Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume I
GA 235
22 March 1924, Dornach
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Esoteric Considerations of Karmic Connections, tr. SOL
Elfter Vortrag
Eleventh Lecture
[ 1 ] Die Karmabetrachtungen, die wir hier angestellt haben, und die uns ja in der letzten Zeit zu sehr bestimmten einzelnen Fällen von karmischen Zusammenhängen geführt haben, sie sollen Stoff zusammentragen für eine Beurteilung nicht nur einzelmenschlicher Zusammenhänge, sondern auch geschichtlicher Zusammenhänge. Und deshalb möchte ich zu den Beispielen, die ich behandelt habe, heute und morgen noch einzelnes hinzufügen, heute einiges Vorbereitende und morgen dann die karmischen Betrachtungen dazufügen.
[ 1 ] The reflections on karma that we have undertaken here—and which have recently led us to examine very specific individual cases of karmic connections—are intended to gather material for an assessment not only of individual human connections but also of historical connections. And for this reason, I would like to add a few more details to the examples I have discussed today and tomorrow—some preparatory remarks today, and then the karmic considerations tomorrow.
[ 2 ] Sie werden ja gesehen haben, daß die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen dem einen und dem anderen Erdenleben eigentlich immer auf ganz bestimmten Symptomen ruhen muß, bestimmten einzelnen Tatsachen, von denen man ausgehen muß, und die einen dann dazu führen, die konkreten Zusammenhänge zu sehen. Und ich habe Ihnen für die gewagten Fälle, die ich angeführt habe, ja auch gezeigt, worinnen diese einzelnen Anhaltspunkte im besonderen zu suchen sind.
[ 2 ] You will have seen that any examination of the connection between one earthly life and another must, in fact, always be based on very specific symptoms—specific individual facts that serve as a starting point and which then lead one to perceive the concrete connections. And for the challenging cases I have cited, I have also shown you where, in particular, these individual clues are to be found.
[ 3 ] Nun möchte ich heute, wie gesagt, vorbereitend den morgigen Vortrag, Ihnen gewisse Fälle vorlegen, die dann aber erst morgen zur Lösung kommen werden.
[ 3 ] As I mentioned, I would like to present certain cases to you today in preparation for tomorrow’s lecture; however, these cases will not be resolved until tomorrow.
[ 4 ] Da möchte ich zunächst auf das besondere Interesse hinweisen, das die eine oder die andere Persönlichkeit erregen kann. Ich werde geschichtliche Persönlichkeiten und Persönlichkeiten aus dem gewöhnlichen Leben anführen. Das besondere Interesse, das solche Persönlichkeiten in uns erregen können, kann uns schon darauf führen, gewissermaßen einen Antrieb zu bekommen, die Lebenszusammenhänge zu suchen. Und wer sie richtig suchen kann, der kann sie dann eigentlich auch finden. Denn Sie werden bemerkt haben, gerade aus der Art und Weise, wie ich dargestellt habe, daß es auf das richtige Suchen wesentlich ankommt.
[ 4 ] First, I would like to point out the special interest that certain individuals can arouse. I will cite historical figures as well as people from everyday life. The special interest that such individuals can arouse in us can, in a sense, provide us with the impetus to seek out the connections in life. And those who know how to search for them properly will, in fact, be able to find them. For you will have noticed, precisely from the way I have presented this, that searching correctly is of essential importance.
[ 5 ] Nun ist — wir wollen in dem, was gewagt ist, durchaus fortfahren, uns nicht abhalten lassen, diese gewagten Betrachtungen anzustellen doch zweifellos, wie man sich sonst auch zu dieser Persönlichkeit stellen kann, eine interessante europäische Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts Garibaldi, der natürlich in einer ganz merkwürdigen Art sich in den geschichtlichen Zusammenhang des 19. Jahrhunderts hereinstellte. Wollen wir ihn heute einmal, wie gesagt, vorbereitend betrachten, und ich will Ihnen insbesondere die Dinge vorlegen, die den geisteswissenschaftlichen Betrachter dann zu den Zusammenhängen führen können, die wir morgen ins Auge fassen wollen.
[ 5 ] Now—let us certainly press on with what we have ventured to do, and not allow ourselves to be deterred from making these bold observations—yet there is no doubt, regardless of one’s general stance toward this figure, that Garibaldi was an interesting European figure of the 19th century, who, of course, inserted himself into the historical context of the 19th century in a quite remarkable way. Let us consider him today, as I said, as a preliminary, and I would like to present to you in particular those aspects that can lead the observer of the humanities to the connections we intend to examine tomorrow.
[ 6 ] Garibaldi ist ja eine Persönlichkeit, die sozusagen das ganze 19. Jahrhundert in einer ganz außerordentlich bedeutsamen Weise miterlebt hat, die 1807 geboren ist und bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts an hervorragendem Platze gewirkt hat. Das bedeutet schon einen charakteristischen Menschenausdruck, insbesondere für diese Zeit des 19. Jahrhunderts.
[ 6 ] Garibaldi is, after all, a figure who, so to speak, witnessed the entire 19th century in an extraordinarily significant way—born in 1807 and active in a prominent role well into the second half of the 19th century. This in itself represents a characteristic expression of the human spirit, particularly for this period of the 19th century.
[ 7 ] Wenn wir nun die geistig wesentlichen Züge dieses Lebens betrachten, so finden wir: er ist der Sohn eines armen Mannes in Nizza, eines armen Mannes, der Schiffahrtsdienste zu leisten hat, ein Kind, das wenig Neigung hat, teilzunehmen an dem, was so die landläufige Erziehung dem Menschen bietet, ein Kind, das eigentlich kein guter Schüler ist, aber ein reges Interesse hat für die mannigfaltigsten Menschheitsangelegenheiten. Was ihm in der Schule geboten wurde, hat ihn ja in ziemlich weitgehendem Umfange dazu veranlaßt, möglichst viel nicht gerade die Aufmerksamkeit in den Klassen zu entfalten, sondern mehr das Schwänzen außerhalb der Schule. Aber wenn er irgendein Buch bekommen konnte, das ihm Interesse einflößte, so konnte er — trotzdem er sonst viel lieber herumtollte, am Ufer oder in Wäldern herumtollte, wenn der Lehrer auf seine Art die Welt den Kindern beibringen wollte — auf der anderen Seite auch wiederum gar nicht weggebracht werden von solch einem Buche, das gerade sein besonderes Interesse erregt hatte. Da konnte er mit dem Rücken auf der Erde, mit dem Bauche der Sonne zugewendet, lange Zeit liegen, auch das Essen wiederum schwänzen, und sich ganz vertiefen in ein solches Buch.
[ 7 ] If we now consider the essential spiritual characteristics of this life, we find: he is the son of a poor man in Nice, a poor man who works in the shipping industry; a child with little inclination to participate in what conventional education typically offers; a child who is not really a good student, but who has a keen interest in the most diverse matters of human life. What was offered to him in school led him, to a fairly large extent, not so much to pay attention in class as to skip school. But if he could get his hands on any book that piqued his interest, then—even though he otherwise much preferred to run around, playing on the riverbank or in the woods while the teacher tried to teach the children about the world in his own way—he, on the other hand, could not be pried away from such a book that had particularly captured his interest. He could lie there for a long time with his back on the ground and his stomach turned toward the sun, skipping even his meals, and become completely absorbed in such a book.
[ 8 ] Aber am meisten interessierte ihn doch die Welt. Er machte sich früh daran, hineinzuwachsen in den Beruf seines Vaters, und er hat teilgenommen, zuerst in unselbständiger, dann in selbständiger Stellung, am Herumfahren auf dem Meere mit den Schiffen, hat das Adriatische Meer viel befahren und all das mitgemacht, was dazumal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch möglich war. Es war ja die Zeit, wo noch nicht der Liberalismus, die Demokratie alles in Polizeimaßregeln auch auf dem Meere einschematisiert hatte, sondern wo es noch etwas freiere Regsamkeit im Menschenleben gab. Da hat er denn, wie es eben ist, wenn man — nun ja, mehr oder weniger — tun kann, was man will, allerdings auch das mitgemacht, daß, ich glaube, drei- oder viermal ist ihm das passiert, das Schiff gekapert worden ist von Seeräubern und er in die Gefangenschaft von Seeräubern gekommen ist, Aber er war ja auch neben dem, daß er genial war, schlau und ist immer wieder entkommen, und zwar sehr bald entkommen.
[ 8 ] But what interested him most of all was the world. He set out early to learn his father’s trade, and he took part—first as an employee, then as a self-employed man—in sailing the seas on ships; he sailed the Adriatic Sea extensively and experienced everything that was still possible back then, in the first half of the 19th century. It was, after all, a time when liberalism and democracy had not yet codified everything into police regulations—even at sea—but when there was still a bit more freedom and vitality in people’s lives. So, as is often the case when one can—well, more or less—do as one pleases, he also experienced situations where, I believe it happened to him three or four times—the ship was captured by pirates and he was taken captive by them. But besides being a genius, he was also clever and managed to escape time and again—and very quickly at that.
[ 9 ] So wuchs er denn heran, eigentlich immer in der großen Welt lebend — wie gesagt, ich will nicht eine Biographie geben, sondern nur einzelne charakteristische Züge anführen, die dann morgen auf eine wesentliche Betrachtung führen können —, und er bekam einen besonders lebendigen Eindruck von dem, was sich ihm als inneres Verhältnis zur Welt aus seiner Wesenheit heraus ergeben konnte, als er einmal, schon ziemlich herangereift, von seinem Vater an Land geführt worden ist, und zwar gerade in Rom, wo er dann von Rom aus Italien betrachtet hat. Es muß da etwas Besonderes gerade bei dieser Betrachtung Italiens von Rom aus durch seine Seele gezogen sein. Er hat ja, wenn er so mit seinen Schiffern durch das Meer gefahren ist, von den Leuten, die zumeist sehr regsam waren, aber gerade ein bestimmtes Interesse nicht hatten, die nämlich schlafend waren für die Zeitverhältnisse, manchmal wohl einen Eindruck empfangen, der ihn zur Verzweiflung bringen konnte, weil die Leute keinen Enthusiasmus hatten für echtes Menschentum, das insbesondere in ihm in einer gemütvoll genialen Weise eigentlich frühzeitig zur Geltung gekommen ist.
[ 9 ] And so he grew up, essentially always living in the wider world—as I said, I do not intend to provide a biography, but only to highlight certain characteristic traits that may then lead to a substantive reflection tomorrow—and he gained a particularly vivid impression of what could emerge from his very nature as an inner relationship to the world when, once he had already matured quite a bit, his father took him ashore—specifically in Rome, from where he then viewed Italy. Something special must have stirred within his soul precisely during this contemplation of Italy from Rome. After all, when he sailed across the sea with his sailors, he sometimes received an impression from the people—who were for the most part very lively but lacked a certain specific interest, namely, they were asleep to the realities of the times— he may well have sometimes received an impression that could drive him to despair, because the people lacked enthusiasm for genuine humanity—a quality that had actually come to the fore in him at an early age in a warm and ingenious way.
[ 10 ] Und so muß etwas — man möchte fast sagen wie eine Vision — dazumal bei diesem An-Land-Gehen in Rom durch seine Seele gezogen sein, was ihm seine spätere Rolle bei der Befreiung Italiens vorgezeichnet hat. Und aus seinen übrigen Lebensverhältnissen heraus ist er ja in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dasjenige geworden, was dazumal leichter den Menschen geworden ist: Er ist eigentlich fanatisch antikatholisch, antiklerikal und fanatischer Republikaner geworden, ein Mensch, der sich deutlich vorsetzte, alles zu tun, was er nur tun könne, um das Glück der Menschheit in der ihm möglichen Weise herbeizuführen, der das auch wirklich sich vornahm zu tun.
[ 10 ] And so something—one might almost say a vision—must have stirred his soul at that time when he set foot in Rome, foreshadowing his later role in the liberation of Italy. And given the circumstances of his life, he became, in the first half of the 19th century, what was easier for people to become back then: He actually became a fanatical anti-Catholic, an anti-clericalist, and a fanatical Republican—a man who clearly resolved to do everything in his power to bring about the happiness of humanity in whatever way he could, and who truly set out to do just that.
[ 11 ] Als er dann teilgenommen hat an allerlei Bewegungen, die ja in Italien auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer da waren, Bewegungen innerhalb engerer Kreise, da ist es ihm passiert, daß er zum erstenmal — ich glaube, er war schon dreißig Jahre alt oder so etwas um dreißig herum — seinen Namen in der Zeitung gelesen hat. Das bedeutete ja dazumal noch viel mehr als heute, seinen Namen einmal in der Zeitung zu lesen. Aber er hat eben gerade ein besonderes Schicksal gehabt in bezug auf dieses Lesen seines Namens in der Zeitung, denn er hat ihn bei der Gelegenheit gelesen, als sein Todesurteil verkündet wurde durch die Zeitung. Also er hat sich selber zuerst gelesen, als er sein Todesurteil durch die Zeitung gegeben sah. Es ist immerhin ein charakteristischer Zug, denn nicht jeder Mensch erlebt so etwas, nicht wahr?
[ 11 ] When he later became involved in all sorts of movements—which, after all, were always present in Italy even during the first half of the 19th century, movements within smaller circles—it so happened that, for the first time—I believe he was already thirty years old or thereabouts—he saw his name in the newspaper. Back then, seeing one’s name in the newspaper meant much more than it does today. But he had a particularly unique experience regarding seeing his name in the newspaper, because he read it on the very occasion when his death sentence was announced in the paper. So he first “read” himself when he saw his death sentence published in the newspaper. It is, after all, a characteristic trait, because not everyone experiences something like that, does it?
[ 12 ] Nun, es war ihm aber nicht gegönnt — und das ist sehr charakteristisch, weil schon damals durchaus sein Enthusiasmus vorhanden war —, es war ihm nicht gegönnt, da schon etwa in die Verhältnisse Italiens oder Europas einzugreifen, sondern es war ihm vom Schicksal auferlegt, zunächst nach Amerika zu gehen und in Amerika an allerlei Freiheitsbewegungen teilzunehmen, bis gegen das Jahr 1848 hin. Aber er blieb immer ein ganz merk würdiger, mit ganz besonderen individuellen Eigenschaften ausgestatteter Mensch. Ist schon das, was ich eben erwähnt habe, ein doch recht singulärer Zug in seinem Leben, daß er seinen Namen zuerst in der Zeitung findet bei Bekanntmachung seines eigenen Todesurteils, so hat er noch eine, man kann schon sagen individuelle biographische Tatsache erlebt, etwas, was auch den wenigsten Menschen passiert. Er hat nämlich die weibliche Persönlichkeit, mit der er dann das Glück seines Lebens durch viele Jahre hindurch begründet hat, auf einem ganz eigentümlichen Wege kennengelernt, nämlich von weit draußen auf dem Meere, wo er auf dem Schiffe war, durch ein Fernglas ans Land hin. Das ist auch eine nicht gerade bei den meisten Menschen vorkommende Art, sich zu verlieben: durch ein Fernglas.
[ 12 ] Well, he was not granted that opportunity—and this is very characteristic, because even back then his enthusiasm was certainly present—he was not granted the opportunity to intervene in the affairs of Italy or Europe at that time, but fate decreed that he should first go to America and participate in all sorts of freedom movements there until around the year 1848. But he always remained a truly remarkable person, endowed with very special individual qualities. If what I just mentioned—that he first saw his name in the newspaper in the announcement of his own death sentence—is already a rather singular feature of his life, he also experienced another, one might even say, unique biographical event, something that happens to very few people. Namely, he met the woman with whom he would go on to build the happiness of his life for many years in a very peculiar way: from far out at sea, where he was on a ship, looking toward the shore through a pair of binoculars. That, too, is not exactly a common way for most people to fall in love: through a pair of binoculars.
[ 13 ] Dann aber wiederum hat es ihm das Schicksal besonders leicht gemacht, diese von ihm als die Seinige auf den ersten Blick — aber wie gesagt, auf den ersten Blick durch das Fernglas —, als die Seinige bezeichnete, bald auch kennenzulernen. Denn natürlich, er steuerte sofort auf das Land zu, in der Linie, die er gesehen hatte durch das Fernglas, und da wurde er eingeladen von einem Manne zum Mittagessen. Und siehe da, es stellte sich gleich nachher heraus — er hatte die Einladung angenommen —, daß das der Vater der Persönlichkeit war, die er durch das Fernglas gesehen hatte. Nun konnte sie nur Portugiesisch, er nur Italienisch; aber es wird versichert von dem Biographen, und es scheint auch richtig zu sein, daß die junge Dame, trotzdem sie nur Portugiesisch konnte, seine ganz kurz bemessene Liebeserklärung, die er nun auch mündlich ablegte, die ja nur in den Worten bestanden zu haben scheint: Wir müssen uns vereinen für das Leben — italienisch gesagt —, daß sie sofort diese Liebeserklärung verstanden hat. Und tatsächlich wurde daraus eine Lebensgemeinschaft für lange, lange Zeit.
[ 13 ] But then again, fate made it particularly easy for him to soon get to know the woman he had identified as his own at first glance—though, as mentioned, this was just a first glance through binoculars. For, of course, he immediately headed toward the countryside, following the line he had seen through his binoculars, and there he was invited to lunch by a man. And lo and behold, it turned out right afterward—after he had accepted the invitation—that this was the father of the person he had seen through his binoculars. Now, she spoke only Portuguese, and he only Italian; but the biographer assures us—and it seems to be true—that the young lady, even though she spoke only Portuguese, understood his very brief declaration of love, which he now also made verbally and which seems to have consisted only of the words: “We must unite for life”—spoken in Italian—that she understood this declaration of love immediately. And indeed, it led to a lifelong partnership.
[ 14 ] Diese Persönlichkeit nahm teil an all den furchtbar abenteuerlichen Reisen, die er in Südamerika absolviert hat, und es gibt Züge, die einen erschütternden Eindruck machen. So zum Beispiel ist einer der Züge der, daß sich das Gerücht verbreitete, Garibaldi wäre getötet worden im Kampf. Nun stürmte die Frau aufs Schlachtfeld und hob jeden Kopf auf, um nachzusehen, ob das Garibaldi sei. Dann fand sie nach langer Zeit, nachdem sie viel abenteuerlich zu suchen hatte, ihn eben doch als Lebendigen wieder.
[ 14 ] This woman took part in all the terribly adventurous journeys he undertook in South America, and there are episodes that make a profound impression. For example, one such episode is that a rumor spread that Garibaldi had been killed in battle. His wife then rushed onto the battlefield and lifted every head to see if it was Garibaldi. After a long time, and after a perilous search, she finally found him alive.
[ 15 ] Aber schon wirklich erschütternd ist es, daß sie bei dieser abenteuerlichen Reise auf der Suche nach Garibaldi, die lange Zeit dauerte, ohne jede Hilfe ihr Kind geboren hat, daß sie, um es warm zu halten, es an einem Band um den Hals gebunden und an ihrer eigenen Brust warm gehalten hat durch lange Zeiten. Es sind in dieser amerikanischen Tätigkeit Garibaldis schon wirklich die tief erschütterndsten Züge vorgekommen.
[ 15 ] But what is truly heart-wrenching is that, during this adventurous journey in search of Garibaldi—which lasted a long time—she gave birth to her child without any help, and that, to keep it warm, she tied it to her neck with a ribbon and held it close to her own chest for long periods of time. Garibaldi’s activities in America have indeed revealed some of the most deeply moving aspects of his character.
[ 16 ] Als dann in Europa die Zeit kam um die Mitte des 19. Jahrhunderts, wo die verschiedenen Freiheitsimpulse durch die Völker gingen, da hielt es Garibaldi nicht mehr in Amerika, da kam er zurück in sein Vaterland. Und das ist ja ziemlich allgemein bekannt geworden, wie er nun in intensivster und regster Weise durch das Werben von Freischaren unter den schwierigsten Verhältnissen beigetragen hat zu dem, was dann Italien geworden ist und nicht nur beigetragen hat, sondern der eigentliche Schöpfer dessen war, was geschehen ist.
[ 16 ] When the time came in Europe around the middle of the 19th century, as various movements for freedom swept through the nations, Garibaldi could no longer bear to stay in America, so he returned to his homeland. And it has become quite widely known how he contributed in the most intense and active way—by recruiting volunteer forces under the most difficult circumstances—to what Italy eventually became; indeed, he did not merely contribute, but was the very architect of what came to pass.
[ 17 ] Und da tritt ein Zug in seinem Leben, in seinem Charakter ganz besonders stark hervor. Er war ja ein in jeder Beziehung unabhängiger Mann, ja, ein Mann, der eigentlich, ich möchte sagen, auf naive Weise immer in allen Lebensverhältnissen groß dachte und sich nur um das bekümmerte, was aus seinen innersten Impulsen hervorquellen wollte. Und so ist es schon wirklich sehr merkwürdig, wie er alles getan hat, um die Dynastie des Viktor Emanuel dazu zu bringen, eben dem Königreich Italien vorstehen zu können, während eigentlich die ganze Einigung Italiens, die Befreiung Italiens von ihm ausgegangen ist. Diese Dinge, wie er Neapel, Sizilien erobert hat mit verhältnismäßig ganz geringer, undisziplinierter, aber begeisterter Truppenmacht, wie dann der spätere König von Italien nur einzuziehen brauchte in die von Garibaldi für das Königtum eroberten Gebiete, wie aber doch im Grunde genommen nichts von seiten der königlichen Familie und ihrer Umgebung geschehen ist, um in der richtigen Weise zu würdigen, was Garibaldi getan hatte, das ist doch schon etwas, was einen tiefen Eindruck machen kann. Denn im Grunde genommen, wenn man es trivial ausdrücken wollte, müßte man sagen: die Savoyische Dynastie verdankte Garibaldi alles, und sie war im höchsten Grade undankbar gegen Garibaldi, hat eigentlich nur diejenigen Höflichkeiten gebraucht gegen Garibaldi, denen man sich eben nicht entziehen konnte, die notwendig waren.
[ 17 ] And here a trait stands out particularly strongly in his life and character. He was, after all, a man who was independent in every respect—indeed, a man who, I would say, in a rather naive way, always thought on a grand scale in all circumstances of life and concerned himself only with what sprang from his innermost impulses. And so it is truly very strange how he did everything in his power to enable the dynasty of Victor Emmanuel to preside over the Kingdom of Italy, even though the entire unification of Italy—the liberation of Italy—had actually originated with him. These things—how he conquered Naples and Sicily with a relatively small, undisciplined, yet enthusiastic force; how the future King of Italy then merely had to move into the territories Garibaldi had conquered for the monarchy; and yet, fundamentally, how nothing was done on the part of the royal family and its entourage to properly acknowledge what Garibaldi had accomplished—all of this is something that can make a deep impression. For, when it comes down to it—to put it bluntly—one would have to say: the House of Savoy owed everything to Garibaldi, and it was supremely ungrateful toward him, offering him only those courtesies that it simply could not avoid, those that were strictly necessary.
[ 18 ] So zum Beispiel gerade beim Einzug in Neapel. Garibaldi hatte doch Neapel für die Dynastie erobert und wurde von den Neapolitanern als der eigentliche Befreier angesehen, bei dessen Erscheinen überall ein Sturm von Jubel losging. Es wäre undenkbar gewesen, daß etwa der spätere König von Italien in Neapel ohne Garibaldi eingezogen wäre. Ganz undenkbar wäre es gewesen, Aber die Ratgeber, die waren entschieden dagegen. Gewiß, es ist ja bei manchen ähnlichen Ratgebern viel Kurzsichtigkeit; aber wenn nicht doch Viktor Emanuel einen gewissen Instinkt gehabt hätte und Garibaldi in seiner roten Bluse nicht neben sich hätte sitzen lassen beim Einzug in Neapel, so würde er ganz gewiß statt mit Jubel, mit dem eigentlich Garibaldi, nicht der König von Italien, empfangen worden ist, er würde ganz gewiß ausgepfiffen worden sein. Das ist etwas, was man mit absoluter, exakter Sicherheit behaupten kann, wenn er in Neapel ohne Garibaldi eingezogen wäre.
[ 18 ] Take, for example, the entry into Naples. Garibaldi had, after all, conquered Naples for the dynasty and was regarded by the Neapolitans as the true liberator; his appearance sparked a storm of jubilation everywhere. It would have been unthinkable for the future King of Italy to enter Naples without Garibaldi. It would have been completely unthinkable. But his advisors were firmly opposed to it. Certainly, there is a great deal of short-sightedness among some such advisors; but if Victor Emmanuel had not possessed a certain instinct and had not allowed Garibaldi, in his red blouse, to sit beside him during the entry into Naples, he would most certainly have been booed instead of being greeted with the jubilation that was actually reserved for Garibaldi, not the King of Italy. This is something that can be stated with absolute, precise certainty: had he entered Naples without Garibaldi.
[ 19 ] So war es eigentlich im Grunde genommen auf Schritt und Tritt. Bei einem der Züge, mehr in Mittelitalien, hat eigentlich Garibaldi alles geleistet. Die königlichen Feldherrn mit dem König sind — ich weiß nicht, man sagt in solchen Fällen, um es glimpflich auszudrücken zu spät gekommen: es war schon durch Garibaldi alles fertiggemacht. Aber als das Heer mit den viele Orden tragenden Feldherrn erschien und begegnete dem Garibaldi-Heer, das keine Orden trug, das auch ziemlich anspruchslos sonst in der Kleidung war, da erklärten die Feldherrn: Ja, man kann doch nicht mit denen zusammen etwa reiten, das läßt sich doch nicht machen, das kann nicht sein. Aber Viktor Emanuel hatte, wie gesagt, einen gewissen Instinkt. Er rief Garibaldi an seine Seite, und die Feldherrn, die lange Nasen machten, mußten sich nun zunächst mischen unter diejenigen, die als Garibaldi-Heer sich anreihten. Diesen Feldherrn scheint entsetzlich schlecht geworden zu sein, sie scheinen Magenkrämpfe gekriegt zu haben. Und dann ging es schon nicht anders: Als dann der Einzug in eine Stadt geschehen sollte, mußte Garibaldi, der eigentlich alles gemacht hatte, als Nachhut ganz hinten sich anschließen. Sie mußten die anderen voranmarschieren lassen. Es ist ein Fall, wo die Leute tatsächlich gar nichts getan hatten, aber sie zogen zuerst ein, und dann Garibaldi mit seinen Garibaldianern.
[ 19 ] That’s basically how it was at every turn. During one of the campaigns, more in central Italy, Garibaldi actually did everything on his own. The royal generals, along with the king, were—I don’t know, in such cases people say, to put it mildly, that they arrived too late: Garibaldi had already taken care of everything. But when the army, with its generals decked out in medals, appeared and encountered Garibaldi’s army—which wore no medals and was otherwise quite unpretentious in its attire—the generals declared: “Well, we certainly can’t ride alongside them; that’s out of the question; it simply can’t be.” But Victor Emmanuel, as I said, had a certain instinct. He called Garibaldi to his side, and the generals, who had been turning up their noses, now had to mingle, for the time being, with those lining up as Garibaldi’s army. These generals seem to have become terribly ill; they appear to have suffered stomach cramps. And then there was simply no other way: When the time came to enter a city, Garibaldi—who had actually done everything—had to bring up the rear as the rearguard. They had to let the others march ahead. It’s a case where the people had actually done nothing at all, yet they were the first to enter, followed by Garibaldi and his Garibaldians.
[ 20 ] Das Wesentliche sind diese merkwürdigen Schicksalsverkettungen. Gerade an diesen Schicksalsverkettungen müssen Sie das sehen, was auf die karmischen Zusammenhänge führt. Denn, nicht wahr, es hat ja nicht eigentlich etwas direkt mit menschlicher Freiheit oder Unfreiheit zu tun, daß man zuerst seinen Namen bei seinem Todesurteil gedruckt findet, oder daß man seine Frau durch ein Fernglas findet. Das sind schon Schicksalszusammenhänge, die neben dem, was trotzdem immer als Freiheit im Menschen ist, einherlaufen. Aber diese Dinge, von denen man sicher sein kann, daß sie Schicksalsverkettungen sind, die sind zu gleicher Zeit die großen Anreger, um eben das Wesen des Karmas praktisch zu studieren.
[ 20 ] What matters most are these strange chains of fate. It is precisely in these chains of fate that you must see what points to karmic connections. For, isn’t it true, it doesn’t really have anything directly to do with human freedom or lack thereof that one first finds one’s name printed on one’s death sentence, or that one finds one’s wife through a pair of binoculars. These are indeed connections of fate that run parallel to what is nevertheless always present as freedom within the human being. But these things—which we can be certain are chains of fate—are at the same time the great stimuli for studying the very nature of karma in practice.
[ 21 ] Nun, es sind bei solchen Persönlichkeiten auch, ich möchte sagen, die Nebensächlichkeiten des Lebens charakteristisch. Bei solchen Persönlichkeiten sind sie wirkliche, starke Nebensächlichkeiten. Sehen Sie, Garibaldi war, was man einen schönen Mann nennt. Er hatte sehr schönes dunkelblondes Haar, war überhaupt sehr schön. Das Haar war lockig, dunkelblond, und wurde von den Frauen sehr geliebt. Nun, man kann ja, wie gesagt, schon aus den wenigen Zügen, die ich Ihnen von der durch das Fernrohr Erkorenen angeführt habe, von ihr nur das Allerbeste, Interessanteste, Hingebungsvollste sagen; aber eifersüchtig scheint sie doch gewesen zu sein! Das scheint doch nun nicht ganz von ihr weggeblieben zu sein.
[ 21 ] Well, with such personalities, even—I would say—the trivialities of life are characteristic. For such personalities, they are genuine, powerful trivialities. You see, Garibaldi was what one calls a handsome man. He had very beautiful dark-blond hair; he was, in fact, very handsome. His hair was curly, dark-blond, and much admired by women. Well, as I said, even from the few traits I’ve mentioned about the woman chosen through the telescope, one can say only the very best, most interesting, and most devoted things about her; but she does seem to have been jealous! That doesn’t seem to have been entirely absent from her character.
[ 22 ] Was tat Garibaldi, als die Eifersucht, wie es scheint, eines Tages doch starke Dimensionen angenommen hatte? Er ließ sich sein schönes blondes Haar bis auf die Wurzeln wegschneiden, er ließ sich zum Kahlkopf machen. Es war noch in Amerika. Das alles sind Züge, die wirklich zeigen, wie sich die Schicksalsnotwendigkeiten in das Leben eben hineinstellen.
[ 22 ] What did Garibaldi do when, it seems, his jealousy had finally reached a critical point one day? He had his beautiful blond hair cut off right down to the roots; he had himself shaved bald. This happened while he was still in America. These are all traits that truly show how the necessities of fate simply take their place in life.
[ 23 ] Garibaldi wurde dann eine europäische Größe nach dem, was er in Italien getan hatte, und wer heute durch Italien reist, weiß ja, daß man eigentlich, wie man von Stadt zu Stadt reist, so auch von Garibaldi-Denkmal zu Garibaldi-Denkmal reist. Aber es gab Zeiten in Europa, wo auch überall außerhalb Italiens der Name Garibaldi mit riesigem Interesse und großer Hingebung genannt worden ist, wo auch, sagen wir, sogar die Damen in Köln oder in Mainz oder irgendwo rote Blusen trugen zu Ehren Garibaldis, weil die rote Bluse eben die Tracht der Garibaldianer war — von London ganz abgesehen: da war die rote Bluse ganz Mode geworden.
[ 23 ] Garibaldi became a European figure of great stature because of what he had done in Italy, and anyone traveling through Italy today knows that, just as one travels from city to city, one also travels from Garibaldi monument to Garibaldi monument. But there were times in Europe when, even everywhere outside Italy, the name Garibaldi was spoken with immense interest and great devotion—times when, let’s say, even the ladies in Cologne or Mainz or elsewhere wore red blouses in honor of Garibaldi, because the red blouse was, after all, the uniform of the Garibaldians—not to mention London, where the red blouse had become quite the fashion.
[ 24 ] Aber dieser Zug ist interessant: Als dann der Deutsch-Französische Krieg 1870 war, stellte sich der nunmehr alt gewordene Garibaldi den Franzosen zur Verfügung. Und interessant ist es, daß er eigentlich der einzige war, der bei einer gewissen Gelegenheit, trotzdem er ja doch nur geübt war in den freien Kriegen, die er in Italien und in Amerika geführt hatte, doch in einem verhältnismäßig regulären Kriege eine deutsche Fahne so erbeutet hat, daß sie hervorgezogen werden mußte aus einem Menschenhaufen, der sie ganz bedeckt hatte, sie schützen wollte mit den eigenen Leibern. Garibaldi hat die Fahne erbeutet. Aber weil er wiederum einen ungeheuren Respekt davor hatte, daß die Menschen sich mit ihren eigenen Leibern auf die Fahne geworfen hatten, hat er sie, nachdem er sie erbeutet hatte, den Besitzern wiederum zurückgeschickt. Allerdings ist er dann, als er in einer Versammlung erschienen ist, ausgepfiffen worden ob dieser Tat.
[ 24 ] But this move is interesting: When the Franco-Prussian War broke out in 1870, Garibaldi—who was now an old man—offered his services to the French. And it is interesting that he was actually the only one who, on a certain occasion—even though he had only been trained in the guerrilla wars he had fought in Italy and America—managed to capture a German flag in a relatively conventional war in such a way that it had to be pulled out from a crowd of people who had completely covered it, trying to protect it with their own bodies. Garibaldi captured the flag. But because he, in turn, had immense respect for the fact that the people had thrown themselves with their own bodies onto the flag, he returned it to its owners after he had captured it. However, when he appeared at a rally, he was booed for this act.
[ 25 ] Nicht wahr, nicht nur ein interessantes Leben, sondern tatsächlich ein Mensch, der sich schon in einer ungeheuer charakteristischen Weise abhebt von allem dem, was sonst im 19. Jahrhundert an Größen heraufgekommen ist! So ursprünglich, so elementar und so aus primitiven und doch wiederum genialen Impulsen heraus wirkend waren die anderen auf diesem Gebiete ganz gewiß nicht. Sie waren vielleicht imstande, größere Heeresmassen zu führen, regelrechter tätig zu sein, aber eine so echte, ursprüngliche Begeisterung für das, was auf diesem Wege angestrebt wurde, war wohl bei niemandem vorhanden in diesem Zeitalter, das schon so tief im Materialismus drinnengesteckt hat.
[ 25 ] Isn’t it true that he was not only an interesting figure, but actually a person who stands out in an extraordinarily distinctive way from all the other great figures who emerged in the 19th century! The others in this field were certainly not as genuine, as fundamental, or as driven by impulses that were both primitive and yet, at the same time, ingenious. They may have been capable of leading larger armies and acting in a more methodical manner, but such genuine, unadulterated enthusiasm for the goals pursued in this way was probably absent in anyone during that era, which was already so deeply mired in materialism.
[ 26 ] Nun, das ist eine der Persönlichkeiten, die ich Ihnen vorführen möchte. Wie gesagt, ich werde heute die Vorbereitungen geben, morgen die Lösungen versuchen.
[ 26 ] Well, that's one of the figures I'd like to introduce to you. As I said, I'll go over the preparatory steps today and try to work out the solutions tomorrow.
[ 27 ] Eine andere Persönlichkeit ist Ihnen ja dem Namen nach sehr gut bekannt; aber gerade diese Persönlichkeit ist in bezug auf die Untersuchung des Karmas von einem außerordentlich großen Interesse: das ist Lessing.
[ 28 ] Ich möchte sagen, gerade Lessings Lebenszusammenhänge haben mich immer außerordentlich interessiert. Lessing ist ja eigentlich, möchte man sagen, der Begründer des besseren Journalismus, jenes Journalismus, der Substanz hat, jenes Journalismus, der auch noch etwas will.
[ 28 ] I would like to say that Lessing’s life circumstances, in particular, have always interested me immensely. Lessing is, in fact—one might say—the founder of better journalism: the kind of journalism that has substance, the kind of journalism that also aims to achieve something.
[ 29 ] Dabei ist Lessing bestrebt, gegenüber jenem überbürgerlichen Elemente, das eigentlich vor ihm innerhalb seines Zivilisationskreises den alleinigen Gegenstand für den Dichter, für den Dramatiker bildete, das bürgerliche Leben in das Drama einzuführen, dasjenige Leben überhaupt, welches zusammenhängt mit den Schicksalen der Menschen als Menschen, nicht mit den Schicksalen der Menschen, insofern diese eine soziale Stellung und dergleichen haben. Die rein menschlichen Konflikte wollte Lessing auf die Bühne bringen.
[ 29 ] In doing so, Lessing sought to introduce bourgeois life into drama—in contrast to that supra-bourgeois element which, prior to him, had constituted the sole subject matter for poets and playwrights within his cultural circle—namely, the very life that is connected to the fates of human beings as human beings, not to the fates of human beings insofar as they hold a social position or the like. Lessing wanted to bring purely human conflicts to the stage.
[ 30 ] Dabei hat er sich an manches große Problem herangemacht, wie an das, daß er versuchte, die Grenzen der Malerei und Poesie festzustellen in seinem «Laokoon». Aber das Interessanteste ist, in welcher, ich möchte sagen, stoßkräftigen Art Lessing die Toleranzidee verfochten hat. Sie brauchen ja nur seinen «Nathan der Weise» einmal ins Auge zu fassen, dann werden Sie sehen, wie in diesem Lessing die Toleranzidee in ganz eminentester Weise lebt, wie er im Hineinflechten der Fabel von den drei Ringen in seinem «Nathan» zeigen wollte, wie die verschiedenen Religionen abgeirrt sind, wie die drei Hauptreligionen abgeirrt sind von ihrer ursprünglichen Gestalt, wie sie eigentlich alle drei nicht echt sind, und man die echte, die verloren ist, suchen müsse. So daß also hier die Toleranz mit einer außerordentlich tiefsinnigen Idee verbunden ist.
[ 30 ] In doing so, he tackled many major problems, such as his attempt to define the boundaries of painting and poetry in his Laocoon. But what is most interesting is the—I would say—forceful manner in which Lessing championed the idea of tolerance. You need only take a look at his Nathan the Wise to see how the idea of tolerance lives in Lessing in the most eminent way, how, by weaving in the fable of the three rings in his Nathan to show how the various religions have gone astray, how the three major religions have strayed from their original form, how all three are, in fact, inauthentic, and how one must seek the authentic one—which has been lost. Thus, here tolerance is linked to an extraordinarily profound idea.
[ 31 ] Dann aber ist bei Lessing interessant dieses Freimaurergespräch «Ernst und Falk» und anderes, was herausstammt aus der Freimaurerei. Was Lessing als geschichtlicher Erforscher des religiösen Lebens, als Kritiker des religiösen Lebens geleistet hat, das ist ja etwas, was für den, der zu beurteilen vermag, was so etwas bedeutet innerhalb des 18. Jahrhunderts, eben erschütternd ist. Man muß nur diesen ganzen Lessing in seiner Persönlichkeit sich vor die Seele stellen können.
[ 31 ] But what is interesting in Lessing’s work is this Masonic dialogue, “Ernst and Falk,” and other works that stem from Freemasonry. What Lessing accomplished as a historical researcher of religious life—and as a critic of religious life—is something that is truly profound for anyone capable of assessing what such a thing meant within the 18th century. One need only be able to visualize Lessing’s entire personality in one’s mind.
[ 32 ] Das kann man allerdings nicht, wenn man auf der einen Seite, sagen wir, etwa lesen wollte das zweibändige, als abschließend geltende Werk über Lessing von Erich Schmidt, denn da ist nicht Lessing geschildert, da ist ein Hampelmann geschildert, der zusammengesetzt ist aus verschiedenen menschlichen Gliedern, und von dem behauptet wird, daß er den «Nathan» geschrieben habe und den «Laokoon» geschrieben habe. Aber das sind bloße Behauptungen, daß der, der hier biographisch behandelt wird, das geschrieben habe. Und in ähnlicher Weise sind die anderen Lessing-Biographien verfaßt.
[ 32 ] However, that is not possible if, for example, one were to read Erich Schmidt’s two-volume work on Lessing, which is considered definitive, because it does not depict Lessing; but rather a puppet composed of various human parts, who is claimed to have written Nathan and Laocoon. But these are mere assertions that the person being discussed here wrote those works. And the other Lessing biographies are written in a similar vein.
[ 33 ] Man bekommt ungefähr einen Eindruck von Lessing, wenn man die Wurfkraft ins Auge faßt, mit der er seine Sätze hinschleudert, um den Gegner zu treffen. Eine vornehme, aber zu gleicher Zeit überall treffende Polemik entwickelt er eigentlich zunächst an mitteleuropäischer Zivilisation. Dabei muß man eine eigentümliche Nuancierung in seinem Charakter gerade dann ins Auge fassen, wenn man auf seine Lebenszusammenhänge eingehen will. Auf der einen Seite wird derjenige, der einen Sinn hat für die Schärfe, für die oft kaustische Schärfe, die in solchen Schriften wie in der «Hamburgischen Dramaturgie» zum Beispiel zutage tritt, nicht leicht den Weg hinüberfinden — aber man muß ihn finden, um Lessing zu verstehen — zu dem, wie Lessing in einem Briefe schreibt, als ihm sein Sohn geboren wurde, der gleich nach der Geburt starb. So ungefähr: Ja, er hat sich gleich wiederum aus dieser Welt des Jammers empfohlen. Er hat damit das Beste getan, was ein Mensch tun kann. — So ungefähr heißt es, ich kann es nicht wörtlich zitieren. Es heißt dieses, den Schmerz ausdrücken in einer ungeheuer kühnen Weise, die aber doch deshalb den Schmerz nicht weniger tief fühlt als derjenige, der ihn nur zu beweinen vermag. Daß er so den Schmerz ausdrückt, dieses Sich-auf-sich-zurückziehen-Können im Schmerz, das war zu gleicher Zeit dem eigen, der in der intensivsten Weise vorwärtszustoßen verstand, wenn er seine Polemik entwickeln wollte. Daher ist es auch so herzzerreißend, wenn man gerade jenen Brief liest, den Lessing geschrieben hat, als ihm das Kind gleich nach der Geburt gestorben ist und die Mutter schwer krank darniederlag.
[ 33 ] One gets a rough sense of Lessing when one considers the force with which he hurls his sentences to strike his opponent. He actually begins by directing a refined, yet at the same time universally incisive, polemic against Central European civilization. In doing so, one must take into account a peculiar nuance in his character, especially when seeking to understand the context of his life. On the one hand, those who have a sense for the sharpness—often caustic—that comes to light in writings such as the Hamburg Dramaturgy, for example, will not easily find their way across — but one must find it in order to understand Lessing — to what Lessing writes in a letter upon the birth of his son, who died immediately after birth. Something like this: “Yes, he has already taken his leave of this world of sorrow. In doing so, he has done the best thing a human being can do.” — That’s roughly what it says; I can’t quote it verbatim. It means expressing pain in an immensely bold way, yet one that feels the pain no less deeply than someone who is only capable of weeping over it. That he expressed pain in this way—this ability to withdraw into himself in the midst of pain—was at the same time characteristic of the man who knew how to press forward with the greatest intensity when he wanted to develop his polemics. That is why it is so heart-wrenching to read the very letter Lessing wrote when his child died immediately after birth and the mother lay gravely ill.
[ 34 ] Dieser Lessing hat nun dieses merkwürdige Schicksal gehabt — und das ist bloß charakteristisch, wenn man eben den karmischen Zusammenhang bei ihm suchen will —, in Berlin befreundet zu werden mit einem Manne, der ja eigentlich, man möchte sagen, in jedem Zug des Lebens der Gegensatz von Lessing war: Nicolai.
[ 34 ] This Lessing now had this remarkable fate—and this is particularly telling if one wishes to look for a karmic connection in his life—to become friends in Berlin with a man who, one might say, was in every respect the opposite of Lessing: Nicolai.
[ 35 ] Sehen Sie, Lessing, von dem — wenn es auch nicht ganz wahr ist, charakteristisch ist es doch für ihn — gesagt werden kann, daß er nie geträumt hat, weil sein Verstand so scharf war, er ist deshalb, wie wir morgen sehen werden, doch gerade für den Geistesforscher durch seine geistigen Zusammenhänge eine außerordentlich bedeutsame Persönlichkeit. Aber es war etwas bei Lessing, was einen jeden Satz eigentlich entzückend macht in der Konturierung der Sätze, in dem Treffsicheren, mit dem der Gegner in den Sand gelegt wird. Das war das Gegenteil bei Nicolai. Nicolai ist der Typus eines Philisters, ein richtiger Philister. Er war eben doch mit Lessing befreundet, aber er war ein eigentümlicher Philister, ein Philister, der Visionen hatte, die merkwürdigsten Visionen hatte.
[ 35 ] You see, Lessing—of whom it can be said—even if it is not entirely true, it is nonetheless characteristic of him—that he never daydreamed because his intellect was so sharp—is, as we shall see tomorrow, an extraordinarily significant figure for the scholar of the mind precisely because of his intellectual connections. But there was something about Lessing that made every sentence truly delightful in the way it was crafted, in the precision with which his opponent was put in his place. The opposite was true of Nicolai. Nicolai is the archetype of a philistine, a true philistine. He was, after all, friends with Lessing, but he was a peculiar philistine—a philistine who had visions, the strangest of visions.
[ 36 ] Lessing, der Geniale, hatte gar keine Visionen, nicht einmal Träume. Aber der Philister Nicolai litt eben an Visionen. Sie kamen, und sie gingen nur fort, wenn ihm Blutegel angesetzt wurden. Wenn es gar nicht mehr ging, so wurden ihm eben Blutegel gesetzt, dem Philister Nicolai, damit er nur ja nicht immer fort und fort aus der geistigen Welt heraus bestürmt würde.
[ 36 ] Lessing, the genius, had no visions at all—not even dreams. But the philistine Nicolai suffered from visions. They came, and they would only go away when leeches were applied to him. When things became completely unbearable, leeches were simply applied to him—the philistine Nicolai—so that he would not be constantly besieged by the spiritual world.
[ 37 ] Fichte hat eine ganz interessante Schrift gegen Nicolai geschrieben. Er hat eigentlich das deutsche Philistertum in der Persönlichkeit des Nicolai symptomatisch schildern wollen. Aber jener Nicolai war eben doch der Freund Lessings.
[ 37 ] Fichte wrote a very interesting treatise against Nicolai. He actually intended to use Nicolai’s character as a symbol of German philistinism. But Nicolai was, after all, a friend of Lessing’s.
[ 38 ] Nun, ein anderer Zug noch bei Lessing ist sehr merkwürdig. Lessing hat sich in bezug auf seine Weltanschauung viel mit zwei Philosophen beschäftigt, mit Spinoza und Leibniz. Nun muß ich sagen, ich hatte ja solche Nebenbeschäftigungen manchmal gewählt, die Schriften zu lesen, in denen bewiesen wird von der einen Seite, daß Lessing Leibnizianer gewesen ist, und die anderen, die immer wieder beweisen mit noch gediegeneren Gründen, daß er Spinozist gewesen ist. Die stehen sich in der Welt gegenüber. Und man kann schon sagen, eigentlich kann man nicht recht unterscheiden, ob Lessing, der scharfsinnige Mann, Leibnizianer oder Spinozist gewesen ist — was das Gegenteil voneinander ist. Spinoza: pantheistisch, monistisch; Leibniz: monadistisch, also lauter Einzelwesen, ganz individualistisch. Aber man kann das nicht unterscheiden, ob Lessing Leibnizianer oder Spinozist gewesen ist. So daß man, wenn man nach dieser Richtung hin Lessing prüft, eigentlich zu keinem abschließenden Urteil kommt. Man kann nicht zu einem abschließenden Urteil kommen.
[ 38 ] Well, there is another aspect of Lessing that is quite remarkable. With regard to his worldview, Lessing devoted a great deal of attention to two philosophers: Spinoza and Leibniz. Now I must say that I had sometimes chosen such side pursuits as reading the writings that prove, on the one hand, that Lessing was a Leibnizian, and, on the other, those that repeatedly prove—with even more solid arguments—that he was a Spinozist. These two stand in opposition to one another in the world. And one might well say that, in fact, it is difficult to distinguish whether Lessing—that astute man—was a Leibnizian or a Spinozist—which are opposites of one another. Spinoza: pantheistic, monistic; Leibniz: monadistic, that is, composed entirely of individual entities, thoroughly individualistic. But one cannot distinguish whether Lessing was a Leibnizian or a Spinozist. So that, when examining Lessing from this perspective, one does not actually arrive at a definitive judgment. One cannot arrive at a definitive judgment.
[ 39 ] Dieser Lessing hat am Abschluß seines Lebens die merkwürdige Schrift «Die Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben, wo am Ende, man möchte sagen, wie ganz vereinsamt die Idee der wiederholten Erdenleben auftritt. Die Schrift handelt so über die Erziehung des Menschengeschlechts, daß nacheinander die Menschheit Epochen der Entwickelung, der Zivilisationsentwickelung durchmacht: Wie die Götter dem Menschen das erste Elementarbuch, das Alte Testament, in die Hand geben, wie dann das zweite Elementarbuch, das Neue Testament, kommt, wiein der Zukunft ein drittes Buch kommen wird zur Erziehung des Menschengeschlechtes.
[ 39 ] Toward the end of his life, Lessing wrote the remarkable treatise The Education of the Human Race, in which, one might say, the idea of repeated earthly lives appears in a state of complete isolation. The work discusses the education of the human race in such a way that humanity successively undergoes epochs of development, of the development of civilization: how the gods place the first elementary book, the Old Testament, into the hands of humankind; how the second elementary book, the New Testament, then comes; and how, in the future, a third book will come for the education of the human race.
[ 40 ] Dann aber klingt die Schrift aus in eine kurze Darstellung, daß der Mensch in wiederholten Erdenleben lebt. Und dann wiederum, in einer Weise, die ganz aus dem Charakter Lessings herauskommt, sagt er: Sollte diese Idee der wiederholten Erdenleben — er gebraucht diesen Ausdruck nicht, aber es ist das ja da- deshalb so absurd sein, weil sie in der ersten Zeit, als die Menschen noch nicht durch die Schulweisheit verdorben waren, bei den Menschen auftrat? — Es klingt dann die Schrift in einen wahren Panegyrikus auf die wiederholten Erdenleben aus und hat zuletzt die schönen Worte, hinweisend, wie der Mensch von Erdenleben zu Erdenleben geht, die dann ausklingen in: «Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?»
[ 40 ] But then the text concludes with a brief statement that human beings live through repeated earthly lives. And then again, in a manner entirely characteristic of Lessing, he says: “Should this idea of repeated earthly lives—he does not use this expression, but that is what is meant—be so absurd simply because it arose among people in the early days, when they had not yet been corrupted by academic wisdom?” — The text then culminates in a true panegyric on repeated earthly lives and concludes with the beautiful words, pointing out how human beings pass from one earthly life to the next, which then end with: “Is not all eternity mine?”
[ 41 ] Man traf, vielleicht trifft man es auch heute noch, wenn man mit den Leuten zusammenlebt, immer wieder die Menschen, die eigentlich Lessing sehr schätzten, aber abrückten von der Schrift: «Die Erziehung des Menschengeschlechts.» Man kann eigentlich nicht verstehen, was solche Menschen für eine Seelenbeschaffenheit haben. Sie schätzen solch einen genialen Menschen aufs höchste, lehnen aber dasjenige ab, was er gerade in seinem reifsten Alter der Menschheit gibt. Er ist halt alt geworden, senil — so sagen sie —, da kann man nicht mehr mitgehen — so sagen sie. Ja, nicht wahr, auf diese Art läßt sich alles wegschaffen!
[ 41 ] When living among people—and perhaps this is still the case today—one repeatedly encountered, and perhaps still encounters, individuals who actually held Lessing in high esteem but distanced themselves from his work The Education of the Human Race. It’s actually impossible to understand what kind of mindset such people have. They hold such a brilliant man in the highest regard, yet reject precisely what he offers humanity in the prime of his life. He’s simply grown old, senile—so they say—and one can no longer keep up with him—so they say. Yes, isn’t it true that everything can be dismissed in this way!
[ 42 ] Aber es hat eigentlich niemand ein Recht, Lessing anzuerkennen, der nicht diese Schrift, die von ihm als reifster Geist verfaßt worden ist, mit anerkennt. Und bei Lessing gibt es keine rechte Möglichkeit, wenn ein solch Lapidares hingestellt wird wie diese Idee der wiederholten Erdenleben, das nicht anzuerkennen.
[ 42 ] But no one really has the right to acknowledge Lessing unless they also acknowledge this work, which he wrote at the height of his intellectual maturity. And with Lessing, there is really no way to ignore such a succinct statement as this idea of repeated earthly lives.
[ 43 ] Sie werden begreiflich finden, meine lieben Freunde, daß gerade diese Persönlichkeit mit Bezug auf Karma, mit Bezug auf ihren eigenen Durchgang durch die verschiedenen Erdenleben im höchsten Grade interessant ist. Denn etwa eine allgemein geltende Idee war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Idee der wiederholten Erdenleben nicht. Sie ist schon bei Lessing fast wie aus der Pistole herausgeschossen, wie eine aufblitzende, geniale Idee. Und man kann nicht sagen, daß es irgendwie gelingen könnte, sie durch Erziehung oder durch irgend etwas zu erklären, was Einfluß haben könnte auf dieses besondere Lessing-Leben und wiederum auf dieses Lessing-Leben im hohen Alter. Das legt einem schon die Aufgabe nahe, zu fragen: Wie mag es mit dem vorangegangenen Erdenleben bei einem Menschen sein, bei dem in einem bestimmten Alter die Idee der wiederholten Erdenleben, die sonst seiner ihn umgebenden Zivilisation fremd ist, plötzlich auftaucht, und zwar auftaucht so, daß der Mensch selber hinweist darauf, wie sie einmal in der Urzeit vorhanden war; also eigentlich innere Gefühlsgründe anführt, die mit dem Hinweis auf die eigenen Erdenleben bis weit zurück zusammenhängen, trotzdem Lessing in seinem gewöhnlichen Oberbewußtsein gewiß von solchen Zusammenhängen keine Ahnung hatte? Aber die Dinge, die man nicht weiß, sind ja deshalb doch da. Wenn nur diejenigen Dinge da wären, die manche Menschen wissen, dann wäre die Welt sehr arm an Ereignissen und an Wesenheiten. Das ist die zweite Frage, die uns beschäftigen soll in karmischer Beziehung.
[ 43 ] You will understand, my dear friends, that this particular individual is of the utmost interest when it comes to karma and her own journey through various earthly lives. For the idea of repeated earthly lives was by no means a widely accepted concept in the second half of the 18th century. It practically burst forth from Lessing like a flash of genius. And one cannot say that it could in any way be explained by his upbringing or by anything else that might have influenced this particular life of Lessing—and, in turn, this life of Lessing in his old age. This naturally leads one to ask: What might be the case with the previous earthly life of a person in whom, at a certain age, the idea of repeated earthly lives—which is otherwise foreign to the civilization surrounding him—suddenly emerges, and emerges in such a way that the person himself points out how it once existed in primeval times; that is, who actually cites inner emotional reasons connected to references to his own past lives stretching far back in time, even though Lessing, in his ordinary conscious mind, certainly had no inkling of such connections? But the things we do not know are, after all, still there. If only those things were there that some people know, then the world would be very poor in events and beings. This is the second question that should occupy us in a karmic context.
[ 44 ] Eine dritte Frage möchte ich aufwerfen, weil sie vielleicht durch die Schilderung der konkreten Verhältnisse dann im karmischen Zusammenhange besonders lehrreich sein kann, Ich habe ja unter den Persönlichkeiten, die mir als Lehrer nahestanden in meiner Jugend, eine geschildert, die ich da nur so dargestellt habe, wie sie eben in diesem Zusammenhange dargestellt werden muß, die ich Ihnen aber heute mit einigen Zügen schildern möchte, die dann symptomatisch, bedeutend sein können für das Karmastudium.
[ 44 ] I would like to raise a third question, because it may prove particularly instructive in the context of karma when viewed through the lens of these specific circumstances, Among the figures who were close to me as teachers during my youth, I have described one whom I portrayed there only as he had to be portrayed in that particular context; however, today I would like to describe him to you with a few characteristics that may prove symptomatic and significant for the study of karma.
[ 45 ] Ich bin in der folgenden Weise auf das Karmastudium gerade dieser Persönlichkeit geführt worden. Es ist wiederum gewagt, wenn ich dieses erzähle, aber ich glaube nicht, daß in dem Zusammenhange, in dem heute das Geistesleben, das von Anthroposophie ausgehen soll, drinnensteht, diese gewagten Dinge vermieden werden können.
[ 45 ] I was led to study the karma of this particular personality in the following way. It is once again a bold move for me to recount this, but I do not believe that, given the context in which spiritual life—which is to spring from anthroposophy—finds itself today, such bold statements can be avoided.
[ 46 ] Sehen Sie, das, was ich Ihnen erzähle, hat sich mir eigentlich erst ergeben, nachdem ich einige Jahre den Betreffenden, der mir ein sehr lieber Lehrer war, bis zu meinem achtzehnten Lebensjahre, nicht mehr gesehen hatte. Ich hatte aber immer sein Leben weiter verfolgt, war ihm eigentlich immer nahe geblieben. Nun hatte ich in einem bestimmten Momente meines eigenen Lebens Veranlassung, dieses Leben aus einem ganz bestimmten Grunde zu verfolgen.
[ 46 ] You see, what I’m telling you only really became clear to me after I hadn’t seen the person in question—who had been a very dear teacher to me—for several years, up until I turned eighteen. But I had always kept track of his life; I had, in fact, always remained close to him. Now, at a certain point in my own life, I had reason to follow his life for a very specific reason.
[ 47 ] In einem bestimmten Moment fing mich nämlich an, durch einen anderen Lebenszusammenhang, das Leben Lord Byrons außerordentlich zu interessieren. Und ich lernte dazumal auch Menschen kennen, die außerordentliche Byron-Enthusiasten waren. Zu diesen gehörte zum Beispiel die Dichterin, von der ich noch in meiner Lebensbeschreibung viel werde zu sagen haben, Marie Eugenie delle Grazie. Sie war eine Byron-Enthusiastin in einem bestimmten Alter ihres Lebens.
[ 47 ] At a certain point, in fact, due to a different set of circumstances, I became extraordinarily interested in the life of Lord Byron. And at that time, I also met people who were extraordinary Byron enthusiasts. Among them was, for example, the poetess Marie Eugenie delle Grazie, about whom I will have much to say in my autobiography. She was a Byron enthusiast during a certain period of her life.
[ 48 ] Dann war ein Byron-Enthusiast eine merkwürdige Persönlichkeit, eine sonderbare Mischung von allen möglichen Eigenschaften: Eugen Heinrich Schmitt. Manchen, die sich auch mit der Geschichte der Anthroposophie befaßt haben, wird ja der Name Eugen Heinrich Schmitt wohl aufgetaucht sein.
[ 48 ] Then there was a Byron enthusiast who was a curious figure, a peculiar mixture of all sorts of characteristics: Eugen Heinrich Schmitt. Some who have also studied the history of anthroposophy will likely have come across the name Eugen Heinrich Schmitt.
[ 49 ] Nun, zunächst wurde Eugen Heinrich Schmitt in den achtziger Jahren in Wien bekannt, damals auch gleich mir bekannt, als er seine preisgekrönte Schrift über Hegels Dialektik, die von der Berliner Hegel-Gesellschaft ausgeschrieben war, geschrieben hatte. Da kam nun dieser lange Eugen Heinrich Schmitt — er war schmächtig und lang nach Wien, ein Mann, der wirklich, wenn auch äußerlich in einer etwas sehr stark zur Schau getragenen Weise, von einem starken Enthusiasmus durchsetzt war, einem Enthusiasmus, der zuweilen, wie gesagt, auch äußerlich sehr starke Formen annahm, aber er war eben Enthusiast. Das ist etwas, was mir vielleicht nur einen Ruck gegeben hat. Ich dachte, ich wollte Eugen Heinrich Schmitt eine Freude machen, und da er gerade damals seinen begeisterten Artikel geschrieben hatte über Lord Byron, so führte ich ihn zu der anderen Byron-Enthusiastin, zu Marie Eugenie delle Grazie. Nun ging da eine furchtbar enthusiastische Byron-Diskussion los. Sie waren eigentlich einig, aber sie diskutierten lebhaft. Alle anderen, die da saßen, schwiegen. Es war dort eine ganze Anzahl von Theologen der Wiener katholischen Fakultät versammelt, die da jede Woche hinkamen, die man auch sehr genau kennenlernte und mit denen ich sehr befreundet geworden bin. Wir anderen schwiegen alle. Aber die beiden Leute unterhielten sich nun über Byron so: Da war der Tisch, etwas länglich, da saß delle Grazie, und hier saß Eugen Heinrich Schmitt, heftig gestikulierend. Plötzlich geht der Stuhl unter ihm weg, er fällt unter den Tisch, seine Füße bis zu delle Grazie hin. Ich darf wohl sagen, es war ein Schock, den man bekam. Aber dieser Schock löste bei mir eine ganz besondere Sache aus — ich möchte das wirklich ganz objektiv historisch erzählen —, er löste bei mir eine ganz besondere Sache aus: Alles, was da über Byron gesprochen worden war, das wirkte so, daß ich das lebhafteste Bedürfnis empfand, zu wissen, wie die karmischen Zusammenhänge bei Byron sein können! Das war natürlich nicht so leicht. Aber es ist wirklich so, wie wenn das Bild dieses Gespräches dagestanden hätte mit dem Eugen Heinrich Schmitt, der mit dem Fuß anstößig wurde, und wie wenn dieses Bild mich auf den Fuß von Byron gebracht hätte, der ein Klumpfuß war, wie Sie wissen: er schleppte den Fuß, weil er kürzer war. Und von da aus sagte ich mir: Solch einen Fuß hat ja auch dieser mein geliebter Lehrer gehabt, und — man muß einmal die karmischen Zusammenhänge untersuchen. — Ich habe Ihnen schon bei einem Beispiele, bei einer Beinverletzung Eduard von Hartmanns gezeigt, wie man durch solche Eigenschaften zurückgeführt wird. Ich konnte mir nun das Schicksal dieses mir nahestehenden Menschen, der auch gerade einen solchen Fuß hatte, leichter vor Augen stellen, und da war natürlich vor allen Dingen das sehr bemerkenswert, daß diese eine Eigenschaft, einen Klumpfuß zu haben, bei Byron und bei dem anderen vorlag. Aber sonst waren sie ganz verschieden: Byron, der geniale Poet, der abenteuerlicher Natur war trotz der Genialität, oder vielleicht wegen der Genialität, und der andere, der ein ausgezeichneter Geometer war, wie sie selten in solchen Lehrstellen vorkommen, den man nun wirklich bewundern konnte mit Bezug auf seine geometrische Phantasie und auf seine Handhabung der darstellenden Geometrie.
[ 49 ] Well, Eugen Heinrich Schmitt first became known in Vienna in the 1980s—and I became acquainted with him at that time as well—when he wrote his award-winning essay on Hegel’s dialectic, for which the Berlin Hegel Society had issued a call for submissions. Then this tall Eugen Heinrich Schmitt—he was slender and tall—came to Vienna, a man who was truly, even if outwardly in a somewhat very ostentatious manner, imbued with a strong enthusiasm, an enthusiasm that at times, as I said, also took on very strong outward forms, but he was simply an enthusiast. That’s something that perhaps just gave me a nudge. I thought I’d like to do Eugen Heinrich Schmitt a favor, and since he had just written his enthusiastic article about Lord Byron at that time, I introduced him to the other Byron enthusiast, Marie Eugenie delle Grazie. Then a terribly enthusiastic discussion about Byron broke out. They actually agreed, but they debated animatedly. Everyone else sitting there remained silent. A whole group of theologians from the Catholic Faculty in Vienna had gathered there; they came every week, and I got to know them very well and became very good friends with them. The rest of us all remained silent. But those two were now talking about Byron like this: There was the table, somewhat oblong; delle Grazie was sitting there, and Eugen Heinrich Schmitt was sitting here, gesturing wildly. Suddenly, the chair gave way beneath him; he fell under the table, his feet extending all the way to where delle Grazie was sitting. I suppose I can say it was quite a shock. But this shock triggered something very special in me—I really want to recount this quite objectively and historically—it triggered something very special in me: Everything that had been said there about Byron had such an effect that I felt the most vivid need to know what the karmic connections might be in Byron’s case! Of course, that wasn’t so easy. But it really was as if the image of that conversation had stood there with Eugen Heinrich Schmitt, who was being offensive with his foot, and as if that image had led me to Byron’s foot, which, as you know, was club-footed: he dragged his foot because it was shorter. And from there I said to myself: My beloved teacher also had a foot like that, and—one must investigate the karmic connections. — I have already shown you, using the example of Eduard von Hartmann’s leg injury, how one is led back through such characteristics. I was now able to more easily visualize the fate of this person close to me, who also happened to have just such a foot, and what was, of course, most remarkable of all was that this one characteristic—having a clubfoot—was present in both Byron and the other man. But otherwise they were quite different: Byron, the brilliant poet, who was adventurous by nature despite his genius—or perhaps because of it—and the other man, who was an outstanding geometer, the likes of whom are rarely found in such academic circles, and whom one could truly admire for his geometric imagination and his mastery of descriptive geometry.
[ 50 ] Kurz, ich konnte mir bei zwei seelisch ganz und gar verschiedenen Menschen das karmische Problem an dieser scheinbaren physischen Nebensache vorlegen; aber sie führte dazu, nun tatsächlich die beiden Probleme, den einen und den anderen Menschen, Byron und meinen Geometrielehrer, im Zusammenhang zu behandeln und das Problem dabei zu lösen.
[ 50 ] In short, I was able to apply the karmic problem to this seemingly trivial physical matter involving two people who were completely different in terms of their emotional makeup; but this led me to actually address both problems—one person and the other, Byron and my geometry teacher—in context and thereby solve the problem.
[ 51 ] Diese Fälle wollte ich Ihnen heute als charakteristische vorlegen, und wir wollen dann morgen an die karmische Betrachtung dieser Fälle gehen.
[ 51 ] I wanted to present these cases to you today as representative examples, and tomorrow we will move on to a karmic analysis of them.

