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The Rudolf Steiner Archive

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Mysterienstätten Des Mittelalters
Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip
GA 233a

19 April 1924, Dornach

Das Osterfest als Stück Mysteriengeschichte der Menschheit I

[ 1 ] Das Osterfest wird von zahlreichen Menschen als etwas empfunden, das zusammenhängt auf der einen Seite mit den tiefsten Gefühlen und Empfindungen der Menschenseele, zusammenhängt aber auf der anderen Seite auch mit Weltengeheimnissen und Weltenrätseln. Man muß ja aufmerksam werden auf die Tatsache des Zusammenhanges des Osterfestes mit Weltengeheimnissen und Weltenrätseln dadurch, daß das Osterfest ein sogenanntes bewegliches Fest ist, das alljährlich ausgerechnet werden muß nach jener Sternkonstellation, die wir in diesen Tagen noch genauer besprechen wollen. Man muß aber auch, wenn man verfolgt, wie durch die Jahrhunderte festliche Gebräuche an das Osterfest geknüpft worden sind, Kulthandlungen, die einer zahlreichen Menschenschaft außerordentlich nahegehen, man muß auch daraus sehen, welchen ungeheuren Wert die Menschheit allmählich im Verlaufe ihres geschichtlichen Werdens in dieses Osterfest hineingelegt hat.

[ 2 ] Nun ist das Osterfest in den ersten Jahrhunderten des Christentums, nicht gleich bei der Begründung, aber in den ersten Jahrhunderten des Christentums, ein wichtiges christliches Fest geworden, ein christliches Fest, das zusammenhängt mit dem Grundgedanken, dem Grundimpuls des Christentums, mit dem Impuls, der sich ergibt für das Christsein durch die Tatsache der Auferstehung Christi.

[ 3 ] Das Osterfest ist das Auferstehungsfest. Aber das Osterfest weist hin auf ältere als die christlichen Zeiten. Es weist hin auf Feste, die mit der Zeit der Frühlings-Tagundnachtgleiche, die ja wenigstens mit der Berechnung der Österzeit etwas zu tun hat, zusammenhängen, mit jenen Festen, welche anknüpfen an die neuerwachende Natur, an das sprießende, der Erde wieder entwachsende Leben.

[ 4 ] Und damit stehen wir an dem Punkte, wo wir, wenn die Dinge gerade zur Sprache kommen sollen, die das Thema dieser Ostervorträge bilden: das Osterfest als ein Stück Mysteriengeschichte der Menschheit, wo wir diese Dinge sogleich berühren müssen.

[ 5 ] Das Osterfest als christliches Fest ist ein Auferstehungsfest. Das entsprechende heidnische Fest, das ungefähr in dieselbe Jahreszeit fällt wie das Osterfest, ist eine Art Auferstehungsfest der Natur, ein Wiederherauskommen dessen, was naturhaft die Winterszeit hindurch, wenn ich mich so ausdrücken darf, geschlafen hat. Aber damit kommen wir an denjenigen Punkt, wo wir betonen müssen, daß das christliche Osterfest ganz und gar nicht ein Fest ist, das irgendwie seinem inneren Sinn und Wesen nach zusammenfällt mit den heidnischen Festen der Frühlings-Tagundnachtgleiche, sondern das Osterfest, als christliches Fest gedacht, fällt eigentlich zusammen, wenn wir schon zurückgehen wollen auf die alten Heidenzeiten, mit alten Festen, die aus den Mysterien herausgewachsen sind und die in die Herbsteszeit fallen. Das Allermerkwürdigste in bezug auf die Festsetzung des Osterfestes, das ja gerade durch seinen Inhalt ganz offensichtlich zusammenhängt mit gewissem altem Mysterienwesen, das Allermerkwürdigste ist: gerade dieses Osterfest erinnert uns daran, welch radikale, welch tiefe Mißverständnisse geschehen sind in der Weltauffassung allerbedeutendster Dinge im Verlaufe der Menschheitsentwickelung. Denn es ist ja nichts Getingeres geschehen, als daß das Osterfest verwechselt worden ist im Laufe der ersten christlichen Jahrhunderte mit einem ganz anderen Feste, daß es dadurch verlegt worden ist von einem Herbstesfeste zu einem Frühlingsfeste.

[ 6 ] Diese Tatsache weist eigentlich auf Ungeheures hin in der Menschheitsentwickelung. Aber sehen wir uns einmal den Inhalt dieses Osterfestes an. Was ist sein Wesentliches? Sein Wesentliches ist: Die Wesenheit, die in der Mitte des christlichen Bewußtseins steht, der Christus Jesus, geht durch den Tod, woran der Karfreitag erinnert. Der Christus Jesus ruht in dem Grabe die Zeit, welche in dreien Tagen verläuft und welche darstellt die Verbindung des Christus mit dem Erdendasein. Diese Zeit wird als Festeszeit, als Trauerfesteszeit begangen innerhalb des Christentums zwischen dem Karfreitag und dem Ostersonntag. Der Ostersonntag ist dann der Tag, an dem dieses Mittelpunktwesen des Christentums aus dem Grabe ersteht. Der Erinnerungstag daran ist es.

[ 7 ] Damit haben wir den wesentlichen Inhalt des Osterfestes dargelegt: Tod, Grabesruhe, Auferstehung des Christus Jesus. Und nun sehen wir uns zunächst einmal das entsprechende alte heidnische Fest in irgendeiner Gestalt an. Nur dadurch kommen wir zu einer inneren Durchdringung des Zusammenhanges zwischen Osterfest und Mysterienwesen. Wir finden an vielen Orten, bei vielen Völkern alte heidnische Feste, welche in ihrer äußeren Struktur, in der Struktur des Kultus, durchaus ähnlich sind der Struktur des Osterinhaltes des Christentums.

[ 8 ] Nehmen wir aus den mannigfaltigen alten Festlichkeiten das Adonisfest heraus. Bei gewissen vorderasiatischen Völkern wurde es begangen durch lange Zeiten des vorchristlichen Altertums. Ein Bild bildete den Mittelpunkt. Auf diesem Bilde war dargestellt Adonis, der geistige Repräsentant alles dessen, was im Menschen sprießende Jugendkraft ist, der Repräsentant alles dessen, was im Menschen sich als die Schönheit darstellt.

[ 9 ] Gewiß, die alten Völker haben in mancher Beziehung verwechselt das, was eine Abbildung enthielt, mit demjenigen, was die Abbildung darstellte. Und so haben ja diese alten Religionen vielfach den Charakter des Fetischismus. Viele Menschen sahen in dem Bilde den gegenwärtigen Gott der Schönheit, der Jugendkraft des Menschen, der sich entwickelnden Keimeskraft, die in glanzvollem Dasein nach außen sich offenbart, die alles das im glanzvollen Dasein nach außen offenbart, was der Mensch an innerem Wert, an innerer Würde, an innerer Größe in sich enthält oder auch enthalten kann.

[ 10 ] Dieses Götterbild wurde unter Gesängen, unter Kulthandlungen, die darstellten tiefste menschliche Trauer, tiefstes menschliches Leid, wenn es an einem Orte geschah, wo Meer in der Nähe war, in die Meeresfluten gesenkt, wo es drei Tage drinnen zu bleiben hatte, wo ein See war, in den See versenkt; sonst wurde sogar in der Nähe der Mysterienstätte ein künstlicher Teich angelegt, um dieses Götterbild in diesen Teich zu versenken und es drei Tage lang drinnen zu lassen. Während dieser drei Tage ruhte über dem Ganzen der Gemeinde, die sich zu diesem Kultus bekannte, die diesen Kultus ihr eigen nannte, tiefster Ernst, tiefste Stille. Nach dreien Tagen wurde das Bild aus dem Wasser geholt. Die vorherigen Trauergesänge wurden in Jubelgesänge, in Hymnen auf den wiedererstandenen Gott, auf den wiederum zum Leben gekommenen Gott verwandelt.

[ 11 ] Das war eine äußerliche Zeremonie, das war eine Zeremonie, die weitesten Kreisen von Menschen das Gemüt tief aufrüttelte. Und diese Zeremonie deutete wiederum eben in einer äußeren Handlung, in einem äußeren Kultusverlauf an, was in den Tiefen der heiligen Mysterien sich abspielte mit jedem Menschen, der zur Initiation, zur Einweihung, kommen sollte. Jeder Mensch, der zur Initiation, zur Einweihung, kommen sollte, wurde in diesen alten Zeiten innerhalb der Mysterien in ein besonderes Gemach geführt. Die Wände waren schwarz, der ganze Raum, in dem nichts anderes enthalten war als ein Sarg oder wenigstens ein sargartiges Gebilde, war düster und dunkel. Und an diesem Sarg wurden von jenen, die den zu Initiierenden hineingeleiteten, Trauergesänge angestimmt, Todesgesänge angestimmt. Der zu Initiierende wurde behandelt wie einer, der da stirbt, und ihm wurde begreiflich gemacht, daß er nun, indem er in den Sarg gelegt wird, dasjenige durchzumachen habe, was der Mensch durchmacht, wenn er durch die Todespforte geht und die nächsten drei Tage verlebt. Die Anordnung war auch so getroffen, daß dem zu Initiierenden zur völligen inneren Klarheit kam, was der Mensch in den ersten drei Tagen nach dem Tode durchmacht.

[ 12 ] Am dritten Tage erhob sich an einer bestimmten Stelle, auf die hinschauen konnte der, der in dem Sarge lag, ein Zweig, darstellend das sprießende Leben. Die früheren Trauergesänge verwandelten sich in Hymnen, in Jubelgesänge. Der Betreffende erhob sich aus seinem Grabe mit verwandeltem Bewußtsein. Ihm wurde mitgeteilt eine neue Sprache, eine neue Schrift, die Sprache der Geister, die Schrift der Geister. Er durfte jetzt schauen, er konnte auch schauen die Welt vom Gesichtspunkte des Geistes.

[ 13 ] Wenn man dieses mit den Einzuweihenden in den Tiefen der Mysterien Veranstaltete verglich mit dem, was als Kultushandlungen draußen vollzogen wurde, dann war der Inhalt des Kultus bildhaft, aber in seiner ganzen Struktur ähnlich dem, was da geschah mit den auserlesenen Menschen innerhalb der Mysterien. Und der Kultus nehmen wir als den Repräsentanten den speziellen Adoniskultus —, der Kultus wurde auch denjenigen, die daran teilnahmen, in entsprechender Zeit erklärt. Dieser Kultus fand ja statt zur Herbsteszeit, und diejenigen, die an diesem Kultus teilnahmen, wurden etwa in der folgenden Art belehrt: Seht, es ist Herbsteszeit. Die Erde ‚verliert ihren Pflanzen-, ihren Blattesschmuck. Alles welkt hinunter. An die Stelle des grünenden, sprießenden Lebens, das im Frühling begonnen hat die Erde zu bedecken, wird der die Erde einhüllende Schnee kommen oder wenigstens die die Erde verödende Dürre. Die Natur erstirbt. Aber indem um euch herum alles erstirbt, sollt ihr erleben, was im Menschen zur Hälfte ähnlich ist dem Sterben, das in aller Natur ringsherum ist. Auch der Mensch stirbt. Auch für ihn kommt ein Herbst. Wenn es mit dem Leben zu Ende geht, dann ist es recht, wenn das menschliche Gemüt derjenigen, die übrigbleiben, sich erfüllt mit tiefer Trauer. Und damit der ganze Ernst des Durchganges durch den Tod vor eure Seele trete, damit ihr nicht bloß den Tod erlebt, wenn er an euch herantritt, sondern damit ihr euch immer wieder und wiederum an ihn erinnern könnt, so wird eben allherbstlich gezeigt, wie gerade dasjenige göttliche Wesen, das da ist der Repräsentant der Schönheit, der Jugend, der Größe des Menschen, wie dieses göttliche Wesen stirbt, wie dieses göttliche Wesen den Gang macht, den alles Naturhafte macht. Aber gerade wenn die Natur in ihre Öde eingeht, wenn es in der Natur ins Sterben kommt, dann sollt ihr euch erinnern an etwas anderes. Dann sollt ihr euch erinnern, daß der Mensch durch die Pforte des Todes geht, daß, während er hier im irdischen Dasein nur Dinge erlebt hat, die gleich sind denen, die im Herbste ersterben, während er hier im Irdischen nur die Dinge erlebt hat, die vergänglich sind, daß er von der Erde abgezogen wird und in die Weiten des Weltenäthers sich hinauslebt. Er sieht sich immer größer und größer werden, er wird so, daß die ganze Welt sein eigen wird. Er lebt sich hinaus durch drei Tage in das ganze weite Weltenall. Und dann, während das irdische Auge hier hingelenkt ist auf das Bild des Todes, während das irdische Auge hingelenkt ist auf dasjenige, was stirbt, auf das Vergängliche, erwacht drüben im Geiste nach dreien Tagen die unsterbliche Menschenseele. Sie steht drüben auf. Sie steht auf, um drei Tage nach dem Tode geboren zu werden für das Geisterland.

[ 14 ] In eindringlicher innerer Wandlung wurde dies vollzogen am eigenen Leibe des zu Initiierenden innerhalb der Tiefe der Mysterien. Und der bedeutsame Eindruck, der ungeheure Ruck, den das Menschenleben bekam durch diese alte Art der Initiation — wir werden sehen, daß das in der Neuzeit nicht so vor sich gehen kann, sondern in ganz anderer Weise —, der weckte innere Seelenkräfte, der weckte das Schauen, der brachte den Menschen dahin zu wissen: Er steht nunmehr nicht bloß in der Sinneswelt, er steht nunmehr in der geistigen Welt.

[ 15 ] Und was wiederum zu einer entsprechenden Zeit als Belehrung an diejenigen herankam, die Schüler der Mysterien waren, das kann ich etwa in die folgenden Worte zusammenfassen. Diesen Schülern der Mysterien wurde gesagt: Was in den Mysterien vorgeht, ist Bild von dem, was in der geistigen Welt vorgeht, was im Kosmos vorgeht; Kultus ist Bild von dem, was in den Mysterien vorgeht. — Denn dessen war sich jeder, der zu den Mysterien zugelassen worden ist, klar: Die Mysterien umschlossen im Irdischen Vorgänge, die am Menschen sich abspielten und die durchaus Abbilder waren dessen, was in den Weiten des astralgeistigen Kosmos von dem Menschen in anderen Daseinsformen erlebt wird als in der irdischen. Denjenigen, die in diesen alten Zeiten nicht zugelassen worden sind zu den Mysterien, weil sie nach ihrer Lebensreife nicht ausersehen sein konnten, die Anschauung der geistigen Welt unmittelbar zu empfangen, denen wurde im Kultus, das heißt im Bilde dessen, was in den Mysterien vorging, das Entsprechende beigebracht.

[ 16 ] So war das entsprechende Mysterienfest, das wir an dem Beispiel des Adonisfestes kennengelernt haben, dazu da, während des herbstlichen Welkens, während des herbstlichen Ödewerdens des Irdischen, während des herbstlichen radikalen Darstellens der Vergänglichkeit der irdischen Dinge, während des herbstlichen Darstellens des Sterbens und des Todes, in dem Menschen die Gewißheit oder wenigstens die Anschauung hervorzurufen: der Tod, der über die ganze Natur im Herbste kommt, der kommt auch über den Menschen, er kommt auch über den Repräsentanten der Schönheit, Jugend und Größe der Menschenseele, die im Gotte Adonis dargestellt wird. Auch der Gott Adonis stirbt. Er geht auf in den irdischen Repräsentanten des Weltenäthers, in das Wasser. Aber so, wie er sich erhebt aus dem Wasser, so wie er geholt werden kann aus dem Wasser, so wird des Menschen Seele geholt aus den Wassern der Welt, das heißt aus dem Äther des Kosmos, nach ungefähr dreien Tagen, nachdem der Mensch hier auf Erden durch die Todespforte gegangen ist.

[ 17 ] Das Geheimnis des Todes selber sollte dargestellt werden in diesen alten Mysterien durch das entsprechende Herbstesfest. Und anschaulich sollte das Dargestellte dadurch werden, daß der Kultus auf der einen Seite in seiner ersten Hälfte zusammenfiel mit dem Sterben, mit dem Tode der Natur, auf der anderen Seite aber das Gegenteil darstellte, als das Wesentliche des Menschenwesens selber. Der Mensch soll hinschauen auf das Sterben der Natur — so war es gemeint —, um gewahr zu werden, wie er nach dem äußeren Scheine stirbt, nach dem inneren Wesen aber aufersteht zunächst für die geistige Welt. Die Wahrheit über den Tod zu enthüllen, das war der Sinn dieses alten heidnischen, an die Mysterien angelehnten Festes.

[ 18 ] Nun geschah im Laufe der Menschheitsentwickelung dieses Bedeutsame, daß dasjenige, was auf einem gewissen Niveau der Einzuweihende in den Mysterien durchmachte, das Sterben und Wiederauferstehen der Seele, daß das bis zum Leibe hin sich vollzog mit dem Christus Jesus. Denn wie stellt sich für den Kenner der Mysterien das Mysterium von Golgatha dar? Der Kenner der Mysterien schaut in die alten Mysterien hinein. Er sieht, wie der Einzuweihende seiner Seele nach geführt wurde durch den Tod zur Auferstehung der Seele, das heißt zum Erwecken eines höheren Bewußtseins in der Seele. Die Seele starb, um aufzuerstehen in einem höheren Bewußtsein. Was hier festgehalten werden muß, das ist, daß der Leib nicht starb, daß die Seele aber starb, um zu einem höheren Bewußtsein erweckt zu werden.

[ 19 ] Was die Seele eines jeden zu Initiierenden durchmachte, das machte der Christus Jesus bis zum Leibe durch, also einfach auf einem anderen Niveau. Weil der Christus kein irdischer Mensch, sondern ein Sonnenwesen im Leibe des Jesus von Nazareth war, konnte dasselbe, was der alte zu Initiierende in den Mysterien seiner Seele nach durchmachte, der ganzen Menschennatur nach durchmachen der Christus Jesus auf Golgatha.

[ 20 ] Diejenigen, die noch da waren als Kenner der alten Mysterien, als Wissende dieser Initiationshandlung, sie waren wohl die Menschen, auch bis heute diejenigen Menschen, welche am tiefsten verstanden, was auf Golgatha geschehen war. Denn, was konnten sie sich sagen? Sie konnten sich sagen: Durch Jahrtausende hindurch sind Menschen in die Geheimnisse der geistigen Welt durch den Tod und die Auferstehung ihrer Seele geführt worden. Die Seele ist von dem Leibe getrennt gehalten worden während der Einweihungshandlung. Sie ist durch den Tod zum ewigen Leben geführt worden. Was da erlebt worden ist von einer Anzahl von auserlesenen Menschen, das hat ein Wesen erlebt bis in den Leib hinein, das bei der Johannestaufe im Jordan heruntergestiegen ist von der Sonne und Besitz ergriffen hat von dem Leibe des Jesus von Nazareth. Geschichtliche Tatsache ist geworden, was sich wiederholende Einweihungshandlung durch lange, lange Jahrtausende hindurch gewesen war.

[ 21 ] Das war das Wesentliche, daß man wußte: Weil es ein Sonnenwesen war, das Besitz ergriffen hatte von dem Leibe des Jesus von Nazareth, deshalb konnte das, was sich bei den zu Initiierenden nur vollzog in bezug auf die Seele und ihre Erlebnisse — es konnte sich vollziehen bis in das Leibesdasein hinein. Es konnte vollzogen werden trotz des Todes des Leibes, trotz des Aufgehens des Leibes des Jesus von Nazareth in der sterblichen Erde, eine Auferstehung des Christus, weil dieser Christus höher hinaufsteigt, als die Seele des zu Initiierenden hinaufsteigen konnte. Den Leib konnte der zu Initiierende nicht in so tiefe Regionen des Untersinnlichen bringen, wie ihn der Christus Jesus gebracht hat. Deshalb konnte der zu Initiierende nicht so hoch hinaufsteigen mit der Auferstehung wie der Christus; aber bis zu diesem Unterschiede hinsichtlich der Weltengröße ist die alte Einweihungshandlung als historische Tatsache erschienen auf der Weihestätte von Golgatha.

[ 22 ] Es haben auch nur wenige in den ersten Jahrhunderten des Christentums gewußt, daß ein Sonnenwesen, ein kosmisches Wesen, in dem Jesus von Nazareth gelebt hat und die Erde dadurch befruchtet worden ist, daß von der Sonne wirklich heruntergekommen ist ein Wesen, das vorher von der Erde aus durch die Methoden der Initiationsstätten nur in der Sonne hat gesehen werden können. Und es war das Wesentliche des Christentums, insoferne es angenommen haben auch die rechten Kenner der alten Mysterien, daß gesagt werden konnte: Der Christus, zu dem wir uns erhoben haben dadurch, daß wir eingeweiht worden sind, der Christus, den wir durch unseren Aufstieg zur Sonne in den alten Mysterien haben erreichen können, der ist heruntergestiegen in einen sterblichen Leib, in den Leib des Jesus von Nazareth. Er ist zur Erde heruntergekommen.

[ 23 ] Es war zunächst, ich möchte sagen, eine festliche Stimmung, mehr als eine festliche Stimmung, eine hochheilige Stimmung, welche diejenigen Seelen und Gemüter erfüllte, die in der Zeit des Mysteriums von Golgatha etwas von diesem Mysterium von Golgatha verstanden. Was da ein lebendiger Inhalt des Bewußtseins war, das wurde allmählich durch Vorgänge, die wir noch kennenlernen wollen, ein Erinnerungsfest an den historischen Vorgang auf Golgatha.

[ 24 ] Aber während sich diese Erinnerung herausbildete, verlor man immer mehr und mehr das Bewußtsein davon, wer der Christus als Sonnenwesen war. Die Kenner der alten Mysterien konnten sich ja nicht im Unklaren sein über die Wesenheit des Christus. Sie wußten ja, daß die wirklichen Eingeweihten, die wirklichen Initiierten dadurch, daß sie unabhängig gemacht wurden von ihrem physischen Leibe, in ihrer Seele durch den Tod gingen, sich erhoben bis in die Sonnensphäre und da den Christus aufsuchten und von ihm, von dem Christus in der Sonne, den Impuls zur Auferstehung der Seele empfingen; sie wußten, wer der Christus ist, weil sie sich zu ihm erhoben hatten. Diese alten Initiierten, die Kenner dieser Initiationshandlung, die wußten aus dem, was auf Golgatha vorging, daß dasselbe Wesen, das früher in der Sonne gesucht werden mußte, nun zu den Menschen auf die Erde niedergestiegen war. Warum? Weil jene Handlung, die in den alten Mysterien zum Erreichen des Christus in der Sonne mit dem zu Initiierenden vollzogen war, so nicht mehr vollzogen werden konnte, weil die Menschennatur einfach im Laufe der Zeit eine andere geworden ist. Die alte Einweihungszeremonie war nach der Entwickelungsart der Menschenwesenheit eine Unmöglichkeit geworden. Es hätte der Christus durch die alte Einweihungszeremonie in der Sonne nicht mehr gesucht werden können. Da stieg er denn herab, um auf der Erde eine Handlung zu vollziehen, nach welcher nun die Menschen hinschauen konnten.

[ 25 ] Es gehört das, was sich in dieses Geheimnis schließt, zu dem Allerheiligsten, das man auf dem Erdenboden aussprechen kann.

[ 26 ] Denn wie stellte sich eigentlich die Sache für die Menschen der auf das Mysterium von Golgatha folgenden Jahrhunderte dar?

[ 27 ] Soll ich das schematisch zeichnen, so müßte ich es so zeichnen: Wenn das die Erde ist, so sah man aus einer alten Einweihungsstätte herauf (rechts: rot) zum Sonnendasein und wurde durch die Initiation den Christus in der Sonne gewahr. Man sah in den Raum hinaus, um an den Christus heranzutreten.

[ 28 ] Will ich schematisch darstellen, wie die Entwickelung nun in der Folgezeit war, so muß ich die Zeit darstellen, das heißt die Erde — in einem Jahr, im dritten Jahr, fortlaufend in der Zeit; die Erde räumlich ist ja immer da, aber den Zeitenlauf stellen wir so dar. Es hat sich abgespielt das Mysterium von Golgatha. Ein Mensch, der, sagen wir, im 8. Jahrhundert lebt, statt daß er vom Mysterium aus in die Sonne schaut, um zum Christus zu kommen, schaut jetzt auf die Zeitenwende bis zum Beginn der christlichen Zeitrechnung, schaut in der Zeit hin nach dem Mysterium von Golgatha (siehe Zeichnung, gelber Pfeil); er kann in einer Erdenhandlung, in einem Erdengeschehen den Christus innerhalb des Mysteriums von Golgatha finden.

[ 29 ] Was früher räumliche Anschauung war, sollte nun zeitliche Anschauung werden durch das Mysterium von Golgatha. Das war das Bedeutsame, was geschehen war.

[ 30 ] Aber gerade, wenn wir auf die Seele wirken lassen, was in den Mysterien bei der Initiation sich abspielte und was ein Bild war vom Tod und von der Auferstehung des Menschen nach dem Tode, und wenn wir dazunehmen die Struktur der Kultushandlungen, zum Beispiel des Adonisfestes, die wiederum ein Bild waren dessen, was in den Mysterien vorging, so erscheint uns wie aufs Höchste hinaufgehoben das alles, dieses Dreifache vereinigt, konzentriert in der historischen Handlung auf Golgatha.

[ 31 ] Äußerlich in der Geschichte erscheint, was tief innerlich in dem Heiligtum der Mysterien sich vollzogen hat. Für alle Menschen ist da, was vorher nur für die Eingeweihten da war. Man braucht kein Bild mehr, das in das Meer versenkt wird, das symbolisch aus dem Meere aufersteht. Man soll vielmehr haben den Gedanken, die Erinnerung an das, was auf Golgatha wirklich geschehen ist. An die Stelle des äußeren Sinnbildes, das sich eben auf einen Vorgang, der im Raum erlebt wurde, bezog, sollte treten das innerlich sinnlich bildlose Gedenken, das bloß in der Seele erlebte Gedenken an die historische Handlung auf Golgatha.

[ 32 ] Nun werden wir eine merkwürdige Entwickelung der Menschheit in den folgenden Jahrhunderten gewahr. Das Eindringen der Menschen in die Geistigkeit nimmt immer mehr und mehr ab. Der geistige Inhalt des Mysteriums von Golgatha kann nicht Platz greifen in den Gemütern der Menschen. Die Entwickelung geht nach der Ausbildung des materiellen Sinnes. Man verliert das innere Herzensverständnis für das Folgende, man verliert das Verständnis dafür, daß da, wo die äußere Natur sich als Vergänglichkeit, sich als ersterbendes ödes Sein darstellt, gerade die Lebendigkeit des Geistes erschaut werden kann. Man verliert auch das Verständnis für die äußere Festlichkeit: daß dann, wenn der Herbst mit seinem Sterben kommt, am besten empfunden werden kann, wie dem Sterben des Irdisch-Naturhaften gegenübersteht das Auferstehen des Geistigen.

[ 33 ] Damit verliert der Herbst die Möglichkeit, Zeit zu sein für das Auferstehungsfest. Der Herbst verliert die Möglichkeit, aus der Naturvergänglichkeit heraus gerade den Sinn hinzuweisen auf die Geist-Ewigkeit. Man braucht die Anlehnung an das Materielle. Man braucht die Anlehnung an das, was nicht stirbt in der Natur, was in der Natur aufsprießt, was in der Natur als die Samenkraft, die im Herbste in die Erde versenkt wird, aufersteht. Man nimmt das Materielle als ein Symbolum für das Geistige, weil man sich durch das Materielle nicht mehr anregen lassen kann, das Geistige in seiner Wirklichkeit zu empfinden. Der Herbst hat nicht mehr die Kraft, gegenüber dem Vergänglichen im Naturhaften die Unvergänglichkeit des Geistigen durch die innere Macht der Menschenseele zu offenbaren. Man braucht die Anlehnung an die äußere Natur, an die äußere Auferstehung. Man will sehen, wie die Pflanzen sprießen aus der Erde, wie die Sonne an Kraft gewinnt, wie das Licht und die Wärme wiederum an Kraft gewinnen. Man braucht die Auferstehung in der Natur, um den Auferstehungsgedanken zu feiern.

[ 34 ] Damit aber verschwindet auch jenes unmittelbare Verhältnis, das verbunden war mit dem Adonisfeste, das verbunden sein kann mit dem Mysterium auf Golgatha. Jenes innere Erlebnis verliert an Kraft, das auftreten kann beim irdischen Tode eines jeden Menschen, wenn die Menschenseele weiß: der Mensch geht irdisch durch die Pforte des Todes, macht durch drei Tage hindurch etwas durch, was den Menschen allerdings ernst stimmen kann; dann aber muß die Seele innerlich fröhlich werden, innerlich festlich und freudig gestimmt werden, weil sie weiß, daß gerade aus dem Tode heraus sich in geistiger Unsterblichkeit die Menschenseele nach dreien Tagen erhebt.

[ 35 ] Jene Kraft, welche im Adonisfeste lag, sie ist verlorengegangen. Zunächst war für die Menschheit veranlagt, daß diese Kraft mit einer größeren Intensität erstehen sollte. Man sah hin auf den Tod des Gottes, alles Schönen in der Menschheit, alles Großen, alles Jugendkraftvollen. Dieser Gott wird in das Meer versenkt am Trauertag, am Chartage. Chara ist Trauer. Man kam in ernste Stimmung, weil man zunächst die Stimmung entwickeln wollte an der Vergänglichkeit des Naturhaften.

[ 36 ] Dann aber sollte gerade diese Stimmung gegenüber der Vergänglichkeit des Naturhaften hinüberwandeln die Menschenseele zu der Stimmung gegenüber dem übersinnlichen Auferstehen der Menschenseele nach dreien Tagen. Als der Gott wieder herausgehoben wurde beziehungsweise sein Bild, da sah nun der richtig unterrichtete Gläubige das Bild der Menschenseele einige Tage nach dem Tode: Was im Geiste geschieht mit den gestorbenen Menschen, siehe da, es stellt sich vor deine Seele hin in dem Bilde des auferstandenen Gottes der Schönheit und Jugendkraft.

[ 37 ] Dasjenige, was mit dem Menschenschicksal so tief verbunden ist, wurde alljährlich im Herbste unmittelbar im Geiste des Menschen erweckt. Man hätte es in der damaligen Zeit nicht für möglich gehalten, an die äußere Natur anzuknüpfen. Was im Geiste erlebt werden konnte, das stellte man in der Kultushandlung, in der symbolischen Handlung dar. Als aber gerade das Bild der alten Zeit getilgt werden sollte, als Erinnerung — bildlose, innere, seelisch erlebte Erinnerung an das Mysterium von Golgatha, das dasselbe darstellt — eintreten sollte, da hatte die Menschheit zunächst nicht die Kraft, das zu vollziehen, weil der Geist in die Untergründe der Seele des Menschen ging. Da blieb denn bis in unsere Zeit die Sache so, daß man die Anlehnung an die äußere Natur brauchte. Aber die äußere Natur gibt kein Sinnbild, kein vollständiges Sinnbild vom Schicksale des Menschen im Tode. Der Todesgedanke, er konnte fortleben. Der Auferstehungsgedanke ist immer mehr und mehr geschwunden. Und wenn auch von der Auferstehung als einem Glaubensinhalte gesprochen wird, lebendig ist die Auferstehungstatsache der Menschheit der neueren Zeit nicht. Sie muß es wieder werden, sie muß es dadurch werden, daß anthroposophische Anschauung den Menschensinn wieder erweckt für den wahren Auferstehungsgedanken.

[ 38 ] Wenn daher auf der einen Seite, wie das zur rechten Zeit gesagt worden ist, dem anthroposophischen Gemüte der Michaelsgedanke naheliegen muß als der ankündigende Gedanke, wenn sich dem anthroposophischen Gemüte der Weihnachtsgedanke vertiefen muß, der Ostergedanke muß ein besonders festlicher werden. Denn Anthroposophie muß hinzufügen zu dem Todesgedanken den Auferstehungsgedanken. Sie muß selber werden wie ein inneres Auferstehungsfest der Menschenseele. Sie muß eine österliche Stimmung in die Weltanschauung des Menschen bringen. Sie wird es bringen können, wenn verstanden wird, wie der alte Mysteriengedanke in dem wahrhaft erfaßten Ostergedanken weiterleben kann, wenn eine richtige Anschauung ersteht von Leib, Seele und Geist des Menschen und von dem Schicksal von Leib, Seele und Geist des Menschen in der physischen, seelischen und geistig-himmlischen Welt.