Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band I
GA 235
15 März 1924, Dornach
Neunter Vortrag
[ 1 ] Wir stehen in der Besprechung des Karmas, der Wege des menschlichen Schicksals, und haben schicksalsmäßige Zusammenhänge im letzten Vortrage betrachtet, die doch wohl geeignet sein können, einiges Licht zu werfen auf die Art und Weise, wie das Schicksal durch die verschiedenen Erdenleben hindurch wirkt. Ich habe mich entschlossen, trotzdem damit natürlich ein bedenklicher Entschluß notwendig war, über solche Einzelheiten karmischer Zusammenhänge einmal zu sprechen, und möchte auch mit solchen Betrachtungen ein wenig fortfahren.
[ 2 ] Sie werden gesehen haben, wie bei der Besprechung karmischer Zusammenhänge es notwendig geworden ist, manche Einzelheiten im Leben und Wesen des Menschen zu besprechen, an denen man sonst vielleicht unaufmerksamer vorübergeht. So habe ich Ihnen eine solche Einzelheit im Herübergehen von körperlichen Eigentümlichkeiten der einen Inkarnation in eine gewisse seelische Verfassung der nächsten Inkarnation bei Dühring gezeigt. Es ist eben durchaus so, daß wenn man für das Menschenwesen an die geistigen Welten herandringt, auf der einen Seite alles Geistige seine Abstraktheit verliert, es wird kraftvoll, es wird impulsiv wirksam eben. Dagegen das Körperliche, dasjenige, was im Menschen auch körperlich zum Ausdruck kommt, verliert seine, ja, man kann eigentlich sagen, Stofflichkeit, bekommt eine geistige Bedeutung, bekommt einen gewissen Platz im ganzen Zusammenhang des menschlichen Lebens.
[ 3 ] Wie wirkt denn eigentlich das Schicksal? Das Schicksal wirkt ja so, daß es aus der ganzen Einheit des Menschen heraus wirkt. Was der Mensch sich aufsucht im Leben aus einem Karmadrang heraus, was sich dann schicksalsmäßig gestaltet, das liegt ja daran, daß die Kräfte des Schicksals, die von Leben zu Leben gehen, die Blutzusammensetzung in ihrer Feinheit bewirken und bedingen, daß sie die Nerventätigkeit innerlich regeln, daß sie aber auch die seelisch-instinktive Empfänglichkeit für dies oder jenes anregen. Und man dringt nicht leicht in das Innere von schicksalsmäßigen, karmischen Zusammenhängen ein, wenn man nicht — natürlich immer vom seelischen Auge ist dabei gesprochen — Interesse hat für die einzelnen Lebensäußerungen eines Menschen. Wirklich, für die karmische Betrachtung ist es geradeso wichtig, Interesse zu haben für eine Handbewegung wie für eine geniale geistige Begabung. Es ist ebenso von Wichtigkeit, beobachten zu können — natürlich auch von der geistigen Seite her, nach astralischem Leib und Ich —, wie ein Mensch sich niedersetzt, wie beobachten zu können, sagen wir, wie er seinen moralischen Verpflichtungen nachkommt. Es ist ebenso wichtig, ob ein Mensch gerne die Stirne runzelt oder leicht die Stirne runzelt, wie es wichtig ist, ob er fromm oder unfromm ist. Es ist eben vieles von dem, was einem im gewöhnlichen Leben unwesentlich erscheint, außerordentlich wichtig, wenn man das Schicksal zu betrachten beginnt, wie es sich von Erdenleben zu Erdenleben hinwebt, und manches von dem, was einem als ganz besonders wichtig erscheint bei diesem oder jenem Menschen, das wird von einer geringeren Bedeutung.
[ 4 ] Nun ist es im allgemeinen Menschenleben nicht so leicht, sagen wir, zum Beispiel auf körperliche Eigentümlichkeiten zu achten. Sie sind da, und man muß sich darauf eingeschult haben, natürlich ohne verletzend zu werden für seine Mitmenschen, und verletzend ist es, wenn man seine Mitmenschen betrachtet von dem Gesichtspunkte aus, um sie eben zu betrachten. Das sollte eigentlich niemals der Fall sein, sondern es sollte sich alles das, was nach dieser Richtung getan wird, ganz von selbst ergeben. Aber wenn man die Aufmerksamkeit geschult hat, dann ergeben sich auch schon im allgemeinen Menschenleben für jeden Menschen besondere Eigentümlichkeiten, die zu den Kleinigkeiten gehören, und die für die karmische Betrachtung im eminentesten Sinne von Bedeutung sind. Aber so recht eindringlich beobachten kann man die Menschen in bezug auf ihre karmischen Zusammenhänge doch nur, wenn man auf signifikante Eigentümlichkeiten hinweisen kann.
[ 5 ] Für mich war vor Jahrzehnten eine außerordentlich interessante Persönlichkeit, sowohl mit Bezug auf das innere geistige Leben dieser Persönlichkeit wie auch in bezug auf das äußere Leben, der Philosoph Eduard von Hartmann. Tiefgehendes Interesse brachte ich gerade diesem Philosophen entgegen. Wenn ich nun aber sein Leben betrachte, so, daß diese Betrachtung hinlenkt zu einer karmischen Betrachtung, so muß ich mir das, was dabei wertvoll ist, etwa in der folgenden Weise vor die Seele stellen. Ich muß mir sagen, Eduard von Hartmann, der Philosoph des Unbewußten, hat eigentlich in einer zunächst explosiven Art in der Philosophie gewirkt. Es ist ja wirklich so: Solch ein explosives Wirken auf geistigem Gebiete ist von den Menschen des 19. Jahrhunderts — verzeihen Sie, wenn ich kritisiere, aber die Sache ist nicht so schlimm gemeint — mit einem großen Phlegma aufgenommen worden. Die Menschen des 19. Jahrhunderts, natürlich auch des angebrochenen 20. Jahrhunderts, sind ja nicht aus ihrem Phlegma herauszubringen in bezug auf das, was eigentlich innerlich die Welt bewegt. Enthusiasmus ist eigentlich wirklich kaum in tiefgehender Art in diesem unserem geistig so phlegmatischen Zeitalter zu finden.
[ 6 ] Ich mußte zum Beispiel eine historische Tatsache in einer anderen Vortragsserie in diesen Zeiten einmal schildern: den Zusammenstoß der römischen Welt mit der nördlichen germanischen Welt zur Zeit der Völkerwanderung, zur Zeit, als das Christentum nach dem Norden sich ausgebreitet hat von den südlichen, griechisch-lateinischen Gegenden her. Man muß diese physischen Vorfahren der mitteleuropäischen Welt und der südeuropäischen Welt nur richtig vor sich haben, dann bekommt man schon einen Eindruck davon, wieviel menschliche Impulsivität einmal in der Welt war. Da war es schon so, daß das Miterleben mit den geistigen Mächten der Natur ein ganz reges war unter den verschiedenen germanischen Stämmen, auf welche die Römer trafen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung. Diese Menschen haben ganz anders sich verhalten zum Geistigen. Sie waren zum großen Teile noch mit einer instinktiven Hinneigung zum Geistigen durchaus behaftet. Und während wir heute meistens mit einem Phlegmatismus reden, so daß einfach ein Wort auf das andere folgt, wie wenn das gar nichts wäre, wenn man redet, haben diese Leute dasjenige, was sie erlebt hatten, auch in die Sprache hineinergossen. Da war für diese Leute das Wehen des Windes ebenso die physische Geste einer geistigen, seelischen Äußerung, wie wenn der Mensch seinen Arm bewegt. Man nahm wahr dieses Wehen des Windes, das Flackern des Lichtes im wehenden Winde als den Ausdruck des Wodan. Und wenn man diese Tatsachen in die Sprache hineinnahm, wenn man diese Dinge in die Sprache hineinlegte, so legte man den Charakter dessen, was man erlebte, in die Sprache hinein. Wenn wir es in der modernen Sprache ausdrücken wollten: Wodan weht im Winde — ähnlich hat es ja auch in der alten Sprache geheißen, das Wehen, es ergießt sich auch durch die Sprache —, nehmen Sie dieses Miterleben, das bis in die Sprache hinein erzittert und hineinwallt! Wenn dann der Mensch hinaufschaut, den Donner gewahr wird, der aus den Wolken erdröhnt, und hinter dieser Gebärde, hinter dieser Naturgebärde des Donners die entsprechende geistige Wesenhaftigkeit schaut und das Ganze zum Ausdrucke bringt: Donner oder Donar dröhnt im Donner — da ist in die moderne Sprache hineinergossen, was in einer ähnlichen Weise in der alten Sprache erklungen hat. Und dann, ebenso wie gefühlt haben diese Menschen in den Naturwirkungen das Geistige und es ausgedrückt haben in ihrer Sprache, so drückten sie aus, wenn sie zum Kampfe gingen, die helfende Gottheit, die in ihren Gliedern lebte, die in ihrem ganzen Gebaren lebte. Und da hatten sie ihren Schild, ihren mächtigen Schild, und da stürmten sie, könnte man sagen, die Worte hin, indem sie den Schild vorhielten. Und die ganze Tatsache dessen, daß sie, sei es einen guten, sei es einen dämonischen Geist hineinstürmten in die Sprache, die wiederum in mächtigem Anprall sich verdumpfte und erhöhte und gewaltig wurde, die drückte auch aus dasjenige, was sie wollen, im Vorstürmen: Ziu zwingt Zwist! Das hinter dem Schild gesprochen, mit all der Kampfeswut und Kampfeslust, das gab einen Sturm! Sie müssen sich das denken aus Tausenden von Kehlen auf einmal an die Schilde angesprochen. In den ersten Jahrhunderten, wo der Süden mit Mitteleuropa zusammenkam, da war nicht so sehr das, was äußerlich im Kampfe wirkte, das eigentlich Wirksame, sondern da war es dieses mächtige Gebrause, das sich entgegenstürzte den Römern. In den ersten Zeiten war es schon so, daß dann eine heillose Angst sich der von Süden herankommenden Völker bemächtigte. Die Knie zitterten vor dem «Ziu zwingt Zwist», das tausend Kehlen hinter den Schilden brüllten.
[ 7 ] Und so muß man schon sagen: Gewiß, diese Menschen sind wieder da, aber sie sind phlegmatisch geworden! Gar mancher hat dazumal gebrüllt und ist heute phlegmatisch geworden, im höchsten Grade phlegmatisch geworden, hat die innere Seelenattitüde des 19. und 20. Jahrhunderts angenommen. Wenn aber die Kerle aufstehen würden, die dazumal gebrüllt haben in ihrer damaligen Seelenverfassung, so würden sie sogar ihrer heutigen Inkarnation die Zipfelmütze aufsetzen und würden sagen: Dasjenige, was da in den Menschen an Phlegmatismus ist, den man nicht aufrütteln kann, das gehört unter die Zipfelmütze, unter die Schlafmütze, das gehört eigentlich ins Bett, nicht auf den Schauplatz des menschlichen Handelns!
[ 8 ] Ich sage das nur aus dem Grunde, weil ich damit andeuten will, wie wenig Geneigtheit vorhanden war, etwas so Explosives wie das, was Eduard von Hartmann in seiner «Philosophie des Unbewußten» gebracht hat, zum Gefühl zu bringen. Zunächst hat er natürlich davon gesprochen, daß alles, was bewußt im Menschen ist, das bewußte Denken, eine geringe Bedeutung hat gegenüber dem, was unbewußt im Menschen waltet und webt, und unbewußt in der Natur waltet und webt, was nicht durch das Bewußtsein gehoben werden kann, niemals in das Bewußtsein eindringt. Von einer hellsichtigen Imagination, Intuition, hat ja Eduard von Hartmann nichts gewußt, nicht gewußt, daß das Unbewußte eindringen kann in die menschliche Erkenntnis. So hat er eben darauf verwiesen, wie das eigentlich Wesentliche im Unbewußten bleibt. Aber gerade aus diesen Untergründen heraus war er der Anschauung, daß die Welt, auf der wir leben, die denkbar schlechteste ist. Und den Pessimismus hat er weitergetrieben als Schopenhauer, und er hat gefunden, daß eigentlich der Gipfel der Kulturentwickelung darin bestehen müßte, diese ganze Erdenevolution eines Tages zu vernichten, so schnell als möglich sie zu vernichten. Er sagte nur, er wolle nicht darauf bestehen, daß man es schon morgen tut, weil dann nicht Zeit genug ist, all das anzuwenden, was notwendig ist, um die Erde nun wirklich so weit zu vernichten, daß keine menschliche Zivilisation, die ja nichts wert ist auf der Erde, mehr da sei. Und er träumte davon — das steht in der «Philosophie des Unbewußten» —, wie die Menschen dazu kommen werden, eine große Maschine zu erfinden, die sie tief genug in die Erde hinein versetzen können, damit diese Maschine eine mächtige Explosion hervorruft und die ganze Erde hinausexplodiert, hinaussplittert in den Weltenraum.
[ 9 ] Gewiß, es waren manche Menschen begeistert für diese «Philosophie des Unbewußten». Aber wenn sie von so etwas sprechen, dann sieht man nicht, daß sie in ihrem ganzen Menschen ergriffen sind davon. So etwas kann gesagt werden! Das ist doch etwas Mächtiges, wenn so etwas gesagt werden kann! Die Menschen sprechen das so aus, als wenn sie «ad notam» sagen würden, und das ist eben das Entsetzliche.
[ 10 ] Aber das trat eben auf, solch einen Philosophen gab es. Und dann betrachtete dieser Philosoph die Dinge der menschlichen Sittlichkeit auf der Erde. Und dieses Werk über die «Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins» war sogar das, was mich am tiefsten interessiert hat. Er hat dann auch ein Werk über das religiöse Bewußtsein geschrieben, hat eine Ästhetik geschrieben, hat vieles geschrieben. Und all das war zunächst gerade dann, wenn man nicht mitgehen konnte, etwas außerordentlich Interessantes.
[ 11 ] Nun kann man natürlich schon Begierde darnach haben, zu wissen, wie steht es mit dem schicksalsmäßigen Zusammenhang bei einem solchen Menschen? Da wird man vielleicht zunächst versucht sein, so recht auf seine Philosophie einzugehen. Man wird versuchen, aus den philosophischen Gedanken heraus etwas zu erraten in bezug auf seine früheren Erdenleben. Da wird man aber nichts finden. Aber es war mir doch gerade solch eine Persönlichkeit interessant, im höchsten Grade interessant.
[ 12 ] Und sehen Sie, dann, wenn man eben, ich möchte sagen, Okkultismus im Leibe hat, dann ergeben sich die Anregungen, in der richtigen Weise hinzuschauen. Und da liegt ja eine Tatsache vor: Eduard von Hartmann war zunächst Soldat, Offizier. Immer erschien im Adressenbuch Kürschner neben seinem Dr. phil. und so weiter als Angabe seiner Charakteristik auch Premierleutnant, bis zu seinem Tode. Eduard von Hartmann war preußischer Offizier zunächst, und er soll ein sehr guter Offizier gewesen sein.
[ 13 ] Sehen Sie, das erschien mir von einem Tage an in bezug auf die menschlichen Schicksalszusammenhänge viel wesentlicher als die Einzelheiten seiner Philosophie. Die Einzelheiten seiner Philosophie, nun, da hat man, nicht wahr, die Tendenz, das oder jenes anzunehmen, das oder jenes zu widerlegen. Aber das ist ja nichts so Bedeutsames; das kann jeder, der ein bißchen Philosophie gelernt hat. Da kommt auch nicht so viel Besonderes dabei heraus. Aber sich nun zu fragen: Wie kommt es, daß da ein preußischer Offizier war, der ein guter Offizier war, der sich um Philosophie während seiner Offizierszeit wenig, recht wenig gekümmert hat, sondern mehr um die Übungen mit dem Säbel gekümmert hat, wie kommt es, daß der nun gerade ein repräsentativer Philosoph seines Zeitalters wird? Und wodurch ist er das geworden?
[ 14 ] Ja, sehen Sie, meine lieben Freunde, er ist es dadurch geworden, daß er durch einen Krankheitsfall, durch einen Erkrankungsfall ein Knieleiden bekommen hat, pensioniert werden mußte und an diesem Knieleiden nun sein ganzes späteres Leben laborierte. Er war zu Zeiten ganz am Gehen verhindert, darauf angewiesen, die Beine ausgestreckt zu halten, wenig zu gehen, zu sitzen, auf einem Sofa zu sitzen. Und da schrieb er denn, nachdem er die zeitgenössische Bildung in sich aufgenommen hatte, ein philosophisches Werk nach dem anderen. Die Hartmannsche Philosophie ist ja eine ganze Bibliothek. Er schrieb also viel.
[ 15 ] Mir wurde aber, indem ich die Persönlichkeit betrachtete, von einer ganz besonderen Wichtigkeit eines Tages das Knieleiden, der Eintritt des Knieleidens. Das interessierte mich viel mehr, daß der Mann in einern bestimmten Lebensalter zu einem Knieleiden gekommen ist, als mich sein transzendentaler Realismus interessierte, oder daß er sagte: Erst gab es die Religion des Vaters, dann die Religion des Sohnes, und in der Zukunft kommt die Religion des Geistes. — Das sind geistreiche Dinge, aber die sind ja mehr oder weniger im geistreichen 19. Jahrhundert auf der Straße zu finden gewesen. Aber daß einer Philosoph wird dadurch, daß er ein Knieleiden bekommt als Leutnant, das ist eine ganz bedeutende Tatsache. Und ehe man nicht auf solche Dinge zurückgehen kann, solange man sich blenden läßt durch das, was scheinbar das Hervorstechendste ist, so lange kommt man nicht auf die karmischen Zusammenhänge.
[ 16 ] Und als ich in der richtigen Weise mit der ganzen Persönlichkeit das Kniegebrechen zusammenbringen konnte, da eröffnete sich mir der Blick auf das, was an dieser Persönlichkeit eigentlich als Schicksalsgemäßes aufgetreten ist. Da konnte ich zurückgehen. Nicht vom Kopfe Eduard von Hartmanns, sondern von seinem Knie aus fand ich den Weg zu seinen früheren Inkarnationen. Bei anderen Menschen geht es von der Nase aus und so weiter. Es ist in der Regel nicht dasjenige, was man für das Erdenleben zwischen Geburt und Tod als das Wichtigste nimmt.
[ 17 ] Nun, wie ist dieser Zusammenhang? Sehen Sie, der Mensch, wie er sich im Erdenleben darstellt, ist ja eigentlich auch schon als physisches Wesen, ich habe wiederholt darauf aufmerksam gemacht, eine dreigliedrige Wesenheit. Er hat seine Nerven-Sinnesorganisation, die hauptsächlich im Kopfe, im Haupte konzentriert ist, die sich aber über den ganzen Menschen erstreckt. Er hat seine rhythmische Organisation, die insbesondere deutlich als Rhythmus der Atmung, als Blutzirkulation herauskommt, die aber sich wiederum über den ganzen Menschen erstreckt und in allem sich ausdrückt, und er hat seine motorische, mit dem Stoffwechsel zusammenhängende Gliedmaßenorganisation, die mit dem Verbrauch des Stoffwechsels, mit dem Ersatz der Stoffe und so weiter zusammenhängt. Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen.
[ 18 ] Und dann wird man mit Bezug auf den ganzen Lebenszusammenhang gewahr: im Durchgehen durch Geburten und Tode ist dasjenige, was man jeweilig im Erdenleben als das Wichtigste hält, der Kopf, von einer verhältnismäßig geringen Bedeutung bald nach dem Tode. Der Kopf, der im Physischen das Menschlichste am Menschen ist, erschöpft ja auch im Physischen seine Wesenheit ganz stark; während für die übrige Organisation des Menschen, die im Physischen minderwertig ist, gerade im Geistigen das Höhere da ist. Im Kopf ist der Mensch am meisten physischer Mensch und am wenigsten geistiger Mensch. Dagegen ist er in den anderen Gliedern seiner Organisation, in der rhythmischen und in der Gliedmaßenorganisation, geistiger. Am geistigsten ist der Mensch in dem Motorischen, in der Tätigkeit seiner Glieder.
[ 19 ] Und nun ist es so, daß dasjenige, was im Menschen Kopfbegabung ist, verhältnismäßig bald nach dem Tode sich verliert. Dagegen das, was im Unbewußten an Geistig-Seelischem den unteren Organisationen angehört, das wird besonders wichtig zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Aber während es im allgemeinen so ist, daß von einem Erdenleben ins nächste Erdenleben hinein die außer dem Kopf befindliche Organisation ihrer Gestalt nach, ihrem geistigen Inhalt nach gerade zum Kopfe der nächsten Inkarnation wird, wirkt allerdings das, was im Kopfe des Menschen willenhaft ist, in der nächsten Inkarnation besonders in die Gliedmaßen hinein. Wer in einer Inkarnation träge in seinem Denken ist, der wird ganz gewiß in der nächsten Inkarnation kein Schnelläufer, sondern das Träge des Denkens geht in die Langsamkeit der Gliedmaßen hinein, wie umgekehrt die Langsamkeit der Gliedmaßen der gegenwärtigen Inkarnation sich in dem trägen, langsamen Denken der nächsten Inkarnation zum Ausdruck bringt.
[ 20 ] So besteht eine Metamorphose, eine Wechselwirkung der drei verschiedenen Gliederungen der menschlichen Wesenheit von einem Erdenleben in das andere hinüber, von einer Inkarnation in die andere hinüber.
[ 21 ] Das, was ich Ihnen da sage, das sage ich Ihnen nicht als eine Theorie, sondern ich sage es aus den Tatsachen des Lebens heraus. Sehen Sie, als einmal, ich möchte sagen, diese Intention da war, bei Eduard von Hartmann besonders auf das Knieleiden zu sehen, da wurde ich auf seine frühere Inkarnation hingelenkt, in der er in einem bestimmten Lebensaugenblicke eine Art Sonnenstich erhalten hatte. Dieser Sonnenstich, der war zunächst die schicksalsmäßige Veranlassung in dem nächsten Erdenleben, metamorphosisch sich in der Gebrechlichkeit des Knies zum Ausdrucke zu bringen, war also ein Kopfgebrechen. Er konnte eines Tages nicht mehr denken; er hatte eine Art Lähmung des Gehirnes. Das kam in der nächsten Inkarnation in einer Lähmung eines der Gliedmaßen zum Vorschein. Und dieses Schicksalsmäßige, zu einer Gehirnlähmung zu kommen, das ergab sich durch das Folgende: Diese Individualität war ja eine derjenigen, die mitzogen während der Kreuzzüge nach dem Oriente und in Asien drüben gegen die Türken und gegen die Asiaten kämpften, die Asiaten aber zugleich ungeheuer bewundern lernten. Nachdem diese Individualität alles in Bewunderung aufgenommen hatte, was da den Kreuzfahrern entgegentrat an großartiger Geistigkeit im Orient, nachdem diese Individualität das alles aufgenommen hatte, wurde sie eines Menschen gewahr, von dem sie instinktiv fühlte, sie habe mit ihm in einem wieder früheren Leben etwas zu tun gehabt. Und was jetzt zwischen dieser und der früheren Inkarnation abzumachen war, das war das Moralische. Das Hinüberwirken des Sonnenstiches in das Knieleiden zwischen den zwei Inkarnationen scheint ja zunächst etwas bloß Physisches zu sein; es führt aber immer, wenn es sich um Schicksalsmäßiges handelt, die Sache auf etwas Moralisches zurück, hier auf die Tatsache, daß aus einer noch früheren Inkarnation diese Individualität den Impuls eines starken, wütenden Kampfes gegen einen Menschen in sich trug, dem sie da entgegentrat. Und in glühender Sonnenhitze wurde die Verfolgung dieses Gegners aufgenommen. Sie war ungerecht. Sie fiel auf die Individualität, die verfolgte, selbst zurück, indem durch das glühende Sonnenlicht das Gehirn gelähmt wurde. Und dasjenige, was da geschehen sollte in diesem Kampfe, das war davon hergekommen, meine lieben Freunde, daß in einer früheren Inkarnation diese Individualität besonders klug war, im höchsten Grade klug war. Jetzt hatte man einen Einblick in eine noch frühere Inkarnation, wo eine besondere Klugheit vorlag. Und der Gegner, dem diese Individualität während der Kreuzzüge entgegengetreten war, dieser Gegner war in einer früheren Inkarnation von dieser klugen Individualität in die Enge getrieben worden, zum Nachteile gekommen. Dadurch war der moralische Zusammenhang gegeben, dadurch war der Impuls zum Kampf gegeben und so weiter. Da ging es dann auf das Moralische zurück, indem die Kräfte, die sich da ausbildeten, eben auf die frühere Inkarnation zurückgingen.
[ 22 ] So daß man drei aufeinanderfolgende Inkarnationen einer Individualität findet: Eine außerordentlich gescheite, kluge Persönlichkeit in sehr alten Zeiten — die eine Inkarnation. Darauf folgend ein Kreuzfahrer, der in einem bestimmten Zeitpunkte, bewirkt durch das, was gerade seine Klugheit verbrochen hatte, eine Gehirnläihmung bekommt, die Klugheit ausgelöscht wird, nachdem aber vorher diese Klugheit eine ungeheure Bewunderung orientalischer Zivilisation aufgenommen hatte. Dritte Inkarnation: ein preußischer Offizier, der durch ein Knieleiden den Abschied nehmen muß, jetzt nicht weiß, was er tun soll, sich auf die Philosophie schlägt und die eindrucksvollste, ganz aus der Zivilisation der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgewachsene «Philosophie des Unbewußten» schreibt.
[ 23 ] Nun, hat man einen solchen Zusammenhang, dann werden plötzlich Dinge licht, die vorher ganz dunkel waren. Denn sehen Sie, ich hatte immer, als ich Hartmann las, ohne daß ich diese Zusammenhänge als junger Mann wußte, das Gefühl: Ja, da ist was Gescheites drinnen. — Aber wenn ich eine Seite las: Ja, da ist was furchtbar Gescheites, aber das Gescheite ist nicht auf dieser Seite. Ich wollte immer umblättern und auf der Rückseite schauen, ob da das Gescheite ist. Es war das Gescheite nicht von heute, es war das Gescheite von gestern oder vorgestern.
[ 24 ] Darüber breitete sich mir erst Licht, als ich sah: diese Gescheitheit, die besondere Klugheit, die liegt ja schon zwei Inkarnationen zurück und wirkt nach. Da fällt erst ein ungeheures Licht auf diese ganze Literatur, auf diese Hartmann-Literatur, die eine Bibliothek anfüllt, wenn man weiß: da wirkt aus einer viel früheren Inkarnation die Klugheit nach.
[ 25 ] Und wenn man Hartmann persönlich kennenlernte, mit ihm sprach, so hatte man wirklich auch das Gefühl: dahinter ist erst einer, der redet noch immer nicht; aber dann ist ein Dritter dahinter, der liefert eigentlich die Inspirationen. Denn es war beim Hören manchmal zum Verzweifeln: da redete ein Offizier Philosophie, ohne Begeisterung, gleichgültig, mit einem gewissen Rauhton, über die höchsten Wahrheiten. Dann erst konnte man merken, wie sich die Dinge eigentlich verhalten, wenn man wußte: da steht die Klugheit von zwei Inkarnationen vorher dahinter.
[ 26 ] Gewiß, es sieht sogar pietätlos aus, wenn man solche Dinge so erzählt, aber sie sind nicht pietätlos gemeint, sondern ich bin der Überzeugung, daß es für jeden Menschen selbst ganz wertvoll sein kann, solche Zusammenhänge für sein eigenes Leben zu haben, selbst für den Fall, daß sich irgendeiner sagen muß: In meiner drittletzten Inkarnation war ich eigentlich ein ganz gewaltig schlechter Kerl! — Es kann das ungeheuer förderlich sein für das Leben, wenn sich einer sagen kann: Ich war ein gewaltig schlechter Kerl. — Einmal in irgendeiner Inkarnation, ja, nicht einmal in irgendeiner Inkarnation, war man nämlich wirklich unter allen Umständen ein gewaltig schlechter Kerl! Bei diesen Dingen, sehen Sie, sind ja immer, wie auch sonst in der Gesellschaft die Anwesenden ausgenommen sind, die gegenwärtigen Inkarnationen ausgenommen.
[ 27 ] Nun, ganz intensiv interessierte mich auch, weil ich wirklich durch mein Leben an diese Persönlichkeit herangeführt worden bin, der schicksalsmäßige Zusammenhang bei Friedrich Nietzsche. Das Problem Nietzsche, ich habe es von allen Seiten betrachtet; ich habe ja manches geschrieben und gesprochen über Nietzsche und von allen Seiten diesen Friedrich Nietzsche betrachtet.
[ 28 ] Es war ja ein merkwürdiges Schicksal. Im Leben habe ich ihn nur ein einziges Mal gesehen, in den neunziger Jahren in Naumburg, als er schon schwer geisteskrank war. Nachmittags, etwa halb drei Uhr, führte mich die Schwester in sein Zimmer. Er lag auf dem Ruhebette, mit einem Auge, das nicht gewahr werden konnte, daß man vor ihm stand, teilnahmslos; mit jener merkwürdigen, künstlerisch so schön geformten Stirn, die einem ganz besonders auffiel. Trotzdem das Auge teilnahmslos war, hatte man dennoch das Gefühl, nicht einen Wahnsinnigen vor sich zu haben, sondern einen Menschen, der den ganzen Vormittag intensiv in seiner Seele geistig gearbeitet hat, Mittag gegessen hat und sich nun ausruhend hingelegt hat, um zu sinnen, halb träumend zu sinnen über das, was am Vormittag in der Seele erarbeitet worden ist. Geistig gesehen, war da eigentlich ein physischer und ein Ätherleib, namentlich in bezug auf die oberen Partien des Menschen, denn das Seelisch-Geistige war eigentlich schon heraußen, es hing nur noch wie an einem dicken Faden an dem Körper. Es war im Grunde genommen schon eine Art Tod vorangegangen, aber ein Tod, der nicht völlig eintreten konnte, weil die physische Organisation eine so gesunde war, daß der entfliehen wollende Astralleib und das entfliehen wollende Ich eben immer noch gehalten wurden von der ungeheuer gesunden Stoffwechsel- und rhythmischen Organisation bei einem völlig zerstörten Nerven-Sinnessystem, das gar nicht mehr halten konnte den astralischen Leib und das Ich. So daß man den wunderbaren Eindruck hatte: da schwebt eigentlich der wirkliche Nietzsche über seinem Haupte. Da war er. Und da unten war schon etwas, das von der Seele aus Leichnam hätte sein können und nur nicht Leichnam war, weil es noch mit aller Gewalt festhielt an der Seele, aber nur für die unteren Partien des Menschen durch die außerordentlich gesunde Stoffwechselund rhythmische Organisation.
[ 29 ] Es kann schon für die schicksalsmäßigen Zusammenhänge im tiefsten Sinne die Aufmerksamkeit erregen, wenn man so etwas sieht. Da allerdings wurde in die schicksalsmäßigen Zusammenhänge, ich möchte sagen, mit einem anderen Lichte hineingeleuchtet. Da konnte man nicht ausgehen von irgendeinem einzelnen leidenden Gliede oder dergleichen, sondern man wurde jetzt wiederum zurückgeführt auf die ganze geistige Individualität Friedrich Nietzsches.
[ 30 ] In diesem Nietzsche-Leben sind ja drei streng voneinander zu scheidende Perioden vorhanden. Die erste Periode beginnt, als er als ganz junger Mensch seine «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» schrieb, begeistert über den Aufgang der Musik aus dem griechischen Mysterienwesen, die Tragödie dann wiederum aus dem Musikalischen herausleitend. Dann aus derselben Stimmung heraus die vier folgenden Schriften: «David Friedrich Strauß der Bekenner und der Schriftsteller», «Schopenhauer als Erzieher», «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», «Richard Wagner in Bayreuth». Das ist im Jahr 1876 — 1871 ist die Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» geschrieben —: «Richard Wagner in Bayreuth», ein begeisterter Hymnus auf Richard Wagner, tatsächlich vielleicht die beste Schrift, die von einem Anhänger Richard Wagners geschrieben worden ist.
[ 31 ] Eine zweite Epoche bei Nietzsche beginnt. Er schreibt seine Bücher «Menschliches, Allzumenschliches» in zwei Bänden, die Schrift «Morgenröte» und die Schrift «Die fröhliche Wissenschaft».
[ 32 ] Nietzsche, der in den ersten Schriften bis zum Jahre 1876 im höchsten Sinne Idealist war, alles zum Ideal hinaufheben wollte, er sagt allem Idealismus adieu in dieser zweiten Epoche seines Lebens. Er macht sich lustig über die Ideale. Er macht sich klar: Wenn die Menschen sich Ideale vorsetzen, so ist es, weil sie im Leben schwach sind. Wenn einer im Leben nichts kann, sagt er, das Leben ist nichts wert, man muß einem Ideal nachjagen. Und so nimmt Nietzsche die einzelnen Ideale aufs Korn, legt sie, wie er sagt, aufs Eis, indem er dasjenige, was das Göttliche in der Natur darstellt, als ein Allzumenschliches, gerade Kleinliches auffaßt. Da ist Nietzsche Voltairianer, er widmete auch eine Schrift Voltaire. Da ist Nietzsche ganz Rationalist, Intellektualist. Und das dauert etwa bis zum Jahre 1882/1883. Dann beginnt die letzte Epoche seines Lebens, wo er Ideen ausbildet wie die von der Wiederkunft des Gleichen, wo er den Zarathustra wie ein Ideal des Menschen ausbildet. Da schreibt er dann sein «Also sprach Zarathustra» im hymnischen Stil.
[ 33 ] Da nimmt er seine Aufzeichnungen über Wagner wieder hervor. Es ist ja etwas höchst Merkwürdiges! Hat man so die Arbeitsweise Nietzsches kennengelernt, dann stellt sich diese in merkwürdiger Art dar. Lesen Sie heute die Schrift «Richard Wagner in Bayreuth»: es ist ein begeisterter Hymnus, großartig, genial begeisternd für Richard Wagner. In der letzten Epoche erscheint das Buch «Der Fall Wagner»: alles, was nur gegen Wagner gesagt werden kann, steht in dieser Schrift.
[ 34 ] Man sagt, wenn man trivial sein will: Nietzsche hat eben umgesattelt, hat seine Ansicht geändert. Wer den Bestand der Nietzscheschen Manuskripte kennengelernt hat, der sagt nicht so. Denn wenn Nietzsche ein paar Seiten in seinem Buch «Richard Wagner in Bayreuth» als begeisterten Hymnus über Wagner hingeschrieben hat, so hat er all das, was er dagegen gehabt hat — gegen das, was er selber gesagt hat —, so hat er das auch gleich hingeschrieben. Dann hat er wiederum einen begeisterten Hymnus geschrieben, und wiederum, was er dagegen gehabt hat, geschrieben. Es war der ganze «Fall Wagner» eigentlich schon 1876 geschrieben. Er hat ihn nur noch zurückgelegt, hat ihn ausgeschaltet und hat nur dasjenige gedruckt, was sein begeisterter Hymnus war. Er hat sozusagen nur seine alten Aufzeichnungen vorgenommen und sie mit einigen scharfen Sätzen durchsetzt.
[ 35 ] Aber er hatte doch eben die Tendenz, in diesem letzten Abschnitt seines Lebens gegen dasjenige anzustürmen, wogegen er in der ersten Epoche seines Lebens das Anstürmen sozusagen zurückgelegt hat. Wahrscheinlich, wenn die Manuskripte, die er zurückgelegt hat, als nicht recht hinzustimmend zur Schrift «Richard Wagner in Bayreuth», durch eine Feuersbrunst zugrunde gegangen wären, so hätte man keinen «Fall Wagner».
[ 36 ] Sehen Sie, wenn man diese drei Epochen verfolgt, so sind sie alle wiederum durchzogen von einem einheitlichen Charakter. Und selbst die letzte Schrift, also wenigstens die gedruckte letzte Schrift, «GötzenDämmerung, oder: Wie man mit dem Hammer philosophiert», wo alles, ich möchte sagen, von seiner anderen Seite gezeigt wird, selbst diese letzte Schrift trägt etwas von dem Grundcharakter der ganzen Nietzscheschen Geistigkeit. Nur wird Nietzsche da, wo er wirklich das auch schreibt, im Alter — imaginativ, anschaulich. Zum Beispiel, er will Michelet, den französischen Schriftsteller Michelet charakterisieren. Es ist eine treffende Charakteristik, die er gibt: die Begeisterung, die sich den Rock auszieht, während sie begeistert ist. Es ist ganz ausgezeichnet von einer gewissen Seite Michelet erfaßt. Ähnliche solche Dinge sind da in dieser «Götzen-Dämmerung» — anschaulich.
[ 37 ] Nun, hat man einmal dieses furchtbar erschütternde Bild des Schwebens der Nietzsche-Individualität über der Körperlichkeit, so wird man dazu gedrängt, jetzt sich den Schriften gegenüber zu sagen: Ja, eigentlich machen sie den Eindruck, wie wenn Nietzsche nie ganz mit seiner menschlichen Körperlichkeit dabeigewesen wäre, als er seine Sätze hingeschrieben hat, wie wenn er immer — er hat ja nicht im Sitzen, er hat im Gehen, namentlich im Fußwandern geschrieben etwas aus seinem Leibe heraus gewesen wäre. Am stärksten werden Sie diesen Eindruck haben bei gewissen Partien des vierten Teiles von «Also sprach Zarathustra», wo Sie direkt das Gefühl haben werden: das schreibt man nicht, wenn der Körper reguliert, das schreibt man nur, wenn der Körper nicht mehr reguliert, sondern wenn man mit dem Seelischen außerhalb des Körpers ist.
[ 38 ] Man hat das Gefühl, daß im geistigen Produzieren Nietzsche seinen Leib immer zurückläßt. Und das lag schließlich auch in seinen Lebensgewohnheiten. Er nahm insbesondere gern Chloral, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen, eine Stimmung, die unabhängig vom Körperlichen ist. Gewiß, es wurde ja auch diese Sehnsucht, in der Seelenstimmung unabhängig vom Körperlichen zu werden, dadurch veranlaßt, daß das Körperliche vielfach krank war, daß zum Beispiel ein immer sehr langdauernder Kopfschmerz vorhanden war und dergleichen.
[ 39 ] Aber all das gibt ein einheitliches Bild Nietzsches in der NietzscheInkarnation am Ende des 19. Jahrhunderts, die dann zum Wahnsinn führte, so daß er überhaupt nicht mehr wußte zuletzt, wer er war. Denn es gibt Briefe an Georg Brandes, wo sich Nietzsche unterschreibt entweder: «Der Gekreuzigte» — das heißt, er sieht sich für den Gekreuzigten an —, oder er schaut auf sich selber hin wie auf einen objektiv außer ihm befindlichen Menschen, findet sich einen Gott, der am Po spazierengeht, und unterschreibt sich «Dionysos». Dieses Getrenntsein vom Körper, wenn geistig produziert wird, das ergibt sich dann als etwas, was für diese Persönlichkeit, für diese Inkarnation dieser Individualität ganz besonders charakteristisch ist.
[ 40 ] Und durchdringt man sich nun mit diesem imaginativ-innerlich, dann wird man zurückgeführt in eine gar nicht sehr weit zurückliegende Inkarnation. Es ist ja das Eigentümliche bei vielen solchen Persönlichkeiten, die gerade repräsentativ auftreten, daß ihre Inkarnationen in der Regel nicht weit zurückliegen, sondern verhältnismäßig wenig weit gerade in der neueren Zeit zurückliegen. Und siehe da, man kommt in ein Dasein Nietzsches, wo diese Individualität Franziskaner war, ein asketischer Franziskaner, der ganz intensiv Selbstpeinigung des Körpers trieb. Jetzt hat man das Rätsel. Da fällt der Blick auf einen Menschen im charakteristischen Franziskanergewande, der stundenlang vor dem Altar liegt, sich die Knie wundbetet durch das Rutschen auf den Knien, um Gnade flehend, der sich furchtbar kasteit. Durch den Schmerz, namentlich den selbst verursachten Schmerz, kommt man ja ganz stark mit seinem physischen Leib zusammen. Man wird den physischen Leib ganz besonders gewahr, wenn man Schmerz leidet, weil der astralische Leib nach dem schmerzenden Körper besonders stark sich sehnt, ihn durchdringen will. Dieses so viel Geben auf die Zubereitung des Körpers zum Heil in der einen Inkarnation, das wirkte so, daß die Seele nun gar nicht mehr sein wollte im Körper in der nächsten Inkarnation.
[ 41 ] Sehen Sie, so sind in charakteristischen Fällen schicksalsmäßige Zusammenhänge. Man darf auch da sagen: sie ergeben sich schon eigentlich anders, als man gewöhnlich wähnt. Es läßt sich über die aufeinanderfolgenden Erdenleben nichts erspekulieren. Da findet man in der Regel das Falsche. Wenn man aber auf das Richtige kommt, dann ist es im eminentesten Sinne Licht verbreitend über das Leben.
[ 42 ] Und gerade weil eine sachgemäße Betrachtung in dieser Beziehung anregen kann dazu, Karma im rechten Lichte zu sehen, habe ich, trotzdem das seine bedenkliche Seite hat, mich nicht gescheut, vor Ihnen einzelne konkrete karmische Zusammenhänge zu entwickeln, von denen ich glaube, daß sie schon ein starkes Licht eben auf die Wesenheit des menschlichen Karmas, des menschlichen Schicksals werfen können. Nun, dann morgen weiter.
