Mysterienstätten Des Mittelalters
Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip
GA 233a
12 Januar 1924, Dornach
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Wir haben ja gesehen, wie allmählich in eine Abenddämmerung hinein das alte, von der Menschheit durch instinktives Hellsehen erlangte Wissen sich entwickelt hat. Es ist außerordentlich schwierig in der neueren Zeit, namentlich nach dem 18. Jahrhundert, noch Spuren jenes alten Wissens irgendwie zu finden, denn es war ja wirklich so, wie ich Ihnen gesagt habe: Dasjenige, was sich erhalten hat oder eigentlich was neu heraufgekommen ist, das ist äußere Naturbeobachtung und Logik, abstrakte Gedankenfolge. — Weder mit äußerer Naturbeobachtung, Sinnesbeobachtung, noch mit der bloßen abstrakten logischen Gedankenfolge kann man die Brücke hinüberschlagen vom Menschen zu der wahren Wirklichkeit. Aber in einem gewissen Sinne traditionell hat sich doch bis in die neuesten Zeiten herein, man kann sagen, bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts manches von dem alten Wissen erhalten. Und damit wir jetzt in den Betrachtungen, die wichtig sein werden und die uns bevorstehen, in der richtigen Weise uns mit unserer Seele werden verhalten können, möchte ich doch heute noch einiges sprechen von gewissen Vorstellungen, die sogar noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie Überreste von altem Wissen vorhanden waren.
[ 2 ] Ich erzähle Ihnen diese Dinge heute aus dem Grunde, damit Sie sehen, wie in einer noch gar nicht so weit zurückliegenden Zeit die Denkungsart der Menschen doch ganz anders war, als sie heute ist. Aber wie gesagt, es ist eigentlich schwierig, auf diese Dinge zu kommen, denn es ist schon so, wie ich Ihnen gesagt habe: Einzelne einsam lebende Menschen, höchstens mit einem kleinen Schülerkreise, haben sich da oder dort erhalten und haben wirklich ganz im Geheimen manches von dem alten Wissen fortgesetzt, ohne daß sie selbst die ganz tiefen Gründe davon verstanden haben. Man muß ja auch für ältere Zeiten so etwas voraussetzen, denn es ist ganz gewiß, daß sowohl diejenige Persönlichkeit, die Ihnen bekannt ist unter dem Namen des Faust, wie auch die andere, die Ihnen bekannt ist unter dem Namen des Paracelsus, daß diese beiden Persönlichkeiten auf ihren Wanderungen an solche einsamen, man möchte sagen, seelische Höhlenbewohner gestoßen sind und von ihnen manches erfahren haben, was sie dann durch eine innere Fähigkeit, die auch gerade bei diesen Persönlichkeiten mehr instinktiv war, weiter ausgebildet haben.
[ 3 ] Dasjenige aber, was ich Ihnen jetzt erzählen will, das war noch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vorhanden, wiederum in einer solch einsamen — man könnte es Schule nennen, wenn man es wollte —, in einer solch einsamen Schule Mitteleuropas. Da gab es in einem ganz kleinen Kreise eine sehr eindringliche Lehre von dem Menschen. Es ist seit langem auf einem geistigen Wege mir bewußt geworden, daß es in einem gewissen Orte Mitteleuropas eine solche kleine wissende Gemeinschaft gegeben hat. Wie gesagt, auf geistigem Wege ist es mir bekannt geworden. Ich konnte ja dazumal nicht in der physischen Welt Beobachtungen anstellen, da ich ja damals nicht in der physischen Welt war, aber auf geistigem Wege ist mir dies bewußt geworden, daß es eine solche kleine Gemeinschaft gegeben hat. Ich würde aber nicht sprechen über dasjenige, was innerhalb dieser kleinen Gemeinschaft gelehrt worden ist, wenn sich mir nun nicht nachträglich durch die eigene Forschung der Geisteswissenschaft gerade Wesentlichstes von dem, was da geborgen war, wiederum enthüllt hätte, wenn ich nicht sozusagen selber die Dinge wieder gefunden hätte. Denn gerade durch solches Wiederfinden bekommt man ja erst die richtige Stellung zu demjenigen, was sich aus alten Zeiten wirklich wie eine überwältigend große Weisheit erhalten hat. Und von der kleinen Gemeinschaft, von der ich sprechen möchte, zieht sich eigentlich dann nach vorne in der Geschichte durch das ganze Mittelalter hindurch bis in das Altertum hinein, bis in die Zeiten, die ich Ihnen geschildert habe während der Weihnachtstage, bis in die Zeiten des Aristoteles hinein eine Tradition, eine Tradition, die aber allerdings nicht direkt über Griechenland gekommen ist, sondern über Asien herein durch dasjenige, was von Makedonien aus durch Alexander nach Asien gebracht worden ist.
[ 4 ] Da findet man gerade innerhalb dieser kleinen Gemeinschaft, wie eine eindringliche Lehre vom Menschen in bezug auf zwei menschliche Fähigkeiten mit einer großen Genauigkeit noch vorhanden ist. So kann man vernehmen, wie da ein wirklich meisterhaft durchgebildeter, man kann schon sagen, Geheimwissenschafter seine Schüler darin unterrichtet, daß man mit den alten Symbolen, mit jenen Symbolen, die aus uralten Mysterien erhalten sind, die da bestehen aus gewissen geometrischen Formen, sagen wir zum Beispiel solch einer Form (siehe Zeichnung Seite 71, links) — an den Enden finden sich dann gewöhnlich irgendwelche hebräischen Worte —, daß man mit diesen Symbolen so unmittelbar nichts anfangen könne. Und die Schüler dieses Meisters wußten durch ihre Unterweisung, wie eigentlich dasjenige, was zum Beispiel Eliphas Levi gibt, bloß eine Art Herumreden ist um die Sache. Denn das konnten diese Schüler noch lernen, daß man auf die eigentliche Bedeutung solcher Symbole nur dann kommt, wenn man sie im Wesen der eigenen menschlichen Organisation wiederfindet.
[ 5 ] Und so war es namentlich ein Symbolum, welches in dieser Gemeinschaft eine große Rolle spielte. Sie bekommen dieses Symbolum, wenn Sie diesen Salomonischen Schlüssel — so wird er gewöhnlich vorgeführt — auseinanderziehen, wenn Sie ihn so gestalten, verschieben, daß das hinunterkommt und das hinaufgeschoben wird (Zeichnung, Seite 71 rechts). Gerade dieses Symbolum, das spielte innerhalb jener kleinen Gemeinschaft, wie gesagt, auch noch im 19. Jahrhundert eine bedeutsame Rolle. Und jener Meister ließ dann die Angehörigen seines kleinen Schülerkreises eine bestimmte Attitüde ihres Leibes annehmen. Er ließ sie die Attitüde des Leibes annehmen, durch die gewissermaßen der Leib selber hinschrieb dieses Symbolum. Er ließ sie sich so stellen, daß sie die Beine etwas auseinanderspreizten und die Arme nach oben in dieser Weise einstellten. Dadurch kamen, wenn man die Arme nach unten verlängerte und die Beine nach oben verlängerte, eben diese vier Linien (starker Strich) am menschlichen Organismus selber zum Vorschein. Diese Linie verbindet dann die Füße, diese verbindet die Hände oben. Die anderen beiden kamen zum Bewußtsein als wirklich vorLicht strömt handene Kraftlinien, indem dem Schüler klar wurde: Es gehen Strömungen wie elektromagnetische Strömungen dann von der linken Fingerspitze zur rechten Fingerspitze und wiederum von dem linken Fuß zu dem rechten Fuß. So daß tatsächlich der menschliche Organismus selber diese ineinander verschlungenen Triangeln in den Raum hineinschrieb. Und dann handelte es sich darum, daß der Schüler empfinden lernte, was da liegt in den Worten: Licht strömt aufwärts, Schwere lastet abwärts. Dann mußten die Schüler dieses in tiefer Meditation erleben, in der Attitüde, die ich eben beschrieben habe. Dadurch kamen sie allmählich dahin, daß ihnen der Lehrer sagen konnte: Jetzt werdet ihr etwas erleben, was tatsächlich in alten Mysterien immer wieder und wiederum geübt worden ist. — Und sie erlebten wirklich dies, daß sie in ihren Arm- und Beinknochen das Mark erlebten, das Knochenmark erlebten, das Innere des Knochens erlebten.
[ 6 ] Sehen Sie, diese Dinge können nachempfunden werden dadurch, daß ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen etwas, das ich Ihnen gestern gesagt habe, und dem, was ich Ihnen jetzt sage. Ich sagte Ihnen in einem gewissen Zusammenhange, daß der Mensch, wenn er wirklich nur so sich verhält, wie das im Laufe der Zeit üblich geworden ist, wenn er sich bloß abstrakt denkend verhält, daß das dann äußerlich bleibt, daß er gewissermaßen sich veräußerlicht. Gerade das Gegenteil tritt ein, wenn auf diese Art ein Bewußtsein von dem Knocheninnern auftritt.
[ 7 ] Nun gibt es aber noch etwas anderes, wodurch Sie zum Verständnis dieser Sache geführt werden können. Sehen Sie, so paradox es Ihnen klingen wird, so muß ich doch sagen, daß ein solches Buch wie meine «Philosophie der Freiheit» nicht durch die bloße Logik begriffen werden kann, sondern durch den ganzen Menschen verstanden werden muß. Und in der Tat, was in meiner «Philosophie der Freiheit» über das Denken gesagt wird, wird man nicht verstehen, wenn man nicht weiß, daß der Mensch eigentlich das Denken erlebt durch die innerliche Erkenntnis, durch das innerliche Erfühlen seines Knochenbaues. Man denkt eben nicht mit dem Gehirn, man denkt in Wirklichkeit mit seinem Knochenbau, wenn man in scharfen Denklinien denkt. Wenn das Denken konkret wird, wie es in der «Philosophie der Freiheit» der Fall ist, dann geht es eben in den ganzen Menschen über.
[ 8 ] Aber die Schüler dieses Meisters gingen eben noch über das hinaus, und sie lernten erfühlen das Innere der Knochen. Und damit hatten sie ein letztes Beispiel erlebt von demjenigen, was in alten Mysterienschulen vielfach üblich war: Symbole dadurch zu erleben, daß der eigene Organismus zu diesen Symbolen gemacht wurde, denn nur so kann man Symbole wirklich erleben. Das Deuten der Symbole ist eigentlich etwas Unsinniges. Alles Spintisieren über Symbole ist etwas Unsinniges. Das richtige Verhalten zu Symbolen ist das, daß man sie macht und erlebt, so wie man schließlich auch Fabeln, Legenden, Märchen nicht bloß im Abstrakten aufnehmen soll, sondern sich damit identifizieren soll. Es gibt immer etwas im Menschen, wodurch man in alle Gestalten des Märchens hineingehen kann, eins werden kann mit dem Märchen. Und so ist es mit diesen wirklichen, aus geistiger Erkenntnis stammenden Symbolen der alten Zeit. Und ich haben Ihnen solche Worte hier in deutscher Sprache hergeschrieben (siehe Seite 71).
[ 9 ] Es ist natürlich für die neuere Zeit mehr oder weniger nur ein Unfug, wenn die nicht mehr voll verstandenen hebräischen Worte dafür hingeschrieben werden, denn dadurch wird der Mensch eigentlich innerlich nicht belebt, er erlebt nicht die Symbole, sondern er wird verrenkt. Es ist etwas, wie wenn ihm seine Knochen gebrochen würden. Und das geschieht einem eigentlich auch, geistig natürlich, wenn man mit Ernst solche Schriften wie die des Eliphas Levi liest.
[ 10 ] Nun lernten also diese Schüler das Innere des Knochens erleben. Aber wenn man das Innere des Knochens anfängt zu erleben, dann ist man nicht mehr im Menschen. Geradesowenig wie, wenn Sie Ihren Zeigefinger vierzig Zentimeter vor Ihre Nase halten und da einen Gegenstand haben, so wenig wie dieser Gegenstand in Ihnen ist, so wenig ist in Ihnen dasjenige, was Sie dann innerhalb Ihrer Knochen erleben. Sie gehen nach innen, aber aus sich heraus. Sie gehen wirklich aus sich heraus. Und dieses Aus-sich-Herausgehen, Zu-den-Göttern-Gehen, In-die-geistige-Welt-Hineingehen, das ist dasjenige, was nun die Schüler dieser einsamen kleinen Schule damit begreifen lernten. Denn sie lernten damit die Linien kennen, welche von der Götterseite her in die Welt hineingezeichnet waren, um die Welt zu konstituieren. Sie fanden nach der einen Seite, durch den Menschen hindurch, den Weg zu den Göttern.
[ 11 ] Und dann faßte der Lehrer dasjenige, was da die Schüler erlebten, in einen paradoxen Satz zusammen, in einen Satz, der natürlich heute vielen Menschen lächerlich erscheinen wird, aber der, Sie werden es aus dem Angedeuteten erkennen, eine tiefe Wahrheit enthält:
Schau den Knochenmann
Und du schaust den Tod
Schau in’s Innere der Knochen
Und du schaust den Erwecker
[ 12 ] — den Erwecker des Menschen im Geiste, das Wesen, das den Menschen in Zusammenhang bringt mit der Götterwelt.
[ 13 ] Nun konnte ja in jener Zeit auf diesem Wege nicht gerade außerordentlich viel erreicht werden, aber einiges doch. Und einige von den Lehren über die Evolution der Erde durch verschiedene Metamorphosen hindurch gingen da doch den Schülern auf. Sie lernten gerade dadurch, daß sie sich in dieses Geist-Sein des Menschen versetzen konnten, weit zurückschauen in atlantische Zeiten und noch weiter zurück. Und in der Tat, mancherlei, was dazumal nicht eigentlich geschrieben oder gedruckt wurde, aber was sich die Leute erzählten von der Entwickelung der Erde, stammte aus solchen Einsichten her, die auf diese Weise zustande kamen. Das war eine der Lehren, die in dieser Schule gegeben wurden.
[ 14 ] Eine andere ist ebenso interessant. Eine andere wurde gegeben, indem die Höherstellung des Menschen gegenüber den Tieren praktisch zur Einsicht gebracht wurde. Man möchte sagen: Dasjenige, was man heute vielfach zu allerlei Diensten, die heute sogar sehr geschätzt werden, verwendet, das war noch bis ins 19. Jahrhundert herein gerade solchen Menschen bekannt, die auf guten alten Einsichtstraditionen fußten. — Die Menschen sind ja heute stolz darauf, daß sie Polizeihunde haben, die die Spuren von allerlei Unrechtem im Menschenleben verfolgen können. Man hat diese praktische Anwendung in älteren Zeiten nicht gehabt. Aber die Fähigkeit zum Beispiel der Hunde nach dieser Richtung hin hat man noch besser gekannt als heute, und man hatte eine Einsicht darein, daß eben um den Menschen herum auch feinere Substantialität liegt, als diejenige ist, welche gesehen oder von Menschen gerochen und dergleichen wird, und man verstand, daß etwas wie ein feines Fluidum auch der Welt angehört. Man erkannte es als eine besondere Differenzierung von Wärmeströmungen, verbunden mit allerlei Strömungen, die man als elektromagnetische Strömungen ansah, und man brachte den Geruch des Hundes zusammen mit diesen wärme-elektromagnetischen Strömungen, und man machte die Schüler gerade jener kleinen Schule, von der ich Ihnen erzähle, auf solche Dinge auch bei anderen Tieren aufmerksam. Man machte sie aufmerksam, wie dieser Sinn für ein die Welt durchflutendes feines Fluidum weit im Tierreiche vorhanden ist. Und dann wies man darauf hin, wie dasjenige, was beim Tiere sich herunterentwickelt, ins Grob-Materielle sich entwickelt, beim Menschen sich hinauf ins Seelische entwickelt.
[ 15 ] Sehen Sie, eines ist ja von ungeheuerstem Interesse, was in dieser kleinen Schule gelehrt wurde. Es wurde gelehrt durch äußere anatomische Tatsachen, aber es war etwas tief Spirituelles damit gemeint. Es wurde dem Schüler gesagt: Sieh einmal, der Mensch ist ein Mikrokosmos. Er imitiert in seiner Organisation dasjenige, was im Weltengebäude vorgeht. — Der Mensch wurde durchaus nicht nur etwa in bezug auf die Stoffe, die er in sich trägt, sondern auch in bezug auf die Vorgänge, die in ihm sich abwickeln, als ein Mikrokosmos, als eine kleine Welt angesehen. Ja, es wurde manches, was in ihm plastisch vorhanden ist, auf Vorgänge in der äußeren Welt zurück.geführt. Und so wurde eine hohe Aufmerksamkeit darauf verwendet, wie der Mond durchgeht durch das erste Viertel, Vollmond wird, letztes Viertel, Neumond, wie der Mond in dieser Art achtundzwanzig bis dreißig Phasen durchmacht. Dieses Durchgehen des Mondes durch seine Phasen, das schaute man im Kosmos. Man schaute dabei den Mond in Bewegung in seiner Bahn. Man schaute, wie er seine Wirbel in seiner Bewegung herumzeichnete, seine achtundzwanzig bis dreißig Wirbel, und dann verstand man, wie der Mensch in seinem Rückgrat diese achtundzwanzig bis dreißig Wirbel hat, und man verstand, wie mit jenen Mondbewegungen und ihren Kräften dasjenige zusammenhängt, was sich im Menschen embryonal als Wirbelsäule ausbildet. Die Nachbildung der Mondenmonatsbewegung sah man in der Gestaltung der menschlichen Wirbelsäule. Und man sah, wenn man die menschliche Wirbelsäule mit ihren Nerven hat (siehe Zeichnung, oben), achtundzwanzig bis dreißig Nerven, die in den ganzen Organismus gehen, man sah in diesen achtundzwanzig bis dreißig Nerven die Abbildungen von Strömungen, die der Mond immer auf den verschiedenen Stufen seiner Bahnen auf die Erde herunterschickt. Man sah förmlich in den Knochenfortsetzungen der Wirbel das Eingreifen der Mondenströmungen. Kurz, man sah in demjenigen, was da der Mensch in sich trägt in seinen Rückenmarksnerven mit dem Rückenmark zusammen, man sah etwas, was einen an den Kosmos band, was einen mit dem Kosmos in einen lebendigen Zusammenhang bringt. Und dieses Ganze, das ich Ihnen jetzt andeutete, das brachte man dem Schüler bei.
[ 16 ] Und dann machte man ihn auf etwas anderes aufmerksam. Dann sagte man ihm: Und siehe einmal, wenn du den Sehnerv ansiehst, wie er in das Auge übergeht vom Gehirn aus, so zerfasert er sich beim Übergang in das Auge in sehr feine Fasern. Wie viele solche Fasern sind es? Solcher Fasern, die vom Sehnerv in das Innere des Auges gehen, sind wiederum ebensoviel wie Nerven, die vom Rückenmark ausgehen, achtundzwanzig bis dreißig. So daß also eine kleine Rückenmarksorganisation vom Gehirn aus durch den Sehnerv ins Auge hineingeht (siehe Zeichnung unten). Das ist so, daß der Mensch — so sagte der Lehrer zu den Schülern — von den Göttern, die in uralter Zeit sein Dasein geformt haben, diese Dreißiggliedrigkeit des Rückenmark-Nervensystems erhalten hat. Aber er selber hat in seinem die Sinneswelt anschauenden Auge ein Abbild dessen geschaffen; da vorne im Kopforganismus ein Abbild dessen geschaffen, was die Götter aus ihm gemacht haben.
[ 17 ] Und dann machte man den Schüler darauf aufmerksam: So steht die Rückenmarksorganisation mit dem Monde in Beziehung. Aber hinwiederum, durch dieses besondere Verhältnis des Mondes zur Sonne hat das Jahr zwölf Monate, und vom Gehirn des Menschen gehen zwölf Nerven nach den verschiedenen Teilen des Organismus, die zwölf hauptsächlichsten Gehirnnerven. In dieser Beziehung ist der Mensch durch seine Hauptesorganisation ein Mikrokosmos in bezug auf dasjenige, was das Verhältnis der Sonne zum Monde ist. In der Gestaltung des Menschen drückt sich eine Imitation desjenigen aus, was Vorgänge draußen im Kosmos sind.
[ 18 ] Und wiederum machte man den Schüler aufmerksam darauf, daß er nun in seinem Haupte im Sehnerv, also durch die Dreißiggliedrigkeit des Sehnervs ins Auge hinein die Mondenorganisation vom Rückgrat nachahmt. Vom Gehirn aus gehen zwölf Nerven. Aber wiederum, wenn man vom Gehirn besonders jene Partie untersucht, die den Riechnerv in die Nase hineinsendet, dann stellt sich die Tatsache heraus, daß da in dem kleinen Teil vom Gehirn das ganze große Gehirn nachgeahmt wird. So wie im Auge das RückenmarkNervensystem nachgeahmt wird, so wird im Geruchsorgan das ganze Gehirn wiederum nachgeahmt, indem der Riechnerv in zwölf Teilen, in zwölf Strängen zur Nase hingeht. So daß also der Mensch, wenn Rückenmark und Kopf hier liegen (siehe Zeichnung S. 78), einen richtigen kleinen Menschen da vorne liegen hat. Und dann machte man den Schüler darauf aufmerksam: Dieser kleine Mensch ist aber anatomisch nur angedeutet. Die Dinge verwachsen; nur eine minuziöse anatomische Untersuchung kann das lehren. Die Dinge verwachsen, doch sie sind so. Aber dafür bilden sie sich ganz besonders im astralischen Leibe aus. Und weil sie sonst nur angedeutet sind, kann der Mensch sie im gewöhnlichen Leben nicht handhaben. Aber er kann sie handhaben lernen. — Und ebenso, wie der Schüler darauf hingewiesen wurde, das Innere seiner Knochen zu erleben, ebenso wurde er hingewiesen darauf, diese besondere Partie lebendig zu erleben.
[ 19 ] Sie sehen, etwas anderes tritt da ein, etwas, was nun wirklich dem ganzen abendländischen Anschauen ähnlicher ist als dasjenige, was man oftmals aus dem Morgenlande herübernimmt. Auch das Morgenland hat ja dieses Konzentrieren auf die Nasenwurzel, dieses Konzentrieren auf den Punkt zwischen den Augenbrauen. Damit wird der Ort angegeben. Aber in Wahrheit ist es dieses Konzentrieren auf jenen kleinen Menschen, der da drinnen liegt und der astralisch erfaßt wird. Und wird er astralisch erfaßt, wird tatsächlich eine Meditation so gestaltet, daß man etwas erfaßt in jener Gegend, die damit bezeichnet worden ist, so ist es, wie wenn man in jener Gegend einen kleinen Menschen innerlich wie embryonal ausbilden wollte. Diese Anleitung hat der Schüler bekommen in jener kleinen Schule, tatsächlich eine Art embryonale Ausbildung eines kleinen Menschen in einem stark konzentrierten Gedanken.
[ 20 ] Dadurch bekamen die Schüler, die dazu die Fähigkeit hatten, die zweiblättrige Lotusblume ausgebildet. Dann wurde ihnen gesagt: Das Tier bildet die Dinge hinunter zu demjenigen, was ein wärmeelektromagnetisches Fluidum ist. Der Mensch bildet dasjenige, was hier sitzt und was im groben nur als Geruchssinn erscheint, aber in das herüberspielt die Fähigkeit, die Tätigkeit des Auges, der Mensch bildet es aus ins Astralische hinein. Dadurch aber bekommt er die Fähigkeit, nicht bloß jenes Fluidum zu verfolgen, sondern eine fortwährende Wechselwirkung hervorzurufen mit dem Astrallichte und wahrzunehmen mit der zweiblättrigen Lotusblume, was der Mensch fortwährend sein ganzes Leben hindurch ins Astrallicht hineinschreibt. Der Hund riecht nur dasjenige, was geblieben ist, was da ist. Der Mensch verfährt anders, indem er mit seiner zweiblättrigen Lotusblume sich bewegt; auch dann, wenn er mit ihr nicht wahrnehmen kann, schreibt er fortwährend alles dasjenige, was in seinen Gedanken ist, in das Astrallicht hinein. Das Schauen befähigt ihn dann nur, das, was er hineinschreibt, eben zu verfolgen, wahrzunehmen und auch anderes damit wahrzunehmen, namentlich den wahren Unterschied von Gut und Böse.
[ 21 ] Auf diese Art waren tatsächlich da noch Nachklänge vorhanden an uralte Weisheitsschätze, die in Rudimenten auch praktisch noch gelehrt wurden. Und das zeigt uns, was eigentlich alles verlorengegangen ist unter dem Einfluß der materialistischen Strömungen, die in der stärksten Weise um die Mitte des 19. Jahrhunderts dann eingesetzt haben. Denn solche Dinge, wie ich sie Ihnen angedeutet habe, sind eben durchaus, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, in gewissen, allerdings sehr einsamen und einsiedlerisch lebenden Kreisen empfunden und gewußt worden. Und auf den mannigfaltigsten Gebieten ergaben sich Erkenntnisse aus solchen Untergründen heraus, die ja später gar nicht mehr beachtet wurden, nach denen heute wiederum viele Menschen sich sehnen. Aber wegen der groben Methoden, die heute herrschen, sind ja diese Erkenntnisse zunächst für das äußere Wissen nicht wiederum erlangbar.
[ 22 ] Nun knüpfte sich eine ganz bestimmte Lehre an dasjenige, was in dieser Weise in jenem kleinen Kreise von dem Lehrer an die Schüler herangebracht wurde. Dem Schüler wurde klargemacht: Wenn er dieses Organ gebraucht, das ein ins Astrallicht hinaufgehobenes Geruchsorgan ist, dann lernt er die wahre Stofflichkeit aller Dinge erkennen, die wahre Materie. Und wenn er erkennen lernt das Innere seines Knochensystems und dadurch in Echtheit die wirkliche Weltgeometrie, die Art und Weise, wie von den Göttern in die Welt die Kräfte hineingezeichnet werden, dann lernt er erkennen, was als Form in den Dingen wirkt.
[ 23 ] Willst du also einen Quarz kennenlernen seinem Stoffe nach — so sagte man dem Schüler —, dann beschaue ihn mit der zweiblättrigen Lotusblume. Willst du kennenlernen, wie seine Kristallform ist, wie der Stoff geformt ist, dann mußt du diese Form aus dem Kosmos heraus begreifen mit demjenigen, was du begreifen kannst, wenn du in das Innere deines Knochensystems lebendig hineinkommst. Oder es wurde dem Schüler klargemacht: Wenn du dein Kopforgan gebrauchst, dann lernst du erkennen, wie die substantielle Beschaffenheit einer Pflanze ist. Wenn du erleben lernst das Innere deines Knochensystemes, dann lernst du erkennen, wie eine gewisse Pflanze wächst, warum sie diese oder jene Blätterform hat, diese oder jene Blätteranordnung, warum sie die Blüten in dieser oder jener Weise entfaltet.
[ 24 ] Also alles, was Form ist, sollte auf die eine Art, alles, was Stoff ist, sollte auf die andere Art erfaßt werden. Und es ist nun wirklich interessant, daß, wenn man bis zu Aristoteles zurückkommt, man findet, daß bei ihm unterschieden wird — aber das wurde ja in späterer Zeit nur rein abstrakt gelehrt — in bezug auf alles, was es gibt, die Form und die Materie, Aber das wurde eben in der Strömung, die von Griechenland nach Europa kam, in einer ganz abstrakten Weise gelehrt, so daß man eigentlich verzweifelt an der Abstraktheit, mit der diese Dinge in den Büchern dargestellt werden schon das ganze Mittelalter hindurch, und in der Neuzeit erst, da ist es nicht mehr bloß zum Verzweifeln, da ist es schon um die Wände hinaufzukriechen, wie man die Dinge dargestellt findet. Aber geht man zu Aristoteles zurück, so findet man, daß bei ihm die Formen wirklich zurückführen auf dieses Erleben — nur ist das wiederum nach Asien herübergetragen worden — und diese wirklich innere Einsicht in die Dinge, die mit dem Kopforgan sieht dasjenige, was er die Materie in den Dingen nennt.
[ 25 ] Aber nun weist uns die innere Erkenntnis desjenigen, was da in Griechenland gelehrt worden ist als Philosophie, es weist uns die Akasha-Chronik-mäßige Erkenntnis auf etwas hin, was ich ja natürlich nur ganz äußerlich andeuten konnte in meinen «Rätseln der Philosophie», wo ich zeigte, wie Aristoteles durchaus der Ansicht ist: Beim Menschen fließen Form und Materie ineinander, Materie ist Form, Form ist Materie. — Sie können das bei meiner Darstellung des Aristoteles in den «Rätseln der Philosophie» finden.
[ 26 ] Aber Aristoteles hat das noch ganz anders gelehrt. Aristoteles hat gelehrt: Wenn man an Mineralien herantritt, dann erlebt man zunächst die Form durch das Erleben des Inneren der Unterschenkelknochen, und man erlebt die Materie eben mit dem Kopforgan. Die beiden sind weit voneinander. Der Mensch hält sie auseinander, Form und Materie, beim Mineralreiche die Kristallisation. Wenn der Mensch aber die Pflanze auffaßt, so erlebt er die Form durch das Erleben des Inneren seiner Oberschenkel, die Materie wiederum durch das Kopforgan, durch die zweiblättrige Lotusblume. Es kommt schon näher. Und erlebt der Mensch das Tier, so erlebt er die Form durch das Erleben des Inneren der Unterarmknochen, wiederum die Materie durch das Kopforgan — sehr nahe beieinander. Und erlebt der Mensch den Menschen selber, dann erlebt er die Form durch das Innere des Oberarms, der auf dem Umwege durch die Sprachbildung mit dem Gehirn selbst zusammenhängt. Ich habe öfter gerade in Einleitungen der Eurythmie davon gesprochen. Da schließt sich zusammen die zweiblättrige Lotusblume mit dem, was von dem Inneren des Oberarmes nach dem Gehirn geht. Und der Mensch erlebt namentlich in der Sprache den anderen Menschen nicht mehr nach Form und Inhalt getrennt, sondern als einen nach Form und Inhalt.
[ 27 ] Sehen Sie, in dieser Konkretheit gab es diese Lehre noch zu Aristoteles’ Zeiten. Und eine Spur davon, wie gesagt, war bis ins 19. Jahrhundert vorhanden. Da ist wirklich ein Abgrund. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts gingen im Grunde genommen diese Dinge wirklich verloren. Es ist der Abgrund da bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, wo durch die Michael-Zeit die Dinge wieder gefunden werden konnten. Da aber, indem die Menschen über diesen Abgrund schritten, schritten sie eben eigentlich über eine Schwelle. Und an dieser Schwelle steht ein Hüter. Und die Menschheit konnte ihn zunächst nicht gleichzeitig beobachten, indem sie zwischen dem Jahre 1842 und 1879 an ihm vorbeigegangen ist. Aber sie muß zu ihrem Heil nunmehr zurückschauen und den Hüter beachten. Denn das Nichtbeachten und das Weiterhineinleben in die folgenden Jahrhunderte, ohne ihn zu beachten, würde eben zum alleräußersten Unheile der Menschheit führen.
[ 28 ] Davon wollen wir dann morgen weiter reden.
