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Anthroposophy
A Summary After Twenty-one Years
GA 234

19 January 1924, Dornach

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Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Meine lieben Freunde, wenn ich nun versuchen werde, eine Art von Einführung in die Anthroposophie selbst zu geben, so soll das so geschehen, daß darinnen womöglich eine Anleitung zugleich gegeben ist für die Art, wie man vor der Welt Anthroposophie heute vertreten kann. Aber ich will eben doch einige einleitende Worte der Sache noch vorausschicken. Es wird gewöhnlich nicht genügend berücksichtigt, daß das Geistige ein Lebendiges ist; und dasjenige, was lebt, muß auch im vollen Leben erfaßt werden. Wir dürfen einfach nicht, indem wir uns als die Träger der anthroposophischen Bewegung in der Anthroposophischen Gesellschaft fühlen, gewissermaßen die Hypothese voraussetzen, jeden Tag beginne die anthroposophische Bewegung. Sie ist eben mehr als zwei Jahrzehnte da, und die Welt hat Stellung zu ihr genommen. Daher muß bei jeder Art, sich im anthroposophischen Sinne zur Welt zu verhalten, dies Gefühl stehen, daß man es zu tun hat mit etwas, wozu die Welt Stellung genommen hat; es muß im Hintergrunde stehen, dieses Gefühl. Hat man dieses Gefühl nicht und denkt, man vertritt einfach da im absoluten Sinne, wie man es auch vor zwei Jahrzehnten hätte machen können, Anthroposophie, dann wird man immer weiter und weiter darinnen fortfahren, diese Anthroposophie vor der Welt in ein schiefes Licht zu bringen. Und das ist ja gerade genug geschehen. Es sollte eben dem ein Ende gemacht werden auf der einen Seite, und es sollte auf der anderen Seite demgegenüber ein Anfang gegeben werden durch unsere Weihnachtstagung. Diese darf nicht ohne Auswirkung bleiben, wie ich schon nach den verschiedensten Richtungen hin angedeutet habe.

[ 1 ] My dear friends, as I now attempt to provide a kind of introduction to anthroposophy itself, I intend to do so in such a way that it also serves, as far as possible, as a guide to how anthroposophy can be presented to the world today. But I would still like to preface this with a few introductory remarks. It is usually not sufficiently taken into account that the spiritual is a living reality; and that which is alive must also be grasped in its full vitality. We simply must not—by feeling ourselves to be the bearers of the anthroposophical movement within the Anthroposophical Society—assume, as it were, the hypothesis that the anthroposophical movement begins anew every day. It has been in existence for more than two decades, and the world has taken a stance toward it. Therefore, in any way we relate to the world in the anthroposophical sense, there must be this sense that we are dealing with something toward which the world has taken a stance; this sense must be present in the background. If one lacks this feeling and thinks one is simply representing anthroposophy in an absolute sense—just as one might have done two decades ago—then one will continue further and further down the path of casting this anthroposophy in a negative light before the world. And that has already happened all too often. On the one hand, this must be brought to an end, and on the other hand, our Christmas Conference should mark a new beginning. This conference must not remain without effect, as I have already indicated in various ways.

[ 2 ] Gewiß, es kann nicht jedem Mitgliede der Anthroposophischen Gesellschaft zugemutet werden, irgendwie sozusagen nun sich neue Impulse zu geben, wenn ihm das nicht seiner Seelenverfassung nach gegeben ist. Jeder hat das Recht, weiter, ich möchte sagen, ein teilnahmsvolles Mitglied zu sein, das die Dinge aufnimmt, und das sich damit begnügt, die Dinge aufzunehmen. Wer aber teilnehmen will an der Vertretung der Anthroposophie vor der Welt in irgendeiner Form, der kann nicht vorübergehen an dem, was ich auseinandergesetzt habe. In dieser Beziehung muß in die Zukunft hinein nicht nur in Worten, sondern im Tun die vollste Wahrheit herrschen.

[ 2 ] Certainly, not every member of the Anthroposophical Society can be expected to, so to speak, give themselves new impetus in some way if their state of mind does not allow for it. Everyone has the right to continue—I would say—to be a participating member who takes things in and is content simply to take them in. But anyone who wishes to participate in representing anthroposophy to the world in any form cannot ignore what I have explained. In this regard, the fullest truth must prevail in the future—not only in words, but in deeds.

[ 3 ] Nun, meine lieben Freunde, ich werde noch öfter solche einleitenden Worte sprechen. Wollen wir nun damit beginnen, eine Art von Einführung in die anthroposophische Weltanschauung zu geben.

[ 3 ] Well, my dear friends, I will be offering such introductory remarks more often. Let us now begin by providing a kind of introduction to the anthroposophical worldview.

[ 4 ] Wer über Anthroposophie etwas sprechen will, muß voraussetzen, daß zunächst dasjenige, was er sprechen will, eigentlich nichts anderes ist als im letzten Grunde das, was das Herz seines Zuhörers durch sich selber sagt. In aller Welt ist niemals durch irgendeine Initiations- oder Einweihungswissenschaft irgend etwas anderes beabsichtigt gewesen, als auszusprechen, was im Grunde genommen die Herzen derjenigen durch sich selbst sprechen, die das Betreffende hören wollen. So daß eigentlich das im allereminentesten Sinne der Grundton anthroposophischer Darstellung sein muß, aufzutreffen auf das, was das tiefste Herzensbedürfnis derjenigen Menschen ist, die Anthroposophie nötig haben.

[ 4 ] Anyone who wishes to speak about anthroposophy must assume that, first and foremost, what they wish to say is, in the final analysis, nothing other than what the heart of their listener is already saying through itself. Throughout the world, no science of initiation or initiation rites has ever intended anything other than to give voice to what, in essence, the hearts of those who wish to hear it are already saying of their own accord. Thus, in the most eminent sense, the fundamental tone of anthroposophical presentation must be to address the deepest heartfelt need of those people who require anthroposophy.

[ 5 ] Wenn man heute auf diejenigen Menschen hinschaut, die über die Oberfläche des Lebens hinauskommen, so sieht man, daß alte, durch die Zeiten gehende Empfindungen einer jeden Menschenseele sich erneuert haben. Man sieht, daß die Menschen heute in ihrem Unterbewußtsein schwere Fragen haben, Fragen, die nicht einmal in klare Gedanken gebracht werden können, geschweige denn durch dasjenige, was in der zivilisierten Welt vorhanden ist, eine Antwort finden können. Aber vorhanden sind diese Fragen. Und sie sind tief vorhanden bei einer großen Anzahl von Menschen. Sie sind eigentlich vorhanden bei allen wirklich denkenden Menschen der Gegenwart. Wenn man aber diese Fragen in Worte faßt, so scheint es zunächst, als ob sie weit hergeholt wären, und sie sind doch so nahe. Sie sind in aller unmittelbarster Nähe der Menschenseele, der denkenden Menschen.

[ 5 ] When one looks today at those people who rise above the surface of life, one sees that the ancient, timeless feelings within every human soul have been renewed. One sees that people today have profound questions in their subconscious—questions that cannot even be formulated into clear thoughts, let alone find an answer through what is available in the civilized world. But these questions do exist. And they are deeply present in a large number of people. In fact, they are present in all truly thinking people of the present day. Yet when one puts these questions into words, it seems at first as if they were far-fetched, and yet they are so close. They are in the very immediate vicinity of the human soul, of thinking people.

[ 6 ] Zwei Fragen kann man aus dem ganzen Umfang der Rätsel, die heute den Menschen bedrücken, zunächst stellen. Die eine Frage, sie ergibt sich für die Menschenseele dann, wenn diese Menschenseele auf das eigene menschliche Dasein schaut und auf die Weltumgebung. Die Menschenseele sieht den Menschen hereinkommen durch die Geburt in das irdische Dasein. Sie sieht das Leben verlaufen zwischen der Geburt oder Empfängnis und dem physischen Tode. Sie sieht dieses Leben verlaufen mit den mannigfaltigsten inneren und äußeren Erlebnissen. Und diese Menschenseele sieht auch draußen die Natur, all die Fülle der Eindrücke, die da an den Menschen herankommen, und die nach und nach die Menschenseele erfüllen.

[ 6 ] Two questions can be posed initially from the entire scope of the mysteries that weigh heavily on people today. The first question arises for the human soul when it looks upon its own human existence and the world around it. The human soul sees the human being entering earthly existence through birth. It sees life unfolding between birth—or conception—and physical death. It sees this life unfolding with the most diverse inner and outer experiences. And this human soul also sees nature outside, all the abundance of impressions that come to the human being and that gradually fill the human soul.

[ 7 ] Und da steht nun diese Menschenseele im Menschenleibe und schaut vor allen Dingen eines: Die Natur nimmt eigentlich alles dasjenige auf, was die Menschenseele vom physischen Erdendasein sieht. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann nimmt die Natur in ihren Kräften durch irgendein Element — feuerbestattet oder erdbestattet zu werden, ist ja kein so großer Unterschied —, es nimmt die Natur durch irgendein Element den menschlichen physischen Leib auf. Aber was tut sie mit diesem physischen Leib? Sie vernichtet ihn. Die Menschenseele schaut gewöhnlich nicht nach, welche Wege die einzelnen Substanzen dieses physischen Menschenleibes nehmen; aber wenn man an denjenigen Stätten, wo eine eigentümliche Art von Bestattung ist, einmal Betrachtungen anstellt, dann vertieft sich sozusagen dieses eindrucksvolle Nachsehen dessen, was die Natur mit alldem unternimmt, was am Menschen physisch-sinnlich ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Es gibt ja unterirdische Gewölbe, da werden die menschlichen Leichname aufbewahrt, abgeschlossen, aber an der Luft aufbewahrt. Sie vertrocknen. Und was hat man nach einiger Zeit? Man hat nach einiger Zeit an diesen Leichen die verzerrte menschliche Gestalt, bestehend aus schon in sich zerstäubtem kohlensaurem Kalk. Und wenn man nur ein wenig diese kohlensaure Kalkmasse, die in Verzerrung die menschliche Gestalt nachahmt, rüttelt, so zerfällt sie in Staub.

[ 7 ] And so this human soul stands there in the human body and observes one thing above all else: Nature actually absorbs everything that the human soul perceives during its physical earthly existence. When a person has passed through the gate of death, nature, through some element—whether cremated or buried, for there is not such a great difference—nature, through some element, absorbs the human physical body. But what does nature do with this physical body? It destroys it. The human soul does not usually observe the paths taken by the individual substances of this physical human body; but if one reflects on those places where a peculiar form of burial takes place, then this striking observation of what nature does with all that is physically and sensually human—once a person has passed through the gate of death—becomes, so to speak, more profound. There are, after all, underground vaults where human corpses are stored, locked away, yet kept exposed to the air. They dry out. And what do we find after some time? After some time, these corpses take on a distorted human form, consisting of carbonated lime that has already disintegrated within itself. And if one shakes this mass of carbonated lime—which mimics the human form in a distorted way—even just a little, it crumbles into dust.

[ 8 ] Das gibt einen tiefen Eindruck dessen, was die Seele überkommt, wenn sie nachsieht, was eigentlich geschieht mit dem, wodurch alles von dem Menschen verrichtet wird zwischen Geburt und Tod. Und der Mensch sieht dann auf die Natur hin, die ihm seine Erkenntnis liefert, aus der er alles, was er Einsichten nennt, eigentlich schöpft, und sagt sich: Diese Natur, die hervorsprießen läßt aus ihrem Schoße die wunderbarste Kristallisation, diese Natur, welche jeden Frühling aus sich hervorzaubert die sprießenden, sprossenden Pflanzen, diese Natur, welche die berindeten Bäume jahrzehntelang erhält, diese Natur, welche die Erde anfüllt mit den Tierreichen der mannigfaltigsten Art, von den größten Tieren bis zu den winzigsten Bazillen, diese Natur, welche hinaufschickt dasjenige, was sie als Wasser in sich trägt in die Wolken, diese Natur, auf die herunterstrahlt dasjenige, was doch in einer gewissen Unbekanntschaft von den Sternen herunterströmt, diese Natur, sie verhält sich zu dem, was der Mensch innerhalb ihrer zwischen Geburt und Tod an sich trägt, so, daß sie es bis in die vollständigste Verstäubung vernichtet. Für den Menschen ist die Natur mit ihren Gesetzen die Vernichterin. Man steht vor der menschlichen Gestalt; diese menschliche Gestalt, die man im Auge hat mit all dem Wunderbaren, das sie an sich trägt — und sie trägt das Wunderbare an sich, denn sie ist vollkommener als alle anderen Gestalten, welche auf der Erde auffindbar sind —, diese menschliche Gestalt, sie steht da. Und auf der anderen Seite steht die Natur mit ihren Steinen, mit ihren Pflanzen, mit ihren Tieren, mit ihren Wolken, mit Flüssen und Bergen, mit alledem, was aus dem Sternenmeere herabstrahlt, was von der Sonne auf die Erde herunterströmt an Licht und Wärme, und diese Natur, sie duldet in ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit nicht die menschliche Gestalt. Dasjenige, was als Mensch dasteht, wenn es der Natur übergeben wird, wird zerstäubt. Das sieht der Mensch. Er bildet sich nicht Ideen darüber, aber in seinem Gemüte sitzt es tief. Jedesmal, wenn der Mensch vor dem Anblicke des Todes steht, setzt es sich tief in sein Gemüt hinein. Denn nicht aus bloßem egoistischem Gefühl heraus, nicht aus einer bloßen oberflächlichen Hoffnung, fortzuleben nach dem Tode, formt sich wiederum tief im Gemüte unterbewußt eine Frage, die unendlich bedeutungsvoll in der Seele sitzt, die Glück und Unglück der Seele bedeutet, auch wenn sie nicht formuliert wird. Und alles dasjenige, was für das Bewußtsein schicksalsmäßig beim Menschen auf Erden Glück und Unglück bedeuten mag, es ist im Grunde genommen ein Geringfügiges gegenüber dem, was sich an Unsicherheit des Fühlens formuliert aus dem Anblicke des Todes. Denn da formuliert sich die Frage also: Woher kommt diese menschliche Gestalt? Ich sehe hin zu dem wunderbar geformten Kristall, ich sehe hin zu den Gestalten der Pflanzen, ich sehe hin zu den Gestalten der Tiere, ich sehe hin, wie die Flüsse über die Erde rollen, ich sehe die Berge, ich sehe alles das, was aus den Wolken spricht, was von den Sternen herunter spricht. Ich sehe alles das, so sagt sich der Mensch, aber von alledem kann nicht die menschliche Gestalt kommen, denn alles das hat nur Vernichtungskräfte, Zerstäubekräfte für die menschliche Gestalt an sich.

[ 8 ] This gives a profound sense of what comes over the soul when it considers what actually happens to that through which everything a human being accomplishes between birth and death. And the human being then looks to nature, which provides him with the knowledge from which he actually draws everything he calls insight, and says to himself: This nature, which brings forth from its bosom the most wondrous crystallization; this nature, which conjures up from within itself the sprouting, budding plants every spring; this nature, which sustains the bark-clad trees for decades; this nature, which fills the earth with animal kingdoms of the most diverse kinds, from the largest animals down to the tiniest bacilli; this nature, which sends up into the clouds what it carries within itself as water; this nature, upon which shines down that which, in a certain sense, flows down from the stars; this nature—it relates to what the human being carries within itself between birth and death in such a way that it destroys it until it is completely reduced to dust. For human beings, nature with its laws is the destroyer. One stands before the human form; this human form, which one beholds with all the wonder it possesses—and it does possess wonder, for it is more perfect than all other forms to be found on Earth—this human form stands there. And on the other side stands Nature with its stones, its plants, its animals, its clouds, its rivers and mountains, with all that radiates down from the sea of stars, all the light and warmth that streams down from the sun to the Earth; and this Nature, in accordance with its own laws, does not tolerate the human form. That which stands as a human being, when surrendered to nature, is scattered to the winds. The human being sees this. He does not form ideas about it, but it lies deep within his soul. Every time a human being is confronted with the sight of death, it settles deep within his soul. For it is not out of mere selfish sentiment, nor out of a mere superficial hope of continuing to live after death, that a question takes shape once again deep within the mind, subconsciously—a question that holds infinite significance in the soul, one that determines the soul’s happiness and unhappiness, even if it is not articulated. And everything that, in the consciousness of human beings on earth, may fatefully signify happiness and unhappiness is, in the final analysis, trivial compared to the uncertainty of feeling that arises from the sight of death. For there the question arises: Where does this human form come from? I look at the wonderfully formed crystal; I look at the forms of the plants; I look at the forms of the animals; I watch as the rivers roll across the earth; I see the mountains; I see all that speaks from the clouds, all that speaks down from the stars. “I see all of this,” says the human being, “but the human form cannot come from any of it, for all of this possesses only forces of destruction, forces that dissolve the human form itself.”

[ 9 ] Und da entsteht die bange Frage vor dem menschlichen Gemüte, vor dem menschlichen Herzen: Wo also ist die Welt, aus der die menschliche Gestalt kommt? Wo ist sie, diese Welt? — Aus dem Anblick des Todes geht die bange Frage hervor: Wo ist die Welt, diese andere Welt, aus der die menschliche Gestalt kommt?

[ 9 ] And so the anxious question arises in the human mind, in the human heart: Where, then, is the world from which the human form comes? Where is it, this world? — The sight of death gives rise to the anxious question: Where is the world, this other world, from which the human form comes?

[ 10 ] Sagen Sie nicht, meine lieben Freunde, daß Sie diese Frage noch nicht in dieser Weise formuliert gehört haben. Wenn man hinhört auf das, was die Menschen aus ihrem Kopfe heraus der Sprache anvertrauen, hört man diese Frage nicht formuliert. Wenn man hintritt vor die Menschen, und die Menschen die Klagen ihrer Herzen vorbringen — sie bringen manchmal die Klagen ihrer Herzen vor, indem sie irgendeine Kleinigkeit des Lebens auffassen und über diese Kleinigkeit des Lebens allerlei Betrachtungen anstellen, die sie als Nuance in ihre ganze Schicksalsfrage einfügen —, wer diese Sprache des Herzens versteht, der hört das Herz sprechen aus dem Unterbewußten heraus: Welches ist die andere Welt, aus der die menschliche Gestalt kommt, da doch der Mensch dieser Welt mit seiner Gestalt nicht angehört?

[ 10 ] Do not say, my dear friends, that you have not yet heard this question phrased in this way. If one listens to what people entrust to language from the depths of their minds, one does not hear this question phrased in this way. When one stands before people, and they voice the lamentations of their hearts—they sometimes voice the lamentations of their hearts by seizing upon some trifle of life and making all sorts of reflections on this trifle, which they weave as a nuance into the whole question of their destiny—whoever understands this language of the heart hears the heart speaking from the subconscious: What is this other world from which the human form comes, since the human being of this world does not belong here with his form?

[ 11 ] Und so stellt sich vor den Menschen hin die Welt, die er erblickt, die er anschaut, die er wahrnimmt, über die er seine Wissenschaft formt, die Welt, die ihm die Unterlage gibt für die Wirkungen seiner Kunst, die Welt, die ihm die Gründe gibt für seine religiöse Verehrung, so stellt sich hin diese Welt, und der Mensch steht auf Erden und hat in den Tiefen seines Gemütes das Gefühl: Dieser Welt gehöre ich nicht an; es muß eine andere geben, die mich aus ihrem Schoße in meiner Gestalt hervorgezaubert hat. Welcher Welt gehöre ich an? — So tönt es aus den Herzen der Menschen der Gegenwart. Das ist die umfassende Frage. Und wenn die Menschen unbefriedigt sind in dem, was ihnen die heutigen Wissenschaften geben, so ist es aus dem Grunde, weil sie diese Frage in den Tiefen ihres Gemütes stellen und die Wissenschaften weit davon entfernt sind, irgendwie auch nur diese Frage zu berühren: Welches ist die Welt, der der Mensch eigentlich angehört? — denn die sichtbare Welt ist es nicht.

[ 11 ] And so the world stands before humanity—the world it beholds, the world it observes, the world it perceives, the world upon which it bases its science, the world that provides the foundation for the effects of its art, the world that gives it the reasons for its religious veneration—this world stands before humanity, and humanity stands upon the earth and feels deep within its soul: I do not belong to this world; there must be another that has conjured me forth from its bosom in my present form. To which world do I belong? — This is the cry that rises from the hearts of people today. This is the all-encompassing question. And if people are dissatisfied with what today’s sciences offer them, it is because they ask this question in the depths of their souls, and the sciences are far from even touching upon it in any way: To which world does humanity actually belong? — for it is not the visible world.

[ 12 ] Meine lieben Freunde, ich weiß ganz gewiß: Das, was ich zu Ihnen gesprochen habe, nicht ich habe es gesprochen, ich habe nur dem, was die Herzen sprechen, Worte verliehen. Und darum handelt es sich. Denn nicht darum kann es sich handeln, an die Menschen irgend etwas heranzutragen, was den Menschenseelen selber unbekannt ist — das kann Sensation geben —, sondern darum handelt es sich, kann es sich allein handeln, dasjenige in Worte zu bringen, was die Menschenseelen durch sich selber sprechen. Was der Mensch auch von sich selber nur ansieht, was er von seinen Mitmenschen ansieht, soweit es sichtbar ist, es gehört nicht in die übrige sichtbare Welt hinein. Kein Finger — so kann sich der Mensch sagen —, den ich an mir habe, gehört in diese Welt der Sichtbarkeit herein, denn diese Welt der Sichtbarkeit trägt für jeden Finger bloß die Vernichtungskräfte in sich.

[ 12 ] My dear friends, I know for certain: What I have spoken to you, I did not speak it myself; I have merely given words to what the hearts speak. And that is what matters. For it cannot be a matter of presenting people with something that is unknown to their own souls—though that might create a sensation—but rather, it is a matter, and can only be a matter, of putting into words what human souls express through themselves. Whatever a person observes in themselves, whatever they observe in their fellow human beings—insofar as it is visible—does not belong to the rest of the visible world. Not a single finger—as a person might say to themselves—that I have on my hand belongs to this world of the visible, for this world of the visible carries within itself only the forces of destruction for every finger.

[ 13 ] Und so steht der Mensch zunächst vor dem großen Unbekannten. Aber er steht vor diesem Unbekannten, indem er sich selber als einen Angehörigen dieses Unbekannten ansehen muß. Das heißt aber mit anderen Worten, in bezug auf alles dasjenige, was der Mensch nicht ist, ist es um ihn herum geistig licht; in dem Augenblicke, wo der Mensch auf sich selbst zurücksieht, verdunkelt sich die ganze Welt und es wird finster, und der Mensch tappt im Finsteren, indem er das Rätsel seines eigenen Wesens durch die Finsternis trägt. Und so ist es, wenn der Mensch sich von außen ansieht, wenn er sich drinnenstehen findet in der Natur als ein äußeres Wesen. Er kann als Mensch an diese Welt nicht heran.

[ 13 ] And so, at first, human beings stand before the great unknown. But they stand before this unknown in that they must regard themselves as part of it. In other words, with regard to everything that human beings are not, there is spiritual light all around them; the moment a person looks back upon themselves, the whole world darkens and becomes gloomy, and the person gropes in the darkness, carrying the mystery of their own being through that darkness. And so it is when a person views themselves from the outside, when they find themselves standing within nature as an external being. As a human being, they cannot approach this world.

[ 14 ] Und wieder, nicht der Kopf, aber die Tiefen des Unbewußten formulieren sich Fragen, die Unterfragen sind dieser allgemeinen Frage, die ich eben erörtert habe. Indem der Mensch sein physisches Dasein, das sein Werkzeug ist zwischen Geburt und Tod, betrachtet, weiß er: Ohne diese physische Welt kann ich dieses Dasein zwischen Geburt und Tod gar nicht leben, denn ich muß fortwährend Anleihen machen bei diesem Dasein der sichtbaren Welt. Jeder Bissen, den ich in den Mund nehme, jeder Trunk Wasser ist aus dieser Welt der Sichtbarkeit, der ich ja gar nicht angehöre. Ich kann ohne sie im physischen Dasein nicht leben. Habe ich eben einen Bissen zu mir genommen aus einer Substanz, die ja dieser sichtbaren Welt angehören muß, und gehe ich unmittelbar, nachdem ich diesen Bissen zu mir genommen habe, durch die Pforte des Todes, in dem Augenblicke gehört dasjenige, was der Bissen in mir ist, den Vernichtungskräften dieser sichtbaren Welt an. Und daß er in mir selbst nicht den Vernichtungskräften angehört, davor muß ihn mein Wesen, mein eigenes Wesen bewahren. Aber nirgends draußen in der sichtbaren Welt ist dieses eigene Wesen zu finden. Was tue ich denn mit dem Bissen, den ich in den Mund nehme, was tue ich mit dem Trunk Wasser, den ich in den Mund nehme, durch mein eigenes Wesen? Wer bin ich denn, der die Substanzen der Natur empfängt und umwandelt? Wer bin ich denn? Das ist die zweite Frage, die Unterfrage, die aus der ersten entsteht.

[ 14 ] And once again, it is not the mind, but the depths of the unconscious that give rise to questions—sub-questions to this general question I have just discussed. As a person contemplates his physical existence—which is his instrument between birth and death—he knows: Without this physical world, I cannot live this existence between birth and death at all, for I must continually draw upon this existence of the visible world. Every bite I take into my mouth, every sip of water, comes from this world of the visible, to which I do not actually belong. I cannot live in physical existence without it. If I have just taken a bite of a substance that must, of course, belong to this visible world, and if, immediately after taking that bite, I pass through the gate of death, at that very moment what that bite is within me belongs to the forces of destruction of this visible world. And since it does not belong to the forces of destruction within me, my being—my very own being—must protect it from them. But nowhere out there in the visible world can this very own being be found. What, then, do I do with the bite of food I take into my mouth, what do I do with the sip of water I take into my mouth, through my own being? Who am I, then, who receives and transforms the substances of nature? Who am I, then? That is the second question, the sub-question that arises from the first.

[ 15 ] Ich gehe nicht nur, indem ich mich in ein Verhältnis setze zu der Welt der Sichtbarkeit, durch die Finsternis, ich handle in der Finsternis, ohne zu wissen, wer handelt, ohne zu wissen, was das Wesen ist, das ich als mein Ich bezeichne. Ich bin ganz hingegeben an die sichtbare Welt; aber ich gehöre ihr nicht an.

[ 15 ] I do not merely walk through the darkness by placing myself in relation to the visible world; I act in the darkness, without knowing who is acting, without knowing what the being is that I call my self. I am completely devoted to the visible world; but I do not belong to it.

[ 16 ] Das hebt den Menschen heraus aus der sichtbaren Welt. Das läßt ihn sich selber erscheinen als Angehörigen einer ganz anderen Welt. Und die bange, die große Zweifelsfrage steht da: Wo ist die Welt, der ich angehöre? — Und je mehr die menschliche Zivilisation vorgeschritten ist, je mehr die Menschen intensiv denken gelernt haben, desto mehr ist diese Frage eine bange Frage geworden. Und sie sitzt heute in den Tiefen der Gemüter. Die Menschen teilen sich, insofern sie der zivilisierten Welt angehören, eigentlich nur in zwei Klassen in bezug auf diese Frage. Die einen drängen sie hinunter, würgen sie hinunter, bringen sie sich nicht zur Klarheit, aber leiden darunter, als unter einer furchtbaren Sehnsucht, dieses Menschenrätsel zu lösen; die anderen betäuben sich gegenüber dieser Frage, reden sich allerlei Dinge aus dem äußeren Dasein vor, um sich zu betäuben. Und in dem sie sich betäuben, tilgen sie in sich selber das feste Gefühl des eigenen Seins aus. Nichtigkeit befällt ihre Seele. Und dieses Gefühl der Nichtigkeit sitzt heute im Unterbewußten unzähliger Menschen.

[ 16 ] This sets human beings apart from the visible world. It makes them see themselves as belonging to an entirely different world. And there looms the anxious, profound question: Where is the world to which I belong? — And the more human civilization has advanced, the more people have learned to think deeply, the more this question has become a source of anxiety. And today it lies deep within people’s hearts. Insofar as they belong to the civilized world, people are actually divided into only two groups with regard to this question. Some suppress it, stifle it, refuse to bring it into the light, yet suffer from it as if from a terrible longing to solve this human enigma; others numb themselves in the face of this question, telling themselves all sorts of things about external existence in order to numb themselves. And by numbing themselves, they eradicate within themselves the firm sense of their own being. A feeling of nothingness takes hold of their souls. And this feeling of nothingness lies today in the subconscious of countless people.

[ 17 ] Das ist die eine Seite, die eine große Frage mit der erwähnten Unterfrage. Sie ersprießt, wenn der Mensch sich von außen ansieht und sein Verhältnis als Mensch zwischen Geburt und Tod zur Welt auch nur ganz gedämpft, unterbewußt wahrnimmt.

[ 17 ] This is the one aspect that raises a major question along with the sub-question mentioned. It arises when a person looks at themselves from the outside and perceives—even if only very faintly and subconsciously—their relationship to the world as a human being between birth and death.

[ 18 ] Die andere Frage aber entsteht, wenn der Mensch in sein eigenes Inneres sieht. Da ist der andere Pol des menschlichen Daseins. Da drinnen sitzen die Gedanken. Sie bilden die äußere Natur ab. Der Mensch stellt durch seine Gedanken die äußere Natur vor. Der Mensch entwickelt Empfindungen, Gefühle über die äußere Natur. Der Mensch wirkt durch seinen Willen auf die äußere Natur. Der Mensch sieht zunächst auf sein eigenes Inneres zurück. Das wogende Denken, Fühlen und Wollen steht vor seiner Seele. So steht er mit seiner Seele in der Gegenwart darinnen. Dazu kommen die Erinnerungen an gehabte Erlebnisse, die Erinnerungen an Dinge, die man in früheren Zeiten des gegenwärtigen Erdendaseins gesehen hat. Das alles füllt die Seele aus. Was ist es?

[ 18 ] But another question arises when a person looks within themselves. There lies the other pole of human existence. That is where thoughts reside. They reflect external nature. Through their thoughts, people represent external nature. People develop sensations and feelings about external nature. A person acts upon the external world through their will. At first, a person looks back into their own inner world. The surging currents of thought, feeling, and will stand before their soul. Thus, with their soul, they stand present within that inner world. Added to this are memories of past experiences—memories of things seen in earlier times of their present earthly existence. All of this fills the soul. What is it?

[ 19 ] Nun bildet sich der Mensch nicht klare Ideen über dasjenige, was er da eigentlich in sich drinnen behält; aber das Unterbewußte bildet diese Ideen. Eine einzige Migräne, die die Gedanken verscheucht, macht sogleich das Innere des Menschen zu einer Rätselfrage. Und jeder Schlafzustand macht es zu einer Rätselfrage, wenn der Mensch regungslos daliegt und ihm die Möglichkeit fehlt, durch seine Sinne sich in Korrespondenz mit der Außenwelt zu setzen. Der Mensch fühlt, sein physischer Leib muß rege sein, dann treten die Gedanken, die Gefühle, die Willensimpulse in seiner Seele auf. Aber der Stein, den ich soeben betrachtet habe, der vielleicht diese oder jene Kristallgestalt hat — ich wende mich von ihm ab, nach einiger Zeit wende ich mich ihm wieder zu —, er ist so geblieben, wie er ist. Mein Gedanke, er steigt auf, er stellt sich als Bild in der Seele dar, er glimmt wieder hinunter. Er wird als unendlich viel wertvoller empfunden als die Muskeln, als die Knochen, die der Mensch in sich trägt, aber er ist etwas Verfliegendes, er ist ein bloßes Bild. Er ist weniger als ein Bild, das ich an der Wand hängen habe; denn das Bild, das ich an der Wand hängen habe, bleibt eine Zeitlang bestehen, bis es durch seine Substanz zerfällt. Der Gedanke fliegt vorüber. Der Gedanke ist ein Bild, das fortwährend entsteht und vergeht, ein fluktuierendes, ein kommendes und gehendes Bild, ein Bild, das in seinem Bilddasein sein Genügen hat. Und dennoch, blickt der Mensch in das Innere seiner Seele hinein, er hat nichts anderes als diese Vorstellungsbilder. Er kann nichts anderes sagen als: sein Seelisches besteht in diesen Vorstellungsbildern.

[ 19 ] Now, a person does not form clear ideas about what he actually holds within himself; but the subconscious forms these ideas. A single migraine, which drives away thoughts, immediately turns a person’s inner world into a mystery. And every state of sleep turns it into a mystery when a person lies motionless and lacks the ability to communicate with the outside world through their senses. A person feels that their physical body must be active; only then do thoughts, feelings, and impulses of will arise in their soul. But the stone I have just been looking at, which may have this or that crystalline form—I turn away from it, and after a while I turn back to it—it has remained just as it is. My thought rises up, presents itself as an image in the soul, and then fades back down again. It is perceived as infinitely more valuable than the muscles and bones that a person carries within, yet it is something fleeting; it is a mere image. It is less than a picture I have hanging on the wall; for the picture I have hanging on the wall remains for a time, until it decays due to its physical nature. The thought flies by. A thought is an image that is constantly arising and passing away, a fluctuating image that comes and goes, an image that finds its fulfillment in its very existence as an image. And yet, when a person looks into the depths of their soul, they find nothing but these mental images. They can say nothing other than: their soul consists of these mental images.

[ 20 ] Noch einmal blicke ich auf den Stein hin. Er ist da draußen im Raume., Er bleibt. Ich stelle ihn jetzt vor, ich stelle ihn in einer Stunde vor, ich stelle ihn in zwei Stunden vor. Der Gedanke verschwindet immer wiederum dazwischen, er muß immer erneuert werden. Der Stein bleibt draußen. Was trägt den Stein von Stunde zu Stunde? Was läßt den Gedanken fluktuieren von Stunde zu Stunde? Was erhält und bewahrt den Stein von Stunde zu Stunde? Was vernichtet den Gedanken immer wiederum, so daß er neuerdings angefacht sein muß an dem äußeren Anblick? Was ist das, was den Stein erhält? Man sagt: Er ist. Das Sein kommt ihm zu. — Dem Gedanken kommt nicht das Sein zu. Der Gedanke kann die Farbe des Steins erfassen, der Gedanke kann die Form des Steins erfassen; aber dasjenige, wodurch der Stein sich bewahrt, kann er nicht fassen. Das bleibt draußen. Das bloße Bild tritt in die Seele hinein.

[ 20 ] Once again I look at the stone. It is out there in space. It remains. I imagine it now; I imagine it in an hour; I imagine it in two hours. The thought keeps disappearing in between; it must always be renewed. The stone remains out there. What sustains the stone from hour to hour? What causes the thought to fluctuate from hour to hour? What sustains and preserves the stone from hour to hour? What repeatedly destroys the thought, so that it must be rekindled anew by the external sight? What is it that sustains the stone? One says: It is. Being is attributed to it. — Being is not attributed to the thought. The thought can grasp the color of the stone; the thought can grasp the shape of the stone; but it cannot grasp that by which the stone is preserved. That remains outside. The mere image enters the soul.

[ 21 ] Und so ist es mit jeglichen Dingen der äußeren Natur in dem Verhältnis zur Menschenseele. Der Mensch kann auf diese Menschenseele hinblicken auf sein eigenes Inneres. Die ganze Natur spiegelt sich in dieser Menschenseele. Aber seine Seele hat nur fluktuierende Bilder, die gewissermaßen die Oberflächen der Dinge abheben, aber das Innere der Dinge dringt nicht in diese Bilder hinein. Ich gehe mit meinen Vorstellungen durch die Welt. Ich hebe überall die Oberfläche von den Dingen ab, aber dasjenige, was die Dinge sind, bleibt draußen. Ich trage meine Seele durch diese Welt, die mich umgibt, aber diese Welt bleibt draußen. Und dasjenige, was drinnen ist, an das kommt die Außenwelt mit ihrem eigentlichen Sein nicht heran. Und wenn der Mensch im Anblicke des Todes vor der Welt, die ihn umgibt, so dasteht, muß er sich sagen: Dieser Welt gehöre ich nicht an, denn ich dringe an diese Welt nicht heran, mein Wesen gehört einer anderen Welt an; diese Welt, ich kann an sie nicht herandringen, solange ich im physischen Leibe lebe. Und dringt mein Leib nach meinem Tode an diese äußere Welt heran, so kann er nicht heran, denn dann ist jeder Schritt, den er macht, Vernichtung für ihn. Da draußen ist die Welt. Dringt der Mensch in sie hinein, sie vernichtet ihn, sie duldet ihn nicht in sich mit seiner Wesenheit. Will aber die äußere Welt in die Menschenseele hinein, so kann sie das auch nicht. Die Gedanken sind Bilder, die außerhalb des Wesens, des Seins der Dinge stehen. Das Sein der Steine, das Sein der Pflanzen, das Sein der Tiere, das Sein der Sterne, der Wolken, es kommt nicht herein in die Menschenseele. Eine Welt umgibt den Menschen, die nicht an seine Seele heran kann, die draußen bleibt.

[ 21 ] And so it is with all things in the external world in relation to the human soul. Human beings can look into this human soul—into their own inner being. The whole of nature is reflected in this human soul. But his soul contains only fluctuating images that, in a sense, strip away the surfaces of things; yet the inner essence of things does not penetrate these images. I move through the world with my ideas. Everywhere I strip away the surface of things, but what things truly are remains outside. I carry my soul through this world that surrounds me, but this world remains outside. And the outer world, in its true being, cannot reach what lies within. And when a person stands before the world that surrounds him in the face of death, he must say to himself: I do not belong to this world, for I cannot penetrate it; my being belongs to another world; I cannot penetrate this world as long as I live in my physical body. And if, after my death, my body were to attempt to penetrate this outer world, it could not do so, for then every step it took would mean destruction for it. Out there lies the world. If a human being penetrates it, the world destroys him; it does not tolerate him within itself with his true nature. But if the outer world were to attempt to penetrate the human soul, it could not do so either. Thoughts are images that exist outside the essence, the being of things. The being of stones, the being of plants, the being of animals, the being of stars and clouds—none of this enters the human soul. A world surrounds human beings that cannot approach their soul, that remains outside.

[ 22 ] Auf der einen Seite bleibt der Mensch — es wird ihm das klar im Anblicke des Todes — außerhalb der Natur. Auf der anderen Seite bleibt die Natur außerhalb seiner Seele. Der Mensch blickt sie als ein Äußeres an. Es muß ihm die bange Frage aufsteigen nach einer anderen Welt. Der Mensch blickt nach dem, was ihm am intimsten, am vertrautesten ist in seinem eigenen Inneren. Der Mensch blickt hin nach jedem Gedanken, nach jeder Vorstellung, nach jeder Empfindung, nach jedem Gefühl, nach jedem Willensimpuls: an nichts dringt die Natur, in der er lebt, heran; er hat sie nicht.

[ 22 ] On the one hand, human beings—as becomes clear to them in the face of death—remain outside of nature. On the other hand, nature remains outside their soul. Human beings regard it as something external. The anxious question of another world must arise within them. Human beings look to what is most intimate and familiar to them within their own inner selves. They look to every thought, every idea, every sensation, every feeling, every impulse of the will: the nature in which they live does not penetrate any of these; they do not possess it.

[ 23 ] Da ist die scharfe Grenze zwischen dem Menschen und der Natur. Der Mensch kann nicht an die Natur heran, ohne daß er vernichtet wird. Die Natur kann nicht in das Innere des Menschen hinein, ohne daß sie zum Schein wird. Der Mensch hat, indem er sich selber in die Natur hineindenkt, die krasse Vernichtung allein, die er vorstellen muß. Der Mensch hat, indem er in sich hineinblickt und frägt: Wie steht die Natur zu meiner Seele? — nichts anderes als den wesenlosen Schein in seiner Seele von der Natur.

[ 23 ] There is a sharp boundary between humanity and nature. Humanity cannot approach nature without being destroyed. Nature cannot enter into the innermost being of humankind without becoming an illusion. By projecting itself into nature, humankind has nothing to imagine but utter annihilation. By looking within and asking, “How does nature relate to my soul?”—humankind has nothing but the insubstantial illusion of nature within its soul.

[ 24 ] Aber indem der Mensch diesen Schein in sich trägt von Mineralien, Pflanzen, Tieren, Sternen, Sonnen, Wolken, Bergen, Flüssen, und indem er in sich trägt in seiner Erinnerung den Schein von all den Erlebnissen, die er durchgemacht hat mit diesen Reichen der äußeren Natur, hat der Mensch, indem er alles dieses als sein flutendes Inneres erlebt, aufsteigend in diesem Fluten sein eigenes Seinsgefühl.

[ 24 ] But because human beings carry within themselves this reflection of minerals, plants, animals, stars, suns, clouds, mountains, and rivers—and because they carry within their memory the reflection of all the experiences they have had with these realms of external nature—human beings, by experiencing all of this as their surging inner life, have their own sense of being rising up within this surging flow.

[ 25 ] Und wie ist es nun? Wie erlebt der Mensch dieses Seinsgefühl? Er erlebt es etwa in der folgenden Weise. Das kann man vielleicht nur durch ein Bild ausdrücken. Man schaue hin auf ein weites Meer. Die Wogen gehen auf und ab. Da eine Woge, dort eine Woge, überall Wogen, die von sich aufbäumendem Wasser herrühren. Da wird der Blick gefesselt durch eine besondere Woge. Denn diese eine besondere Woge zeigt, daß in ihr etwas lebt, daß das nicht bloß aufgepeitschtes Meer ist, daß hinter dieser Woge etwas lebt. Aber das Wasser umhüllt dieses Lebende von allen Seiten. Man weiß nur, daß etwas drinnen lebt in dieser Woge, aber man sieht auch in dieser Woge nichts anderes als das dieses Leben umhüllende Wasser. Die Woge sieht aus wie die anderen Wogen. Nur an der Stärke ihres Aufspringens, an der Kraft, mit der sie sich hinstellt, hat man das Gefühl, da lebt etwas Besonderes in ihr. Sie geht wieder hinunter, diese Woge. An einer anderen Stelle erscheint sie wiederum, wiederum verdeckt das Wasser der Woge dasjenige, was sie innerlich belebt. So ist es mit dem Seelenleben des Menschen. Da wogen auf Vorstellungen, Gedanken, da wogen auf Gefühle, da wogen auf Willensimpulse; überall Wogen. Eine der Wogen, die taucht herauf in einem Gedanken, in einem Willensentschluß, in einem Gefühl. Ich ist da drinnen. Aber die Gedanken oder die Gefühle oder die Willensimpulse, sie verdecken wie das Wasser in der Wasserwoge das Lebendige. Sie verdecken dasjenige, was als Ich drinnensteckt. Und der Mensch weiß nicht, was er selbst ist. Denn alles, was sich ihm zeigt an der Stelle, von der er nur weiß: da wogt mein Selbst herauf, da wogt mein eigenes Sein herauf, all dasjenige, was sich ihm zeigt, ist nur Schein. Der Schein in der Seele verdeckt das Sein, das ja ganz gewiß da ist, das der Mensch erfühlt, innerlich erlebt. Aber der Schein deckt es ihm zu, wie das Wasser der Wasserwoge ein Lebendiges zudeckt, das heraufkommt aus den Tiefen des Meeres, das man nicht kennt. Und der Mensch fühlt sein eigenes wahres Wesen verhüllt durch die Scheingebilde seiner eigenen Seele. Und es ist, als ob der Mensch sich fortwährend an sein Sein anklammern wollte, als ob er es irgendwo erfassen wollte. Er weiß, es ist da. Aber in dem Augenblicke, wo er es erfassen will, entschlüpft es ihm schon wieder, eilt von ihm fort. Der Mensch ist nicht imstande, das, was er weiß, was er ist, ein seiendes Wesen, in dem Gewoge seiner Seele zu erfassen. Und wenn dann der Mensch darauf kommt, daß dieses wogende Scheinleben der Seele etwas zu tun hat mit jener anderen Welt, die ihm vor die Vorstellung tritt, wenn er in die Natur hinausschaut, dann, dann tritt erst recht ein furchtbares Rätsel auf. Das Naturrätsel ist wenigstens ein solches, das sozusagen im Erleben vorhanden ist. Das Rätsel der eigenen Seele ist nicht im Erleben vorhanden, weil es selber lebt, weil es sozusagen lebendes Rätsel ist, weil es auf die fortdauernde Frage des Menschen: Was bin ich? — dasjenige vor ihn hinstellt, was bloßer Schein ist.

[ 25 ] And what is it like, then? How does a person experience this sense of being? They experience it, for example, in the following way. Perhaps this can only be expressed through an image. Look out at a vast sea. The waves rise and fall. A wave here, a wave there—waves everywhere, arising from the water surging upward. Suddenly, one’s gaze is captivated by a particular wave. For this one particular wave reveals that something is alive within it—that it is not merely the churning sea, that something is alive behind this wave. But the water envelops this living thing on all sides. One knows only that something lives inside this wave, yet one sees nothing in this wave other than the water that envelops this life. The wave looks like the other waves. Only from the intensity of its rise, from the force with which it stands there, does one have the feeling that something special lives within it. This wave subsides again. It reappears in another spot; once more, the water of the wave conceals that which animates it from within. So it is with the inner life of the human being. Ideas, thoughts, feelings, and impulses of the will surge up; waves everywhere. One of these waves surfaces in a thought, in a decision of the will, in a feeling. The “I” is there within. But the thoughts, or the feelings, or the impulses of the will—like the water in the wave—conceal what is alive. They conceal that which lies within as the “I.” And the human being does not know what he himself is. For everything that reveals itself to him at the very point where he knows only this: “Here my self surges up, here my own being surges up”—all that which reveals itself to him is merely an illusion. The illusion in the soul obscures the Being, which is certainly there, which the human being senses and experiences inwardly. But the illusion covers it up, just as the water of a wave covers a living being rising from the unknown depths of the sea. And the human being feels his own true essence veiled by the illusory constructs of his own soul. And it is as if a person were constantly trying to cling to his being, as if he wanted to grasp it somewhere. He knows it is there. But the moment he tries to grasp it, it slips away from him again, rushing away from him. Human beings are unable to grasp, amid the surging waves of their soul, what they know—that they are beings who exist. And when human beings then come to realize that this surging, illusory life of the soul has something to do with that other world that appears before their imagination when they look out into nature—then, then a truly terrifying mystery arises. The mystery of nature is at least one that is, so to speak, present in experience. The mystery of one’s own soul is not present in experience, because it lives of its own accord, because it is, so to speak, a living mystery, because in response to humanity’s enduring question—“What am I?”—it sets before them that which is mere illusion.

[ 26 ] Indem der Mensch in das eigene Innere blickt, wird er gewahr, daß dieses Innere ihm fortwährend die Antwort gibt: Ich zeige dir von dir selbst nur einen Schein; und schreibst du dich von einem geistigen Dasein her, ich zeige dir in deinem Seelenleben von diesem geistigen Dasein einen Schein.

[ 26 ] When a person looks within, they become aware that their inner self continually gives them this answer: “I show you only a reflection of yourself; and if you derive yourself from a spiritual existence, I show you a reflection of that spiritual existence in the life of your soul.”

[ 27 ] Und so treten prüfende Fragen von zwei Seiten an das Menschenleben heute heran. Die eine Frage, sie entsteht daraus, daß der Mensch gewahr wird (Tafelanschrift):

[ 27 ] And so probing questions approach human life today from two sides. One question arises from the fact that human beings become aware (inscription on the panel):

[ 28 ] Es giebt eine Natur, aber der Mensch / kann an diese Natur nur heran, / indem er sich von ihr vernichten laßt.

[ 28 ] There is a nature, but man / can only approach this nature / by allowing himself to be destroyed by it.

[ 29 ] Die andere (Tafelanschrift):

[ 29 ] The other (inscription on the plaque):

[ 30 ] Es giebt eine Menschenseele, aber die Natur / kann an diese Menschenseele nur heran, indem / sie zum Scheingebilde wird.

[ 30 ] There is a human soul, but nature / can only approach this human soul by / becoming an illusion.

[ 31 ] Diese beiden Erkenntnisse leben in dem Unterbewußtsein des heutigen Menschen.

[ 31 ] These two insights live on in the subconscious of people today.

[ 32 ] Und nun wendet sich der Mensch hin zu dem, was da lebt, aus alten Zeiten in unsere Gegenwart herein übertragen. Da steht die unbekannte Natur, die des Menschen Vernichterin ist; da steht das Scheingebilde der Menschenseele, an das diese Natur nicht herangebracht werden kann, obzwar der Mensch sein physisches Dasein nur unter den Anleihen an diese Natur vollenden kann. Da steht der Mensch sozusagen in einer doppelten Finsternis. Und die Frage taucht auf: Wo ist die andere Welt, der ich angehöre?

[ 32 ] And now man turns his attention to that which lives, carried over from ancient times into our present. There stands the unknown nature that is humanity’s destroyer; there stands the illusory construct of the human soul, to which this nature cannot be brought, even though humanity can only fulfill its physical existence by borrowing from this nature. There stands humanity, so to speak, in a double darkness. And the question arises: Where is the other world to which I belong?

[ 33 ] Und die geschichtliche Tradition steigt auf. Da gab es einmal eine Wissenschaft, die sprach von dieser unbekannten Welt. Man wendet sich zurück in alte Zeiten. Man bekommt große Ehrfurcht vor dem, was alte Zeiten wissenschaftlich bekunden wollten von dieser anderen Welt, die überall in der Natur drinnenliegt. Wenn man aber die Natur nur richtig zu behandeln weiß, enthüllt sich vor dem menschlichen Blick diese andere Welt.

[ 33 ] And the historical tradition rises up. There was once a science that spoke of this unknown world. We turn back to ancient times. We feel a deep sense of awe for what ancient times sought to convey scientifically about this other world, which lies within nature everywhere. But if one knows how to approach nature correctly, this other world reveals itself to the human gaze.

[ 34 ] Aber das neuere Bewußtsein hat diese alte Wissenschaft fallen gelassen. Sie gilt nicht mehr. Sie ist überliefert, aber sie gilt nicht mehr. Der Mensch kann nicht mehr das Vertrauen haben, daß ihm dasjenige, was einmal die Menschen in einer alten Zeit wissenschaftlich über die Welt erkundet haben, heute auf seine bange Frage, die aus diesen zwei unterbewußten Tatsachen sprießt, Antwort gibt. Da tut sich ein zweites vor dem Menschen kund: die Kunst.

[ 34 ] But modern thinking has abandoned this ancient science. It no longer holds true. It has been handed down, but it no longer holds true. People can no longer trust that what people in ancient times scientifically explored about the world will provide an answer today to their anxious question, which springs from these two subconscious facts. A second force reveals itself to humanity: art.

[ 35 ] Aber wiederum zeigt sich in der Kunst eines. In der Kunst zeigt sich, wie aus alten Zeiten Kunstbehandlung heraufkommt: Durchgeistigung des physischen Stoffes. Der Mensch kann durch Tradition manches von dem empfangen, was an alter künstlerischer Durchgeistigung erhalten geblieben ist. Aber gerade wenn in seinem Uhnterbewußtsein eine echte Künstlernatur sitzt, fühlt er sich heute unbefriedigt, weil er dasjenige nicht mehr handhaben kann, was selbst noch Raffael hineingezaubert hat in die menschliche irdische Gestalt als den Abglanz einer anderen Welt, der der Mensch mit seinem eigentlichen Sein angehört. Wo ist denn heute der Künstler, der die physisch-irdische Substanz in einer solchen Weise stilvoll zu behandeln weiß, daß diese physisch-irdische Substanz den Abglanz jener anderen Welt zeigt, der der Mensch eigentlich angehört?

[ 35 ] But once again, one thing becomes evident in art. Art reveals how artistic expression emerges from ancient times: the spiritualization of physical matter. Through tradition, human beings can receive much of what has been preserved from ancient artistic spiritualization. But precisely when a genuine artistic nature resides in his subconscious, he feels unsatisfied today because he can no longer master what even Raphael himself conjured into the human, earthly form as a reflection of another world to which human beings belong with their true being. Where, then, is the artist today who knows how to treat physical, earthly substance in such a stylized way that this physical, earthly substance reflects that other world to which human beings actually belong?

[ 36 ] Bleibt als drittes aus alten Zeiten traditionell erhalten die Religion. Sie weist die menschliche Empfindung, das menschliche Frommsein auf jene andere Welt hin. Einstmals ist diese Religion dadurch entstanden, daß der Mensch die Offenbarungen der Natur, die ihm eigentlich so fern steht, empfangen hat. Und wenn wir den geistigen Blick um Jahrtausende zurücksenden, dann treffen wir auf Menschen, die auch gefühlt haben: Es gibt eine Natur, aber der Mensch kann an diese Natur nur heran, indem er sich von ihr vernichten läßt. Ja, auch die Menschen vor Jahrtausenden haben das in den Tiefen ihrer Seele empfunden; aber sie blickten hin — noch bei den Agyptern war das so — auf den Leichnam, der gewissermaßen wie in eine Art Weltenmoloch hineingeht in die äußere Natur, als Leichnam vernichtet wird. Sie sahen nach; aber sie sahen: in dasselbe Tor, hinter dem der menschliche Leichnam vernichtet wird, geht auch die menschliche Seele. Niemals hätten diese Ägypter ihre Mumien gebildet, wenn der Mensch nicht, nachschauend in alten Zeiten der Seele, gesehen hätte: durch dasselbe Tor hindurch, durch das der Leichnam geht, hinter dem die Leichname vernichtet werden, geht auch die Seele. Aber die Seele geht weiter. Diese Menschen der alten Zeiten fühlten, wie diese Seele größer und größer wird und aufgeht in den Kosmos. Und dann sahen sie dasjenige, was in die Erde hinein verschwunden ist, in die Elemente hinein verschwunden ist, sie sahen es wie wiederum aus den Weltenweiten, aus den Sternen zurückkommen; sie sahen im Tode die Menschenseele verschwinden, zunächst hinter das Tor des Todes, dann hinter dem Tor des Todes sahen sie diese Menschenseele auf dem Wege zur anderen Welt, und sie sahen sie wieder zurückkommen aus den Sternen. Das war die alte Religion: Weltenoffenbarung. Weltenoffenbarung aus der Stunde des Todes, Weltenoffenbarung aus der Stunde der Geburt. Die Worte haben sich erhalten. Der Glaube hat sich erhalten. Aber dasjenige, was er enthält, hat es noch einen Bezug zur Welt?

[ 36 ] The third element that has been traditionally preserved from ancient times is religion. It directs human feeling and piety toward that other world. This religion once arose because human beings received the revelations of nature, which is actually so distant from them. And when we cast our spiritual gaze back thousands of years, we encounter people who also felt: There is a nature, but human beings can only approach this nature by allowing themselves to be destroyed by it. Yes, even people thousands of years ago felt this in the depths of their souls; but they looked on—and this was still the case even among the Egyptians—at the corpse, which, as it were, enters a kind of cosmic Moloch within outer nature and is destroyed as a corpse. They looked on; but they saw that the human soul, too, passes through the very same gate behind which the human corpse is destroyed. Those ancient Egyptians would never have created their mummies if people, gazing into the soul in ancient times, had not seen that the soul, too, passes through the very same gate through which the physical body passes—beyond which the physical bodies are destroyed. But the soul goes further. These people of ancient times sensed how this soul grows larger and larger and ascends into the cosmos. And then they saw that which had vanished into the earth, into the elements; they saw it returning once more from the vastness of the cosmos, from the stars; they saw the human soul vanish in death, first beyond the gate of death, then beyond that gate they saw this human soul on its way to the other world, and they saw it return again from the stars. That was the ancient religion: a revelation of the cosmos. A revelation of the cosmos at the hour of death, a revelation of the cosmos at the hour of birth. The words have been preserved. The faith has been preserved. But does what it contains still have any relevance to the world?

[ 37 ] Es ist in weltenfremder Literatur, religiöser weltenfremder Literatur und Tradition erhalten. Es steht ferne der Welt selbst. Und keine Beziehung mehr kann der Mensch der gegenwärtigen Zivilisation von dem, was ihm religiös überliefert ist, zu demjenigen erblicken, was jetzt die bange Frage ist. Denn er schaut in die Natur hinaus, sieht allein, indem er auf den Tod hinblickt, den menschlichen physischen Leib durch das Tor des Todes gehen und jenseits des Todes der Vernichtung anheimfallen. Dann sieht er hereinkommen durch die Geburt die menschliche Gestalt. Und er muß sich sagen: Woher kommt sie? Überall, wohin ich schaue, erblicke ich nichts, woher sie kommt. Denn aus den Sternen sieht er sie nicht mehr kommen, wie er nicht mehr den Blick dafür hat, sie jenseits der Pforte des Todes zu erblikken. Und Religion ist zum inhaltslosen Worte geworden. Der Mensch hat um sich herum in der Zivilisation dasjenige, was alte Zeiten als Wissenschaft, als Kunst, als Religion besessen haben. Aber die Wissenschaft der Alten ist fallengelassen worden. Die Kunst der Alten wird nicht mehr in ihrer Innerlichkeit empfunden, und was ihr als Ersatz entgegentritt, ist dasjenige, was der Mensch nicht aus der physischen Substanz heraufheben kann bis zum Erstrahlen des Geistigen in dem physischen Stoffe.

[ 37 ] It has been preserved in otherworldly literature—religious, otherworldly literature and tradition. It stands apart from the world itself. And people of today’s civilization can no longer see any connection between what has been handed down to them religiously and what is now the anxious question. For he looks out into nature and, as he gazes upon death, sees only the human physical body passing through the gate of death and falling prey to destruction beyond death. Then he sees the human form entering through birth. And he must ask himself: Where does it come from? Everywhere I look, I see nothing from which it comes. For he no longer sees it coming from the stars, just as he no longer has the vision to perceive it beyond the gate of death. And religion has become an empty word. In civilization, people are surrounded by what ancient times possessed as science, as art, and as religion. But the science of the ancients has been abandoned. The art of the ancients is no longer experienced in its inner essence, and what stands in its place as a substitute is that which human beings cannot raise up from physical substance to the point where the spiritual shines forth within the physical matter.

[ 38 ] Und geblieben ist aus alten Zeiten das Religiöse, Aber das Religiöse knüpft nirgends an die Welt an. Trotz des Religiösen bleibt die Welt im Verhältnis zum Menschen jenes Rätsel. Dann blickt der Mensch in sein Inneres hinein. Er hört die Stimme des Gewissens sprechen. In alten Zeiten war die Stimme des Gewissens die Stimme desjenigen Gottes, der die Seele führte über die Regionen hin, in denen der Leichnam vernichtet wird, der die Seele führte und ihr die Gestalt gab zum irdischen Leben: Derselbe Gott war es, der dann in der Seele sprach als die Stimme des Gewissens. Jetzt ist auch die Stimme des Gewissens äußerlich geworden. Die Moralgesetze führen sich nicht mehr zurück auf die göttlichen Impulse. Der Mensch blickt zunächst auf das Historische. Der Mensch blickt auf dasjenige, was ihm aus alten Zeiten geblieben ist. Er kann nur die Ahnung haben: Die beiden großen Daseinsfragen haben die Alten in anderer Weise empfunden, als du sie heute empfindest; daher haben sie sich in einer gewissen Weise Antwort geben können. Du kannst dir nicht mehr Antwort geben. Die Rätsel schweben vor dir, vernichtend für dich, weil sie dir nach dem Tode nur deine Vernichtung, weil sie deiner Seele im Leben nur den Schein zeigen.

[ 38 ] And what remains from ancient times is religion, but religion has no connection to the world. Despite religion, the world remains a mystery to humankind. Then humankind looks within. It hears the voice of conscience speaking. In ancient times, the voice of conscience was the voice of that God who guided the soul through the realms where the physical body is destroyed, who guided the soul and gave it form for earthly life: it was this same God who then spoke within the soul as the voice of conscience. Now, even the voice of conscience has become external. Moral laws are no longer traced back to divine impulses. Human beings look first to history. They look to what has remained to them from ancient times. They can only have a sense that the ancients perceived the two great questions of existence differently than you do today; therefore, they were able to provide themselves with answers in a certain way. You can no longer provide yourself with answers. The mysteries hover before you, devastating to you, because after death they promise you only your own destruction, and because in life they reveal to your soul only an illusion.

[ 39 ] So steht einmal der Mensch heute vor der Welt. Und aus dieser Empfindung heraus entstehen jene Fragen, die Anthroposophie beantworten soll. Die Herzen sprechen aus diesen beiden Empfindungen heraus. Und die Herzen sprechen: Wo ist die Welterkenntnis, welche diesen Empfindungen gerecht wird?

[ 39 ] This, then, is how human beings view the world today. And it is from this feeling that the questions arise which anthroposophy is meant to answer. Hearts speak from these two feelings. And the hearts ask: Where is the understanding of the world that does justice to these feelings?

[ 40 ] Diese Welterkenntnis möchte Anthroposophie sein. Und sie möchte so über Welt und Menschen sprechen, daß wiederum etwas da sein kann, was verstanden werden kann mit dem modernen Bewußtsein, wie verstanden worden ist alte Wissenschaft, alte Kunst, alte Religion mit dem alten Bewußtsein. Anthroposophie hat durch die Stimme des menschlichen Herzens selber ihre gewaltige Aufgabe. Sie ist nichts anderes als Menschensehnsucht der Gegenwart. Sie wird leben müssen, weil sie die Menschensehnsucht der Gegenwart ist. Das, meine lieben Freunde, will Anthroposophie sein. Sie entspricht dem, was der Mensch am heißesten ersehnt für sein äußeres, für sein inneres Dasein. Und die Frage entsteht: Kann es heute eine solche Weltanschauung geben? Der Welt hat diese Antwort zu geben die Anthroposophische Gesellschaft. Die Anthroposophische Gesellschaft muß den Weg finden, die Herzen der Menschen aus ihren tiefsten Sehnsuchten heraus sprechen zu lassen. Dann werden diese menschlichen Herzen eben auch die tiefste Sehnsucht nach den Antworten empfinden.

[ 40 ] Anthroposophy aspires to be this understanding of the world. And it seeks to speak about the world and humanity in such a way that there may once again be something that can be understood by modern consciousness, just as ancient science, ancient art, and ancient religion were understood by the consciousness of the past. Anthroposophy has its immense task through the voice of the human heart itself. It is nothing other than the longing of people today. It must live on because it is the longing of people today. That, my dear friends, is what anthroposophy aims to be. It corresponds to what human beings most ardently long for in their outer and inner lives. And the question arises: Can such a worldview exist today? It is up to the Anthroposophical Society to provide the world with this answer. The Anthroposophical Society must find the way to let people’s hearts speak from their deepest longings. Then these human hearts will also feel the deepest longing for the answers.