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The Rudolf Steiner Archive

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Initiations-Erkenntnis
GA 227

18 August 1923, Penmaenmawr

Begrüssungsansprache

Meine sehr verehrten Anwesenden!

[ 1 ] Die überaus freundlichen, herzlichen Worte, welche Mr. Dunlop und Mr. Collison gesprochen haben zur Begrüßung von Frau Dr. Steiner und mir selbst, veranlassen mich, einige Worte schon heute zu sprechen vor dem Beginn der morgen anfangenden Vorträge. Es hat mich außerordentlich befriedigt, daß Mr. Dunlop im Verein mit seinen Helfern und Helferinnen diesen Sommerkursus über Anthroposophie hat veranstalten wollen, und ich hoffe, daß durch dasjenige, was den Inhalt dieses Sommerkursus bilden wird, die verehrten Zuhörer, die ich auch hier von mir aus auf das herzlichste begrüße, doch einige Befriedigung haben möchten.

[ 2 ] Mit ganz besonderer Freude hat mich erfüllt die Wahl des Themas durch Mr. Dunlop, denn es wird mir dadurch die Möglichkeit geboten sein, dasjenige, was Anthroposophie gerade in bezug auf die Gegenwart und wohl auch die nächste Zukunft zu sagen hat, anzuknüpfen an die ältesten Weistümer und das älteste Geistesleben der Menschheit. Allerdings, in einer gewissen Beziehung ist es ja notwendig — und ich gestehe, ich verstehe darinnen aus dem Geiste und Sinn unserer Zeitzivilisation heraus das einladende Komitee ganz vollkommen —, daß wir schon bei der Hauptsache der Veranstaltung für einen anthroposophischen Kursus, für Anthroposophisches überhaupt, etwas aus der Rolle fallen. Denn in jenen ältesten Zeiten, an die man sich so gern erinnert, weil sie die ältesten Weistümer der Menschen über die geistige Heimat der Seelen enthüllten, zu diesen ältesten Veranstaltungen, in denen diese Weistümer gepflogen wurden, da versammelten sich die Menschen zu Zeiten, die sie sich schwer abrangen von demjenigen, was sie sonst Tag für Tag im Jahreslauf beschäftigte. Es waren Zeiten, die gewissermaßen dem Universum, dem Kosmos abgesehen waren, und bei denen man nicht fragte: Haben wir irgendwelche weltlichen Angelegenheiten zu versäumen, wenn wir uns zu diesen Festivitäten des Jahres — die dem Kosmos abgelesen waren — zur Pflege der Wissenschaft, zur Kenntnis vom Geiste, um die Mysterien herum versammeln ?

[ 3 ] Wir können das nicht so tun, denn zum Beispiel im Winter haben wir alle, insofern wir uns in Sommerschulen vereinigen, eben etwas anderes zu tun. Wir können also diese alte Gepflogenheit nicht mehr einhalten. Und so müssen wir uns heute, da Anthroposophie ja wohl erst in der Zukunft die Zivilisation ergreifen soll, dann vereinigen, wenn wir unsere Sommerferien haben, in der Zeit, wo wir gewissermaßen nichts anderes zu tun haben. Wir müssen Sommerreisen machen und Festesreisen, wir müssen unsere Ferien dazu benützen, um Anthroposophie zu pflegen.

[ 4 ] Nun, Mr. Dunlop hat ja schon erwähnt, was einem dabei alles passieren kann; aber selbst wenn es uns passiert wäre, daß wir den einen oder den anderen Koffer etwa verloren hätten auf der Reise — Anthroposophie wäre ja nicht darinnen gewesen, und wir hätten sie trotzdem ganz wohlbehalten hierherbringen können. Denn Anthroposophie soll ja eben gerade hinwegführen über dasjenige, was materiell im Raume und in der Zeit passieren kann. Anthroposophie wird gerade bei der Besprechung des von diesem Komitee gewählten Themas zunächst hinaufführen können in die ältesten Zeiten der Menschheitsentwicklung, in welcher eine lebendige Wissenschaft die Grundlage war für alles dasjenige, was Zivilisation, was Kultur in sich geschlossen hat. Dasjenige, was der Mensch erkennen konnte auf seinem Weisheitswege, waren nicht tote Ideen, das war der lebendige Geist selber, der dann einfließen konnte in das künstlerische Schaffen, der einfließen konnte in das religiöse Erleben, und der durch künstlerisches Schaffen, durch religiöses Erleben den Menschen hinaufführte in diejenigen Gebiete, wo er schauen kann jene Wesenheiten, die sonst — nur unbestimmt, aber doch deutlich — als die ethischen, als die moralischen Ideale sprechen.

[ 5 ] Im Laufe der Menschheitsentwicklung hat sich dasjenige, was einstmals eine überwältigende Einheit bildete — Wissenschaft, Kunst, Religion, moralisch-soziales Leben — getrennt. Der eine Baum der menschlichen Gesamtentwicklung hat vier Äste getrieben: Wissenschaft, Kunst, Religion, Sittlichkeit. Das war notwendig innerhalb der Menschheitsentwicklung, weil nur dadurch jeder einzelne dieser Zivilisationszweige sich zu der ihm nötigen und der Menschheit nötigen Stärke hat entwickeln können.

[ 6 ] Aber wir stehen heute einmal in jenem wichtigen Zeitpunkt der menschlichen Entwicklung, in dem der Mensch jene Einseitigkeiten, die sich herausgebildet haben dadurch, daß dasjenige, was einstmals eine Totalität war und in vielen Zweigen sich entwickelt hat, nicht mehr mit demjenigen vereinigen kann, was sein Gesamtwesen innerlichst aus dem Seelischen, aus dem Geistigen, aus allen unterbewußten und auch unbewußten inneren Mächten heraus zur Erfüllung seines ganzen Menschtums fordern muß. Wir stehen wirklich in einem wichtigen Zeitpunkte der Menschhettsentwickelung. Jene Brüder, die eine Mutter haben — Wissenschaft, Kunst, Religion, Sittlichkeit, soziales Leben — sie verlangen, nachdem sie eine Weile in der Welt allein gewandert sind, wiederum zurückzukommen zu jenem Heim, wo die gemeinsame Mutter geschaut werden kann. Und wir können heute nicht mehr auf denselben Wegen zu dem Geisteslicht der Menschheit kommen, auf denen eine alte Menschheit dazu gekommen ist. Die Menschheit ist in einer lebendigen Entwicklung. | Die heutige Menschheit ist eine andere als diejenige, die in den alten indischen, ägyptischen, chaldäischen, griechischen Mysterien dasjenige angestrebt hat, was einstmals die Mutter alles Wissens und Könnens der Menschheit nach dem Geistigen und dem Materiellen hin war. Wir müssen heute neue Wege gehen, weil wir eine neue Menschheit geworden sind.

[ 7 ] Von diesen neuen Wegen, die der Gegenwart geziemen, die in die Zukunft hineinführen können, von diesen neuen Wegen zum Geiste hin möchte Anthroposophie sprechen, und sie wird vielleicht auch dasjenige, was für die Gegenwart und für die nächste Zukunft gesagt werden soll, am besten sagen können, wenn es gelingt, wenigstens skizzenhaft das Thema zu gestalten, welches das verehrte Komitee für diesen Sommerkurs ausgewählt hat. Und von besonderer Befriedigung wird es sein, daß wir einige Vorstellungen werden veranstalten können aus derjenigen Kunst heraus, die zwar noch in ihrem Anfange ist, die aber dennoch vielleicht gerade deshalb, weil sie in einem vollen Ringen nach ihrem eigenen Wesen ist, am besten zeigt, wie wiederum aus dem Geiste heraus auch ein Künstlerisches heute noch geschaffen werden soll und auch geschaffen werden kann.

[ 8 ] Es wird natürlich nur möglich sein, ein Weniges von dem, was man gern bringen möchte, in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, zu geben. Aber dennoch, wenn man das Herz erfüllt hat von der Empfindung der Notwendigkeit, Anthroposophie heute durch die Welt strömen zu lassen, so ist man auch aus diesem Herzen heraus mit warmer Dankbarkeit erfüllt gegenüber denen, welche die Möglichkeit geben, dasjenige, was Anthroposophie gerne für die Weiterentwicklung der Menschheitszivilisation erstreben möchte, auf irgendeinem Gebiete zum Ausdrucke zu bringen.

[ 9 ] Aus all diesen Gefühlen heraus dürfen Sie mir es glauben, daß ich aus tiefster Seele, aus warmem Herzen heraus Mr. Dunlop, Mrs. Merry, allen Mitgliedern des Komitees, welche dazu beigetragen haben, daß diese Veranstaltung stattfinden kann, danke. Dieses Dankgefühl, das geht ja wahrhaftig auch aus dem Verständnis dessen hervor, was ein solches Komitee alles zu schaffen hat, bevor eine solche Veranstaltung beginnen kann.

[ 10 ] Geradesowenig wie in den nächsten Tagen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, die Mühen sehen werden — was ich nur so nebenbei erwähnen möchte —, die zum Beispiel notwendig sind hinter den Kulissen für eine eurythmische Vorstellung, geradesowenig denkt man ja sehr häufig an alle die breiten, weiten Mühen, welche ein solches Komitee hat. Derjenige freilich, der — ich kann nicht sagen wiederholt, sondern «wiederholt zum Quadrat» in solchen Komitees war —, der sieht, wenn er ankommt zu einer solchen Veranstaltung, in die blassen Gesichter der Komitee-Mitglieder, und er weiß dann genügend zu würdigen, was alles vorangegangen ist und welche Ängste, welche Sorglichkeiten auch noch unmittelbar vor der Veranstaltung und während der ganzen Veranstaltung durch die Seelen solcher Komitee-Mitglieder ziehen. Derjenige, der solche Dinge aus rechter Lebenserfahrung heraus zu beurteilen vermag, der also mit Sachkenntnis den Grad der Blässe der Komitee-Mitglieder zu taxieren versteht, der kann wirklich mit voller Wärme sein Dankesgefühl zum Ausdruck bringen. Das sei auch zum Ausdrucke gebracht, sowohl im Namen von Frau Dr. Steiner, die so freundlich begrüßt worden ist, als auch von meiner Seite selbst.

[ 11 ] Ich hoffe nur, daß wir durch dasjenige, was wir beitragen sollen zu den Veranstaltungen der nächsten Tage, Ihnen diese Tage so befriedigend machen können, als es in unseren Kräften liegt, und daß wir einen Teil wenigstens der Erwartungen erfüllen können, die Sie mitgebracht haben hierher zu dieser Veranstaltung. Denn auch das wissen wir: auch die Erwartungen verliert man nicht mit den Koffern, auch die bringt man in voller Schwere mit. Und es ist dann wiederum außerordentlich schwierig, diese Erwartungen zu erfüllen.

[ 12 ] Aber Anthroposophie als solche ist dann etwas, was eigentlich der gegenwärtigen Menschheit so tief in die Seele sprechen sollte aus den Bedürfnissen der gegenwärtigen Zivilisation heraus, aus den Bedürfnissen, die ein jeder, das volle Menschtum Fühlender, in sich trägt, daß auch dann, wenn mit schwachen Kräften verhältnismäßig Schwaches nur geleistet werden kann, immerhin schon etwas wenigstens in den Absichten liegen kann. Und diese Absichten brauchen wir. Wir sehen ja überall, wie die Menschheit mit demjenigen, was sie sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten an einer so gloriosen äußerlich materiellen Kultur begründet hat, nicht mehr auskommt. Diese ist nun einmal wie ein materieller Körper, der sich in aller materiellen Vollkommenheit über einen großen Teil der Erde ausgebreitet hat, der aber, wie alles, was leben soll, nach Seele und Geist verlangt. Und Anthroposophie wird ja schließlich dem, was in so glorioser Weise in der äußerlich-materiellen Zivilisation in der neueren Zeit als Körper entstanden ist, Seele und Geist verleihen. Wie sie bei allem, was sie tut, von diesem Geiste beseelt ist, so soll auch, wie ich hoffen darf, dieser Geist walten während der Tage dieser Sommerschule. Und ich selber möchte Sie heute aus diesem Geiste heraus auf das allerherzlichste in Frau Dr. Steiners und meinem Namen begrüßen!