Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume I
GA 235
23 March 1924, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Esoteric Considerations of Karmic Connections, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Nun, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen gestern eine Anzahl von Persönlichkeiten geschildert, und man muß ja bei einer solchen Schilderung, damit die Dinge wenigstens ihren Äußerlichkeiten nach überprüft werden können, bekanntere Persönlichkeiten nehmen. Ich habe deshalb eine Anzahl bekannterer Persönlichkeiten geschildert, gerade nach denjenigen Charaktereigenschaften hin, die dem geisteswissenschaftlichen Untersucher die Möglichkeit bieten, Anhaltspunkte zu geben, um die karmischen Zusammenhänge zu verfolgen. Und ich habe diesmal — wir werden ja über diese Dinge ausführlich in den verschiedensten Varianten immer wieder sprechen — solche Persönlichkeiten gewählt, an denen ich ein ganz bestimmtes Problem erörtern kann, ein Problem, das mir innerhalb der Gesellschaft entgegengetreten ist. Ich möchte dieses Problem, das, wie gesagt, andere gestellt haben, aus dem Schoße der Gesellschaft heraus, ganz trocken formulieren.
[ 1 ] Well, my dear friends, yesterday I described a number of individuals to you, and in such a description—so that things can at least be verified in terms of their outward appearances—one must, of course, choose more well-known figures. I have therefore described a number of better-known figures, focusing specifically on those character traits that offer the spiritual scientist the opportunity to provide clues for tracing karmic connections. And this time—we will, of course, discuss these matters in detail and from various angles time and again—I have chosen such personalities through whom I can address a very specific problem, a problem that I have encountered within society. I would like to formulate this problem—which, as I said, has been raised by others from within society—in a very matter-of-fact way.
[ 2 ] Es ist dies, daß ja bei jeder Gelegenheit hingewiesen wird darauf — mit Recht selbstverständlich —, daß es in der Vorzeit eingeweihte Persönlichkeiten gegeben hat, eingeweihte Persönlichkeiten mit einer hohen Weisheit, auf einer hohen Entwickelungsstufe und so weiter, und daß dann doch die Frage entsteht: Ja, wenn das Leben der Menschen immer wiederkehrt, wo sind denn jetzt in der Gegenwart diese einmal initiierten Persönlichkeiten? Sind die nicht aufzufinden im Umkreise der Menschen der Gegenwart unter denen, die es sozusagen gerade trifft, ihre Wiederverkörperung in dieser Zeit erleben zu sollen?
[ 2 ] The point is that it is pointed out at every opportunity—rightly so, of course—that in ancient times there were initiated individuals, individuals of great wisdom, at a high stage of development, and so on, and that this then raises the question: Yes, if human life is cyclical, where are these once-initiated individuals now, in the present? Are they not to be found among the people of the present, among those who, so to speak, happen to be experiencing their reincarnation at this time?
[ 3 ] Deshalb habe ich solche Beispiele gewählt, an denen ich zugleich diese Frage erörtern kann. Sehen Sie, ich habe Ihnen das Bild, soweit wir es zunächst brauchen, des italienischen Freiheitshelden Garibaldi vorgeführt, und ich glaube, daß Sie, wenn Sie das nehmen, was ich gestern besprochen habe, und alles das hinzufügen, was Ihnen ja in reichlichem Ausmaße über diese Persönlichkeit bekannt sein wird, Sie schon gerade an dieser Persönlichkeit außerordentlich viel Rätselhaftes finden werden, vieles, das große, bedeutungsvolle Fragen aufwirft.
[ 3 ] That is why I have chosen examples like these, which allow me to discuss this question at the same time. You see, I have presented you with the image—as far as we need it for now—of the Italian hero of freedom, Garibaldi, and I believe that if you take what I discussed yesterday and add to it everything you surely know in abundance about this figure, you will find an extraordinary amount of mystery in this figure alone—much that raises major, significant questions.
[ 4 ] Nehmen wir nur einmal die paar Züge, über die Sie gestern sich zuweilen sogar ergötzt haben, die ich angeführt habe, das Bekanntschaftmachen durch das Fernglas mit einer Lebensgefährtin für viele Jahre, das Bekanntwerden mit dem Todesurteil durch den zum ersten Mal gedruckten Namen. Auch etwas anderes Frappierendes ist bei Garibaldi noch da: Die Lebensgefährtin, die er auf die geschilderte Weise gefunden hat, und die in einer so heldenhaften Weise, wie ich es gestern geschildert habe, an seiner Seite gestanden hat, sie war eben seine Lebensgefährtin viele Jahre hindurch. Also durch das Fernglas konnte er etwas sehr Gutes sehen. Später starb sie ihm weg, und er hat sich ja ein zweites Mal verheiratet, diesmal nicht durch ein Fernglas, denn solch eine Sache macht man ja, selbst wenn man Garibaldi ist, wohl nur einmal im Leben, aber diesmal auf eine ganz gewöhnlich bürgerliche Art, so wie es eben, nicht wahr, unter guten Bürgern zugeht. Aber da dauerte die Ehe nur einen Tag für Garibaldi! Also Sie sehen, es gibt auch noch dieses zweite Frappierende an dem Verhältnis Garibaldis zu den gewöhnlichen bürgerlichen Verhältnissen in dieser Welt.
[ 4 ] Let’s just take the few examples I cited yesterday—which you even found amusing at times—such as meeting a life partner through binoculars, or learning of a death sentence upon seeing one’s name in print for the first time. There is also something else striking about Garibaldi: the life partner he found in the manner described, and who stood by his side in such a heroic way—as I described yesterday—was indeed his life partner for many years. So through the telescope he was able to see something very good. Later she passed away, and he did, in fact, marry a second time—this time not through a telescope, for such a thing, even if you are Garibaldi, is something you probably only do once in a lifetime—but this time in a completely ordinary, bourgeois manner, just as it is customary, isn’t it, among respectable citizens. But for Garibaldi, that marriage lasted only one day! So you see, there is also this second striking aspect to Garibaldi’s relationship with ordinary bourgeois circumstances in this world.
[ 5 ] Dann gibt es aber etwas anderes. Diese Dinge, die ich Ihnen da schildere, die sind schon so, daß sie durchaus den, der an dergleichen okkulte Untersuchungen gewöhnt ist, ich möchte sagen, dazu stoßen, daß er sie gebrauchen kann, um so starke Anhaltspunkte zu haben, daß er dann mit dem Schauen wirklich in ein früheres Leben oder in eine Anzahl früherer Leben zurückdringt. Aber es gibt noch etwas anderes, was vor allen Dingen als ein starkes Problem auftritt.
[ 5 ] But there is something else. The things I am describing to you here are such that they certainly enable those accustomed to such occult investigations—I would say—to use them to gain such strong clues that they can then, through clairvoyance, truly look back into a past life or a number of past lives. But there is something else that presents itself above all as a major problem.
[ 6 ] Sehen Sie, Garibaldi war eigentlich seiner Gesinnung nach — ich habe es gestern schon durchleuchten lassen — Republikaner, durch und durch Republikaner. Aber er hat sich für die Befreiung Italiens so eingesetzt, daß er sich eigentlich gar nicht darauf eingelassen hat, Italien zu einer Republik zu machen, sondern Italien zu einem Königreich unter Viktor Emanuel zu machen. Das hat etwas außerordentlich Frappierendes. Wenn man den ganzen Garibaldi anschaut und dies nimmt, so hat es etwas außerordentlich Frappierendes. Da war auf der einen Seite Viktor Emanuel, der als König natürlich nur an der Spitze des italienischen, befreiten Staates stehen konnte.
[ 6 ] You see, Garibaldi was actually, in his convictions—as I already examined yesterday—a Republican, a Republican through and through. But he was so committed to the liberation of Italy that he did not actually set out to make Italy a republic, but rather to make it a kingdom under Victor Emmanuel. There is something extraordinarily striking about this. When you look at Garibaldi as a whole and consider this, there is something extraordinarily striking about it. On the one hand, there was Victor Emmanuel, who, as king, could naturally only stand at the head of the liberated Italian state.
[ 7 ] Da war auf der anderen Seite Mazzini, der auch durchaus mit Garibaldi verbunden war, befreundet war, der eine Zeitlang ganz an der Spitze einer italienischen Republik gestanden hat, die da hätte eingerichtet werden sollen; der von sich aus nur dafür eintreten wollte, eine italienische Republik zu begründen.
[ 7 ] On the other hand, there was Mazzini, who was also closely associated with Garibaldi—they were friends—and who for a time had stood at the very head of an Italian republic that was supposed to have been established there; he, for his part, wanted only to advocate for the founding of an Italian republic.
[ 8 ] Und die karmischen Verhältnisse bei Garibaldi lösen sich einem gar nicht, wenn man nicht auf einen gewissen Zusammenhang zunächst kommt. Und dieser Zusammenhang besteht in folgendem. Im Laufe von wenigen Jahren — Garibaldi, wissen Sie, ist 1807 in Nizza geboren — werden eigentlich im Umkreise von ein paar Quadratmeilen, könnte man sagen, vier Männer geboren, die dann einen deutlichen Lebenszusammenhang im weiteren Verlaufe der europäischen Verhältnisse hatten. In Nizza wird im Beginne des 19. Jahrhunderts also Garibaldi geboren. In Genua, also nicht weit davon entfernt, Mazzini. Wiederum in Turin, nicht weit davon entfernt, Cavour, und aus dem Savoyischen Hause, also wiederum nicht weit davon entfernt, Viktor Emanuel. Sie sind an Jahren und an der Lokalität der Geburtsorte durchaus einander nahegerückt. Und sie sind es alle viere, die zusammen, wenn auch nicht mit zusammenstimmender Gesinnung, ja, auch nicht mit zusammenstimmender gegenseitiger Behandlung, die aber zusammen dasjenige begründen, was dann das moderne Italien geworden ist.
[ 8 ] And the karmic circumstances surrounding Garibaldi do not become clear at all unless one first recognizes a certain connection. And this connection is as follows. Over the course of just a few years—Garibaldi, as you know, was born in Nice in 1807—four men were born, one might say, within a radius of a few square miles, who would go on to have a significant interconnection in the further course of European history. So Garibaldi was born in Nice at the beginning of the 19th century. Mazzini was born in Genoa, not far from there. Cavour was born in Turin, not far from Genoa, and Victor Emmanuel, a member of the House of Savoy, was born not far from Turin either. They were quite close to one another in terms of the years and locations of their births. And it is these four men who, together—even if not with shared convictions, nor even with consistent treatment of one another—laid the foundation for what would later become modern Italy.
[ 9 ] Da weist einen schon gewissermaßen der äußere Verlauf der Geschichte einfach darauf hin, sich zu sagen: Diese vier Persönlichkeiten, die werden zusammengetragen, in deutlicher Weise zusammengetragen, um nicht nur für sich, sondern für die Welt ein gemeinsames Schicksal darzustellen.
[ 9 ] In a sense, the outward course of history itself simply leads one to say: These four figures are brought together—clearly brought together—to represent a shared destiny not only for themselves but for the world.
[ 10 ] Der Bedeutendste unter ihnen ist ohne Zweifel eben Garibaldi selber. Wenn man alle menschlichen Verhältnisse nimmt, ist der Bedeutendste von ihnen Garibaldi. Aber Garibaldis Geistigkeit tritt in einer elementarischen Art zutage. Mazzinis Geistigkeit ist eine philosophisch-erstudierte, Cavours Geistigkeit ist eine juristisch-erstudierte, und Viktor Emanuels Geistigkeit — nun ja... Also der Bedeutendste unter ihnen ist eben Garibaldi, alle menschlichen Verhältnisse genommen, und bei ihm ist etwas vorhanden, das mit elementarer Gewalt auftritt, so daß man nicht leicht gegenüber einer solchen Geistigkeit Psychologe sein kann. Man kann es nicht sein, wenn man eigentlich nicht weiß: Woher kommen die Dinge, wenn man sie so vom Standpunkte der persönlichen Psychologie eines Erdenlebens nimmt?
[ 10 ] The most significant among them is, without a doubt, Garibaldi himself. When one considers all human circumstances, Garibaldi is the most significant of them all. But Garibaldi’s intellect manifests itself in a primal way. Mazzini’s intellect is one cultivated through philosophy, Cavour’s is one cultivated through law, and Victor Emmanuel’s intellect—well… So the most significant among them is indeed Garibaldi, all human circumstances considered, and there is something about him that manifests with elemental force, so that one cannot easily analyze such an intellect as a psychologist. One cannot be a psychologist when one does not actually know: Where do these things come from, when viewed from the standpoint of the personal psychology of an earthly life?
[ 11 ] Nun komme ich auf die Frage zurück: Wo sind die früheren Eingeweihten? Denn man wird ja sagen, die seien nicht da. Ja, meine lieben Freunde, wenn in ausgiebigerem Maße heute die Möglichkeit gegeben wäre, daß die Menschen — ich muß in dieser Beziehung schon etwas paradox sprechen — entweder gleich mit siebzehn, achtzehn Jahren geboren würden, so daß sie also schon gleich siebzehn, achtzehn Jahre alt wären, aus der geistigen Welt herunterstiegen und siebzehn-, achtzehnjährige Körper vorfinden würden auf irgendeine Weise — ich sage natürlich etwas Paradoxes —, oder wenn wenigstens den Menschen erspart würde, die in heutiger Art konstituierte Schule durchzumachen, dann würden Sie finden, daß in heutigen Menschen die ehemaligen Eingeweihten auftreten könnten. Aber geradesowenig wie es den Eingeweihten möglich ist, unter den gewöhnlichen Erdenverhältnissen, wenn sie Brot brauchen, sich mit einem Stück Eis zu nähren, ebensowenig ist es möglich, die Weisheitsverhältnisse der alten Zeit unmittelbar in der Form, wie man es erwartet, in einem Körper zu manifestieren, der in dem Sinne, wie es die heutige Zivilisation mit sich bringt, bis zum siebzehnten, achtzehnten Lebensjahre erzogen wird. Das ist auf der ganzen Welt nicht möglich; wenigstens da, wo eben Zivilisation herrscht, ist es nicht möglich. Da kommen ja Dinge in Betracht, die überhaupt durchaus außer dem Gesichtskreise des heutigen Gebildeten liegen.
[ 11 ] Now I return to the question: Where are the initiates of the past? For people will say, of course, that they are not here. Yes, my dear friends, if today there were a greater possibility—and I must speak somewhat paradoxically here—that people would either be born at the age of seventeen or eighteen, so that they would already be seventeen or eighteen years old, descend from the spiritual world, and somehow find seventeen- or eighteen-year-old bodies—I am, of course, speaking somewhat paradoxically— or if at least people were spared from having to go through the school system as it is constituted today, then you would find that the initiates of old could appear among people today. But just as it is not possible for initiates, under ordinary earthly conditions, to sustain themselves with a piece of ice when they need bread, it is equally impossible to manifest the wisdom of ancient times directly, in the form one might expect, in a body that has been educated—in the sense that modern civilization entails—up to the age of seventeen or eighteen. This is not possible anywhere in the world; at least not where civilization prevails. After all, there are factors at play that lie entirely outside the field of vision of today’s educated person.
[ 12 ] Wenn man, wie es heute üblich ist, unsere gegenwärtigen Lese- und Schreibkenntnisse vom sechsten, siebenten Lebensjahre an sich aneignen muß, so ist das eine solche Tortur für die Seele, die sich ihrer besonderen Eigenart nach entwickeln will, daß — ja, ich kann nur sagen, was ich schon in meiner Lebensbeschreibung gesagt habe: Ich verdanke das Hinwegräumen manches Hindernisses dem Umstande, daß ich mit zwölf Jahren nicht orthographisch schreiben konnte, überhaupt noch nicht ordentlich schreiben konnte. Ich habe es erwähnt in meiner Lebensbeschreibung, denn das so Schreibenkönnen, wie man es heute verlangt, ertötet gewisse Eigentümlichkeiten des Menschen.
[ 12 ] If, as is customary today, one must acquire our current reading and writing skills starting at the ages of six or seven, it is such an ordeal for the soul—which, by its very nature, seeks to develop in its own unique way—that—well, I can only say what I have already stated in my autobiography: I owe the removal of many an obstacle to the fact that, at the age of twelve, I could not write orthographically—indeed, I could not even write neatly at all. I mentioned this in my autobiography, for the ability to write as is required today stifles certain human idiosyncrasies.
[ 13 ] Man muß schon so paradox sprechen. Es ist einmal eine Wahrheit. Es ist nichts zu machen dagegen, es ist eine Wahrheit. Und so kommt es eben, daß gerade hoch entwickelte Individualitäten der Vergangenheit eigentlich in ihrer Wiedergeburt nur zu erkennen sind von dem, der da auf diejenigen Manifestationen der Menschennatur schaut, die sich durch die heutige Zivilisationsbildung mehr hinter dem Menschen als in dem Menschen offenbaren.
[ 13 ] One really has to speak in such paradoxical terms. It is, after all, a truth. There’s nothing to be done about it; it is a truth. And so it happens that highly developed individuals of the past can actually be recognized in their rebirth only by those who look at those manifestations of human nature that, through today’s civilization, reveal themselves more behind the human being than within the human being.
[ 14 ] Und in dieser Beziehung ist gerade Garibaldi ein außerordentlich schlagendes Beispiel. Die zivilisierten Menschen, einschließlich Cavours oder wenigstens der Anhänger von Cavour, für was haben sie denn Garibaldi gehalten? Für einen verdrehten Zwickel, für einen verdrehten Kerl, mit dem vernünftigerweise gar nicht zu diskutieren ist. Das ist es ja, was man auch berücksichtigen muß, denn es war eben vieles in seinen Schlußfolgerungen in der Art und Weise, wie er vor Leuten sprach, die auf die heutige Zivilisation versessen sind, sagen wir, zum mindesten unlogisch. Es war eigentlich an dieser Persönlichkeit schon im Exterieur vieles unlogisch. Es paßten viele Dinge nicht zusammen.
[ 14 ] And in this regard, Garibaldi in particular is an extraordinarily striking example. What did civilized people—including Cavour, or at least Cavour’s followers—think of Garibaldi? They saw him as a twisted oddball, a strange fellow with whom it was simply impossible to reason. That is precisely what one must also take into account, for there was indeed much in his conclusions—and in the way he spoke to people who are, shall we say, obsessed with modern civilization—that was, at the very least, illogical. In fact, there was much that was illogical about this figure even in his outward appearance. Many things simply did not fit together.
[ 15 ] Und nur derjenige, der gewissermaßen hinter eine Persönlichkeit sieht, der auf das sieht, was in früheren Erdenleben in den Körper hinein konnte und was in diesem Erdenleben, weil die gegenwärtige Zivilisation die Körper ungeeignet macht, nicht in den Körper hinein konnte, wer auf das sehen kann, der kann sich eine Vorstellung machen, was eine solche Persönlichkeit eigentlich ist. Ein anderer kommt gar nicht darauf, denn das Allerwichtigste bei einer solchen Persönlichkeit liegt eigentlich hinter den Äußerungen, die auf äußerliche Art eben gemacht werden können. Ein wackerer — die Anwesenden sind ja immer ausgenommen —, ein wackerer Philister, sagen wir, der einfach sich so ausdrückt, wie er es gelernt hat, bei dem man also einen Abglanz seines schulmäßigen und sonstigen Lernens und Erziehens sieht, den kann man eben seiner moralisch-geistigen Art nach photographieren. Er ist da. Aber einen Menschen, der mit einer umfänglichen Weisheitsseele aus alten Zeiten herüberkommt, so daß diese Seele in dem Körper sich nicht ausdrücken kann, den kann man nicht darnach beurteilen, was von ihm mit den Mitteln der heutigen Zivilisation aus dem Körper herauskommt. Das kann man vor allen Dingen bei Garibaldi nicht. Da muß man gewissermaßen — ich meine das nur als Bild die Sache so aufnehmen, wie gewisse Spiritistenbilder sind, hinter denen ein Phantom sichtbar wird; so erscheint einem solch eine Persönlichkeit: Erstens ihrem bürgerlichen Wert nach, und dahinter dann — wie etwas Spirituelles, wie eine Geistaufnahme — dasjenige, was nun nicht herein kann in den Körper. |
[ 15 ] And only those who, so to speak, look beyond a personality—who look at what was able to enter the body in earlier earthly lives and what, in this earthly life, could not enter the body because the present civilization renders the bodies unsuitable—only those who can see this can form a conception of what such a personality actually is. Others don’t even consider this, for the most important aspect of such a personality actually lies beyond the expressions that can be made in an outward manner. A good-natured—though those present are, of course, always an exception—a good-natured philistine, let’s say, who simply expresses himself as he has learned to do, in whom one thus sees a reflection of his schooling and other learning and upbringing—such a person can indeed be “photographed” in terms of his moral and spiritual nature. He is right there. But a person who comes from ancient times with a soul of profound wisdom—so that this soul cannot express itself through the body—cannot be judged by what emerges from his body through the means of today’s civilization. This is especially true of Garibaldi. In a sense—and I mean this only as a metaphor—one must view the matter as certain spiritualist photographs do, behind which a phantom becomes visible; this is how such a personality appears: first, in terms of their civic worth, and behind that—like something spiritual, like a spiritual image—that which cannot enter the body. |
[ 16 ] Wenn man das alles berücksichtigt, namentlich wenn man sich tragen läßt im Schauen von den Dingen, die ich Ihnen besonders angeführt habe, dann fällt tatsächlich der Blick zu Garibaldi hin auf das Leben eines wirklich Eingeweihten zurück, der nur in einer ganz anderen Weise sich äußerlich auslebt, weil er eben in den Körper nicht ganz hinein kann. Und schließlich werden Ihnen doch die Dinge nicht ganz so erstaunlich erscheinen, wenn eben diese Eigenschaften, die ich hervorgehoben habe, berücksichtigt werden. Man muß schon etwas fremd sein dem, was einem heute anerzogen ist, man muß schon etwas «erdenentrückt» sein, wenn man durch ein Fernrohr sich in die bürgerlichen Verhältnisse hineinstellt, was ja sonst nicht üblich ist, und ähnliche Dinge. Es ist etwas, was in diesen Eigenschaften herausweist aus dem gewöhnlichen Drinnenstehen in diesen bürgerlichen Verhältnissen.
[ 16 ] If one takes all this into account—especially if one allows oneself to be guided in one’s observation by the things I have specifically pointed out to you—then one’s gaze does indeed turn back to Garibaldi’s life as that of a true initiate, who simply expresses himself outwardly in a completely different way because he cannot fully enter into the body. And ultimately, these things will not seem quite so astonishing to you once you take into account precisely these characteristics that I have highlighted. One must be somewhat detached from what one has been taught today; one must be somewhat “detached from the earth” when, through a telescope, one places oneself within bourgeois circumstances—which is otherwise not customary—and similar things. It is something that, in these characteristics, points beyond the ordinary immersion in these bourgeois circumstances.
[ 17 ] So werden wir denn bei Garibaldi zurückgeführt in ein Eingeweihtenleben, und gerade in ein Eingeweihtenleben, meine lieben Freunde, in einem solchen Mysterium, wie ich es hier vor einigen Monaten geschildert habe als ausgehend von Irland. Ich habe Ihnen die irischen Mysterien geschildert, ausgehend von Irland, aber zu suchen ist er in einer Zweigniederlassung nicht einmal gar sehr weit von hier, nämlich im Elsaß, im heutigen Elsaß; da finden wir in einem gewissen Grade eingeweiht gerade Garibaldi. Und zwar ist es ziemlich sicher, daß zwischen dieser Inkarnation, die wir etwa im 9. nachchristlichen Jahrhundert zu suchen haben, und der letzten im 19. Jahrhundert keine weitere dazwischen liegt, daß da ein langer Aufenthalt in der geistigen Welt dazwischen ist. Das ist dasjenige, was sich einem als das Geheimnis dieser Persönlichkeit gibt.
[ 17 ] Thus, through Garibaldi, we are led back to a life of initiation—and specifically to a life of initiation, my dear friends, within a mystery such as the one I described here a few months ago as originating in Ireland. I have described the Irish mysteries to you, originating in Ireland, but it is to be found in a branch not even very far from here, namely in Alsace, in present-day Alsace; there we find Garibaldi himself initiated to a certain degree. Indeed, it is quite certain that between this incarnation—which we must place around the 9th century A.D.—and the last one in the 19th century, there is no other in between; rather, there is a long sojourn in the spiritual world in between. This is what reveals itself as the mystery of this personality.
[ 18 ] Aufgenommen hat diese Persönlichkeit das, was ich Ihnen als die Weisheitsgüter Hybernias geschildert habe, und zwar in einem sehr hohen Grade. Er war noch innerhalb der irischen Insel, der dortigen Mysterienstätte, und hat selbst die Kolonie geleitet, die dann später nach Europa hereingekommen ist.
[ 18 ] This figure absorbed what I have described to you as the treasures of Hybernia’s wisdom to a very high degree. He was still on the island of Ireland, the site of the mysteries there, and personally led the colony that later came to Europe.
[ 19 ] Natürlich, geradeso wie, sagen wir, durch irgendein Spiegelglas der Spiegelform gemäß dasjenige anders wird, was sich abspiegelt, so kam das, was dazumal auf einem Gebiete vorhanden war, das die physische Welt und die darüberstehende geistige Welt umfaßte und worinnen ein solcher Eingeweihter tätig war in der Art, wie ich es damals vor Monaten geschildert habe, so kam das auf die Weise zum Ausdrucke, wie es sich im 19. Jahrhundert eben auf einem gewissen Standpunkte der Zivilisation entwickeln konnte. Und man muß sich schon daran gewöhnen, in einem Philosophen, in einem Dichter oder Künstler, den man in einem verflossenen Zeitalter findet, nicht etwa wiederum einen Philosophen oder Dichter oder Künstler im gegenwärtigen Zeitalter zu suchen. Die Verhältnisse ändern zwar nicht die Individualität des Menschen. Diese Individualität geht von Erdenleben zu Erdenleben. Aber die Art, wie sich diese Individualitäten ausleben können, die hängt ab von dem, was eben in einem Zeitalter möglich ist. Lassen Sie mich ein Beispiel einflechten, das Ihnen dies veranschaulichen könnte.
[ 19 ] Of course, just as, let’s say, whatever is reflected through any mirror glass is altered according to the shape of the mirror, so what existed at that time in a realm that encompassed the physical world and the spiritual world above it—and within which such an initiate was active in the manner I described months ago—was expressed in the way that it could develop in the 19th century from a certain standpoint of civilization. And one must get used to the fact that when encountering a philosopher, a poet, or an artist from a bygone age, one should not seek in them a philosopher, poet, or artist of the present age. Circumstances do not, of course, alter a person’s individuality. This individuality passes from one earthly life to the next. But the way in which these individualities can express themselves depends on what is possible in a given age. Let me interject an example that might illustrate this to you.
[ 20 ] Auch eine weithin bekannte Persönlichkeit ist ja Ernst Haeckel. Ernst Haeckel ist bekannt als ein enthusiastischer Vertreter eines gewissen materialistischen Monismus, enthusiastisch, man könnte schon sagen bis zum Fanatismus. Ich brauche auch für ihn nicht, denn er ist ja hinlänglich bekannt, irgendwelche Charakteristiken hier vorzuführen. Wird man aber von dieser Persönlichkeit zurückgetrieben in die vorige Inkarnation, dann findet man jenen Papst, der aus dem Mönch Hildebrand geworden ist als Gregor VII.
[ 20 ] Ernst Haeckel is, of course, also a widely known figure. Ernst Haeckel is known as an enthusiastic proponent of a certain form of materialistic monism—enthusiastic, one might even say, to the point of fanaticism. I need not present any characteristics of him here, for he is, after all, well known. But if one is led back from this personality to his previous incarnation, one finds the pope who, having been the monk Hildebrand, became Gregory VII.
[ 21 ] Das Beispiel führe ich Ihnen aus dem Grunde vor, damit Sie sehen, wie verschieden nach den Kulturverhältnissen eines bestimmten Zeitalters ein und dieselbe Individualität nach außen sich äußern kann. Man würde nicht leicht darauf kommen, in dem Vertreter des materialistischen Monismus im 19. Jahrhundert den wiederverkörperten Papst Gregor VII. zu suchen. Aber auf diese Dinge, wie man mit den äußeren Zivilisationsmitteln des physischen Planes sich darlebt, kommt es ja der geistigen Welt in viel geringerem Grade an, als man denkt. Hinter der Persönlichkeit Haeckels und hinter der Persönlichkeit des Mönches Hildebrand liegt etwas, was viel gleicher, viel ähnlicher ist als das, worinnen sie verschieden sind, wenn der eine den Katholizismus in extremster Art zur Macht bringen will, der andere den Katholizismus in extremster Art bekämpft. Das ist für die geistige Welt keine so große Verschiedenheit. Bei der geistigen Welt kommt es auf ganz andere menschliche Hintergründe an als auf diese Dinge, die im Grunde genommen doch nur eine Bedeutung in der physischen Welt haben. Also Sie brauchen nicht deshalb sich zu verwundern, meine lieben Freunde, wenn in Garibaldi ein wirklicher Eingeweihter aus einem früheren Zeitalter, wie gesagt, aus dem 9. Jahrhundert zu sehen ist, und wenn das im 19. Jahrhundert in einer Weise zum Ausdrucke kam, wie es eben im 19, Jahrhundert nur zum Ausdruck kommen konnte. Denn wichtig für die Art und Weise, wie ein Mensch sich in die Welt hineinstellt, ist es, welches Temperament er hat, wie er mit seinen Charaktereigenschaften auftritt.
[ 21 ] I am presenting this example to you so that you may see how differently the same individuality can manifest itself outwardly depending on the cultural conditions of a particular era. One would not readily think to see in the representative of 19th-century materialistic monism the reincarnation of Pope Gregory VII. But these matters—how one expresses oneself through the external means of civilization on the physical plane—are of far less importance to the spiritual world than one might think. Behind the personality of Haeckel and behind the personality of the monk Hildebrand lies something that is much more alike, much more similar, than the ways in which they differ—even though one seeks to bring Catholicism to power in the most extreme manner, while the other combats Catholicism in the most extreme manner. For the spiritual world, this is not such a great difference. In the spiritual world, what matters are entirely different human backgrounds than these things, which, after all, have significance only in the physical world. So you need not be surprised, my dear friends, if Garibaldi can be seen as a true initiate from an earlier age—as I said, from the 9th century—and if this found expression in the 19th century in a way that could only have been expressed in the 19th century. For what is important for the way a person relates to the world is what temperament they have and how they manifest their character traits.
[ 22 ] Ja, würde dasjenige, was Inhalt der Seele Garibaldis war in einer früheren Inkarnation, im 19. Jahrhundert mit dem Temperament Garibaldis aufgetreten sein, dann wäre er halt ein Irrsinniger gewesen für die Menschen des 19. Jahrhunderts. Er wäre als ein Irrsinniger betrachtet worden, als wahnsinnig. Das, als was er hat auftreten können, das ist er eben geworden im äußeren Leben.
[ 22 ] Yes, if what was the essence of Garibaldi’s soul in an earlier incarnation had manifested itself in the 19th century with Garibaldi’s temperament, then he would simply have been a madman to the people of the 19th century. He would have been regarded as a madman, as insane. What he was able to manifest is precisely what he became in his outer life.
[ 23 ] Nun aber, sofort treten einem lichtvolle Erklärungen für andere karmische Zusammenhänge auf, wenn man die Direktion nach einer gewissen Richtung hin hat. Die anderen drei, von denen ich Ihnen gesprochen habe, die ungefähr in demselben Jahrzehnt mit ihm wieder zusammengetragen werden auf einen Erdenfleck, diese anderen drei waren seine Schüler dazumal, notabene seine Schüler, aus allen Windrichtungen zusammengeholt, der eine weit aus dem Norden, der andere weit aus dem Osten, der dritte weit aus dem Westen; aus allen Erdwinkeln zusammengeholt, waren sie seine Schüler.
[ 23 ] But now, as soon as one is headed in a certain direction, illuminating explanations of other karmic connections immediately come to mind. The other three I told you about—who were brought together with him again in roughly the same decade in one spot on Earth—these other three were his disciples at that time; note well, his disciples, gathered from all corners of the world: one from far to the north, another from far to the east, and the third from far to the west; gathered from all corners of the Earth, they were his disciples.
[ 24 ] Nun bestand gerade in den irischen Mysterien eine ganz bestimmte Verpflichtung für einen gewissen Einweihungsgrad. Diese Verpflichtung besagte, daß der Eingeweihte in allen ferneren Erdenleben seine Schüler weiter fördern muß, sie nicht verlassen darf. Wenn sie also durch ihre besonderen karmischen Verhältnisse mit ihm wiederum gleichzeitig im Erdenleben auftreten, so bedeutet das, daß er mit ihnen zusammen das Schicksal erleben muß, daß ihre Art des Karmas mit dem seinigen in Rechnung gesetzt werden muß. Wäre nicht mit der Individualität, die in Viktor Emanuel war, Garibaldi verbunden gewesen als der Lehrer Viktor Emanuels, dieses einstmaligen Schülers, dann wäre Garibaldi eben Republikaner geworden, der auch die italienische Republik begründet hätte. Aber da liegt hinter diesen rein abstrakten, prinzipiellen Dingen das lebendige Menschenleben, das von Erdendasein zu Erdendasein geht. Dahinter liegt diese Verpflichtung des alten Eingeweihten gegenüber seinen Schülern. Und deshalb dieser Widerspruch. Nach den Begriffen, nach den Ideen, die Garibaldi im 19. Jahrhundert fand, wurde er natürlich Republikaner. Was hätte er anders werden sollen? Ich habe ja so viele Republikaner gekannt, die treue Diener irgendeines Fürsten waren. Sie waren in ihrem Inneren Republikaner, weil einfach in einer gewissen Zeit des 19. Jahrhunderts — jetzt ist sie lange versunken, aber in der Zeit, in der ich ein Knabe war — eigentlich alle Leute, die sich für vernünftig hielten, Republikaner waren. Sie sagten, wir sind selbstverständlich Republikaner, man kann es nur nicht in der Außenwelt zeigen. Aber innerlich waren sie alle Republikaner. Nur war Garibaldi selbstverständlich ein solcher, der das auch in der Außenwelt zeigte, aber er hielt es nicht durch. Und alle diejenigen, die von ihm sogar begeistert waren, konnten es nicht begreifen, daß er es nicht durchhielt. Warum nicht? Weil er den Viktor Emanuel, der mit ihm karmisch verbunden war, in der Weise, wie ich es gekennzeichnet habe, nicht von sich lassen konnte. Er mußte ihn eben fördern. Und das war die einzige Art, wie er ihn fördern konnte,
[ 24 ] Now, in the Irish mysteries in particular, there was a very specific obligation associated with a certain degree of initiation. This obligation stipulated that the initiate must continue to guide his disciples in all his future earthly lives and must not abandon them. So if, due to their particular karmic circumstances, they happen to appear in earthly life at the same time as him, this means that he must experience their fate together with them, and that their type of karma must be settled alongside his own. Had Garibaldi not been connected, as the teacher of Viktor Emanuel—his former student—to the individuality that was Viktor Emanuel, then Garibaldi would simply have become a republican who would also have founded the Italian Republic. But behind these purely abstract, principled matters lies the living human life that passes from one earthly existence to the next. Behind this lies the old initiate’s obligation toward his students. And that is why this contradiction exists. According to the concepts and ideas that Garibaldi embraced in the 19th century, he naturally became a Republican. What else could he have become? I have known so many Republicans who were loyal servants of some prince or another. They were Republicans at heart, simply because during a certain period of the 19th century—a time long since passed, but back when I was a boy—virtually everyone who considered themselves reasonable was a Republican. They said, “Of course we’re Republicans; we just can’t show it to the outside world.” But deep down, they were all Republicans. Of course, Garibaldi was one who showed it to the outside world as well, but he didn’t see it through. And all those who were even enthusiastic about him could not understand why he did not see it through. Why not? Because he could not let go of Victor Emmanuel—who was karmically linked to him, as I have described—in the way I have described. He simply had to support him. And that was the only way he could support him,
[ 25 ] Und ebenso waren die beiden anderen, Cavour und Mazzini, mit ihm karmisch verbunden, und er konnte nur eben das tun, was sie zu vollbringen imstande waren. Was also aus allen vieren hervorgehen konnte, das nur konnte er vollbringen. Er konnte nicht einseitig seiner Richtung folgen.
[ 25 ] Likewise, the other two—Cavour and Mazzini—were karmically linked to him, and he could only do exactly what they were capable of accomplishing. Thus, whatever could emerge from all four of them was the only thing he could accomplish. He could not follow his own path unilaterally.
[ 26 ] Und gerade aus solch einer tief bedeutsamen Tatsache, meine lieben Freunde, können Sie ersehen, wie manches, was einem im Leben entgegentritt, eigentlich erst aus den okkulten Hintergründen heraus erklärlich wird.
[ 26 ] And it is precisely from such a profoundly significant fact, my dear friends, that you can see how many things that one encounters in life can actually only be explained by looking at their occult background.
[ 27 ] Haben Sie nicht auch schon manchen Menschen kennengelernt, der in irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens irgend etwas tut, das Ihnen eigentlich unerklärlich ist? Sie hätten das nicht von ihm erwartet. Sie können es sich gar nicht aus seinem Charakter erklären. Es ist auch nicht aus seinem Charakter zu erklären. Würde er seinem persönlichen Charakter folgen, so würde er eben etwas anderes tun. Darinnen können Sie ganz recht haben. Aber ein anderer Mensch lebt noch neben ihm da, mit dem er in einer solchen Art, wie ich es für Garibaldi geschildert habe, karmisch verbunden ist. Weshalb tut er das, was er tut? Das Leben wird nur aus diesen seinen okkulten Untergründen heraus in Wirklichkeit erklärlich. So daß wir also gerade an dieser Persönlichkeit zurückgeführt werden, man kann schon sagen, in die hybernischen Mysterien. Das erscheint paradox, aber es ist eben so, daß wenn man auf das Geistige schaut, dasjenige, was im äußeren Erdenleben einem entgegentritt, vielfach eine Maja ist.
[ 27 ] Haven’t you also met people who, at some point in their lives, do something that is actually inexplicable to you? You wouldn’t have expected that of them. You simply can’t explain it based on their character. Nor can it be explained by his character. If he were to follow his own nature, he would do something else entirely. You may well be right about that. But there is another person living right alongside him, to whom he is karmically connected in the way I described for Garibaldi. Why does he do what he does? Life can only truly be explained in light of these occult underlying forces. Thus, we are led back through this very personality—one might even say—into the Hybernian Mysteries. This may seem paradoxical, but the fact is that when one looks at the spiritual realm, what one encounters in outward earthly life is often an illusion.
[ 28 ] Und mancher Mensch, den man so im gewöhnlichen Leben öfter sieht, mit dem man so im gewöhnlichen Leben öfter zusammen ist: Wenn man ihm sagen könnte, was man alles an ihm lernen kann, wenn man durch ihn hindurch auf seine Individualität schaut, dann würde er äußerst verwundert sein; er würde wirklich äußerst verwundert sein. Denn dasjenige, was ein Mensch äußert, ist ja, besonders im gegenwärtigen Zeitalter, aus den Gründen, die ich angegeben habe, nur das Allerwenigste von dem, was ein Mensch eigentlich nach seinem vorigen Erdenleben ist. Da stecken viele Geheimnisse in den Dingen drinnen, von denen ich jetzt spreche.
[ 28 ] And there are some people whom one often sees in everyday life, with whom one often spends time in everyday life: If one could tell them all the things one can learn from them, if one were to look beyond them to their individuality, they would be extremely surprised; they would truly be extremely surprised. For what a person expresses is, especially in the present age and for the reasons I have stated, only the very smallest fraction of what a person actually is based on their previous earthly life. There are many mysteries hidden within the things I am speaking of now.
[ 29 ] Und nehmen Sie die zweite Persönlichkeit, von der ich gestern eine kurze Charakteristik gegeben habe: Lessing, der am Ende seines Lebens mit der Verkündigung der wiederholten Erdenleben selber auftritt. Bei ihm ist es so, daß man weit, weit zurückgeführt wird, und zwar bis in jenes griechische Altertum, in dem noch die alten griechischen Mysterien in voller Blüte waren. Da war Lessing ein Eingeweihter. Wiederum war es so, daß er im 18. Jahrhundert nicht völlig in den Körper untertauchen konnte. Dann war er, in Wiederholung dieses früheren Erdenlebens in der alten Griechenzeit, im 13. Jahrhundert ein Mitglied des Ordens der Dominikaner, ein ausgezeichneter Scholastiker, der Begriffsschärfe in sich aufgenommen hatte; und dann wurde er im 18. Jahrhundert eigentlich der erste Journalist Mitteleuropas.
[ 29 ] And take the second figure, whom I briefly characterized yesterday: Lessing, who, toward the end of his life, himself proclaimed the doctrine of repeated earthly lives. In his case, one is taken far, far back—all the way to that Greek antiquity in which the ancient Greek mysteries were still in full bloom. There, Lessing was an initiate. Once again, it was the case that he could not fully immerse himself in the physical body during the 18th century. Then, in a repetition of this earlier earthly life in ancient Greece, he was a member of the Dominican Order in the 13th century, an outstanding scholastic who had absorbed conceptual precision; and then, in the 18th century, he actually became the first journalist in Central Europe.
[ 30 ] Aber wirklich, sowohl das Toleranzdrama «Nathan der Weise», wie namentlich so etwas wie die «Hamburgische Dramaturgie» — lesen Sie nur gewisse Kapitel — und dann die «Erziehung des Menschengeschlechts», sie sind ja nur verständlich, wenn man die Voraussetzung macht, daß alle drei Inkarnationen dieser Persönlichkeit daran gearbeitet haben: Der alte griechische Eingeweihte — bitte lesen Sie die schöne Lessingsche Abhandlung «Wie die Alten den Tod gebildet» —, dann der in einem mittelalterlichen Aristotelismus erzogene Scholastiker, und derjenige, der eigentlich, indem das alles auf seiner Seele lag, nun hineingewachsen ist in die Zivilisation des 18. Jahrhunderts. Und sogar eine gewisse Tatsache, die außerordentlich auffällig ist, tritt einem klar entgegen, wenn man das, was ich gesagt habe, ins Auge faßt.
[ 30 ] But really, both the drama of tolerance Nathan the Wise, as well as, in particular, something like the Hamburg Dramaturgy—just read certain chapters—and then The Education of the Human Race—they can only be understood if one assumes that all three incarnations of this personality worked on them: the ancient Greek initiate—please read Lessing’s beautiful treatise “How the Ancients Conceived of Death”—then the scholastic educated in medieval Aristotelianism, and the one who, with all of this weighing on his soul, has now grown into the civilization of the 18th century. And even a certain fact that is extraordinarily striking becomes clearly apparent when one considers what I have said.
[ 31 ] Es ist doch merkwürdig, daß das ganze Lessingsche Leben einem so erscheint, als ob es ein Suchen wäre. Er hat ja selbst diesen Charakter seines Wesens, seines geistigen Wesens dadurch zum Ausdrucke gebracht, daß er den berühmten Ausspruch getan hat, der immer wieder und wieder zitiert wird — allerdings in einer philiströsen Auffassung, denn alle Philister, die nicht gern etwas Bestimmtes erstreben möchten, sagen es ihm nach —: Und wenn Gott in seiner Rechten die ganze volle Wahrheit hielte, und in seiner Linken das ewige Streben nach Wahrheit, ich fiele vor ihm nieder und sagte: Vater, gib mir, was du in deiner Linken hast. — Das konnte ein Lessing sagen; wenn es ihm aber ein Philister nachsagt, so ist es natürlich etwas Entsetzliches. Aber dieses ist wichtig, daß sein ganzes Leben eben ein Suchen war, ein intensives Suchen, was man, wenn man ehrlich ist, dadurch zum Ausdrucke bringen muß, daß man sagt: Man stolpert eigentlich über viele Lessingsche Sätze, gerade über die genialsten stolpert man, die Leute getrauen sich nur nicht zu stolpern, weil eben Lessing in den Geschichts- und Literaturbüchern als eine Größe dasteht. In Wahrheit stolpert man schon, oder vielmehr man spießt sich auf. Das gestehen sich eben die Leute nicht. Natürlich muß man dann Lessing selber kennenlernen. Denn wenn man etwa das zweibändige Lessing-Buch von Erich Schmidt in die Hand nimmt, dann wird man von den Sätzen, auch wenn Erich Schmidt sie wörtlich zitiert, nicht aufgespießt. Sie sind noch immer dem Wortlaute nach die Lessingschen Sätze, aber was davor oder danach steht, das nimmt ihnen die Spitze weg.
[ 31 ] It is indeed strange that Lessing’s entire life seems to one as if it were a quest. He himself expressed this character of his nature—his spiritual nature—by uttering the famous saying that is quoted over and over again—albeit in a philistine interpretation, for all philistines who do not wish to strive for anything specific parrot it after him—: “And if God were to hold the whole, complete truth in his right hand, and the eternal quest for truth in his left, I would fall down before him and say: Father, give me what you have in your left hand.”—Lessing could say that; but when a philistine parrots it, it is, of course, something appalling. But what is important is that his entire life was precisely a search, an intense search, which—if one is honest—must be expressed by saying: One actually stumbles upon many of Lessing’s statements; one stumbles precisely upon the most brilliant ones, but people simply don’t dare to stumble because Lessing is presented in history and literature textbooks as a giant. In truth, one does stumble—or rather, one impales oneself on them. It’s just that people don’t admit it to themselves. Of course, one must then get to know Lessing himself. For if, for example, one picks up Erich Schmidt’s two-volume book on Lessing, one is not impaled by the sentences—even when Erich Schmidt quotes them verbatim. They are still, in terms of wording, Lessing’s sentences, but what comes before or after them takes the edge off them.
[ 32 ] Und dieser Sucher kommt eigentlich erst am Ende seines Erdenlebens dazu, die «Erziehung des Menschengeschlechts» mit dem Ausklingen in die Idee von den wiederholten Erdenleben zu schreiben. Warum dieses?
[ 32 ] And this seeker does not actually get around to writing The Education of the Human Race—which concludes with the idea of repeated earthly lives—until the very end of his earthly life. Why is that?
[ 33 ] Ja, sehen Sie, so etwas müssen Sie sich verständlich machen durch eine andere Tatsache, die ich auch einmal behandelt habe. Ich habe ja in der ehemaligen, von unserem Freunde Bernus herausgegebenen Zeitschrift «Das Reich» die «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz» behandelt, habe darauf aufmerksam gemacht, daß ein siebzehn-, achtzehnjähriger Knabe diese «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz» niedergeschrieben hat. Verstanden hat der Knabe nichts, aber auch gar nichts davon. Dafür gibt es einen äußerlichen Beweis. Er hat diese Chymische Hochzeit niedergeschrieben bis auf die letzte Seite, die ja überhaupt nicht dasteht. Sie steht auch heute nicht da, aber er hat die Chymische Hochzeit niedergeschrieben — und hat nichts davon verstanden. Wenn er etwas davon verstanden hätte, so hätte er doch das Verständnis noch in späteren Jahren haben müssen. Aber aus dem Knaben ist ein wackerer württembergischer Schwabenpfarrer geworden, der, man kann sogar sagen, unter dem Durchschnitt Erbauungs- und theologische Schriften geschrieben hat, Schriften, die weit davon entfernt sind, irgend etwas zu haben von dem Inhalte der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz». Daß da also nicht der spätere Schwabenpfarrer mit seiner Seele diese Chymische Hochzeit aufgeschrieben hat, dafür liefert ja das Leben den Beweis. Denn das ist eine durch und durch inspirierte Schrift.
[ 33 ] Yes, you see, you have to understand something like this by considering another fact that I have also discussed before. I discussed “The Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz” in the former journal Das Reich, published by our friend Bernus, and pointed out that a seventeen- or eighteen-year-old boy had written down “The Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz.” The boy understood nothing—absolutely nothing—of it. There is external evidence for this. He wrote down this Chemical Wedding all the way to the very last page, which, of course, isn’t even there. It isn’t there even today, but he wrote down the Chemical Wedding—and understood nothing of it. If he had understood anything of it, he would surely have come to understand it in later years. But the boy grew up to become a stalwart Swabian pastor from Württemberg who—one might even say—wrote devotional and theological works of below-average quality, works that are far removed from having anything in common with the content of The Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz. The fact that the future Swabian pastor did not write down this “Alchemical Wedding” with his soul is proven by the course of his life. For this is a thoroughly inspired work.
[ 34 ] Also man hat es nicht immer mit der Persönlichkeit eines Menschen zu tun, wenn sich ein Geist durch einen Menschen äußert. Nur ist ein gewisser Unterschied zwischen dem wackeren Schwabenpfarrer Valentin Andreae, der die philiströsen theologischen Schriften geschrieben hat, und Lessing. Wäre Lessing, nur ins 18. Jahrhundert versetzt, Valentin Andreae gewesen, so hätte er vielleicht auch in seiner Jugend einen schönen Traktat geschrieben über die Erziehung des Menschengeschlechtes mit der Idee der wiederholten Erdenleben. Aber er war eben nicht Valentin Andreae, er war Lessing, jener Lessing, der keine Visionen, sogar, wie man sagt, keine Träume gehabt hat. Er hat den Inspirator fortgeschickt, natürlich im Unbewußten. Wenn der hätte in seiner Jugend über ihn kommen wollen, so hätte er gesagt: Geh weg, ich habe mit dir nichts zu tun. — Er nahm seinen gewöhnlichen menschlichen Erziehungsweg im 18. Jahrhundert. Und dadurch wurde er erst im höchsten Alter reif, dasjenige zu verstehen, was immer in ihm war während seines Lessing-Lebens. Es war bei ihm so, wie wenn Valentin Andreae auch weggeschickt hätte den Inspirator und keine trivialen theologischen Erbauungsschriften geschrieben hätte, sondern bis ins Greisenalter gewartet und dann bewußt die «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz» geschrieben hätte.
[ 34 ] So one is not always dealing with a person’s personality when a spirit expresses itself through a human being. However, there is a certain difference between the stalwart Swabian pastor Valentin Andreae, who wrote those philistine theological treatises, and Lessing. If Lessing—had he merely been transported to the 18th century—had been Valentin Andreae, he might also have written a fine treatise in his youth on the education of the human race, based on the idea of repeated earthly lives. But he was not Valentin Andreae; he was Lessing—that Lessing who had no visions, and, as they say, not even any dreams. He sent the inspirer away—unconsciously, of course. If the inspirer had tried to approach him in his youth, he would have said: “Go away; I have nothing to do with you.”—He followed his ordinary human path of education in the 18th century. And as a result, it was only in his very old age that he became mature enough to understand what had always been within him throughout his life as Lessing. It was as if Valentin Andreae, too, had sent the Inspirer away and had not written trivial theological edifying texts, but had waited until old age and then consciously written The Chemical Wedding of Christian Rosenkreutz.
[ 35 ] So verkettet sind die einzelnen Erdenleben. Und es muß einmal dahin kommen, daß man sich voll bewußt wird: es ist wirklich so. Wenn man ein einzelnes Menschenleben — sei es das Goethesche, Lessingsche, Spencersche, Shakespearesche, Darwinsche Leben — nimmt und das ins Auge faßt, was aus diesem Menschenleben hervorgetreten ist, so ist es, wie wenn man eine Blume abreißt vom Blumenstock und glaubt, die kann für sich bestehen. So ein einzelnes Erdenleben ist nicht für sich erklärlich, man muß die Erklärung eben auf dem Grunde der wiederholten Erdenleben finden.
[ 35 ] This is how individual earthly lives are linked together. And the time must eventually come when one becomes fully aware that this is truly the case. If one takes a single human life—be it that of Goethe, Lessing, Spencer, Shakespeare, or Darwin—and considers what has emerged from that human life, it is as if one were to pluck a flower from its stem and believe it can exist on its own. Such an individual earthly life cannot be explained in and of itself; one must find the explanation precisely in the context of repeated earthly lives.
[ 36 ] Interessant ist das Leben bei den zwei Persönlichkeiten, von denen ich dann gestern zuletzt gesprochen habe, Lord Byron auf der einen Seite und — verzeihen Sie, daß ich da persönlich werde — mein Geometrielehrer auf der anderen Seite. Sie hatten eben nur die Fußkonstruktion gemeinschaftlich, aber diese Fußkonstruktion ist doch außerordentlich beachtenswert. Wenn man diese Fußkonstruktion in okkulter Art verfolgt, führt sie einen darauf, daß sie in ähnlicher Weise, wie ich das für Eduard von Hartmann auseinandergesetzt habe, auf die besondere Beschaffenheit des Kopfes in einem früheren Erdenleben führt. Und gewiß, man kann solche Dinge nicht anders als eben erzählen, wie sie sich einem für das Schauen ergeben, ich habe das schon bei anderer Gelegenheit gesagt. Es kann ja nicht im gewöhnlichen Sinne äußere logische Beweise für diese Dinge geben. Wenn man nun das Leben dieser beiden Menschen verfolgt, so erscheint einem in der Tat wie verschoben das Erdenleben, das die beiden im 19. Jahrhundert gehabt haben. Denn da ist zunächst ein Widerspruch gegen etwas, was ich vor einigen Wochen hier angeführt habe: daß sich in gewissen Zyklen diejenigen, die einmal Zeitgenossen waren, wiederum als Zeitgenossen verkörpern. Es erleidet natürlich alles Ausnahmen. Daß man die Dinge nach dem «Schema F» behandeln kann, das geht schon auf dem physischen Plane nicht, wenn man nicht selber eben zum F im Schema werden will. Aber der geistigen Welt gegenüber, meine lieben Freunde, geht es schon gar nicht. Da gibt es zwar Regeln, aber nicht starre Schemen. Da ist alles individuell.
[ 36 ] It is interesting to examine the lives of the two figures I spoke of last yesterday: Lord Byron on the one hand, and—please forgive me for getting personal here—my geometry teacher on the other. They had only the structure of the foot in common, but this structure is nonetheless extraordinarily noteworthy. If one traces this foot structure in an occult manner, it leads one to conclude that, in a similar way to how I explained it for Eduard von Hartmann, it points to the particular nature of the head in a previous earthly life. And certainly, one can only describe such things as they present themselves to one’s inner vision; I have already said this on another occasion. After all, there can be no external logical proofs for these things in the ordinary sense. If one now traces the lives of these two people, their earthly lives in the 19th century do indeed appear somewhat out of place. For there is, first of all, a contradiction to something I mentioned here a few weeks ago: that in certain cycles, those who were once contemporaries incarnate again as contemporaries. Of course, there are exceptions to everything. It is not possible to treat things according to a “set formula”—not even on the physical plane—unless one wishes to become the “F” in the formula oneself. But when it comes to the spiritual world, my dear friends, this is certainly not possible. There are rules there, but no rigid formulas. Everything is individual.
[ 37 ] Und so wird man gerade bei diesen beiden Persönlichkeiten auf ein gemeinsames Erdenleben, das sie miteinander geführt haben, zurückversetzt. Byron hätte ich gar nicht in diesem früheren Erdenleben gefunden, wenn ich nicht diesen meinen Geometrielehrer an seiner Seite gefunden hätte. Byron war genial; dieser Geometrielehrer war nicht einmal in seiner Art genial. Er war gar nicht genial, aber er war ein ausgezeichneter Geometer, der beste, den ich in meinem Leben überhaupt kennengelernt habe, weil er ein echter Geometer war.
[ 37 ] And so, with these two figures in particular, one is transported back to a shared earthly life that they led together. I would never have found Byron in this earlier earthly life if I hadn’t found my geometry teacher at his side. Byron was a genius; this geometry teacher wasn’t even a genius in his own way. He wasn’t a genius at all, but he was an excellent geometer—the best I’ve ever met in my life—because he was a true geometer.
[ 38 ] Wirklich — nicht wahr, bei einem Maler weiß man: da ist etwas Einseitiges; bei einem Musiker weiß man: er ist einseitig. Denn die Leute sind eigentlich nur bedeutend, wenn sie einseitig sind; aber ein Geometer in unserer Zeit ist in der Regel ja nicht einseitig. Ein Geometer kennt die ganze Mathematik und weiß, wenn er irgend etwas Geometrisches konstruiert, immer, wie man auch die Gleichungen aufstellt von diesen Dingen. Er weiß das Mathematische davon, das Rechnerische.
[ 38 ] Really—isn’t it true that with a painter, you know there’s something one-sided about him; with a musician, you know he’s one-sided. For people are really only significant if they are one-sided; but a geometer in our time is, as a rule, not one-sided. A geometer knows all of mathematics and, whenever he constructs something geometric, always knows how to set up the equations for these things as well. He knows the mathematical and computational aspects of it.
[ 39 ] Dieser Geometrielehrer, von dem ich Ihnen jetzt erzähle, der war ein ausgezeichneter Geometer, aber gar kein Mathematiker. Er verstand gar nichts von analytischer Geometrie zum Beispiel. Von analytischer Geometrie, von der rechnerischen Geometrie, die mit Gleichungen zu tun hat, wußte er gar nichts; da hat er die kindlichsten Sachen gemacht.
[ 39 ] This geometry teacher I’m about to tell you about was an excellent geometer, but not a mathematician at all. He knew absolutely nothing about analytical geometry, for example. He knew absolutely nothing about analytical geometry—that is, the mathematical geometry that deals with equations; in that area, he did the most childish things.
[ 40 ] Es war sogar einmal sehr spaßig. Der Mann war so sehr nur Konstrukteur, daß er durch konstruktive Methode darauf gekommen ist, daß der Kreis der geometrische Ort der konstanten Quotienten ist. Das hat er auf konstruktive Weise gefunden, und weil es auf konstruktive Weise niemand vor ihm gefunden hatte, hielt er sich für den Entdecker der Sache. Und wir Buben, die natürlich, insofern sie nicht gerade Philister waren, schon auch ein gut Stück Ausgelassenheit hatten, wir Buben wußten: in unserem analytischen Buch stand ja das drinnen, daß man eine solche Gleichung aufstellt und der Kreis kommt. Und wir haben da natürlich den Anlaß genommen, den Kreis nicht mehr Kreis zu nennen, sondern auf den Namen unseres Geometrielehrers zu benennen: die N.-N.-Linie haben wir gesagt — ich will den Namen nicht nennen. Wirklich, er hatte die geniale Einseitigkeit des konstruktiven Geometers. Das war auch das so Bedeutsame, so Prägnante an ihm. Die Menschen des gegenwärtigen Zeitalters sind ja nicht zu fassen; sie sind nicht so prägnant, es sind so viele Aale darunter. Aber das war kein Aal, das war ein Mensch mit Ecken, sogar in der äußeren Konfiguration. Er hatte ein Gesicht, das ungefähr viereckig geformt war, einen sehr interessanten Kopf, ganz viereckig, gar nichts Abgerundetes. Wirklich, das Rechteck konnte man in seinen Eigenschaften, in seinen konstruktiven Eigenschaften an dem Gesichte dieses Mannes studieren. Sehr interessant war das.
[ 40 ] It was actually quite amusing once. The man was so thoroughly a constructor that he arrived at the conclusion—through constructive methods—that a circle is the geometric locus of constant ratios. He discovered this constructively, and since no one before him had discovered it constructively, he considered himself the discoverer of the concept. And we boys—who, of course, insofar as we weren’t exactly philistines, had a fair bit of exuberance—we boys knew: our analytical geometry textbook clearly stated that if you set up such an equation, you get a circle. And of course we took that as an opportunity to stop calling the circle a circle and instead name it after our geometry teacher: we called it the N.-N. line—I won’t mention the name. Truly, he possessed the brilliant single-mindedness of the constructive geometer. That was also what was so significant, so striking about him. People of the present age are, after all, impossible to pin down; they aren’t so distinctive—there are so many slippery characters among them. But he wasn’t a slippery character; he was a man with sharp edges, even in his outward appearance. He had a face that was roughly square in shape, a very interesting head, completely square, with nothing rounded about it. Truly, one could study the characteristics of a rectangle—its structural properties—in this man’s face. That was very interesting.
[ 41 ] Es stellt sich nun in der Anschauung diese Persönlichkeit direkt neben Byron hin, und man wird zurückgeführt in sehr alte Zeiten Osteuropas, die etwa ein oder zwei Jahrhunderte vor den Kreuzzügen liegen.
[ 41 ] This figure now stands right beside Byron in one’s imagination, and one is transported back to the very ancient times of Eastern Europe, roughly one or two centuries before the Crusades.
[ 42 ] Nun habe ich Ihnen einmal eine Geschichte erzählt — diejenigen, die dagewesen sind, werden sich erinnern —, daß, als der römische Kaiser Konstantin Konstantinopel begründet hatte, er das von Asien, von 'Troja nach Rom gebrachte Palladium von Rom aus nach Konstantinopel verpflanzen ließ. Das wurde mit einem ungeheuren Gepränge gemacht. Denn dieses Palladium wurde als ein besonderes Heiligtum angesehen, als etwas, das Kraft verleiht demjenigen, der es hat. Und so war man in Rom tatsächlich überzeugt, daß, so lange das Palladium unter einer Säule in Rom auf einem wichtigen Platze lag, darinnen eigentlich die Kraft Roms beruhe; man war überzeugt, daß man diese Kraft von dem einstmals mächtigen, nur eben von den Griechen zerstörten Troja herübergebracht hatte.
[ 42 ] I once told you a story—those who were there will remember—that when the Roman Emperor Constantine founded Constantinople, he had the Palladium of Rome, which had been brought from Asia, from Troy to Rome, transferred from Rome to Constantinople. This was done with tremendous pomp and ceremony. For this Palladium was regarded as a special relic, as something that bestows power upon whoever possesses it. And so people in Rome were indeed convinced that, as long as the Palladium lay beneath a column in Rome in an important location, the very power of Rome rested there; they were convinced that this power had been brought over from the once-mighty Troy, which had only just been destroyed by the Greeks.
[ 43 ] Konstantin, dem daran lag, die römische Macht nach Konstantinopel herüberzuverpflanzen, hat ja mit einem ungeheuren Gepränge dieses Palladium hinüber nach Konstantinopel bringen lassen, natürlich ganz im geheimen zunächst, es versenken lassen, darüber vermauert, und mit einer Säule, die von Ägypten stammte, den Platz bedecken lassen, darunter das Palladium lag. Dann hatte er diese alte Säule herrichten lassen, oben darauf eine alte Apollo-Statue gestellt, die aber so hergerichtet war, daß sie dem Kaiser Konstantin ähnlich sah in der damaligen Zeit. Dann ließ er Nägel aus dem Kreuz Christi kommen. Von denen machte er eine Strahlenkrone der Statue, die eine alte Apollo-Statue war, die aber ihn darstellen sollte. Und da war denn das Palladium nach Konstantinopel verlegt worden.
[ 43 ] Constantine, who was keen to transfer Roman power to Constantinople, had this Palladium transported to Constantinople with tremendous pomp—initially in complete secrecy, of course—had it sunk into the ground, walled over, and had the site covered with a column originating from Egypt, beneath which the Palladium lay. He then had this old column restored and placed an ancient statue of Apollo on top of it, which had been altered to resemble Emperor Constantine as he appeared at that time. Then he had nails taken from the cross of Christ. From these, he made a radiant crown for the statue—which was an old statue of Apollo but was meant to represent him. And so the Palladium had been moved to Constantinople.
[ 44 ] Nun gibt es eine Sage, die sich in einer merkwürdigen Weise später gebildet hat, die aber eigentlich sehr, sehr alt ist. Sie wurde nur später in Anlehnung an das Testament Peters des Großen wieder erneuert und umgestaltet, aber sie geht in sehr alte Zeiten zurück: daß nämlich einmal von Konstantinopel weiter nach Nordosten hinauf das Palladium kommen würde. Daraus ist im späteren Rußland eben die Anschauung entstanden, daß man das Palladium von der Hauptstadt Konstantinopel nach Rußland verpflanzen müsse. Dann gehe dasjenige, was damit verknüpft ist, was nur unter der Türkenherrschaft korrumpiert worden ist, über an die Herrschaft Osteuropas.
[ 44 ] There is a legend that took shape in a curious way at a later date, but which is actually very, very old. It was merely revived and reshaped later on, drawing on the will of Peter the Great, but it dates back to very ancient times: namely, that the Palladium would one day come from Constantinople further to the northeast. From this arose the belief in later Russia that the Palladium had to be transferred from the capital, Constantinople, to Russia. Then everything associated with it—which had been corrupted only under Turkish rule—would pass into the dominion of Eastern Europe.
[ 45 ] Nun, diese beiden Persönlichkeiten, diese beiden Individualitäten, die lernten in alten Zeiten diese Sage kennen — wie gesagt, ein oder zwei Jahrhunderte vor den Kreuzzügen, genau konnte ich das nicht feststellen —, und sie waren diejenigen, die sich darangemacht haben, aus dem heutigen Rußland heraus nach Konstantinopel zu gehen, um dort das Palladium in irgendeiner Weise zu erwerben und es nach dem Osten Europas zu bringen.
[ 45 ] Well, these two figures, these two individuals, became acquainted with this legend in ancient times—as I said, one or two centuries before the Crusades, though I couldn’t determine the exact date—and they were the ones who set out from what is now Russia to Constantinople in order to acquire the Palladium there by some means and bring it to Eastern Europe.
[ 46 ] Dazu kam es nicht. Es konnte ja nicht dazu kommen, denn das Palladium war gut verwahrt, und die Persönlichkeiten, die wußten, wie es verwahrt ist, denen war es nicht abzugewinnen. Aber ein ungeheurer Schmerz bemächtigte sich dieser beiden Menschen. Und was da wie ein Strahl hineingegangen ist in den einen und in den anderen, das paralysierte geradezu ihre Köpfe in der damaligen Zeit, und das kam bei dem einen, bei Lord Byron, so zum Vorschein, daß er gewissermaßen wie Achilles, der an der Ferse verwundbar war, einen schadhaften Fuß hatte, dafür aber die Genialität des Hauptes, die einfach der Ausgleich war für die Paralysierung in dem früheren Erdenleben; und daß der andere nun auch wegen des paralysierten Hauptes den schadhaften Fuß, den Klumpfuß hatte. Aber, sehen Sie, man weiß es halt gewöhnlich nicht, daß der Mensch die Geometrie, die Mathematik nicht aus dem Kopfe hat. Wenn Sie nicht den Winkel abschreiten würden mit ihren Füßen, so hätte der Kopf nicht die Anschauung. Sie hätten überhaupt nichts von Geometrie, wenn Sie nicht mit der Geometrie gehen und greifen würden. Das alles schlägt sich aus dem Kopfe heraus und kommt in den Vorstellungen hervor. Und derjenige, der einen solchen Fuß hat wie mein Geometrielehrer, bei dem ist eine starke Aufmerksamkeitsmöglichkeit vorhanden, die geometrische Konstitution des motorischen Organismus, des Gliedmaßenorganismus in seinem Kopfe wiederzugeben.
[ 46 ] It never came to that. It couldn’t have come to that, after all, because the palladium was safely kept, and it could not be taken from those who knew where it was kept. But an immense pain took hold of these two people. And what entered them like a ray—paralyzing their minds at that time—manifested itself in one of them, Lord Byron, in such a way that, much like Achilles, who was vulnerable at the heel, he had a defective foot, but in return possessed the genius of the head, which simply served as a counterbalance to the paralysis in his earlier earthly life; and that the other, because of his paralyzed head, now also had the defective foot—the clubfoot. But, you see, people usually don’t realize that a person doesn’t have geometry or mathematics just in their head. If you didn’t walk out the angle with your feet, your mind wouldn’t have that visual understanding. You wouldn’t have any grasp of geometry at all if you didn’t walk and reach out with geometry. All of this emerges from the mind and manifests in the imagination. And someone who has a foot like my geometry teacher’s possesses a strong capacity for attention, enabling them to reproduce in their mind the geometric constitution of the motor organism, of the limb system.
[ 47 ] Und wenn man sich in diesen Geometrielehrer vertiefte, in seine ganze geistige Konfiguration, dann hatte man noch einen bedeutsamen menschlichen Eindruck. Und wirklich, es war etwas Entzückendes in ihm, wenn er im Grunde genommen alles so tat als geometrischer Konstrukteur, wie wenn die ganze übrige Welt nicht da wäre. Er war ein ungeheuer freier Mensch, und es kam einem schon bei ihm — man mußte nur genau zusehen — etwas in den Sinn, wie wenn eine innere Zaubermacht einmal auf ihm gewaltet hätte und ihn zu dieser besagten Einseitigkeit gebracht hätte.
[ 47 ] And when one delved into this geometry teacher—into his entire intellectual makeup—one was left with a profound impression of him as a human being. And truly, there was something enchanting about him when he went about everything as a geometric designer, as if the rest of the world simply didn’t exist. He was an immensely free person, and just being around him—one only had to look closely—something came to mind, as if an inner magical power had once taken hold of him and led him to this particular one-sidedness.
[ 48 ] Nun, bei Lord Byron — ich erwähnte ja den zweiten nur, weil ich Lord Byron sonst nicht hätte kennenlernen können, wenn der mich nicht auf den Weg geführt hätte —, da sehen Sie aber das Karma sich auswirken. Von Osten herüber geht er einstmals, das Palladium zu holen. Als er im Westen geboren wird, geht er, um die Freiheit, das geistige Palladium im 19. Jahrhundert verwirklichen zu helfen. Und er geht, indem er von derselben Erdgegend angezogen wird, von derselben Richtung wenigstens, der er einstmals von der anderen Seite her gefolgt ist. Es hat etwas wirklich Erschütterndes, zu sehen, wie ein und dieselbe Individualität nach derselben Lokalität der Erde in einem Erdenleben von der einen, im anderen Erdenleben von der anderen Seite kommt; im einen Erdenleben berufen von dem, was tief in den Mythos nach den Anschauungen der damaligen Zeit getaucht ist, in dem anderen Erdenleben von demjenigen angezogen, was das Aufklärungszeitalter als das große Ideal hervorgebracht hatte. Es hat das etwas ungeheuer Erschütterndes.
[ 48 ] Well, in the case of Lord Byron—I only mentioned the second one because I otherwise would not have been able to get to know Lord Byron if he hadn’t set me on that path—you can really see karma at work. He once came from the East to retrieve the Palladium. When he was born in the West, he set out to help bring about freedom—the spiritual Palladium—in the 19th century. And he goes, drawn by the same region of the Earth—or at least the same direction—that he once followed from the other side. There is something truly moving about seeing how one and the same individuality comes to the same location on Earth from one side in one earthly life and from the other side in another earthly life; in one earthly life called by that which was deeply immersed in myth according to the views of that time, in the other earthly life drawn to that which the Age of Enlightenment had brought forth as the great ideal. There is something tremendously moving about this.
[ 49 ] Und erschütternd sind eigentlich die Dinge, die sich einem aus den karmischen Zusammenhängen heraus ergeben. Sie sind immer erschütternd. Und wir werden noch mancherlei Erschütterndes, Frappierendes, Paradoxes auf diesem Gebiete kennenlernen. Für heute wollte ich Ihnen eben das vorlegen, was Ihnen wirklich ganz begreiflich machen kann, wie merkwürdig die Zusammenhänge zwischen früheren und späteren Erdenleben sich im Menschentum einstellen können.
[ 49 ] And what is truly shocking are the things that emerge from karmic connections. They are always shocking. And we will come to know many more shocking, startling, and paradoxical things in this area. For today, I simply wanted to present to you what can truly help you understand just how strange the connections between earlier and later earthly lives can be within the human condition.

