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Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume I
GA 235

15 March 1924, Dornach

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Neunter Vortrag

Ninth Lecture

[ 1 ] Wir stehen in der Besprechung des Karmas, der Wege des menschlichen Schicksals, und haben schicksalsmäßige Zusammenhänge im letzten Vortrage betrachtet, die doch wohl geeignet sein können, einiges Licht zu werfen auf die Art und Weise, wie das Schicksal durch die verschiedenen Erdenleben hindurch wirkt. Ich habe mich entschlossen, trotzdem damit natürlich ein bedenklicher Entschluß notwendig war, über solche Einzelheiten karmischer Zusammenhänge einmal zu sprechen, und möchte auch mit solchen Betrachtungen ein wenig fortfahren.

[ 1 ] We are discussing karma, the paths of human destiny, and in the last lecture we examined fateful connections that may well be capable of shedding some light on the way in which destiny operates throughout the various earthly lives. I have decided—even though this naturally required a careful decision—to speak about such details of karmic connections, and I would like to continue a little further with these reflections.

[ 2 ] Sie werden gesehen haben, wie bei der Besprechung karmischer Zusammenhänge es notwendig geworden ist, manche Einzelheiten im Leben und Wesen des Menschen zu besprechen, an denen man sonst vielleicht unaufmerksamer vorübergeht. So habe ich Ihnen eine solche Einzelheit im Herübergehen von körperlichen Eigentümlichkeiten der einen Inkarnation in eine gewisse seelische Verfassung der nächsten Inkarnation bei Dühring gezeigt. Es ist eben durchaus so, daß wenn man für das Menschenwesen an die geistigen Welten herandringt, auf der einen Seite alles Geistige seine Abstraktheit verliert, es wird kraftvoll, es wird impulsiv wirksam eben. Dagegen das Körperliche, dasjenige, was im Menschen auch körperlich zum Ausdruck kommt, verliert seine, ja, man kann eigentlich sagen, Stofflichkeit, bekommt eine geistige Bedeutung, bekommt einen gewissen Platz im ganzen Zusammenhang des menschlichen Lebens.

[ 2 ] You will have noticed that, in discussing karmic connections, it has become necessary to address certain details in a person’s life and nature that one might otherwise overlook. For example, I have shown you such a detail in the way physical characteristics from one incarnation carry over into a certain soul state in the next incarnation, as in the case of Dühring. It is indeed the case that when one approaches the spiritual worlds in relation to the human being, on the one hand, everything spiritual loses its abstractness; it becomes powerful and exerts an impulsive effect. In contrast, the physical—that which is also expressed physically in the human being—loses its, yes, one might actually say, materiality; it takes on a spiritual significance and occupies a certain place within the entire context of human life.

[ 3 ] Wie wirkt denn eigentlich das Schicksal? Das Schicksal wirkt ja so, daß es aus der ganzen Einheit des Menschen heraus wirkt. Was der Mensch sich aufsucht im Leben aus einem Karmadrang heraus, was sich dann schicksalsmäßig gestaltet, das liegt ja daran, daß die Kräfte des Schicksals, die von Leben zu Leben gehen, die Blutzusammensetzung in ihrer Feinheit bewirken und bedingen, daß sie die Nerventätigkeit innerlich regeln, daß sie aber auch die seelisch-instinktive Empfänglichkeit für dies oder jenes anregen. Und man dringt nicht leicht in das Innere von schicksalsmäßigen, karmischen Zusammenhängen ein, wenn man nicht — natürlich immer vom seelischen Auge ist dabei gesprochen — Interesse hat für die einzelnen Lebensäußerungen eines Menschen. Wirklich, für die karmische Betrachtung ist es geradeso wichtig, Interesse zu haben für eine Handbewegung wie für eine geniale geistige Begabung. Es ist ebenso von Wichtigkeit, beobachten zu können — natürlich auch von der geistigen Seite her, nach astralischem Leib und Ich —, wie ein Mensch sich niedersetzt, wie beobachten zu können, sagen wir, wie er seinen moralischen Verpflichtungen nachkommt. Es ist ebenso wichtig, ob ein Mensch gerne die Stirne runzelt oder leicht die Stirne runzelt, wie es wichtig ist, ob er fromm oder unfromm ist. Es ist eben vieles von dem, was einem im gewöhnlichen Leben unwesentlich erscheint, außerordentlich wichtig, wenn man das Schicksal zu betrachten beginnt, wie es sich von Erdenleben zu Erdenleben hinwebt, und manches von dem, was einem als ganz besonders wichtig erscheint bei diesem oder jenem Menschen, das wird von einer geringeren Bedeutung.

[ 3 ] How does fate actually work? Fate works in such a way that it operates from within the whole unity of the human being. What a person seeks out in life out of a karmic impulse—and what then takes shape as destiny—is due to the fact that the forces of destiny, which pass from life to life, influence the subtle composition of the blood and determine that they regulate nervous activity internally, while also stimulating the soul-instinctive receptivity to this or that. And one does not easily penetrate the inner workings of fateful, karmic connections unless one—speaking, of course, always from the perspective of the soul’s eye—has an interest in the individual expressions of a person’s life. Indeed, for karmic observation, it is just as important to take an interest in a hand gesture as in a brilliant intellectual gift. It is equally important to be able to observe—naturally also from the spiritual perspective, in terms of the astral body and the I—how a person sits down, just as it is important to observe, let us say, how they fulfill their moral obligations. It is just as important whether a person frowns readily or only slightly as it is whether they are pious or impious. Indeed, much of what seems insignificant in ordinary life is extraordinarily important when one begins to consider destiny as it weaves itself from one earthly life to the next, and much of what seems particularly important in this or that person turns out to be of lesser significance.

[ 4 ] Nun ist es im allgemeinen Menschenleben nicht so leicht, sagen wir, zum Beispiel auf körperliche Eigentümlichkeiten zu achten. Sie sind da, und man muß sich darauf eingeschult haben, natürlich ohne verletzend zu werden für seine Mitmenschen, und verletzend ist es, wenn man seine Mitmenschen betrachtet von dem Gesichtspunkte aus, um sie eben zu betrachten. Das sollte eigentlich niemals der Fall sein, sondern es sollte sich alles das, was nach dieser Richtung getan wird, ganz von selbst ergeben. Aber wenn man die Aufmerksamkeit geschult hat, dann ergeben sich auch schon im allgemeinen Menschenleben für jeden Menschen besondere Eigentümlichkeiten, die zu den Kleinigkeiten gehören, und die für die karmische Betrachtung im eminentesten Sinne von Bedeutung sind. Aber so recht eindringlich beobachten kann man die Menschen in bezug auf ihre karmischen Zusammenhänge doch nur, wenn man auf signifikante Eigentümlichkeiten hinweisen kann.

[ 4 ] Now, in everyday life, it’s not so easy—let’s say, for example—to pay attention to physical peculiarities. They’re there, and one must have trained oneself to do so—of course, without being hurtful to one’s fellow human beings; and it is hurtful when one observes one’s fellow human beings solely for the sake of observing them. That should never actually be the case; rather, everything done in this direction should arise quite naturally. But once one has trained one’s attention, even in everyday life, specific peculiarities emerge for each person—minor details that are of the utmost significance for karmic observation. Yet one can only truly observe people in relation to their karmic connections in a profound way if one can point out significant peculiarities.

[ 5 ] Für mich war vor Jahrzehnten eine außerordentlich interessante Persönlichkeit, sowohl mit Bezug auf das innere geistige Leben dieser Persönlichkeit wie auch in bezug auf das äußere Leben, der Philosoph Eduard von Hartmann. Tiefgehendes Interesse brachte ich gerade diesem Philosophen entgegen. Wenn ich nun aber sein Leben betrachte, so, daß diese Betrachtung hinlenkt zu einer karmischen Betrachtung, so muß ich mir das, was dabei wertvoll ist, etwa in der folgenden Weise vor die Seele stellen. Ich muß mir sagen, Eduard von Hartmann, der Philosoph des Unbewußten, hat eigentlich in einer zunächst explosiven Art in der Philosophie gewirkt. Es ist ja wirklich so: Solch ein explosives Wirken auf geistigem Gebiete ist von den Menschen des 19. Jahrhunderts — verzeihen Sie, wenn ich kritisiere, aber die Sache ist nicht so schlimm gemeint — mit einem großen Phlegma aufgenommen worden. Die Menschen des 19. Jahrhunderts, natürlich auch des angebrochenen 20. Jahrhunderts, sind ja nicht aus ihrem Phlegma herauszubringen in bezug auf das, was eigentlich innerlich die Welt bewegt. Enthusiasmus ist eigentlich wirklich kaum in tiefgehender Art in diesem unserem geistig so phlegmatischen Zeitalter zu finden.

[ 5 ] Decades ago, the philosopher Eduard von Hartmann was an extraordinarily interesting figure to me, both in terms of his inner spiritual life and his outer life. I had a deep interest in this philosopher in particular. But when I now consider his life—in a way that leads to a karmic perspective—I must present to my soul what is valuable in this regard in roughly the following manner. I must tell myself that Eduard von Hartmann, the philosopher of the unconscious, actually made an impact on philosophy in a manner that was, at first, explosive. It is indeed true that such an explosive influence in the spiritual realm was met with great apathy by the people of the 19th century—please forgive me if I sound critical, but I do not mean it in a negative way. The people of the 19th century—and, of course, those of the dawning 20th century as well—simply cannot be roused from their apathy when it comes to what actually stirs the world from within. Enthusiasm is, in fact, scarcely to be found in any profound sense in this age of ours, which is so intellectually apathetic.

[ 6 ] Ich mußte zum Beispiel eine historische Tatsache in einer anderen Vortragsserie in diesen Zeiten einmal schildern: den Zusammenstoß der römischen Welt mit der nördlichen germanischen Welt zur Zeit der Völkerwanderung, zur Zeit, als das Christentum nach dem Norden sich ausgebreitet hat von den südlichen, griechisch-lateinischen Gegenden her. Man muß diese physischen Vorfahren der mitteleuropäischen Welt und der südeuropäischen Welt nur richtig vor sich haben, dann bekommt man schon einen Eindruck davon, wieviel menschliche Impulsivität einmal in der Welt war. Da war es schon so, daß das Miterleben mit den geistigen Mächten der Natur ein ganz reges war unter den verschiedenen germanischen Stämmen, auf welche die Römer trafen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung. Diese Menschen haben ganz anders sich verhalten zum Geistigen. Sie waren zum großen Teile noch mit einer instinktiven Hinneigung zum Geistigen durchaus behaftet. Und während wir heute meistens mit einem Phlegmatismus reden, so daß einfach ein Wort auf das andere folgt, wie wenn das gar nichts wäre, wenn man redet, haben diese Leute dasjenige, was sie erlebt hatten, auch in die Sprache hineinergossen. Da war für diese Leute das Wehen des Windes ebenso die physische Geste einer geistigen, seelischen Äußerung, wie wenn der Mensch seinen Arm bewegt. Man nahm wahr dieses Wehen des Windes, das Flackern des Lichtes im wehenden Winde als den Ausdruck des Wodan. Und wenn man diese Tatsachen in die Sprache hineinnahm, wenn man diese Dinge in die Sprache hineinlegte, so legte man den Charakter dessen, was man erlebte, in die Sprache hinein. Wenn wir es in der modernen Sprache ausdrücken wollten: Wodan weht im Winde — ähnlich hat es ja auch in der alten Sprache geheißen, das Wehen, es ergießt sich auch durch die Sprache —, nehmen Sie dieses Miterleben, das bis in die Sprache hinein erzittert und hineinwallt! Wenn dann der Mensch hinaufschaut, den Donner gewahr wird, der aus den Wolken erdröhnt, und hinter dieser Gebärde, hinter dieser Naturgebärde des Donners die entsprechende geistige Wesenhaftigkeit schaut und das Ganze zum Ausdrucke bringt: Donner oder Donar dröhnt im Donner — da ist in die moderne Sprache hineinergossen, was in einer ähnlichen Weise in der alten Sprache erklungen hat. Und dann, ebenso wie gefühlt haben diese Menschen in den Naturwirkungen das Geistige und es ausgedrückt haben in ihrer Sprache, so drückten sie aus, wenn sie zum Kampfe gingen, die helfende Gottheit, die in ihren Gliedern lebte, die in ihrem ganzen Gebaren lebte. Und da hatten sie ihren Schild, ihren mächtigen Schild, und da stürmten sie, könnte man sagen, die Worte hin, indem sie den Schild vorhielten. Und die ganze Tatsache dessen, daß sie, sei es einen guten, sei es einen dämonischen Geist hineinstürmten in die Sprache, die wiederum in mächtigem Anprall sich verdumpfte und erhöhte und gewaltig wurde, die drückte auch aus dasjenige, was sie wollen, im Vorstürmen: Ziu zwingt Zwist! Das hinter dem Schild gesprochen, mit all der Kampfeswut und Kampfeslust, das gab einen Sturm! Sie müssen sich das denken aus Tausenden von Kehlen auf einmal an die Schilde angesprochen. In den ersten Jahrhunderten, wo der Süden mit Mitteleuropa zusammenkam, da war nicht so sehr das, was äußerlich im Kampfe wirkte, das eigentlich Wirksame, sondern da war es dieses mächtige Gebrause, das sich entgegenstürzte den Römern. In den ersten Zeiten war es schon so, daß dann eine heillose Angst sich der von Süden herankommenden Völker bemächtigte. Die Knie zitterten vor dem «Ziu zwingt Zwist», das tausend Kehlen hinter den Schilden brüllten.

[ 6 ] For example, I once had to describe a historical fact in another lecture series during that time: the clash between the Roman world and the northern Germanic world during the Migration Period, at a time when Christianity was spreading northward from the southern, Greco-Latin regions. One need only properly visualize these physical ancestors of the Central European and Southern European worlds to get a sense of just how much human impulsiveness once existed in the world. It was indeed the case that the various Germanic tribes encountered by the Romans in the first centuries of the Christian era experienced a very lively connection with the spiritual forces of nature. These people related to the spiritual realm in a completely different way. For the most part, they were still deeply imbued with an instinctive inclination toward the spiritual. And while today we usually speak with a certain phlegmatic detachment, so that one word simply follows another as if it were nothing at all when we speak, these people poured what they had experienced right into their language. For them, the blowing of the wind was just as much a physical gesture of a spiritual, soulful expression as when a person moves his arm. They perceived this blowing of the wind, the flickering of the light in the blowing wind, as an expression of Wodan. And when they incorporated these facts into language, when they embedded these things in language, they imbued language with the character of what they had experienced. If we were to express it in modern language: Wodan blows in the wind—as it was also said in the ancient language, the blowing pours forth through language as well—take this shared experience, which trembles and surges right into the language! When a person then looks up, perceives the thunder rumbling from the clouds, and behind this gesture—behind this natural gesture of thunder—discerns the corresponding spiritual essence and gives expression to the whole: “Thunder or Donar roars in the thunder”—there, what resounded in a similar way in the ancient language has been poured into modern language. And then, just as these people sensed the spiritual in the forces of nature and expressed it in their language, so too, when they went into battle, did they express the helping deity who lived within their limbs, who lived in their very demeanor. And there they had their shield, their mighty shield, and there, one might say, they stormed forward with words, holding the shield aloft. And the very fact that they—whether a good spirit or a demonic one—rushed into the language, which in turn, in a mighty clash, grew muffled and soared and became powerful, also expressed what they intended as they charged forward: “Ziu compels strife!” Spoken from behind the shield, with all the fury and zeal of battle, it created a storm! You must imagine this coming from thousands of throats at once, addressed to the shields. In the early centuries, when the South came into contact with Central Europe, it was not so much what appeared outwardly in battle that was truly effective, but rather this mighty roar that surged against the Romans. In those early days, a hopeless fear would seize the peoples approaching from the south. Their knees trembled at the cry of “Ziu zwingt Zwist,” which a thousand throats roared from behind the shields.

[ 7 ] Und so muß man schon sagen: Gewiß, diese Menschen sind wieder da, aber sie sind phlegmatisch geworden! Gar mancher hat dazumal gebrüllt und ist heute phlegmatisch geworden, im höchsten Grade phlegmatisch geworden, hat die innere Seelenattitüde des 19. und 20. Jahrhunderts angenommen. Wenn aber die Kerle aufstehen würden, die dazumal gebrüllt haben in ihrer damaligen Seelenverfassung, so würden sie sogar ihrer heutigen Inkarnation die Zipfelmütze aufsetzen und würden sagen: Dasjenige, was da in den Menschen an Phlegmatismus ist, den man nicht aufrütteln kann, das gehört unter die Zipfelmütze, unter die Schlafmütze, das gehört eigentlich ins Bett, nicht auf den Schauplatz des menschlichen Handelns!

[ 7 ] And so one really must say: Certainly, these people are back, but they have become phlegmatic! Quite a few of them used to roar back then and have now become phlegmatic—phlegmatic to the highest degree—having adopted the inner spiritual attitude of the 19th and 20th centuries. But if those fellows were to rise up—the ones who roared back then in their state of mind at the time—they would even put a pointed cap on their present-day incarnations and say: That phlegmatic quality in people—which cannot be roused—belongs under the pointed cap, under the nightcap; it actually belongs in bed, not on the stage of human action!

[ 8 ] Ich sage das nur aus dem Grunde, weil ich damit andeuten will, wie wenig Geneigtheit vorhanden war, etwas so Explosives wie das, was Eduard von Hartmann in seiner «Philosophie des Unbewußten» gebracht hat, zum Gefühl zu bringen. Zunächst hat er natürlich davon gesprochen, daß alles, was bewußt im Menschen ist, das bewußte Denken, eine geringe Bedeutung hat gegenüber dem, was unbewußt im Menschen waltet und webt, und unbewußt in der Natur waltet und webt, was nicht durch das Bewußtsein gehoben werden kann, niemals in das Bewußtsein eindringt. Von einer hellsichtigen Imagination, Intuition, hat ja Eduard von Hartmann nichts gewußt, nicht gewußt, daß das Unbewußte eindringen kann in die menschliche Erkenntnis. So hat er eben darauf verwiesen, wie das eigentlich Wesentliche im Unbewußten bleibt. Aber gerade aus diesen Untergründen heraus war er der Anschauung, daß die Welt, auf der wir leben, die denkbar schlechteste ist. Und den Pessimismus hat er weitergetrieben als Schopenhauer, und er hat gefunden, daß eigentlich der Gipfel der Kulturentwickelung darin bestehen müßte, diese ganze Erdenevolution eines Tages zu vernichten, so schnell als möglich sie zu vernichten. Er sagte nur, er wolle nicht darauf bestehen, daß man es schon morgen tut, weil dann nicht Zeit genug ist, all das anzuwenden, was notwendig ist, um die Erde nun wirklich so weit zu vernichten, daß keine menschliche Zivilisation, die ja nichts wert ist auf der Erde, mehr da sei. Und er träumte davon — das steht in der «Philosophie des Unbewußten» —, wie die Menschen dazu kommen werden, eine große Maschine zu erfinden, die sie tief genug in die Erde hinein versetzen können, damit diese Maschine eine mächtige Explosion hervorruft und die ganze Erde hinausexplodiert, hinaussplittert in den Weltenraum.

[ 8 ] I say this simply to illustrate how little inclination there was to grasp something as explosive as what Eduard von Hartmann presented in his Philosophy of the Unconscious. To begin with, he naturally spoke of how everything that is conscious in human beings—conscious thinking—is of little significance compared to what reigns and weaves unconsciously within human beings and unconsciously in nature—that which cannot be brought to consciousness and never penetrates into consciousness. Eduard von Hartmann knew nothing of clairvoyant imagination or intuition; he did not know that the unconscious can penetrate human cognition. Thus, he simply pointed out how what is truly essential remains in the unconscious. But it was precisely from these underlying assumptions that he arrived at the view that the world in which we live is the worst conceivable one. And he took pessimism further than Schopenhauer, concluding that the pinnacle of cultural development must actually consist in destroying this entire earthly evolution one day—destroying it as quickly as possible. He merely said that he did not want to insist that it be done tomorrow, because then there would not be enough time to implement everything necessary to truly destroy the Earth to such an extent that no human civilization—which, after all, is worthless on Earth—would remain. And he dreamed—as described in The Philosophy of the Unconscious—of how humans would come to invent a great machine that they could lower deep enough into the Earth so that this machine would cause a mighty explosion and the entire Earth would explode outward, shattering into outer space.

[ 9 ] Gewiß, es waren manche Menschen begeistert für diese «Philosophie des Unbewußten». Aber wenn sie von so etwas sprechen, dann sieht man nicht, daß sie in ihrem ganzen Menschen ergriffen sind davon. So etwas kann gesagt werden! Das ist doch etwas Mächtiges, wenn so etwas gesagt werden kann! Die Menschen sprechen das so aus, als wenn sie «ad notam» sagen würden, und das ist eben das Entsetzliche.

[ 9 ] Certainly, there were some people who were enthusiastic about this “philosophy of the unconscious.” But when they speak of such a thing, you don’t see that they are moved by it with their whole being. Something like that can be said! It is indeed something powerful when something like that can be said! People say it as if they were merely stating a fact, and that is precisely what is so appalling.

[ 10 ] Aber das trat eben auf, solch einen Philosophen gab es. Und dann betrachtete dieser Philosoph die Dinge der menschlichen Sittlichkeit auf der Erde. Und dieses Werk über die «Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins» war sogar das, was mich am tiefsten interessiert hat. Er hat dann auch ein Werk über das religiöse Bewußtsein geschrieben, hat eine Ästhetik geschrieben, hat vieles geschrieben. Und all das war zunächst gerade dann, wenn man nicht mitgehen konnte, etwas außerordentlich Interessantes.

[ 10 ] But that is exactly what happened; such a philosopher did exist. And then this philosopher examined the matters of human morality on Earth. And this work on the “Phenomenology of Moral Consciousness” was, in fact, what interested me most deeply. He also wrote a work on religious consciousness, a treatise on aesthetics, and many other works. And all of that was, at first—especially when one couldn’t quite follow along—something extraordinarily interesting.

[ 11 ] Nun kann man natürlich schon Begierde darnach haben, zu wissen, wie steht es mit dem schicksalsmäßigen Zusammenhang bei einem solchen Menschen? Da wird man vielleicht zunächst versucht sein, so recht auf seine Philosophie einzugehen. Man wird versuchen, aus den philosophischen Gedanken heraus etwas zu erraten in bezug auf seine früheren Erdenleben. Da wird man aber nichts finden. Aber es war mir doch gerade solch eine Persönlichkeit interessant, im höchsten Grade interessant.

[ 11 ] Now, of course, one might well be curious to know what the fateful connection is with such a person. At first, one might be tempted to delve deeply into his philosophy. One might try to deduce something about their past earthly lives from their philosophical ideas. But one will find nothing there. Yet it was precisely such a personality that interested me—to the highest degree.

[ 12 ] Und sehen Sie, dann, wenn man eben, ich möchte sagen, Okkultismus im Leibe hat, dann ergeben sich die Anregungen, in der richtigen Weise hinzuschauen. Und da liegt ja eine Tatsache vor: Eduard von Hartmann war zunächst Soldat, Offizier. Immer erschien im Adressenbuch Kürschner neben seinem Dr. phil. und so weiter als Angabe seiner Charakteristik auch Premierleutnant, bis zu seinem Tode. Eduard von Hartmann war preußischer Offizier zunächst, und er soll ein sehr guter Offizier gewesen sein.

[ 12 ] And you see, when one has—I would say—occultism in one’s very being, then the inspiration to look at things in the right way arises. And here we have a fact: Eduard von Hartmann was initially a soldier, an officer. In Kürschner’s address book, alongside his “Dr. phil.” and so on, “First Lieutenant” always appeared as part of his description, right up until his death. Eduard von Hartmann was initially a Prussian officer, and he is said to have been a very good officer.

[ 13 ] Sehen Sie, das erschien mir von einem Tage an in bezug auf die menschlichen Schicksalszusammenhänge viel wesentlicher als die Einzelheiten seiner Philosophie. Die Einzelheiten seiner Philosophie, nun, da hat man, nicht wahr, die Tendenz, das oder jenes anzunehmen, das oder jenes zu widerlegen. Aber das ist ja nichts so Bedeutsames; das kann jeder, der ein bißchen Philosophie gelernt hat. Da kommt auch nicht so viel Besonderes dabei heraus. Aber sich nun zu fragen: Wie kommt es, daß da ein preußischer Offizier war, der ein guter Offizier war, der sich um Philosophie während seiner Offizierszeit wenig, recht wenig gekümmert hat, sondern mehr um die Übungen mit dem Säbel gekümmert hat, wie kommt es, daß der nun gerade ein repräsentativer Philosoph seines Zeitalters wird? Und wodurch ist er das geworden?

[ 13 ] You see, from a certain point on, this struck me as far more essential—in terms of the interconnections of human destinies—than the details of his philosophy. The details of his philosophy—well, there one tends, doesn’t one, to accept this or that, to refute this or that. But that’s nothing particularly significant; anyone who has studied a little philosophy can do that. Nothing particularly special comes of it either. But to ask oneself: How is it that there was a Prussian officer—a good officer—who paid little, very little attention to philosophy during his time in the military, but was more concerned with saber drills—how is it that he, of all people, became a representative philosopher of his age? And how did he come to be that?

[ 14 ] Ja, sehen Sie, meine lieben Freunde, er ist es dadurch geworden, daß er durch einen Krankheitsfall, durch einen Erkrankungsfall ein Knieleiden bekommen hat, pensioniert werden mußte und an diesem Knieleiden nun sein ganzes späteres Leben laborierte. Er war zu Zeiten ganz am Gehen verhindert, darauf angewiesen, die Beine ausgestreckt zu halten, wenig zu gehen, zu sitzen, auf einem Sofa zu sitzen. Und da schrieb er denn, nachdem er die zeitgenössische Bildung in sich aufgenommen hatte, ein philosophisches Werk nach dem anderen. Die Hartmannsche Philosophie ist ja eine ganze Bibliothek. Er schrieb also viel.

[ 14 ] Yes, you see, my dear friends, he came to be this way because he developed a knee condition due to an illness, was forced to retire, and suffered from this knee condition for the rest of his life. At times he was completely unable to walk, forced to keep his legs stretched out, to walk very little, to sit—to sit on a sofa. And so, having absorbed the education of his time, he wrote one philosophical work after another. Hartmann’s philosophy, after all, fills an entire library. So he wrote a great deal.

[ 15 ] Mir wurde aber, indem ich die Persönlichkeit betrachtete, von einer ganz besonderen Wichtigkeit eines Tages das Knieleiden, der Eintritt des Knieleidens. Das interessierte mich viel mehr, daß der Mann in einern bestimmten Lebensalter zu einem Knieleiden gekommen ist, als mich sein transzendentaler Realismus interessierte, oder daß er sagte: Erst gab es die Religion des Vaters, dann die Religion des Sohnes, und in der Zukunft kommt die Religion des Geistes. — Das sind geistreiche Dinge, aber die sind ja mehr oder weniger im geistreichen 19. Jahrhundert auf der Straße zu finden gewesen. Aber daß einer Philosoph wird dadurch, daß er ein Knieleiden bekommt als Leutnant, das ist eine ganz bedeutende Tatsache. Und ehe man nicht auf solche Dinge zurückgehen kann, solange man sich blenden läßt durch das, was scheinbar das Hervorstechendste ist, so lange kommt man nicht auf die karmischen Zusammenhänge.

[ 15 ] But as I observed his personality, I came to realize one day the very special significance of his knee ailment—the onset of his knee ailment. I was far more interested in the fact that the man had developed a knee ailment at a certain age than I was in his transcendental realism, or in his statement: “First there was the religion of the Father, then the religion of the Son, and in the future there will be the religion of the Spirit.”—These are witty remarks, but they were more or less to be found on every street corner in the witty 19th century. But the fact that someone becomes a philosopher as a result of developing a knee ailment while serving as a lieutenant—that is a very significant fact. And as long as one cannot trace things back to such origins, as long as one allows oneself to be blinded by what appears to be the most striking aspect, one will not be able to grasp the karmic connections.

[ 16 ] Und als ich in der richtigen Weise mit der ganzen Persönlichkeit das Kniegebrechen zusammenbringen konnte, da eröffnete sich mir der Blick auf das, was an dieser Persönlichkeit eigentlich als Schicksalsgemäßes aufgetreten ist. Da konnte ich zurückgehen. Nicht vom Kopfe Eduard von Hartmanns, sondern von seinem Knie aus fand ich den Weg zu seinen früheren Inkarnationen. Bei anderen Menschen geht es von der Nase aus und so weiter. Es ist in der Regel nicht dasjenige, was man für das Erdenleben zwischen Geburt und Tod als das Wichtigste nimmt.

[ 16 ] And when I was able to correctly connect the knee ailment with the whole personality, a view opened up to me of what had actually occurred in this personality as a matter of destiny. Then I was able to go back. It was not from Eduard von Hartmann’s head, but from his knee that I found the path to his earlier incarnations. With other people, it starts with the nose, and so on. As a rule, it is not what one considers most important for earthly life between birth and death.

[ 17 ] Nun, wie ist dieser Zusammenhang? Sehen Sie, der Mensch, wie er sich im Erdenleben darstellt, ist ja eigentlich auch schon als physisches Wesen, ich habe wiederholt darauf aufmerksam gemacht, eine dreigliedrige Wesenheit. Er hat seine Nerven-Sinnesorganisation, die hauptsächlich im Kopfe, im Haupte konzentriert ist, die sich aber über den ganzen Menschen erstreckt. Er hat seine rhythmische Organisation, die insbesondere deutlich als Rhythmus der Atmung, als Blutzirkulation herauskommt, die aber sich wiederum über den ganzen Menschen erstreckt und in allem sich ausdrückt, und er hat seine motorische, mit dem Stoffwechsel zusammenhängende Gliedmaßenorganisation, die mit dem Verbrauch des Stoffwechsels, mit dem Ersatz der Stoffe und so weiter zusammenhängt. Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen.

[ 17 ] Well, what is this connection? You see, the human being, as he presents himself in earthly life, is in fact—as I have repeatedly pointed out—already a threefold being, even as a physical being. He has his nervous-sensory system, which is concentrated mainly in the head but extends throughout the entire human being. They have their rhythmic system, which manifests particularly clearly as the rhythm of breathing and blood circulation, but which in turn extends throughout the entire human being and expresses itself in everything; and they have their motor system—the system of the limbs, which is connected to metabolism—that is related to metabolic consumption, the replenishment of substances, and so on. The human being is a threefold being.

[ 18 ] Und dann wird man mit Bezug auf den ganzen Lebenszusammenhang gewahr: im Durchgehen durch Geburten und Tode ist dasjenige, was man jeweilig im Erdenleben als das Wichtigste hält, der Kopf, von einer verhältnismäßig geringen Bedeutung bald nach dem Tode. Der Kopf, der im Physischen das Menschlichste am Menschen ist, erschöpft ja auch im Physischen seine Wesenheit ganz stark; während für die übrige Organisation des Menschen, die im Physischen minderwertig ist, gerade im Geistigen das Höhere da ist. Im Kopf ist der Mensch am meisten physischer Mensch und am wenigsten geistiger Mensch. Dagegen ist er in den anderen Gliedern seiner Organisation, in der rhythmischen und in der Gliedmaßenorganisation, geistiger. Am geistigsten ist der Mensch in dem Motorischen, in der Tätigkeit seiner Glieder.

[ 18 ] And then, when considering the whole context of life, one realizes: in the cycle of births and deaths, what one regards as most important in each earthly life—the head—is of relatively little significance soon after death. The head, which in the physical realm is the most human part of a person, also exhausts its essence quite completely in the physical realm; whereas for the rest of the human organism—which is inferior in the physical realm—the higher aspect lies precisely in the spiritual realm. In the head, the human being is most physical and least spiritual. In contrast, the human being is more spiritual in the other parts of their organism—in the rhythmic system and in the limb system. The human being is most spiritual in the motor system, in the activity of their limbs.

[ 19 ] Und nun ist es so, daß dasjenige, was im Menschen Kopfbegabung ist, verhältnismäßig bald nach dem Tode sich verliert. Dagegen das, was im Unbewußten an Geistig-Seelischem den unteren Organisationen angehört, das wird besonders wichtig zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Aber während es im allgemeinen so ist, daß von einem Erdenleben ins nächste Erdenleben hinein die außer dem Kopf befindliche Organisation ihrer Gestalt nach, ihrem geistigen Inhalt nach gerade zum Kopfe der nächsten Inkarnation wird, wirkt allerdings das, was im Kopfe des Menschen willenhaft ist, in der nächsten Inkarnation besonders in die Gliedmaßen hinein. Wer in einer Inkarnation träge in seinem Denken ist, der wird ganz gewiß in der nächsten Inkarnation kein Schnelläufer, sondern das Träge des Denkens geht in die Langsamkeit der Gliedmaßen hinein, wie umgekehrt die Langsamkeit der Gliedmaßen der gegenwärtigen Inkarnation sich in dem trägen, langsamen Denken der nächsten Inkarnation zum Ausdruck bringt.

[ 19 ] And now it is the case that what constitutes a person’s intellectual gifts is lost relatively soon after death. In contrast, that part of the spiritual-soul life in the unconscious which belongs to the lower organizations becomes particularly important between death and a new birth. But while it is generally the case that, from one earthly life into the next, the organization located outside the head—in terms of its form and spiritual content—becomes the head of the next incarnation, what is volitional in the human head does indeed affect the limbs in particular in the next incarnation. Whoever is sluggish in thought in one incarnation will certainly not become a sprinter in the next; rather, the sluggishness of thought is transferred into the slowness of the limbs, just as, conversely, the slowness of the limbs in the present incarnation finds expression in the sluggish, slow thinking of the next incarnation.

[ 20 ] So besteht eine Metamorphose, eine Wechselwirkung der drei verschiedenen Gliederungen der menschlichen Wesenheit von einem Erdenleben in das andere hinüber, von einer Inkarnation in die andere hinüber.

[ 20 ] Thus there is a metamorphosis, an interaction between the three different aspects of the human being as it passes from one earthly life to the next, from one incarnation to the next.

[ 21 ] Das, was ich Ihnen da sage, das sage ich Ihnen nicht als eine Theorie, sondern ich sage es aus den Tatsachen des Lebens heraus. Sehen Sie, als einmal, ich möchte sagen, diese Intention da war, bei Eduard von Hartmann besonders auf das Knieleiden zu sehen, da wurde ich auf seine frühere Inkarnation hingelenkt, in der er in einem bestimmten Lebensaugenblicke eine Art Sonnenstich erhalten hatte. Dieser Sonnenstich, der war zunächst die schicksalsmäßige Veranlassung in dem nächsten Erdenleben, metamorphosisch sich in der Gebrechlichkeit des Knies zum Ausdrucke zu bringen, war also ein Kopfgebrechen. Er konnte eines Tages nicht mehr denken; er hatte eine Art Lähmung des Gehirnes. Das kam in der nächsten Inkarnation in einer Lähmung eines der Gliedmaßen zum Vorschein. Und dieses Schicksalsmäßige, zu einer Gehirnlähmung zu kommen, das ergab sich durch das Folgende: Diese Individualität war ja eine derjenigen, die mitzogen während der Kreuzzüge nach dem Oriente und in Asien drüben gegen die Türken und gegen die Asiaten kämpften, die Asiaten aber zugleich ungeheuer bewundern lernten. Nachdem diese Individualität alles in Bewunderung aufgenommen hatte, was da den Kreuzfahrern entgegentrat an großartiger Geistigkeit im Orient, nachdem diese Individualität das alles aufgenommen hatte, wurde sie eines Menschen gewahr, von dem sie instinktiv fühlte, sie habe mit ihm in einem wieder früheren Leben etwas zu tun gehabt. Und was jetzt zwischen dieser und der früheren Inkarnation abzumachen war, das war das Moralische. Das Hinüberwirken des Sonnenstiches in das Knieleiden zwischen den zwei Inkarnationen scheint ja zunächst etwas bloß Physisches zu sein; es führt aber immer, wenn es sich um Schicksalsmäßiges handelt, die Sache auf etwas Moralisches zurück, hier auf die Tatsache, daß aus einer noch früheren Inkarnation diese Individualität den Impuls eines starken, wütenden Kampfes gegen einen Menschen in sich trug, dem sie da entgegentrat. Und in glühender Sonnenhitze wurde die Verfolgung dieses Gegners aufgenommen. Sie war ungerecht. Sie fiel auf die Individualität, die verfolgte, selbst zurück, indem durch das glühende Sonnenlicht das Gehirn gelähmt wurde. Und dasjenige, was da geschehen sollte in diesem Kampfe, das war davon hergekommen, meine lieben Freunde, daß in einer früheren Inkarnation diese Individualität besonders klug war, im höchsten Grade klug war. Jetzt hatte man einen Einblick in eine noch frühere Inkarnation, wo eine besondere Klugheit vorlag. Und der Gegner, dem diese Individualität während der Kreuzzüge entgegengetreten war, dieser Gegner war in einer früheren Inkarnation von dieser klugen Individualität in die Enge getrieben worden, zum Nachteile gekommen. Dadurch war der moralische Zusammenhang gegeben, dadurch war der Impuls zum Kampf gegeben und so weiter. Da ging es dann auf das Moralische zurück, indem die Kräfte, die sich da ausbildeten, eben auf die frühere Inkarnation zurückgingen.

[ 21 ] What I am telling you here, I am not telling you as a theory, but rather based on the facts of life. You see, once—I would say—when there was this intention to focus particularly on Eduard von Hartmann’s knee ailment, I was drawn to his earlier incarnation, in which he had suffered a sort of sunstroke at a certain moment in his life. This sunstroke—which was initially the fateful cause that, in the next earthly life, manifested itself metamorphically as weakness in the knee—was, in other words, a mental breakdown. One day he could no longer think; he had a kind of paralysis of the brain. This manifested itself in the next incarnation as paralysis of one of his limbs. And this fateful outcome—developing cerebral paralysis—arose from the following: This individual was, after all, one of those who joined the Crusades to the East and fought in Asia against the Turks and the Asians, yet at the same time came to admire the Asians immensely. After this individual had absorbed with admiration all the magnificent spirituality in the Orient that the Crusaders encountered—after this individual had taken all of this in—he became aware of a person with whom he instinctively felt he had had some connection in an earlier life. And what now had to be settled between this incarnation and the earlier one was a moral matter. The carryover of the sunstroke into the knee ailment between the two incarnations seems at first to be merely a physical matter; but whenever fate is involved, it always traces the matter back to a moral cause—in this case, to the fact that from an even earlier incarnation, this individuality carried within itself the impulse of a fierce, furious struggle against a person whom it now encountered. And in the blazing heat of the sun, the pursuit of this adversary began. It was unjust. It backfired on the individual who was doing the pursuing, as the blazing sunlight paralyzed the brain. And what was to happen in that struggle, my dear friends, stemmed from the fact that in an earlier incarnation this individual had been particularly wise—wise to the highest degree. Now one gained insight into an even earlier incarnation, in which a special intelligence had been present. And the adversary whom this individuality had confronted during the Crusades—this adversary had, in an earlier incarnation, been cornered by this intelligent individuality and had suffered a setback. This established the moral connection; this provided the impulse for the battle, and so on. It then came down to the moral aspect, in that the forces that developed there were rooted in that earlier incarnation.

[ 22 ] So daß man drei aufeinanderfolgende Inkarnationen einer Individualität findet: Eine außerordentlich gescheite, kluge Persönlichkeit in sehr alten Zeiten — die eine Inkarnation. Darauf folgend ein Kreuzfahrer, der in einem bestimmten Zeitpunkte, bewirkt durch das, was gerade seine Klugheit verbrochen hatte, eine Gehirnläihmung bekommt, die Klugheit ausgelöscht wird, nachdem aber vorher diese Klugheit eine ungeheure Bewunderung orientalischer Zivilisation aufgenommen hatte. Dritte Inkarnation: ein preußischer Offizier, der durch ein Knieleiden den Abschied nehmen muß, jetzt nicht weiß, was er tun soll, sich auf die Philosophie schlägt und die eindrucksvollste, ganz aus der Zivilisation der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgewachsene «Philosophie des Unbewußten» schreibt.

[ 22 ] Thus, one finds three successive incarnations of a single individuality: an extraordinarily intelligent, wise personality in very ancient times—that is one incarnation. Followed by a crusader who, at a certain point in time—as a result of what his very intelligence had brought about—suffers a cerebral paralysis, and his intelligence is extinguished, even though this intelligence had previously inspired immense admiration for Eastern civilization. Third incarnation: a Prussian officer who, due to a knee ailment, is forced to retire; now unsure of what to do, he turns to philosophy and writes the most impressive “Philosophy of the Unconscious,” which grew entirely out of the civilization of the second half of the 19th century.

[ 23 ] Nun, hat man einen solchen Zusammenhang, dann werden plötzlich Dinge licht, die vorher ganz dunkel waren. Denn sehen Sie, ich hatte immer, als ich Hartmann las, ohne daß ich diese Zusammenhänge als junger Mann wußte, das Gefühl: Ja, da ist was Gescheites drinnen. — Aber wenn ich eine Seite las: Ja, da ist was furchtbar Gescheites, aber das Gescheite ist nicht auf dieser Seite. Ich wollte immer umblättern und auf der Rückseite schauen, ob da das Gescheite ist. Es war das Gescheite nicht von heute, es war das Gescheite von gestern oder vorgestern.

[ 23 ] Well, once you have that kind of connection, things that were completely obscure before suddenly become clear. You see, whenever I read Hartmann—even though I wasn’t aware of these connections as a young man—I always had the feeling: Yes, there’s something clever in there. — But when I read a page, I’d think: “Yes, there’s something incredibly insightful here, but the insight isn’t on this page.” I always wanted to turn the page and look on the back to see if that’s where the insight was. It wasn’t the insight of today; it was the insight of yesterday or the day before.

[ 24 ] Darüber breitete sich mir erst Licht, als ich sah: diese Gescheitheit, die besondere Klugheit, die liegt ja schon zwei Inkarnationen zurück und wirkt nach. Da fällt erst ein ungeheures Licht auf diese ganze Literatur, auf diese Hartmann-Literatur, die eine Bibliothek anfüllt, wenn man weiß: da wirkt aus einer viel früheren Inkarnation die Klugheit nach.

[ 24 ] It only dawned on me when I realized: this intelligence, this particular wisdom, dates back two incarnations and continues to have an effect. Only then does an immense light shine upon this entire body of literature—this Hartmann literature, which fills an entire library—when one realizes that the wisdom from a much earlier incarnation continues to have an effect.

[ 25 ] Und wenn man Hartmann persönlich kennenlernte, mit ihm sprach, so hatte man wirklich auch das Gefühl: dahinter ist erst einer, der redet noch immer nicht; aber dann ist ein Dritter dahinter, der liefert eigentlich die Inspirationen. Denn es war beim Hören manchmal zum Verzweifeln: da redete ein Offizier Philosophie, ohne Begeisterung, gleichgültig, mit einem gewissen Rauhton, über die höchsten Wahrheiten. Dann erst konnte man merken, wie sich die Dinge eigentlich verhalten, wenn man wußte: da steht die Klugheit von zwei Inkarnationen vorher dahinter.

[ 25 ] And when you got to know Hartmann personally, when you spoke with him, you really did get the feeling: behind him is someone who still isn’t speaking; but then there’s a third person behind him who is actually providing the inspiration. For listening to him was sometimes enough to drive one to despair: there was an officer speaking about philosophy—without enthusiasm, indifferently, with a certain harshness—about the highest truths. Only then could one realize how things actually stand, when one knew: behind him lies the wisdom of two previous incarnations.

[ 26 ] Gewiß, es sieht sogar pietätlos aus, wenn man solche Dinge so erzählt, aber sie sind nicht pietätlos gemeint, sondern ich bin der Überzeugung, daß es für jeden Menschen selbst ganz wertvoll sein kann, solche Zusammenhänge für sein eigenes Leben zu haben, selbst für den Fall, daß sich irgendeiner sagen muß: In meiner drittletzten Inkarnation war ich eigentlich ein ganz gewaltig schlechter Kerl! — Es kann das ungeheuer förderlich sein für das Leben, wenn sich einer sagen kann: Ich war ein gewaltig schlechter Kerl. — Einmal in irgendeiner Inkarnation, ja, nicht einmal in irgendeiner Inkarnation, war man nämlich wirklich unter allen Umständen ein gewaltig schlechter Kerl! Bei diesen Dingen, sehen Sie, sind ja immer, wie auch sonst in der Gesellschaft die Anwesenden ausgenommen sind, die gegenwärtigen Inkarnationen ausgenommen.

[ 26 ] Certainly, it may even seem irreverent to tell such things this way, but they are not meant to be irreverent; rather, I am convinced that it can be very valuable for every person to have such connections in their own life, even in the event that someone has to say to themselves: In my third-to-last incarnation, I was actually a truly terrible person! — It can be immensely beneficial for one’s life if one can say to oneself: I was a truly terrible person. — Once, in some incarnation—no, not even in some incarnation—one was, in fact, a truly terrible person under all circumstances! With these matters, you see, as is usually the case in society—with the exception of those present—the current incarnations are always excluded.



[ 27 ] Nun, ganz intensiv interessierte mich auch, weil ich wirklich durch mein Leben an diese Persönlichkeit herangeführt worden bin, der schicksalsmäßige Zusammenhang bei Friedrich Nietzsche. Das Problem Nietzsche, ich habe es von allen Seiten betrachtet; ich habe ja manches geschrieben und gesprochen über Nietzsche und von allen Seiten diesen Friedrich Nietzsche betrachtet.

[ 27 ] Well, I was also deeply interested—because my life has truly led me to this figure—in the fateful connection with Friedrich Nietzsche. The problem of Nietzsche: I have examined it from every angle; I have, after all, written and spoken quite a bit about Nietzsche and considered this Friedrich Nietzsche from every perspective.

[ 28 ] Es war ja ein merkwürdiges Schicksal. Im Leben habe ich ihn nur ein einziges Mal gesehen, in den neunziger Jahren in Naumburg, als er schon schwer geisteskrank war. Nachmittags, etwa halb drei Uhr, führte mich die Schwester in sein Zimmer. Er lag auf dem Ruhebette, mit einem Auge, das nicht gewahr werden konnte, daß man vor ihm stand, teilnahmslos; mit jener merkwürdigen, künstlerisch so schön geformten Stirn, die einem ganz besonders auffiel. Trotzdem das Auge teilnahmslos war, hatte man dennoch das Gefühl, nicht einen Wahnsinnigen vor sich zu haben, sondern einen Menschen, der den ganzen Vormittag intensiv in seiner Seele geistig gearbeitet hat, Mittag gegessen hat und sich nun ausruhend hingelegt hat, um zu sinnen, halb träumend zu sinnen über das, was am Vormittag in der Seele erarbeitet worden ist. Geistig gesehen, war da eigentlich ein physischer und ein Ätherleib, namentlich in bezug auf die oberen Partien des Menschen, denn das Seelisch-Geistige war eigentlich schon heraußen, es hing nur noch wie an einem dicken Faden an dem Körper. Es war im Grunde genommen schon eine Art Tod vorangegangen, aber ein Tod, der nicht völlig eintreten konnte, weil die physische Organisation eine so gesunde war, daß der entfliehen wollende Astralleib und das entfliehen wollende Ich eben immer noch gehalten wurden von der ungeheuer gesunden Stoffwechsel- und rhythmischen Organisation bei einem völlig zerstörten Nerven-Sinnessystem, das gar nicht mehr halten konnte den astralischen Leib und das Ich. So daß man den wunderbaren Eindruck hatte: da schwebt eigentlich der wirkliche Nietzsche über seinem Haupte. Da war er. Und da unten war schon etwas, das von der Seele aus Leichnam hätte sein können und nur nicht Leichnam war, weil es noch mit aller Gewalt festhielt an der Seele, aber nur für die unteren Partien des Menschen durch die außerordentlich gesunde Stoffwechselund rhythmische Organisation.

[ 28 ] It was, after all, a strange twist of fate. I saw him only once in my life, in the 1890s in Naumburg, when he was already severely mentally ill. In the afternoon, around half past two, the nurse led me into his room. He was lying on the reclining bed, impassive, with one eye that was unable to perceive that someone was standing before him; with that remarkable, artistically beautiful forehead that was particularly striking. Even though his eye was unresponsive, one still had the feeling that one was not standing before a madman, but rather a human being who had been working intensely in his soul all morning, had eaten lunch, and had now lain down to rest—to reflect, half-dreaming, on what had been worked out in his soul that morning. From a spiritual perspective, there was actually a physical body and an etheric body, particularly with regard to the upper parts of the human being, for the soul-spiritual aspect was in fact already outside; it was still suspended from the body as if by a thick thread. In essence, a kind of death had already taken place, but a death that could not fully take hold because the physical constitution was so healthy that the astral body and the “I,” which were striving to escape, were still being held in place by the immensely healthy metabolic and rhythmic organization—even as the nervous-sensory system lay completely destroyed and could no longer sustain the astral body and the “I.” So one had the wondrous impression: the real Nietzsche is actually hovering above his head. There he was. And down below was already something that, from the soul’s perspective, could have been a corpse—and was not a corpse only because it was still clinging with all its might to the soul, but only for the lower parts of the human being, thanks to the extraordinarily healthy metabolic and rhythmic organization.

[ 29 ] Es kann schon für die schicksalsmäßigen Zusammenhänge im tiefsten Sinne die Aufmerksamkeit erregen, wenn man so etwas sieht. Da allerdings wurde in die schicksalsmäßigen Zusammenhänge, ich möchte sagen, mit einem anderen Lichte hineingeleuchtet. Da konnte man nicht ausgehen von irgendeinem einzelnen leidenden Gliede oder dergleichen, sondern man wurde jetzt wiederum zurückgeführt auf die ganze geistige Individualität Friedrich Nietzsches.

[ 29 ] Seeing something like this can certainly draw one’s attention to the fateful connections in the deepest sense. However, in this case, these fateful connections were illuminated—I would say—in a different light. One could not proceed from any single suffering aspect or the like, but was instead led back to the whole spiritual individuality of Friedrich Nietzsche.

[ 30 ] In diesem Nietzsche-Leben sind ja drei streng voneinander zu scheidende Perioden vorhanden. Die erste Periode beginnt, als er als ganz junger Mensch seine «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» schrieb, begeistert über den Aufgang der Musik aus dem griechischen Mysterienwesen, die Tragödie dann wiederum aus dem Musikalischen herausleitend. Dann aus derselben Stimmung heraus die vier folgenden Schriften: «David Friedrich Strauß der Bekenner und der Schriftsteller», «Schopenhauer als Erzieher», «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», «Richard Wagner in Bayreuth». Das ist im Jahr 1876 — 1871 ist die Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» geschrieben —: «Richard Wagner in Bayreuth», ein begeisterter Hymnus auf Richard Wagner, tatsächlich vielleicht die beste Schrift, die von einem Anhänger Richard Wagners geschrieben worden ist.

[ 30 ] In this biography of Nietzsche, there are, in fact, three distinct periods that must be clearly separated from one another. The first period begins when, as a very young man, he wrote The Birth of Tragedy from the Spirit of Music, inspired by the emergence of music from the Greek mystery cults, and then deriving tragedy from music itself. Then, stemming from the same mood, came the following four works: David Friedrich Strauss: The Confessor and the Writer, Schopenhauer as Educator, On the Use and Abuse of History for Life, and Richard Wagner in Bayreuth. This was in 1876—The Birth of Tragedy from the Spirit of Music was written in 1871—Richard Wagner in Bayreuth, an enthusiastic hymn to Richard Wagner, is in fact perhaps the best work ever written by a follower of Richard Wagner.

[ 31 ] Eine zweite Epoche bei Nietzsche beginnt. Er schreibt seine Bücher «Menschliches, Allzumenschliches» in zwei Bänden, die Schrift «Morgenröte» und die Schrift «Die fröhliche Wissenschaft».

[ 31 ] A second phase in Nietzsche’s life begins. He writes his two-volume work Human, All Too Human, as well as the treatises Dawn and The Gay Science.

[ 32 ] Nietzsche, der in den ersten Schriften bis zum Jahre 1876 im höchsten Sinne Idealist war, alles zum Ideal hinaufheben wollte, er sagt allem Idealismus adieu in dieser zweiten Epoche seines Lebens. Er macht sich lustig über die Ideale. Er macht sich klar: Wenn die Menschen sich Ideale vorsetzen, so ist es, weil sie im Leben schwach sind. Wenn einer im Leben nichts kann, sagt er, das Leben ist nichts wert, man muß einem Ideal nachjagen. Und so nimmt Nietzsche die einzelnen Ideale aufs Korn, legt sie, wie er sagt, aufs Eis, indem er dasjenige, was das Göttliche in der Natur darstellt, als ein Allzumenschliches, gerade Kleinliches auffaßt. Da ist Nietzsche Voltairianer, er widmete auch eine Schrift Voltaire. Da ist Nietzsche ganz Rationalist, Intellektualist. Und das dauert etwa bis zum Jahre 1882/1883. Dann beginnt die letzte Epoche seines Lebens, wo er Ideen ausbildet wie die von der Wiederkunft des Gleichen, wo er den Zarathustra wie ein Ideal des Menschen ausbildet. Da schreibt er dann sein «Also sprach Zarathustra» im hymnischen Stil.

[ 32 ] Nietzsche, who in his early writings up to 1876 was an idealist in the highest sense—wishing to elevate everything to the level of an ideal—bids farewell to all idealism in this second phase of his life. He mocks ideals. He realizes: When people set ideals for themselves, it is because they are weak in life. If someone can’t accomplish anything in life, he says, life is worthless; one must pursue an ideal. And so Nietzsche takes aim at individual ideals, putting them, as he says, “on ice,” by interpreting that which represents the divine in nature as something all-too-human, even petty. In this respect, Nietzsche is a Voltairean; he even dedicated a work to Voltaire. Here, Nietzsche is a thoroughgoing rationalist and intellectualist. And this phase lasts roughly until the years 1882–1883. Then begins the final phase of his life, in which he develops ideas such as the return of the same, and in which he shapes Zarathustra as an ideal of humanity. It is then that he writes Thus Spoke Zarathustra in a hymnal style.

[ 33 ] Da nimmt er seine Aufzeichnungen über Wagner wieder hervor. Es ist ja etwas höchst Merkwürdiges! Hat man so die Arbeitsweise Nietzsches kennengelernt, dann stellt sich diese in merkwürdiger Art dar. Lesen Sie heute die Schrift «Richard Wagner in Bayreuth»: es ist ein begeisterter Hymnus, großartig, genial begeisternd für Richard Wagner. In der letzten Epoche erscheint das Buch «Der Fall Wagner»: alles, was nur gegen Wagner gesagt werden kann, steht in dieser Schrift.

[ 33 ] There he takes out his notes on Wagner again. It is, after all, something most peculiar! Once one has become familiar with Nietzsche’s working methods, they present themselves in a strange light. Read the essay “Richard Wagner in Bayreuth” today: it is an enthusiastic hymn, magnificent and brilliantly inspiring, in praise of Richard Wagner. In his later years, the book The Case of Wagner appears: everything that could possibly be said against Wagner is contained in this work.

[ 34 ] Man sagt, wenn man trivial sein will: Nietzsche hat eben umgesattelt, hat seine Ansicht geändert. Wer den Bestand der Nietzscheschen Manuskripte kennengelernt hat, der sagt nicht so. Denn wenn Nietzsche ein paar Seiten in seinem Buch «Richard Wagner in Bayreuth» als begeisterten Hymnus über Wagner hingeschrieben hat, so hat er all das, was er dagegen gehabt hat — gegen das, was er selber gesagt hat —, so hat er das auch gleich hingeschrieben. Dann hat er wiederum einen begeisterten Hymnus geschrieben, und wiederum, was er dagegen gehabt hat, geschrieben. Es war der ganze «Fall Wagner» eigentlich schon 1876 geschrieben. Er hat ihn nur noch zurückgelegt, hat ihn ausgeschaltet und hat nur dasjenige gedruckt, was sein begeisterter Hymnus war. Er hat sozusagen nur seine alten Aufzeichnungen vorgenommen und sie mit einigen scharfen Sätzen durchsetzt.

[ 34 ] People say, if they want to be trite: Nietzsche simply changed his tune; he changed his mind. Anyone familiar with Nietzsche’s manuscripts wouldn’t say that. For if Nietzsche wrote a few pages in his book Richard Wagner in Bayreuth as an enthusiastic hymn to Wagner, he also immediately wrote down everything he had against it—contrary to what he himself had said. Then he would write another enthusiastic ode, and again, he would write down what he objected to. The entire “Wagner Affair” had actually already been written as early as 1876. He simply set it aside, suppressed it, and printed only what constituted his enthusiastic ode. He, so to speak, merely took his old notes and interspersed them with a few sharp sentences.

[ 35 ] Aber er hatte doch eben die Tendenz, in diesem letzten Abschnitt seines Lebens gegen dasjenige anzustürmen, wogegen er in der ersten Epoche seines Lebens das Anstürmen sozusagen zurückgelegt hat. Wahrscheinlich, wenn die Manuskripte, die er zurückgelegt hat, als nicht recht hinzustimmend zur Schrift «Richard Wagner in Bayreuth», durch eine Feuersbrunst zugrunde gegangen wären, so hätte man keinen «Fall Wagner».

[ 35 ] But he did, after all, have a tendency in this final phase of his life to rail against precisely what he had, so to speak, set aside in the early period of his life. It is likely that if the manuscripts he had set aside—deemed not quite in keeping with the book Richard Wagner in Bayreuth—had been destroyed in a fire, there would have been no “Wagner Affair.”

[ 36 ] Sehen Sie, wenn man diese drei Epochen verfolgt, so sind sie alle wiederum durchzogen von einem einheitlichen Charakter. Und selbst die letzte Schrift, also wenigstens die gedruckte letzte Schrift, «GötzenDämmerung, oder: Wie man mit dem Hammer philosophiert», wo alles, ich möchte sagen, von seiner anderen Seite gezeigt wird, selbst diese letzte Schrift trägt etwas von dem Grundcharakter der ganzen Nietzscheschen Geistigkeit. Nur wird Nietzsche da, wo er wirklich das auch schreibt, im Alter — imaginativ, anschaulich. Zum Beispiel, er will Michelet, den französischen Schriftsteller Michelet charakterisieren. Es ist eine treffende Charakteristik, die er gibt: die Begeisterung, die sich den Rock auszieht, während sie begeistert ist. Es ist ganz ausgezeichnet von einer gewissen Seite Michelet erfaßt. Ähnliche solche Dinge sind da in dieser «Götzen-Dämmerung» — anschaulich.

[ 36 ] You see, if one traces these three epochs, they are all, in turn, permeated by a unifying character. And even the last work—that is, at least the last printed work, The Twilight of the Idols, or: How to Philosophize with a Hammer—where everything, I would say, is shown from its other side, even this last work bears something of the fundamental character of Nietzsche’s entire intellectual world. It’s just that Nietzsche, in his old age—when he actually writes this—becomes imaginative and vivid. For example, he wants to characterize Michelet, the French writer Michelet. The characterization he offers is apt: enthusiasm that takes off its coat while it is still enthusiastic. It captures a certain aspect of Michelet quite excellently. Similar things like this are found in this Twilight of the Idols—vividly.

[ 37 ] Nun, hat man einmal dieses furchtbar erschütternde Bild des Schwebens der Nietzsche-Individualität über der Körperlichkeit, so wird man dazu gedrängt, jetzt sich den Schriften gegenüber zu sagen: Ja, eigentlich machen sie den Eindruck, wie wenn Nietzsche nie ganz mit seiner menschlichen Körperlichkeit dabeigewesen wäre, als er seine Sätze hingeschrieben hat, wie wenn er immer — er hat ja nicht im Sitzen, er hat im Gehen, namentlich im Fußwandern geschrieben etwas aus seinem Leibe heraus gewesen wäre. Am stärksten werden Sie diesen Eindruck haben bei gewissen Partien des vierten Teiles von «Also sprach Zarathustra», wo Sie direkt das Gefühl haben werden: das schreibt man nicht, wenn der Körper reguliert, das schreibt man nur, wenn der Körper nicht mehr reguliert, sondern wenn man mit dem Seelischen außerhalb des Körpers ist.

[ 37 ] Well, once one has this terribly unsettling image of Nietzsche’s individuality hovering above his physicality, one is compelled to say to oneself, looking at his writings: Yes, they actually give the impression that Nietzsche was never fully present in his human physicality when he wrote his sentences, as if he had always—for he did not write while sitting, but while walking, especially while hiking—been somehow outside his own body. You will have this impression most strongly in certain passages of the fourth part of Thus Spoke Zarathustra, where you will have the direct feeling: one does not write this when the body is in control; one writes this only when the body is no longer in control, but when one is with the soul outside the body.

[ 38 ] Man hat das Gefühl, daß im geistigen Produzieren Nietzsche seinen Leib immer zurückläßt. Und das lag schließlich auch in seinen Lebensgewohnheiten. Er nahm insbesondere gern Chloral, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen, eine Stimmung, die unabhängig vom Körperlichen ist. Gewiß, es wurde ja auch diese Sehnsucht, in der Seelenstimmung unabhängig vom Körperlichen zu werden, dadurch veranlaßt, daß das Körperliche vielfach krank war, daß zum Beispiel ein immer sehr langdauernder Kopfschmerz vorhanden war und dergleichen.

[ 38 ] One gets the feeling that, in his intellectual work, Nietzsche always left his body behind. And this was ultimately reflected in his lifestyle as well. In particular, he liked to take chloral to put himself in a certain frame of mind—a frame of mind independent of the physical. Certainly, this longing to become, in his state of mind, independent of the physical was also prompted by the fact that his body was often ill—for example, he suffered from a persistent headache and the like.

[ 39 ] Aber all das gibt ein einheitliches Bild Nietzsches in der NietzscheInkarnation am Ende des 19. Jahrhunderts, die dann zum Wahnsinn führte, so daß er überhaupt nicht mehr wußte zuletzt, wer er war. Denn es gibt Briefe an Georg Brandes, wo sich Nietzsche unterschreibt entweder: «Der Gekreuzigte» — das heißt, er sieht sich für den Gekreuzigten an —, oder er schaut auf sich selber hin wie auf einen objektiv außer ihm befindlichen Menschen, findet sich einen Gott, der am Po spazierengeht, und unterschreibt sich «Dionysos». Dieses Getrenntsein vom Körper, wenn geistig produziert wird, das ergibt sich dann als etwas, was für diese Persönlichkeit, für diese Inkarnation dieser Individualität ganz besonders charakteristisch ist.

[ 39 ] But all of this paints a consistent picture of Nietzsche in his late-19th-century incarnation, which ultimately led to madness, so that in the end he no longer knew who he was at all. For there are letters to Georg Brandes in which Nietzsche signs himself either “The Crucified One”—that is, he regards himself as the Crucified One—or he looks at himself as if he were a person objectively separate from himself, imagines himself as a god strolling along the Po River, and signs himself “Dionysus.” This separation from the body, when produced mentally, then emerges as something that is particularly characteristic of this personality, of this incarnation of this individuality.

[ 40 ] Und durchdringt man sich nun mit diesem imaginativ-innerlich, dann wird man zurückgeführt in eine gar nicht sehr weit zurückliegende Inkarnation. Es ist ja das Eigentümliche bei vielen solchen Persönlichkeiten, die gerade repräsentativ auftreten, daß ihre Inkarnationen in der Regel nicht weit zurückliegen, sondern verhältnismäßig wenig weit gerade in der neueren Zeit zurückliegen. Und siehe da, man kommt in ein Dasein Nietzsches, wo diese Individualität Franziskaner war, ein asketischer Franziskaner, der ganz intensiv Selbstpeinigung des Körpers trieb. Jetzt hat man das Rätsel. Da fällt der Blick auf einen Menschen im charakteristischen Franziskanergewande, der stundenlang vor dem Altar liegt, sich die Knie wundbetet durch das Rutschen auf den Knien, um Gnade flehend, der sich furchtbar kasteit. Durch den Schmerz, namentlich den selbst verursachten Schmerz, kommt man ja ganz stark mit seinem physischen Leib zusammen. Man wird den physischen Leib ganz besonders gewahr, wenn man Schmerz leidet, weil der astralische Leib nach dem schmerzenden Körper besonders stark sich sehnt, ihn durchdringen will. Dieses so viel Geben auf die Zubereitung des Körpers zum Heil in der einen Inkarnation, das wirkte so, daß die Seele nun gar nicht mehr sein wollte im Körper in der nächsten Inkarnation.

[ 40 ] And if one now immerses oneself in this imaginatively and inwardly, one is led back to an incarnation that is not very far in the past. It is, after all, a distinctive feature of many such personalities—who appear in a particularly representative capacity—that their incarnations are generally not very far in the past, but rather lie relatively close to the present, especially in more recent times. And lo and behold, one arrives at an incarnation of Nietzsche, in which this individual was a Franciscan—an ascetic Franciscan who engaged in intense self-mortification of the body. Now we have the mystery. Our gaze falls upon a man in the characteristic Franciscan habit, lying for hours before the altar, praying until his knees are raw from sliding on them, begging for mercy, mortifying himself terribly. Through pain—especially self-inflicted pain—one becomes very strongly attuned to one’s physical body. One becomes particularly aware of the physical body when suffering pain, because the astral body longs especially strongly for the aching body and seeks to penetrate it. This intense focus on preparing the body for salvation in one incarnation had the effect that the soul no longer wished to be in the body in the next incarnation.

[ 41 ] Sehen Sie, so sind in charakteristischen Fällen schicksalsmäßige Zusammenhänge. Man darf auch da sagen: sie ergeben sich schon eigentlich anders, als man gewöhnlich wähnt. Es läßt sich über die aufeinanderfolgenden Erdenleben nichts erspekulieren. Da findet man in der Regel das Falsche. Wenn man aber auf das Richtige kommt, dann ist es im eminentesten Sinne Licht verbreitend über das Leben.

[ 41 ] You see, in characteristic cases, there are fateful connections. One might also say here: they actually unfold differently than one usually supposes. One cannot speculate about successive earthly lives. As a rule, one arrives at the wrong conclusion. But when one arrives at the right one, it sheds light on life in the most profound sense.

[ 42 ] Und gerade weil eine sachgemäße Betrachtung in dieser Beziehung anregen kann dazu, Karma im rechten Lichte zu sehen, habe ich, trotzdem das seine bedenkliche Seite hat, mich nicht gescheut, vor Ihnen einzelne konkrete karmische Zusammenhänge zu entwickeln, von denen ich glaube, daß sie schon ein starkes Licht eben auf die Wesenheit des menschlichen Karmas, des menschlichen Schicksals werfen können. Nun, dann morgen weiter.

[ 42 ] And precisely because a proper examination of this matter can help us see karma in its true light, I have not hesitated—despite its questionable aspects—to present to you specific karmic connections that I believe can already shed a strong light on the very nature of human karma and human destiny. Well, we’ll continue tomorrow.