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Anthroposophie
Eine Zusammenfassung nach einundzwanzig Jahren
GA 234

19 Januar 1924, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde, wenn ich nun versuchen werde, eine Art von Einführung in die Anthroposophie selbst zu geben, so soll das so geschehen, daß darinnen womöglich eine Anleitung zugleich gegeben ist für die Art, wie man vor der Welt Anthroposophie heute vertreten kann. Aber ich will eben doch einige einleitende Worte der Sache noch vorausschicken. Es wird gewöhnlich nicht genügend berücksichtigt, daß das Geistige ein Lebendiges ist; und dasjenige, was lebt, muß auch im vollen Leben erfaßt werden. Wir dürfen einfach nicht, indem wir uns als die Träger der anthroposophischen Bewegung in der Anthroposophischen Gesellschaft fühlen, gewissermaßen die Hypothese voraussetzen, jeden Tag beginne die anthroposophische Bewegung. Sie ist eben mehr als zwei Jahrzehnte da, und die Welt hat Stellung zu ihr genommen. Daher muß bei jeder Art, sich im anthroposophischen Sinne zur Welt zu verhalten, dies Gefühl stehen, daß man es zu tun hat mit etwas, wozu die Welt Stellung genommen hat; es muß im Hintergrunde stehen, dieses Gefühl. Hat man dieses Gefühl nicht und denkt, man vertritt einfach da im absoluten Sinne, wie man es auch vor zwei Jahrzehnten hätte machen können, Anthroposophie, dann wird man immer weiter und weiter darinnen fortfahren, diese Anthroposophie vor der Welt in ein schiefes Licht zu bringen. Und das ist ja gerade genug geschehen. Es sollte eben dem ein Ende gemacht werden auf der einen Seite, und es sollte auf der anderen Seite demgegenüber ein Anfang gegeben werden durch unsere Weihnachtstagung. Diese darf nicht ohne Auswirkung bleiben, wie ich schon nach den verschiedensten Richtungen hin angedeutet habe.

[ 2 ] Gewiß, es kann nicht jedem Mitgliede der Anthroposophischen Gesellschaft zugemutet werden, irgendwie sozusagen nun sich neue Impulse zu geben, wenn ihm das nicht seiner Seelenverfassung nach gegeben ist. Jeder hat das Recht, weiter, ich möchte sagen, ein teilnahmsvolles Mitglied zu sein, das die Dinge aufnimmt, und das sich damit begnügt, die Dinge aufzunehmen. Wer aber teilnehmen will an der Vertretung der Anthroposophie vor der Welt in irgendeiner Form, der kann nicht vorübergehen an dem, was ich auseinandergesetzt habe. In dieser Beziehung muß in die Zukunft hinein nicht nur in Worten, sondern im Tun die vollste Wahrheit herrschen.

[ 3 ] Nun, meine lieben Freunde, ich werde noch öfter solche einleitenden Worte sprechen. Wollen wir nun damit beginnen, eine Art von Einführung in die anthroposophische Weltanschauung zu geben.

[ 4 ] Wer über Anthroposophie etwas sprechen will, muß voraussetzen, daß zunächst dasjenige, was er sprechen will, eigentlich nichts anderes ist als im letzten Grunde das, was das Herz seines Zuhörers durch sich selber sagt. In aller Welt ist niemals durch irgendeine Initiations- oder Einweihungswissenschaft irgend etwas anderes beabsichtigt gewesen, als auszusprechen, was im Grunde genommen die Herzen derjenigen durch sich selbst sprechen, die das Betreffende hören wollen. So daß eigentlich das im allereminentesten Sinne der Grundton anthroposophischer Darstellung sein muß, aufzutreffen auf das, was das tiefste Herzensbedürfnis derjenigen Menschen ist, die Anthroposophie nötig haben.

[ 5 ] Wenn man heute auf diejenigen Menschen hinschaut, die über die Oberfläche des Lebens hinauskommen, so sieht man, daß alte, durch die Zeiten gehende Empfindungen einer jeden Menschenseele sich erneuert haben. Man sieht, daß die Menschen heute in ihrem Unterbewußtsein schwere Fragen haben, Fragen, die nicht einmal in klare Gedanken gebracht werden können, geschweige denn durch dasjenige, was in der zivilisierten Welt vorhanden ist, eine Antwort finden können. Aber vorhanden sind diese Fragen. Und sie sind tief vorhanden bei einer großen Anzahl von Menschen. Sie sind eigentlich vorhanden bei allen wirklich denkenden Menschen der Gegenwart. Wenn man aber diese Fragen in Worte faßt, so scheint es zunächst, als ob sie weit hergeholt wären, und sie sind doch so nahe. Sie sind in aller unmittelbarster Nähe der Menschenseele, der denkenden Menschen.

[ 6 ] Zwei Fragen kann man aus dem ganzen Umfang der Rätsel, die heute den Menschen bedrücken, zunächst stellen. Die eine Frage, sie ergibt sich für die Menschenseele dann, wenn diese Menschenseele auf das eigene menschliche Dasein schaut und auf die Weltumgebung. Die Menschenseele sieht den Menschen hereinkommen durch die Geburt in das irdische Dasein. Sie sieht das Leben verlaufen zwischen der Geburt oder Empfängnis und dem physischen Tode. Sie sieht dieses Leben verlaufen mit den mannigfaltigsten inneren und äußeren Erlebnissen. Und diese Menschenseele sieht auch draußen die Natur, all die Fülle der Eindrücke, die da an den Menschen herankommen, und die nach und nach die Menschenseele erfüllen.

[ 7 ] Und da steht nun diese Menschenseele im Menschenleibe und schaut vor allen Dingen eines: Die Natur nimmt eigentlich alles dasjenige auf, was die Menschenseele vom physischen Erdendasein sieht. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann nimmt die Natur in ihren Kräften durch irgendein Element — feuerbestattet oder erdbestattet zu werden, ist ja kein so großer Unterschied —, es nimmt die Natur durch irgendein Element den menschlichen physischen Leib auf. Aber was tut sie mit diesem physischen Leib? Sie vernichtet ihn. Die Menschenseele schaut gewöhnlich nicht nach, welche Wege die einzelnen Substanzen dieses physischen Menschenleibes nehmen; aber wenn man an denjenigen Stätten, wo eine eigentümliche Art von Bestattung ist, einmal Betrachtungen anstellt, dann vertieft sich sozusagen dieses eindrucksvolle Nachsehen dessen, was die Natur mit alldem unternimmt, was am Menschen physisch-sinnlich ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Es gibt ja unterirdische Gewölbe, da werden die menschlichen Leichname aufbewahrt, abgeschlossen, aber an der Luft aufbewahrt. Sie vertrocknen. Und was hat man nach einiger Zeit? Man hat nach einiger Zeit an diesen Leichen die verzerrte menschliche Gestalt, bestehend aus schon in sich zerstäubtem kohlensaurem Kalk. Und wenn man nur ein wenig diese kohlensaure Kalkmasse, die in Verzerrung die menschliche Gestalt nachahmt, rüttelt, so zerfällt sie in Staub.

[ 8 ] Das gibt einen tiefen Eindruck dessen, was die Seele überkommt, wenn sie nachsieht, was eigentlich geschieht mit dem, wodurch alles von dem Menschen verrichtet wird zwischen Geburt und Tod. Und der Mensch sieht dann auf die Natur hin, die ihm seine Erkenntnis liefert, aus der er alles, was er Einsichten nennt, eigentlich schöpft, und sagt sich: Diese Natur, die hervorsprießen läßt aus ihrem Schoße die wunderbarste Kristallisation, diese Natur, welche jeden Frühling aus sich hervorzaubert die sprießenden, sprossenden Pflanzen, diese Natur, welche die berindeten Bäume jahrzehntelang erhält, diese Natur, welche die Erde anfüllt mit den Tierreichen der mannigfaltigsten Art, von den größten Tieren bis zu den winzigsten Bazillen, diese Natur, welche hinaufschickt dasjenige, was sie als Wasser in sich trägt in die Wolken, diese Natur, auf die herunterstrahlt dasjenige, was doch in einer gewissen Unbekanntschaft von den Sternen herunterströmt, diese Natur, sie verhält sich zu dem, was der Mensch innerhalb ihrer zwischen Geburt und Tod an sich trägt, so, daß sie es bis in die vollständigste Verstäubung vernichtet. Für den Menschen ist die Natur mit ihren Gesetzen die Vernichterin. Man steht vor der menschlichen Gestalt; diese menschliche Gestalt, die man im Auge hat mit all dem Wunderbaren, das sie an sich trägt — und sie trägt das Wunderbare an sich, denn sie ist vollkommener als alle anderen Gestalten, welche auf der Erde auffindbar sind —, diese menschliche Gestalt, sie steht da. Und auf der anderen Seite steht die Natur mit ihren Steinen, mit ihren Pflanzen, mit ihren Tieren, mit ihren Wolken, mit Flüssen und Bergen, mit alledem, was aus dem Sternenmeere herabstrahlt, was von der Sonne auf die Erde herunterströmt an Licht und Wärme, und diese Natur, sie duldet in ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit nicht die menschliche Gestalt. Dasjenige, was als Mensch dasteht, wenn es der Natur übergeben wird, wird zerstäubt. Das sieht der Mensch. Er bildet sich nicht Ideen darüber, aber in seinem Gemüte sitzt es tief. Jedesmal, wenn der Mensch vor dem Anblicke des Todes steht, setzt es sich tief in sein Gemüt hinein. Denn nicht aus bloßem egoistischem Gefühl heraus, nicht aus einer bloßen oberflächlichen Hoffnung, fortzuleben nach dem Tode, formt sich wiederum tief im Gemüte unterbewußt eine Frage, die unendlich bedeutungsvoll in der Seele sitzt, die Glück und Unglück der Seele bedeutet, auch wenn sie nicht formuliert wird. Und alles dasjenige, was für das Bewußtsein schicksalsmäßig beim Menschen auf Erden Glück und Unglück bedeuten mag, es ist im Grunde genommen ein Geringfügiges gegenüber dem, was sich an Unsicherheit des Fühlens formuliert aus dem Anblicke des Todes. Denn da formuliert sich die Frage also: Woher kommt diese menschliche Gestalt? Ich sehe hin zu dem wunderbar geformten Kristall, ich sehe hin zu den Gestalten der Pflanzen, ich sehe hin zu den Gestalten der Tiere, ich sehe hin, wie die Flüsse über die Erde rollen, ich sehe die Berge, ich sehe alles das, was aus den Wolken spricht, was von den Sternen herunter spricht. Ich sehe alles das, so sagt sich der Mensch, aber von alledem kann nicht die menschliche Gestalt kommen, denn alles das hat nur Vernichtungskräfte, Zerstäubekräfte für die menschliche Gestalt an sich.

[ 9 ] Und da entsteht die bange Frage vor dem menschlichen Gemüte, vor dem menschlichen Herzen: Wo also ist die Welt, aus der die menschliche Gestalt kommt? Wo ist sie, diese Welt? — Aus dem Anblick des Todes geht die bange Frage hervor: Wo ist die Welt, diese andere Welt, aus der die menschliche Gestalt kommt?

[ 10 ] Sagen Sie nicht, meine lieben Freunde, daß Sie diese Frage noch nicht in dieser Weise formuliert gehört haben. Wenn man hinhört auf das, was die Menschen aus ihrem Kopfe heraus der Sprache anvertrauen, hört man diese Frage nicht formuliert. Wenn man hintritt vor die Menschen, und die Menschen die Klagen ihrer Herzen vorbringen — sie bringen manchmal die Klagen ihrer Herzen vor, indem sie irgendeine Kleinigkeit des Lebens auffassen und über diese Kleinigkeit des Lebens allerlei Betrachtungen anstellen, die sie als Nuance in ihre ganze Schicksalsfrage einfügen —, wer diese Sprache des Herzens versteht, der hört das Herz sprechen aus dem Unterbewußten heraus: Welches ist die andere Welt, aus der die menschliche Gestalt kommt, da doch der Mensch dieser Welt mit seiner Gestalt nicht angehört?

[ 11 ] Und so stellt sich vor den Menschen hin die Welt, die er erblickt, die er anschaut, die er wahrnimmt, über die er seine Wissenschaft formt, die Welt, die ihm die Unterlage gibt für die Wirkungen seiner Kunst, die Welt, die ihm die Gründe gibt für seine religiöse Verehrung, so stellt sich hin diese Welt, und der Mensch steht auf Erden und hat in den Tiefen seines Gemütes das Gefühl: Dieser Welt gehöre ich nicht an; es muß eine andere geben, die mich aus ihrem Schoße in meiner Gestalt hervorgezaubert hat. Welcher Welt gehöre ich an? — So tönt es aus den Herzen der Menschen der Gegenwart. Das ist die umfassende Frage. Und wenn die Menschen unbefriedigt sind in dem, was ihnen die heutigen Wissenschaften geben, so ist es aus dem Grunde, weil sie diese Frage in den Tiefen ihres Gemütes stellen und die Wissenschaften weit davon entfernt sind, irgendwie auch nur diese Frage zu berühren: Welches ist die Welt, der der Mensch eigentlich angehört? — denn die sichtbare Welt ist es nicht.

[ 12 ] Meine lieben Freunde, ich weiß ganz gewiß: Das, was ich zu Ihnen gesprochen habe, nicht ich habe es gesprochen, ich habe nur dem, was die Herzen sprechen, Worte verliehen. Und darum handelt es sich. Denn nicht darum kann es sich handeln, an die Menschen irgend etwas heranzutragen, was den Menschenseelen selber unbekannt ist — das kann Sensation geben —, sondern darum handelt es sich, kann es sich allein handeln, dasjenige in Worte zu bringen, was die Menschenseelen durch sich selber sprechen. Was der Mensch auch von sich selber nur ansieht, was er von seinen Mitmenschen ansieht, soweit es sichtbar ist, es gehört nicht in die übrige sichtbare Welt hinein. Kein Finger — so kann sich der Mensch sagen —, den ich an mir habe, gehört in diese Welt der Sichtbarkeit herein, denn diese Welt der Sichtbarkeit trägt für jeden Finger bloß die Vernichtungskräfte in sich.

[ 13 ] Und so steht der Mensch zunächst vor dem großen Unbekannten. Aber er steht vor diesem Unbekannten, indem er sich selber als einen Angehörigen dieses Unbekannten ansehen muß. Das heißt aber mit anderen Worten, in bezug auf alles dasjenige, was der Mensch nicht ist, ist es um ihn herum geistig licht; in dem Augenblicke, wo der Mensch auf sich selbst zurücksieht, verdunkelt sich die ganze Welt und es wird finster, und der Mensch tappt im Finsteren, indem er das Rätsel seines eigenen Wesens durch die Finsternis trägt. Und so ist es, wenn der Mensch sich von außen ansieht, wenn er sich drinnenstehen findet in der Natur als ein äußeres Wesen. Er kann als Mensch an diese Welt nicht heran.

[ 14 ] Und wieder, nicht der Kopf, aber die Tiefen des Unbewußten formulieren sich Fragen, die Unterfragen sind dieser allgemeinen Frage, die ich eben erörtert habe. Indem der Mensch sein physisches Dasein, das sein Werkzeug ist zwischen Geburt und Tod, betrachtet, weiß er: Ohne diese physische Welt kann ich dieses Dasein zwischen Geburt und Tod gar nicht leben, denn ich muß fortwährend Anleihen machen bei diesem Dasein der sichtbaren Welt. Jeder Bissen, den ich in den Mund nehme, jeder Trunk Wasser ist aus dieser Welt der Sichtbarkeit, der ich ja gar nicht angehöre. Ich kann ohne sie im physischen Dasein nicht leben. Habe ich eben einen Bissen zu mir genommen aus einer Substanz, die ja dieser sichtbaren Welt angehören muß, und gehe ich unmittelbar, nachdem ich diesen Bissen zu mir genommen habe, durch die Pforte des Todes, in dem Augenblicke gehört dasjenige, was der Bissen in mir ist, den Vernichtungskräften dieser sichtbaren Welt an. Und daß er in mir selbst nicht den Vernichtungskräften angehört, davor muß ihn mein Wesen, mein eigenes Wesen bewahren. Aber nirgends draußen in der sichtbaren Welt ist dieses eigene Wesen zu finden. Was tue ich denn mit dem Bissen, den ich in den Mund nehme, was tue ich mit dem Trunk Wasser, den ich in den Mund nehme, durch mein eigenes Wesen? Wer bin ich denn, der die Substanzen der Natur empfängt und umwandelt? Wer bin ich denn? Das ist die zweite Frage, die Unterfrage, die aus der ersten entsteht.

[ 15 ] Ich gehe nicht nur, indem ich mich in ein Verhältnis setze zu der Welt der Sichtbarkeit, durch die Finsternis, ich handle in der Finsternis, ohne zu wissen, wer handelt, ohne zu wissen, was das Wesen ist, das ich als mein Ich bezeichne. Ich bin ganz hingegeben an die sichtbare Welt; aber ich gehöre ihr nicht an.

[ 16 ] Das hebt den Menschen heraus aus der sichtbaren Welt. Das läßt ihn sich selber erscheinen als Angehörigen einer ganz anderen Welt. Und die bange, die große Zweifelsfrage steht da: Wo ist die Welt, der ich angehöre? — Und je mehr die menschliche Zivilisation vorgeschritten ist, je mehr die Menschen intensiv denken gelernt haben, desto mehr ist diese Frage eine bange Frage geworden. Und sie sitzt heute in den Tiefen der Gemüter. Die Menschen teilen sich, insofern sie der zivilisierten Welt angehören, eigentlich nur in zwei Klassen in bezug auf diese Frage. Die einen drängen sie hinunter, würgen sie hinunter, bringen sie sich nicht zur Klarheit, aber leiden darunter, als unter einer furchtbaren Sehnsucht, dieses Menschenrätsel zu lösen; die anderen betäuben sich gegenüber dieser Frage, reden sich allerlei Dinge aus dem äußeren Dasein vor, um sich zu betäuben. Und in dem sie sich betäuben, tilgen sie in sich selber das feste Gefühl des eigenen Seins aus. Nichtigkeit befällt ihre Seele. Und dieses Gefühl der Nichtigkeit sitzt heute im Unterbewußten unzähliger Menschen.

[ 17 ] Das ist die eine Seite, die eine große Frage mit der erwähnten Unterfrage. Sie ersprießt, wenn der Mensch sich von außen ansieht und sein Verhältnis als Mensch zwischen Geburt und Tod zur Welt auch nur ganz gedämpft, unterbewußt wahrnimmt.

[ 18 ] Die andere Frage aber entsteht, wenn der Mensch in sein eigenes Inneres sieht. Da ist der andere Pol des menschlichen Daseins. Da drinnen sitzen die Gedanken. Sie bilden die äußere Natur ab. Der Mensch stellt durch seine Gedanken die äußere Natur vor. Der Mensch entwickelt Empfindungen, Gefühle über die äußere Natur. Der Mensch wirkt durch seinen Willen auf die äußere Natur. Der Mensch sieht zunächst auf sein eigenes Inneres zurück. Das wogende Denken, Fühlen und Wollen steht vor seiner Seele. So steht er mit seiner Seele in der Gegenwart darinnen. Dazu kommen die Erinnerungen an gehabte Erlebnisse, die Erinnerungen an Dinge, die man in früheren Zeiten des gegenwärtigen Erdendaseins gesehen hat. Das alles füllt die Seele aus. Was ist es?

[ 19 ] Nun bildet sich der Mensch nicht klare Ideen über dasjenige, was er da eigentlich in sich drinnen behält; aber das Unterbewußte bildet diese Ideen. Eine einzige Migräne, die die Gedanken verscheucht, macht sogleich das Innere des Menschen zu einer Rätselfrage. Und jeder Schlafzustand macht es zu einer Rätselfrage, wenn der Mensch regungslos daliegt und ihm die Möglichkeit fehlt, durch seine Sinne sich in Korrespondenz mit der Außenwelt zu setzen. Der Mensch fühlt, sein physischer Leib muß rege sein, dann treten die Gedanken, die Gefühle, die Willensimpulse in seiner Seele auf. Aber der Stein, den ich soeben betrachtet habe, der vielleicht diese oder jene Kristallgestalt hat — ich wende mich von ihm ab, nach einiger Zeit wende ich mich ihm wieder zu —, er ist so geblieben, wie er ist. Mein Gedanke, er steigt auf, er stellt sich als Bild in der Seele dar, er glimmt wieder hinunter. Er wird als unendlich viel wertvoller empfunden als die Muskeln, als die Knochen, die der Mensch in sich trägt, aber er ist etwas Verfliegendes, er ist ein bloßes Bild. Er ist weniger als ein Bild, das ich an der Wand hängen habe; denn das Bild, das ich an der Wand hängen habe, bleibt eine Zeitlang bestehen, bis es durch seine Substanz zerfällt. Der Gedanke fliegt vorüber. Der Gedanke ist ein Bild, das fortwährend entsteht und vergeht, ein fluktuierendes, ein kommendes und gehendes Bild, ein Bild, das in seinem Bilddasein sein Genügen hat. Und dennoch, blickt der Mensch in das Innere seiner Seele hinein, er hat nichts anderes als diese Vorstellungsbilder. Er kann nichts anderes sagen als: sein Seelisches besteht in diesen Vorstellungsbildern.

[ 20 ] Noch einmal blicke ich auf den Stein hin. Er ist da draußen im Raume., Er bleibt. Ich stelle ihn jetzt vor, ich stelle ihn in einer Stunde vor, ich stelle ihn in zwei Stunden vor. Der Gedanke verschwindet immer wiederum dazwischen, er muß immer erneuert werden. Der Stein bleibt draußen. Was trägt den Stein von Stunde zu Stunde? Was läßt den Gedanken fluktuieren von Stunde zu Stunde? Was erhält und bewahrt den Stein von Stunde zu Stunde? Was vernichtet den Gedanken immer wiederum, so daß er neuerdings angefacht sein muß an dem äußeren Anblick? Was ist das, was den Stein erhält? Man sagt: Er ist. Das Sein kommt ihm zu. — Dem Gedanken kommt nicht das Sein zu. Der Gedanke kann die Farbe des Steins erfassen, der Gedanke kann die Form des Steins erfassen; aber dasjenige, wodurch der Stein sich bewahrt, kann er nicht fassen. Das bleibt draußen. Das bloße Bild tritt in die Seele hinein.

[ 21 ] Und so ist es mit jeglichen Dingen der äußeren Natur in dem Verhältnis zur Menschenseele. Der Mensch kann auf diese Menschenseele hinblicken auf sein eigenes Inneres. Die ganze Natur spiegelt sich in dieser Menschenseele. Aber seine Seele hat nur fluktuierende Bilder, die gewissermaßen die Oberflächen der Dinge abheben, aber das Innere der Dinge dringt nicht in diese Bilder hinein. Ich gehe mit meinen Vorstellungen durch die Welt. Ich hebe überall die Oberfläche von den Dingen ab, aber dasjenige, was die Dinge sind, bleibt draußen. Ich trage meine Seele durch diese Welt, die mich umgibt, aber diese Welt bleibt draußen. Und dasjenige, was drinnen ist, an das kommt die Außenwelt mit ihrem eigentlichen Sein nicht heran. Und wenn der Mensch im Anblicke des Todes vor der Welt, die ihn umgibt, so dasteht, muß er sich sagen: Dieser Welt gehöre ich nicht an, denn ich dringe an diese Welt nicht heran, mein Wesen gehört einer anderen Welt an; diese Welt, ich kann an sie nicht herandringen, solange ich im physischen Leibe lebe. Und dringt mein Leib nach meinem Tode an diese äußere Welt heran, so kann er nicht heran, denn dann ist jeder Schritt, den er macht, Vernichtung für ihn. Da draußen ist die Welt. Dringt der Mensch in sie hinein, sie vernichtet ihn, sie duldet ihn nicht in sich mit seiner Wesenheit. Will aber die äußere Welt in die Menschenseele hinein, so kann sie das auch nicht. Die Gedanken sind Bilder, die außerhalb des Wesens, des Seins der Dinge stehen. Das Sein der Steine, das Sein der Pflanzen, das Sein der Tiere, das Sein der Sterne, der Wolken, es kommt nicht herein in die Menschenseele. Eine Welt umgibt den Menschen, die nicht an seine Seele heran kann, die draußen bleibt.

[ 22 ] Auf der einen Seite bleibt der Mensch — es wird ihm das klar im Anblicke des Todes — außerhalb der Natur. Auf der anderen Seite bleibt die Natur außerhalb seiner Seele. Der Mensch blickt sie als ein Äußeres an. Es muß ihm die bange Frage aufsteigen nach einer anderen Welt. Der Mensch blickt nach dem, was ihm am intimsten, am vertrautesten ist in seinem eigenen Inneren. Der Mensch blickt hin nach jedem Gedanken, nach jeder Vorstellung, nach jeder Empfindung, nach jedem Gefühl, nach jedem Willensimpuls: an nichts dringt die Natur, in der er lebt, heran; er hat sie nicht.

[ 23 ] Da ist die scharfe Grenze zwischen dem Menschen und der Natur. Der Mensch kann nicht an die Natur heran, ohne daß er vernichtet wird. Die Natur kann nicht in das Innere des Menschen hinein, ohne daß sie zum Schein wird. Der Mensch hat, indem er sich selber in die Natur hineindenkt, die krasse Vernichtung allein, die er vorstellen muß. Der Mensch hat, indem er in sich hineinblickt und frägt: Wie steht die Natur zu meiner Seele? — nichts anderes als den wesenlosen Schein in seiner Seele von der Natur.

[ 24 ] Aber indem der Mensch diesen Schein in sich trägt von Mineralien, Pflanzen, Tieren, Sternen, Sonnen, Wolken, Bergen, Flüssen, und indem er in sich trägt in seiner Erinnerung den Schein von all den Erlebnissen, die er durchgemacht hat mit diesen Reichen der äußeren Natur, hat der Mensch, indem er alles dieses als sein flutendes Inneres erlebt, aufsteigend in diesem Fluten sein eigenes Seinsgefühl.

[ 25 ] Und wie ist es nun? Wie erlebt der Mensch dieses Seinsgefühl? Er erlebt es etwa in der folgenden Weise. Das kann man vielleicht nur durch ein Bild ausdrücken. Man schaue hin auf ein weites Meer. Die Wogen gehen auf und ab. Da eine Woge, dort eine Woge, überall Wogen, die von sich aufbäumendem Wasser herrühren. Da wird der Blick gefesselt durch eine besondere Woge. Denn diese eine besondere Woge zeigt, daß in ihr etwas lebt, daß das nicht bloß aufgepeitschtes Meer ist, daß hinter dieser Woge etwas lebt. Aber das Wasser umhüllt dieses Lebende von allen Seiten. Man weiß nur, daß etwas drinnen lebt in dieser Woge, aber man sieht auch in dieser Woge nichts anderes als das dieses Leben umhüllende Wasser. Die Woge sieht aus wie die anderen Wogen. Nur an der Stärke ihres Aufspringens, an der Kraft, mit der sie sich hinstellt, hat man das Gefühl, da lebt etwas Besonderes in ihr. Sie geht wieder hinunter, diese Woge. An einer anderen Stelle erscheint sie wiederum, wiederum verdeckt das Wasser der Woge dasjenige, was sie innerlich belebt. So ist es mit dem Seelenleben des Menschen. Da wogen auf Vorstellungen, Gedanken, da wogen auf Gefühle, da wogen auf Willensimpulse; überall Wogen. Eine der Wogen, die taucht herauf in einem Gedanken, in einem Willensentschluß, in einem Gefühl. Ich ist da drinnen. Aber die Gedanken oder die Gefühle oder die Willensimpulse, sie verdecken wie das Wasser in der Wasserwoge das Lebendige. Sie verdecken dasjenige, was als Ich drinnensteckt. Und der Mensch weiß nicht, was er selbst ist. Denn alles, was sich ihm zeigt an der Stelle, von der er nur weiß: da wogt mein Selbst herauf, da wogt mein eigenes Sein herauf, all dasjenige, was sich ihm zeigt, ist nur Schein. Der Schein in der Seele verdeckt das Sein, das ja ganz gewiß da ist, das der Mensch erfühlt, innerlich erlebt. Aber der Schein deckt es ihm zu, wie das Wasser der Wasserwoge ein Lebendiges zudeckt, das heraufkommt aus den Tiefen des Meeres, das man nicht kennt. Und der Mensch fühlt sein eigenes wahres Wesen verhüllt durch die Scheingebilde seiner eigenen Seele. Und es ist, als ob der Mensch sich fortwährend an sein Sein anklammern wollte, als ob er es irgendwo erfassen wollte. Er weiß, es ist da. Aber in dem Augenblicke, wo er es erfassen will, entschlüpft es ihm schon wieder, eilt von ihm fort. Der Mensch ist nicht imstande, das, was er weiß, was er ist, ein seiendes Wesen, in dem Gewoge seiner Seele zu erfassen. Und wenn dann der Mensch darauf kommt, daß dieses wogende Scheinleben der Seele etwas zu tun hat mit jener anderen Welt, die ihm vor die Vorstellung tritt, wenn er in die Natur hinausschaut, dann, dann tritt erst recht ein furchtbares Rätsel auf. Das Naturrätsel ist wenigstens ein solches, das sozusagen im Erleben vorhanden ist. Das Rätsel der eigenen Seele ist nicht im Erleben vorhanden, weil es selber lebt, weil es sozusagen lebendes Rätsel ist, weil es auf die fortdauernde Frage des Menschen: Was bin ich? — dasjenige vor ihn hinstellt, was bloßer Schein ist.

[ 26 ] Indem der Mensch in das eigene Innere blickt, wird er gewahr, daß dieses Innere ihm fortwährend die Antwort gibt: Ich zeige dir von dir selbst nur einen Schein; und schreibst du dich von einem geistigen Dasein her, ich zeige dir in deinem Seelenleben von diesem geistigen Dasein einen Schein.

[ 27 ] Und so treten prüfende Fragen von zwei Seiten an das Menschenleben heute heran. Die eine Frage, sie entsteht daraus, daß der Mensch gewahr wird (Tafelanschrift):

[ 28 ] Es giebt eine Natur, aber der Mensch / kann an diese Natur nur heran, / indem er sich von ihr vernichten laßt.

[ 29 ] Die andere (Tafelanschrift):

[ 30 ] Es giebt eine Menschenseele, aber die Natur / kann an diese Menschenseele nur heran, indem / sie zum Scheingebilde wird.

[ 31 ] Diese beiden Erkenntnisse leben in dem Unterbewußtsein des heutigen Menschen.

[ 32 ] Und nun wendet sich der Mensch hin zu dem, was da lebt, aus alten Zeiten in unsere Gegenwart herein übertragen. Da steht die unbekannte Natur, die des Menschen Vernichterin ist; da steht das Scheingebilde der Menschenseele, an das diese Natur nicht herangebracht werden kann, obzwar der Mensch sein physisches Dasein nur unter den Anleihen an diese Natur vollenden kann. Da steht der Mensch sozusagen in einer doppelten Finsternis. Und die Frage taucht auf: Wo ist die andere Welt, der ich angehöre?

[ 33 ] Und die geschichtliche Tradition steigt auf. Da gab es einmal eine Wissenschaft, die sprach von dieser unbekannten Welt. Man wendet sich zurück in alte Zeiten. Man bekommt große Ehrfurcht vor dem, was alte Zeiten wissenschaftlich bekunden wollten von dieser anderen Welt, die überall in der Natur drinnenliegt. Wenn man aber die Natur nur richtig zu behandeln weiß, enthüllt sich vor dem menschlichen Blick diese andere Welt.

[ 34 ] Aber das neuere Bewußtsein hat diese alte Wissenschaft fallen gelassen. Sie gilt nicht mehr. Sie ist überliefert, aber sie gilt nicht mehr. Der Mensch kann nicht mehr das Vertrauen haben, daß ihm dasjenige, was einmal die Menschen in einer alten Zeit wissenschaftlich über die Welt erkundet haben, heute auf seine bange Frage, die aus diesen zwei unterbewußten Tatsachen sprießt, Antwort gibt. Da tut sich ein zweites vor dem Menschen kund: die Kunst.

[ 35 ] Aber wiederum zeigt sich in der Kunst eines. In der Kunst zeigt sich, wie aus alten Zeiten Kunstbehandlung heraufkommt: Durchgeistigung des physischen Stoffes. Der Mensch kann durch Tradition manches von dem empfangen, was an alter künstlerischer Durchgeistigung erhalten geblieben ist. Aber gerade wenn in seinem Uhnterbewußtsein eine echte Künstlernatur sitzt, fühlt er sich heute unbefriedigt, weil er dasjenige nicht mehr handhaben kann, was selbst noch Raffael hineingezaubert hat in die menschliche irdische Gestalt als den Abglanz einer anderen Welt, der der Mensch mit seinem eigentlichen Sein angehört. Wo ist denn heute der Künstler, der die physisch-irdische Substanz in einer solchen Weise stilvoll zu behandeln weiß, daß diese physisch-irdische Substanz den Abglanz jener anderen Welt zeigt, der der Mensch eigentlich angehört?

[ 36 ] Bleibt als drittes aus alten Zeiten traditionell erhalten die Religion. Sie weist die menschliche Empfindung, das menschliche Frommsein auf jene andere Welt hin. Einstmals ist diese Religion dadurch entstanden, daß der Mensch die Offenbarungen der Natur, die ihm eigentlich so fern steht, empfangen hat. Und wenn wir den geistigen Blick um Jahrtausende zurücksenden, dann treffen wir auf Menschen, die auch gefühlt haben: Es gibt eine Natur, aber der Mensch kann an diese Natur nur heran, indem er sich von ihr vernichten läßt. Ja, auch die Menschen vor Jahrtausenden haben das in den Tiefen ihrer Seele empfunden; aber sie blickten hin — noch bei den Agyptern war das so — auf den Leichnam, der gewissermaßen wie in eine Art Weltenmoloch hineingeht in die äußere Natur, als Leichnam vernichtet wird. Sie sahen nach; aber sie sahen: in dasselbe Tor, hinter dem der menschliche Leichnam vernichtet wird, geht auch die menschliche Seele. Niemals hätten diese Ägypter ihre Mumien gebildet, wenn der Mensch nicht, nachschauend in alten Zeiten der Seele, gesehen hätte: durch dasselbe Tor hindurch, durch das der Leichnam geht, hinter dem die Leichname vernichtet werden, geht auch die Seele. Aber die Seele geht weiter. Diese Menschen der alten Zeiten fühlten, wie diese Seele größer und größer wird und aufgeht in den Kosmos. Und dann sahen sie dasjenige, was in die Erde hinein verschwunden ist, in die Elemente hinein verschwunden ist, sie sahen es wie wiederum aus den Weltenweiten, aus den Sternen zurückkommen; sie sahen im Tode die Menschenseele verschwinden, zunächst hinter das Tor des Todes, dann hinter dem Tor des Todes sahen sie diese Menschenseele auf dem Wege zur anderen Welt, und sie sahen sie wieder zurückkommen aus den Sternen. Das war die alte Religion: Weltenoffenbarung. Weltenoffenbarung aus der Stunde des Todes, Weltenoffenbarung aus der Stunde der Geburt. Die Worte haben sich erhalten. Der Glaube hat sich erhalten. Aber dasjenige, was er enthält, hat es noch einen Bezug zur Welt?

[ 37 ] Es ist in weltenfremder Literatur, religiöser weltenfremder Literatur und Tradition erhalten. Es steht ferne der Welt selbst. Und keine Beziehung mehr kann der Mensch der gegenwärtigen Zivilisation von dem, was ihm religiös überliefert ist, zu demjenigen erblicken, was jetzt die bange Frage ist. Denn er schaut in die Natur hinaus, sieht allein, indem er auf den Tod hinblickt, den menschlichen physischen Leib durch das Tor des Todes gehen und jenseits des Todes der Vernichtung anheimfallen. Dann sieht er hereinkommen durch die Geburt die menschliche Gestalt. Und er muß sich sagen: Woher kommt sie? Überall, wohin ich schaue, erblicke ich nichts, woher sie kommt. Denn aus den Sternen sieht er sie nicht mehr kommen, wie er nicht mehr den Blick dafür hat, sie jenseits der Pforte des Todes zu erblikken. Und Religion ist zum inhaltslosen Worte geworden. Der Mensch hat um sich herum in der Zivilisation dasjenige, was alte Zeiten als Wissenschaft, als Kunst, als Religion besessen haben. Aber die Wissenschaft der Alten ist fallengelassen worden. Die Kunst der Alten wird nicht mehr in ihrer Innerlichkeit empfunden, und was ihr als Ersatz entgegentritt, ist dasjenige, was der Mensch nicht aus der physischen Substanz heraufheben kann bis zum Erstrahlen des Geistigen in dem physischen Stoffe.

[ 38 ] Und geblieben ist aus alten Zeiten das Religiöse, Aber das Religiöse knüpft nirgends an die Welt an. Trotz des Religiösen bleibt die Welt im Verhältnis zum Menschen jenes Rätsel. Dann blickt der Mensch in sein Inneres hinein. Er hört die Stimme des Gewissens sprechen. In alten Zeiten war die Stimme des Gewissens die Stimme desjenigen Gottes, der die Seele führte über die Regionen hin, in denen der Leichnam vernichtet wird, der die Seele führte und ihr die Gestalt gab zum irdischen Leben: Derselbe Gott war es, der dann in der Seele sprach als die Stimme des Gewissens. Jetzt ist auch die Stimme des Gewissens äußerlich geworden. Die Moralgesetze führen sich nicht mehr zurück auf die göttlichen Impulse. Der Mensch blickt zunächst auf das Historische. Der Mensch blickt auf dasjenige, was ihm aus alten Zeiten geblieben ist. Er kann nur die Ahnung haben: Die beiden großen Daseinsfragen haben die Alten in anderer Weise empfunden, als du sie heute empfindest; daher haben sie sich in einer gewissen Weise Antwort geben können. Du kannst dir nicht mehr Antwort geben. Die Rätsel schweben vor dir, vernichtend für dich, weil sie dir nach dem Tode nur deine Vernichtung, weil sie deiner Seele im Leben nur den Schein zeigen.

[ 39 ] So steht einmal der Mensch heute vor der Welt. Und aus dieser Empfindung heraus entstehen jene Fragen, die Anthroposophie beantworten soll. Die Herzen sprechen aus diesen beiden Empfindungen heraus. Und die Herzen sprechen: Wo ist die Welterkenntnis, welche diesen Empfindungen gerecht wird?

[ 40 ] Diese Welterkenntnis möchte Anthroposophie sein. Und sie möchte so über Welt und Menschen sprechen, daß wiederum etwas da sein kann, was verstanden werden kann mit dem modernen Bewußtsein, wie verstanden worden ist alte Wissenschaft, alte Kunst, alte Religion mit dem alten Bewußtsein. Anthroposophie hat durch die Stimme des menschlichen Herzens selber ihre gewaltige Aufgabe. Sie ist nichts anderes als Menschensehnsucht der Gegenwart. Sie wird leben müssen, weil sie die Menschensehnsucht der Gegenwart ist. Das, meine lieben Freunde, will Anthroposophie sein. Sie entspricht dem, was der Mensch am heißesten ersehnt für sein äußeres, für sein inneres Dasein. Und die Frage entsteht: Kann es heute eine solche Weltanschauung geben? Der Welt hat diese Antwort zu geben die Anthroposophische Gesellschaft. Die Anthroposophische Gesellschaft muß den Weg finden, die Herzen der Menschen aus ihren tiefsten Sehnsuchten heraus sprechen zu lassen. Dann werden diese menschlichen Herzen eben auch die tiefste Sehnsucht nach den Antworten empfinden.