Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band I
GA 235
22 März 1924, Dornach
Elfter Vortrag
[ 1 ] Die Karmabetrachtungen, die wir hier angestellt haben, und die uns ja in der letzten Zeit zu sehr bestimmten einzelnen Fällen von karmischen Zusammenhängen geführt haben, sie sollen Stoff zusammentragen für eine Beurteilung nicht nur einzelmenschlicher Zusammenhänge, sondern auch geschichtlicher Zusammenhänge. Und deshalb möchte ich zu den Beispielen, die ich behandelt habe, heute und morgen noch einzelnes hinzufügen, heute einiges Vorbereitende und morgen dann die karmischen Betrachtungen dazufügen.
[ 2 ] Sie werden ja gesehen haben, daß die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen dem einen und dem anderen Erdenleben eigentlich immer auf ganz bestimmten Symptomen ruhen muß, bestimmten einzelnen Tatsachen, von denen man ausgehen muß, und die einen dann dazu führen, die konkreten Zusammenhänge zu sehen. Und ich habe Ihnen für die gewagten Fälle, die ich angeführt habe, ja auch gezeigt, worinnen diese einzelnen Anhaltspunkte im besonderen zu suchen sind.
[ 3 ] Nun möchte ich heute, wie gesagt, vorbereitend den morgigen Vortrag, Ihnen gewisse Fälle vorlegen, die dann aber erst morgen zur Lösung kommen werden.
[ 4 ] Da möchte ich zunächst auf das besondere Interesse hinweisen, das die eine oder die andere Persönlichkeit erregen kann. Ich werde geschichtliche Persönlichkeiten und Persönlichkeiten aus dem gewöhnlichen Leben anführen. Das besondere Interesse, das solche Persönlichkeiten in uns erregen können, kann uns schon darauf führen, gewissermaßen einen Antrieb zu bekommen, die Lebenszusammenhänge zu suchen. Und wer sie richtig suchen kann, der kann sie dann eigentlich auch finden. Denn Sie werden bemerkt haben, gerade aus der Art und Weise, wie ich dargestellt habe, daß es auf das richtige Suchen wesentlich ankommt.
[ 5 ] Nun ist — wir wollen in dem, was gewagt ist, durchaus fortfahren, uns nicht abhalten lassen, diese gewagten Betrachtungen anzustellen doch zweifellos, wie man sich sonst auch zu dieser Persönlichkeit stellen kann, eine interessante europäische Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts Garibaldi, der natürlich in einer ganz merkwürdigen Art sich in den geschichtlichen Zusammenhang des 19. Jahrhunderts hereinstellte. Wollen wir ihn heute einmal, wie gesagt, vorbereitend betrachten, und ich will Ihnen insbesondere die Dinge vorlegen, die den geisteswissenschaftlichen Betrachter dann zu den Zusammenhängen führen können, die wir morgen ins Auge fassen wollen.
[ 6 ] Garibaldi ist ja eine Persönlichkeit, die sozusagen das ganze 19. Jahrhundert in einer ganz außerordentlich bedeutsamen Weise miterlebt hat, die 1807 geboren ist und bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts an hervorragendem Platze gewirkt hat. Das bedeutet schon einen charakteristischen Menschenausdruck, insbesondere für diese Zeit des 19. Jahrhunderts.
[ 7 ] Wenn wir nun die geistig wesentlichen Züge dieses Lebens betrachten, so finden wir: er ist der Sohn eines armen Mannes in Nizza, eines armen Mannes, der Schiffahrtsdienste zu leisten hat, ein Kind, das wenig Neigung hat, teilzunehmen an dem, was so die landläufige Erziehung dem Menschen bietet, ein Kind, das eigentlich kein guter Schüler ist, aber ein reges Interesse hat für die mannigfaltigsten Menschheitsangelegenheiten. Was ihm in der Schule geboten wurde, hat ihn ja in ziemlich weitgehendem Umfange dazu veranlaßt, möglichst viel nicht gerade die Aufmerksamkeit in den Klassen zu entfalten, sondern mehr das Schwänzen außerhalb der Schule. Aber wenn er irgendein Buch bekommen konnte, das ihm Interesse einflößte, so konnte er — trotzdem er sonst viel lieber herumtollte, am Ufer oder in Wäldern herumtollte, wenn der Lehrer auf seine Art die Welt den Kindern beibringen wollte — auf der anderen Seite auch wiederum gar nicht weggebracht werden von solch einem Buche, das gerade sein besonderes Interesse erregt hatte. Da konnte er mit dem Rücken auf der Erde, mit dem Bauche der Sonne zugewendet, lange Zeit liegen, auch das Essen wiederum schwänzen, und sich ganz vertiefen in ein solches Buch.
[ 8 ] Aber am meisten interessierte ihn doch die Welt. Er machte sich früh daran, hineinzuwachsen in den Beruf seines Vaters, und er hat teilgenommen, zuerst in unselbständiger, dann in selbständiger Stellung, am Herumfahren auf dem Meere mit den Schiffen, hat das Adriatische Meer viel befahren und all das mitgemacht, was dazumal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch möglich war. Es war ja die Zeit, wo noch nicht der Liberalismus, die Demokratie alles in Polizeimaßregeln auch auf dem Meere einschematisiert hatte, sondern wo es noch etwas freiere Regsamkeit im Menschenleben gab. Da hat er denn, wie es eben ist, wenn man — nun ja, mehr oder weniger — tun kann, was man will, allerdings auch das mitgemacht, daß, ich glaube, drei- oder viermal ist ihm das passiert, das Schiff gekapert worden ist von Seeräubern und er in die Gefangenschaft von Seeräubern gekommen ist, Aber er war ja auch neben dem, daß er genial war, schlau und ist immer wieder entkommen, und zwar sehr bald entkommen.
[ 9 ] So wuchs er denn heran, eigentlich immer in der großen Welt lebend — wie gesagt, ich will nicht eine Biographie geben, sondern nur einzelne charakteristische Züge anführen, die dann morgen auf eine wesentliche Betrachtung führen können —, und er bekam einen besonders lebendigen Eindruck von dem, was sich ihm als inneres Verhältnis zur Welt aus seiner Wesenheit heraus ergeben konnte, als er einmal, schon ziemlich herangereift, von seinem Vater an Land geführt worden ist, und zwar gerade in Rom, wo er dann von Rom aus Italien betrachtet hat. Es muß da etwas Besonderes gerade bei dieser Betrachtung Italiens von Rom aus durch seine Seele gezogen sein. Er hat ja, wenn er so mit seinen Schiffern durch das Meer gefahren ist, von den Leuten, die zumeist sehr regsam waren, aber gerade ein bestimmtes Interesse nicht hatten, die nämlich schlafend waren für die Zeitverhältnisse, manchmal wohl einen Eindruck empfangen, der ihn zur Verzweiflung bringen konnte, weil die Leute keinen Enthusiasmus hatten für echtes Menschentum, das insbesondere in ihm in einer gemütvoll genialen Weise eigentlich frühzeitig zur Geltung gekommen ist.
[ 10 ] Und so muß etwas — man möchte fast sagen wie eine Vision — dazumal bei diesem An-Land-Gehen in Rom durch seine Seele gezogen sein, was ihm seine spätere Rolle bei der Befreiung Italiens vorgezeichnet hat. Und aus seinen übrigen Lebensverhältnissen heraus ist er ja in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dasjenige geworden, was dazumal leichter den Menschen geworden ist: Er ist eigentlich fanatisch antikatholisch, antiklerikal und fanatischer Republikaner geworden, ein Mensch, der sich deutlich vorsetzte, alles zu tun, was er nur tun könne, um das Glück der Menschheit in der ihm möglichen Weise herbeizuführen, der das auch wirklich sich vornahm zu tun.
[ 11 ] Als er dann teilgenommen hat an allerlei Bewegungen, die ja in Italien auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer da waren, Bewegungen innerhalb engerer Kreise, da ist es ihm passiert, daß er zum erstenmal — ich glaube, er war schon dreißig Jahre alt oder so etwas um dreißig herum — seinen Namen in der Zeitung gelesen hat. Das bedeutete ja dazumal noch viel mehr als heute, seinen Namen einmal in der Zeitung zu lesen. Aber er hat eben gerade ein besonderes Schicksal gehabt in bezug auf dieses Lesen seines Namens in der Zeitung, denn er hat ihn bei der Gelegenheit gelesen, als sein Todesurteil verkündet wurde durch die Zeitung. Also er hat sich selber zuerst gelesen, als er sein Todesurteil durch die Zeitung gegeben sah. Es ist immerhin ein charakteristischer Zug, denn nicht jeder Mensch erlebt so etwas, nicht wahr?
[ 12 ] Nun, es war ihm aber nicht gegönnt — und das ist sehr charakteristisch, weil schon damals durchaus sein Enthusiasmus vorhanden war —, es war ihm nicht gegönnt, da schon etwa in die Verhältnisse Italiens oder Europas einzugreifen, sondern es war ihm vom Schicksal auferlegt, zunächst nach Amerika zu gehen und in Amerika an allerlei Freiheitsbewegungen teilzunehmen, bis gegen das Jahr 1848 hin. Aber er blieb immer ein ganz merk würdiger, mit ganz besonderen individuellen Eigenschaften ausgestatteter Mensch. Ist schon das, was ich eben erwähnt habe, ein doch recht singulärer Zug in seinem Leben, daß er seinen Namen zuerst in der Zeitung findet bei Bekanntmachung seines eigenen Todesurteils, so hat er noch eine, man kann schon sagen individuelle biographische Tatsache erlebt, etwas, was auch den wenigsten Menschen passiert. Er hat nämlich die weibliche Persönlichkeit, mit der er dann das Glück seines Lebens durch viele Jahre hindurch begründet hat, auf einem ganz eigentümlichen Wege kennengelernt, nämlich von weit draußen auf dem Meere, wo er auf dem Schiffe war, durch ein Fernglas ans Land hin. Das ist auch eine nicht gerade bei den meisten Menschen vorkommende Art, sich zu verlieben: durch ein Fernglas.
[ 13 ] Dann aber wiederum hat es ihm das Schicksal besonders leicht gemacht, diese von ihm als die Seinige auf den ersten Blick — aber wie gesagt, auf den ersten Blick durch das Fernglas —, als die Seinige bezeichnete, bald auch kennenzulernen. Denn natürlich, er steuerte sofort auf das Land zu, in der Linie, die er gesehen hatte durch das Fernglas, und da wurde er eingeladen von einem Manne zum Mittagessen. Und siehe da, es stellte sich gleich nachher heraus — er hatte die Einladung angenommen —, daß das der Vater der Persönlichkeit war, die er durch das Fernglas gesehen hatte. Nun konnte sie nur Portugiesisch, er nur Italienisch; aber es wird versichert von dem Biographen, und es scheint auch richtig zu sein, daß die junge Dame, trotzdem sie nur Portugiesisch konnte, seine ganz kurz bemessene Liebeserklärung, die er nun auch mündlich ablegte, die ja nur in den Worten bestanden zu haben scheint: Wir müssen uns vereinen für das Leben — italienisch gesagt —, daß sie sofort diese Liebeserklärung verstanden hat. Und tatsächlich wurde daraus eine Lebensgemeinschaft für lange, lange Zeit.
[ 14 ] Diese Persönlichkeit nahm teil an all den furchtbar abenteuerlichen Reisen, die er in Südamerika absolviert hat, und es gibt Züge, die einen erschütternden Eindruck machen. So zum Beispiel ist einer der Züge der, daß sich das Gerücht verbreitete, Garibaldi wäre getötet worden im Kampf. Nun stürmte die Frau aufs Schlachtfeld und hob jeden Kopf auf, um nachzusehen, ob das Garibaldi sei. Dann fand sie nach langer Zeit, nachdem sie viel abenteuerlich zu suchen hatte, ihn eben doch als Lebendigen wieder.
[ 15 ] Aber schon wirklich erschütternd ist es, daß sie bei dieser abenteuerlichen Reise auf der Suche nach Garibaldi, die lange Zeit dauerte, ohne jede Hilfe ihr Kind geboren hat, daß sie, um es warm zu halten, es an einem Band um den Hals gebunden und an ihrer eigenen Brust warm gehalten hat durch lange Zeiten. Es sind in dieser amerikanischen Tätigkeit Garibaldis schon wirklich die tief erschütterndsten Züge vorgekommen.
[ 16 ] Als dann in Europa die Zeit kam um die Mitte des 19. Jahrhunderts, wo die verschiedenen Freiheitsimpulse durch die Völker gingen, da hielt es Garibaldi nicht mehr in Amerika, da kam er zurück in sein Vaterland. Und das ist ja ziemlich allgemein bekannt geworden, wie er nun in intensivster und regster Weise durch das Werben von Freischaren unter den schwierigsten Verhältnissen beigetragen hat zu dem, was dann Italien geworden ist und nicht nur beigetragen hat, sondern der eigentliche Schöpfer dessen war, was geschehen ist.
[ 17 ] Und da tritt ein Zug in seinem Leben, in seinem Charakter ganz besonders stark hervor. Er war ja ein in jeder Beziehung unabhängiger Mann, ja, ein Mann, der eigentlich, ich möchte sagen, auf naive Weise immer in allen Lebensverhältnissen groß dachte und sich nur um das bekümmerte, was aus seinen innersten Impulsen hervorquellen wollte. Und so ist es schon wirklich sehr merkwürdig, wie er alles getan hat, um die Dynastie des Viktor Emanuel dazu zu bringen, eben dem Königreich Italien vorstehen zu können, während eigentlich die ganze Einigung Italiens, die Befreiung Italiens von ihm ausgegangen ist. Diese Dinge, wie er Neapel, Sizilien erobert hat mit verhältnismäßig ganz geringer, undisziplinierter, aber begeisterter Truppenmacht, wie dann der spätere König von Italien nur einzuziehen brauchte in die von Garibaldi für das Königtum eroberten Gebiete, wie aber doch im Grunde genommen nichts von seiten der königlichen Familie und ihrer Umgebung geschehen ist, um in der richtigen Weise zu würdigen, was Garibaldi getan hatte, das ist doch schon etwas, was einen tiefen Eindruck machen kann. Denn im Grunde genommen, wenn man es trivial ausdrücken wollte, müßte man sagen: die Savoyische Dynastie verdankte Garibaldi alles, und sie war im höchsten Grade undankbar gegen Garibaldi, hat eigentlich nur diejenigen Höflichkeiten gebraucht gegen Garibaldi, denen man sich eben nicht entziehen konnte, die notwendig waren.
[ 18 ] So zum Beispiel gerade beim Einzug in Neapel. Garibaldi hatte doch Neapel für die Dynastie erobert und wurde von den Neapolitanern als der eigentliche Befreier angesehen, bei dessen Erscheinen überall ein Sturm von Jubel losging. Es wäre undenkbar gewesen, daß etwa der spätere König von Italien in Neapel ohne Garibaldi eingezogen wäre. Ganz undenkbar wäre es gewesen, Aber die Ratgeber, die waren entschieden dagegen. Gewiß, es ist ja bei manchen ähnlichen Ratgebern viel Kurzsichtigkeit; aber wenn nicht doch Viktor Emanuel einen gewissen Instinkt gehabt hätte und Garibaldi in seiner roten Bluse nicht neben sich hätte sitzen lassen beim Einzug in Neapel, so würde er ganz gewiß statt mit Jubel, mit dem eigentlich Garibaldi, nicht der König von Italien, empfangen worden ist, er würde ganz gewiß ausgepfiffen worden sein. Das ist etwas, was man mit absoluter, exakter Sicherheit behaupten kann, wenn er in Neapel ohne Garibaldi eingezogen wäre.
[ 19 ] So war es eigentlich im Grunde genommen auf Schritt und Tritt. Bei einem der Züge, mehr in Mittelitalien, hat eigentlich Garibaldi alles geleistet. Die königlichen Feldherrn mit dem König sind — ich weiß nicht, man sagt in solchen Fällen, um es glimpflich auszudrücken zu spät gekommen: es war schon durch Garibaldi alles fertiggemacht. Aber als das Heer mit den viele Orden tragenden Feldherrn erschien und begegnete dem Garibaldi-Heer, das keine Orden trug, das auch ziemlich anspruchslos sonst in der Kleidung war, da erklärten die Feldherrn: Ja, man kann doch nicht mit denen zusammen etwa reiten, das läßt sich doch nicht machen, das kann nicht sein. Aber Viktor Emanuel hatte, wie gesagt, einen gewissen Instinkt. Er rief Garibaldi an seine Seite, und die Feldherrn, die lange Nasen machten, mußten sich nun zunächst mischen unter diejenigen, die als Garibaldi-Heer sich anreihten. Diesen Feldherrn scheint entsetzlich schlecht geworden zu sein, sie scheinen Magenkrämpfe gekriegt zu haben. Und dann ging es schon nicht anders: Als dann der Einzug in eine Stadt geschehen sollte, mußte Garibaldi, der eigentlich alles gemacht hatte, als Nachhut ganz hinten sich anschließen. Sie mußten die anderen voranmarschieren lassen. Es ist ein Fall, wo die Leute tatsächlich gar nichts getan hatten, aber sie zogen zuerst ein, und dann Garibaldi mit seinen Garibaldianern.
[ 20 ] Das Wesentliche sind diese merkwürdigen Schicksalsverkettungen. Gerade an diesen Schicksalsverkettungen müssen Sie das sehen, was auf die karmischen Zusammenhänge führt. Denn, nicht wahr, es hat ja nicht eigentlich etwas direkt mit menschlicher Freiheit oder Unfreiheit zu tun, daß man zuerst seinen Namen bei seinem Todesurteil gedruckt findet, oder daß man seine Frau durch ein Fernglas findet. Das sind schon Schicksalszusammenhänge, die neben dem, was trotzdem immer als Freiheit im Menschen ist, einherlaufen. Aber diese Dinge, von denen man sicher sein kann, daß sie Schicksalsverkettungen sind, die sind zu gleicher Zeit die großen Anreger, um eben das Wesen des Karmas praktisch zu studieren.
[ 21 ] Nun, es sind bei solchen Persönlichkeiten auch, ich möchte sagen, die Nebensächlichkeiten des Lebens charakteristisch. Bei solchen Persönlichkeiten sind sie wirkliche, starke Nebensächlichkeiten. Sehen Sie, Garibaldi war, was man einen schönen Mann nennt. Er hatte sehr schönes dunkelblondes Haar, war überhaupt sehr schön. Das Haar war lockig, dunkelblond, und wurde von den Frauen sehr geliebt. Nun, man kann ja, wie gesagt, schon aus den wenigen Zügen, die ich Ihnen von der durch das Fernrohr Erkorenen angeführt habe, von ihr nur das Allerbeste, Interessanteste, Hingebungsvollste sagen; aber eifersüchtig scheint sie doch gewesen zu sein! Das scheint doch nun nicht ganz von ihr weggeblieben zu sein.
[ 22 ] Was tat Garibaldi, als die Eifersucht, wie es scheint, eines Tages doch starke Dimensionen angenommen hatte? Er ließ sich sein schönes blondes Haar bis auf die Wurzeln wegschneiden, er ließ sich zum Kahlkopf machen. Es war noch in Amerika. Das alles sind Züge, die wirklich zeigen, wie sich die Schicksalsnotwendigkeiten in das Leben eben hineinstellen.
[ 23 ] Garibaldi wurde dann eine europäische Größe nach dem, was er in Italien getan hatte, und wer heute durch Italien reist, weiß ja, daß man eigentlich, wie man von Stadt zu Stadt reist, so auch von Garibaldi-Denkmal zu Garibaldi-Denkmal reist. Aber es gab Zeiten in Europa, wo auch überall außerhalb Italiens der Name Garibaldi mit riesigem Interesse und großer Hingebung genannt worden ist, wo auch, sagen wir, sogar die Damen in Köln oder in Mainz oder irgendwo rote Blusen trugen zu Ehren Garibaldis, weil die rote Bluse eben die Tracht der Garibaldianer war — von London ganz abgesehen: da war die rote Bluse ganz Mode geworden.
[ 24 ] Aber dieser Zug ist interessant: Als dann der Deutsch-Französische Krieg 1870 war, stellte sich der nunmehr alt gewordene Garibaldi den Franzosen zur Verfügung. Und interessant ist es, daß er eigentlich der einzige war, der bei einer gewissen Gelegenheit, trotzdem er ja doch nur geübt war in den freien Kriegen, die er in Italien und in Amerika geführt hatte, doch in einem verhältnismäßig regulären Kriege eine deutsche Fahne so erbeutet hat, daß sie hervorgezogen werden mußte aus einem Menschenhaufen, der sie ganz bedeckt hatte, sie schützen wollte mit den eigenen Leibern. Garibaldi hat die Fahne erbeutet. Aber weil er wiederum einen ungeheuren Respekt davor hatte, daß die Menschen sich mit ihren eigenen Leibern auf die Fahne geworfen hatten, hat er sie, nachdem er sie erbeutet hatte, den Besitzern wiederum zurückgeschickt. Allerdings ist er dann, als er in einer Versammlung erschienen ist, ausgepfiffen worden ob dieser Tat.
[ 25 ] Nicht wahr, nicht nur ein interessantes Leben, sondern tatsächlich ein Mensch, der sich schon in einer ungeheuer charakteristischen Weise abhebt von allem dem, was sonst im 19. Jahrhundert an Größen heraufgekommen ist! So ursprünglich, so elementar und so aus primitiven und doch wiederum genialen Impulsen heraus wirkend waren die anderen auf diesem Gebiete ganz gewiß nicht. Sie waren vielleicht imstande, größere Heeresmassen zu führen, regelrechter tätig zu sein, aber eine so echte, ursprüngliche Begeisterung für das, was auf diesem Wege angestrebt wurde, war wohl bei niemandem vorhanden in diesem Zeitalter, das schon so tief im Materialismus drinnengesteckt hat.
[ 26 ] Nun, das ist eine der Persönlichkeiten, die ich Ihnen vorführen möchte. Wie gesagt, ich werde heute die Vorbereitungen geben, morgen die Lösungen versuchen.
[ 27 ] Eine andere Persönlichkeit ist Ihnen ja dem Namen nach sehr gut bekannt; aber gerade diese Persönlichkeit ist in bezug auf die Untersuchung des Karmas von einem außerordentlich großen Interesse: das ist Lessing.
[ 28 ] Ich möchte sagen, gerade Lessings Lebenszusammenhänge haben mich immer außerordentlich interessiert. Lessing ist ja eigentlich, möchte man sagen, der Begründer des besseren Journalismus, jenes Journalismus, der Substanz hat, jenes Journalismus, der auch noch etwas will.
[ 29 ] Dabei ist Lessing bestrebt, gegenüber jenem überbürgerlichen Elemente, das eigentlich vor ihm innerhalb seines Zivilisationskreises den alleinigen Gegenstand für den Dichter, für den Dramatiker bildete, das bürgerliche Leben in das Drama einzuführen, dasjenige Leben überhaupt, welches zusammenhängt mit den Schicksalen der Menschen als Menschen, nicht mit den Schicksalen der Menschen, insofern diese eine soziale Stellung und dergleichen haben. Die rein menschlichen Konflikte wollte Lessing auf die Bühne bringen.
[ 30 ] Dabei hat er sich an manches große Problem herangemacht, wie an das, daß er versuchte, die Grenzen der Malerei und Poesie festzustellen in seinem «Laokoon». Aber das Interessanteste ist, in welcher, ich möchte sagen, stoßkräftigen Art Lessing die Toleranzidee verfochten hat. Sie brauchen ja nur seinen «Nathan der Weise» einmal ins Auge zu fassen, dann werden Sie sehen, wie in diesem Lessing die Toleranzidee in ganz eminentester Weise lebt, wie er im Hineinflechten der Fabel von den drei Ringen in seinem «Nathan» zeigen wollte, wie die verschiedenen Religionen abgeirrt sind, wie die drei Hauptreligionen abgeirrt sind von ihrer ursprünglichen Gestalt, wie sie eigentlich alle drei nicht echt sind, und man die echte, die verloren ist, suchen müsse. So daß also hier die Toleranz mit einer außerordentlich tiefsinnigen Idee verbunden ist.
[ 31 ] Dann aber ist bei Lessing interessant dieses Freimaurergespräch «Ernst und Falk» und anderes, was herausstammt aus der Freimaurerei. Was Lessing als geschichtlicher Erforscher des religiösen Lebens, als Kritiker des religiösen Lebens geleistet hat, das ist ja etwas, was für den, der zu beurteilen vermag, was so etwas bedeutet innerhalb des 18. Jahrhunderts, eben erschütternd ist. Man muß nur diesen ganzen Lessing in seiner Persönlichkeit sich vor die Seele stellen können.
[ 32 ] Das kann man allerdings nicht, wenn man auf der einen Seite, sagen wir, etwa lesen wollte das zweibändige, als abschließend geltende Werk über Lessing von Erich Schmidt, denn da ist nicht Lessing geschildert, da ist ein Hampelmann geschildert, der zusammengesetzt ist aus verschiedenen menschlichen Gliedern, und von dem behauptet wird, daß er den «Nathan» geschrieben habe und den «Laokoon» geschrieben habe. Aber das sind bloße Behauptungen, daß der, der hier biographisch behandelt wird, das geschrieben habe. Und in ähnlicher Weise sind die anderen Lessing-Biographien verfaßt.
[ 33 ] Man bekommt ungefähr einen Eindruck von Lessing, wenn man die Wurfkraft ins Auge faßt, mit der er seine Sätze hinschleudert, um den Gegner zu treffen. Eine vornehme, aber zu gleicher Zeit überall treffende Polemik entwickelt er eigentlich zunächst an mitteleuropäischer Zivilisation. Dabei muß man eine eigentümliche Nuancierung in seinem Charakter gerade dann ins Auge fassen, wenn man auf seine Lebenszusammenhänge eingehen will. Auf der einen Seite wird derjenige, der einen Sinn hat für die Schärfe, für die oft kaustische Schärfe, die in solchen Schriften wie in der «Hamburgischen Dramaturgie» zum Beispiel zutage tritt, nicht leicht den Weg hinüberfinden — aber man muß ihn finden, um Lessing zu verstehen — zu dem, wie Lessing in einem Briefe schreibt, als ihm sein Sohn geboren wurde, der gleich nach der Geburt starb. So ungefähr: Ja, er hat sich gleich wiederum aus dieser Welt des Jammers empfohlen. Er hat damit das Beste getan, was ein Mensch tun kann. — So ungefähr heißt es, ich kann es nicht wörtlich zitieren. Es heißt dieses, den Schmerz ausdrücken in einer ungeheuer kühnen Weise, die aber doch deshalb den Schmerz nicht weniger tief fühlt als derjenige, der ihn nur zu beweinen vermag. Daß er so den Schmerz ausdrückt, dieses Sich-auf-sich-zurückziehen-Können im Schmerz, das war zu gleicher Zeit dem eigen, der in der intensivsten Weise vorwärtszustoßen verstand, wenn er seine Polemik entwickeln wollte. Daher ist es auch so herzzerreißend, wenn man gerade jenen Brief liest, den Lessing geschrieben hat, als ihm das Kind gleich nach der Geburt gestorben ist und die Mutter schwer krank darniederlag.
[ 34 ] Dieser Lessing hat nun dieses merkwürdige Schicksal gehabt — und das ist bloß charakteristisch, wenn man eben den karmischen Zusammenhang bei ihm suchen will —, in Berlin befreundet zu werden mit einem Manne, der ja eigentlich, man möchte sagen, in jedem Zug des Lebens der Gegensatz von Lessing war: Nicolai.
[ 35 ] Sehen Sie, Lessing, von dem — wenn es auch nicht ganz wahr ist, charakteristisch ist es doch für ihn — gesagt werden kann, daß er nie geträumt hat, weil sein Verstand so scharf war, er ist deshalb, wie wir morgen sehen werden, doch gerade für den Geistesforscher durch seine geistigen Zusammenhänge eine außerordentlich bedeutsame Persönlichkeit. Aber es war etwas bei Lessing, was einen jeden Satz eigentlich entzückend macht in der Konturierung der Sätze, in dem Treffsicheren, mit dem der Gegner in den Sand gelegt wird. Das war das Gegenteil bei Nicolai. Nicolai ist der Typus eines Philisters, ein richtiger Philister. Er war eben doch mit Lessing befreundet, aber er war ein eigentümlicher Philister, ein Philister, der Visionen hatte, die merkwürdigsten Visionen hatte.
[ 36 ] Lessing, der Geniale, hatte gar keine Visionen, nicht einmal Träume. Aber der Philister Nicolai litt eben an Visionen. Sie kamen, und sie gingen nur fort, wenn ihm Blutegel angesetzt wurden. Wenn es gar nicht mehr ging, so wurden ihm eben Blutegel gesetzt, dem Philister Nicolai, damit er nur ja nicht immer fort und fort aus der geistigen Welt heraus bestürmt würde.
[ 37 ] Fichte hat eine ganz interessante Schrift gegen Nicolai geschrieben. Er hat eigentlich das deutsche Philistertum in der Persönlichkeit des Nicolai symptomatisch schildern wollen. Aber jener Nicolai war eben doch der Freund Lessings.
[ 38 ] Nun, ein anderer Zug noch bei Lessing ist sehr merkwürdig. Lessing hat sich in bezug auf seine Weltanschauung viel mit zwei Philosophen beschäftigt, mit Spinoza und Leibniz. Nun muß ich sagen, ich hatte ja solche Nebenbeschäftigungen manchmal gewählt, die Schriften zu lesen, in denen bewiesen wird von der einen Seite, daß Lessing Leibnizianer gewesen ist, und die anderen, die immer wieder beweisen mit noch gediegeneren Gründen, daß er Spinozist gewesen ist. Die stehen sich in der Welt gegenüber. Und man kann schon sagen, eigentlich kann man nicht recht unterscheiden, ob Lessing, der scharfsinnige Mann, Leibnizianer oder Spinozist gewesen ist — was das Gegenteil voneinander ist. Spinoza: pantheistisch, monistisch; Leibniz: monadistisch, also lauter Einzelwesen, ganz individualistisch. Aber man kann das nicht unterscheiden, ob Lessing Leibnizianer oder Spinozist gewesen ist. So daß man, wenn man nach dieser Richtung hin Lessing prüft, eigentlich zu keinem abschließenden Urteil kommt. Man kann nicht zu einem abschließenden Urteil kommen.
[ 39 ] Dieser Lessing hat am Abschluß seines Lebens die merkwürdige Schrift «Die Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben, wo am Ende, man möchte sagen, wie ganz vereinsamt die Idee der wiederholten Erdenleben auftritt. Die Schrift handelt so über die Erziehung des Menschengeschlechts, daß nacheinander die Menschheit Epochen der Entwickelung, der Zivilisationsentwickelung durchmacht: Wie die Götter dem Menschen das erste Elementarbuch, das Alte Testament, in die Hand geben, wie dann das zweite Elementarbuch, das Neue Testament, kommt, wiein der Zukunft ein drittes Buch kommen wird zur Erziehung des Menschengeschlechtes.
[ 40 ] Dann aber klingt die Schrift aus in eine kurze Darstellung, daß der Mensch in wiederholten Erdenleben lebt. Und dann wiederum, in einer Weise, die ganz aus dem Charakter Lessings herauskommt, sagt er: Sollte diese Idee der wiederholten Erdenleben — er gebraucht diesen Ausdruck nicht, aber es ist das ja da- deshalb so absurd sein, weil sie in der ersten Zeit, als die Menschen noch nicht durch die Schulweisheit verdorben waren, bei den Menschen auftrat? — Es klingt dann die Schrift in einen wahren Panegyrikus auf die wiederholten Erdenleben aus und hat zuletzt die schönen Worte, hinweisend, wie der Mensch von Erdenleben zu Erdenleben geht, die dann ausklingen in: «Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?»
[ 41 ] Man traf, vielleicht trifft man es auch heute noch, wenn man mit den Leuten zusammenlebt, immer wieder die Menschen, die eigentlich Lessing sehr schätzten, aber abrückten von der Schrift: «Die Erziehung des Menschengeschlechts.» Man kann eigentlich nicht verstehen, was solche Menschen für eine Seelenbeschaffenheit haben. Sie schätzen solch einen genialen Menschen aufs höchste, lehnen aber dasjenige ab, was er gerade in seinem reifsten Alter der Menschheit gibt. Er ist halt alt geworden, senil — so sagen sie —, da kann man nicht mehr mitgehen — so sagen sie. Ja, nicht wahr, auf diese Art läßt sich alles wegschaffen!
[ 42 ] Aber es hat eigentlich niemand ein Recht, Lessing anzuerkennen, der nicht diese Schrift, die von ihm als reifster Geist verfaßt worden ist, mit anerkennt. Und bei Lessing gibt es keine rechte Möglichkeit, wenn ein solch Lapidares hingestellt wird wie diese Idee der wiederholten Erdenleben, das nicht anzuerkennen.
[ 43 ] Sie werden begreiflich finden, meine lieben Freunde, daß gerade diese Persönlichkeit mit Bezug auf Karma, mit Bezug auf ihren eigenen Durchgang durch die verschiedenen Erdenleben im höchsten Grade interessant ist. Denn etwa eine allgemein geltende Idee war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Idee der wiederholten Erdenleben nicht. Sie ist schon bei Lessing fast wie aus der Pistole herausgeschossen, wie eine aufblitzende, geniale Idee. Und man kann nicht sagen, daß es irgendwie gelingen könnte, sie durch Erziehung oder durch irgend etwas zu erklären, was Einfluß haben könnte auf dieses besondere Lessing-Leben und wiederum auf dieses Lessing-Leben im hohen Alter. Das legt einem schon die Aufgabe nahe, zu fragen: Wie mag es mit dem vorangegangenen Erdenleben bei einem Menschen sein, bei dem in einem bestimmten Alter die Idee der wiederholten Erdenleben, die sonst seiner ihn umgebenden Zivilisation fremd ist, plötzlich auftaucht, und zwar auftaucht so, daß der Mensch selber hinweist darauf, wie sie einmal in der Urzeit vorhanden war; also eigentlich innere Gefühlsgründe anführt, die mit dem Hinweis auf die eigenen Erdenleben bis weit zurück zusammenhängen, trotzdem Lessing in seinem gewöhnlichen Oberbewußtsein gewiß von solchen Zusammenhängen keine Ahnung hatte? Aber die Dinge, die man nicht weiß, sind ja deshalb doch da. Wenn nur diejenigen Dinge da wären, die manche Menschen wissen, dann wäre die Welt sehr arm an Ereignissen und an Wesenheiten. Das ist die zweite Frage, die uns beschäftigen soll in karmischer Beziehung.
[ 44 ] Eine dritte Frage möchte ich aufwerfen, weil sie vielleicht durch die Schilderung der konkreten Verhältnisse dann im karmischen Zusammenhange besonders lehrreich sein kann, Ich habe ja unter den Persönlichkeiten, die mir als Lehrer nahestanden in meiner Jugend, eine geschildert, die ich da nur so dargestellt habe, wie sie eben in diesem Zusammenhange dargestellt werden muß, die ich Ihnen aber heute mit einigen Zügen schildern möchte, die dann symptomatisch, bedeutend sein können für das Karmastudium.
[ 45 ] Ich bin in der folgenden Weise auf das Karmastudium gerade dieser Persönlichkeit geführt worden. Es ist wiederum gewagt, wenn ich dieses erzähle, aber ich glaube nicht, daß in dem Zusammenhange, in dem heute das Geistesleben, das von Anthroposophie ausgehen soll, drinnensteht, diese gewagten Dinge vermieden werden können.
[ 46 ] Sehen Sie, das, was ich Ihnen erzähle, hat sich mir eigentlich erst ergeben, nachdem ich einige Jahre den Betreffenden, der mir ein sehr lieber Lehrer war, bis zu meinem achtzehnten Lebensjahre, nicht mehr gesehen hatte. Ich hatte aber immer sein Leben weiter verfolgt, war ihm eigentlich immer nahe geblieben. Nun hatte ich in einem bestimmten Momente meines eigenen Lebens Veranlassung, dieses Leben aus einem ganz bestimmten Grunde zu verfolgen.
[ 47 ] In einem bestimmten Moment fing mich nämlich an, durch einen anderen Lebenszusammenhang, das Leben Lord Byrons außerordentlich zu interessieren. Und ich lernte dazumal auch Menschen kennen, die außerordentliche Byron-Enthusiasten waren. Zu diesen gehörte zum Beispiel die Dichterin, von der ich noch in meiner Lebensbeschreibung viel werde zu sagen haben, Marie Eugenie delle Grazie. Sie war eine Byron-Enthusiastin in einem bestimmten Alter ihres Lebens.
[ 48 ] Dann war ein Byron-Enthusiast eine merkwürdige Persönlichkeit, eine sonderbare Mischung von allen möglichen Eigenschaften: Eugen Heinrich Schmitt. Manchen, die sich auch mit der Geschichte der Anthroposophie befaßt haben, wird ja der Name Eugen Heinrich Schmitt wohl aufgetaucht sein.
[ 49 ] Nun, zunächst wurde Eugen Heinrich Schmitt in den achtziger Jahren in Wien bekannt, damals auch gleich mir bekannt, als er seine preisgekrönte Schrift über Hegels Dialektik, die von der Berliner Hegel-Gesellschaft ausgeschrieben war, geschrieben hatte. Da kam nun dieser lange Eugen Heinrich Schmitt — er war schmächtig und lang nach Wien, ein Mann, der wirklich, wenn auch äußerlich in einer etwas sehr stark zur Schau getragenen Weise, von einem starken Enthusiasmus durchsetzt war, einem Enthusiasmus, der zuweilen, wie gesagt, auch äußerlich sehr starke Formen annahm, aber er war eben Enthusiast. Das ist etwas, was mir vielleicht nur einen Ruck gegeben hat. Ich dachte, ich wollte Eugen Heinrich Schmitt eine Freude machen, und da er gerade damals seinen begeisterten Artikel geschrieben hatte über Lord Byron, so führte ich ihn zu der anderen Byron-Enthusiastin, zu Marie Eugenie delle Grazie. Nun ging da eine furchtbar enthusiastische Byron-Diskussion los. Sie waren eigentlich einig, aber sie diskutierten lebhaft. Alle anderen, die da saßen, schwiegen. Es war dort eine ganze Anzahl von Theologen der Wiener katholischen Fakultät versammelt, die da jede Woche hinkamen, die man auch sehr genau kennenlernte und mit denen ich sehr befreundet geworden bin. Wir anderen schwiegen alle. Aber die beiden Leute unterhielten sich nun über Byron so: Da war der Tisch, etwas länglich, da saß delle Grazie, und hier saß Eugen Heinrich Schmitt, heftig gestikulierend. Plötzlich geht der Stuhl unter ihm weg, er fällt unter den Tisch, seine Füße bis zu delle Grazie hin. Ich darf wohl sagen, es war ein Schock, den man bekam. Aber dieser Schock löste bei mir eine ganz besondere Sache aus — ich möchte das wirklich ganz objektiv historisch erzählen —, er löste bei mir eine ganz besondere Sache aus: Alles, was da über Byron gesprochen worden war, das wirkte so, daß ich das lebhafteste Bedürfnis empfand, zu wissen, wie die karmischen Zusammenhänge bei Byron sein können! Das war natürlich nicht so leicht. Aber es ist wirklich so, wie wenn das Bild dieses Gespräches dagestanden hätte mit dem Eugen Heinrich Schmitt, der mit dem Fuß anstößig wurde, und wie wenn dieses Bild mich auf den Fuß von Byron gebracht hätte, der ein Klumpfuß war, wie Sie wissen: er schleppte den Fuß, weil er kürzer war. Und von da aus sagte ich mir: Solch einen Fuß hat ja auch dieser mein geliebter Lehrer gehabt, und — man muß einmal die karmischen Zusammenhänge untersuchen. — Ich habe Ihnen schon bei einem Beispiele, bei einer Beinverletzung Eduard von Hartmanns gezeigt, wie man durch solche Eigenschaften zurückgeführt wird. Ich konnte mir nun das Schicksal dieses mir nahestehenden Menschen, der auch gerade einen solchen Fuß hatte, leichter vor Augen stellen, und da war natürlich vor allen Dingen das sehr bemerkenswert, daß diese eine Eigenschaft, einen Klumpfuß zu haben, bei Byron und bei dem anderen vorlag. Aber sonst waren sie ganz verschieden: Byron, der geniale Poet, der abenteuerlicher Natur war trotz der Genialität, oder vielleicht wegen der Genialität, und der andere, der ein ausgezeichneter Geometer war, wie sie selten in solchen Lehrstellen vorkommen, den man nun wirklich bewundern konnte mit Bezug auf seine geometrische Phantasie und auf seine Handhabung der darstellenden Geometrie.
[ 50 ] Kurz, ich konnte mir bei zwei seelisch ganz und gar verschiedenen Menschen das karmische Problem an dieser scheinbaren physischen Nebensache vorlegen; aber sie führte dazu, nun tatsächlich die beiden Probleme, den einen und den anderen Menschen, Byron und meinen Geometrielehrer, im Zusammenhang zu behandeln und das Problem dabei zu lösen.
[ 51 ] Diese Fälle wollte ich Ihnen heute als charakteristische vorlegen, und wir wollen dann morgen an die karmische Betrachtung dieser Fälle gehen.
