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Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume I
GA 235

9 March 1924, Dornach

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Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] Ich sagte gestern, daß ich, trotzdem die Behandlung einzelner karmischer Zusammenhänge etwas Gewagtes ist, dennoch als Beispiele solche karmischen Zusammenhänge hier in der Darstellung entwickeln möchte, und zwar anknüpfend an diejenigen Persönlichkeiten, von denen ich gestern einzelne biographische charakteristische Daten Ihnen vorgebracht habe. Wir werden später auch weniger repräsentative Persönlichkeiten karmisch betrachten können, aber ich möchte zunächst aus dem Grunde solche Persönlichkeiten wählen, weil an ihnen anschaulich werden kann, wie in dem karmischen Gang des menschlichen Lebens durch wiederholte Daseinsphasen die Gesamtentwickelung der Menschheit dann weitergeht. Wir reden ja in der heutigen Zivilisation von Geschichte wie von einem fortlaufenden Strom von Geschehen, beschreiben die Dinge so, daß wir dasjenige, was im 20. Jahrhundert ist, auf das 19. Jahrhundert beziehen, was im 19. Jahrhundert ist, auf das 18. Jahrhundert beziehen und so weiter. Daß die Menschen selbst es sind, die von einer Epoche der Geschichte in die andere Epoche hinüber die Dinge tragen, daß also die Menschen, die in der Gegenwart leben, herübergetragen haben in diese Gegenwart aus älteren historischen Epochen dasjenige, was heute lebt und da ist, das erst gibt Realität, das erst gibt Leben, gibt wahrhaftigen inneren realen Zusammenhang im geschichtlichen Leben.

[ 1 ] I said yesterday that, although discussing specific karmic connections is somewhat risky, I would nevertheless like to explore such karmic connections here as examples, building on the figures whose biographical details I presented to you yesterday. Later on, we will also be able to examine less representative figures from a karmic perspective, but I would like to choose such figures for now because they can vividly illustrate how, through repeated phases of existence in the karmic course of human life, the overall development of humanity then continues. In today’s civilization, we speak of history as a continuous stream of events; we describe things in such a way that we relate what is happening in the 20th century to the 19th century, what is happening in the 19th century to the 18th century, and so on. It is precisely the fact that it is human beings themselves who carry things over from one historical epoch to the next—that is, that the people living in the present have carried over into this present, from earlier historical epochs, that which lives and exists today—that gives reality, that gives life, and that provides a true, inner, real connection within historical life.

[ 2 ] Wenn bloß Ursache und Wirkung da ist, ist kein wirklicher Zusammenhang da. Wenn Menschenseelen herüberziehen aus einer uralten Erdenzeit in die jüngeren Erdenzeiten, in immer neue Erdenleben, dann kommt realer Zusammenhang in die Menschheitsentwickelung hinein. Diesen realen Zusammenhang, ihn kann man in seiner Bedeutung gerade ersehen, wenn man solche Persönlichkeiten betrachtet, auf die man eben hinschauen kann, weil sie repräsentative Persönlichkeiten sind.

[ 2 ] If there is only cause and effect, there is no real connection. When human souls pass from an ancient era of Earth into more recent eras, into ever-new earthly lives, then a real connection enters into the development of humanity. One can truly grasp the significance of this real connection precisely by observing such personalities—those whom we can look to because they are representative figures.

[ 3 ] Und da habe ich gestern eben zu erst den sogenannten SchwabenVischer, den Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer angeführt und ihn Ihnen einigermaßen charakterisiert. Nun, ich sagte, ich will nur solche Beispiele wählen, für die mir wirklich die Untersuchungen vorliegen. Die Untersuchungen sind eben solche des Anschauens, solche, die mit denjenigen geistigen Mitteln geführt werden, von denen schon gesprochen worden ist, über die nachgelesen werden kann in der anthroposophischen Literatur. Und deshalb ist keine andere Methode gerade in der Besprechung solcher Dinge möglich als eine Art erzählender Methode. Denn nur dasjenige, was sich der unmittelbaren Anschauung ergibt, kann eben auf diesem Gebiete mitgeteilt werden. Und in dem Augenblicke, wo man von einem Erdenleben auf ein früheres zurückliegendes verweist, hört alles verstandesmäßige Begreifen auf. Da gibt es nur die Möglichkeit des Schauens. Es gibt noch einen letzten Rest von verstandesmäßigem Begreifen, wenn es sich darum handelt, das Erdenleben auf das letzte Erleben zwischen dem Tode und dieser Geburt zu beziehen, das Erdenleben zu beziehen auf dasjenige, aus dem es unmittelbar hervorgegangen ist, auf das GeistigSeelische also vor dem Herabstieg auf die Erde; das geht bis zu einem gewissen Grade verstandesmäßig. Die Zurückführung eines Erdenlebens auf ein anderes geht nur in erzählender Form, denn da ist nur die Anschauung das Maßgebende. Und wer nun eben in der Lage ist, auf solch eine Persönlichkeit hinzuschauen, wie es der SchwabenVischer war, und aufzufassen dasjenige, was in einer solchen Persönlichkeit als Ewiges lebt, das heißt, von Erdenleben zu Erdenleben geht, der kann, wenn er, ich möchte sagen, die rechten Strömungen zurückfindet im ganzen Erdenleben, eine solche Persönlichkeit in einem früheren Erdendasein auftauchen sehen. Allerdings, in bezug auf die Forschung geht man zunächst zurück in das vorirdische Erleben. Aber jetzt in der Darstellung möchte ich dieses Zurückgehen auf das vorirdische Erleben für die drei Persönlichkeiten immer an zweiter Stelle behandeln und zunächst darauf aufmerksam machen, wie hinter dem gegenwärtigen Erdenleben einer solchen Persönlichkeit das vorige Erdenleben auftaucht.

[ 3 ] And so yesterday I began by mentioning the so-called “Swabian Vischer,” the aesthetician Friedrich Theodor Vischer, and described him to you to some extent. Well, I said that I would choose only those examples for which I actually have the research available. These investigations are precisely those of direct perception—those conducted using the spiritual means already discussed, which can be read about in anthroposophical literature. And that is why, when discussing such matters, no other method is possible than a kind of narrative approach. For only that which arises from direct perception can be communicated in this field. And the moment one refers from an earthly life to a previous one that lies in the past, all intellectual understanding ceases. There remains only the possibility of observation. There remains a final remnant of intellectual understanding when it comes to relating an earthly life to the last experience between death and this birth—that is, relating the earthly life to that from which it directly emerged, to the spiritual-soul aspect prior to the descent to Earth; this can be done to a certain extent through the intellect. Tracing one earthly life back to another is possible only in narrative form, for here it is only contemplation that is decisive. And whoever is now in a position to look upon such a personality as Schwaben-Vischer was, and to grasp that which lives as the eternal within such a personality—that is, that which passes from one earthly life to the next—can, if he, I might say, traces the right currents back through the entire earthly life, see such a personality emerge in an earlier earthly existence. Admittedly, in terms of research, one first goes back to the pre-earthly experience. But now, in this presentation, I would like to treat this going back to the pre-earthly experience as secondary for these three personalities and first draw attention to how, behind the present earthly life of such a personality, the previous earthly life emerges.

[ 4 ] Man muß durchaus, wenn man solche Dinge erforschen will, ohne alles Vorurteil sein. Wenn man irgendwie deshalb, weil man diese oder jene Ansicht über das gegenwärtige Erdenleben eines Menschen oder über das letzte Erdenleben eines Menschen hat, sich einbildet, verstandesmäßig sagen zu können, der muß also, weil er jetzt so ist, in einem früheren Erdenleben so und so gewesen sein; wenn man sich solche Urteile bildet, geht man schon tatsächlich falsch, wenigstens geht man leicht falsch. Es wäre gerade so, solch ein Urteil verstandesmäßig von einer Inkarnation auf die andere zu bilden, wie wenn Sie irgendwo zum erstenmal in einem Hause sind: Sie schauen bei den Nordfenstern hinaus, sehen da draußen Bäume, und Sie wollten nun schließen aus den Bäumen, die Sie durch die Nordfenster sehen, wie die Bäume aussehen, die Sie vor den Südfenstern haben. Da müssen Sie eben hingehen zu den Südfenstern und dort sich die Bäume anschauen und mit aller Unbefangenheit den Bäumen gegenübertreten. So müssen Sie eben wirklich alles verstandesmäßig Intellektualistische dann ausschalten, wenn es sich darum handelt, jene Imaginationen zu begreifen, die eben einfach da sind als die Imaginationen entsprechender früherer Erdenleben für solche Persönlichkeiten.

[ 4 ] If one wishes to investigate such matters, one must certainly be free of all prejudice. If, simply because one holds this or that view about a person’s present earthly life or about their last earthly life, one imagines one can rationally conclude, “Since he is like this now, he must have been such-and-such in a previous earthly life”—if one forms such judgments, one is already on the wrong track, or at least one can easily go astray. It would be just like forming such a judgment rationally from one incarnation to another as if you were in a house for the first time: you look out the north windows, see trees outside, and now you want to deduce from the trees you see through the north windows what the trees in front of the south windows look like. You simply have to go over to the south-facing windows, look at the trees there, and approach them with complete impartiality. In the same way, you must truly set aside all intellectualistic reasoning when it comes to comprehending those imaginations that simply exist as the imaginations corresponding to earlier earthly lives for such personalities.

[ 5 ] Bei dem Schwaben-Vischer wird man zurückgeführt zur nächsten maßgebenden Inkarnation — dazwischen kann die eine oder andere gleichgültige, vielleicht auch in kürzerem Erdenleben verbrachte sein, aber das ist jetzt nicht wichtig —, in jene Inkarnation, in der sein gegenwärtiges Erdenleben — gegenwärtig in weiterem Sinne, er ist ja schon Ende der achtziger Jahre gestorben —, also sein letztes Erdenleben karmisch vorbereitet worden ist. Diese Inkarnation liegt etwa im 8. nachchristlichen Jahrhundert. Und zwar schaut man ihn als einen Angehörigen jener maurisch-arabischen Menschen, die in dieser Zeit von Afrika nach Sizilien herüberkamen, auch in Kämpfe kamen mit denjenigen Menschen, die vom Norden herunter nach Sizilien kamen.

[ 5 ] In the case of Schwaben-Vischer, one is led back to the next decisive incarnation—in between there may have been one or two insignificant ones, perhaps spent in shorter earthly lives, but that is not important now—to that incarnation in which his present earthly life—“present” in a broader sense, since he died in the late 1980s—that is, his last earthly life—was karmically prepared. This incarnation dates to around the 8th century A.D. Specifically, he is seen as a member of those Moorish-Arabic peoples who crossed over from Africa to Sicily during this period and also engaged in battles with those who came down to Sicily from the north.

[ 6 ] Das Wesentliche ist, daß diese Individualität, von der ich hier rede, in dieser vorhergehenden maßgebenden Inkarnation ganz und gar eine arabische Bildung hatte, arabische Bildung mit allen Einzelheiten, und zwar so, daß diese arabische Bildung alles das umfaßte, was, ich möchte sagen, künstlerisch, vielleicht auch unkünstlerisch, im Arabismus drinnen ist, umfaßte zu gleicher Zeit aber alle Energie, mit der damals das Arabertum nach Europa vorgedrungen ist, und namentlich umfaßte eine menschliche Zusammengehörigkeit mit einer ziemlich großen Anzahl anderer, derselben arabischen Bevölkerung angehöriger Menschen.

[ 6 ] The essential point is that this individuality I am speaking of here received, in that preceding, defining incarnation, an entirely Arab education—an Arab education in every detail—and indeed in such a way that this Arab education encompassed everything that, I might say, is artistically—and perhaps also non-artistically—inherent in Arab culture, but at the same time encompassed all the energy with which Arab culture penetrated Europe at that time, and, in particular, encompassed a sense of human solidarity with a fairly large number of other people belonging to the same Arab population.

[ 7 ] Diese Individualität, die dann im 19. Jahrhundert als Friedrich Theodor Vischer gelebt hat, diese Individualität hat im 8. Jahrhundert einen engen Anschluß gesucht mit vielen, dem gleichen arabischen Volkstum und der gleichen arabischen Kultur angehörigen Menschen, die damals schon mit Europa stark in Berührung gekommen sind, fortdauernde Versuche gemacht haben, in Sizilien sich festzusetzen und harte Kämpfe bestehen mußten, das heißt, eigentlich mußten mehr die Europäer mit ihnen harte Kämpfe bestehen. An solchen Kämpfen hat diese Individualität in reichlichem Maße teilgenommen. Und man kann sagen, eine geniale Persönlichkeit war sie, in dem Sinne genial, wie man dazumal das Geniale auffassen konnte.

[ 7 ] This individual, who later lived in the 19th century as Friedrich Theodor Vischer, sought close ties in the 8th century with many people belonging to the same Arab ethnic group and the same Arab culture—people who, even then, had already come into close contact with Europe, made persistent attempts to settle in Sicily, and had to endure fierce battles, that is to say, it was actually the Europeans who had to endure those hard struggles alongside them. This individuality participated extensively in such struggles. And one can say that he was a brilliant personality—brilliant in the sense that brilliance was understood at that time.

[ 8 ] Nun, dies zunächst, diese Individualität im 8. Jahrhundert. Nun geht aber die Sache dann weiter. Als diese Persönlichkeit durch die Todespforte geht und das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt weiterlebt, da ist ja dann eine innige Gemeinschaft vorhanden, namentlich mit solchen Seelen, mit denen man auf Erden zusammen war. Das sind also jetzt die, von welchen ich Ihnen eben sagen konnte, daß unsere in Betracht kommende Individualität engere gesellige Zusammenhänge mit ihnen gesucht hat. Aber gerade unter den Menschen es ist schwierig, für diese Dinge aus der Sprache, die ja natürlich für die irdischen Verhältnisse geformt ist, Ausdrücke zu finden, um die übersinnlichen Dinge zu charakterisieren —, mit denen nun unsere Individualität Zusammenhang hatte, nachdem sie und die anderen auch durch die Pforte des Todes gegangen waren, unter diesen Menschen bestand durch die ganzen folgenden Jahrhunderte bis herein ins 19. Jahrhundert ein Geistverband, ein geistiger Zusammenhang.

[ 8 ] Well, that’s the first point: this individuality in the 8th century. But the story doesn’t end there. When this personality passes through the gate of death and continues to live the life between death and a new birth, there is indeed a close communion, particularly with those souls with whom one was together on earth. These, then, are the ones about whom I was just able to tell you that the individuality in question sought closer social connections with them. But precisely among human beings—it is difficult to find expressions in language, which is of course shaped for earthly conditions, to characterize these supersensible things—with whom our individuality was connected, after both it and the others had passed through the gate of death; among these people, throughout the centuries that followed right up into the 19th century, there existed a spiritual bond, a spiritual connection.

[ 9 ] Sie werden schon aus jenem Karmavortrag, den ich vor acht Tagen gehalten habe, entnehmen, daß dasjenige, was auf Erden geschieht, vorher erlebt wird von den Wesenheiten der höchsten Hierarchien, von Cherubim, Seraphim und Thronen, und daß derjenige, der sein Leben durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so heruntersieht, so auf einen geistig-seelischen Himmel heruntersieht, wie wir zum Himmel hinaufschauen. Da durchleben Seraphim, Cherubim und Throne, sagte ich Ihnen, dasjenige, was dann unser Schicksal wird, wenn wir wiederum heruntersteigen, was wir schicksalsgemäß realisieren.

[ 9 ] You will have gathered from the lecture on karma that I gave eight days ago that what happens on Earth is first experienced by the beings of the highest hierarchies—the Cherubim, Seraphim, and Thrones, and that the one who lives out his life between death and a new birth looks down—looks down upon a spiritual-soul heaven—just as we look up toward heaven. There, I told you, the Seraphim, Cherubim, and Thrones experience what will then become our destiny when we descend once more—what we will realize in accordance with destiny.

[ 10 ] Nun, in jenen Zusammenhängen, die sich da in der geistigen Welt ergeben, erlebte eben diese ganze Gesellschaft — die jetzt natürlich eine Geistgesellschaft war, in welche jene Individualität hineinversponnen war —, daß sie durch die Jahrhunderte hindurch zu bewahren hatten einen Fortschritt der Menschheit, ohne vom Christentum beeinflußt zu sein. Es wird Ihnen das, was ich damit sage, als etwas außerordentlich Merkwürdiges erscheinen; denn man hat so die Vorstellung, daß die Weltregierung auch so einfach ist, wie man als Mensch alles haben will und irgend etwas anordnen will. Die Weltregierung ist aber nicht so, sondern wenn auf der einen Seite mit dem Mysterium von Golgatha der allerkräftigste Impuls in die ganze Erdenentwickelung hineinversenkt wird, so ist auf der anderen Seite auch wiederum die Notwendigkeit da, nicht dasjenige, was vor dem Mysterium von Golgatha in der Erdenentwickelung war, sogleich zugrunde gehen zu lassen, sondern es fortströmen zu lassen, also das, ich will nicht sagen Antichristliche, aber Achristliche, das, was sich gar nicht kümmert um das Christentum, doch noch durch die Jahrhunderte fortströmen zu lassen.

[ 10 ] Now, in those contexts that arise in the spiritual world, this entire society—which was, of course, now a spiritual society into which that individuality was woven—experienced that, throughout the centuries, they had to preserve humanity’s progress without being influenced by Christianity. What I am saying here will seem extraordinarily strange to you; for people tend to imagine that world government is as simple as the way human beings want to have everything and want to dictate everything. But world government is not like that; rather, while on the one hand the most powerful impulse is imbued into the entire development of the Earth through the Mystery of Golgotha, on the other hand there is also the necessity not to allow what existed in the Earth’s development prior to the Mystery of Golgotha to perish immediately, but to let it continue to flow, that is, not what I would call anti-Christian, but rather non-Christian—that which is entirely indifferent to Christianity—to be allowed to continue flowing through the centuries.

[ 11 ] Und die Aufgabe, diese Strömung für Europa zu tragen, gewissermaßen fortzusetzen die noch nichtchristliche Zeit in die Jahrhunderte des Christentums hinein, ist einer Anzahl von Leuten zugefallen, die im 8. Jahrhunderte, im 7., 8. Jahrhunderte in den Arabismus hineingeboren wurden, weil der eben nicht unmittelbar christlich war, aber auch nicht etwa so zurückgeblieben war wie die alten heidnischen Religionen, sondern immerhin mit den Jahrhunderten nach einer gewissen Richtung vorwärtsgegangen ist. Da waren eine Anzahl von Seelen hineingeboren, die sollten nun, unberührt von den irdischen Verhältnissen, in der geistigen Welt vorwärtstragen dasjenige, was der Menschengeist wissen kann, was der Menschengeist fühlen und empfinden kann, abgesondert vom Christentum. Die sollten gewissermaßen das Christentum erst später treffen, in späteren Epochen der Erdenentwickelung. Und das ist ja wirklich etwas außerordentlich Bedeutsames, etwas erschütternd Großartiges, eben zu sehen, wie da eine verhältnismäßig große Gesellschaft nun im Geistigen weiterlebt, und zwar abseits von der Entwickelung des Christentums, bis eben im 19. Jahrhundert diese Seelen in ihrer Mehrzahl herunterstiegen zur irdischen Inkarnation. Nun, das waren natürlich verschiedene Individualitäten, Individualitäten mit den allermannigfaltigsten Anlagen.

[ 11 ] And the task of carrying this current forward for Europe—in a sense, of extending the pre-Christian era into the centuries of Christianity—fell to a number of people who, in the 8th and 7th 8th centuries, were born into the Arab world—which was not immediately Christian, yet was not as backward as the ancient pagan religions, but had, after all, moved forward in a certain direction over the centuries. A number of souls were born into this environment; they were now to carry forward into the spiritual world—unaffected by earthly circumstances—that which the human spirit can know, feel, and perceive, apart from Christianity. They were, so to speak, to encounter Christianity only later, in subsequent epochs of Earth’s development. And this is truly something extraordinarily significant, something profoundly magnificent—to see how a relatively large group now lives on in the spiritual realm, separate from the development of Christianity, until, in the 19th century, the majority of these souls descended into earthly incarnation. Well, these were, of course, different individuals—individuals with the most diverse aptitudes.

[ 12 ] Der Schwaben-Vischer, Friedrich Theodor Vischer, war eine der ersten Seelen, die im 19. Jahrhunderte aus dieser Gesellschaft heruntergestiegen ist. Und er war eigentlich entzogen, stark entzogen der Möglichkeit, viel vom Christentum überhaupt zu erfahren. Dagegen war, als er noch im vorirdischen Dasein war, bei ihm die Möglichkeit vorhanden, gerade bei denjenigen geistigen Führern der Menschheit Impulse zu erlangen, die zwar dem Christentum mehr oder weniger nahegestanden haben, aber in einem nicht eigentlich innerlich christlichen Sinne ihre Weltanschauung, ihre Lebensimpulse ausgebildet haben.

[ 12 ] Friedrich Theodor Vischer, known as the “Swabian Vischer,” was one of the first souls to descend from this society in the 19th century. And he was, in fact, deprived—severely deprived—of the opportunity to learn much about Christianity at all. In contrast, when he was still in his pre-earthly existence, he had the opportunity to draw inspiration precisely from those spiritual leaders of humanity who, although they were more or less close to Christianity, had developed their worldview and their life impulses in a way that was not strictly Christian in an inner sense.

[ 13 ] Es ist natürlich paradox, wenn man über diese Dinge so redet wie über irdische Dinge, aber ich sagte ja, ich will das Wagnis unternehmen. Für solch eine Seele wie diejenige, die wir jetzt im Auge haben, ist das Durchgehen durch diese Inkarnation im 7., 8. Jahrhundert eine ganz besonders gute Vorbereitung gewesen, um mit Seelen zusammenzuwachsen in der geistigen Welt wie mit der Seele Spinozas oder ähnlicher, namentlich einer großen Anzahl von nichtchristlichen Kulturträgern, die in jenen Jahrhunderten gestorben sind und in die geistige Welt hinaufgekommen sind, namentlich auch kabbalistischen Kulturträgern.

[ 13 ] It is, of course, paradoxical to speak of these things as one would of earthly matters, but as I said, I am willing to take that risk. For a soul such as the one we are now considering, passing through this incarnation in the 7th, 8th century was a particularly good preparation for growing together with souls in the spiritual world—such as the soul of Spinoza or others like him, namely a large number of non-Christian cultural figures who died in those centuries and ascended into the spiritual world, including, in particular, Kabbalistic cultural figures.

[ 14 ] Und so vorbereitet, kam diese Seele — die anderen kamen nur etwas später — im 19. Jahrhundert ins irdische Dasein. Die anderen wurden alle, und zwar dadurch, daß sie etwas später kamen, "Träger der naturwissenschaftlichen Gesinnung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Denn tatsächlich, das ist das Geheimnis, meine lieben Freunde, für die sonderbare Entwickelung des naturwissenschaftlichen Denkens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, daß fast sämtliche Träger dieser mehr ursprünglich denkenden und fühlenden naturwissenschaftlichen Strömung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ihrem vorigen Erdenleben, in ihrem bestimmenden Erdenleben, Araber waren, Genossen jener Individualität, die dann als Friedrich Theodor Vischer heruntergekommen ist. Nur ist Friedrich Theodor Vischer — gewissermafßen wie eine seelisch-geistige Frühgeburt — früher heruntergekommen.

[ 14 ] And thus prepared, this soul—the others arrived only a little later—entered earthly existence in the 19th century. The others all became, precisely because they arrived a little later, “bearers of the scientific mindset in the second half of the 19th century.” For indeed, my dear friends, this is the secret behind the peculiar development of scientific thought in the second half of the 19th century: that almost all the bearers of this more originally thinking and feeling scientific current in the second half of the 19th century were, in their previous earthly life—their defining earthly life— were Arabs, companions of that individuality who then descended as Friedrich Theodor Vischer. It is just that Friedrich Theodor Vischer—in a sense, like a premature birth of the soul and spirit—descended earlier.

[ 15 ] Das ist auch tief begründet in seinem Karma durch seinen Zusammenhang mit denjenigen Seelen, mit denen Hegel Zusammenhang hatte, bevor er ins Erdenleben heruntergestiegen ist. Mit diesen Seelen hatte auch Friedrich Theodor Vischer schon im geistigen Leben Zusammenhang. Das übte auf ihn durch seine besondere individuelle Richtung einen Einfluß aus, namentlich für dasjenige, was Hegeltum auf der Erde war. Er wurde durch sein Hegeltum davor bewahrt, in eine mehr oder weniger ganz materialistisch-mechanistische Weltanschauung hineinzuwachsen. Wäre er etwas später geboren worden, wie die anderen Geistgenossen von ihm, so wäre er eben mit seiner Ästhetik auch in eine ganz gewöhnliche materialistische Richtung gekommen. So wurde er davor bewahrt durch dasjenige, was er durchgemacht hat im vorirdischen Leben und durch sein früheres Herunterkommen. Aber er konnte auch nicht daran festhalten. Deshalb hat er eben diese vernichtende Kritik seiner eigenen Ästhetik geschrieben, weil das ja nicht ganz seinem Karma entsprach, sondern als eine Wendung seines Karmas eingetreten ist. Ganz hätte es entsprochen seinem Karma, mit den entschieden bloß naturdenkerisch gesinnten Menschen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die seine Genossen im vorigen Erdenleben waren und dem Arabismus angehörten, geboren zu werden, mit denen derselben Gedankenrichtung zu sein.

[ 15 ] This is also deeply rooted in his karma through his connection to those souls with whom Hegel had a connection before he descended into earthly life. Friedrich Theodor Vischer, too, had already been connected to these souls in the spiritual realm. This exerted an influence on him through his particular individual orientation, especially with regard to what Hegelianism represented on Earth. His Hegelianism prevented him from developing a worldview that was more or less entirely materialistic and mechanistic. Had he been born somewhat later, like his other spiritual companions, he would have moved in a thoroughly ordinary materialistic direction with his aesthetics as well. Thus, he was spared this fate by what he had experienced in his pre-earthly life and by his earlier descent. But he could not hold on to it either. That is precisely why he wrote this scathing critique of his own aesthetics—because it did not entirely correspond to his karma, but rather marked a turning point in his karma. It would have been entirely in keeping with his karma to be born among the people of the second half of the 19th century who were decidedly of a natural-philosophical disposition—those who were his companions in his previous earthly life and belonged to the Arabist movement—and to share the same line of thought as them.

[ 16 ] Nun tritt das Eigentümliche ein: Durch eine Biegung des Karmas, die sich ausgleichen wird in späteren Erdenleben von Friedrich Theodor Vischer, wird er zunächst Hegelianer, das heißt, er wird herausgerissen, allerdings vorherbestimmt durch das vorirdische Dasein, aber nicht durch das Erdenkarma, herausgerissen aus der geradlinigen Richtung seines Karmas. Aber in einem gewissen Lebensalter hält er es nicht mehr aus. Er muß in sein Karma hinein. Er verleugnet seine fünfbändige Ästhetik, findet es ungeheuer verführerisch, die Ästhetik so aufzubauen, wie die Naturforscher es wollen. Er hat seine erste Ästhetik von oben nach unten geschaut, ist von den Prinzipien ausgegangen und dann zu dem Sinnlichen übergegangen. Das kritisiert er selber in Grund und Boden hinein. Er will jetzt die Ästhetik von unten nach oben bauen, von den Tatsachen ausgehend allmählich zu den Prinzipien aufsteigen. Und wir sehen ein ungeheures Ringen, sehen, wie er an der Vernichtung seiner eigenen ersten Ästhetik arbeitet. Wir sehen sein abgebogenes Karma, und wie er zurückgeworfen wird in sein eigentliches Karma, das heißt, zusammengeführt wird mit jenen, deren Genosse er war in einem vorigen Erdenleben.

[ 16 ] Now the peculiar thing happens: Due to a twist in his karma—which will be balanced out in Friedrich Theodor Vischer’s later earthly lives—he initially becomes a Hegelian; that is, he is torn away—albeit predestined by his pre-earthly existence, but not by his earthly karma—from the straight path of his karma. But at a certain age, he can no longer bear it. He must return to his karma. He renounces his five-volume work on aesthetics, finding it immensely tempting to construct aesthetics the way the natural scientists want it. He had approached his first aesthetics from the top down, starting with the principles and then moving on to the sensory. He himself criticizes this to the very core. He now wants to build his aesthetics from the bottom up, starting from the facts and gradually ascending to the principles. And we see an immense struggle; we see how he works at the destruction of his own first aesthetics. We see his diverted karma, and how he is cast back into his true karma—that is, reunited with those with whom he was a comrade in a previous earthly life.

[ 17 ] Und ganz erschütternd bedeutsam ist es wirklich, zu sehen, wie eigentlich Friedrich 'Theodor Vischer niemals fertig wird mit diesem zweiten Bau seiner Ästhetik, wie auch etwas Chaotisches in sein ganzes Geistesleben hineinzieht. Ich habe Ihnen das Philiströse, dieses eigentümliche philisterhafte Verhalten auch zum Goetheschen «Faust» erzählt. Das alles kommt hinein, weil er sich unsicher fühlt und doch wiederum zurück will zu seinen alten Genossen. Man muß nur in Betracht ziehen, wie stark das Unbewußte arbeitet im Karma, dieses Unbewußte, das natürlich für einen höheren Grad des Anschauens dann ein Bewußtes ist. Aber man muß sich nur klar sein darüber: Wie haben gewisse naturforscherische Philister den Goetheschen «Faust» gehaßt! Erinnern Sie sich des Ausspruchs, den ich Ihnen gestern von Du BoisReymond vorgeführt habe: daß Goethe gescheiter getan hätte, den Faust etwas erfinden zu lassen, statt ihn Geister beschwören zu lassen, den Erdgeist beschwören zu lassen, dann mit dem Mephisto zusammenzuführen, Mädchen zu verführen und sie nicht zu heiraten. Ja, das alles sind eigentlich für Du Bois-Reymond Kinkerlitzchen, und es handelt sich ihm darum, daß Goethe hätte sollen einen Helden zeichnen, der die Elektrisiermaschine, die Luftpumpe erfindet! — Gewiß, es würde dann auch ein richtiger sozialer Rückhalt gewesen sein, der Betreffende hätte ja auch Bürgermeister von Magdeburg dabei werden können. Und es wäre vor allen Dingen notwendig gewesen, daß nicht die Gretchen-Tragödie, diese anrüchige, dastünde, sondern daß eine richtige bürgerliche Hochzeit etwa statt der Kerkerszene da wäre. Nun, gewiß, es hat ja schon von einem gewissen Gesichtspunkte aus seine Berechtigung, selbstverständlich; aber Goethe hat das ja ganz sicher nicht gemeint.

[ 17 ] And it is truly profoundly significant to see how Friedrich Theodor Vischer never actually finishes this second phase of his aesthetics, and how a certain chaos creeps into his entire intellectual life. I have also told you about the philistine attitude—this peculiar philistine behavior—in relation to Goethe’s Faust. All of this creeps in because he feels insecure and yet wants to return to his old comrades. One need only consider how powerfully the unconscious works in karma—this unconscious, which, of course, becomes a conscious element for a higher level of perception. But one must be clear about this: how certain philistine natural scientists hated Goethe’s Faust! Do you recall the remark I quoted to you yesterday from Du Bois-Reymond: that Goethe would have been wiser to have Faust invent something, rather than have him conjure up spirits, conjure up the Earth Spirit, then bring him together with Mephisto to seduce girls and not marry them? Yes, all of that is actually trivial to Du Bois-Reymond, and his point is that Goethe should have portrayed a hero who invents the electrostatic machine and the air pump! — Certainly, that would then have provided proper social standing; after all, the character in question could even have become mayor of Magdeburg in the process. And above all, it would have been necessary not to have the Gretchen tragedy—that scandalous one—but rather to have a proper bourgeois wedding, for example, instead of the dungeon scene. Well, certainly, from a certain point of view, it does have its justification, of course; but Goethe most certainly did not mean that.

[ 18 ] Nicht wahr, Friedrich Theodor Vischer ist eben nicht mehr in völliger Sicherheit gewesen, als er, wie ich sagte, diese Abbiegung des Karmas erfahren hatte. Aber es drängte ihn immer wieder und wiederum zurück, und es war für sein Unbewußtes, trotzdem er dabei ein freier Geist war, immer ein Entzücken, wenn er die Philister auf den Goetheschen «Faust» schimpfen hörte. Dabei wird er natürlich geistreich; es ist wie ein Schneeballwerfen hinüber und herüber. Und gerade wenn man einen Menschen an den Dingen betrachtet, wo man mehr mit der Anschauung herankann, dann bekommt man die Imaginationen, die einen führen müssen hinter die Kulissen des sinnlichen Daseins. Die bekommt man heraus.

[ 18 ] Isn’t it true that Friedrich Theodor Vischer was no longer entirely safe once he had experienced, as I said, this turn of karma? But it kept drawing him back again and again, and for his unconscious—even though he was a free spirit—it was always a delight to hear the philistines railing against Goethe’s Faust. That, of course, makes him witty; it’s like a snowball fight back and forth. And it is precisely when one observes a person in those areas where one can approach them more through intuition that one gains the imaginative insights that must lead one behind the scenes of sensory existence. That is what one brings to light.

[ 19 ] Es gibt zum Beispiel ein feines Bild. Da sind auf der einen Seite die Philister erster Ordnung, wie also zum Beispiel Du Bois-Reymond: Goethe hätte sollen den Faust als Bürgermeister von Magdeburg darstellen, die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfinden, Gretchen heiraten lassen — nicht wahr, das sind die Philister erster Ordnung! Nun, das ist im Unterbewußten, weil ein karmischer Zusammenhang da ist. Das waren alles auch maurische Leute, die im Arabismus mit Friedrich Theodor Vischer drinnenstehenden Leute. Nun, es war anziehend für ihn, er fühlte sich verwandt, aber so war er es wiederum nicht; er war in der Zwischenzeit berührt worden von anderen Strömungen, die eben sein Karma abgebogen haben. Und nun, wenn die Philister erster Ordnung hinüberwarfen mit ihren Schneebällen, dann warf er zurück und sagte: Es soll einer eine Dissertation machen zum Beispiel über den Zusammenhang der Frostbeulen der Frau Christiane von Goethe mit den symbolisch-allegorisch-mythologischen Figuren im zweiten Teil des «Faust». Nicht wahr, das ist genial-philiströs, Philistrosität zweiter Ordnung.

[ 19 ] There is, for example, a fine illustration. On the one hand, there are the first-order philistines, such as Du Bois-Reymond: Goethe should have portrayed Faust as the mayor of Magdeburg, had him invent the electrostatic machine and the air pump, and had him marry Gretchen—aren’t they the first-order philistines! Well, that’s in the subconscious because there’s a karmic connection there. Those were all Moorish-minded people, too—the ones deeply involved in Arabism alongside Friedrich Theodor Vischer. Well, it was appealing to him; he felt a kinship, but he wasn’t quite like that either; in the meantime, he had been influenced by other currents that had diverted his karma. And so, when the first-order philistines hurled their snowballs at him, he threw them back and said: “Someone should write a dissertation, for example, on the connection between Christiane von Goethe’s frostbite and the symbolic, allegorical, and mythological figures in the second part of Faust.” Isn’t that brilliantly philistine—second-order philistinism?

[ 20 ] Diese Dinge in ihrer Wertigkeit nehmen, das ist dann dasjenige, was einen hinwegführt von dem bloß Intellektuellen und einen dann eher an die Anschauung herankommen läßt. Nun, ich wollte Ihnen zunächst einen Hinweis darauf geben — ich werde auf diese Dinge noch weiter zurückkommen —, wie man das eine Erdenleben begreifen kann an vorhergehenden Erdenleben.

[ 20 ] To consider these things in terms of their value—that is what leads one away from the merely intellectual and brings one closer to intuition. Well, I wanted to give you a preliminary indication—I will return to these matters later—of how one can understand this one earthly life in light of previous earthly lives.

[ 21 ] Von einer ungeheuren, erschütternden Bedeutung ist tatsächlich für mich einfach die Figur gewesen, die in Stuttgart herumgegangen ist. Ich habe Sie Ihnen gestern beschrieben: die wunderbaren blauen Augen, den etwas rötlich-bräunlichen Vollbart, die Arme etwa so haltend, diese Gestalt habe ich Ihnen beschrieben. Sehen Sie, nun war diese Anschauung da, auf die ich Sie jetzt hingewiesen habe, aber die physische Statur des Schwaben-Vischers, wie er in Stuttgart herumgegangen ist, die stimmte damit nun nicht, denn er sah wirklich auch für einen okkulten Blick nicht wie ein wiederverkörperter Araber aus. Und ich habe es immer wieder und wiederum fallengelassen, weil man schon tatsächlich auch gegen seine Schauungen einfach, skeptisch kann ich nicht sagen, sie sind ja da, aber mißtrauisch wird. Man will sie in der entschiedensten Weise bekräftigt haben. Ich habe es immer wieder und wieder fallenlassen, bis das Rätsel sich in der folgenden Weise löste:

[ 21 ] For me, the figure who walked around Stuttgart was, in fact, of immense, profound significance. I described him to you yesterday: the wonderful blue eyes, the somewhat reddish-brown full beard, holding his arms in that way—I described that figure to you. You see, this vision I have just pointed out to you was there, but the physical stature of the Swabian fisherman—as he walked around Stuttgart—did not match it, for even to an occult eye he really did not look like a reincarnated Arab. And I let the matter drop again and again, because one does indeed become—I cannot say skeptical, since the visions are there—but one does become suspicious of them. One wants them confirmed in the most decisive way. I let the matter drop again and again until the mystery resolved itself in the following way:

[ 22 ] Dieser Mann — es handelte sich auch in der damaligen Inkarnation um einen Mann —, dieser Mann hat diejenigen Menschen, die ihm vom Norden entgegenkamen, namentlich von Sizilien entgegenkamen, als sein Ideal betrachtet. Nun war in der damaligen Zeit die Möglichkeit, sich gewissermaßen zu versehen an einem Menschen, der einem besonders gefiel, diese Möglichkeit war besonders groß. Und so bekam er seine Figur in der nächsten Inkarnation von denen, die er bekriegte. Das ist dasjenige, was dann, wie gesagt, von seiten der Statur die Lösung des Rätsels herbeigeführt hat.

[ 22 ] This man—he was also a man in that incarnation—regarded those people who came toward him from the north, specifically from Sicily, as his ideal. Now, in those days, the possibility of, so to speak, taking on the form of a person one particularly admired was especially high. And so, in his next incarnation, he took on the form of those he had fought against. That is what, as I said, brought about the solution to the riddle in terms of his stature.

[ 23 ] Wir haben gestern eine zweite Persönlichkeit vor unsere Seele gerückt, Franz Schubert, im Zusammenhang mit seinem Freunde und Gönner, dem Freiherrn von Spaun, und im Zusammenhange mit seinem elementarischen Wesen, das auf der einen Seite in solch seltenen Fällen, wie ich Ihnen einen vorgeführt habe, aufbrausen konnte, zum Raufbold werden konnte, und das auf der anderen Seite außerordentlich zart war, wie ein Nachtwandler morgens beim Aufstehen seine schönsten Melodien hinschrieb. Man kommt außerordentlich schwer zu einem Bilde von dieser Persönlichkeit. Aber gerade der Zusammenhang mit Spaun ergibt in diesem Falle ein Bild. Denn bei Franz Schubert hat man durchaus, wenn man — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — im okkulten Felde rückschauend ihn finden will, das Gefühl, wenn ich mich trivial ausdrücken darf: der Schubert, der entschlüpft einem immer, wenn man in seine vorige Inkarnation zurückgehen will. Man kommt nicht leicht zurück, er entschlüpft einem.

[ 23 ] Yesterday we brought a second figure to the forefront of our minds, Franz Schubert, in connection with his friend and patron, Baron von Spaun, and in connection with his elemental nature, which on the one hand—in such rare cases as the one I have presented to you—could flare up and turn him into a brawler, and which on the other hand was extraordinarily tender, like a sleepwalker who wrote down his most beautiful melodies upon waking in the morning. It is extremely difficult to form a picture of this personality. But it is precisely the connection with Spaun that provides a picture in this case. For with Franz Schubert, if one—if I may use the expression—seeks to find him retrospectively in the occult realm, one has the feeling—if I may put it trivially—that Schubert always slips away when one tries to go back to his previous incarnation. It is not easy to return; he slips away.

[ 24 ] Es ist wirklich etwas vom Gegenteil zu dem Schicksal, ich möchte sagen, der Schubert-Werke nach dem Tode von Franz Schubert, etwas, was wie der Gegensatz davon auftritt. Bei den Werken von Schubert, bei den Kompositionen war es ja so, daß, als Schubert eben gestorben war, ganz wenig von ihm bekannt war, ganz wenig den Leuten geläufig war. Dann vergingen immer Jahre, er wurde immer mehr und mehr bekannt, und es war schon ganz spät, in den siebziger Jahren, achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, da brachte jedes Jahr immer wiederum neue Werke von Franz Schubert. Es war interessant, denn Schubert wurde plötzlich, nachdem er lange tot war, der fruchtbarste Komponist. Es erschienen immer neue Werke von ihm. Da kam man eben immer wiederum auf den Schubert zurück.

[ 24 ] It’s really quite the opposite of the fate—I’d say—of Schubert’s works after Franz Schubert’s death; something that appears to be the antithesis of that. With Schubert’s works—his compositions—the situation was such that, right after Schubert had died, very little was known about him; very little was familiar to people. Then, as the years went by, he became more and more well-known, and it wasn’t until quite late—in the 1870s and 1880s—that new works by Franz Schubert kept appearing year after year. It was interesting because Schubert suddenly became, long after his death, the most prolific composer. New works by him kept appearing. So people kept coming back to Schubert again and again.

[ 25 ] Wenn man aber von Schuberts Leben im 19. Jahrhundert geistig zurückschaut in sein früheres Erdenleben, dann verlieren sich die Spuren. Man findet ihn nicht leicht.

[ 25 ] But if one looks back in spirit from Schubert’s life in the 19th century to his earlier earthly existence, the trail goes cold. He is not easy to find.

[ 26 ] Dagegen ist es immerhin möglich, verhältnismäßig leicht die Spuren zu finden für den Freiherrn von Spaun. Und diese Linie, die führt zurück in die Zeit auch des 8., 9. Jahrhunderts, aber nach Spanien. Und zwar war der Freiherr von Spaun ein kastilischer Fürst, der als außerordentlich weise galt, sich mit Astrologie, Astronomie im Sinne der damaligen Zeit beschäftigt hat, sogar astronomische Tafeln reformiert und geformt hat, und der in einer bestimmten Zeit seines Lebens aus seiner Heimat fliehen mußte, und gerade bei den stärksten Feinden der kastilischen Bevölkerung der damaligen Zeit, bei den Mauren, seine Zuflucht gefunden hat.

[ 26 ] In contrast, it is at least possible to find traces of Baron von Spaun relatively easily. And this line leads back to the 8th and 9th centuries as well, but to Spain. Specifically, Baron von Spaun was a Castilian prince who was considered exceptionally wise, who was interested in astrology, astronomy as understood at the time, even reformed and compiled astronomical tables, and who, at a certain point in his life, was forced to flee his homeland and found refuge precisely among the fiercest enemies of the Castilian people of that era—the Moors.

[ 27 ] Und da muß er sich einige Zeit aufhalten nach seiner Flucht, und da entwickelt sich ein außerordentlich zartes Verhältnis zu einer maurischen Persönlichkeit, in der die Individualität des späteren Franz Schubert steckt. Und ganz gewiß wäre jener kastilische Fürst zugrunde gegangen, wenn dazumal nicht diese feingeistige Persönlichkeit unter den Mauren sich seiner angenommen hätte und ihm entgegengekommen wäre, so daß er doch eben einige Zeit noch das Erdenleben fortsetzen konnte, zur tiefsten Befriedigung der beiden.

[ 27 ] And there he had to stay for some time after his escape, and there he developed an extraordinarily tender relationship with a Moorish figure who embodied the individuality of the future Franz Schubert. And that Castilian prince would most certainly have perished had this refined soul among the Moors not taken him under his wing and reached out to him at that time, allowing him to continue his earthly life for a little while longer, to the deepest satisfaction of both of them.

[ 28 ] Das, was ich Ihnen erzähle, ist so weit wie möglich von aller intellektualistischen Grübelei entfernt. Ich habe Ihnen sogar angedeutet, wie der Umweg war. Aber auf diesem Umweg wird man tatsächlich geführt dazu, daß in Franz Schubert eine wiederinkarnierte maurische Persönlichkeit steckt, und eine solche maurische Persönlichkeit, eine Persönlichkeit aus dem Kreise der Mauren, die damals ja ziemlich weit davon entfernt war, Musikalisches in der Seele zu verarbeiten, dagegen mit innerstem Hang alles dasjenige gerade verarbeitete, was in arabischer Kultur an feinem Künstlerischem und feinem, ich will nicht sagen Denkerischem, aber feinem Grübelndem herübergebracht worden ist von Asien, durch Afrika gegangen ist und dann in Spanien endlich gelandet ist.

[ 28 ] What I am telling you is as far removed as possible from any kind of intellectualistic musing. I have even hinted at what that detour entailed. But this detour does indeed lead one to the conclusion that Franz Schubert was the reincarnation of a Moorish personality—and that such a Moorish personality, a figure from the circle of the Moors, who at that time was, of course, quite far from being able to process music in his soul, nevertheless processed with the deepest inclination precisely all that which, in Arab culture, was of a refined artistic and— I won’t say “intellectual,” but rather “subtle, contemplative” elements of Arab culture—which had been brought over from Asia, passed through Africa, and finally arrived in Spain.

[ 29 ] Da bildete sich bei jener Persönlichkeit in der damaligen Inkarnation vor allen Dingen jene anspruchslose und doch wieder energische Seelenweichheit aus, die das, man möchte sagen, künstlerisch Phantasievolle, Somnambule, in der nächsten Inkarnation, in der Inkarnation von Franz Schubert, hervorzauberte. Auf der anderen Seite mußte diese Persönlichkeit aber auch an den schweren Kämpfen teilnehmen, die nun wiederum zwischen den Mauren und der nichtmaurischen Bevölkerung, der kastilischen, aragonischen Bevölkerung und so weiter waren. Und da bildete sich jene zurückgehaltene emotionelle Ader aus, die dann, ich möchte sagen, wie verhalten nur bei besonderen Gelegenheiten im Schubert-Dasein herauskam.

[ 29 ] In that incarnation, this individual developed, above all, that unassuming yet energetic gentleness of soul which, one might say, conjured forth the artistically imaginative, somnambulistic qualities in the next incarnation—the incarnation of Franz Schubert. On the other hand, however, this personality also had to take part in the fierce battles that were now raging between the Moors and the non-Moorish population—the Castilian, Aragonese, and so on. And this is where that restrained emotional streak developed, which then, I might say, emerged only sparingly on special occasions during Schubert’s lifetime.

[ 30 ] Und mir scheint, daß ebenso, wie man das letzte Erdenleben von Friedrich Theodor Vischer erst begreift, wenn man es auf dem Hintergrunde seines Arabismus schauen kann, man auch das ganz Eigentümliche der Schubertschen Musik, namentlich des Untergrundes mancher seiner Liederkompositionen, nur begreifen wird, wenn man eben da schon die Anschauung hat — ich habe sie nicht konstruiert, sie ergibt sich aus den Tatsachen —, wenn man schon die Anschauung hat: da ist Geistiges, Spirituelles, Asiatisches eine Weile durch die Wüstensonne beschienen worden, dann abgeklärt worden in Europa, dann durch die geistige Welt durchgegangen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dann in reiner Menschlichkeit, abgesehen von allen künstlichen sozialen Zusammenhängen, in einem armen Schullehrer wiedergeboren worden.

[ 30 ] And it seems to me that, just as one can only truly understand Friedrich Theodor Vischer’s final earthly life when viewed against the backdrop of his “Arabism,” one will also only grasp the truly distinctive nature of Schubert’s music—namely, the underlying current of many of his song compositions—if one already possesses that perspective—I have not constructed it; it arises from the facts—if one already possesses the perspective: there is something intellectual, spiritual, and Asian that has been bathed for a time in the desert sun, then refined in Europe, then passed through the spiritual world between death and a new birth, and then been reborn in pure humanity, detached from all artificial social contexts, in a poor schoolteacher.

[ 31 ] Die dritte Persönlichkeit, von der ich gestern gesprochen habe wie gesagt, ich will jetzt zunächst diese Dinge andeuten, wir können auf manches noch zurückkommen —, die dritte Persönlichkeit, von der ich gesprochen habe, Eugen Dühring, sie war mir wirklich interessant aus dem Grunde, weil ich mich als junger Mann außerordentlich viel mit Dühringschen Schriften befaßt habe. Ich war von Dührings physikalischen und mathematischen Schriften, insbesondere seinen Schriften: «Neue Grundmittel und Erfindungen zur Analysis, Algebra, Funktionsrechnung und zugehörigen Geometrie», von seiner Behandlung des Gesetzes von korrespondierenden Siedetemperaturen, ich war von diesen Dingen entzückt. Ich habe mich rasend geärgert bei solch einem Buch wie «Sache, Leben und Feinde», wo er eine Art Selbstbiographie schreibt. Das ist eigentlich etwas schrecklich Selbstgefälliges, aber wirklich Genial-Selbstgefälliges; gar nicht zu reden von etwas, was an die wüstesten Pamphlete erinnert, wie «Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden». Wiederum konnte ich die «Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik» bewundern, solange noch nicht der Löwe drinnen war, sondern nur die Klauen des Löwen. Es wirkte doch etwas unangenehm, es ist zuviel in einer Mechanikgeschichte, nicht wahr, von all den Klatschereien, sagen wir, der Frau Helmholtz geredet, denn es kam bei dem Betreffenden weniger an auf den Hermann Helmkoltz, den Dühring so viel beschimpft, sondern es kam eigentlich an auf das Schwätzen — ja, des Kreises der Frau Helmholtz. Aber gut; das sind solche Dinge. Schwätzen tun selbst die verschiedensten Kreise. Schwätzen tun ja selbst die verschiedensten Kreise der Anthroposophen. Trotzdem seit Weihnachten ein neuer Zug sein sollte, kann man verschiedenes, was da und dort geschwätzt wird in Anthroposophenkränzchen, was recht sehr überflüssig ist, und unter Umständen schon noch auch für die betreffenden Schwätzer und Schwätzerinnen unangenehm werden könnte, man kann es selbst da erfahren. Aber wie gesagt, ich habe alle Nuancen, einen Menschen zu verehren, zu schätzen, zu kritisieren, über ihn mich zu ärgern, durchlebt an den Schriften von Dühring. Daß man da sehen möchte auf den Hintergrund wenigstens des nächstvorigen Erdenlebens, wie sich so etwas entwickelt hat, das werden Sie begreiflich finden.

[ 31 ] The third figure I spoke of yesterday—as I said, I’d like to touch on these points for now; we can return to some of them later—the third figure I spoke of, Eugen Dühring, was truly interesting to me for the reason that, as a young man, I had devoted an extraordinary amount of time to studying Dühring’s writings. I was captivated by Dühring’s works on physics and mathematics, particularly his writings New Fundamental Methods and Inventions in Analysis, Algebra, Functional Calculus, and Related Geometry, and by his treatment of the law of corresponding boiling points; I was enthralled by these things. I was furious when reading a book like Sache, Leben und Feinde (Matter, Life, and Enemies), in which he writes a sort of autobiography. It is actually something terribly self-satisfied, but truly brilliantly self-satisfied; not to mention something reminiscent of the most vile pamphlets, such as Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden (The Overestimation of Lessing and His Advocacy for the Jews). On the other hand, I was able to admire the “Critical History of the General Principles of Mechanics” as long as the lion wasn’t in it yet—only the lion’s claws. It did seem a bit unpleasant, though—there’s too much in a history of mechanics, isn’t there, about all the gossip, let’s say, surrounding Mrs. Helmholtz—because what really mattered to the person in question was not so much Hermann Helmholtz, whom Dühring reviled so much, but rather the gossip—yes, within Mrs. Helmholtz’s circle. But well; such are the things. Even the most diverse circles engage in idle chatter. Even the most diverse circles of anthroposophists engage in idle chatter. Nevertheless, since a new trend was supposed to begin at Christmas, one can observe various things that are chatted about here and there in anthroposophical gatherings—things that are quite superfluous and, under certain circumstances, could even become unpleasant for the chatters themselves—one can experience this firsthand. But as I said, I have experienced all the nuances of revering, appreciating, criticizing, and getting annoyed with a person through Dühring’s writings. You will understand that one might want to look at the background—at least of the immediately preceding earthly life—to see how something like this developed.

[ 32 ] Aber auch hier war es wiederum nicht leicht, und es traten zunächst — ich möchte auch nicht damit zurückhalten, diese Dinge zu erwähnen —, es traten zunächst Blender auf. Man kriegt ja immer, wenn man gerade an solche Untersuchungen herangeht, allerlei Impressionen, manchmal auch furchtbare Impressionen. Ich saß selbst einmal an einem Kaffeehaustisch in Budapest, da waren versammelt der wiederverkörperte Joseph II., Friedrich der Große, die Marquise von Pompadour, Seneca, der Herzog von Reichstadt, Marie Antoinette, und dann kam noch Wenzel Kaunitz während des Abend dazu. Die waren an diesem Kaffeehaustisch, das heißt, die Leute hielten sich dafür, waren der Meinung, daß sie das seien. Also ich meine, es kommt ja immer so irgend etwas heraus, wenn die Leute grübeln, oder anfangen, mit irgendeinem hellseherischen Unfug die Sache zu machen oder dergleichen. Wie gesagt, es kommen leicht Blender, weil es sich da manchmal wirklich darum handelt, von dem prägnantesten Punkt im Leben irgendeines Menschen, das heißt in einem bestimmten Erdenleben, auszugehen, um angemessen zurückgeführt zu werden. Und bei Dühring wollte mir das lange nicht gelingen, irgendeinen prägnanten Punkt zu finden.

[ 32 ] But here, too, it was not easy, and at first—I don’t want to shy away from mentioning these things—at first, charlatans appeared. After all, whenever one embarks on such investigations, one always encounters all sorts of impressions, sometimes even terrible ones. I myself once sat at a coffeehouse table in Budapest where the reincarnated Joseph II, Frederick the Great, the Marquise de Pompadour, Seneca, the Duke of Reichstadt, and Marie Antoinette were gathered—and then Wenzel Kaunitz joined them later that evening. They were at that coffeehouse table—that is to say, the people considered themselves to be those figures; they believed that was who they were. I mean, something like that always comes up when people start pondering, or begin to approach the matter with some kind of clairvoyant nonsense, or the like. As I said, charlatans easily emerge, because sometimes it really is a matter of starting from the most defining moment in a person’s life—that is, in a specific earthly life—in order to be properly guided back. And with Dühring, I couldn’t manage for a long time to find any such defining moment.

[ 33 ] Da habe ich denn folgendes gemacht. Ich vergegenwärtigte mir dasjenige, was mir zunächst das Allersympathischste an ihm war: das ist seine mechanistisch-materialistische, aber doch eigentlich wiederum in einem gewissen Sinne wenigstens intellektuell-geistige Weltauffassung. Ich überlegte mir, wie das alles mit einer endlichen Raumeswelt, mit einer endlichen Zeitwelt zu tun hat, konstruierte also die ganze Dühringsche Weltanschauung nach. Das kann man ja leicht tun. Wenn man damit nun geht und in der Rückwärtsbetrachtung nach früheren Inkarnationen sieht, da ergeben sich unzählige Inkarnationen und wiederum Blendung. Ja, man findet nichts; es ergeben sich unzählige Inkarnationen, die sind natürlich nicht und können nicht in solcher Anzahl da sein: es sind bloße Spiegelungen der gegenwärtigen Inkarnation. Denn geradeso wie wenn Sie in einem Saale hier einen Spiegel haben und dort einen, so sehen Sie da ins Endlose hinein gespiegelt. Da kam ich denn darauf, mir intensiv die Vorstellung zu bilden: Wie nimmt sich, ganz klar gedacht, diese Weltanschauung aus, die der Dühring hat? Ich lasse jetzt alles weg, was aus gehässiger Kritik, Schimpfiererei oder sonstigem Trivialismus besteht, ich lasse das alles weg, ich nehme das Großartige, das mir noch immer als Weltanschauung genügend antipathisch ist, das mir aber durch die Art und Weise, wie Dühring es vertrat, sympathisch war — ich stelle mir das lebhaft vor. Aber nun gehe ich daran, mir klar die Realität bei Dühring zu bilden. Er sieht das doch alles von einem bestimmten Jahre an als Blinder! Ein Blinder sieht die Welt eben gar nicht! Er stellt sie daher anders vor als ein Sehender. Und in der Tat, die gewöhnlichen, ich möchte sagen, Alltagsmaterialisten, Alltagsmechanisten, die unterscheiden sich von Dühring. Der Dühring ist ihnen gegenüber genial. Wirklich, alle diese Leute, die da Weltanschauungen aufgebaut haben, der dicke Vogt, Büchner, Moleschott, Spiller, Wießner, wie sie alle heißen ja, nicht wahr, zwölf Dutzend geben eben zwölf Dutzend —, das alles ist doch noch etwas anderes als die Art und Weise, wie Dühring diese Weltanschauung aufbaut. Man sieht auch, daß er schon die Anlage, das Hinstoßen gehabt hat auf eine besondere Gestalt von dieser Weltanschauung, als er noch sehen konnte, und daß diese Weltanschauung eigentlich erst für ihn paßte, als er nicht mehr sehen konnte, als der Raum um ihn herum verfinstert war. Denn in den finsteren Raum paßt eigentlich alles das hinein, aus dem sich Dühring die Welt konstruiert hat. Man hat etwas Unrichtiges, wenn man sich vorstellt: Das hat einer gemacht, der gesehen hat.

[ 33 ] So I did the following. I focused on what I initially found most appealing about him: namely, his mechanistic-materialistic worldview, which—in a certain sense, at least—is actually intellectual and spiritual. I considered how all of this relates to a finite spatial world and a finite temporal world, and so I reconstructed Dühring’s entire worldview. That’s easy enough to do. But when you take this approach and look back at earlier incarnations, you end up with countless incarnations—and, once again, confusion. Yes, one finds nothing; countless incarnations arise, which of course do not and cannot exist in such numbers: they are mere reflections of the present incarnation. For just as if you have a mirror here in a room and another there, you see an endless reflection stretching into infinity. That’s when it occurred to me to form a clear mental picture: What, when thought through clearly, does Dühring’s worldview actually look like? I’ll now set aside everything that consists of spiteful criticism, ranting, or other trivialities; I’ll set all that aside and focus on the grand aspects—which, as a worldview, I still find thoroughly repugnant, but which, due to the way Dühring presented them, I found appealing—I vividly imagine them. But now I’m setting out to form a clear picture of the reality in Dühring’s case. After all, from a certain year onward, he sees it all as a blind man! A blind man simply doesn’t see the world at all! He therefore imagines it differently than someone who can see. And in fact, the ordinary—I’d say—everyday materialists, everyday mechanists, differ from Dühring. Compared to them, Dühring is a genius. Really, all these people who have constructed worldviews—the fat Vogt, Büchner, Moleschott, Spiller, Wießner, whatever their names may be, right? Twelve dozen is just twelve dozen—all of that is still something different from the way Dühring constructs this worldview. One can also see that he already had the inclination, the impulse, toward a particular form of this worldview when he could still see, and that this worldview actually only suited him once he could no longer see, once the space around him had grown dark. For everything from which Dühring constructed his world actually fits into that dark space. It is incorrect to imagine that this was created by someone who could see.

[ 34 ] Nun denken Sie sich, es ist jetzt bei Dühring eine ungeheure Wahrheit — wie gesagt, andere haben auch solche Weltanschauungen aufgebaut, hundertvierundvierzig gehen auf zwölf Dutzend von solchen Leuten, die solche Weltanschauungen bauen —, aber bei Dühring ist es doch anders, bei Dühring ist es eine Wahrheit: Die anderen sehen und machen Weltanschauungen wie die Blinden; Dühring ist blind und macht die Weltanschauung wie ein Blinder. Das ist nun etwas ungeheuer Frappierendes. Und kommt man einmal darauf, sieht man diesen Menschen an und weiß: Hier war einer innerlich aus seelischer Entwickelung wie ein Blinder, der nun mechanistisch wird deshalb, weil er blind ist. Dann findet man ihn wiederum zunächst — und zwar kommen hier zwei Inkarnationen in Betracht —, man findet ihn inmitten derjenigen Bewegung im christlichen Osten als einen, der, so um das 8., 9. Jahrhundert herum, bald den Abbau alles Bildhaften protegiert, Bilderstürmer wird, bald wiederum die Bilder in ihre Rechte einsetzt. In Konstantinopel namentlich entwickelt sich dieses Kämpfen um eine Bilderreligion oder bilderfreie Religion. Da finden wir nun die spätere Dühring-Individualität als einen Menschen, der mit allem Enthusiasmus für ein bilderfreies Kulturleben stürmt, mit einer richtigen Landsknechtnatur. Und ich möchte sagen, rein im physischen Kampf sieht man nun alles das bei ihm, was später in Ausdrücken zutage tritt.

[ 34 ] Now imagine this: with Dühring, it is an immense truth—as I said, others have also constructed such worldviews; there are one hundred forty-four out of twelve dozen such people who construct such worldviews—but with Dühring it is different; with Dühring, it is a truth: The others see and construct worldviews like the blind; Dühring is blind and constructs his worldview like a blind man. This is something incredibly striking. And once you realize this, you look at this man and know: Here was someone who, in terms of his inner spiritual development, was like a blind man, who now becomes mechanistic precisely because he is blind. Then one finds him again—and here two incarnations come into consideration—one finds him in the midst of that movement in the Christian East as someone who, around the 8th or 9th century, alternately advocates the removal of all imagery, becomes an iconoclast, and then restores the images to their rightful place. In Constantinople, in particular, this struggle over a religion with images versus a religion without images unfolds. There we now find the later Dühring—as an individual—as a man who storms ahead with all his enthusiasm for a cultural life free of images, with the true nature of a mercenary. And I would say that, purely in the physical struggle, one now sees in him everything that later comes to light in his expressions.

[ 35 ] Mir war etwas ungeheuer interessant: Im zweiten Bändchen der Julius Robert Mayer-Schrift, da findet sich ein eigentümliches Wort. Man bekommt ja die Sache anschauungsgemäß! Dühring hatte als Bilderstürmer eine besondere Art, den Säbel zu bewegen, diesen eigentümlichen Krummsäbel, der ja auch dazumal sich schon nach und nach ausbildete. Ich fand einen Einklang — nicht wahr, es kommt da wirklich auf bildhafte Einzelheiten an — mit einem Wort in dem Julius Robert Mayer-Buch. Das ist ein Kapitel, das heißt: «Schlichologisches», Schlichologisches im deutschen Universitätsleben und so weiter! Da wo man Streiche macht, wo man von der Seite hineinkommt: Schlichologisches!

[ 35 ] Something struck me as incredibly interesting: In the second little volume of Julius Robert Mayer’s work, there’s a peculiar word. It really brings the whole thing to life! As an iconoclast, Dühring had a special way of wielding his saber—that peculiar curved saber, which was already gradually taking shape back then. I found a connection—don’t you think it really comes down to these vivid details?—with a word in the Julius Robert Mayer book. It’s a chapter titled “Schlichologisches”—Schlichologisches in German university life and so on! Where pranks are played, where one sneaks in from the side: Schlichologisches!

[ 36 ] Geradeso, wie er den schönen Ausdruck «Intellektuaille» gebildet hat im Anklang an Kanaille, so bildet er «Schlichologisches». Er erfindet die mannigfaltigsten Worte. Man kann, wie gesagt, an solchen scheinbar untergeordneten Dingen viel sehen. Und so paradox es scheinen mag, man kommt eigentlich nicht auf den Zusammenhang der verschiedenen Erdenleben, wenn man nicht einen Sinn hat, in Symptomen etwas zu sehen. Wer nicht aus der Art und Weise, wie ein Mensch geht, oder wie ein Mensch auftritt mit den Sohlen, auf seinen Charakter schließen kann, der wird nicht leicht in solchen Dingen, wie ich sie jetzt vortrage, Fortschritte machen. Man muß schon die Art und Weise, wie da diese Individualität den Säbel dazumal bewegt hat, hineinspringen sehen in die Worte, die er dann bildete.

[ 36 ] Just as he coined the lovely term “Intellektuaille”—a play on “Kanaille”—so he coins “Schlichologisches.” He invents the most diverse array of words. As I said, one can learn a great deal from such seemingly minor details. And as paradoxical as it may seem, one cannot truly grasp the connection between different earthly lives unless one has an eye for seeing meaning in symptoms. Anyone who cannot infer a person’s character from the way they walk or the way their feet strike the ground will not easily make progress in matters such as those I am now presenting. One must be able to see the very way in which this individual wielded his saber back then reflected in the words he subsequently coined.

[ 37 ] Und nun ist es gerade dieser Dühring, der eigentlich so viel schimpfte, namentlich auf die gelehrten «Verlehrten»! Er sagte, lieb war es ihm schon, wenn er gar nicht mehr Namen haben müßte, die an die alte Wissenschaftlichkeit erinnern. Er will keine Logik haben, will eine Anti-Logik haben, keine Sophia, eine Anti-Sophia, er will keine Wissenschaft haben, will eine Anti-Wissenschaft haben. Das wäre ihm eigentlich am liebsten, alles «anti» zu machen; er spricht das ausdrücklich aus. Nun, dieser Mann, der also so furchtbar geschimpft hat auf alles Gelehrte, war gerade in der Inkarnation, die wiederum wie hinter dieser landsknechtmäßigen Bilderstürmer-Inkarnation dasteht, in der dahinterstehenden Inkarnation also, noch innerhalb der Schule der griechischen Stoiker, ein richtiger griechischer stoischer Philosoph. Gerade Dühring war im Altertum das, über was er am meisten schimpft: Er war in der dritten, zweitvorangehenden Inkarnation durchaus Philosoph, und zwar stoischer Philosoph, also einer derjenigen Philosophen, die sich zurückzogen vom Erdenleben.

[ 37 ] And now it is precisely this Dühring who used to rail so much, especially against the learned “mis-educated” scholars! He said he would be quite happy if he no longer had to use any terms that reminded him of the old scholarly tradition. He wants no logic, but an anti-logic; no Sophia, but an anti-Sophia; he wants no science, but an anti-science. In fact, what he would like best is to make everything “anti”; he states this explicitly. Now, this man, who railed so fiercely against all scholarship, was—in the incarnation that lies just behind this mercenary-like iconoclastic incarnation, that is, in the incarnation behind it—still a true Greek Stoic philosopher within the school of the Greek Stoics. In ancient times, Dühring himself was precisely what he rails against most: in his third, second-previous incarnation, he was indeed a philosopher—specifically, a Stoic philosopher—that is, one of those philosophers who withdrew from earthly life.

[ 38 ] Aber mir war das dazumal zunächst aufgegangen: Ungeheuer viele Gedankenformen, die bei Dühring sich finden, finden sich bei den Stoikern! Es ist nur nicht immer so einfach! Über die Form von Gedanken bei den Stoikern und bei Dühring könnte ein ganzes Seminar Dissertationen machen.

[ 38 ] But it had occurred to me right away back then: An enormous number of thought patterns found in Dühring can also be found among the Stoics! It’s just not always that simple! An entire seminar could devote its dissertations to the form of thought among the Stoics and in Dühring.

[ 39 ] Man kommt also zunächst auf das Bilderstürmer-Zeitalter, im 9. Jahrhundert etwa, im europäischen Osten, wo Dühring eben ein Bilderstürmer war, und dann ins 3. vorchristliche Jahrhundert, in die alte stoische Zeit des Griechentums zurück.

[ 39 ] So we first arrive at the age of iconoclasm—around the 9th century in Eastern Europe, where Dühring was, in fact, an iconoclast—and then go back to the 3rd century B.C., to the ancient Stoic era of Greek civilization.

[ 40 ] Und nun ist es wirklich wiederum erschütternd: Der Stoiker, der anspruchslos wird im Leben, sich zurückzieht vor demjenigen, was nicht unmittelbar für das Leben notwendig ist, der resigniert, der resigniert im Laufe des zweitnächsten geistigen Lebens auf das Augenlicht im Erdenleben. Und darinnen wird er wahr. Und er ist es dann, der die Blindheit der modernen Weltanschauung in einer grandiosen Weise zur Darstellung bringt.

[ 40 ] And now it is truly shocking once again: the Stoic, who becomes unassuming in life, who withdraws from that which is not immediately necessary for life, who resigns himself—who, in the course of the second-to-last spiritual life, resigns himself to the loss of sight in earthly life. And in this, he becomes true to himself. And it is he, then, who portrays the blindness of the modern worldview in a magnificent way.

[ 41 ] Wie man sich auch stellt zu der Dühringschen Weltanschauung, das ist das Tragisch-Erschütternde, daß Dühring in seiner Persönlichkeit die Wahrheit der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts ist, und diese Wahrheit spricht Dühring durch seinen Menschen aus. Dieser Stoiker, der in die Welt nicht schauen wollte, wurde blind; dieser Bilderstürmer, der die Bilder vernichten wollte, kann nicht leiden irgendein Bild, macht die Literaturgeschichte, macht die Dichtung zu dem, was sie eben geworden ist in seinen zwei Büchern über Literaturgrößen, wo nicht nur Goethe und Schiller herausfallen, wo höchstens noch Bürger eine bestimmte Rolle spielt. Da wird wahr, was sonst verlogen ist. Denn sonst wird behauptet durch die Menschen: Der Mechanismus, der Materialismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der sieht! Nein, das ist die Unwahrheit, er sieht nicht, er ist blind, und Dühring stellt ihn in seiner Wahrheit dar!

[ 41 ] Whatever one’s stance on Dühring’s worldview, the tragic and shattering reality is that Dühring, as a person, embodies the truth of the 19th-century worldview, and Dühring expresses this truth through his very being. This Stoic, who did not want to look at the world, went blind; this iconoclast, who wanted to destroy images, cannot tolerate any image at all, shapes literary history, and reduces poetry to what it has become in his two books on literary giants—where not only Goethe and Schiller are excluded, but where, at most, Bürger still plays a certain role. There, what is otherwise a lie becomes true. For otherwise, people claim: The mechanism, the materialism of the second half of the 19th century—that sees! No, that is a falsehood; it does not see—it is blind—and Dühring portrays it in its truth!

[ 42 ] So stellt denn eine repräsentative Persönlichkeit, richtig betrachtet an ihrem Ort, zu gleicher Zeit das welthistorische Karma dar, das Karma, das die Zivilisation selber in ihrer Weltanschauung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte.

[ 42 ] Thus, a prominent figure, viewed correctly in his or her context, simultaneously embodies the world-historical karma—the karma that civilization itself possessed in its worldview of the second half of the 19th century.

[ 43 ] Von diesen Dingen werden wir dann das nächste Mal weiterreden.

[ 43 ] We'll talk more about these things next time.