Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Mysterienstätten Des Mittelalters
Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip
GA 233a

6 Januar 1924, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Ich sprach Ihnen gestern von der besonderen Form, die die Mitteilung geisteswissenschaftlicher Ergebnisse in dem Mittelalter angenommen hat. Und diese Form, sie war im Grunde genommen ein Letztes, das sich abspielte, bevor für die menschliche Geistesentwickelung ein Tor geschlossen worden ist, das ja durch Jahrhunderte geöffnet war: das Tor eines gewissen, durch natürliche Begabung kommenden Eintrittes in die geistige Welt. Dieses Tor ist ja geschlossen worden zu der Zeit, in der die Menschen gewissermaßen mit ihren unwillkürlichen Fähigkeiten herausgestellt werden sollten aus dem Bereiche des sie beherrschenden göttlich-geistigen Willens und in ihrem Innersten, in dem eigenen Willen finden sollten die Möglichkeit, Freiheit in der Seele zu entwickeln, bewußte Freiheit. Alle Entwickelungsbewegungen geschehen aber langsam und allmählich, nach und nach. Und so ist es denn auch gekommen, daß dasjenige, was zwar nicht mehr in der Form der alten Mysterien, aber in der Form des Hinaufführens in Ätherhöhen, des Hinunterführens in Erdenklüfte unmittelbar im Zusammenhange mit dem menschlichen Erleben der Natur, wenn auch nicht auf der Erdoberfläche selber, erreicht werden konnte, nun in der Folgezeit in einer mehr unbewußten Form an die Menschen herangetreten ist. Denken Sie sich nur einmal, wie es jenen Persönlichkeiten gegangen ist, die nach Erkenntnis gestrebt haben, um das Jahr 1200 und in dem folgenden 13. Jahrhundert, die ja natürlich Nachricht gehabt haben davon, daß Schüler noch solche Lehrer wie den, von dem ich gestern gesprochen habe, vor kurzer Zeit hatten finden können, denken Sie nur, wie es denen ergangen ist, die diese Nachricht gehabt haben und die nunmehr eigentlich darauf angewiesen waren, Erkenntnis nur mehr durch das menschliche Denken zu finden.

[ 2 ] Wir sehen ja dann in der Folgezeit des Mittelalters mehr in größetem Kreise dieses menschliche Denken in einer wirklich imponierenden Weise ausgebildet. Wir sehen dieses menschliche Denken Wege nehmen, die aus innerstem Eifer, aus einer wirklichen Hingabe der ganzen Seele der Menschen gegangen worden sind. Das waren so mehr die Wege der größeren Kreise von erkenntnissuchenden Menschen. Aber das eigentlich Geisteswissenschaftliche setzte sich doch auch fort. Und wir kommen dann, indem wir wenige Jahrhunderte weitergehen, in die Zeit hinein, in der das eigentliche Rosenkreuzertum begründet worden ist. Aber dieses Rosenkreuzertum hängt eben mit einer Umänderung in der ganzen geistigen Welt in bezug auf den Menschen zusammen. Und ich werde Ihnen diese Umänderung wiederum am besten schildern, wenn ich auch hier Ihnen ein Bild gebe.

[ 3 ] Mysterien im alten Sinne des Wortes waren nicht mehr möglich seit jenem Zeitpunkte, von dem ich Ihnen gesprochen habe; aber Menschen, die nach Erkenntnis lechzten im Sinne dieser alten Mysterien und die schwere Seelenkämpfe erlebten, wenn sie hörten von der Führung auf den Berg, von der Führung in Erdenklüfte, diese Menschen, sie entwickelten in ihren Seelen alle möglichen inneren Methoden, Anstrengungen, um die Seele aufzurufen, nun dennoch den Weg zu finden. Und derjenige, der solche Sachen sehen kann, sieht hinein, wie gesagt, nicht in Mysterienstätten, aber in von einer Atmosphäre von Frömmigkeit durchwärmte Versammlungsstätte von Erkenntnis suchenden Menschen. Und eigentlich ist dasjenige, was dann später sowohl die gute Rosenkreuzerei war wie auch die entartete, die scharlatanhafte, ausgegangen von solchen Menschen, die im Zusammensein, in anspruchslosem Zusammensein versuchten, ihre Seelen so zu arten, daß nun wirklich geistige Erkenntnisse noch hätten zustande kommen können. Und bei einer solchen Versammlung, die wirklich in recht anspruchsloser Umgebung, in dem einfachen Wohnraum eines schloßartigen Hauses stattgefunden hat, in einer solchen Versammlung von wenigen Menschen begab es sich einmal, daß diese Menschen durch gemeinsame Exerzitien, die halb denkerisch-meditativ, halb gebetartig waren, in Gemeinsamkeit eine Art mystischer Stimmung entwickelten, jene mystische Stimmung, die dann viel gepflegt worden ist von den sogenannten «Brüdern des gemeinsamen Lebens», gepflegt worden ist später von den Anhängern des Comenius und vielen anderen Bruderschaften, die sich aber ganz besonders intensiv einmal in einem solchen kleineren Kreise ausgeprägt hat. Und während mit einer wirklichen Hingabe des gewöhnlichen Bewußtseins, mit einer Hingabe des ganzen Intellektes in intensiv mystischer Stimmung diese wenigen Menschen beisammen waren, geschah es, daß zu ihnen ein Wesen trat, aber jetzt ein Wesen, das nicht Fleisch und Blut hatte wie jener Lehrer, dem der Schüler begegnete zu der Führung nach dem Berge, nach den Erdenklüften, sondern ein Wesen, das eigentlich nur im ätherischen Leibe in dieser kleinen Gemeinschaft erscheinen konnte. Und dieses Wesen enthüllte sich als dasselbe, das jenen Schüler um das Jahr 1200 geführt hatte. Aber es war im post mortem-Zustande. Es war aus der geistigen Welt zu diesen Menschen herniedergestiegen, die es angezogen hatten durch ihre fromm-mystisch, meditativdenkerische Stimmung.

[ 4 ] Damit ja kein Mißverständnis entsteht, betone ich ausdrücklich: Irgendwelche medialen Kräfte waren dabei nicht im Spiele, denn gerade jene kleine Gemeinschaft, die da versammelt war, hätte aus gewissen Voraussetzungen, die altehrwürdiger Tradition angehörten, jede Verwendung medialer Kräfte, auch jeden Anklang an mediale Kräfte als etwas tief Sündhaftes betrachtet. Gerade in jenen Gesellschaften, von denen ich da spreche, wurde Mediumschaft und alles, was damit verwandt war, nicht nur als etwas Schädliches angesehen, sondern als etwas tief, tief Sündhaftes, aus dem Grunde sündhaft, weil ja gewußt wurde von jenen Menschen, daß Mediumschaft zusammenhängt mit einer besonderen Konstitution auch des physischen Leibes, daß dem Medium der physische Leib seine Kräfte, seine geistigen Kräfte gibt. Der physische Leib wurde aber von jenen Menschen als der Sünde verfallen betrachtet, und man hätte unter allen Umständen Kundgebungen mit Hilfe von medialen Kräften als ahrimanische oder luziferische Kräfte angesehen. Diese Dinge wurden in jener Zeit eben noch genau gewußt, und so war nichts irgendwie Mediumhaftes verwendet worden. Dagegen war es rein die mystisch-meditative Stimmung; und jene Verstärkung der mystisch-meditativen Stimmung, die durch die Gemeinsamkeit der Seelen erzeugt wird, die war es, welche hereinzauberte durch die eigene Willkür jenen entkörperten Menschen, jenes rein geistige, aber menschliche Wesen in diesen Kreis.

[ 5 ] Und dieses Wesen sagte in einer sehr feierlichen Art: Ihr seid ja gerade auf mein Erscheinen nicht vorbereitet, aber ich bin unter euch, entkörpert, ohne physischen Leib, weil die Zeit gekommen ist, in der Eingeweihte der alten Art eine kurze Periode des Erdendaseins im physischen Leibe nicht erscheinen können. Diese Zeit wird wieder kommen, wenn die Michael-Periode anbrechen wird. Ich bin zu euch gekommen, um euch zu offenbaren, daß das Menscheninnere unverwandelt geblieben ist, daß das Menscheninnere, wenn es sich in der richtigen Weise verhält, den Weg zum göttlich-geistigen Dasein finden kann. Aber es wird eine Zeitlang der menschliche Verstand so beschaffen sein, daß er unterdrückt werden muß, damit Geistiges zur Menschenseele wird sprechen können. Darum bleibet in eurer mystisch-frommen Stimmung. Ich konnte euch, indem ihr von mir das gemeinsame Bild, die gemeinsame Imagination empfanget, auf dasjenige, was sich mit euch vollziehen wird, nur hinweisen, aber ihr werdet die Fortsetzung desjenigen, was ihr erlebt habt, weiter erfahren.

[ 6 ] Und siehe da, drei aus dem Kreise, der da versammelt war, waren wirklich dazu ausersehen, nunmehr eine besondere Verbindung mit der geistigen Welt herzustellen, wiederum niemals durch irgendwelche medialen Kräfte, sondern durch Fortführung jener mystisch-meditativ-frommen Stimmung. Und bei diesen dreien, die dann besonders behütet wurden von den andern dieses Kreises, wirklich innig gepflegt wurden, bei diesen dreien stellte sich heraus, daß sie von Zeit zu Zeit eine Art Geistesabwesenheit erlebten. Sie wurden in bezug auf ihre äußerliche Körperlichkeit wunderschön, erlangten etwas wie ein glänzendes Antlitz, sonnenleuchtende Augen, und während dieser Zeit schrieben sie symbolische Offenbarungen, die sie aus der geistigen Welt heraus erhielten, auf. Diese symbolischen Offenbarungen waren die ersten Bilder, in denen den Rosenkreuzern geoffenbart worden ist, was sie wissen sollten über die geistige Welt. In diesen symbolischen Offenbarungen war enthalten eine Art Philosophie, eine Art Theologie, eine Art Medizin.

[ 7 ] Und dieses Merkwürdige stellte sich heraus: Die anderen — es scheint mir, als ob die anderen viere gewesen wären, so daß das Ganze eine Gemeinschaft von sieben gewesen war —, die anderen, sie konnten durch dasjenige, was sie erlebt hatten an den sonnenglänzenden Augen, an dem strahlenden Antlitz ihrer drei Brüder, in der gewöhnlichen Sprache dasjenige wiedergeben, was in den Symbolen lag. Die zum Herausholen dieser Symbole aus der geistigen Welt bestimmten Brüder, sie konnten nur diese Symbole hinschreiben, und sie konnten nur sagen, als sie wiederum in ihren gewöhnlichen Bewußtseinszustand zurückkehrten: Wir sind gewandelt unter Sternen und Sternengeistern und haben da die alten Lehrer des Geheimwissens gefunden. — Sie konnten selbst nicht in gewöhnliche Menschensprache diese symbolischen Bilder umsetzen, die sie aufzeichneten. Die anderen konnten es und taten es. Und vieles von dem, was dann übergegangen ist zum Teil in die philosophischtheologische — aber nicht mehr in die kirchlich-theologische, sondern in die profan-theologische — und in die medizinische Literatur, ist ursprünglich diesem eben gekennzeichneten Quell entsprossen. Und in kleineren Kreisen, die durch die ersten Rosenkreuzer organisiert worden sind, ist dann dasjenige verbreitet worden, was an solchen Symbolen aus der geistigen Welt erhalten worden ist.

[ 8 ] Und immer wieder und wiederum kamen Möglichkeiten, in kleinsten Kreisen solches zu erleben zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. Es ist viel aus der geistigen Welt auf eine solche oder ähnliche Art zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert den Menschen geoffenbart worden. Nicht immer waren diejenigen, die dann das in Bildern Geoffenbarte übersetzen sollten, in der Lage, es wirklich treu wiederzugeben. Daher hat manches, was Sie ja heute noch aus der Philosophie dieser Zeit überliefert finden können, einen in sich nicht ganz klaren Charakter, und man muß dann das, was es eigentlich bedeutet, selbst wiederum aus der Welt des Geistes heraus suchen. Aber immerhin war die Möglichkeit vorhanden bei denjenigen, die um diese Art der Offenbarung von seiten der geistigen Welt wußten, anzuknüpfen an solche Offenbarungen.

[ 9 ] Aber Sie müssen sich ja denken, wie sonderbar allmählich die Stimmung der Menschen werden mußte, die diese höchsten Erkenntnisse — denn als solche wurde dasjenige, was ihnen gegeben wurde, anerkannt —, die solche höchsten Erkenntnisse von einer Seite her bekommen mußten, die ihnen eigentlich allmählich unheimlich wurde, weil sie ja nicht hineinschauten in die Welt, aus der ihnen diese Geheimnisse kamen, weil das gewöhnliche Bewußtsein nicht hineinreichte. Daher war es auch so naheliegend, daß solche Dinge sehr leicht zum Scharlatanhaften, ja zum Schwindelhaften führen konnten. Und in keiner Zeit der menschlichen Entwickelung ist eigentlich Scharlatanhaftes und Höchstes in der Offenbarung so nahe beieinander gewesen wie in dieser Zeit. Und schwierig ist für diese Zeit, das Echte von dem Falschen zu unterscheiden, daher auch von vielen die ganze Rosenkreuzerei als eine Scharlatanerie angesehen wird. Man kann es begreifen, daß es so geschieht, denn die wahren Rosenkreuzer sind unter den Scharlatanen außerordentlich schwer zu finden, und die ganze Sache wird dadurch besonders fragwürdig, daß man eben immer die Voraussetzung machen mußte, die geistige Offenbarung stamme aus Quellen heraus, die zunächst ihrer eigentlichen Beschaffenheit nach eben verborgen blieben.

[ 10 ] Und es war so, daß diejenigen, die allmählich sozusagen gesammelt wurden von den ersten Rosenkreuzern zu einer größeren Brüderschaft, immer eigentlich als Unbekannte in der Weise auftraten, daß sie in der Welt da und dort erschienen, zumeist in der damaligen Zeit im Arztberuf, Kranke heilten, und bei dieser Gelegenheit, indem sie den Arztberuf ausübten, zu gleicher Zeit Erkenntnisse verbreiteten. Es war schon so, daß vieles, vieles an Erkenntnissen damals verbreitet worden ist, von dem man sagen muß: Es hat die Verbreitung einen etwas peinlichen Charakter, weil ja die Menschen, die diese Verbreitung betrieben, gar nicht sagen konnten, wie der Zusammenhang mit der geistigen Welt ist, in dem sie standen.

[ 11 ] Aber es bildete sich ein anderes aus innerhalb dieses Betriebes geistiger Forschung, geistiger Erkenntnis. Es ist ja etwas ungeheuer Schönes, wenn man so sieht: Da sind drei Brüder und vier andere, drei Brüder, die eigentlich in dem, was sie der Welt bieten können, nur ein Zweckvolles erreichen können, wenn die andern viere mit ihnen zusammenarbeiten. Sie sind unbedingt aufeinander angewiesen. Die dreie bekommen ihre Offenbarungen aus der geistigen Welt, die viere können es in die gewöhnliche Menschensprache übersetzen. Das, was die dreie geben, wären ganz unverständliche Bilder, wenn die vier anderen sie nicht übersetzen könnten. Und wiederum, die vier anderen würden gar nichts haben zum Übersetzen, wenn die dreie nicht ihre Offenbarungen in Bildform aus der geistigen Welt empfingen.

[ 12 ] Dadurch bildete sich innerhalb solcher Gemeinschaften dasjenige aus, was gerade in diesen Jahrhunderten in gewissen Kreisen als etwas angesehen wurde, das ein Höchstmenschliches ist: innerliche seelische Bruderschaft, Bruderschaft in der Erkenntnis, Bruderschaft im geistigen Leben. Solche kleinen Kreise lernten gerade durch ihr Streben den realen Wert der Bruderschaft kennen. Und sie empfanden allmählich immer mehr und mehr, daß die Entwickelung der Menschheit zu der Freiheit hin so ist, daß das Band zwischen den Menschen und den Göttern ganz zerreißen würde, wenn es nicht aufrechterhalten würde durch solche Bruderschaft, wo wirklich einer auf den andern angewiesen ist.

[ 13 ] Was man da zu schildern hat, ist etwas seelisch außerordentlich Schönes. Und über manchem, was damals geschrieben worden ist, liegt ein Zauber, der erst verständlich wird, wenn man weiß, daß diese Atmosphäre von Menschenbruderschaft, die in dieser Zeit durch das geistige Leben vieler Kreise Europas ging, in dieses Schrifttum herrlich hineingeleuchtet hat. Aber das Ganze war eben — und immer mehr und mehr zeigte sich das — bei denjenigen, die so nach Erkenntnis strebten, in eine Stimmung getaucht, die die Leute ängstlich machte. Weil man nicht an die Quellen der geistigen Offenbarung herankam, so konnte man zuletzt gar nicht mehr wissen, ob diese Offenbarungen guter Art oder böser Art sind. Und eine gewisse Ängstlichkeit vor gewissen Einflüssen machte sich neben allem Guten in diesen Strömungen in dieser Zeit ganz besonders geltend. Diese Ängstlichkeit ging dann ja auf große Kreise des Volkes über, die Furcht hatten, starke Furcht hatten vor aller Erkenntnis.

[ 14 ] Man kann diese Stimmung besonders gut studieren bei zwei Menschen. Der eine ist der im 15. Jahrhundert lebende, etwa 1430 geborene Raimund von Sabunda. Raimund von Sabunda ist ein merkwürdiger Mensch. Wenn man sich in dasjenige, was er gedacht hat, was er hinterlassen hat, vertieft, so hat man das Gefühl: Es ist fast dieselbe Offenbarung, die jener Berg- und Erdenklüftelehrer seinem Schüler um das Jahr 1200 übermacht hat, in vollem Bewußtsein übermacht hat. — Und doch wiederum, das Ganze ist in unbestimmtere und unpersönlichere Redensarten getaucht — philosophischer, theologischer, medizinischer Art — bei Raimund von Sabunda im 15. Jahrhundert. Das aber rührt davon her, daß Raimund von Sabunda eben auch seine Offenbarungen empfangen hatte auf dem Umweg durch die wahre Rosenkreuzerei, also auf jenem Wege, der dadurch eröffnet war, daß der große Eingeweihte vom 12. Jahrhundert, dessen Wirkungen ich Ihnen geschildert habe, weiter inspirierend wirkte für all das, was ich heute gekennzeichnet habe, aus der geistigen Welt her. Denn im Grunde genommen ging von ihm und denjenigen, die mit ihm in der geistigen Welt waren, all jene Offenbarung aus, die dann durch die Rosenkreuzerei so zog, wie ich es für die Rosenkreuzerei öfters beschrieben habe. Die Stimmung gab er. Aber Ängstlichkeit bemächtigte sich doch nun solcher Geister. Raimund von Sabunda war ein mutiger, ein kühner Geist, einer von jenen Menschen, die Ideen zu würdigen vermögen, die in Ideen zu leben verstehen. Daher merkt man bei ihm zwar etwas von dem Unbestimmten, das davon herrührt, daß ja die Offenbarungen eben aus der geistigen Welt heraus sind, aber man merkt nichts bei ihm von irgendeiner Ängstlichkeit, von einer Erkenntnis-Ängstlichkeit. Um so mehr tritt einem dasjenige, was aus jener Geistesströmung in dieser Art hervorging, besonders charakteristisch entgegen bei einem anderen Geist, bei Pico de Mirandola im 15. Jahrhundert.

[ 15 ] Der frühverstorbene Pico de Mirandola ist ein sehr merkwürdiger Geist. Vertieft man sich in dasjenige, was er erdacht und ersonnen hat, so sieht man in seinem Denken, in seinem Sinnen überall dieselbe Inspiration wirksam, die ich eben charakterisiert habe: die Fortsetzung der Weisheit jenes alten Eingeweihten auf dem Umwege durch die Rosenkreuzerströmung. Aber man sieht wie eine Art Zurückweichen bei Pico de Mirandola, ein Zurückweichen vor dieser Erkenntnis. Er versichert zum Beispiel: Alles, was auf Erden geschieht, daß auf Erden Steine entstehen, daß auf Erden Pflanzen leben, wachsen, Früchte tragen, daß auf Erden Tiere leben, das alles rührt nicht von den Kräften der Erde her. — Wenn jemand glauben würde, da sei die Erde, und die Kräfte der Erde bewirken dasjenige, was auf der Erde ist, so habe er eine falsche Anschauung. Die richtige Anschauung nach Pico de Mirandola ist, daß es die Sterne sind, und dasjenige, was auf der Erde geschieht, alles abhängt von den Sternen. Das Kleinste, was auf Erden geschieht, ist nach Pico de Mirandola abhängig von den Sternen. Man muß zum Himmel hinaufschauen, wenn man begreifen will, was auf der Erde geschieht. Und es ist schon im Sinne von Pico de Mirandola geredet, wenn man sagt: Du gibst mir die Hand, mein Menschenbruder, aber es ist nicht nur dein Gefühl die Ursache davon, daß du die Hand gibst, sondern es ist der Stern, der über dir steht, der dir den Impuls gibt, mir die Hand zu geben. — Zuletzt ist alles bewirkt von demjenigen, was im Himmlischen, im Kosmischen begründet ist, und der Abglanz davon allein geschieht auf Erden.

[ 16 ] Als bestimmte Überzeugung spricht das Pico de Mirandola aus, und zugleich sagt er: Aber die Menschen sind verpflichtet, nicht auf diese Sternenursachen zu sehen, sondern allein die nächste Ursache auf Erden zu berücksichtigen. — Von diesem Gesichtspunkte aus bekämpft Pico de Mirandola — das ist außerordentlich charakteristisch — die ihm überkommene Astrologie. Er weiß, daß die alte, wirkliche, echte Astrologie in den Schicksalen der Menschen sich ausspricht. Das weiß er, das hält er für eine Wahrheit. Allein er sagt, man solle nicht Astrologie treiben, man solle nur die nächsten Ursachen suchen.

[ 17 ] Merken Sie, was da eigentlich vorliegt? Da liegt zum erstenmal in einer ganz eigentümlichen Art die Idee von den Grenzen der Erkenntnis vor, aber, ich möchte sagen, in der Form, in der sie ganz menschlich ist. Wenn Sie später bei Kart, bei Du Bois-Reymond nachschauen, da wird Ihnen gesagt: Der Mensch kann nicht die Grenzen der Erkenntnis überschreiten, es beruhe auf einer inneren Notwendigkeit. — Das ist bei Pico de Mirandola im 15.Jahrhundert nicht der Fall, sondern der sagt: Ja, dasjenige, was hier auf der Erde ist, ist von kosmischen Ursachen bewirkt, aber der Mensch soll verzichten, diese kosmischen Ursachen zu erkennen. Der Mensch soll sich auf die Erde beschränken. — Und so tritt uns im 15. Jahrhundert der freiwillige Verzicht auf die höchste Erkenntnis bei einer so charakteristischen Persönlichkeit wie Pico de Mirandola entgegen. Das ist eine kulturhistorische Geistestatsache von der denkbar weittragendsten Bedeutung. Dazumal vollzog es sich eben, daß Menschen sich gesagt haben: Wir wollen verzichten auf Erkenntnis. — Und in der Tat, dasjenige, was sich in solch einer Persönlichkeit, wie Pico de Mirandola ist, äußerlich abspielt, das hat wieder sein Gegenbild im Spirituellen.

[ 18 ] Wiederum war es in einer jener anspruchslosen Versammlungswohnungen der Rosenkreuzer, wo bei einer Kultushandlung, die eigens zu diesem Zwecke angestellt worden ist, in allerfeierlichster Form im 15. Jahrhunderte, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, das Opfer dargebracht worden ist der Sternenerkenntnis. Und man möchte sagen: Dasjenige, was sich bei jener einmal vollzogenen, in besonderer Feierlichkeit vollzogenen Kultushandlung zugetragen hat, das ist dieses. Menschen standen vor einer Art von Altar und sagten: Wir wollen uns jetzt verantwortlich fühlen nicht allein für uns oder unsere Gemeinschaft oder unser Volk oder die Menschheit der Gegenwart, wir wollen uns verantwortlich fühlen für alle Menschen, die jemals auf Erden gelebt haben. Wir wollen uns als Angehörige der ganzen Menschheit fühlen. Und wir fühlen, daß die Menschheit etwas durchgemacht hat, was ein Verlassen des Ranges der vierten Hierarchie ist, ein zu tiefes Hinuntersteigen in die Materie — so wurde der Sündenfall aufgefaßt. Deshalb, damit die Menschheit wiederum zurückkommen kann zu ihrem Range der vierten Hierarchie und im freien Willen dasjenige finden könne, was früher Götter für sie und mit ihr versucht haben, sei geopfert die höhere Erkenntnis für eine gewisse Zeit. — Und gewisse Wesenheiten der geistigen Welt, die nicht menschlicher Art sind, nicht in menschlicher Inkarnation zur Erde herabkommen, haben das Opfer entgegengenommen, um gewisse Ziele in der geistigen Welt zu erreichen, von denen hier zu sprechen zu weit führen würde, was ein anderes Mal geschehen soll. Den Menschen aber wurde dafür der Impuls zur Freiheit aus der geistigen Welt möglich.

[ 19 ] Ich führe diese Kultusszene aus dem Grunde an, weil ich durch sie Ihnen sagen möchte, daß eigentlich alles, was im äußeren physisch-sinnlichen Leben geschieht, geistige Gegenbilder hat, die wir nur suchen müssen da, wo sie sind. Denn zuweilen bedeutet irgendeine einzelne Kultushandlung, die von, ich will jetzt in diesem Zusammenhange nicht sagen Wissenden, sondern die von solchen Persönlichkeiten vollzogen wird, die mit der geistigen Welt im Zusammenhang stehen, bisweilen bedeutet sie etwas, wovon die Impulse für eine ganze Kultur oder Zivilisationsströmung ausstrahlen. Derjenige, der wissen will das Grundkolorit einer Zeitepoche, der muß den entsprechenden geistigen Ausstrahlungspunkt für die Kräfte suchen, die diese Zeitperiode durchströmten.

[ 20 ] Das Folgende dann, was an Geistigem, an wirklich Geistig-Spirituellem produziert wurde, war ein Nachklang eines solchen Schaffens aus unbekannten geistigen Welten heraus. Und man hat bis ins 19. Jahrhundert herein neben dem, was sich an äußerem Materialismus entwickelte, immer einzelne Geister kennenlernen können, die unter der Nachwirkung jenes Verzichtes auf die höhere Erkenntnis gelebt haben.

[ 21 ] Einen Menschentypus, der vom 15. Jahrhundert durch das 16., 17., 18. lebte, den möchte ich Ihnen wenigstens mit ein paar Strichen charakterisieren. Einen Menschentypus, den man irgendwo auf dem Dorfe draußen fand als Sammler von Kräutern für Apotheken, als irgendwie anders in einem anspruchslosen Berufe drinnen. Irgend solch eine Persönlichkeit müssen wir uns vorstellen. Man trifft sie, wenn man selber Interesse hat an besonderen Gestaltungen des Menschenwesens in dieser oder jener Individualität, man trifft sie, diese Persönlichkeit. Zunächst ist sie außerordentlich zugeknöpft, redet wenig oder lenkt die Aufmerksamkeit von dem, was man in ihr suchen möchte, dadurch ab, daß sie unbedeutende, absichtlich ganz triviale Redensarten führt, durch die sie den Glauben erwecken will, es sei nicht der Mühe wert, sich mit ihr zu unterhalten. Wenn man aber versteht, nicht immer auf den Inhalt der Worte zu sehen, die ein Mensch sagt, sondern auf den Klang seiner Worte, auf die Art und Weise, wie sie von ihm kommen, dann hörte man einem solchen Menschen dennoch weiter zu. Und wenn er dann aus irgendeinem karmischen Zusammenhang heraus den Eindruck bekam, er solle reden, dann fing er an, vorsichtig zu sprechen, und man entdeckte, daß man eine Art von Weisen in ihm hatte. Aber dasjenige, was er sagte, war nun nicht Sternenweisheit. Das, was er sagte, war auch nicht irdische Weisheit. Es war überhaupt nicht viel von dem in ihm enthalten, was man jetzt Geisteswissenschaft nennt, aber es waren warme Herzensworte, Moralanweisungen weittragender Art, die aber unsentimental vorgebracht wurden, sprichwörtliche Redensarten.

[ 22 ] Man konnte hören so etwas wie: Gehen wir zu jenem Baume. Meine Seele kann in die Nadeln hineinkriechen, in die Tannenzapfen hineinkriechen, denn meine Seele ist überall. Wenn sie in die Tannenzapfen und in die Nadeln hineinkriecht, dann schaut sie durch die Tannenzapfen und Nadeln hinaus in die Weltentiefen und Weltenfernen, und dann wird man eins mit der ganzen Welt. Und das ist wahre Frömmigkeit, wenn man so eins wird mit der ganzen Welt. Wo ist Gott? In jedem Tannenzapfen ist Gott. Und wer nicht Gott in jedem Tannenzapfen anerkennt, wer Gott irgendwo anders sucht als in jedem Tannenzapfen, der erkennt den wirklichen Gott nicht. — Ich will nur charakterisieren, wie etwa solche Menschen sprachen, die man auf diese Weise fand, wie ich es geschildert habe. So sprachen solche Menschen. Sie sagten etwa auch: Ja, und dann, wenn man in die Tannenzapfen und in die Nadeln hineinkriecht, dann findet man, wie der Gott sich freut über die Menschen in der Welt. Wenn man aber in das eigene Herz ganz tief hinuntersteigt, in die Abgründe der Innerlichkeit der Menschennatur tief hinuntersteigt, dann findet man auch den Gott, aber dann lernt man ihn erkennen, wie er traurig wird über die Sünden der Menschen. In solcher Art sprachen diese anspruchslosen Weisen. Eine große Zahl dieser anspruchslosen Weisen hatte gewisse — ich möchte in der heutigen Sprache sagen — Ausgaben der alten Rosenkreuzerfiguren. Sie zeigten sie ebensolchen Menschen, die ihnen so entgegentraten, daß sie sich aussprachen. Aber gerade, wenn über diese Figuren, die in anspruchslosen, recht schlechten Drucken unter diesen Leuten lebten, gesprochen wurde, da entwickelten sich die Gespräche auf eine merkwürdige Art. Manche Menschen waren dann, trotzdem sie Interesse faßten an dem anspruchslosen Weisen, von einer gewissen Neugierde befallen, was diese merkwürdigen Rosenkreuzerbilder eigentlich bedeuteten, fragten, und man bekam dann von diesen als Sonderlinge angesehenen einzelnen Weisen keine rechte, genaue Antwort, sondern nur den Hinweis: Wenn man sich so recht vertieft, dann kann man wie durch ein Fenster durch diese Figuren in die geistige Welt hineinschauen. — Sie beschrieben mehr, was sie an ihnen gefühlsmäßig erleben konnten, als daß sie irgendwelche Deutungen oder Interpretationen der Figuren gaben. Und manchmal konnte man, wenn man solche Aussprüche des Fühlens der Personen bei diesen Figuren schildern gehört hatte, nicht recht zurechtkommen mit Gedanken, denn es waren keine Gedanken, die sie gaben. Aber es hatte eine ungeheuer bedeutende Nachwirkung. Man ging nicht nur mit einer warmen Seele davon, sondern man ging davon mit der Empfindung: Du hast eine Erkenntnis bekommen, die in dir lebt, die du gar nicht in Begriffe bringen kannst.

[ 23 ] Und das war einer der Wege neben den andern, die ich Ihnen geschildert habe, wie auf gefühlsmäßige Weise in diesem Zeitalter vom 14., 15. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Menschlichkeit, Göttlichkeit in weiten Kreisen verkündet und verbreitet worden ist. Man kann nicht ganz sagen, wortlos, man kann aber sagen, ideenlos, jedoch deshalb nicht inhaltlos. Es ist in diesem Zeitalter viel durch Gedankenstummheit zwischen den Menschen verhandelt worden. Und niemand bekommt eigentlich einen rechten Begriff von dem Charakter dieses Zeitalters, der nicht weiß, wieviel in diesem Zeitalter durch Gedankenstummheit, indem die Menschen ihre Seelen gewechselt haben, nicht bloß ihre Worte, bewirkt worden ist.

[ 24 ] Damit wollte ich Ihnen noch einen der Züge jenes Übergangszeitalters, in dem die Freiheit unter den Menschen gediehen ist, schildern. Ich werde ja in der nächsten Zeit auf die verschiedenste Art mehreres aus diesem Gebiete heraus zu schildern haben. Hier wollte ich nur eben anknüpfen noch, ergänzend einiges auch, anknüpfen an dasjenige, was während der Tagung geschehen ist, und ergänzend einiges Weitere sagen.