Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume I
GA 235

8 March 1924, Dornach

Translate the original German text into any language:

Siebenter Vortrag

Seventh Lecture

[ 1 ] In den Betrachtungen über das Karma möchte ich heute, nachdem ich das letzte Mal mehr die Bildung der karmischen Kräfte geschildert habe, gewissermaßen den Grund legen, um das Verständnis für das Karma dadurch hervorzurufen, daß man hinschaut auf einzelne Schicksale im Leben von Menschen, um die karmische Bestimmtheit, Bestimmung, sagen wir, dieser einzelnen menschlichen Schicksale ins Auge zu fassen.

[ 1 ] In today’s reflections on karma—following my previous discussion, which focused more on the formation of karmic forces—I would like, in a sense, to lay the groundwork for an understanding of karma by examining individual destinies in people’s lives, in order to grasp the karmic determinism—or, let us say, the destiny—of these individual human lives.

[ 2 ] Solche Schicksale können natürlich nur als Beispiele dienen; aber man kann schon, wenn man an konkrete menschliche Schicksale anknüpft und das Karma dabei ins Auge faßt, man kann schon, von da ausgehend, Einblicke dann gewinnen in die Art, wie Karma überhaupt bei den Menschen wirkt.

[ 2 ] Such fates can, of course, serve only as examples; but by drawing on specific human fates and considering karma in this context, one can, starting from there, gain insights into the way karma works in human beings in general.

[ 3 ] Es wirkt ja natürlich so vielfältig, als es Menschen auf Erden gibt. Die karmische Gestaltung ist durchaus individuell. Man kann also nur, wenn man auf das einzelne eingeht, eben in Beispielen sprechen.

[ 3 ] Of course, its effects are as varied as the number of people on Earth. Karmic patterns are entirely individual. So one can only speak in terms of examples by addressing each individual case.

[ 4 ] Nun möchte ich heute Beispiele anführen, die ich untersucht habe, die mir durchsichtig geworden sind in ihrem karmischen Verlaufe. Es ist allerdings schon ein gewagtes Unternehmen, über, wenn auch fernerliegende, karmische Zusammenhänge im einzelnen zu sprechen, denn eigentlich ist es ja üblich, wenn von Karma gesprochen wird, in allgemeinen Redensarten zu sprechen: Dies oder jenes wird auf diese oder jene Weise verursacht —, oder: Man muß den oder jenen Schicksalsschlag auf irgend etwas zurückführen, wie ihn der Mensch verdient hat — und dergleichen. Nun, so einfach sind die Dinge nicht! Gerade wenn von Karma gesprochen wird, wird sehr viel trivialisiert.

[ 4 ] Today I would like to cite examples that I have examined and whose karmic course has become clear to me. It is, however, quite a daring undertaking to speak in detail about karmic connections—even if they are more distant ones—because it is actually customary, when speaking of karma, to use general expressions: “This or that is caused in this or that way”—or: “One must attribute this or that stroke of fate to something, as the person deserves it”—and the like. Well, things aren’t that simple! It is precisely when people talk about karma that the subject is often trivialized.

[ 5 ] Nun wollen wir heute einmal auf bestimmte, wenn auch fernerliegende karmische Beispiele eingehen, ganz, ich möchte sagen, dieses gewagte Unternehmen wirklich vollführen, über einzelne Karmas zu sprechen, soweit das eben nach den Untersuchungen, die mir obgelegen haben, geschehen kann. Beispiele sollen es also sein.

[ 5 ] Today, let us examine certain—albeit more distant—karmic examples; indeed, I would say, let us truly carry out this daring undertaking of discussing individual instances of karma, to the extent that this is possible based on the research I have conducted. These, then, will be examples.

[ 6 ] Da möchte ich zunächst über einen berühmten Ästhetiker und Philosophen, über Friedrich Theodor Vischer — ich habe ihn öfter erwähnt im Verlaufe meiner Vorträge —, sprechen. Ich möchte heute gerade diejenigen Eigentümlichkeiten seines Lebenslaufes herausheben, die ich dann zur Grundlage einer karmischen Besprechung wählen kann.

[ 6 ] I would like to begin by speaking about a famous aesthetician and philosopher, Friedrich Theodor Vischer—whom I have mentioned several times in the course of my lectures. Today, I would like to highlight precisely those aspects of his life that I can then use as the basis for a karmic discussion.

[ 7 ] Friedrich Theodor Vischer wuchs hinein mit seiner Bildung in das Zeitalter, in dem innerhalb Deutschlands die sogenannte idealistische deutsche Philosophie blühte: das Hegeltum. Und Friedrich Theodor Vischer, der jung war, seine Studien durchmachte, während überall die Köpfe voll waren von Hegelscher Denkweise, er hat diese Denkweise angenommen. Er war empfänglich für dieses hohe Hegelsche Verweilen in Gedanken. Ihm war es einleuchtend, daß der Gedanke wie das ja bei Hegel behauptet wird — tatsächlich das göttliche Wesen der Welt sei; daß also, wenn wir als Menschen denken, wir, indem wir in Gedanken leben, in der göttlichen Substanz leben.

[ 7 ] Friedrich Theodor Vischer’s education took place during the era when so-called German idealist philosophy—Hegelianism—was flourishing in Germany. And Friedrich Theodor Vischer, who was young and pursuing his studies at a time when everyone’s minds were filled with Hegelian thought, adopted this way of thinking. He was receptive to this lofty Hegelian immersion in thought. It seemed self-evident to him that thought—as Hegel indeed asserts—is in fact the divine essence of the world; that, therefore, when we think as human beings, we live in the divine substance by living in thought.

[ 8 ] Hegel war in der Tat durchaus davon überzeugt, daß von dem Leben in Gedanken eigentlich alle Erdenentwickelung abhängt. Das andere schließt sich daran. Die Weltenpläne werden gemacht, indem die Denker über die Welt nachdenken. — Gewiß, darin liegt viel Wahres. Aber bei Hegel hat das alles einen sehr abstrakten Charakter.

[ 8 ] Hegel was, in fact, thoroughly convinced that all earthly development actually depends on life in thought. The rest follows from this. The plans for the world are made as thinkers reflect on the world. — Certainly, there is much truth in this. But in Hegel’s view, all of this takes on a very abstract character.

[ 9 ] Aber Friedrich Theodor Vischer hat sich in diese Hegelsche Philosophie eingelebt. Dabei war er aber zugleich auch eine aus einem Volksstamme heraus entstandene Persönlichkeit, die die Eigentümlichkeiten dieses Volksstammes mit großer Deutlichkeit an sich trug. Er hatte alle Eigenschaften eines Schwaben, allen Eigensinn, alle Rechthaberei, auch allen Unabhängigkeitssinn des Schwaben! Er hatte auch das Kurzangebundene des Schwaben. Und indem er diesen Schwabencharakter an sich trug, hatte er wiederum starke persönliche Eigentümlichkeiten: Ein, wenn man das Äußere nimmt, schönes blaues Auge, einen etwas struppigen, aber immerhin von ihm mit einem gewissen ästhetischen Enthusiasmus getragenen rötlichbraunen Vollbart. Ich sage, er hat ihn mit einem gewissen ästhetischen Enthusiasmus getragen, weil er sich ja in seinen Schriften genügend ausspricht über die Ungezogenheit jener Männer, die keinen Vollbart tragen. Er nennt sie «bartlose Affengesichter»; er war also durchaus nicht zurückhaltend. Das alles tat er mit der eigentümlichen, kurzangebundenen Bestimmtheit eben des Schwaben.

[ 9 ] But Friedrich Theodor Vischer had fully immersed himself in Hegel’s philosophy. At the same time, however, he was also a figure who had emerged from a particular ethnic group and who embodied the distinctive traits of that group with great clarity. He possessed all the characteristics of a Swabian—all the stubbornness, all the dogmatism, and all the Swabian sense of independence! He also had the Swabian tendency to be quick-tempered. And because he embodied this Swabian character, he in turn possessed strong personal traits: a beautiful blue eye—if one considers his appearance—and a somewhat shaggy reddish-brown full beard, which he nevertheless wore with a certain aesthetic enthusiasm. I say he wore it with a certain aesthetic enthusiasm because, after all, he speaks out sufficiently in his writings about the ill-manneredness of those men who do not wear a full beard. He calls them “beardless monkey faces”; so he was by no means reserved. He did all this with the peculiar, brusque decisiveness characteristic of the Swabian.

[ 10 ] Er war mäßig groß, nicht dick, sondern eher schmächtig; aber er ging durch die Straßen, indem er die Arme so hielt, als ob er sich mit den Ellbogen immer den Weg frei machte. Das hat er ja auch als geistige Individualität durchaus getan! — So war das Äußere.

[ 10 ] He was of average height, not fat, but rather slight; yet he walked through the streets holding his arms as if he were constantly clearing a path for himself with his elbows. And indeed, as a man of intellectual individuality, that is exactly what he did! — Such was his appearance.

[ 11 ] Er war von einem sehr starken, auch persönlichen Unabhängigkeitsdrang, hielt nicht zurück mit dem, was er gern sagen wollte. So traf es einmal zufällig zusammen, daß, nachdem er von «Freunden» — das geschieht ja sehr häufig von Freunden — bei der Stuttgarter Regierung angeschwärzt worden war, einen argen Verweis von der Stuttgarter Regierung bekommen hat — an demselben Tag, wo ihm sein Sohn geboren worden ist, der Robert, der dann ja auch als Ästhetiker einen Namen sich erworben hat —, daß er dann im Auditorium dies ankündigte, indem er sagte: Meine Herren, ich habe heute einen großen Wischer und einen kleinen Vischer bekommen!

[ 11 ] He had a very strong, even personal, drive for independence and did not hold back from saying what he wanted to say. So it happened by chance that, after he had been — which, of course, happens very often with friends — had been denounced to the Stuttgart government and received a severe reprimand from them — on the very same day that his son, Robert, was born (who later made a name for himself as an aesthetician) — he announced this in the auditorium, saying: “Gentlemen, today I’ve received a big Vischer and a little Vischer!”

[ 12 ] Es war ihm durchaus eigen, über die Dinge sehr bestimmt zu sprechen. So ist ein entzückender Aufsatz von ihm: «Über Fußflegelei auf der Eisenbahn.» Er hat mit großem Mißfallen beobachtet, wie manchmal Passagiere, die im Coup& auf der einen Seite sitzen, ihre Füße nach der anderen Seite hinüber auf die Bank legen. Das konnte er gar nicht leiden! Da ist ein entzückender Aufsatz von ihm über Fußflegel auf den Eisenbahnen vorhanden.

[ 12 ] It was quite characteristic of him to speak very decisively about things. One of his delightful essays, for example, is titled “On Foot-Stretching on the Railroad.” He observed with great displeasure how passengers sitting on one side of a compartment would sometimes dangle their feet across to the other side of the bench. He couldn’t stand that at all! There is a delightful essay of his on foot-dangling on trains.

[ 13 ] Was er alles in seinem Buche «Mode und Zynismus» über allerlei Ungezogenheiten und Unangezogenheiten auf Bällen und anderen Unterhaltungen geschrieben hat, darüber will ich heute lieber schweigen. Er war schon eine starke Individualität.

[ 13 ] I’d rather not comment today on everything he wrote in his book Fashion and Cynicism about all sorts of bad manners and inappropriate attire at balls and other social gatherings. He was certainly a strong individual.

[ 14 ] Ein Freund von mir besuchte ihn einmal, klopfte ganz artig an der Tür. Ich weiß nicht, ob das sonst in Schwaben üblich ist, aber er sagte nicht «Herein!», oder wie man sonst sagt in einem solchen Fall, sondern er schmetterte: «Glei!» — Gleich oder sogleich würde er bereit sein.

[ 14 ] A friend of mine once visited him and knocked politely on the door. I don’t know if this is customary in Swabia, but he didn’t say “Come in!” or whatever one usually says in such a situation; instead, he bellowed, “Glei!”—meaning he’d be ready right away.

[ 15 ] Nun, Friedrich Theodor Vischer machte sich verhältnismäßig in jungen Jahren an eine große Aufgabe: die Ästhetik im Sinne der Hegelschen Philosophie zu schreiben. Und diese fünf Bände, die er da geschrieben hat, die sind in der Tat ein merkwürdiges Werk. Da ist eine strenge Paragrapheneinteilung, wie es bei Hegel üblich war; da sind die üblichen Definitionen. Wenn ich Ihnen ein Stück vorlesen würde, würden Sie sogleich alle gähnen, denn es ist durchaus in eben nicht gerade populärem Hegelismus geschrieben, sondern es sind schon Definitionen wie diese: Das Schöne ist die Erscheinung der Idee in sinnlicher Form. Das Erhabene ist die Erscheinung der Idee in sinnlicher Form so, daß die Idee die sinnliche Form überwiegt. Das Komische ist die Erscheinung der Idee in der sinnlichen Form so, daß die sinnliche Form überwiegt — und so weiter. Das sind Dinge, die noch verhältnismäßig interessant sind, aber es geht noch viel weiter! Dann aber stehen gegenüber diesen «Definitionen», «Deklarationen», das sogenannte Kleingedruckte. Die meisten lesen dieses Buch «Ästhetik» von Friedrich Theodor Vischer so, daß sie das Großgedruckte weglassen und nur das Kleingedruckte lesen. Und dieses Kleingedruckte enthält in der Tat das Geistreichste der Ästhetik, das auf den verschiedensten Gebieten vorgebracht worden ist. Da ist kein Pedantismus, kein Hegeltum drinnen, sondern da ist der Schwaben-Vischer mit all seiner geistreichen Gewissenhaftigkeit, aber auch mit seiner feinen Empfindung für alles Schöne, Großartige und Erhabene drinnen. Da ist zugleich das Naturgeschehen in einer unvergleichlichen Weise, in einem freien Stil, der geradezu musterhaft ist, geschildert. Da hat er wirklich in vielen Jahren mit einer eisernen Konsequenz dieses Werk zu Ende gebracht.

[ 15 ] Well, Friedrich Theodor Vischer set out at a relatively young age to tackle a major undertaking: to write a treatise on aesthetics in the spirit of Hegel’s philosophy. And these five volumes he wrote are, in fact, a remarkable work. There is a strict division into paragraphs, as was customary with Hegel; there are the usual definitions. If I were to read a passage to you, you would all yawn immediately, for it is written in a style that is by no means popular Hegelianism, but rather contains definitions such as this: “The Beautiful is the manifestation of the Idea in sensuous form.” The sublime is the manifestation of the Idea in sensuous form in such a way that the Idea predominates over the sensuous form. The comic is the manifestation of the Idea in sensuous form in such a way that the sensuous form predominates—and so on. These are things that are still relatively interesting, but it goes much further! But then, set against these “definitions” and “declarations,” is what is known as the “fine print.” Most people read this book, Aesthetics by Friedrich Theodor Vischer, in such a way that they skip the “large print” and read only the “fine print.” And this “fine print” does indeed contain the most profound insights into aesthetics that have been put forward in a wide variety of fields. There is no pedantry, no Hegelianism in it; rather, there is the Swabian Vischer with all his witty conscientiousness, but also with his refined sensibility for everything beautiful, magnificent, and sublime. At the same time, natural phenomena are described in an incomparable manner, in a free style that is nothing short of exemplary. He truly brought this work to completion over many years with ironclad consistency.

[ 16 ] Nun gab es in der Zeit, als dieses Werk erschienen war und das Hegeltum noch in einem gewissen Sinne herrschend war, eigentlich viel Anerkennung für dieses Werk; natürlich auch Gegner, aber doch viel Anerkennung. Nun erwuchs aber im Laufe der Zeit diesem Werke ein großer Gegner, ein Gegner, der es vernichtend kritisiert hat, der eigentlich «kein gutes Haar» daran gelassen hat, der es in einer großen, geistreichen Weise kritisiert hat, musterhaft kritisiert hat: das war Friedrich Theodor Vischer selbst in seinen späteren Jahren!

[ 16 ] At the time this work was published, when Hegelianism was still, in a certain sense, dominant, it actually received a great deal of recognition; there were opponents, of course, but still a great deal of recognition. Over time, however, a major opponent of this work emerged—an opponent who criticized it devastatingly, who left “not a single good hair” on it, who criticized it in a grand, witty manner, and did so in an exemplary way: that was Friedrich Theodor Vischer himself in his later years!

[ 17 ] Und wiederum ist es, ich möchte sagen, entzückend, etwas Entzükkendes, diese Selbstkritik in den «Kritischen Gängen» zu lesen. Dabei gibt es so vieles, was Friedrich Theodor Vischer als Ästhetiker, als Philosoph, als allgemeiner Belletrist in seinen «Kritischen Gängen» oder später in der schönen Sammlung «Altes und Neues» hat erscheinen lassen. — Als er noch Student war, schrieb er Lyrisch-Ironisches. Bei all der großen Verehrung, die ich für Friedrich Theodor Vischer immer hatte, ich konnte nie anders, als das, was er da als Student geleistet hat, eigentlich gar nicht einmal für studentisch, sondern für urphiliströs zu halten! Das aber lebte wieder auf, als er in seinen Siebzigerjahren, nach siebzig seine Gedichtsammlung unter dem Pseudonym «Schartenmayer» schrieb — philiströses Zeug!

[ 17 ] And once again, I would say, it is delightful—truly delightful—to read this self-criticism in the Kritische Gänge. And yet there is so much that Friedrich Theodor Vischer, as an aesthetician, a philosopher, and a writer of general fiction, published in his Kritische Gänge or later in the beautiful collection Altes und Neues. — When he was still a student, he wrote lyrical-ironic pieces. Despite all the great admiration I’ve always had for Friedrich Theodor Vischer, I could never help but regard what he produced as a student not even as “student-like,” but as thoroughly philistine! But that resurfaced when, in his seventies, he wrote his collection of poems under the pseudonym “Schartenmayer”—philistine stuff!

[ 18 ] Ein Urphilister wurde er in bezug auf den Goetheschen «Faust». Vom Goetheschen «Faust» im ersten Teil, nun, da gab er noch einiges zu. Aber jedenfalls war er der Ansicht: Der zweite Teil ist ein zusammengeschustertes, zusammengeleimtes Machwerk des Alters, denn der zweite Teil des «Faust», der hätte ganz anders sein müssen! — Und er hat ja dann nicht nur seinen «Faust, der Tragödie dritter Teil» geschrieben, in dem er den zweiten Teil des Goetheschen «Faust» ironisiert hat, sondern er hat auch tatsächlich einen Plan verfaßt, wie der Goethesche «Faust» hätte werden sollen. Es ist ein philiströses Zeug. Es ist ungefähr so philiströs wie das, was Du Bois-Reymond, der große Naturforscher, in seiner Rede: «Goethe und kein Ende» gesagt hat: Der «Faust» ist eigentlich verfehlt; richtig wäre er, wenn Faust nicht allerlei solchen Schnack machen würde, wie Geisterbeschwörungen und den Erdgeist beschwören, sondern wenn er einfach in ehrlicher Weise hätte die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfunden und Gretchen ehrlich gemacht. — In ganz ähnlicher Weise philiströs ist eigentlich alles das, was nun Friedrich Theodor Vischer in Anknüpfung an den Goetheschen «Faust» von sich gegeben hat.

[ 18 ] He became a true philistine when it came to Goethe’s Faust. As for the first part of Goethe’s Faust, well, he still had some good things to say about it. But in any case, he was of the opinion that the second part was a cobbled-together, patched-up piece of work from old age, because the second part of Faust should have been completely different! — And he didn’t just write his Faust, the Third Part of the Tragedy, in which he satirized the second part of Goethe’s Faust; he actually drew up a plan for how Goethe’s Faust should have turned out. It’s philistine drivel. It’s about as philistine as what Du Bois-Reymond, the great naturalist, said in his speech: “Goethe and No End”: “Faust” is actually flawed; it would be correct if Faust didn’t engage in all sorts of nonsense like conjuring spirits and summoning the Earth Spirit, but instead had simply and honestly invented the electrostatic machine and the air pump and made Gretchen virtuous. — In much the same way, everything that Friedrich Theodor Vischer has now spouted in connection with Goethe’s Faust is actually just as philistine.

[ 19 ] Es war so, wie man, vielleicht nicht in Württemberg, aber in meiner Heimat Österreich sagt: es war ein «Schwabenstreich», was er in bezug auf den Goetheschen «Faust» getan hat! Solche Worte haben ja immer eine andere Bedeutung, jenach den Gegenden, wo sie gebraucht werden.

[ 19 ] It was just as people say—perhaps not in Württemberg, but in my homeland of Austria: what he did with regard to Goethe’s Faust was a “Schwabenstreich”! Such words always have a different meaning depending on the region where they are used.

[ 20 ] Nun, sehen Sie, das Bedeutsame an diesem Mann sind diese einzelnen Züge. Sie machen ungefähr sein Leben aus. Man könnte allerdings auch einzelne Tatsachen erzählen, aber das will ich nicht. Ich möchte ihn als Persönlichkeit so vor Sie hingestellt haben, und ich möchte dann auf dieser Grundlage eine karmische Betrachtung über ihn anstellen. Ich möchte Ihnen heute nur die Materialien zunächst liefern.

[ 20 ] Well, you see, what makes this man significant are these individual traits. They essentially make up his life. One could, of course, recount individual facts, but I don’t want to do that. I want to present him to you as a personality, and then, on that basis, I’d like to offer a karmic perspective on him. For now, I’d just like to provide you with the background information.



[ 21 ] Eine zweite Persönlichkeit, die ich karmisch betrachten möchte wie gesagt, es ist dies ein Wagnis, solche einzelnen Beispiele zu geben, aber sie sollen eben gegeben werden, und ich möchte Grundlagen dazu schaffen —, eine zweite Persönlichkeit ist Franz Schubert, der Liederkomponist, der Komponist überhaupt.

[ 21 ] A second figure whom I would like to consider from a karmic perspective—as I said, it is a risk to give such specific examples, but they must be given, and I would like to lay the groundwork for this—a second figure is Franz Schubert, the song composer, the composer par excellence.

[ 22 ] Ich will auch da diejenigen Züge, die ich zur karmischen Schilderung brauchen werde, herausheben. Franz Schubert war eigentlich so ziemlich sein Leben lang arm. Als Schubert eine Zeitlang gestorben war, gab es in Wien wirklich sehr viele nicht nur «gute Bekannte», sondern «Freunde» von Franz Schubert. Eine ganze Menge Leute wollten ihm Geld geborgt haben, redeten von ihm als von dem Schubert-Franzl und so weiter. Ja, aber während seiner Lebzeiten war das nicht so!

[ 22 ] I also want to highlight those aspects that I will need for the karmic account. Franz Schubert was actually poor for pretty much his entire life. Some time after Schubert had died, there were indeed a great many people in Vienna who were not just “acquaintances” but “friends” of Franz Schubert. A whole lot of people claimed he had borrowed money from them, referring to him as “Franzl Schubert” and so on. Yes, but that wasn’t the case during his lifetime!

[ 23 ] Aber er hatte einen wirklichen Freund gefunden. Dieser Freund, ein Freiherr von Spaun, war eine außerordentlich edle Persönlichkeit. Er sorgte eigentlich von frühester Jugend an in einer zarten Weise für Schubert. Sie waren Schulkollegen schon. Damals hatte er für ihn zu sorgen, und dann setzte sich das so fort. Und in karmischer Beziehung scheint mir es von ganz besonderer Wichtigkeit zu sein — wir werden das dann bei der karmischen Betrachtung sehen —, daß Spaun in einem Berufe drinnen war, der ihm eigentlich ganz fremd war. Spaun war ein feingebildeter Mensch, der jede Art von Kunst liebte, der außer mit Schubert noch mit Moritz von Schwind eng befreundet war, ein Mensch, auf den wirklich in einer zarten Weise alles Künstlerische einen großen Eindruck machte. In Österreich kommt zwar manches vor — auch Grillparzer war ja Finanzbeamter —, aber eben auch Spaun war, trotzdem er nicht die geringste Ader dafür hatte, sein Leben lang in Finanzämtern. Er war Finanzbeamter, hatte Geld zu verwalten, eigentlich Zahlen zu verwalten, und als er in ein bestimmtes Alter gekommen war, wurde er sogar Lotto-Direktor, Lotterie-Direktor. Er hatte also die Lotterie in Österreich zu versorgen. Es war ihm außerordentlich antipathisch. Aber denken Sie doch nur einmal, was eigentlich der Realität nach ein Lotterie-Direktor verwaltet! Sie müssen nur bedenken: ein Lotterie-Direktor verwaltet Leidenschaften, Hoffnungen, zerstörte Hoffnungen, Enttäuschungen von unzähligen Menschen. Ein Lotterie-Direktor verwaltet in allergrößtem Stil den Aberglauben der Menschen, ein Lotterie-Direktor verwaltet in allergrößtem Stil die Träume der Menschen! Denken Sie nur, was alles eigentlich da in Betracht kommt, wenn ein Lotterie-Direktor, ein oberster Lotterie-Direktor seine administrativen Maßregeln trifft! Gewiß, wenn man ins Büro hereintritt und wieder heraustritt, bemerkt man das nicht so; aber die Realität ist da. Und derjenige, der die Welt als real betrachtet, der muß eben durchaus so etwas in Betracht ziehen.

[ 23 ] But he had found a true friend. This friend, Baron von Spaun, was an extraordinarily noble man. From Schubert’s earliest youth onward, he had looked after him in a tender way. They had been schoolmates. Back then, he had to take care of him, and that continued from then on. And from a karmic perspective, it seems to me to be of particular importance—we will see this later in our karmic analysis—that Spaun was engaged in a profession that was actually quite foreign to him. Spaun was a highly cultured man who loved every form of art, who was close friends not only with Schubert but also with Moritz von Schwind—a man on whom everything artistic made a profound impression in a very tender way. Admittedly, all sorts of things happen in Austria—Grillparzer, after all, was a tax official, too—but Spaun, too, despite having not the slightest inclination for it, spent his entire life in tax offices. He was a tax official, responsible for managing money—or rather, managing numbers—and when he reached a certain age, he even became the director of the lottery. So he was in charge of running the lottery in Austria. He found it extremely distasteful. But just think for a moment about what a lottery director actually manages in reality! You only have to consider this: a lottery director manages the passions, hopes, shattered hopes, and disappointments of countless people. A lottery director manages people’s superstitions on a grand scale; a lottery director manages people’s dreams on a grand scale! Just think about everything that actually comes into play when a lottery director—a top lottery director—takes his administrative measures! Of course, when you walk into the office and walk out again, you don’t really notice it; but the reality is there. And anyone who views the world as real must certainly take such things into account.

[ 24 ] Nun, dieser Mann, der gar nichts zu tun hatte mit jenem Aberglauben, der da von ihm verwaltet wurde, mit jenen Enttäuschungen, Sehnsuchten, Hoffnungen, der war der intime Freund von Schubert, nahm teil an seinem materiellen und an seinem geistigen Wohlergehen im höchsten Maße. Man kann eigentlich äußerlich manchmal erstaunt sein, wozu die Welt alles imstande ist. Es gibt eine Biographie von Schubert, die schildert das Exterieur von Schubert so, wie wenn Schubert ungefähr wie ein Neger ausgesehen hätte. Es ist gar keine Rede davon gewesen! Er hat sogar ein sehr sympathisches Gesicht gehabt! Aber er war eben arm. Schon das Abendbrot, das er zumeist mit dem Freiherrn von Spaun zusammen einnahm, wurde meistens in zarter Weise von Spaun eben bezahlt. Und er hatte nicht Geld, um etwa ein Klavier zu mieten für seine musikalischen Bedürfnisse. Er war in seinem äußerlichen Auftreten — das schildert auch der Freiherr von Spaun sehr getreulich — eigentlich gemessen, fast phlegmatisch. Aber in einer merkwürdigen Weise konnte ein innerlich Vulkanisches aus seiner Natur hervorbrechen.

[ 24 ] Well, this man, who had absolutely nothing to do with the superstitions that were being perpetuated in his name, nor with those disappointments, longings, and hopes—he was Schubert’s close friend and contributed immensely to both his material and spiritual well-being. Outwardly, one can sometimes be astonished at what the world is capable of. There is a biography of Schubert that describes his appearance as if he had looked something like a Black man. There was absolutely no mention of that! He even had a very likable face! But he was simply poor. Even his evening meal, which he usually shared with Baron von Spaun, was most often graciously paid for by von Spaun. And he didn’t have the money to rent a piano, for example, for his musical needs. In his outward demeanor—as Baron von Spaun also describes very faithfully—he was actually reserved, almost phlegmatic. But in a remarkable way, an inner volcanic force could erupt from his nature.

[ 25 ] Interessant ist schon das, daß er seine schönsten musikalischen Motive in der Regel am Morgen hinschrieb, nachdem er aufgestanden war. Aus dem Schlafe heraus setzte er sich hin und schrieb seine schönsten musikalischen Motive in dieser Weise auf. Das hat der Freiherr von Spaun selber oftmals mitgemacht. Denn wie das ja gerade bei dem geistigen Wien so der Fall ist: die beiden Herren, Schubert und Spaun, liebten schon auch des Abends einen guten Tropfen, und dann wurde es spät, spät. Dann konnte Schubert, der weit wohnte, nicht mehr nach Hause gelassen werden. Dann blieb er in einem sehr bescheidenen Bette bei Spaun. Und da war Freiherr von Spaun oftmals wirklich Zeuge, wie, aufstehend, Schubert sich einfach hinsetzte und seine schönsten musikalischen Motive aus dem Aufwachen heraus hinschrieb.

[ 25 ] It is certainly interesting that he usually wrote down his most beautiful musical motifs in the morning, after getting out of bed. Straight out of bed, he would sit down and jot down his most beautiful musical motifs in this way. Baron von Spaun himself often witnessed this firsthand. For, as is so often the case in intellectual Vienna: both gentlemen, Schubert and Spaun, enjoyed a good drink in the evening as well, and then it would get late, very late. Then Schubert, who lived far away, could no longer be allowed to go home. So he stayed the night in a very modest bed at Spaun’s. And there, Baron von Spaun was often a witness to how, upon waking, Schubert would simply sit down and write down his most beautiful musical motifs right after waking up.

[ 26 ] Aus den verhältnismäßig ruhigen Gesichtszügen geht nicht hervor, wie vulkanisch es eigentlich in den Untergründen dieser Schubert-Seele aussah. Aber es war vulkanisch, und gerade diese besondere Art der Persönlichkeit muß ich Ihnen schildern als Grundlage der Karmabetrachtung. Denn, sehen Sie, da war es einmal so: Schubert konnte in die Oper gehen. Er sah Glucks «Iphigenie» und war im höchsten Grade hingerissen von der «Iphigenie». Sein Enthusiasmus entlud sich seinem Freunde Spaun gegenüber während und nach der Vorstellung stark, großartig, aber eben doch in gemessener Art. Er wurde sozusagen zart emotionell, nicht vulkanisch emotionell — ich wähle gerade diejenige Züge, die wir brauchen werden. Da war es so, daß er in dem Augenblicke, wo er Glucks «Iphigenie» kennenlernte, sie für das wunderbarste musikalische Kunstwerk hielt. Entzückend war für ihn die Darstellung der Sängerin Milder. Und in bezug auf den Sänger Vogl sagte er, er wolle ihn nur kennenlernen, um ihm zu Füßen fallen zu können, so entzückt war er von seiner Darstellung. Nun, da ging die Iphigenien-Darstellung zu Ende. Schubert und Spaun gingen in das sogenannte Bürgerstübl in Wien. Ich glaube, es war noch ein dritter dabei, den ich jetzt nicht vor mir habe. Sie saßen ganz ruhig, aber sie sprachen zuweilen enthusiastisch über dasjenige, was sie am Abend in der Oper erlebt hatten. — Ein Nachbartisch war da; da saß unter anderem auch ein dieser Gesellschaft bekannter Professor, ein Hochschulprofessor. Der wurde zunächst etwas rot gefärbt, als er hinhorchte auf dieses enthusiastische Gespräch. Die Röte wurde immer stärker. Dann fing er an zu brummen. Nachdem er eine Zeitlang gebrummt hatte, und die sich nicht hatten stören lassen, fing er aber an, füchterlich zu toben und zu schimpfen und erklärte über den Tisch hinüber auf diese Gesellschaft hin: Und überhaupt, die ganze «Iphigenie» ist ein Dreck, das ist keine wirkliche Musik, und die Milder ist überhaupt keine Sängerin, die hat weder Läufe noch Triller, die kann gar nicht singen. Und der Vogl, der geht überhaupt, wie wenn er mit Elefantenfüßen auf dem Boden dahinginge!

[ 26 ] His relatively calm facial features give no indication of just how volcanic things actually were beneath the surface of Schubert’s soul. But it was volcanic, and it is precisely this particular kind of personality that I must describe to you as the basis for our consideration of karma. For, you see, it was once like this: Schubert was able to go to the opera. He saw Gluck’s Iphigenia and was utterly captivated by it. His enthusiasm poured out toward his friend Spaun during and after the performance—strongly, magnificently, yet in a measured way. He became, so to speak, tenderly emotional, not volcanically emotional—I am specifically choosing the traits we will need. It was such that, at the very moment he became acquainted with Gluck’s Iphigenia, he considered it the most wonderful musical work of art. He found the performance by the singer Milder enchanting. And regarding the singer Vogl, he said he wanted to meet him just so he could fall at his feet, so enchanted was he by his performance. Well, then the performance of Iphigenia came to an end. Schubert and Spaun went to the so-called Bürgerstübl in Vienna. I believe there was a third person with them, whose name escapes me at the moment. They sat quite quietly, but from time to time they spoke enthusiastically about what they had experienced that evening at the opera. — There was a neighboring table; among those seated there was a professor known to the group, a university professor. At first, he blushed slightly as he listened in on this enthusiastic conversation. The flush grew stronger and stronger. Then he began to grumble. After he had grumbled for a while—and they hadn’t let themselves be disturbed—he began to rage and rant terribly and declared across the table to this group: “And anyway, the whole Iphigenia is rubbish; that’s not real music, and Milder isn’t a singer at all—she has neither runs nor trills; she can’t sing at all. And Vogl—he walks as if he were shuffling along the floor with elephant feet!”

[ 27 ] Nun war Schubert nicht mehr zu halten. Es drohte in jedem Moment die schlimmste Konsequenz der Handgreiflichkeit. Schubert, der sonst völlig ruhig war, ließ alle seine Vulkanität los, und die anderen hatten tatsächlich alle Mühe, ihn nur zu beruhigen.

[ 27 ] Now there was no holding Schubert back. At any moment, the worst possible consequence of the physical altercation threatened to unfold. Schubert, who was otherwise completely calm, unleashed all his volcanic temper, and the others really had their hands full just trying to calm him down.

[ 28 ] Ja, sehen Sie, wichtig ist für dieses Leben, daß wir es zu tun haben mit einem Mann, dessen Freund Finanzbeamter, sogar Lotterie-Direktor ist, daß er mit diesem im Leben karmisch zusammengeführt wird. Wichtig ist im karmischen Zusammenhang, daß Schubert so arm war, wie es eben aus diesen Verhältnissen hervorging, wichtig ist, daß Schubert sonst sich nicht rühren konnte. Er lebte natürlich dadurch, daß er arm war, auch in eingeschränkten gesellschaftlichen Verhältnissen; er hatte nicht Gelegenheit, immer solch einen Tischnachbarn zu haben, so daß sich die Vulkanität nicht immer ausleben konnte.

[ 28 ] Yes, you see, what’s important for this life is that we’re dealing with a man whose friend is a tax official—even a lottery director—and that he is karmically brought together with this person in life. What is important in the karmic context is that Schubert was as poor as his circumstances dictated; it is important that Schubert otherwise could not act on his impulses. Naturally, because he was poor, he lived within limited social circumstances; he did not always have the opportunity to have such a table companion, so that his volcanic nature could not always find an outlet.

[ 29 ] Aber wenn man sich das, was da eigentlich geschah, richtig vorstellt, und doch wiederum die Stammeseigentümlichkeit kennt, aus der Schubert hervorgewachsen ist, so kann man sich schon die Frage vorlegen — solche negativen Dinge sind ja natürlich bedeutungslos, aber sie klären manchmal auf —, so kann man sich doch eben die Frage vorlegen: Wenn die Verhältnisse anders gewesen wären — natürlich konnten sie nicht anders gewesen sein, aber ich meine, man kann sich zur Klärung die Sache so vorlegen —, wenn Schubert nicht Gelegenheit gehabt hätte, dasjenige, was an musikalischer Begabung in ihm war, aus sich herauszutreiben, wenn er nicht diesen hingebungsvollen Spaun als Freund gefunden hätte, hätte er nicht auch ein Raufbold werden können in einer untergeordneten Stellung? Man kann schon die Frage aufwerfen: Lag das nicht als Anlage in ihm, was da in einer so vulkanischen Weise an jenem Abend im Bürgerstübl zum Ausdruck gekommen ist? Und das menschliche Leben ist nicht durchsichtig, wenn man sich nicht die Frage beantworten kann: Wie geschieht da eigentlich die Metamorphose, daß man in einem Leben karmisch die Rauflust nicht auslebt, sondern ein feiner Musiker wird und sich die Rauflust in feine musikalische Phantasie verwandelt?

[ 29 ] But if one truly imagines what actually happened there, while also being aware of the tribal characteristics from which Schubert emerged, then one might well ask oneself—such negative things are, of course, meaningless, but they sometimes shed light on the matter—one might well ask oneself: If circumstances had been different—of course they could not have been different, but I mean, one can consider the matter this way for the sake of clarity—if Schubert had not had the opportunity to channel the musical talent within him, if he had not found this devoted Spaun as a friend, might he not also have become a brawler in a subordinate position? One might well ask: Wasn’t what came to such explosive expression that evening at the Bürgerstübl already latent within him? And human life is not transparent unless one can answer the question: How does this metamorphosis actually take place—that in one lifetime, one does not act out one’s combative nature karmically, but instead becomes a refined musician, and that combative nature is transformed into a refined musical imagination?

[ 30 ] Es klingt paradox, es klingt grotesk, aber es ist eine Frage, die, wenn man das Leben in größerem Maße betrachtet, durchaus aufgeworfen werden muß, denn aus der Betrachtung von solchen Dingen entstehen eigentlich erst die tieferen Karma-Fragen.

[ 30 ] It sounds paradoxical; it sounds grotesque, but it is a question that, when one considers life on a larger scale, must certainly be raised, for it is only through contemplating such things that the deeper questions of karma actually arise.



[ 31 ] Eine dritte Persönlichkeit, die ich betrachten will, ist der vielgehaßte und von einer kleinen Gemeinde auch geliebte Eugen Dühring. Auch mit diesem Charakter habe ich mich karmagemäß beschäftigt und möchte auch da zunächst sozusagen die biographischen Materialien geben.

[ 31 ] A third figure I wish to examine is Eugen Dühring, who was widely hated but also loved by a small community. I have also studied this character from a karmic perspective and would like to begin, so to speak, by presenting the biographical material.

[ 32 ] Eugen Dühring war ein außerordentlich begabter Mensch, der in seiner Jugend eine ganze Reihe von Wissenschaften aufnahm, namentlich von der mathematischen Seite her, aber auch sonst eine ganze Reihe von Wissenschaften, Nationalökonomie, Philosophie, Mechanik, Physik und so weiter.

[ 32 ] Eugen Dühring was an extraordinarily gifted man who, in his youth, studied a wide range of disciplines, particularly from a mathematical perspective, but also a wide range of other fields, including economics, philosophy, mechanics, physics, and so on.

[ 33 ] Eugen Dühring hat mit einer interessanten Abhandlung schon seinen Doktor gemacht und dann in einem Buch, das längst vergriffen ist, auch über diesen Gegenstand eigentlich recht klar, vor allen Dingen eindringlich geschrieben. Ich möchte, trotzdem die Sache fast schon so schwierig ist wie die Relativitätstheorie — aber schließlich, über die Relativitätstheorie haben ja auch eine Zeitlang alle Leute geredet, die nichts davon verstanden haben, und sie haben sie doch großartig gefunden und finden sie heute noch so —, ich möchte, trotzdem es schwierig ist, in einer Weise, wie man es vielleicht verstehen kann, über diese Gedanken der Erstlingswerke von Dühring einiges sagen.

[ 33 ] Eugen Dühring had already earned his doctorate with an interesting dissertation and then, in a book that has long been out of print, wrote about this subject quite clearly—and, above all, forcefully. I would like—even though the subject is almost as difficult as the theory of relativity—but then again, for a while everyone who didn’t understand a thing about the theory of relativity was talking about it, and they still found it magnificent and continue to do so today—I would like, despite its difficulty, to say a few things about these ideas from Dühring’s early works in a way that might be understandable.

[ 34 ] Sehen Sie, da handelt es sich darum, daß gewöhnlich die Leute sich vorstellen: Da ist der Raum, der ist unendlich, und der Raum ist angefüllt mit Materie. Die Materie hat kleinste Teile. Ihre Zahl ist auch unendlich groß. Unendlich viele kleinste Teile der Materie sind im Weltenraum geballt, irgendwie zusammenkristallisiert und dergleichen. Da ist die unendliche Zeit. Die Welt hat gar nicht einen Anfang genommen; man kann auch nicht sagen, daß sie ein Ende nehmen werde.

[ 34 ] You see, the point is that people usually imagine it this way: There is space, which is infinite, and that space is filled with matter. Matter consists of minute particles. Their number is also infinitely large. An infinite number of these minute particles of matter are concentrated in outer space, somehow crystallized together, and so on. Then there is infinite time. The world did not have a beginning at all; nor can one say that it will come to an end.

[ 35 ] Diese unbestimmten Unendlichkeitsbegriffe, die hatten es dem jungen Dühring angetan, und er sprach wirklich recht scharfsinnig darüber, daß dieses Reden über Unendlichkeitsbegriffe eigentlich gar keine Bedeutung habe, daß, wenn man auch von einer noch so großen Anzahl zum Beispiel von Weltenatomen oder Weltenmolekülen sprechen müsse, es aber doch eine abzählbare bestimmte Zahl sein müsse. Wenn der Weltenraum noch so groß vorgestellt wird, so muß er eine abmeßbare Größe sein, ebenso muß die Weltenzeit eine abmeßbare Größe sein, was, wie gesagt, mit großem Scharfsinn dargestellt wurde.

[ 35 ] These vague concepts of infinity had captivated the young Dühring, and he spoke with remarkable acumen about how this talk of concepts of infinity actually had no meaning at all—that even if one were to speak of a number as large as possible, for example, of world atoms or world molecules, it would still have to be a countable, definite number. No matter how vast one imagines the universe to be, it must be a measurable quantity; likewise, cosmic time must be a measurable quantity—a point which, as mentioned, was presented with great insight.

[ 36 ] Dem liegt etwas Psychologisches zugrunde. Dühring wollte überall klares Denken haben, und in den Unendlichkeitsbegriffen steckt ja im Grunde genommen heute noch nirgends klares Denken drinnen. Dann hat Dühring das ausgedehnt auf andere Betrachtungen, zum Beispiel auf die sogenannten negativen Größen, zum Beispiel wenn man Vermögen hat, von negativen Größen, die man mit einem Minuszeichen belegt. Man unterscheidet dann die Zahlenreihen: Null, nach der einen Richtung plus eins usw., nach der anderen Richtung minus eins usw.

[ 36 ] There is a psychological basis for this. Dühring wanted clear thinking in everything, and yet, fundamentally speaking, even today there is still no clear thinking to be found anywhere in the concepts of infinity. Dühring then extended this to other considerations, for example, to so-called negative quantities—such as when one has the capacity to deal with negative quantities, which are denoted by a minus sign. One then distinguishes between the following number sequences: zero, plus one in one direction, etc., and minus one in the other direction, etc.

[ 37 ] Dühring hat nun die Anschauung vertreten: Das ganze Schwätzen von Minuszahlen ist eigentlich ein Unsinn. Was bedeutet ein Negativ, eine Minuszahl? Er sagt: Habe ich fünf und ziehe eins ab, so bekomme ich vier; habe ich fünf und ziehe zwei ab, so bekomme ich drei; habe ich fünf und ziehe drei ab, so bekomme ich zwei; habe ich fünf und ziehe vier ab, so bekomme ich eins; habe ich fünf und ziehe fünf ab, so bekomme ich null. Nun sagen die Anhänger der negativen Größe: Habe ich fünf und ziehe sechs ab, habe ich minus eins; habe ich fünf und ziehe sieben ab, habe ich minus zwei.

[ 37 ] Dühring has now put forward the view that all this talk of negative numbers is actually nonsense. What does a negative number mean? He says: If I have five and subtract one, I get four; if I have five and subtract two, I get three; if I have five and subtract three, I get two; if I have five and subtract four, I get one; if I have five and subtract five, I get zero. Now the proponents of negative numbers say: If I have five and subtract six, I have minus one; if I have five and subtract seven, I have minus two.

[ 38 ] Dühring sagt: Das ist eine unklare Denkungsweise, da liegt kein klarer Gedanke drinnen! Was bedeutet «minus eins»? Das bedeutet, ich soll sechs von fünf abziehen; aber da habe ich um eins zu wenig. Was bedeutet minus zwei? Ich soll von fünf sieben abziehen; da habe ich um zwei zu wenig. Was bedeutet minus drei? Ich soll acht von fünf abziehen; da habe ich um drei zu wenig. Die negativen Zahlen sind also gar nicht andere Zahlen als die positiven Zahlen. Sie bedeuten nur immer, daß ich beim Subtrahieren um eine bestimmte Zahl zu wenig habe. — Das hat dann Dühring auf die mannigfaltigsten mathematischen Begriffe ausgedehnt.

[ 38 ] Dühring says: This is a muddled way of thinking; there’s no clear thought behind it! What does “minus one” mean? It means I’m supposed to subtract six from five; but I’m one short. What does minus two mean? I’m supposed to subtract seven from five; I’m two short. What does “minus three” mean? It means I’m supposed to subtract eight from five; I’m one short. Negative numbers, then, are not numbers different from positive numbers at all. They simply always mean that, when subtracting, I’m short by a certain number. — Dühring then extended this to the most diverse mathematical concepts.

[ 39 ] Ich weiß selbst, daß als junger Mann dieses auf mich einen ungeheuer starken Eindruck gemacht hat, weil wirklich verstandesmäßige Klarheit über diese Dinge bei Dühring ausgegossen war.

[ 39 ] I know from my own experience that, as a young man, this made an immensely strong impression on me, because Dühring’s work was truly brimming with intellectual clarity on these matters.

[ 40 ] In einer ebensolchen verstandesmäßigen Schärfe ging er in der Nationalökonomie vor, ging er in der Philosophiegeschichte zum Beispiel vor. Und er wurde Dozent an der Berliner Universität; da hielt er Vorlesungen im besuchtesten Hörsal und über die mannigfaltigsten Gegenstände, über Nationalökonomie, Philosophie, Mathematik.

[ 40 ] He applied this same intellectual acuity to political economy and, for example, to the history of philosophy. He became a lecturer at the University of Berlin, where he taught in the most well-attended lecture hall on a wide variety of subjects, including political economy, philosophy, and mathematics.

[ 41 ] Nun trat der Fall ein, daß von der Göttinger Akademie der Wissenschaften ein Preis ausgeschrieben war auf das beste Buch über die Geschichte der Mechanik. — Bei einem solchen Preisausschreiben ist es üblich, daß die Werke derer, die sich um den Preis bewerben, eingeschickt werden so, daß man den Verfasser nicht kennt, sondern daß ein Motto gewählt wird, das auf dem Kuvert steht. Der Name des Verfassers ist darin verschlossen; dann wird ein Motto draufgeschrieben. Das steht dann oben und die Preisrichter kennen nicht den Verfasser.

[ 41 ] It so happened that the Göttingen Academy of Sciences had announced a prize for the best book on the history of mechanics. — In such a contest, it is customary for the works of those competing for the prize to be submitted anonymously; instead, a motto is chosen and written on the envelope. The author’s name is enclosed inside; then a motto is written on the outside. This is placed at the top, and the judges do not know the author.

[ 42 ] Nun, die Göttinger Akademie der Wissenschaften hat den Preis für die Geschichte der Mechanik von Eugen Dühring erteilt, hat sogar ein außerordentlich anerkennendes Schreiben dem Verfasser zugehen lassen. Damit also war Eugen Dühring nicht nur vor seiner Zuhörerschaft als ein tüchtiger Dozent erklärt, sondern er war auch von einer im eminentesten Sinne gelehrten Körperschaft anerkannt.

[ 42 ] Well, the Göttingen Academy of Sciences awarded the prize for Eugen Dühring’s History of Mechanics and even sent the author a letter expressing its high regard. Thus, Eugen Dühring was not only recognized as a capable lecturer by his audience, but he was also acknowledged by a body of scholars in the most eminent sense.

[ 43 ] Dieser selbe Dühring hat neben all den Talenten, die Ihnen ja schon anschaulich sind aus dem, was ich Ihnen nun erzählt habe, auch — man kann schon nicht anders sagen — eine böse Zunge gehabt. Er hatte etwas von bösartigem Kritikaster auf alle Dinge der Welt in sich. In dieser Beziehung hat er sich dann eigentlich immer weniger und weniger Zurückhaltung auferlegt. Und als er von einer so gelehrten Körperschaft wie der Göttinger Akademie der Wissenschaften preisgekrönt war, da stachelte ihn das doch sehr. Es war ja eine natürliche Anlage, aber es stachelte. Und da fing er an, wirklich zwei Dinge miteinander zu verbinden: einen außerordentlich starken Gerechtigkeitssinn, der ist ihm nicht abzusprechen, aber auf der anderen Seite — man bekommt so die Neigung dann, in den Wortbildungen der Leute zu reden, die man schildert — bekam er einen außerordentlich starken schimpfiererischen Sinn. Er schimpfte schrecklich. Er wurde ein «Schimpfierer».

[ 43 ] This same Dühring, in addition to all the talents that are already clear to you from what I have just told you, also—one really cannot put it any other way—had a sharp tongue. There was something of a malicious critic in him when it came to everything in the world. In this regard, he actually imposed fewer and fewer restraints on himself. And when he was awarded a prize by such a learned body as the Göttingen Academy of Sciences, that really spurred him on. It was, of course, a natural inclination, but it spurred him on. And that’s when he began to truly combine two things: an extraordinarily strong sense of justice—which cannot be denied—but on the other hand—one tends to adopt the way of speaking of the people one is describing—he developed an extraordinarily strong penchant for ranting. He ranted terribly. He became a “ranting critic.”

[ 44 ] Nun hatte er auch das Unglück, gerade in der Zeit, als es ihn so stachelte im Schimpfieren, blind zu werden. Er hat noch als blinder Dozent in Berlin vorgetragen. Er erblindete vollständig. Das hat ihn niemals irgendwie abgehalten, seinen ganzen Mann zu stellen. Er fuhr in seiner Tätigkeit als Schriftsteller fort und konnte sich seine Dinge immer selbst besorgen — bis zu einem gewissen Grade natürlich —, trotzdem er vollständig erblindet war. Aber zunächst machte er da die Bekanntschaft mit einem wirklich tragischen Schicksal in der Gelehrtengeschichte des 19. Jahrhunderts: mit dem Schicksal von Julius Robert Mayer, dem eigentlichen Entdecker des mechanischen Wärme-Äquivalents, der ja, wie man durchaus behaupten kann, unschuldigerweise ins Irrenhaus gesperrt, in die Zwangsjacke gesteckt worden ist, schrecklich behandelt worden ist von Familie, Kollegen und «Freunden». Dühring schrieb dann seine Schrift: «Robert Mayer, der Galilei des neunzehnten Jahrhunderts.» Es war wirklich eine Art Galilei-Schicksal in diesem Julius Robert Mayer.

[ 44 ] Now he also had the misfortune of going blind just at the time when he was so eager to rail against the world. He continued to give lectures in Berlin even after he had gone blind. He lost his sight completely. That never in any way prevented him from giving his all. He continued his work as a writer and was always able to take care of his own affairs—to a certain extent, of course—even though he was completely blind. But first, he became acquainted with a truly tragic fate in the history of 19th-century scholarship: the fate of Julius Robert Mayer, the actual discoverer of the mechanical equivalent of heat, who—as one can certainly assert—was innocently locked up in an insane asylum, put in a straitjacket, and treated horribly by his family, colleagues, and “friends.” Dühring then wrote his treatise: “Robert Mayer, the Galileo of the Nineteenth Century.” Julius Robert Mayer truly suffered a fate akin to that of Galileo.

[ 45 ] Das schrieb Dühring auf der einen Seite mit einer außerordentlich großen Sachkenntnis, mit einem wirklich tiefgehenden Gerechtigkeitssinn, aber auch mit einem Dreinhauen wie mit Dreschflegeln in alles dasjenige, was da an Schäden auftrat. Die Zunge ging immer mit ihm durch. So zum Beispiel, als er hörte und las von der Errichtung des ja vielen von Ihnen bekannten Julius Robert Mayer-Denkmals in Heilbronn, von der Enthüllungsfeier: Dieses Puppenbild, das da auf dem Heilbronner Marktplatz steht, das ist etwas, was man als eine letzte Schmach diesem Galilei des 19. Jahrhunderts angetan hat. Da sitzt der große Mann mit übergeschlagenen Beinen. Wenn man ihn wirklich darstellen wollte in der Verfassung, wie er wahrscheinlich gewesen wäre, wenn er hätte hinschauen können auf den Festredner und auf all die guten Freunde, die da unten ihm dieses Denkmal errichtet haben, so müßte man ihn darstellen nicht mit übergeschlagenen Beinen, sondern mit den Händen über dem Kopf zusammengeschlagen!

[ 45 ] On the one hand, Dühring wrote this with extraordinary expertise and a truly profound sense of justice, but also with a relentless, flail-like assault on all the ills that were present. He never held his tongue. For example, when he heard and read about the erection of the Julius Robert Mayer monument in Heilbronn—which many of you are familiar with—and about the unveiling ceremony: This lifeless statue standing there on Heilbronn’s market square is the ultimate insult inflicted upon this Galileo of the 19th century. There sits the great man with his legs crossed. If one really wanted to depict him as he would likely have been had he been able to look down at the keynote speaker and all the good friends who erected this monument for him down there, one would have to depict him not with his legs crossed, but with his hands clasped above his head!

[ 46 ] Da er sehr viel Leid durch Zeitungen erfahren hatte, wurde er auch wütender Antisemit. Und da war er auch wieder konsequent. Er hat zum Beispiel das Schriftchen geschrieben: «Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden», in dem über Lessing mordsmäßig geschimpft wird! Aber davon ist dann überhaupt seine besondere Art von Literaturbetrachtung ausgegangen.

[ 46 ] Since he had experienced a great deal of suffering through the newspapers, he also became a rabid anti-Semite. And in that regard, too, he was consistent. For example, he wrote the pamphlet “The Overestimation of Lessing and His Advocacy for the Jews,” in which he rants furiously about Lessing! But that was actually the starting point for his unique approach to literary criticism.

[ 47 ] Wenn Sie sich einmal die Güte antun wollen, meine lieben Freunde, etwas über deutsche Literatur zu lesen, das Sie sonst nicht lesen können, das ganz anders ist als die sonstigen Abhandlungen über deutsche Literatur, dann lesen Sie die Dühringschen zwei Bände: «Die Größen der modernen Literatur.» Da ist dasjenige, was in Dühring war, diese streng mathematische Denkweise, diese Verstandesschärfe auf die schöne Literatur angewendet. Und da hat er nötig, um die Art zu zeigen, wie er anders denkt als andere Leute, da hat er nötig, sogar umzutaufen die Größen des deutschen Geisteslebens. Er spricht zum Beispiel in einem Kapitel von Kothe und Schillerer, was in der Dühtingschen Sprache heißt: Goethe und Schiller. Dühring schreibt Kothe und Schillerer und hält das fest durch die ganzen Abhandlungen durch. Er ist manchmal in seinen Erfindungen in Wortbildungen grotesk. Intellektuaille — so zum Beispiel schreibt er immer von Leuten, die intellektualistisch sind. Die Intellektuaille — Verwandtschaft zu Kanaille — ähnliche Wortbildungen hat er immer. Nun, manches ist außerordentlich interessant.

[ 47 ] If you would be so kind, my dear friends, as to read something about German literature that you would not otherwise be able to read—something quite different from the usual treatises on German literature—then read Dühring’s two volumes: The Great Figures of Modern Literature. There you’ll find what was characteristic of Dühring—that strictly mathematical way of thinking, that sharp intellect—applied to belles-lettres. And in order to demonstrate how his thinking differs from that of other people, he even goes so far as to rename the great figures of German intellectual life. For example, in one chapter he speaks of “Kothe” and “Schillerer,” which in Dühring’s language means “Goethe” and “Schiller.” Dühring writes “Kothe” and “Schillerer” and sticks to this throughout the entire work. He is sometimes grotesque in his inventions of new word forms. “Intellektuaille”—for example, this is how he always refers to people who are intellectualistic. “Intellektuaille”—a play on “Kanaille”—he consistently uses similar word formations. Well, some of it is extraordinarily interesting.

[ 48 ] Sehen Sie, mir passierte zum Beispiel einmal folgendes. Ich hatte mit noch ungedruckten Schriften von Nietzsche zu tun, bekam da in die Hand die ja jetzt längst gedruckte Schrift über die Wiederkehr des Gleichen. Die Nietzscheschen Manuskripte sind nicht sehr deutlich zu lesen, da kam ich denn an so eine Stelle, und sagte mir: Diese Wiederkunft des Gleichen bei Nietzsche hat eine merkwürdige Abstammung! Nun, gehen wir jetzt vom Nietzsche-Archiv, wo seine Hefte drinnen liegen — ich war dazumal befreundet mit Frau Elisabeth Förster-Nietzsche —, gehen wir jetzt einmal mit dieser Handschrift und suchen wir in der Bibliothek, schlagen wir die Wirklichkeitsphilosophie des Dühring auf, da werden wir die Wiederkehr des Gleichen finden! Denn Nietzsche hat sehr viele Ideen als «Gegenideen» geprägt. Ich konnte es sehr rasch nachschlagen. Ich nahm die Wirklichkeitsphilosophie heraus, die in der Nietzsche-Bibliothek vorhanden war, schlug auf: Auf der betreffenden Seite fand sich die Stelle — ich kannte sie, fand sie daher gleich —: daß es unmöglich sei, aus einer wirklichen, sachgemäßen Erkenntnis der materiellen Tatsachen der Welt von einer Wiederkehr der Dinge, der Konstellationen, die schon einmal da waren, zu sprechen!

[ 48 ] You see, for example, the following once happened to me. I was working on some of Nietzsche’s unpublished writings when I came across the essay on the recurrence of the same—which, of course, has long since been published. Nietzsche’s manuscripts aren’t very legible, so when I came to a certain passage, I said to myself: This “eternal recurrence” in Nietzsche has a curious origin! Well, let’s go to the Nietzsche Archive, where his notebooks are kept—I was friends with Mrs. Elisabeth Förster-Nietzsche at the time—let’s take this manuscript and search the library; let’s open Dühring’s Philosophy of Reality, and there we’ll find the “eternal recurrence”! For Nietzsche formulated many ideas as “counter-ideas.” I was able to look it up very quickly. I took out The Philosophy of Reality, which was available in the Nietzsche Library, and opened it: On the relevant page was the passage—I knew it, so I found it right away—stating that it is impossible, based on a real, objective understanding of the material facts of the world, to speak of a return of things, of constellations that have already existed!

[ 49 ] Dühring versuchte die Unmöglichkeit der Wiederkehr des Gleichen zu beweisen. An der Stelle, wo Dühring das ausführt, da steht auf der Seite ein Wort, das Nietzsche oftmals an den Rand der Schriften hingeschrieben hat, die er so benutzt hat, daß er die Gegenidee gebildet hat: Esel.

[ 49 ] Dühring attempted to prove the impossibility of the return of the same. At the point where Dühring explains this, there is a word on the page that Nietzsche often jotted in the margins of the writings he used to formulate the counter-idea: donkey.

[ 50 ] Diese Einzeichnung fand sich auch auf dieser Seite. Und man kann eben tatsächlich gerade bei Dühring manches finden, was dann in Nietzsches Ideen übergegangen ist, allerdings in genialer Weise. Ich werde damit nicht irgend etwas gegen Nietzsche einwenden, aber die Dinge liegen eben so.

[ 50 ] This note was also found on this page. And it is indeed true that, particularly in Dühring’s work, one can find certain ideas that were later incorporated into Nietzsche’s thought—albeit in a brilliant way. I am not raising this to make any kind of objection against Nietzsche, but that is simply how things are.

[ 51 ] Nun ist das Auffällige bei Dühring in karmischer Beziehung, daß er eigentlich nur mathematisch zu denken vermag. Er denkt in der Philosophie, in der Nationalökonomie, er denkt in der Mathematik selber mathematisch, aber mathematisch scharf und klar. Er denkt auch in der Naturwissenschaft scharf und klar, aber mathematisch. Er ist nicht Materialist, aber er ist mechanistischer Denker, er denkt die Welt unter dem Schema des Mechanismus. Und er hatte den Mut, das, was ehrlich ist bei einem solchen Denken, wirklich auch in seinen Konsequenzen zu verfolgen. Denn eigentlich ist es richtig: Wer so denkt, der kann über Goethe und Schiller nicht anders schreiben, wenn man von der Schimpfiererei absieht und das Sachliche nimmt.

[ 51 ] Now, what is striking about Dühring in a karmic sense is that he is actually capable of thinking only mathematically. He thinks mathematically in philosophy, in political economy, and even in mathematics itself—but with mathematical precision and clarity. He also thinks with precision and clarity in the natural sciences, but in a mathematical way. He is not a materialist, but he is a mechanistic thinker; he conceives of the world according to the schema of mechanism. And he had the courage to truly follow through on the logical consequences of such thinking—which, in all honesty, is the right thing to do. For it is actually true: anyone who thinks this way cannot write about Goethe and Schiller in any other way, if one sets aside the name-calling and focuses on the facts.

[ 52 ] Das ist also die besondere Anlage seines Denkens. Dabei frühzeitig erblindet, auch persönlich ziemlich ungerecht behandelt. Er ist ja von der Berliner Universität entfernt worden. Nun, Gründe gab es natürlich. Zum Beispiel als die zweite Auflage seiner «Kritischen Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik» erschienen ist, da hat er sich nicht mehr zurückgehalten. Die erste Auflage war ja ganz zahm in der Behandlung der Größen der Mechanik, so daß jemand sagte: Er hat eben da so geschrieben, wie er sich denken konnte, daß es von einer gelehrten Körperschaft doch prämiiert werden kann! Aber als die zweite Auflage erschien, da hat er sich nicht mehr zurückgehalten, da war es ja schon prämiiert: da hat er ergänzt! Nun hat jemand gesagt — Dühring hat das oftmals wiederholt —: die Göttinger Akademie hätte die Klauen prämiiert, ohne den zugehörigen Löwen zu kennen! Aber der Löwe ist dann eben zum Vorschein gekommen, als die zweite Auflage erschien.

[ 52 ] So that is the distinctive nature of his thinking. He went blind at an early age and was also treated quite unfairly on a personal level. After all, he was expelled from the University of Berlin. Well, there were reasons, of course. For example, when the second edition of his Critical History of the General Principles of Mechanics was published, he no longer held back. The first edition was, after all, quite tame in its treatment of the quantities of mechanics, so much so that someone remarked: “He wrote it that way precisely because he thought it might still be awarded a prize by a learned body!” But when the second edition appeared—by which time it had already been awarded a prize—he no longer held back; he expanded upon it! Now someone said—and Dühring has often repeated this—that the Göttingen Academy had awarded a prize for the claws without knowing the lion that went with them! But the lion came to light when the second edition was published.

[ 53 ] Da waren schon merkwürdige Sachen drinnen. Gerade zum Beispiel in Anknüpfung an Julius Robert Mayer, sein Galilei-Schicksal im 19. Jahrhundert, über das er so recht entrüstet war, nannte er jemand, den er für einen Plagiator von Julius Robert Mayer hielt — nämlich Hermann Helmholtz —, ein Universitätsgestell, ein hölzernes Universitätsgestell! Er hat dann später das noch erweitert, eine Zeitung herausgegeben: «Der Personalist.» Da waren die Dinge sehr stark persönlich gefärbt. So zum Beispiel findet sich da eine Erweiterung der Stelle über Helmholtz. Da redet er nicht nur über das «Universitätsgestell»; sondern, da sich herausgestellt hatte, als die Leiche seziert worden ist, daß Helmholtz Wasser im Kopfe hatte, da sagte er: Aber der Hohlkopf war schon bemerkbar, als der Mann noch gelebt hat; das brauchte nicht erst nach dem Tode konstatiert zu werden.

[ 53 ] There were some strange things in there. For example, specifically in connection with Julius Robert Mayer—and his “Galileo-like fate” in the 19th century, about which he was so indignant—he called someone he considered a plagiarist of Julius Robert Mayer—namely Hermann Helmholtz—a “university rack,” a wooden “university rack”! He later expanded on this, publishing a newspaper: “Der Personalist.” ” The content there was very strongly personal in tone. For example, there is an elaboration on the passage about Helmholtz. There he doesn’t just talk about the “university rack”; rather, since it had turned out, when the corpse was dissected, that Helmholtz had water on the brain, he said: “But the empty head was already noticeable while the man was still alive; that didn’t need to be established only after his death.”

[ 54 ] Fein war Dühring ja nicht. Man kann nicht sagen, er schimpfte wie ein Waschweib, denn es hat nichts Philiströses, wie er schimpft, genial ist es schon auch nicht; aber es ist halt nicht mehr geschimpft: es ist schimpfiert. Es ist etwas ganz Eigenartiges.

[ 54 ] Dühring certainly wasn’t refined. One cannot say that he ranted like a shrew, for there is nothing philistine about the way he rants, nor is it exactly brilliant; but it is simply no longer just ranting: it is “ranting.” It is something quite peculiar.

[ 55 ] Nun, die Blindheit, diese ganze mechanistische Denkanlage, das Verfolgtwerden — denn er wurde ja verfolgt, er wurde aus der Universität verwiesen, und dabei kamen schon Ungerechtigkeiten vor, wie überhaupt unzählige Ungerechtigkeiten in seinem Leben an ihm verübt worden sind —, das alles sind Schicksalszusammenhänge bei einem Menschen, die erst recht interessant werden, wenn man sie karmisch betrachtet.

[ 55 ] Well, the blindness, this entire mechanistic way of thinking, the persecution—for he was indeed persecuted; he was expelled from the university, and injustices occurred in the process, just as countless injustices were inflicted upon him throughout his life—all of these are aspects of a person’s destiny that become all the more interesting when viewed from a karmic perspective.

[ 56 ] Nun habe ich Ihnen diese drei Persönlichkeiten hingestellt: Friedrich Theodor Vischer; den Liederkomponisten Schubert und Eugen Dühring, und werde dann morgen Ihnen dasjenige, wofür ich Ihnen heute die Materialien geben wollte, karmisch schildern, das heißt, darauf zurückführen, wie die Dinge eigentlich in ihrem karmischen Zusammenhange liegen.

[ 56 ] I have now introduced you to these three figures: Friedrich Theodor Vischer; the song composer Schubert; and Eugen Dühring. Tomorrow I will describe to you—from a karmic perspective—the very subject for which I wanted to provide you with the material today; that is, I will trace how things actually fit together in their karmic context.