht zu uns, wenn wir ihn nur hören wollen. — Aber dazu müssen wir durch Geisteswissenschaft wiederum lernen, in jedem stofflichen Wesen ein Geistiges zu sehen, Geistiges hinter dem Stein, Geistiges hinter der Pflanze, Geistiges hinter den 'Tieren, Geistiges hinter den Menschen, Geistiges hinter den Wolken, Geistiges hinter den Sternen, Geistiges hinter der Sonne. Wenn wir durch die Materie den Geist wiederum in seiner Wirklichkeit finden, dann öffnen wir unsere Menschenseele auch für die Stimme des Christus, der zu uns sprechen will, wenn wir ihn nur hören wollen.

[ 41 ] Und Anthroposophie kann sprechen davon, daß Geist hinter aller Natur ist. Deshalb darf sie auch davon sprechen, daß Geist in aller Erdengeschichte der Menschheit ist, darf davon sprechen, daß die Erde erst wiederum ihren Sinn bekommen hat durch das Mysterium von Golgatha.

[ 42 ] Der Erdensinn war vor dem Mysterium von Golgatha auf der Sonne. Seit dem Mysterium von Golgatha ist der Erdensinn mit der Erde selbst vereinigt. Das möchte wie ein immerwährendes Pfingstgeheimnis die Anthroposophie an die Menschheit heranbringen. Und wenn die Menschen dazu bereit sind, mit der Anthroposophie die geistige Welt wiederum aufzusuchen, dann werden sie in einer solchen Weise, wie es für den Menschen der heutigen Zeit notwendig ist, auch den Christus als einen immer Gegenwärtigen wiederum richtig finden.

[ 43 ] Wenn die Menschen in dieser Zeit sich nicht zur geistigen Erkenntnis wenden, dann geht der Christus verloren. Bisher war das Christentum nicht auf die Erkenntnis angewiesen. Der Christus ist für alle Menschen gestorben. Er hat die Menschen nicht verleugnet. Weisen ihn heute die Menschen in der Erkenntnis zurück, so verleugnen die Menschen den Christus.

[ 44 ] In dieser Weise wollte ich Ihnen, da wir diesmal gerade um die Zeit des Pfingstfestes zusammensein durften, von dem Christus-Mysterium sprechen in Anknüpfung an das Pfingstgeheimnis.

[ 45 ] Man redet oftmals von der Anthroposophie, als ob sie eine Feindin des Christentums sei. Wenn Sie den Geist der Anthroposophie wirklich aufnehmen, so werden Sie finden, daß die Anthroposophie gerade das Menschenohr und das Menschenherz und die ganze Menschenseele wiederum für das Geheimnis Christi öffnen wird.

[ 46 ] Meine lieben Freunde, das Schicksal der Anthroposophie möchte dasjenige des Christentums zugleich sein. Dazu ist aber notwendig, daß die Menschen heute nicht bloß zu dem toten Worte hinblicken, das ihnen von dem Christus spricht, sondern daß die Menschen sich einer Erkenntnis zuwenden, die sie zu jenem Lichte selbst hinführt, in dem der lebendige Christus, nicht der historische, der vor Jahrhunderten auf Erden gelebt hat, enthalten ist, der jetzt und in jedem Augenblicke der Zukunft auf der Erde unter den Menschen lebt, weil er aus ihrem Gotte ihr göttlicher Bruder geworden ist.

[ 47 ] So wollen wir denn unter unsere Pfingstgedanken dieses aufnehmen, daß wir suchen wollen durch Anthroposophie den Weg zu dem lebendigen Christus, und fühlen, daß dadurch in jedem Anthroposophen erneuert werden kann das erste Pfingstgeheimnis, daß ihm die Erkenntnis Christi selber in seinem Herzen aufgehe und er sich fühlt erwärmt und erleuchtet durch die feurige Zunge der christlichen Welterkenntnis.

[ 48 ] Lassen Sie unsern Weg zum Geistigen durch Anthroposophie zugleich sein den Weg zu Christus dutch den Geist! Und wenn eine kleinere Anzahl von Menschen im Ernste sich zu diesem bekennt, dann wird dieses Pfingstgeheimnis auch immer mehr und mehr Wurzel fassen bei vielen Menschen der Gegenwart und namentlich der Zukunft. Und dann wird dasjenige kommen, was die Menschheit so sehr zu einer Gesundung, zu einer Heilung braucht. Dann wird zu einem neuen Menschenverständnis der heilende Geist sprechen, der die Krankheit der Seelen der Menschen heilende Geist, den Christus gesandt hat. Dann wird das kommen, was die Menschheit braucht: Welten-Pfingsten!