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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band I
GA 235

9 März 1924, Dornach

Achter Vortrag

[ 1 ] Ich sagte gestern, daß ich, trotzdem die Behandlung einzelner karmischer Zusammenhänge etwas Gewagtes ist, dennoch als Beispiele solche karmischen Zusammenhänge hier in der Darstellung entwickeln möchte, und zwar anknüpfend an diejenigen Persönlichkeiten, von denen ich gestern einzelne biographische charakteristische Daten Ihnen vorgebracht habe. Wir werden später auch weniger repräsentative Persönlichkeiten karmisch betrachten können, aber ich möchte zunächst aus dem Grunde solche Persönlichkeiten wählen, weil an ihnen anschaulich werden kann, wie in dem karmischen Gang des menschlichen Lebens durch wiederholte Daseinsphasen die Gesamtentwickelung der Menschheit dann weitergeht. Wir reden ja in der heutigen Zivilisation von Geschichte wie von einem fortlaufenden Strom von Geschehen, beschreiben die Dinge so, daß wir dasjenige, was im 20. Jahrhundert ist, auf das 19. Jahrhundert beziehen, was im 19. Jahrhundert ist, auf das 18. Jahrhundert beziehen und so weiter. Daß die Menschen selbst es sind, die von einer Epoche der Geschichte in die andere Epoche hinüber die Dinge tragen, daß also die Menschen, die in der Gegenwart leben, herübergetragen haben in diese Gegenwart aus älteren historischen Epochen dasjenige, was heute lebt und da ist, das erst gibt Realität, das erst gibt Leben, gibt wahrhaftigen inneren realen Zusammenhang im geschichtlichen Leben.

[ 2 ] Wenn bloß Ursache und Wirkung da ist, ist kein wirklicher Zusammenhang da. Wenn Menschenseelen herüberziehen aus einer uralten Erdenzeit in die jüngeren Erdenzeiten, in immer neue Erdenleben, dann kommt realer Zusammenhang in die Menschheitsentwickelung hinein. Diesen realen Zusammenhang, ihn kann man in seiner Bedeutung gerade ersehen, wenn man solche Persönlichkeiten betrachtet, auf die man eben hinschauen kann, weil sie repräsentative Persönlichkeiten sind.

[ 3 ] Und da habe ich gestern eben zu erst den sogenannten SchwabenVischer, den Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer angeführt und ihn Ihnen einigermaßen charakterisiert. Nun, ich sagte, ich will nur solche Beispiele wählen, für die mir wirklich die Untersuchungen vorliegen. Die Untersuchungen sind eben solche des Anschauens, solche, die mit denjenigen geistigen Mitteln geführt werden, von denen schon gesprochen worden ist, über die nachgelesen werden kann in der anthroposophischen Literatur. Und deshalb ist keine andere Methode gerade in der Besprechung solcher Dinge möglich als eine Art erzählender Methode. Denn nur dasjenige, was sich der unmittelbaren Anschauung ergibt, kann eben auf diesem Gebiete mitgeteilt werden. Und in dem Augenblicke, wo man von einem Erdenleben auf ein früheres zurückliegendes verweist, hört alles verstandesmäßige Begreifen auf. Da gibt es nur die Möglichkeit des Schauens. Es gibt noch einen letzten Rest von verstandesmäßigem Begreifen, wenn es sich darum handelt, das Erdenleben auf das letzte Erleben zwischen dem Tode und dieser Geburt zu beziehen, das Erdenleben zu beziehen auf dasjenige, aus dem es unmittelbar hervorgegangen ist, auf das GeistigSeelische also vor dem Herabstieg auf die Erde; das geht bis zu einem gewissen Grade verstandesmäßig. Die Zurückführung eines Erdenlebens auf ein anderes geht nur in erzählender Form, denn da ist nur die Anschauung das Maßgebende. Und wer nun eben in der Lage ist, auf solch eine Persönlichkeit hinzuschauen, wie es der SchwabenVischer war, und aufzufassen dasjenige, was in einer solchen Persönlichkeit als Ewiges lebt, das heißt, von Erdenleben zu Erdenleben geht, der kann, wenn er, ich möchte sagen, die rechten Strömungen zurückfindet im ganzen Erdenleben, eine solche Persönlichkeit in einem früheren Erdendasein auftauchen sehen. Allerdings, in bezug auf die Forschung geht man zunächst zurück in das vorirdische Erleben. Aber jetzt in der Darstellung möchte ich dieses Zurückgehen auf das vorirdische Erleben für die drei Persönlichkeiten immer an zweiter Stelle behandeln und zunächst darauf aufmerksam machen, wie hinter dem gegenwärtigen Erdenleben einer solchen Persönlichkeit das vorige Erdenleben auftaucht.

[ 4 ] Man muß durchaus, wenn man solche Dinge erforschen will, ohne alles Vorurteil sein. Wenn man irgendwie deshalb, weil man diese oder jene Ansicht über das gegenwärtige Erdenleben eines Menschen oder über das letzte Erdenleben eines Menschen hat, sich einbildet, verstandesmäßig sagen zu können, der muß also, weil er jetzt so ist, in einem früheren Erdenleben so und so gewesen sein; wenn man sich solche Urteile bildet, geht man schon tatsächlich falsch, wenigstens geht man leicht falsch. Es wäre gerade so, solch ein Urteil verstandesmäßig von einer Inkarnation auf die andere zu bilden, wie wenn Sie irgendwo zum erstenmal in einem Hause sind: Sie schauen bei den Nordfenstern hinaus, sehen da draußen Bäume, und Sie wollten nun schließen aus den Bäumen, die Sie durch die Nordfenster sehen, wie die Bäume aussehen, die Sie vor den Südfenstern haben. Da müssen Sie eben hingehen zu den Südfenstern und dort sich die Bäume anschauen und mit aller Unbefangenheit den Bäumen gegenübertreten. So müssen Sie eben wirklich alles verstandesmäßig Intellektualistische dann ausschalten, wenn es sich darum handelt, jene Imaginationen zu begreifen, die eben einfach da sind als die Imaginationen entsprechender früherer Erdenleben für solche Persönlichkeiten.

[ 5 ] Bei dem Schwaben-Vischer wird man zurückgeführt zur nächsten maßgebenden Inkarnation — dazwischen kann die eine oder andere gleichgültige, vielleicht auch in kürzerem Erdenleben verbrachte sein, aber das ist jetzt nicht wichtig —, in jene Inkarnation, in der sein gegenwärtiges Erdenleben — gegenwärtig in weiterem Sinne, er ist ja schon Ende der achtziger Jahre gestorben —, also sein letztes Erdenleben karmisch vorbereitet worden ist. Diese Inkarnation liegt etwa im 8. nachchristlichen Jahrhundert. Und zwar schaut man ihn als einen Angehörigen jener maurisch-arabischen Menschen, die in dieser Zeit von Afrika nach Sizilien herüberkamen, auch in Kämpfe kamen mit denjenigen Menschen, die vom Norden herunter nach Sizilien kamen.

[ 6 ] Das Wesentliche ist, daß diese Individualität, von der ich hier rede, in dieser vorhergehenden maßgebenden Inkarnation ganz und gar eine arabische Bildung hatte, arabische Bildung mit allen Einzelheiten, und zwar so, daß diese arabische Bildung alles das umfaßte, was, ich möchte sagen, künstlerisch, vielleicht auch unkünstlerisch, im Arabismus drinnen ist, umfaßte zu gleicher Zeit aber alle Energie, mit der damals das Arabertum nach Europa vorgedrungen ist, und namentlich umfaßte eine menschliche Zusammengehörigkeit mit einer ziemlich großen Anzahl anderer, derselben arabischen Bevölkerung angehöriger Menschen.

[ 7 ] Diese Individualität, die dann im 19. Jahrhundert als Friedrich Theodor Vischer gelebt hat, diese Individualität hat im 8. Jahrhundert einen engen Anschluß gesucht mit vielen, dem gleichen arabischen Volkstum und der gleichen arabischen Kultur angehörigen Menschen, die damals schon mit Europa stark in Berührung gekommen sind, fortdauernde Versuche gemacht haben, in Sizilien sich festzusetzen und harte Kämpfe bestehen mußten, das heißt, eigentlich mußten mehr die Europäer mit ihnen harte Kämpfe bestehen. An solchen Kämpfen hat diese Individualität in reichlichem Maße teilgenommen. Und man kann sagen, eine geniale Persönlichkeit war sie, in dem Sinne genial, wie man dazumal das Geniale auffassen konnte.

[ 8 ] Nun, dies zunächst, diese Individualität im 8. Jahrhundert. Nun geht aber die Sache dann weiter. Als diese Persönlichkeit durch die Todespforte geht und das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt weiterlebt, da ist ja dann eine innige Gemeinschaft vorhanden, namentlich mit solchen Seelen, mit denen man auf Erden zusammen war. Das sind also jetzt die, von welchen ich Ihnen eben sagen konnte, daß unsere in Betracht kommende Individualität engere gesellige Zusammenhänge mit ihnen gesucht hat. Aber gerade unter den Menschen es ist schwierig, für diese Dinge aus der Sprache, die ja natürlich für die irdischen Verhältnisse geformt ist, Ausdrücke zu finden, um die übersinnlichen Dinge zu charakterisieren —, mit denen nun unsere Individualität Zusammenhang hatte, nachdem sie und die anderen auch durch die Pforte des Todes gegangen waren, unter diesen Menschen bestand durch die ganzen folgenden Jahrhunderte bis herein ins 19. Jahrhundert ein Geistverband, ein geistiger Zusammenhang.

[ 9 ] Sie werden schon aus jenem Karmavortrag, den ich vor acht Tagen gehalten habe, entnehmen, daß dasjenige, was auf Erden geschieht, vorher erlebt wird von den Wesenheiten der höchsten Hierarchien, von Cherubim, Seraphim und Thronen, und daß derjenige, der sein Leben durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so heruntersieht, so auf einen geistig-seelischen Himmel heruntersieht, wie wir zum Himmel hinaufschauen. Da durchleben Seraphim, Cherubim und Throne, sagte ich Ihnen, dasjenige, was dann unser Schicksal wird, wenn wir wiederum heruntersteigen, was wir schicksalsgemäß realisieren.

[ 10 ] Nun, in jenen Zusammenhängen, die sich da in der geistigen Welt ergeben, erlebte eben diese ganze Gesellschaft — die jetzt natürlich eine Geistgesellschaft war, in welche jene Individualität hineinversponnen war —, daß sie durch die Jahrhunderte hindurch zu bewahren hatten einen Fortschritt der Menschheit, ohne vom Christentum beeinflußt zu sein. Es wird Ihnen das, was ich damit sage, als etwas außerordentlich Merkwürdiges erscheinen; denn man hat so die Vorstellung, daß die Weltregierung auch so einfach ist, wie man als Mensch alles haben will und irgend etwas anordnen will. Die Weltregierung ist aber nicht so, sondern wenn auf der einen Seite mit dem Mysterium von Golgatha der allerkräftigste Impuls in die ganze Erdenentwickelung hineinversenkt wird, so ist auf der anderen Seite auch wiederum die Notwendigkeit da, nicht dasjenige, was vor dem Mysterium von Golgatha in der Erdenentwickelung war, sogleich zugrunde gehen zu lassen, sondern es fortströmen zu lassen, also das, ich will nicht sagen Antichristliche, aber Achristliche, das, was sich gar nicht kümmert um das Christentum, doch noch durch die Jahrhunderte fortströmen zu lassen.

[ 11 ] Und die Aufgabe, diese Strömung für Europa zu tragen, gewissermaßen fortzusetzen die noch nichtchristliche Zeit in die Jahrhunderte des Christentums hinein, ist einer Anzahl von Leuten zugefallen, die im 8. Jahrhunderte, im 7., 8. Jahrhunderte in den Arabismus hineingeboren wurden, weil der eben nicht unmittelbar christlich war, aber auch nicht etwa so zurückgeblieben war wie die alten heidnischen Religionen, sondern immerhin mit den Jahrhunderten nach einer gewissen Richtung vorwärtsgegangen ist. Da waren eine Anzahl von Seelen hineingeboren, die sollten nun, unberührt von den irdischen Verhältnissen, in der geistigen Welt vorwärtstragen dasjenige, was der Menschengeist wissen kann, was der Menschengeist fühlen und empfinden kann, abgesondert vom Christentum. Die sollten gewissermaßen das Christentum erst später treffen, in späteren Epochen der Erdenentwickelung. Und das ist ja wirklich etwas außerordentlich Bedeutsames, etwas erschütternd Großartiges, eben zu sehen, wie da eine verhältnismäßig große Gesellschaft nun im Geistigen weiterlebt, und zwar abseits von der Entwickelung des Christentums, bis eben im 19. Jahrhundert diese Seelen in ihrer Mehrzahl herunterstiegen zur irdischen Inkarnation. Nun, das waren natürlich verschiedene Individualitäten, Individualitäten mit den allermannigfaltigsten Anlagen.

[ 12 ] Der Schwaben-Vischer, Friedrich Theodor Vischer, war eine der ersten Seelen, die im 19. Jahrhunderte aus dieser Gesellschaft heruntergestiegen ist. Und er war eigentlich entzogen, stark entzogen der Möglichkeit, viel vom Christentum überhaupt zu erfahren. Dagegen war, als er noch im vorirdischen Dasein war, bei ihm die Möglichkeit vorhanden, gerade bei denjenigen geistigen Führern der Menschheit Impulse zu erlangen, die zwar dem Christentum mehr oder weniger nahegestanden haben, aber in einem nicht eigentlich innerlich christlichen Sinne ihre Weltanschauung, ihre Lebensimpulse ausgebildet haben.

[ 13 ] Es ist natürlich paradox, wenn man über diese Dinge so redet wie über irdische Dinge, aber ich sagte ja, ich will das Wagnis unternehmen. Für solch eine Seele wie diejenige, die wir jetzt im Auge haben, ist das Durchgehen durch diese Inkarnation im 7., 8. Jahrhundert eine ganz besonders gute Vorbereitung gewesen, um mit Seelen zusammenzuwachsen in der geistigen Welt wie mit der Seele Spinozas oder ähnlicher, namentlich einer großen Anzahl von nichtchristlichen Kulturträgern, die in jenen Jahrhunderten gestorben sind und in die geistige Welt hinaufgekommen sind, namentlich auch kabbalistischen Kulturträgern.

[ 14 ] Und so vorbereitet, kam diese Seele — die anderen kamen nur etwas später — im 19. Jahrhundert ins irdische Dasein. Die anderen wurden alle, und zwar dadurch, daß sie etwas später kamen, "Träger der naturwissenschaftlichen Gesinnung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Denn tatsächlich, das ist das Geheimnis, meine lieben Freunde, für die sonderbare Entwickelung des naturwissenschaftlichen Denkens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, daß fast sämtliche Träger dieser mehr ursprünglich denkenden und fühlenden naturwissenschaftlichen Strömung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ihrem vorigen Erdenleben, in ihrem bestimmenden Erdenleben, Araber waren, Genossen jener Individualität, die dann als Friedrich Theodor Vischer heruntergekommen ist. Nur ist Friedrich Theodor Vischer — gewissermafßen wie eine seelisch-geistige Frühgeburt — früher heruntergekommen.

[ 15 ] Das ist auch tief begründet in seinem Karma durch seinen Zusammenhang mit denjenigen Seelen, mit denen Hegel Zusammenhang hatte, bevor er ins Erdenleben heruntergestiegen ist. Mit diesen Seelen hatte auch Friedrich Theodor Vischer schon im geistigen Leben Zusammenhang. Das übte auf ihn durch seine besondere individuelle Richtung einen Einfluß aus, namentlich für dasjenige, was Hegeltum auf der Erde war. Er wurde durch sein Hegeltum davor bewahrt, in eine mehr oder weniger ganz materialistisch-mechanistische Weltanschauung hineinzuwachsen. Wäre er etwas später geboren worden, wie die anderen Geistgenossen von ihm, so wäre er eben mit seiner Ästhetik auch in eine ganz gewöhnliche materialistische Richtung gekommen. So wurde er davor bewahrt durch dasjenige, was er durchgemacht hat im vorirdischen Leben und durch sein früheres Herunterkommen. Aber er konnte auch nicht daran festhalten. Deshalb hat er eben diese vernichtende Kritik seiner eigenen Ästhetik geschrieben, weil das ja nicht ganz seinem Karma entsprach, sondern als eine Wendung seines Karmas eingetreten ist. Ganz hätte es entsprochen seinem Karma, mit den entschieden bloß naturdenkerisch gesinnten Menschen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die seine Genossen im vorigen Erdenleben waren und dem Arabismus angehörten, geboren zu werden, mit denen derselben Gedankenrichtung zu sein.

[ 16 ] Nun tritt das Eigentümliche ein: Durch eine Biegung des Karmas, die sich ausgleichen wird in späteren Erdenleben von Friedrich Theodor Vischer, wird er zunächst Hegelianer, das heißt, er wird herausgerissen, allerdings vorherbestimmt durch das vorirdische Dasein, aber nicht durch das Erdenkarma, herausgerissen aus der geradlinigen Richtung seines Karmas. Aber in einem gewissen Lebensalter hält er es nicht mehr aus. Er muß in sein Karma hinein. Er verleugnet seine fünfbändige Ästhetik, findet es ungeheuer verführerisch, die Ästhetik so aufzubauen, wie die Naturforscher es wollen. Er hat seine erste Ästhetik von oben nach unten geschaut, ist von den Prinzipien ausgegangen und dann zu dem Sinnlichen übergegangen. Das kritisiert er selber in Grund und Boden hinein. Er will jetzt die Ästhetik von unten nach oben bauen, von den Tatsachen ausgehend allmählich zu den Prinzipien aufsteigen. Und wir sehen ein ungeheures Ringen, sehen, wie er an der Vernichtung seiner eigenen ersten Ästhetik arbeitet. Wir sehen sein abgebogenes Karma, und wie er zurückgeworfen wird in sein eigentliches Karma, das heißt, zusammengeführt wird mit jenen, deren Genosse er war in einem vorigen Erdenleben.

[ 17 ] Und ganz erschütternd bedeutsam ist es wirklich, zu sehen, wie eigentlich Friedrich 'Theodor Vischer niemals fertig wird mit diesem zweiten Bau seiner Ästhetik, wie auch etwas Chaotisches in sein ganzes Geistesleben hineinzieht. Ich habe Ihnen das Philiströse, dieses eigentümliche philisterhafte Verhalten auch zum Goetheschen «Faust» erzählt. Das alles kommt hinein, weil er sich unsicher fühlt und doch wiederum zurück will zu seinen alten Genossen. Man muß nur in Betracht ziehen, wie stark das Unbewußte arbeitet im Karma, dieses Unbewußte, das natürlich für einen höheren Grad des Anschauens dann ein Bewußtes ist. Aber man muß sich nur klar sein darüber: Wie haben gewisse naturforscherische Philister den Goetheschen «Faust» gehaßt! Erinnern Sie sich des Ausspruchs, den ich Ihnen gestern von Du BoisReymond vorgeführt habe: daß Goethe gescheiter getan hätte, den Faust etwas erfinden zu lassen, statt ihn Geister beschwören zu lassen, den Erdgeist beschwören zu lassen, dann mit dem Mephisto zusammenzuführen, Mädchen zu verführen und sie nicht zu heiraten. Ja, das alles sind eigentlich für Du Bois-Reymond Kinkerlitzchen, und es handelt sich ihm darum, daß Goethe hätte sollen einen Helden zeichnen, der die Elektrisiermaschine, die Luftpumpe erfindet! — Gewiß, es würde dann auch ein richtiger sozialer Rückhalt gewesen sein, der Betreffende hätte ja auch Bürgermeister von Magdeburg dabei werden können. Und es wäre vor allen Dingen notwendig gewesen, daß nicht die Gretchen-Tragödie, diese anrüchige, dastünde, sondern daß eine richtige bürgerliche Hochzeit etwa statt der Kerkerszene da wäre. Nun, gewiß, es hat ja schon von einem gewissen Gesichtspunkte aus seine Berechtigung, selbstverständlich; aber Goethe hat das ja ganz sicher nicht gemeint.

[ 18 ] Nicht wahr, Friedrich Theodor Vischer ist eben nicht mehr in völliger Sicherheit gewesen, als er, wie ich sagte, diese Abbiegung des Karmas erfahren hatte. Aber es drängte ihn immer wieder und wiederum zurück, und es war für sein Unbewußtes, trotzdem er dabei ein freier Geist war, immer ein Entzücken, wenn er die Philister auf den Goetheschen «Faust» schimpfen hörte. Dabei wird er natürlich geistreich; es ist wie ein Schneeballwerfen hinüber und herüber. Und gerade wenn man einen Menschen an den Dingen betrachtet, wo man mehr mit der Anschauung herankann, dann bekommt man die Imaginationen, die einen führen müssen hinter die Kulissen des sinnlichen Daseins. Die bekommt man heraus.

[ 19 ] Es gibt zum Beispiel ein feines Bild. Da sind auf der einen Seite die Philister erster Ordnung, wie also zum Beispiel Du Bois-Reymond: Goethe hätte sollen den Faust als Bürgermeister von Magdeburg darstellen, die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfinden, Gretchen heiraten lassen — nicht wahr, das sind die Philister erster Ordnung! Nun, das ist im Unterbewußten, weil ein karmischer Zusammenhang da ist. Das waren alles auch maurische Leute, die im Arabismus mit Friedrich Theodor Vischer drinnenstehenden Leute. Nun, es war anziehend für ihn, er fühlte sich verwandt, aber so war er es wiederum nicht; er war in der Zwischenzeit berührt worden von anderen Strömungen, die eben sein Karma abgebogen haben. Und nun, wenn die Philister erster Ordnung hinüberwarfen mit ihren Schneebällen, dann warf er zurück und sagte: Es soll einer eine Dissertation machen zum Beispiel über den Zusammenhang der Frostbeulen der Frau Christiane von Goethe mit den symbolisch-allegorisch-mythologischen Figuren im zweiten Teil des «Faust». Nicht wahr, das ist genial-philiströs, Philistrosität zweiter Ordnung.

[ 20 ] Diese Dinge in ihrer Wertigkeit nehmen, das ist dann dasjenige, was einen hinwegführt von dem bloß Intellektuellen und einen dann eher an die Anschauung herankommen läßt. Nun, ich wollte Ihnen zunächst einen Hinweis darauf geben — ich werde auf diese Dinge noch weiter zurückkommen —, wie man das eine Erdenleben begreifen kann an vorhergehenden Erdenleben.

[ 21 ] Von einer ungeheuren, erschütternden Bedeutung ist tatsächlich für mich einfach die Figur gewesen, die in Stuttgart herumgegangen ist. Ich habe Sie Ihnen gestern beschrieben: die wunderbaren blauen Augen, den etwas rötlich-bräunlichen Vollbart, die Arme etwa so haltend, diese Gestalt habe ich Ihnen beschrieben. Sehen Sie, nun war diese Anschauung da, auf die ich Sie jetzt hingewiesen habe, aber die physische Statur des Schwaben-Vischers, wie er in Stuttgart herumgegangen ist, die stimmte damit nun nicht, denn er sah wirklich auch für einen okkulten Blick nicht wie ein wiederverkörperter Araber aus. Und ich habe es immer wieder und wiederum fallengelassen, weil man schon tatsächlich auch gegen seine Schauungen einfach, skeptisch kann ich nicht sagen, sie sind ja da, aber mißtrauisch wird. Man will sie in der entschiedensten Weise bekräftigt haben. Ich habe es immer wieder und wieder fallenlassen, bis das Rätsel sich in der folgenden Weise löste:

[ 22 ] Dieser Mann — es handelte sich auch in der damaligen Inkarnation um einen Mann —, dieser Mann hat diejenigen Menschen, die ihm vom Norden entgegenkamen, namentlich von Sizilien entgegenkamen, als sein Ideal betrachtet. Nun war in der damaligen Zeit die Möglichkeit, sich gewissermaßen zu versehen an einem Menschen, der einem besonders gefiel, diese Möglichkeit war besonders groß. Und so bekam er seine Figur in der nächsten Inkarnation von denen, die er bekriegte. Das ist dasjenige, was dann, wie gesagt, von seiten der Statur die Lösung des Rätsels herbeigeführt hat.

[ 23 ] Wir haben gestern eine zweite Persönlichkeit vor unsere Seele gerückt, Franz Schubert, im Zusammenhang mit seinem Freunde und Gönner, dem Freiherrn von Spaun, und im Zusammenhange mit seinem elementarischen Wesen, das auf der einen Seite in solch seltenen Fällen, wie ich Ihnen einen vorgeführt habe, aufbrausen konnte, zum Raufbold werden konnte, und das auf der anderen Seite außerordentlich zart war, wie ein Nachtwandler morgens beim Aufstehen seine schönsten Melodien hinschrieb. Man kommt außerordentlich schwer zu einem Bilde von dieser Persönlichkeit. Aber gerade der Zusammenhang mit Spaun ergibt in diesem Falle ein Bild. Denn bei Franz Schubert hat man durchaus, wenn man — wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — im okkulten Felde rückschauend ihn finden will, das Gefühl, wenn ich mich trivial ausdrücken darf: der Schubert, der entschlüpft einem immer, wenn man in seine vorige Inkarnation zurückgehen will. Man kommt nicht leicht zurück, er entschlüpft einem.

[ 24 ] Es ist wirklich etwas vom Gegenteil zu dem Schicksal, ich möchte sagen, der Schubert-Werke nach dem Tode von Franz Schubert, etwas, was wie der Gegensatz davon auftritt. Bei den Werken von Schubert, bei den Kompositionen war es ja so, daß, als Schubert eben gestorben war, ganz wenig von ihm bekannt war, ganz wenig den Leuten geläufig war. Dann vergingen immer Jahre, er wurde immer mehr und mehr bekannt, und es war schon ganz spät, in den siebziger Jahren, achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, da brachte jedes Jahr immer wiederum neue Werke von Franz Schubert. Es war interessant, denn Schubert wurde plötzlich, nachdem er lange tot war, der fruchtbarste Komponist. Es erschienen immer neue Werke von ihm. Da kam man eben immer wiederum auf den Schubert zurück.

[ 25 ] Wenn man aber von Schuberts Leben im 19. Jahrhundert geistig zurückschaut in sein früheres Erdenleben, dann verlieren sich die Spuren. Man findet ihn nicht leicht.

[ 26 ] Dagegen ist es immerhin möglich, verhältnismäßig leicht die Spuren zu finden für den Freiherrn von Spaun. Und diese Linie, die führt zurück in die Zeit auch des 8., 9. Jahrhunderts, aber nach Spanien. Und zwar war der Freiherr von Spaun ein kastilischer Fürst, der als außerordentlich weise galt, sich mit Astrologie, Astronomie im Sinne der damaligen Zeit beschäftigt hat, sogar astronomische Tafeln reformiert und geformt hat, und der in einer bestimmten Zeit seines Lebens aus seiner Heimat fliehen mußte, und gerade bei den stärksten Feinden der kastilischen Bevölkerung der damaligen Zeit, bei den Mauren, seine Zuflucht gefunden hat.

[ 27 ] Und da muß er sich einige Zeit aufhalten nach seiner Flucht, und da entwickelt sich ein außerordentlich zartes Verhältnis zu einer maurischen Persönlichkeit, in der die Individualität des späteren Franz Schubert steckt. Und ganz gewiß wäre jener kastilische Fürst zugrunde gegangen, wenn dazumal nicht diese feingeistige Persönlichkeit unter den Mauren sich seiner angenommen hätte und ihm entgegengekommen wäre, so daß er doch eben einige Zeit noch das Erdenleben fortsetzen konnte, zur tiefsten Befriedigung der beiden.

[ 28 ] Das, was ich Ihnen erzähle, ist so weit wie möglich von aller intellektualistischen Grübelei entfernt. Ich habe Ihnen sogar angedeutet, wie der Umweg war. Aber auf diesem Umweg wird man tatsächlich geführt dazu, daß in Franz Schubert eine wiederinkarnierte maurische Persönlichkeit steckt, und eine solche maurische Persönlichkeit, eine Persönlichkeit aus dem Kreise der Mauren, die damals ja ziemlich weit davon entfernt war, Musikalisches in der Seele zu verarbeiten, dagegen mit innerstem Hang alles dasjenige gerade verarbeitete, was in arabischer Kultur an feinem Künstlerischem und feinem, ich will nicht sagen Denkerischem, aber feinem Grübelndem herübergebracht worden ist von Asien, durch Afrika gegangen ist und dann in Spanien endlich gelandet ist.

[ 29 ] Da bildete sich bei jener Persönlichkeit in der damaligen Inkarnation vor allen Dingen jene anspruchslose und doch wieder energische Seelenweichheit aus, die das, man möchte sagen, künstlerisch Phantasievolle, Somnambule, in der nächsten Inkarnation, in der Inkarnation von Franz Schubert, hervorzauberte. Auf der anderen Seite mußte diese Persönlichkeit aber auch an den schweren Kämpfen teilnehmen, die nun wiederum zwischen den Mauren und der nichtmaurischen Bevölkerung, der kastilischen, aragonischen Bevölkerung und so weiter waren. Und da bildete sich jene zurückgehaltene emotionelle Ader aus, die dann, ich möchte sagen, wie verhalten nur bei besonderen Gelegenheiten im Schubert-Dasein herauskam.

[ 30 ] Und mir scheint, daß ebenso, wie man das letzte Erdenleben von Friedrich Theodor Vischer erst begreift, wenn man es auf dem Hintergrunde seines Arabismus schauen kann, man auch das ganz Eigentümliche der Schubertschen Musik, namentlich des Untergrundes mancher seiner Liederkompositionen, nur begreifen wird, wenn man eben da schon die Anschauung hat — ich habe sie nicht konstruiert, sie ergibt sich aus den Tatsachen —, wenn man schon die Anschauung hat: da ist Geistiges, Spirituelles, Asiatisches eine Weile durch die Wüstensonne beschienen worden, dann abgeklärt worden in Europa, dann durch die geistige Welt durchgegangen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dann in reiner Menschlichkeit, abgesehen von allen künstlichen sozialen Zusammenhängen, in einem armen Schullehrer wiedergeboren worden.

[ 31 ] Die dritte Persönlichkeit, von der ich gestern gesprochen habe wie gesagt, ich will jetzt zunächst diese Dinge andeuten, wir können auf manches noch zurückkommen —, die dritte Persönlichkeit, von der ich gesprochen habe, Eugen Dühring, sie war mir wirklich interessant aus dem Grunde, weil ich mich als junger Mann außerordentlich viel mit Dühringschen Schriften befaßt habe. Ich war von Dührings physikalischen und mathematischen Schriften, insbesondere seinen Schriften: «Neue Grundmittel und Erfindungen zur Analysis, Algebra, Funktionsrechnung und zugehörigen Geometrie», von seiner Behandlung des Gesetzes von korrespondierenden Siedetemperaturen, ich war von diesen Dingen entzückt. Ich habe mich rasend geärgert bei solch einem Buch wie «Sache, Leben und Feinde», wo er eine Art Selbstbiographie schreibt. Das ist eigentlich etwas schrecklich Selbstgefälliges, aber wirklich Genial-Selbstgefälliges; gar nicht zu reden von etwas, was an die wüstesten Pamphlete erinnert, wie «Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden». Wiederum konnte ich die «Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik» bewundern, solange noch nicht der Löwe drinnen war, sondern nur die Klauen des Löwen. Es wirkte doch etwas unangenehm, es ist zuviel in einer Mechanikgeschichte, nicht wahr, von all den Klatschereien, sagen wir, der Frau Helmholtz geredet, denn es kam bei dem Betreffenden weniger an auf den Hermann Helmkoltz, den Dühring so viel beschimpft, sondern es kam eigentlich an auf das Schwätzen — ja, des Kreises der Frau Helmholtz. Aber gut; das sind solche Dinge. Schwätzen tun selbst die verschiedensten Kreise. Schwätzen tun ja selbst die verschiedensten Kreise der Anthroposophen. Trotzdem seit Weihnachten ein neuer Zug sein sollte, kann man verschiedenes, was da und dort geschwätzt wird in Anthroposophenkränzchen, was recht sehr überflüssig ist, und unter Umständen schon noch auch für die betreffenden Schwätzer und Schwätzerinnen unangenehm werden könnte, man kann es selbst da erfahren. Aber wie gesagt, ich habe alle Nuancen, einen Menschen zu verehren, zu schätzen, zu kritisieren, über ihn mich zu ärgern, durchlebt an den Schriften von Dühring. Daß man da sehen möchte auf den Hintergrund wenigstens des nächstvorigen Erdenlebens, wie sich so etwas entwickelt hat, das werden Sie begreiflich finden.

[ 32 ] Aber auch hier war es wiederum nicht leicht, und es traten zunächst — ich möchte auch nicht damit zurückhalten, diese Dinge zu erwähnen —, es traten zunächst Blender auf. Man kriegt ja immer, wenn man gerade an solche Untersuchungen herangeht, allerlei Impressionen, manchmal auch furchtbare Impressionen. Ich saß selbst einmal an einem Kaffeehaustisch in Budapest, da waren versammelt der wiederverkörperte Joseph II., Friedrich der Große, die Marquise von Pompadour, Seneca, der Herzog von Reichstadt, Marie Antoinette, und dann kam noch Wenzel Kaunitz während des Abend dazu. Die waren an diesem Kaffeehaustisch, das heißt, die Leute hielten sich dafür, waren der Meinung, daß sie das seien. Also ich meine, es kommt ja immer so irgend etwas heraus, wenn die Leute grübeln, oder anfangen, mit irgendeinem hellseherischen Unfug die Sache zu machen oder dergleichen. Wie gesagt, es kommen leicht Blender, weil es sich da manchmal wirklich darum handelt, von dem prägnantesten Punkt im Leben irgendeines Menschen, das heißt in einem bestimmten Erdenleben, auszugehen, um angemessen zurückgeführt zu werden. Und bei Dühring wollte mir das lange nicht gelingen, irgendeinen prägnanten Punkt zu finden.

[ 33 ] Da habe ich denn folgendes gemacht. Ich vergegenwärtigte mir dasjenige, was mir zunächst das Allersympathischste an ihm war: das ist seine mechanistisch-materialistische, aber doch eigentlich wiederum in einem gewissen Sinne wenigstens intellektuell-geistige Weltauffassung. Ich überlegte mir, wie das alles mit einer endlichen Raumeswelt, mit einer endlichen Zeitwelt zu tun hat, konstruierte also die ganze Dühringsche Weltanschauung nach. Das kann man ja leicht tun. Wenn man damit nun geht und in der Rückwärtsbetrachtung nach früheren Inkarnationen sieht, da ergeben sich unzählige Inkarnationen und wiederum Blendung. Ja, man findet nichts; es ergeben sich unzählige Inkarnationen, die sind natürlich nicht und können nicht in solcher Anzahl da sein: es sind bloße Spiegelungen der gegenwärtigen Inkarnation. Denn geradeso wie wenn Sie in einem Saale hier einen Spiegel haben und dort einen, so sehen Sie da ins Endlose hinein gespiegelt. Da kam ich denn darauf, mir intensiv die Vorstellung zu bilden: Wie nimmt sich, ganz klar gedacht, diese Weltanschauung aus, die der Dühring hat? Ich lasse jetzt alles weg, was aus gehässiger Kritik, Schimpfiererei oder sonstigem Trivialismus besteht, ich lasse das alles weg, ich nehme das Großartige, das mir noch immer als Weltanschauung genügend antipathisch ist, das mir aber durch die Art und Weise, wie Dühring es vertrat, sympathisch war — ich stelle mir das lebhaft vor. Aber nun gehe ich daran, mir klar die Realität bei Dühring zu bilden. Er sieht das doch alles von einem bestimmten Jahre an als Blinder! Ein Blinder sieht die Welt eben gar nicht! Er stellt sie daher anders vor als ein Sehender. Und in der Tat, die gewöhnlichen, ich möchte sagen, Alltagsmaterialisten, Alltagsmechanisten, die unterscheiden sich von Dühring. Der Dühring ist ihnen gegenüber genial. Wirklich, alle diese Leute, die da Weltanschauungen aufgebaut haben, der dicke Vogt, Büchner, Moleschott, Spiller, Wießner, wie sie alle heißen ja, nicht wahr, zwölf Dutzend geben eben zwölf Dutzend —, das alles ist doch noch etwas anderes als die Art und Weise, wie Dühring diese Weltanschauung aufbaut. Man sieht auch, daß er schon die Anlage, das Hinstoßen gehabt hat auf eine besondere Gestalt von dieser Weltanschauung, als er noch sehen konnte, und daß diese Weltanschauung eigentlich erst für ihn paßte, als er nicht mehr sehen konnte, als der Raum um ihn herum verfinstert war. Denn in den finsteren Raum paßt eigentlich alles das hinein, aus dem sich Dühring die Welt konstruiert hat. Man hat etwas Unrichtiges, wenn man sich vorstellt: Das hat einer gemacht, der gesehen hat.

[ 34 ] Nun denken Sie sich, es ist jetzt bei Dühring eine ungeheure Wahrheit — wie gesagt, andere haben auch solche Weltanschauungen aufgebaut, hundertvierundvierzig gehen auf zwölf Dutzend von solchen Leuten, die solche Weltanschauungen bauen —, aber bei Dühring ist es doch anders, bei Dühring ist es eine Wahrheit: Die anderen sehen und machen Weltanschauungen wie die Blinden; Dühring ist blind und macht die Weltanschauung wie ein Blinder. Das ist nun etwas ungeheuer Frappierendes. Und kommt man einmal darauf, sieht man diesen Menschen an und weiß: Hier war einer innerlich aus seelischer Entwickelung wie ein Blinder, der nun mechanistisch wird deshalb, weil er blind ist. Dann findet man ihn wiederum zunächst — und zwar kommen hier zwei Inkarnationen in Betracht —, man findet ihn inmitten derjenigen Bewegung im christlichen Osten als einen, der, so um das 8., 9. Jahrhundert herum, bald den Abbau alles Bildhaften protegiert, Bilderstürmer wird, bald wiederum die Bilder in ihre Rechte einsetzt. In Konstantinopel namentlich entwickelt sich dieses Kämpfen um eine Bilderreligion oder bilderfreie Religion. Da finden wir nun die spätere Dühring-Individualität als einen Menschen, der mit allem Enthusiasmus für ein bilderfreies Kulturleben stürmt, mit einer richtigen Landsknechtnatur. Und ich möchte sagen, rein im physischen Kampf sieht man nun alles das bei ihm, was später in Ausdrücken zutage tritt.

[ 35 ] Mir war etwas ungeheuer interessant: Im zweiten Bändchen der Julius Robert Mayer-Schrift, da findet sich ein eigentümliches Wort. Man bekommt ja die Sache anschauungsgemäß! Dühring hatte als Bilderstürmer eine besondere Art, den Säbel zu bewegen, diesen eigentümlichen Krummsäbel, der ja auch dazumal sich schon nach und nach ausbildete. Ich fand einen Einklang — nicht wahr, es kommt da wirklich auf bildhafte Einzelheiten an — mit einem Wort in dem Julius Robert Mayer-Buch. Das ist ein Kapitel, das heißt: «Schlichologisches», Schlichologisches im deutschen Universitätsleben und so weiter! Da wo man Streiche macht, wo man von der Seite hineinkommt: Schlichologisches!

[ 36 ] Geradeso, wie er den schönen Ausdruck «Intellektuaille» gebildet hat im Anklang an Kanaille, so bildet er «Schlichologisches». Er erfindet die mannigfaltigsten Worte. Man kann, wie gesagt, an solchen scheinbar untergeordneten Dingen viel sehen. Und so paradox es scheinen mag, man kommt eigentlich nicht auf den Zusammenhang der verschiedenen Erdenleben, wenn man nicht einen Sinn hat, in Symptomen etwas zu sehen. Wer nicht aus der Art und Weise, wie ein Mensch geht, oder wie ein Mensch auftritt mit den Sohlen, auf seinen Charakter schließen kann, der wird nicht leicht in solchen Dingen, wie ich sie jetzt vortrage, Fortschritte machen. Man muß schon die Art und Weise, wie da diese Individualität den Säbel dazumal bewegt hat, hineinspringen sehen in die Worte, die er dann bildete.

[ 37 ] Und nun ist es gerade dieser Dühring, der eigentlich so viel schimpfte, namentlich auf die gelehrten «Verlehrten»! Er sagte, lieb war es ihm schon, wenn er gar nicht mehr Namen haben müßte, die an die alte Wissenschaftlichkeit erinnern. Er will keine Logik haben, will eine Anti-Logik haben, keine Sophia, eine Anti-Sophia, er will keine Wissenschaft haben, will eine Anti-Wissenschaft haben. Das wäre ihm eigentlich am liebsten, alles «anti» zu machen; er spricht das ausdrücklich aus. Nun, dieser Mann, der also so furchtbar geschimpft hat auf alles Gelehrte, war gerade in der Inkarnation, die wiederum wie hinter dieser landsknechtmäßigen Bilderstürmer-Inkarnation dasteht, in der dahinterstehenden Inkarnation also, noch innerhalb der Schule der griechischen Stoiker, ein richtiger griechischer stoischer Philosoph. Gerade Dühring war im Altertum das, über was er am meisten schimpft: Er war in der dritten, zweitvorangehenden Inkarnation durchaus Philosoph, und zwar stoischer Philosoph, also einer derjenigen Philosophen, die sich zurückzogen vom Erdenleben.

[ 38 ] Aber mir war das dazumal zunächst aufgegangen: Ungeheuer viele Gedankenformen, die bei Dühring sich finden, finden sich bei den Stoikern! Es ist nur nicht immer so einfach! Über die Form von Gedanken bei den Stoikern und bei Dühring könnte ein ganzes Seminar Dissertationen machen.

[ 39 ] Man kommt also zunächst auf das Bilderstürmer-Zeitalter, im 9. Jahrhundert etwa, im europäischen Osten, wo Dühring eben ein Bilderstürmer war, und dann ins 3. vorchristliche Jahrhundert, in die alte stoische Zeit des Griechentums zurück.

[ 40 ] Und nun ist es wirklich wiederum erschütternd: Der Stoiker, der anspruchslos wird im Leben, sich zurückzieht vor demjenigen, was nicht unmittelbar für das Leben notwendig ist, der resigniert, der resigniert im Laufe des zweitnächsten geistigen Lebens auf das Augenlicht im Erdenleben. Und darinnen wird er wahr. Und er ist es dann, der die Blindheit der modernen Weltanschauung in einer grandiosen Weise zur Darstellung bringt.

[ 41 ] Wie man sich auch stellt zu der Dühringschen Weltanschauung, das ist das Tragisch-Erschütternde, daß Dühring in seiner Persönlichkeit die Wahrheit der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts ist, und diese Wahrheit spricht Dühring durch seinen Menschen aus. Dieser Stoiker, der in die Welt nicht schauen wollte, wurde blind; dieser Bilderstürmer, der die Bilder vernichten wollte, kann nicht leiden irgendein Bild, macht die Literaturgeschichte, macht die Dichtung zu dem, was sie eben geworden ist in seinen zwei Büchern über Literaturgrößen, wo nicht nur Goethe und Schiller herausfallen, wo höchstens noch Bürger eine bestimmte Rolle spielt. Da wird wahr, was sonst verlogen ist. Denn sonst wird behauptet durch die Menschen: Der Mechanismus, der Materialismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der sieht! Nein, das ist die Unwahrheit, er sieht nicht, er ist blind, und Dühring stellt ihn in seiner Wahrheit dar!

[ 42 ] So stellt denn eine repräsentative Persönlichkeit, richtig betrachtet an ihrem Ort, zu gleicher Zeit das welthistorische Karma dar, das Karma, das die Zivilisation selber in ihrer Weltanschauung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte.

[ 43 ] Von diesen Dingen werden wir dann das nächste Mal weiterreden.