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Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes
GA 230

11 November 1923, Dornach

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] Wenn man sieht, wie im menschlichen Organismus das Außerlich-Natürliche umgewandelt wird, zum Beispiel so radikal wie das Mineralische, das bis zum Wärmeätherischen hin kommen muß, dann wird man auch finden, wie dasjenige, was im natürlichen, im organisierten Menschen lebt, sich anschließt an das Geistige. Wenn man, wie man es so häufig im Sinne hat nach den Abbildungen, die etwa in den gebräuchlichen Handbüchern über Anatomie und Physiologie sind, sich vorstellt: der Mensch ist ein festes Gebilde und nimmt dann die äußeren Naturbestandteile auf, hält sie in sich fast unverwandelt, dann wird man natürlich immer unter dem Mangel einer Brücke leiden, die geschlagen werden muß hinüber von dem, was im natürlichen Menschen ist, zu dem, womit der Mensch verbunden ist seinem eigentlich Seelischen nach.

[ 2 ] Zunächst wird man die Verbindung des Knochensystems, des Muskelsystems, die man sich so als feste Körper vorstellt, zum Beispiel mit der moralischen Weltordnung nicht finden können. Man wird sagen: das eine ist eben Natur, das andere ist etwas, was radikal verschieden ist von der Natur. Aber wenn man sich klar darüber ist, daß im Menschen alle Arten von Substantialität vorhanden sind, und daß alles durchgehen muß durch auch flüchtigere Arten von Substantialität, als die Muskeln und die Knochen sind, dann wird man finden, daß allerdings dasjenige, was flüchtiger, ätherischer ist, eine Verbindung eingehen kann mit dem, was die Impulse der moralischen Weltordnung sind.

[ 3 ] An diesen Gedanken muß man anknüpfen, wenn man die Betrachtungen, die wir bereits angestellt haben, zu derjenigen Verbindung hinführen will, die der Mensch nach oben, nach dem Geistigen des Kosmos hat, nach denjenigen Wesenheiten, die wir als die Wesenheiten der höheren Hierarchien bezeichnet haben. Und so wollen wir denn, wie wir bei den verflossenen Vorträgen mehr ausgegangen sind von dem Natürlichen, heute ausgehen, sagen wir von dem, was geistig-moralisch unter den Menschen wirkt.

[ 4 ] Geistig, moralisch: das sind eigentlich für die moderne Zivilisation schon mehr oder weniger Begriffe geworden, die ein Konventionelles darstellen. Immer mehr und mehr ist zurückgegangen das ursprüngliche elementarische Fühlen des Moralisch-Geistigen in der menschlichen Wesenheit. Die moderne Zivilisation weist den Menschen zum Beispiel schon seiner ganzen Erziehung nach immer mehr und mehr darauf hin, zu fragen: Was ist üblich? Was hat sich konventionell festgesetzt? Was ist Gebot? Was ist Gesetz? und so weiter. — Sie geht weniger auf das, was aus dem Menschen eben herauskommt als Impulse, die da wurzeln an derjenigen Stelle, an die man sehr häufig in unbestimmter Art das Gewissen zum Beispiel verlegt. Dieses innerliche Sich-selber-Richtung-und-Ziel-Setzen, das ist etwas, was immer mehr und mehr in der modernen Zivilisation zurückgegangen ist. Daher ist schließlich das Geistig-Moralische etwas geworden, was heute mehr oder weniger im Konventionell-Traditionellen lebt.

[ 5 ] Ältere Weltanschauungen, namentlich diejenigen, welche noch von instinktivem Hellsehen getragen waren, die brachten aus dem Inneren des Menschen die moralischen Impulse hervor, die zeitigten moralische Impulse. Diese moralischen Impulse sind da; aber sie sind heute traditionell geworden. Man muß sich nur klar darüber sein, wie stark das Moralische zum Beispiel traditionell geworden ist. Es soll damit selbstverständlich gar nichts gesagt werden gegen das Traditionelle im Moralischen — aber bedenken Sie nur, wie alt sind denn die Zehn Gebote? Sie werden gelehrt als etwas, das verzeichnet ist aus alten Zeiten her. Können wir sagen, daß heute es etwas Gewöhnliches ist, daß aus der ursprünglichen elementarischen Menschennatur etwas dergleichen hervorquillt, wie es einmal mit dem Dekalog, mit den Zehn Geboten war? Und aus was quillt denn das Moralisch-Geistige, das die Menschen sozial verbindet, das die sozialen Fäden schlägt von Person zu Person, hervor unter den Menschen?

[ 6 ] Es gibt als die eigentlichen Quellen des Moralisch-Geistigen in der Menschheit nur dasjenige, was man Menschenverständnis nennen kann, gegenseitiges Menschenverständnis, und die auf dieses Verständnis der Menschen gebaute Menschenliebe. Wir mögen noch so sehr uns umsehen in der Entstehung der moralisch-geistigen Impulse der Menschen, insofern diese im sozialen Leben eine Rolle spielen, wir werden überall finden, daß da, wo elementar diese moralischen Impulse aus der Menschheit entsprungen sind, sie hervorkamen aus Menschenverständnis und aus Menschenliebe. Diese letzteren sind das eigentlich Treibende des sozial Geistig-Moralischen innerhalb der Menschheit. Und im Grunde genommen lebt der Mensch, insofern er ein geistiges Wesen ist, unter anderen Menschen nur davon, daß er Menschenverständnis und Menschenliebe entwickelt.

[ 7 ] Nun können Sie eine bedeutungsvolle Frage aufwerfen, eine Frage, die zwar nicht immer aufgeworfen wird, die aber gerade dem Gesagten gegenüber eigentlich jedem auf der Zunge liegen müßte: Wenn Menschenliebe und Menschenverständnis die eigentlichen Impulse des menschlichen Zusammenlebens sind, woher kommt es denn, daß das Gegenteil, Menschenunverständnis und Menschenhaß, innerhalb unserer sozialen Ordnung auftreten?

[ 8 ] Das ist eine Frage, welche am meisten von allen Menschen gerade die Initiierten beschäftigt hat. Die Initiationswissenschaft hat zu allen Zeiten, wo sie ursprünglich war, dies gerade als eine ihrer wichtigsten Fragen betrachtet. Aber diese Initiationswissenschaft hatte, als sie ursprünglich war, auch noch gewisse Mittel, hinter die Lösung dieser Frage zu kommen. Wenn man heute die gebräuchliche Wissenschaft anschaut, so kommt man eigentlich dazu, wenn man den Menschen betrachtet — die Gott-geschaffene Seele ist ja eigentlich veranlagt zu Menschenverständnis und Menschenliebe —, zu fragen: Warum wirken denn diese nicht als Selbstverständliches innerhalb der sozialen Ordnung? Woher kommt denn Menschenhaß und Menschenunverständnis? Und wenn wir sie nicht im Geistigen, im Seelischen suchen können, diesen Menschenunverstand und diesen Menschenhaß, müssen wir sie natürlich im Physisch-Leiblichen suchen.

[ 9 ] Ja, aber nun antwortet uns die heutige gebräuchliche Wissenschaft, was das Physisch-Leibliche des Menschen ist: Blut, Nerven, Muskeln, Knochen. Man kann einen Knochen noch so lange anschauen, wenn man nur mit dem Auge der heutigen Naturwissenschaft blickt, man wird nicht sagen können: Dieser Knochen, der ist der Verführer des Menschen zum Haß. — Oder man wird das Blut noch so sehr nach den Prinzipien untersuchen können, nach denen heute untersucht wird, man wird nicht feststellen können auf diese Weise: Dieses Blut ist der Verführer des Menschen zum Menschenunverstand.

[ 10 ] Das war allerdings in den Zeiten, in denen die Initiationswissenschaft ursprünglich war, ganz anders. Da sah man hin auf das Physisch-Leibliche des Menschen, und man hatte da das Gegenbild dessen, was man durch instinktives Hellsehen im Geistigen hatte. Wenn heute der Mensch vom Geistigen spricht, so redet er ja höchstens von abstrakten Gedanken; die sind ihm das Geistige. Und wenn ihm diese Gedanken zu dünn sind, dann bleiben ihm nur die Worte noch übrig, und er schreibt eine «Kritik der Sprache», wie es Fritz Mauthner getan hat. Durch eine solche Kritik der Sprache kommt man in die Möglichkeit, den Geist, der ohnedies schon dünn genug geworden ist, völlig verdunsten zu lassen in den bloß abstrakten Gedanken. Die mit instinktivem Hellsehen durchsetzte Initiationswissenschaft sah das Geistige nicht in abstrakten Gedanken. Sie sah das Geistige in Gestalten, in dem, was bildhaft war, was selber sprechen, tönen konnte. Sie sah das Geistige in Lebendigkeit. Dadurch, daß das Geistige in Lebendigkeit gesehen wurde, konnte auch noch das Physische, der Knochen, das Blut in Geistigkeit gesehen werden. Es gab in dieser Initiationswissenschaft nicht diese Gedanken, diese Vorstellung des Skelettes, die man heute hat. Dieses Skelett ist heute etwas, das betrachtet wird wie von einem rechnenden Architekten aufgebaut für den Anatomen oder für den Physiologen. Aber das ist es ja nicht. Dieses Skelett ist, wie Sie gesehen haben, dadurch gestaltet, daß das Mineralische bis hinauf zum Wärmeäther getrieben wird, daß in den Wärmeäther die Kräfte der geistigen Hierarchien eingreifen, und dann daraus die Knochenformen gebildet werden.

[ 11 ] Wer also das Skelett richtig anschauen kann, dem verrät es den geistigen Ursprung. Und es ist wirklich so, daß derjenige, der das Skelett in der heutigen Form anschaut, ich meine in der Form, wie es die heutige Wissenschaft anschaut, einem Menschen gleicht, der da sagt: Hier habe ich eine bedruckte Seite, da sind Buchstabenformen. — Er beschreibt diese Buchstabenformen, aber er liest nicht, weil er nicht lesen kann. Er bezieht nicht das, was da in den Buchstabenformen sich ausdrückt, auf das ihnen Zugrundeliegende; er beschreibt nur die Buchstabenformen. So beschreibt der heutige Anatom, der heutige Naturforscher die Knochen, als wenn sie auf gar nichts hindeuteten; sie deuten aber auf ihren Ursprung aus dem Geistigen hin.

[ 12 ] So ist es mit allem, was physische Naturgesetze, was ätherische Naturgesetze sind. Alles ist wie das Schriftzeichen von dem, was geistige Welt ist. Und erst dann versteht man diese Dinge, wenn man sie auffassen kann als Schriftzeichen aus den geistigen Welten.

[ 13 ] Dann aber, wenn man so hinschauen kann auf den menschlichen physischen Organismus, dann wird man etwas gewahr, was in jenes Gebiet gehört, von dem die Initiierten allerZeiten — das heißt diejenigen eben, die es wirklich waren — gesagt haben: Übertritt man die Schwelle in die geistige Welt, dann wird man zunächst gewahr etwas, was schreckhaft ist, was gar nicht einmal leicht zunächst zu ertragen ist. Die Menschen wollen ja zumeist von dem, was ihnen erstrebenswert erscheint, wohlgefällig berührt werden. Allein es ist schon so, daß man durch den Schrecken durchgehen muß, wenn man die geistige Wirklichkeit, das heißt, überhaupt die wahre Wirklichkeit kennenlernen will. Denn mit Bezug auf die Menschengestalt, wie sie anatomisch-physiologisch sich uns vor Augen stellt, merkt man: sie ist aufgebaut aus der geistigen Welt heraus aus zwei Elementen, die da sind moralische Kälte und Haß.

[ 14 ] Wir tragen wirklich in der Seele die Anlage zur Menschenliebe und zu jener Wärme, zu jener moralischen Wärme, die den anderen Menschen versteht. Wir tragen aber in unseren festen Bestandteilen des Organismus die moralische Kälte. Das ist jene Kraft, die gewissermaßen aus der geistigen Welt heraus unsere physische Organisation zusammenbackt. Und wir tragen in uns den Impuls des Hasses. Der ist dasjenige, was aus der geistigen Welt heraus die Zirkulation des Blutes bewirkt. Und während wir vielleicht mit einer sehr liebenden Seele, mit einer Seele, die nach Menschenverständnis dürstet, durch die Welt gehen, müssen wir gewahr werden, daß im Unterbewußten unten, da, wo die Seele hineinströmt und hineinimpulsiert in das Körperliche, damit wir überhaupt einen Körper an uns tragen können, die Kälte sitzt. Ich werde immer von Kälte sprechen, ich meine die moralische Kälte, die aber allerdings auf dem Umwege durch den Wärmeäther in die physische Kälte übergehen kann. Da unten in uns sitzt im Unterbewußten die moralische Kälte und der Haß, und der Mensch bringt in seine Seele leicht dasjenige herein, was in seinem Körper sitzt, so daß seine Seele gewissermaßen angesteckt werden kann von Menschenunverständnis; das ist aber das Ergebnis von der moralischen Kälte und vom Menschenhaß. Weil das so ist, muß der Mensch moralische Wärme, das heißt, Menschenverständnis und Liebe eigentlich erst in sich heranerziehen, denn diese müssen besiegen, was aus dem Körperlichen kommt.

[ 15 ] Nun kann eben nicht geleugnet werden — das stellt sich dem geistigen Blicke mit aller Klarheit dar —, daß mit unserer Zeit, mit unserer Zivilisation, die mit dem 15. Jahrhundert begonnen hat, und auf der einen Seite intellektualistisch, auf der anderen Seite materialistisch geworden ist, verbunden ist, daß auf dem Grunde der Seelen vieles an Menschenunverständnis und Menschenhaß vorhanden ist. Mehr als man glaubt, ist das der Fall. Denn gewahr wird man eigentlich erst, wieviel im menschlichen Unbewußten Menschenunverständnis und Menschenhaß vorhanden ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Da zieht er heraus sein Seelisch-Geistiges aus dem Physisch-Leiblichen. Das Physisch-Leibliche legt er ab. Die Impulse der Kälte, die Impulse des Hasses zeigen sich dann als bloße Naturkräfte; sie sind dann bloße Naturkräfte.

[ 16 ] Sehen wir uns den Leichnam an. Sehen wir uns mit dem geistigen ‚Auge selbst den ätherischen Leichnam an. Wir haben da hinzuschauen auf etwas, was ein moralisches Urteil nicht mehr hervorruft, ebensowenig wie die Pflanze, wie der Stein. Was da an Moralischem darinnensteckte, das hat sich in Naturkräfte verwandelt. Aber der Mensch hat viel herausgesogen während seines Lebens; das nimmt er mit durch die Pforte des Todes. Und so ziehen sich das Ich und der astralische Leib zurück, und sie nehmen mit, indem sie es herausziehen, was während des Lebens unbemerkt geblieben ist, weil es immer wiederum ganz in den physischen und ätherischen Leib untertauchte. Sie nehmen mit, dieses Ich und der astralische Leib, in die geistige Welt hinein all die Impulse des Menschenhasses und der Kälte gegenüber den Menschen, die eben in der Seele Platz gegriffen haben. Ich sagte, man merkt erst, wieviel gerade in unserer Zivilisation durch verschiedene Dinge, von denen wir noch sprechen werden, eingepflanzt wird im Menschen an Menschenunverstand und Menschenhaß, wenn man den Menschen durch die Pforte des Todes gehen sieht. Denn der heutige Mensch trägt viel von diesen beiden Impulsen durch die Pforte des Todeshindurch, ungeheuer viel.

[ 17 ] Aber das, was er da mitträgt, ist ja der geistige Rest desjenigen, was im Physischen sein soll, was den physischen und ätherischen Leib ausmachen soll. Der Mensch trägt in dem Menschenunverstande und im Menschenhasse die Reste dessen in die geistige Welt hinein, was eigentlich der physischen Welt angehört; und er trägt es auf eine geistige Weise hinein. Es könnte dem Menschen niemals frommen, das weiter durch den Zeitenlauf zu tragen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, denn er könnte gar nicht weiterkommen, er würde bei jedem weiteren Schritte in seiner Fortentwickelung zwischen dem Tode und einer neuen Geburt straucheln, wenn er diesen Menschenunverstand und diesen Menschenhaß weitertragen müßte. In der übersinnlichen Welt, in die die sogenannten Toten eintreten, sieht man eigentlich heute fortwährend lauter Ströme, die, wenn sie so wirken würden, wie sie unmittelbar sind, die Menschen aufhalten würden in ihrem Fortschritte. Diese Ströme, von was rühren sie denn her?

[ 18 ] Will man wissen, wovon sie herrühren, so braucht man sich nur das heutige Leben anzuschauen. Die Menschen gehen aneinander vorbei, sie sehen wenig hin, welche Eigentümlichkeiten der andere hat. Sind denn die Menschen heute nicht meistens so geartet, daß ein jeder richtig und gut findet, wie er selber ist? Und wenn der andere anders ist, so geht er nicht liebevoll auf diesen anderen ein, sondern er kommt nur zu dem Urteil, der sollte anders sein, wobei zuletzt meistens das dahinter ist, daß er sich sagt: Der sollte so sein wie ich. — Man bringt sich das nicht immer zum Bewußtsein, aber es steckt gerade im gesellschaftlichen Verkehre, im sozialen Verkehre der Menschen darinnen. In demjenigen, was heute zutage gefördert wird, ich möchte sagen in der Form der Menschensprache, lebt ja so wenig von dem, was Verständnis des anderen Menschen ist. Die Menschen brüllen in die Welt hinaus, wie sie sich vorstellen, daß der Mensch sein soll, wobei meistens nichts anderes dahinter ist, als das: wie man selber ist, so sollen alle Menschen sein. Wenn dann irgend jemand kommt, der ganz anders ist, so ist er nun gleich, wenn man sich das auch nicht voll zum Bewußtsein bringt, ein Feind, ein Mensch, gegen den man Antipathie entwickelt. Da fehlt es an Menschenverständnis, an der moralischen Wärme, da fehlt es an Liebe. Und im selben Maße, in dem es an diesem fehlt, geht moralische Kälte, geht Menschenhaß mit dem Menschen durch die Pforte des Todes, hält ihn dort auf.

[ 19 ] Aber da findet der Mensch zunächst, da seine Weiterentwickelung nicht nur sein Eigenziel ist, sondern seine Weiterentwickelung das Ziel der ganzen Weltenordnung ist, der weisheitsvollen Weltenordnung, da findet er dort zunächst die Wesenheiten der dritten Hierarchie, die Angeloi, Archangeloi, Archai. In der ersten Zeit, nachdem der Mensch durchgegangen ist durch die Pforte des Todes in die Welt, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegt, neigen sie sich dem Menschen zu und nehmen ihm gnadenvoll die Kälte, die vom Menschenunverstand kommt, ab. Und wir sehen, wie die Wesenheiten der dritten Hierarchie sich belasten mit dem, was ihnen der Mensch auf die geschilderte Weise hineinträgt in die geistige Welt, indem er durch die Pforte des Todes geht.

[ 20 ] Länger muß er die Reste des Menschenhasses forttragen, denn die können ihm nur abgenommen werden durch die Gnade der zweiten Hierarchie, der Exusiai, der Kyriotetes, der Dynamis. Die nehmen ihm dann ab alles das, was geblieben ist von Menschenhaß.

[ 21 ] Dann aber ist der Mensch mittlerweile ungefähr bis in diejenige Region gekommen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in der ihren Aufenthaltsort haben die Wesenheiten der ersten Hierarchie, die SeraPphim, Cherubim, Throne: das, was ich in meinen Mysterien die Mitternachtsstunde des geistigen Daseins genannt habe. Der Mensch könnte gar nicht durch diese Region der Seraphim, Cherubim und Throne durchgehen, ohne innerlich völlig vernichtet zu werden, das heißt, ausgelöscht zu werden, wenn er nicht vorher gnadevoll abgenommen erhalten hätte durch die Wesen der dritten und der zweiten Hierarchie Menschenunverständnis, das heißt moralische Kälte und Menschenhaß. So sehen wir denn, wie der Mensch, damit er den Anschluß findet an diejenigen Impulse, die zu seiner Weiterentwickelung beitragen können, zunächst beladen muß die Wesenheiten der höheren Hierarchien mit dem, was er aus seiner physischen und ätherischen Natur, wo es hingehört, hinaufträgt in die geistigen Welten.

[ 22 ] Allerdings, wenn man dies alles durchschaut, wenn man da nun sieht, wie diese moralische Kälte in der geistigen Welt waltet, dann weiß man auch zu beurteilen die Verwandtschaft dieser geistigen Kälte mit dem, was physische Kälte hier unten ist. Diese physische Kälte, die in Schnee und Eis ist, ist ja nur das physische Abbild dieser moralisch-geistigen Kälte, die da oben ist. Hat man beide vor sich, so kann man sie vergleichen. Während der Mensch in dieser Weise abgenommen erhält Menschenunverstand und Menschenhaß, kann man ihn mit dem geistigen Auge verfolgen, wie er allmählich seine Gestalt sozusagen zunächst wie verliert, wie diese Gestalt mehr oder weniger abschmilzt, möchte man sagen.

[ 23 ] Für den geistigen Blick der Imagination sieht der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, eigentlich noch ähnlich aus, wie er hier auf Erden war. Denn das, was der Mensch hier auf Erden in sich trägt, das sind die Substanzen, die mehr oder weniger in körniger Form, sagen wir, in atomistischer Form in ihm sitzen; aber die Gestalt des Menschen, die ist ja geistig. Wir müssen uns klar sein darüber: es ist einfach Unsinn, sich die Gestalt des Menschen physisch vorzustellen; wir müssen uns die Gestalt des Menschen geistig vorstellen. Das Physische darinnen, das ist gewissermaßen überall in kleinen Partikelchen drinnen. Die Gestalt, die nur ein Kraftkörper ist, hält dies, was sonst in einen Haufen auseinanderfallen würde, gestaltmäßig zusammen. Wenn man einen jeden von Ihnen beim Schopfe fassen und ihm die Gestalt wegziehen könnte, dann fiele das Physische und auch das Ätherische wie ein Sandhaufen hinunter. Daß das kein Sandhaufen ist, daß das verteilt ist und Gestalt annimmt, das rührt von nichts Physischem her, das rührt von Geistigem her. Der Mensch geht ja als Geistiges hier in der physischen Welt herum. Es ist Unsinn, daß der Mensch bloß ein physisches Wesen ist; seine Gestalt ist rein geistig. Das Physische ist, annähernd ausgedrückt, ein Haufen von Bröselchen.

[ 24 ] Diese Gestalt aber, die hat der Mensch noch, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Man sieht sie schimmernd, schillernd, in Farben glänzend. Nur daß der Mensch zuerst dasjenige verliert, was die Gestalt seines Hauptes ist; dann schmilzt allmählich das andere ab. Und es ist der Mensch vollständig metamorphosiert, wie zu einer Art ‚Abbild des Kosmos geworden in der Zeit, in der er zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in die Region der Seraphim, Cherubim und Throne kommt.

[ 25 ] So sieht man also, wenn man den Menschen verfolgt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ihn zunächst, ich möchte sagen, weiter weben, indem er seine Gestalt nach und nach verliert von oben nach unten. Aber indem sozusagen das Letzte von unten verlorengeht, hat sich schon etwas gebildet, was eine wunderbare Geistgestalt ist, die in sich wie ein Abbild ist der ganzen Weltensphäre und die zu gleicher Zeit das Vorbild ist des künftigen Kopfes, den der Mensch an sich tragen wird. Da ist der Mensch eingewoben in eine Tätigkeit, an der sich nicht nur die Wesen der unteren Hierarchien, sondern die Wesen der höchsten Hierarchien, der Seraphim; Cherubim und Throne beteiligen.

[ 26 ] Was geschieht da? Da geschieht eigentlich das Wunderbarste, was man sich überhaupt vorstellen kann als Mensch. Denn da geht dasjenige, was der Mensch als unterer Mensch hier im Leben gewesen ist, in die Kopfbildung über. Wenn wir hier auf Erden herumgehen, da haben wir nur unseren armen Kopf alsdasOrgan des Vorstellens, alsdasOrgan, dasGedanken trägt. Aber Gedanken sind auch die Begleiter unserer Brust, Gedanken sind die Begleiter namentlich unserer Gliedmaßen. Aber in dem Augenblicke, wo wir nun nicht bloß mit dem Kopf denken, sondern mit den Gliedmaßen zum Beispiel anfangen zu denken, in diesem Augenblicke geht uns die ganze Realität des Karma auf. Wir wissen nichts von unserem Karma, weil wir immer nur mit diesem eigentlich oberflächlichsten Organ, mit dem Gehirn denken. In dem Augenblicke, wo wir mit den Fingern zu denken beginnen — und man kann gerade mit den Fingern, mit den Zehen viel heller denken, wenn man sich dazu aufgeschwungen hat, als mit den Nerven des Kopfes —, in dem Augenblicke, wo wir mit dem, was nicht ganz Materie geworden ist, mit dem unteren Menschen anfangen zu denken, sind unsere Gedanken die Gedanken unseres Karma. Wenn wir mit der Hand nicht bloß greifen, sondern denken, dann verfolgen wir mit der Hand denkend unser Karma. Und insbesondere mit den Füßen, wenn wir nicht bloß gehen, sondern wenn wir mit den Füßen denken, verfolgen wir mit besonderer Klarheit unser Karma. Daß der Mensch auf Erden so borniert ist — verzeihen Sie, es fällt mir halt kein anderes Wort ein —, das rührt davon her, daß er all sein Denken in diese Region des Kopfes einschließt. Aber man kann mit dem ganzen Menschen denken. Und wenn man mit dem ganzen Menschen denkt, so ist hier für die mittlere Partie eine ganze Kosmologie, eine wunderbare Weltenweisheit unser eigen. Und für die unteren Partien und für die Gliedmaßen überhaupt ist das Karma unser eigen.

[ 27 ] Wir tun ja schon viel, wenn wir hier auf Erden einen gehenden Menschen betrachten und nicht ganz stumpf sind, sondern die Schönheit des Schrittes, das Charakteristische des Schrittes verfolgen, und wenn wir zum Beispiel seine Hände auf uns wirken lassen und diese Hände interpretieren und finden, daß die wunderbarsten Zeugnisse für das Menscheninnere in jeder Fingerbewegung liegen. Aber das ist nur der kleinste Teil dessen, was mit dem gehenden, mit dem greifenden, mit dem fingerbewegenden Menschen sich mitbewegt. Da bewegt sich ja sein ganzer moralischer Mensch, da bewegt sich sein Schicksal mit, da bewegt sich alles dasjenige mit, was er geistig ist. Und wenn wir, nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist, verfolgen können, wie die Gestalt da abschmilzt — es schmilzt zuerst das ab, was an die physische Gestalt erinnert —, dann kommt dasjenige zur Erscheinung, was allerdings mehr der physischen Gestaltung ähnlich ist, aber durch seine innere Natur, durch seine innere Wesenheit ankündigt, daß es eigentlich die Gestalt des Moralischen ist. Und so wird der Mensch, indem er sich der Mitternachtsstunde des Daseins nähert, indem er in die Sphäre der Seraphim, Cherubim und Throne kommt. Dann sehen wir, wie da die wunderbare Metamorphose vor sich geht, wie da, ich kann sagen, abschmilzt die Gestalt. Aber das ist nicht das eigentlich Wichtige. Es sieht aus, wie wenn sie abschmelzen würde, aber in Wahrheit arbeiten da die geistigen Wesenheiten der höheren Welten mit dem Menschen zusammen, mit denjenigen Menschen, die selber an sich arbeiten, aber auch mit denen, die karmisch verbunden sind — ein Mensch arbeitet an dem anderen — aus der früheren Gestalt des Menschen, aus der Gestalt des vorhergehenden Erdenlebens dasjenige aus, was dann die Gestalt:.der nächsten Inkarnation, zunächst geistig, wird,

[ 28 ] Diese Geistgestalt, die verbindet sich dann erst mit dem, was im physischen Leben als Embryo dem Menschen gegeben wird. Aber da oben in der geistigen Welt, da wandelt sich Fuß und Bein um zum Kiefer des Kopfes. Da wandelt sich der Arm und die Hand um zu dem Jochknochen des Kopfes. Da wandelt sich der ganze untere Mensch um in das, was jetzt Geistanlage für den späteren Kopf wird. Das ist, sage ich, das Wunderbarste, das man aus der Welt heraus erkennend erleben kann, wie da diese Metamorphose geschieht: wie gewissermaßen zuerst ein Abbild der ganzen Welt geschaffen wird, und wie das hineindifferenziert wird in die Gestalt, an der alles Moralische haftet — nachdem aber alles das abgenommen worden ist, was ich gesagt habe —, wie sich das, was da war, umwandelt in das, was da wird. Und dann sieht man den Menschen als Geistgestalt weiterwandeln, wiederum zurück in die Region der zweiten Hierarchie, in die Region der dritten Hierarchie. Jetzt muß dieser umgewandelten Geistgestalt gewissermaßen das angesetzt werden — denn sie ist im Grunde nur die Anlage für den künftigen Kopf —, was Brustorgane werden, was Gliedmaßenorgane, Stoffwechselorgane werden. Das muß angesetzt werden. Woher kommen die geistigen Impulse zu diesem Ansetzen?

[ 29 ] Ja, die haben die Wesenheiten der zweiten und der dritten Hierarchie gnadevoll aufgesammelt, als der Mensch auf der ersten Hälfte des Weges war. Sie haben sie seinem Moralischen abgenommen; sie bringen sie jetzt wiederum herab und formen daraus die Anlage für den rhythmischen und für den Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen. Dann erhält der Mensch in dieser späteren Zeit des Daseins zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die Ingredienzien, die geistigen Ingredienzien für den physischen Organismus. In das Embryonale fährt hinein diese Geistgestalt und trägt hinein das, was nun physische Kräfte, ätherische Kräfte werden, die aber nur das physische Abbild sind von dem, was wir aus dem früheren Leben mittragen als Menschenunverständnis und Menschenhaß, aus dem unsere Gliedmaßen geistig gebildet worden sind.

[ 30 ] Wenn man solche Anschauungen haben will, muß man sich eigentlich eine ganz andere Art des Empfindens aneignen, als man sie für die physische Welt braucht. Denn man muß hinschauen können auf das, was am Menschen in der angedeuteten Weise aus dem Geiste heraus physisch wird, und man muß ertragen können, daß in den Knochen Kälte, moralische Kälte im physischen Abbild lebt, daß im Blute moralischer Haß im physischen Abbild lebt. Man muß gewissermaßen wiederum lernen, ganz objektiv auf diese Dinge hinzuschauen.

[ 31 ] Allerdings, wenn man in diese Dinge so hineinblickt, dann merkt man im Grunde genommen erst den Unterschied zwischen dem Menscheninneren und dem, was äußere Natur ist.

[ 32 ] Gedenken Sie doch der Tatsache, die ich erwähnte, daß wir in den Blüten des Pflanzenreiches etwas erblicken wie das auseinandergelegte Gewissen des Menschen. Das, was da draußen ist, ist gewissermaßen dasBild unseres Seelischen. Was wir zunächst in unserem Inneren haben, das sind Kräfte, die nur der äußeren Natur nicht verwandt ausschauen. Der Knochen kann nur dadurch Knochen sein, daß er den kohlensauren und den phosphorsauren Kalk, wenn sie mineralisch auftreten, haßt, sich vor ihnen zurückzieht, sich in sich selber zusammenzieht und etwas anderes wird, als was kohlensaurer und phosphorsaurer Kalk draußen in der Natur sind. Man muß sich zu der Anschauung aufschwingen können, daß, damit der Mensch eine physische Gestalt haben kann, in seinem Physischen Haß und Kälte sein müssen.

[ 33 ] Da gewinnen unsere Worte, ich möchte sagen eine innere Bedeutung. Wenn unsere Knochen eine bestimmte Härte haben, ist es gut für sie; sie haben diese Härte als ein physisches Abbild der geistigen Kälte. Wenn unsere Seele eine gewisse Härte hat, ist es für das soziale Leben nicht gut. Das physische Wesen des Menschen muß eben anders sein als sein Seelisches. Darin besteht gerade die Möglichkeit, daß der Mensch Mensch ist, daß sein physisches Wesen anders ist als sein Seelisch-Geistiges. Dieses physische Wesen des Menschen ist auch anders als die umliegende physische Natur. Darauf beruht die Notwendigkeit der Umwandelung, von der ich Ihnen gesprochen habe.

[ 34 ] Aber Sie sehen, diese wichtige Ergänzung zu dem, was ich einstmals in dem Kursus, der über Kosmologie, Philosophie und Religion handelte, gesagt habe, diese notwendige Ergänzung für die Verbindung des Menschen mit den Hierarchien, die mußten wir einmal anbringen. Wir konnten sie aber nur anbringen, wenn wir gerade solche Ausgangspunkte gewonnen hatten, wie diejenigen der letzten Vorträge sind. Geradeso wie man mit dem geistigen Blick durchschaut, was die einzelnen Wesen des mineralischen, tierischen, pflanzlichen Reiches hier auf der Erde sind, so schaut man hinein in die Arbeit der Hierarchien, die von Zeit zu Zeit ebenso verläuft, wie von Zeit zu Zeit hier unten das physische Naturgeschehen und die Menschenarbeit verlaufen.

[ 35 ] Wenn man so das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das heißt, das Leben in der geistigen Welt anschaut, dann kann man in einer ebensolchen Weise in Einzelheiten beschreiben, was der Mensch durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wie man biographisch beschreiben kann, was er hier auf der Erde zwischen Geburt und Tod durchmacht. Und so müßte eigentlich, ich möchte sagen, gehofft werden, daß alles das, was an Menschenunverstand und Menschenhaß durch die Menschen, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen, hinaufgetragen wird in die geistige Welt, daß das auch wiederum dem Menschen mitgegeben wird, das heißt, daß daraus, es veredelnd, Menschengestalten geschaffen werden.

[ 36 ] Nun hat sich aber im Laufe von langen Jahrhunderten für die gegenwärtige Entwickelung der Erdenmenschheit etwas sehr Sonderbares ergeben. Es konnten in der geistigen Welt nicht alle Menschenunverständnis- und Menschenhasseskräfte für neue Menschenbildungen, für neue Menschengestalten aufgebraucht werden. Es blieb ein Rest. Dieser Rest ist im Laufe der letzten Jahrhunderte auf die Erde heruntergeströmt, so daß in der geistigen Erdenatmosphäre, ich möchte sagen im Astrallicht der Erde, sich als Einschlag befindet eine Summe von Impulsen von außer dem Menschen vorhandenen Menschenhaß und Menschenverachtung. Die sind nicht menschliche Gestalten geworden; die strömen im Astrallicht um die Erde herum. Die wirken in die Menschen herein, aber jetzt nicht in dasjenige, was der einzelne Mensch ist; sie wirken in das herein, was die Menschen miteinander auf der Erde formen. Sie wirken in die Zivilisation herein. Und innerhalb der Zivilisation haben sie das angerichtet, was mich in die Notwendigkeit versetzt hat, im Frühling 1914 in Wien davon zu sprechen, daß unsere gegenwärtige Zivilisation durchsetzt ist von einem geistigen Karzinom, von einer geistigen Krebskrankheit, von geistigen Geschwüren.

[ 37 ] Dazumal hat man nicht gern hingehorcht darauf, daß dies ausgesprochen wurde in Wien in dem Zyklus, der gehandelt hat über die Erscheinungen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber seither haben die Menschen schon einiges von dem erfahren, was die Wahrheit des damals getanen Ausspruches war. Dazumal lebten nur die Menschen in Gedankenlosigkeit über dasjenige, was durch die Zivilisation strömt. Sie sahen nicht, daß wirkliche Geschwürbildungen der Zivilisation da waren: sie sind nur von 1914 an aufgebrochen. Sie zeigen sich heute als ganz verdorbene geistige Zivilisationssubstanzen. Man kann allerdings das, was in der Zivilisation lebt, auch als ein einheitliches geistiges Gebilde anschauen. Ja, dann stellt sich gerade für diese moderne Zivilisation heraus, in die eingeströmt sind die Strömungen von Menschenhaß und von Menschenkälte, die nicht verwendet worden sind bei Menschenbildungen: das, was da eingeströmt ist, lebt sich aus als das Parasitäre der modernen Zivilisation.

[ 38 ] Die moderne Zivilisation hat etwas tief Parasitäres; sie ist wie das Stück eines Organismus, das von Parasiten, von Bazillen durchzogen ist. Was an Gedanken die Menschen angehäuft haben, das ist da, ohne in lebendiger Verbindung mit den Menschen zu sein. Denken Sie nur einmal, wie es in den allertäglichsten Erscheinungen zutage tritt. Ein Mensch, der etwas lernen muß, weil der Inhalt des zu Lernenden nun schon einmal da ist, der aber nicht mit, Enthusiasmus lernt, sondern der sich hinsetzen muß und eben lernen muß, um durch ein Examen zu gehen, oder um einen richtigen Beamten vorzustellen oder dergleichen mehr: ja, für den ist keine elementare Verbindung da zwischen dem, was er aufnimmt, und dem, was in seiner Seele eigentlich an Begehrungsvermögen nach Aufnehmen des Geistigen lebt. Es ist gerade so, wie wenn ein Mensch, der nicht eingerichtet ist darauf, Hunger zu haben, fortwährend Nahrungsmittel in sich hineinstopft. Sie machen die Verwandlungen nicht durch, von denen ich gesprochen habe, sie werden Ballast in seinem Wesen, sie werden zuletzt etwas, was gerade die Parasiten herbeiruft.

[ 39 ] Vieles in unserer modernen Zivilisation, das wie abgesondert vom Menschen bleibt, das wie, ich möchte sagen, lauter Mistelpflanzen geistig gedacht — auf dem lebt, was der Mensch aus den ursprünglichen Impulsen seines Herzens, seines Gemütes hervorbringt, vieles von dem lebt so, daß es sich als parasitäres Dasein unserer Zivilisation auslebt. Und wer das mit geistigem Blicke anschaut, wer unsere Zivilisation sozusagen im Astrallichte schaut, für den war eben schon 1914 eine hochgradige Krebs-, eine Karzinombildung vorhanden, für den war die ganze Zivilisation von etwas Parasitärem durchzogen. Aber nun tritt zu dem Parasitären etwas anderes hinzu.

[ 40 ] Ich habe Ihnen sozusagen geistig-physiologisch dargestellt, wie aus der Natur der Gnomen und Undinen, die von unten heraufwirken, im Menschen organisch die Möglichkeit entsteht, parasitäre Impulse zu haben. Dann aber, sagte ich, entsteht das Gegenbild. Dann wird von oben heruntergetragen durch Sylphen und Wärme-Elementarwesen das Giftige. Und so wird in einer Zivilisation, die den parasitären Charakter trägt, wie die unsrige, das, was von oben, das heißt, was als spirituelle Wahrheit hineinströmt, nicht durch sich zum Gift, aber in Gift verwandelt im Menschen, so daß er es, wie ich es beschrieben habe im «Goetheanum», in Angst zurück weist und sich allerlei Gründe erfindet, um es zurückzuweisen. Die zwei Dinge gehören zusammen: parasitäre Kultur unten, nicht aus dem elementarischen Gesetze hervorspringend, daher Parasiten in sich enthaltend, und sich senkendes Gift, sich senkende Spiritualität von oben, die, indem sie in die Zivilisation eindringt, von den Menschen so aufgenommen wird, daß sie zum Gifte wird. Dann haben Sie, wenn Sie dies bedenken, das wichtigste Symptomatische für unsere gegenwärtige Zivilisation. Und es ergibt sich, wenn man die Dinge durchschaut, einfach ganz von selbst das Kulturpädagogische, das dagegen als Heilmittel auftreten muß. Wie sich aus der wirklichen Diagnose, der wirklichen Pathologie ergibt die rationelle Therapie, so ergibt sich aus der Diagnose der Kulturkrankheit die Therapie, indem das eine das andere herbeizieht. (Tafel 20, rechts oben.)

[ 41 ] Es ist ganz klar, daß die Menschheit heute wiederum etwas von einer Zivilisation braucht, die ganz nahe an das Menschengemüt und Menschenherz herankommt, die unmittelbar aus Menschengemüt und Menschenherz hervorkommt. Wenn man das Kind heute, wenn es in die Volksschule hereinkommt, heranbringt an diese ja einer Hochzivilisation angehörigen Buchstabenformen, die es jetzt lernen soll als A, B,C, da hat es ja gar nichts in seinem Herzen, in seinem Gemüt damit zu tun. Es hat gar keine Beziehung dazu. Das, was es da in seinem Kopf, in seinem Gemüt entwickelt, indem es A, B, C lernen muß, das ist Parasit in der menschlichen Natur, geistig-seelisch gedacht.

[ 42 ] So ist ja durch unsere ganze Bildungszeit hindurch vieles, was parasitisch heute aus der Zivilisation an den Menschen herandringt. Daher müssen wir, wenn das Kind in die Schule kommt, solche pädagogische Kunst entwickeln, welche aus dem kindlichen Gemüte heraus schafft. Wir müssen das Kind Farben formen lassen, und dann diese Farbenformen, die aus Freude, aus Enttäuschung, aus allen möglichen Gefühlen entstehen, zu Papier bringen lassen: Freude — Schmerz! Was da das Kind, indem es einfach sein Gemüt entfalten läßt, zu Papier bringt, das steht mit dem Menschen in Verbindung; das gibt kein Parasitäres. Das gibt etwas, was aus dem Menschen herauswächst wie seine Finger, wie seine Nase, während das, was der Mensch annimmt, indem er geführt wird an die Ergebnisse einer Hochzivilisation in den Buchstaben, zu Parasitärem führt.

[ 43 ] Und in dem Augenblicke, wo wir dieses Anknüpfen der pädagogischen Kunst an das haben, was dem Menschengemüte und Menschenherzen ganz nahe liegt, bringen wir auch das Spirituelle an den Menschen heran, ohne daß es in ihm zum Gift wird. Und Sie haben da zuerst die Diagnose, die da findet: unsere Zivilisation ist von Karzinomen durchzogen, und dann die Therapie — nun, die Waldorfschul-Pädagogik!

[ 44 ] Die Waldorfschul-Pädagogik ist nicht anders aufgebaut, meine lieben Freunde. Aus ganz derselben Denkweise heraus, aus der man medizinisch denkt, ist da über die Kultur gedacht. Und so sehen Sie hier im speziellen Falle angewendet, was ich vor ein paar Tagen gesagt habe: daß eigentlich das Menschenwesen von unten, von der Ernährung an durch die Heilung nach oben in die geistige Entwickelung geht, und daß man die Pädagogik als eine ins Geistige übersetzte Medizin anzusehen hat. Das aber tritt uns mit besonderer Schärfe hervor, wenn wir die Kulturtherapie finden wollen. Denn diese Kulturtherapie können wir nur denken als die Waldorfschul-Pädagogik.

[ 45 ] Natürlich können Sie sich denken, wie es einem zumute ist, wenn man diesen Zusammenhang nicht nur durchschaut, sondern in diesem Zusammenhang diese Waldorfschul-Pädagogik praktisch auszubauen versuchte, und jetzt unter dem allgemeinen Ergebnis des Zivilisationskarzinoms in Mitteleuropa Zustände eintreten, die ja, wie Sie selbst heute wohl schon begreifen werden, wahrscheinlich das, was praktische Waldorfschul-Pädagogik ist, recht sehr gefährden, wenn nicht gar unmöglich machen werden.

[ 46 ] Solche Gedanken sollten wir nicht von uns weisen. Wir sollten sie in uns gerade als Impulse sein lassen, überall da, wo wir noch können, mitzuwirken an der Therapie unserer Kultur. Vielfach ist es ja heute aber wirklich so: Wie aus einer gewissen geistigen Erkenntnis heraus von mir während meines Helsingforser Zyklus 1913 die Inferiorität des Woodrow Wilson ausgesprochen wurde, der dann eine Art weltlicher Herrgott geworden ist für viele Zivilisationsmenschen und über den die Menschen erst jetzt, weil sie nicht mehr anders können, sich einige Klarheit machen —, wie es da gegangen ist, so ist es auch mit demjenigen gegangen, was dazumal über das Zivilisationskarzinom gesagt worden ist. Nun, dazumal ist es halt mit diesen Dingen so gegangen; heute geht es mit den Dingen, die für unsere Zeit gelten, ebenso: Es wird geschlafen. Uns geziemt aber denn doch das Erwachen. Und Anthroposophie hat alle Impulse für ein richtiges Kulturerwachen in sich, für ein richtiges Kulturerwachen des Menschen!

[ 47 ] Das ist es, was ich Ihnen nun in dem letzten dieser Vorträge sagen wollte.