Mysteriengestaltungen
GA 232
23 November 1923, Dornach
Erster Vortrag
[ 1 ] Wir wollen nun, meine lieben Freunde, die Zeit, die uns hier für Vorträge innerhalb dieses Goetheanums bleibt vor den Weihnachtswochen, so gestalten, daß nun diejenigen, die hier in Dornach in der Erwartung leben können, daß die Weihnachtswoche kommt, möglichst viel in sich tragen können, was die anthroposophische Bewegung in die Herzen der Menschen hineinbringen kann. So daß auch wirklich gerade diejenigen, die nunmehr hier sitzen werden bis Weihnachten, in ihren Gedanken etwas zu sagen haben werden gerade über dasjenige, was jetzt, ich möchte sagen in letzter Stunde noch geschehen kann. Nicht daß ich etwa über die Internationale Anthroposophische Gesellschaft werde sprechen, das wird in ein paar Stunden in der VersammJung selber erledigt werden können, aber ich werde nun doch versuchen, diese Betrachtungen so anzulegen, daß sie auch für die Stimmung, die dann sein soll, etwas werden abgeben können. Und so werde ich, meine lieben Freunde, dasjenige, was ich schon in den letzten Wochen hier ausgeführt habe, von einem anderen Ausgangspunkte aus zu erreichen suchen, werde heute einmal damit beginnen, vom Seelenleben des Menschen selber aus zu einem Durchschauen der Weltengeheimnisse vor Ihnen zu gelangen.
[ 2 ] Gehen wir zunächst heute von etwas möglichst Einfachem aus. Betrachten wir das Seelenleben des Menschen, wie es sich darstellt, wenn der Mensch etwas weiter die innere Selbstbesinnung treibt, als bis zu dem Punkte, den ich vorzugsweise im Auge hatte, als ich die Artikel im «Goetheanum » über «Das Seelenleben » geschrieben habe. Wollen wir also jetzt in den Betrachtungen etwas weiter nach dem Seelenleben nach innen gehen, als das im «Goetheanum» der Fall war. Dafür ist eben das, was im «Goetheanum » steht in diesen vier Artikeln über das Seelenleben, eine Art Introduktion, eine Vorbereitung zu dem, was wir nun betrachten wollen.
[ 3 ] Wenn wir Selbstbesinnung in einer zunächst großen, umfassenden Weise üben, so kommen wir ja darauf, wie in einer gewissen Weise dieses Seelenleben sich steigern kann. Es beginnt ja damit, daß wir die äußere Welt auf uns wirken lassen — wir tun das von Kindheit auf —, und daß wir dann das haben, was die innere Welt in uns wirkt, die Gedanke ist. Dadurch sind wir ja eigentlich Menschen, daß wir das, was die äußere Welt in uns wirkt, in unseren Gedanken weiterleben lassen, in unseren Gedanken uns innerlich vergegenwärtigen, eine Welt der Vorstellungen schaffend, die in einer gewissen Weise spiegelt dasjenige, was von außen auf uns Eindruck macht. Wir tun vielleicht dem Seelenleben nichts besonders Gutes, wenn wir gerade darüber uns viele Gedanken machen, wie die Außenwelt sich in unserer Seele spiegelt. Da kommen wir ja doch zu nichts anderem, als, ich möchte sagen, zu einem abgeschatteten Bilde der Vorstellungswelt in unserm Innern selber. Wir üben doch bessere Selbstbesinnung, wenn wir mehr, ich möchte sagen, auf das Kraftmoment sehen, so daß wir versuchen, auch einmal uns selbst auszuleben im Gedankenelemente, ohne daß wir auf die Außenwelt schauen; daß wir weiter verfolgen in Gedanken dasjenige, was als Eindrücke der Außenwelt vor uns gewesen ist. Der eine Mensch kommt dabei, je nachdem er veranlagt ist, mehr in abstrakte Gedanken hinein. Er bildet Weltensysteme aus oder auch nicht, er macht sich Schemata über alles mögliche in der Welt und dergleichen. Der andere Mensch folgt dabei, indem er über die Dinge, die auf ihn Eindruck gemacht haben, nachgedacht hat und dann die Gedanken weiter ausspinnt, er folgt mehr vielleicht irgendwelchen Phantasievorstellungen. Wir wollen darauf, wie nach dem Temperament, nach dem Charakter, nach der sonstigen Veranlagung des Menschen dieses Denken im Innern ohne äußere Eindrücke verläuft, nicht weiter eingehen, aber wir wollen uns bewußt machen, daß es doch für uns etwas Besonderes ist, wenn wir uns in bezug auf unsere Sinne zurückziehen von der Außenwelt und in unseren Gedanken, in unseren Vorstellungen einmal leben, sie weiter ausspinnend, vielleicht auch manchmal nur nach der Richtung der Möglichkeiten.
[ 4 ] Manche Menschen halten das ja für unnötig, nach der Richtung der Möglichkeiten zum Beispiel das Dasein im Gedanken weiter auszubilden. Es wird ja auch heute noch in dieser schweren Zeit einem öfter begegnen, daß man die Leute sieht, die sich den ganzen Tag damit beschäftigt haben, in ihrem Geschäft zu sein, da allerlei, was selbstverständlich für die Welt notwendig ist, zu verrichten, daß solche Leute dann sich zusammensetzen in kleinen Gruppen bei Kartenspiel, Dominospiel oder was es halt an ähnlichen Dingen gibt, um, wie man ja sehr häufig sagt, die Zeit zu vertreiben. Es wird aber nicht sehr häufig vorkommen, daß sich Leute in ähnlichen Gruppen zusammensetzen und zum Beispiel ihre Gedanken darüber austauschen, was alles aus denselben Dingen, die bei Tag geschehen sind, in denen man drinnen gesteckt hat, hätte herauskommen können, wenn das oder jenes etwas anders gewesen wäre. Dabei würden sich die Menschen nicht so amüsieren, wie beim Kartenspiel; aber es wäre ein Fortspinnen in Gedanken. Und wenn man sich dabei nur gesunden Sinn genug für die Wirklichkeit bewahrt, dann braucht ein solches Fortspinnen in Gedanken eben durchaus nichts Phantastisches zu werden.
[ 5 ] Dieses Leben in Gedanken, das führt ja zuletzt zu dem, was Ihnen entgegentritt, wenn Sie in der richtigen Weise die «Philosophie der Freiheit» lesen wollen. Wenn Sie in der richtigen Weise die «Philosophie der Freiheit» lesen wollen, so müssen Sie dieses Gefühl eben kennen: in Gedanken zu leben. Die «Philosophie der Freiheit» ist ganz etwas, was aus der Wirklichkeit heraus erlebt ist; aber zu gleicher Zeit ist sie etwas, was ganz und gar eben aus dem wirklichen Denken hervorgegangen ist. Und daher sehen Sie eine Grundempfindung gerade in dieser «Philosophie der Freiheit». Diese «Philosophie der Freiheit», ich habe sie konzipiert in den achtziger Jahren, niedergeschrieben in dem Beginne der neunziger Jahre, und ich darf wohl sagen: bei denjenigen Menschen, die dazumal eigentlich sogar die Aufgabe gehabt hätten, den Grundnerv dieser «Philosophie der Freiheit» irgendwie wenigstens ins Auge zu fassen, fand ich mit dieser «Philosophie der Freiheit» überall Unverständnis. Und das liegt an einem bestimmten Punkte. Das liegt an folgendem: Die Menschen, auch die sogenannten denkenden Menschen der Gegenwart, kommen mit ihrem Denken eigentlich nur dazu, in ihm ein Abbild der sinnlichen Außenwelt zu erleben. Und dann sagen sie: Vielleicht könnte einem in dem Denken auch etwas kommen von einer überphysischen Welt; aber es müßte dann das auch so sein, daß geradeso, wie der Stuhl, wie der Tisch draußen ist, und von dem Denken vorausgesetzt wird, daß es drinnen ist, so müßte nun dieses Denken, das da drinnen ist, auch auf irgendeine Weise erleben können ein außerhalb des Menschen zu erfassendes Übersinnliches, wie der Tisch und der Stuhl außerhalb sind. — So ungefähr dachte sich Eduard von Hartmann die Aufgabe des Denkens.
[ 6 ] Nun trat ihm gegenüber dieses Buch, die «Philosophie der Freiheit». Da ist das Denken so erlebt, daß innerhalb des Denk-Erlebnisses man dazu kommt, gar nicht anders vorstellen zu können, als: Wenn du im Denken richtig drinnen lebst, lebst du, wenn auch zunächst auf eine unbestimmte Weise, im Weltenall. Dieses Verbundensein im innersten Denk-Erlebnis mit den Weltgeheimnissen, das ist jad er Grundnerv der «Philosophie der Freiheit». Und deshalb steht in dieser «Philosophie der Freiheit» der Satz: In dem Denken ergreift man das Weltgeheimnis an einem Zipfel.
[ 7 ] Es ist vielleicht einfach ausgedrückt, aber es ist so gemeint, daß man gar nicht anders kann, wenn man das Denken wirklich erlebt, daß man sich fühlt nicht mehr außer dem Weltgeheimnis, sondern im Weltgeheimnis drinnen, daß man sich fühlt nicht mehr außerhalb des Göttlichen, sondern im Göttlichen. Erfaßt man das Denken in sich, so erfaßt man das Göttliche in sich.
[ 8 ] Diesen Punkt konnte man nicht erfassen. Denn erfaßt man ihn wirklich, hat man sich Mühe gegeben, das Denk-Erlebnis zu haben, dann steht man eben nicht mehr in der Welt drinnen, in der man vorher drinnen gestanden hat, sondern man steht in der ätherischen Welt drinnen. Man steht in einer Welt drinnen, von der man weiß: sie ist nicht von da und dort im physischen Erdenraum bedingt, sondern sie ist bedingt von der ganzen Weltensphäre. Man steht in der ätherischen Weltensphäre drinnen. Man kann nicht mehr zweifeln an der Gesetzmäßigkeit der Weltenäthersphäre, wenn man das Denken so erfaßt hat, wie es in der «Philosophie der Freiheit» erfaßt ist. So daß da erreicht ist dasjenige, was man ätherisches Erleben nennen kann. Daher wird es einem so, wenn man in dieses Erleben hineinkommt, daß man einen eigentümlichen Schritt in seinem ganzen Leben macht.
[ 9 ] Ich möchte diesen Schritt so charakterisieren: Wenn man im gewöhnlichen Bewußtsein denkt, denkt man, wenn man hier in diesem Raume ist, Tische, Stühle, selbstverständlich Menschen und so weiter; man denkt vielleicht auch noch etwas anderes, aber man denkt die Dinge, die außerhalb sind. Also sagen wir — es sind da verschiedene Dinge außerhalb —, man umfaßt gewissermaßen mit seinem Denken von dem Mittelpunkt seines Wesens aus diese Dinge. Dessen ist sich ja jeder Mensch bewußt: er will mit seinem Denken die Dinge der Welt umfassen.
[ 10 ] Kommt man aber dazu, dieses eben charakterisierte Denk-Erlebnis zu haben, dann ergreift man nicht die Welt; man hockt auch, möchte ich sagen, nicht in seinem Ichpunkte bloß drinnen, sondern es passiert etwas ganz anderes. Man bekommt das Gefühl, das ganz richtige Gefühlserlebnis, daß man mit seinem Denken, das eigentlich nicht an irgendeinem Orte ist, nach dem Innern alles erfaßt. Man fühlt: man tastet den inneren Menschen ab. So wie man mit dem gewöhnlichen Denken, ich möchte sagen, geistige Fühlfäden nach außen streckt, so streckt man mit seinem Denken, mit diesem Denken, das in sich selbst sich erlebt, fortwährend sich in sich selber hinein. Man wird Objekt, man wird sich Gegenstand.
[ 11 ] Das ist eben ein sehr wichtiges Erlebnis, das man haben kann, daß man weiß: du hast früher immer die Welt erfaßt; jetzt mußt du, indem du das Denk-Erlebnis hast, dich selbst erfassen. Da ergibt sich im Laufe dieses recht starken Sich-selbst-Erfassens, daß man die Haut sprengt. Und ebenso, wie man sich innerlich erfaßt, so erfaßt man von innen aus eben den ganzen Weltenäther, nicht in seinen Einzelheiten selbstverständlich, aber man kommt zur Gewißheit: dieser Äther ist ausgebreitet über die Weltensphäre, in der man drinnen ist, in der man zugleich drinnen ist mit Sternen, Sonne und Mond und so weiter.
[ 12 ] Nun, ein zweites, was der Mensch dann in seinem inneren Seelenleben entwickeln kann, das ist, wenn er nicht in den Gedanken, die von außen angeregt sind, zunächst so fortspinnt und fortwebt, sondern wenn er sich seinen Erinnerungen überläßt. Wenn der Mensch sich seinen Erinnerungen überläßt und das wirklich innerlich macht, so ergibt das wiederum ein ganz bestimmtes Erlebnis. Das Denk-Erlebnis, das ich eben geschildert habe, das führt einen eigentlich zunächst auf sich selbst; man erfaßt sich selbst. Und man hat eine gewisse Befriedigung in diesem Sich-selbst-Erfassen. Wenn man übergeht zu dem Erleben in der Erinnerung, dann wird es zuletzt, wenn man recht innerlich dabei vorgeht, doch so, daß einem das wichtigste Gefühlserlebnis nicht das ist, an sich heranzukommen. Das ist es einem beim Denken; deshalb findet man im Verlaufe dieses Denkens die Freiheit, die ganz von dem Persönlichen des Menschen abhängt. Und deshalb muß eine Freiheitsphilosophie ausgehen von dem Denk-Erlebnis, denn durch das DenkErlebnis kommt der Mensch an sich selber heran, findet sich als freie Persönlichkeit. So ist es nicht mit dem Erinnerungserlebnis. Mit dem Erinnerungserlebnis ist es so, daß man zuletzt, wenn man es ganz ernst zu nehmen vermag, wenn man sich ganz hineinzuversetzen vermag, dazu kommt, das Gefühl zu haben: sich eigentlich loszuwerden, wegzukommen von sich. Deshalb sind diejenigen Erinnerungen, die einen dieGegenwart vergessen lassen, die allerbefriedigendsten. Ich will nicht sagen, daß sie immer die besten sind, aber sie sind in vielen Fällen die befriedigendsten.
[ 13 ] Man bekommt so recht einen Begriff von dem Werte des Erinnerns, wenn man auch Erinnerungen haben kann, die einen in die Welt tragen, trotzdem man mit der Gegenwart voll und ganz unzufrieden sein könnte, aus der Gegenwart eigentlich heraus will. Wenn man solche Erinnerungen entwickeln kann, daß man sich gesteigert in seinem Lebensgefühl empfindet, indem man sich seinen Erinnerungen hingibt, so gibt das, ich möchte sagen, als Gefühl eine Vorbereitung zu dem, was die Erinnerung werden kann, wenn sie noch viel realer wird.
[ 14 ] Sehen Sie, die Erinnerung kann realer werden dadurch, daß Sie mit möglichster Realität etwas an sich heranbringen, was Sie vor Jahren oder Jahrzehnten tatsächlich erlebt haben. Ich will es nur, wie es ist, ausdrücken. Nehmen Sie einmal an, Sie gehen an Ihre alten Habseligkeiten und versuchen, sagen wir, Briefe, die Sie in irgendeiner Angelegenheit zusammenhängend geschrieben haben, hervorzusuchen. Sie legen diese Briefe vor sich hin und leben sich an Hand dieser Briefe in die Vergangenheit hinein. Oder viel besser noch ist es, Sie nehmen nicht Briefe, die Sie selber geschrieben haben oder die Ihnen andere geschrieben haben, denn da kommt immer noch zu viel Subjektives hinein; noch besser wäre es, wenn Sie imstande wären, zum Beispiel Ihre alten Schulbücher zu nehmen und in diese alten Schulbücher so hineinzugucken, wie Sie dazumal hineingeguckt haben, als Sie eben noch wirklich als Pennäler über diesen Schulbüchern saßen; wenn Sie also tatsächlich in Ihr Leben etwas heraufbringen, was einmal war. Das ist nämlich ganz merkwürdig: wenn Sie so etwas ausführen, so ändern Sie Ihre ganze Seelenstimmung, wie diese Seelenstimmung in der Gegenwart ist. Es ist sehr merkwürdig. Und sehen Sie, Sie müssen nur in dieser Beziehung ein klein wenig erfinderisch sein; es kann alles dazu dienen. Vielleicht findet eine Dame irgendwo in einer Ecke irgendein Kleid, das sie vor zwanzig Jahren getragen hat, oder irgend etwas Ähnliches, und sie zieht sich das an und versetzt sich dadurch ganz in die Lage, in der sie dazumal war; also irgend etwas, was die Vergangenheit in möglichster Realität hereinbringt in die Gegenwart. Dadurch kommen Sie dazu, das gegenwärtige Erleben stark von sich abzusondern.
[ 15 ] Wenn man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein erlebt, so steht man sich ja eigentlich in dem Erleben zu nahe, um es zu etwas zu bringen, möchte ich sagen. Man muß sich ferner stehen können. Nun, der Mensch steht sich ferner, wenn er schläft, als wenn er wacht; denn da ist er mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leib aus dem physischen Leib und aus dem Ätherleib heraußen. Diesem astralischen Leib, der außerhalb des physischen Leibes im Schlafe ist, dem kommen Sie nahe, wenn Sie so real, wie ich es geschildert habe, vergangene Erlebnisse in die Gegenwart heraufrufen. Nun werden Sie das zunächst ja nicht glauben, weil Sie einer so unbedeutenden Sache, wie dem Regemachen von vergangenen Erlebnissen, meinetwillen mit einem alten Kleide, eine solche starke Wirkung nicht zuschreiben. Aber es handelt sich wirklich darum, daß man in diesen Dingen einmal eine Probe macht. Und wenn Sie die Probe machen, und Sie wirklich Alterlebtes in die Gegenwart heraufzaubern, so daß Sie darinnen leben und die Gegenwart ganz vergessen können, so werden Sie sehen, daß Sie Ihrem Astralleibe, Ihrem schlafenden Astralleibe nahe kommen.
[ 16 ] Wenn Sie aber das in der Weise erwarten, daß Sie nun nur so hinzuschauen brauchen, nach rechts oder links, und da eine Nebelgestalt als Ihren astralischen Leib sehen, dann werden Sie sich täuschen; so gehen die Sachen nicht vor sich. Aber Sie müssen achtgeben auf das, was wirklich eintritt. Etwas, was wirklich eintritt in einem solchen Falle, das wird zum Beispiel sein, daß Sie nach und nach durch solche Erlebnisse die Morgenröte ganz anders sehen, als Sie sie vorher gesehen haben, daß Sie einen Sonnenaufgang ganz anders empfinden, als Sie ihn vorher empfunden haben. Sie werden nach und nach auf diesem Wege dazu kommen, die Wärme der Morgenröte als etwas zu empfinden, was ankündigend ist, was gewissermaßen eine prophetische, eine naturhaft prophetische Kraft in sich hat. Sie werden beginnen, die Morgenröte als etwas geistig Kraftvolles zu empfinden, und Sie werden einen innerlichen Sinn mit diesem prophetisch Kraftvollen verbinden können, indem Sie, was Sie zuerst ja für eine Illusion ansehen mögen, die Empfindung bekommen: die Morgenröte hat etwas mit Ihnen selbst Verwandtes. Sie werden sich gerade durch solche Erlebnisse, wie ich sie geschildert habe, in den Stand versetzen können, zu empfinden, wenn Sie die Morgenröte schauen: ja, diese Morgenröte läßt mich ja nicht allein. Sie ist nicht bloß dort, und ich bin nicht bloß da. Ich bin innig verbunden mit dieser Morgenröte. Sie ist eine Gemütseigenschaft von mir; ich bin in diesem Momente selber Morgenröte. — Und wenn Sie sich so mit der Morgenröte verbunden haben, daß Sie gewissermaßen selber das farbige Aufstrahlen und Aufglänzen, das Sichherausentwickeln der Sonne aus dem farbigen Aufstrahlen und Aufglänzen so erleben, daß in Ihrem Herzen eine Sonne aus Morgenröte in lebendiger Empfindung hervorgeht, dann bekommen Sie auch die Vorstellung, daß Sie mit der Sonne über das Himmelsgewölbe ziehen, daß die Sonne Sie nicht allein läßt, daß die Sonne nicht dort ist und Sie da, sondern daß sich Ihr Dasein in einer gewissen Weise bis zum Sonnendasein hin erstreckt; daß Sie mit dem Lichte den Tag hindurch wandeln.
[ 17 ] Wenn Sie aber diese Empfindung entwickeln, die man — wie gesagt, nicht aus dem Denken, da kommt man an den Menschen heran —, die man aber aus der Erinnerung heraus auf die angedeutete Weise entwikkeln kann, wenn Sie diese Erlebnisse aus der Erinnerung heraus, besser gesagt aus der Kraft der Erinnerung heraus entwickeln, dann beginnen die Dinge, die Sie sonst mit Ihren physischen Sinnen wahrgenommen haben, ein anderes Antlitz zu haben: die Dinge beginnen geistig-seelisch durchsichtig zu werden. Es ist so, wenn man nur einmal die Empfindung erlangt hat, mit der Sonne zu gehen, in der Morgenröte die Kraft gewonnen hat, um mit der Sonne zu gehen, daß man dann alle Blumen auf der Wiese anders sieht. Die Blüten bleiben nicht dabei stehen, einem ihre gelben oder roten Farben zu zeigen, die an ihrer Oberfläche sind, sondern die Blüten beginnen zu sprechen, auf geistige Art zu unserem Seelischen zu sprechen. Die Blüte wird durchsichtig. Innerlich regt sich ein Geistiges der Pflanze, und das Blühen wird etwas wie ein Sprechen. Und man verbindet in dieser Weise tatsächlich seine Seele dann auch mit dem äußeren Naturdasein. Man bekommt auf diese Weise den Eindruck, daß hinter diesem Naturdasein etwas ist, daß das Licht, mit dem man sich verbunden hat, von geistigen Wesenheiten getragen ist. Und man erkennt in diesen geistigen Wesenheiten nach und nach die Züge dessen, was geschildert wird von Anthroposophie.
[ 18 ] Nehmen wir jetzt die zwei Etappen von Empfindungen zusammen, die ich eben jetzt geschildert habe. Nehmen wir die erste Empfindung, die man durch das Denken als inneres Erlebnis haben kann, dann wird es durch dieses Erlebnis weit; es hört ganz auf das Gefühl, im engen Raume dazustehen. Das Erleben des Menschen wird weit; man fühlt ganz bestimmt: in unserem Innern ist ein Punkt, der in die ganze Welt hinausgeht, der von derselben Substanz ist, wie die ganze Welt. Man fühlt sich eins mit der ganzen Welt, mit dem Ätherischen der Welt. Aber man fühlt auch, wenn man hier auf der Erde steht, da wird einem der Fuß, das Bein von der Schwerkraft der Erde hinuntergezogen; man fühlt, man ist mit seinem ganzen Menschen an diese Erde gebunden. In dem Momente, wo man dieses Denk-Erlebnis hat, fühlt man nicht mehr das Verbundensein mit der Erde, sondern man fühlt sich. abhängig von den Weiten der Weltensphäre. Alles kommt von den Weiten herein (Zeichnung: Pfeile); nicht von unten herauf, gewissermaßen vom Mittelpunkt der Erde nach aufwärts, alles kommt von den Weiten herein. Und man fühlt schon am Menschen: es muß, gerade wenn man den Menschen verstehen will, auch dieses Gefühl des Von den-Weiten-Hereinkommens da sein. (Siehe Zeichnung)
[ 19 ] Das erstreckt sich eben bis in die Erfassung der Menschengestalt. Wenn ich bildhauerisch oder malerisch die Menschengestalt erfassen will, so kann ich eigentlich nur diesen unteren Teil des Kopfes der Menschengestalt so erfassen, daß ich ihn mir gebildet denke hervorgehend aus dem Räumlich-Inneren, aus dem Körperhaft-Inneren des Menschen. Ich werde nicht den rechten Geist in die Sache hineinbringen, wenn ich nun nicht in der Lage bin, den oberen Teil so zu machen, daß ich ihn mir von außen herangetragen denke. Das alles ist von innen nach außen (siehe Pfeile); das aber (oberer Kopfteil) ist von außen nach innen gebildet.
[ 20 ] Unsere Stirne, unser Oberkopf ist eigentlich immer daraufgesetzt. Wer mit künstlerischem Verständnis die Malereien in der kleinen Kuppel gesehen hat in dem zugrunde gegangenen Goetheanum, der wird immer gesehen haben, wie dies überall durchgeführt war: das untere Antlitz gewissermaßen als etwas vom Menschen Herausgewachsenes, das Obere des Kopfes etwas von dem Kosmos ihm Gegebenes. In Zeiten, in denen man solche Dinge empfunden hat, war das besonders rege. Sie werden niemals eine wirkliche griechische plastische Kopfform verstehen, ohne daß Sie diese Empfindung in sie hineinzulegen verstehen, denn die Griechen haben aus solchen Empfindungen heraus geschaffen.
[ 21 ] Und so fühlt man sich eben wie verbunden mit dem Umkreis im Denk-Erlebnis.
[ 22 ] Und nun könnte man glauben, das setzte sich einfach so fort, man käme eben noch weiter hinaus, wenn man nun weitergeht vom Denken, vom Denk-Erlebnis bis zum Erinnerungserlebnis. Das ist aber nicht so, sondern es ist anders. Wenn Sie dieses Denk-Erlebnis wirklich in sich entwickeln, haben Sie ja durch das Denk-Erlebnis zuletzt den Eindruck der dritten Hierarchie: Angeloi, Archangeloi, Archai. So wie Sie sich in der Schwere, in der Verarbeitung der Nahrungsmittel durch die Verdauung und so weiter das menschliche körperliche Erlebnis hier auf Erden vorstellen können, so können Sie sich die Bedingungen, unter denen die Wesen der dritten Hierarchie leben, vorstellen, wenn Sie durch dieses Denk-Erlebnis, statt daß Sie auf der Erde herumgehen, sich fühlen als getragen von Kräften, die da aus dem Weltenende an Sie herankommen.
[ 23 ] Denkerlebnis: 3. Hierarchie
[ 24 ] Nun, wenn man aber vom Denk-Erlebnis zum Erinnerungserlebnis übergeht, so ist es nicht so, daß man nun etwa, wenn das hier das Weltensphären-Ende wäre (siehe Zeichnung, oberer Kreisbogen), bis zu dem hin erleben kann. Man kann ein solches Weltenende, wenn man in die Wirklichkeit dieses Denk-Erlebnisses eintritt, erreichen; dann kommt man nicht noch weiter hinaus, sondern dann stellt sich die Sache anders dar. Dann ist zum Beispiel hier irgendein Gegenstand: ein Kristall, eine Blume, ein Tier. Geht man vom Denk-Erlebnis zu dem über, was einem das Erinnerungserlebnis alles bringen kann, dann schaut man in dieses Ding hinein.
[ 25 ] Der Blick, der bis zu den Weltenweiten gegangen ist, wenn er sich fortsetzt durch das Erinnerungserlebnis, sieht in die Dinge hinein. Also nicht, daß Sie noch weiter hinausdringen in unbestimmte abstrakte Weiten, sondern der fortgesetzte Blick, der sieht in die Dinge hinein; er sieht das Geistige in allen Dingen. Er sieht zum Beispiel im Lichte die wirkenden geistigen Wesenheiten des Lichtes und so weiter; er sieht in der Finsternis die in der Finsternis wirksamen geistigen Wesenheiten. So daß wir sagen können: das Erinnerungserlebnis, das führt in die zweite Hierarchie hinein.
[ 26 ] Erinnerungserlebnis: 2. Hierarchie
[ 27 ] Und nun gibt es ja allerdings etwas im menschlichen Seelenleben, was über die Erinnerung hinausgeht. Machen wir uns das einmal klar, was über die Erinnerungen hinausgeht. Sehen Sie, die Erinnerung gibt unserer Seele die Färbung. Man kann ganz genau wissen, wenn man an einen Menschen kommt, der alles abfällig beurteilt, der über alles, was man zu ihm spricht, seine saure Atmosphäre gießt, der, wenn man ihm etwas recht Schönes erzählt, daneben etwas recht Häßliches selber erzählt, und so weiter — man kann ganz genau wissen: bei ihm ist das zusammenhängend mit seiner Erinnerung. Die Erinnerung gibt der Seele die Färbung.
[ 28 ] Aber, sehen Sie: es gibt noch etwas anderes als diese seelische Färbung. Wir treten dem einen Menschen entgegen. Er bietet uns immer nur ironisch herabgezogene Mundwinkel dar, besonders wenn wir zu ihm etwas sagen, oder er zieht die Stirne in krause Falten, oder er macht ein tragisches Gesicht. Oder aber er blickt uns freundlich an, so daß wir Erhebung haben in dem, was er nicht bloß uns sagt, sondern uns blickt. Ja, sehen Sie, es ist interessant, einmal mit einem einzigen Blick bei irgendeiner wichtigen Darstellung im Verlaufe eines Vortrages alle Gesichter zu sehen: die Mundwinkel zu sehen bei irgend etwas, die Stirnen sich anzuschauen, die Starrheit manches Gesichtes, die Beweglichkeit manches Gesichtes und so weiter. Da drückt sich nicht bloß dasjenige aus, was Erinnerung in der Seele geblieben ist und der Seele eine bestimmte Farbennuance gegeben hat, sondern da drückt sich aus, was von der Erinnerung aus in Physiognomie, in Gestenusancen, in die ganze Attitude des Menschen übergegangen ist. Nun ja, es ist auch so, wenn bei einem Menschen nichts übergeht, wenn er ein Gesicht zeigt, das gar nichts aufgenommen hat von dem, was an Leiden und Schmerzen und Freuden durch sein Leben gegangen ist: das ist auch charakteristisch. Wenn sein Gesicht aalglatt geblieben ist, ist es ebenso charakteristisch, wie wenn sein Gesicht in den tiefen Furchen die Tragik des Lebens, den Ernst des Lebens, oder auch wohl manche Befriedigungen des Lebens ausdrückt. Da geht das, was sonst seelisch-geistig bleibt als Ergebnis der Erinnerungskraft, in die Gestaltung des Physischen über. Und es geht so stark über, daß der Mensch ja später tatsächlich dadurch nach außen hin seine Geste, seine Physiognomie hat, nach innen hin sein Temperament. Denn wir haben nicht immer im Alter dasselbe Temperament, wie wir es als Kind hatten. Das Temperament des Alters ist vielfach ein Ergebnis dessen, was wir im Leben durchgemacht haben und was innerlich seelisch Erinnerung geworden ist.
[ 29 ] Was da so in den Menschen innerlich hineingeht, das kann nun wiederum, obwohl dies jetzt schwieriger ist, in die Realität herübergetragen werden. Es ist noch verhältnismäßig leicht, irgend etwas vor unseren Seelenblick zu bringen, was wir in der Kindheit oder sonst vor Jahren durchgemacht haben, um gewissermaßen die Erinnerung zu realisieren. Es ist aber schwerer schon, sich in das Temperament seiner Kindheit zum Beispiel hineinzuversetzen oder überhaupt in sein früheres Temperament. Aber die Realisierung gerade einer solchen Übung kann ungeheuer Bedeutsames für den Menschen bringen. Und da ist eigentlich mehr erreicht, wenn wir das innerlich in der Seele vertieft machen können, als wenn wir es äußerlich machen.
[ 30 ] Es wird ja schon etwas im Menschen erreicht, wenn er, sagen wir vierzig-, fünfzigjährig — natürlich in solchen Grenzen, wie es eben bei diesen Dingen notwendig ist — äußerlich seine Kinderspiele treibt; springt, wie er als Kind gesprungen ist und so weiter, wenn er versucht, wiederum solch ein Gesicht zu machen, wie es war, wenn ihm die Tante ein Bonbon gegeben hat, als er achtjährig war und dergleichen. Dieses bis in die Geste, bis in die Attitude hinein Sich-Zurückversetzen, das bringt wiederum etwas in unser Leben hinein, was nun ganz und gar uns zu der Empfindung bringt: die Außenwelt ist die Innenwelt, und die Innenwelt ist die Außenwelt.
[ 31 ] Wir kommen dann zum Beispiel mit unserem ganzen Sein in die Blume hinein und haben dann dasjenige, was ich nun zu dem Denk-Erlebnis und Erinnerungserlebnis hinzu das Gestenerlebnis im besten Sinne des Wortes nennen möchte. Und durch dieses kommen wir zu einer Vorstellung, wie Geistiges unmittelbar überall im Physischen wirkt.
[ 32 ] Sie können nicht innerlich mit vollem Bewußtsein ergreifen, wie Sie meinetwillen vor zwanzig Jahren sich verhalten haben in der Geste bei irgendeinem äußeren Anlasse, ohne daß Sie, wenn Sie die Sache wirklich innerlich tief und ernst und energisch nehmen, auch dazu kommen, nun die Gemeinschaft des Geistigen und Physischen in allen Din‚gen aufzufassen. Dann sind Sie aber bei dem Erleben der ersten Hierarchie angekommen.
[ 33 ] Gestenerlebnis: 1. Hierarchie
[ 34 ] Das Erinnerungserlebnis, es läßt uns selbst Morgenröte werden, wenn wir der Morgenröte gegenüberstehen. Es läßt uns alle Wärme der Morgenröte fühlen, innerlich erleben. Wenn man aber aufsteigt zu dem Gestenerlebnis, dann wird dasjenige, was in der Morgenröte uns entgegenttritt, sich vereinigen mit allem, was überhaupt Farbiges, Tönendes im Objektiven uns erleben läßt.
[ 35 ] Wenn wir die Gegenstände, die beleuchtet sind durch die Sonne, und die um uns herum sind, einfach ansehen, sehen wir sie eben so, wie sie sich darstellen können im Lichte. So sehen wir nicht die Morgenröte, namentlich wenn wir nach und nach vom Erinnerungserlebnis zum Gestenerlebnis übergehen: da löst sich von allem materiellen Sein dasjenige, was das Farbenerlebnis ist. Das Farbenerlebnis wird lebendig, wird seelisch, wird geistig, verläßt den Raum, in dem die äußere physische Morgenröte uns erscheint, und es beginnt die Morgenröte uns zu sprechen von dem Geheimnis des Zusammenhanges der Sonne mit der Erde. Und wir erfahren, wie die Wesen der ersten Hierarchie wirken.
[ 36 ] Wir lernen erkennen, wenn wir noch den Blick hinrichten auf die Morgenröte, wenn sie uns noch fast so erscheint, wie vorher bei dem bloßen Erinnerungserlebnis, wir erfahren, wie die Throne sind. Und dann löst sich die Morgenröte auf. Das Farbige wird Wesen, wird lebendig, wird seelisch, wird geistig, wird Wesen, spricht uns davon, wie das Verhältnis der Sonne zur Erde ist, wie es einstmals in der alten Sonnenzeit gewesen ist, spricht uns so, daß wir erfahren, was Cherubime sind. Und dann, wenn wir enthusiasmiert und ehrfurchtsvoll hingerissen von dieser zweifachen Offenbarung der Morgenröte, von der Thronen-Offenbarung und der Cherubim-Offenbarung, in der Seele weiterleben, dann dringt uns in unser eigenes Inneres herein aus dieser lebendig wesenhaft gewordenen Morgenröte dasjenige, was das Wesen der Seraphime ausmacht.
Denkerlebnis: 3. Hierarchie
Erinnerungserlebnis: 2. Hierarchie
Gestenerlebnis: 1. Hierarchie
[ 37 ] Nun, alles das, was ich Ihnen heute geschildert habe, habe ich Ihnen geschildert, um Ihnen damit anzudeuten, wie durch das einfache Verfolgen des Seelischen, vom Denken bis zur gedankenvollen, seelendurchdrungenen Geste, der Mensch in sich auch Empfindungen — es sind zunächst nur Empfindungen — über die geistigen Untergründe der Welt erwerben kann bis hinauf zu der Sphäre der Seraphime.
[ 38 ] Das wollte ich heute nur als eine Art von Einleitung vorausschicken den Betrachtungen, die uns dann vom Seelenleben in die Weiten des geistigen Kosmos hinausführen sollen.
