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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band II
GA 236

12 April 1924, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Es ist etwas schwierig, die Fortsetzung desjenigen, was in den letzten anthroposophischen Vorträgen hier gegeben worden ist, heute zu gestalten, da so viele Freunde erschienen sind, die eben die vorangehenden Betrachtungen nicht mitgemacht haben. Aber auf der anderen Seite ist es nicht gut möglich, gerade heute, wo manches zu ergänzen ist zu den früheren Vorträgen, mit etwas Neuem anzufangen, so daß also die jetzt angekommenen Freunde schon es werden hinnehmen müssen, daß mancherlei von den Betrachtungen, die an Voriges innerlich, nicht äußerlich, anknüpfen, vielleicht dem Verständnis Schwierigkeiten bereiten werde. Der geschlossene Vortragszyklus soll ja eben zu Ostern abgehalten werden, und der wird aus sich selber dann verständlich sein. Heute aber muß ich die Fortsetzung desjenigen geben, was vorangegangen ist. Es ist ja auch durchaus nicht vorauszusehen gewesen, daß so viele Freunde schon heute erscheinen, was auf der anderen Seite ja durchaus befriedigend ist.

[ 2 ] Es handelte sich nämlich in unseren letzten Betrachtungen hier um die Besprechung konkreter karmischer Zusammenhänge, die immer angestellt worden sind, nicht um irgend etwas Sensationelles in bezug auf aufeinanderfolgende Erdenleben zu sagen, sondern um nach und nach zu einem wirklichen konkreten Verständnis der Schicksalszusammenhänge im Menschenleben zu kommen. Und ich habe aufeinanderfolgende Erdenleben geschildert, einfach so geschildert, wie sie zunächst an mehr historischen Persönlichkeiten beobachtet werden können, um einen Begriff davon hervorzurufen — was ja nicht besonders leicht ist —, wie das eine Erdenleben in das andere hineinwirkt. Man muß dabei immer wiederum im Auge behalten, daß ja seit der Dornacher Weihnachtstagung ein neuer Zug in die anthroposophische Bewegung hineingekommen ist. Und über diesen Zug möchte ich nur ganz kurz einleitend ein paar Worte sagen.

[ 3 ] Sie wissen ja, meine lieben Freunde, es gab nach dem Jahre 1918 allerlei Bestrebungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Diese Bestrebungen hatten einen ganz bestimmten Ursprung. Als die Anthroposophische Gesellschaft 1913 begründet worden ist, hat es sich darum gehandelt, einmal wirklich aus einem okkulten Grundimpuls heraus die Frage zu stellen: Wird diese Anthroposophische Gesellschaft sich weiter entwickeln durch die Kraft, die sie bis dahin in ihren Mitgliedern gewonnen hatte? Und das konnte nur dadurch auserprobt werden, daß ich selber, der ich ja bis dahin als Generalsekretär die Leitung der Deutschen Sektion hatte, als welche die anthroposophische Bewegung in der Theosophischen Gesellschaft drinnen war, daß ich selber dazumal nicht weiter die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft in die Hand nahm; sondern ich wollte zusehen, wie diese Anthroposophische Gesellschaft sich nun aus ihrer eigenen Kraft entwickelt.

[ 4 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist etwas anderes, als es gewesen wäre, wenn ich etwa dazumal geradeso wie bei der Weihnachtstagung gesagt hätte, ich wolle selbst die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft übernehmen. Denn natürlich muß ja die Anthroposophische Gesellschaft etwas ganz anderes sein, wenn sie von mir geleitet wird, oder wenn sie von jemandem anderen geleitet wird. Und aus gewissen Untergründen heraus hätte die Anthroposophische Gesellschaft, ohne daß ich selber sozusagen die Verwaltungsleitung gehabt hätte, um so besser geleitet werden können. Es hätten, wenn die Herzen gesprochen hätten, manche Dinge geschehen können, die eben dann unterblieben sind in Wirklichkeit, die nicht getan worden sind, ja, die sogar, unter dem Widerstand der Anthroposophen, von auswärts getan worden sind.

[ 5 ] Und so ist es denn gekommen, daß — während des Krieges war ja natürlich nicht sehr viel Möglichkeit vorhanden, nach allen Seiten die Kräfte zu entfalten —, so ist es denn gekommen, daß nach dem Jahre 1918, ich möchte fast sagen, der Zustand, der da war, benützt worden ist von allen möglichen Seiten, um das oder jenes zu tun. Hätte ich dazumal gesagt, das soll nicht geschehen, dann würde heute natürlich die Rede dahin gehen, daß man sagt: Nun, hätte man das geschehen lassen, so hätte man heute florierende Unternehmungen nach allen Seiten.

[ 6 ] Deshalb war es ja auch immer zu allen Zeiten Sitte, möchte ich sagen, daß die Leiter einer okkulten Bewegung sozusagen von denen, die etwas tun wollten, erproben ließen, wie das wird, damit durch die Tatsachen Überzeugungen hervorgerufen werden können. Das ist ja die einzig mögliche Art, Überzeugungen hervorzurufen. Und das mußte denn auch schon in diesem Falle geschehen.

[ 7 ] Und das alles hat ja dazu geführt, daß dann gerade seit dem Jahre 1918 die Gegnerschaft in der Weise herangewachsen ist, wie sie nun einmal geworden ist, wie sie heute dasteht. Denn im Jahre 1918 hatten wir ja diese Gegnerschaft noch nicht. Wir hatten selbstverständlich einzelne Gegner. Um die kümmerte man sich nicht und brauchte sich nicht zu kümmern. Aber eigentlich sind die Gegner erst seit dem Jahre 1918 ins Kraut geschossen. Und das hat jenen heutigen Zustand hervorgerufen, unter dessen Einfluß es mir zum Beispiel unmöglich ist, öffentliche Vorträge innerhalb des Gebietes von Deutschland zu halten.

[ 8 ] Das alles sollte gerade in der Gegenwart der anthroposophischen Bewegung nicht verhehlt werden. Darauf sollte man mit aller Klarheit schauen, denn wir kommen nicht vorwärts, wenn wir mit Unklarheiten arbeiten.

[ 9 ] Nun ist aber auch verschiedenes experimentiert worden. Denken Sie nur einmal, was alles für Experimente gemacht worden sind, um immerzu, sagen wir, «wissenschaftlich» zu sein, ganz begreiflicherweise gewiß aus den Charakteren der Menschen heraus. Warum sollte es denn nicht dazu kommen, daß Wissenschafter, die ja auch teilnehmen an unserer Gesellschaft, wissenschaftlich sein wollen? Aber das ärgert die Gegner gerade. Denn dann, wenn man ihnen sagt, das oder jenes kann man beweisen als wissenschaftlich, dann treten sie mit ihren Aspirationen auf, die sie wissenschaftlich nennen, und dann werden sie natürlich wütend. Darüber muß man sich ja ganz klar sein. Nichts hat die Gegner mehr geärgert, als daß man über dieselben Themen, über die sie selber reden, in derselben Weise reden wollte, nur, wie man immer sagte, mit etwas «Einströmenlassen» von Anthroposophie. Dieses Einströmenlassen, das ist ja gerade das, was die Gegner in so großen Scharen herbeigerufen hat.

[ 10 ] Und wenn man erst der Illusion sich hingibt, daß man etwa, sagen wir, die Menschen verschiedener Religionsgesellschaften dadurch irgendwie für Anthroposophie gewinnen könne, daß man dasselbe oder ähnliches sagt, was sie sagen, nur indem man wiederum Anthroposophie «einströmen» läßt, wenn man sich dieser Illusion hingibt, dann sündigt man ganz stark gegen die Lebensbedingungen der Anthroposophie.

[ 11 ] Nun, in all das, was auf anthroposophischem Felde geschehen ist, muß eben seit der Weihnachtstagung ein ganz neuer Zug kommen. Und diejenigen, die bemerkt haben die Art, wie jetzt Anthroposophie hier vertreten wird, wie sie in Prag vertreten worden ist, wie sie jetzt wiederum in Stuttgart vertreten worden ist, die werden ja gesehen haben, daß nunmehr Impulse da sind, die auch in bezug auf die Gegner etwas ganz Neues hervorrufen. Denn wenn man wissenschaftlich sein will im gewöhnlichen Sinne des Wortes, wie es leider viele haben sein wollen, dann setzt man sozusagen voraus, es ließe sich mit den Gegnern diskutieren. Aber wenn Sie nun die Vorträge nehmen, die hier gehalten worden sind, die Vorträge, die in Prag gehalten worden sind, den Vortrag, der in Stuttgart gehalten worden ist: Können Sie da einen Augenblick noch glauben, daß es sich nur darum handeln kann, mit dem Gegner zu diskutieren? Selbstverständlich kann man nicht mit Gegnern diskutieren, wenn man von diesen Dingen spricht, denn wie soll man mit irgend jemandem von der heutigen Zivilisation darüber diskutieren, daß die Seele des Muawija in der Seele des Woodrow Wilson wiedererschienen ist!

[ 12 ] Also es lebt jetzt in der ganzen anthroposophischen Bewegung ein Zug, der gar nicht auf etwas anderes hinausgehen kann als darauf, daß nun endlich einmal Ernst gemacht werde mit diesem Nichtdiskutieren mit den Gegnern. Wenn es sich um Argumente handelt, da kommt man ja ohnedies nicht zurecht. Und es wird doch endlich einmal eingesehen werden, daß es sich in bezug auf die Gegner nur handeln kann um das Zurückweisen von Verleumdungen und Unwahrheiten und Lügen. Man wird sich nicht der Illusion hingeben dürfen, daß man über solche Sachen diskutieren kann. Die müssen sich durch ihre eigene Macht und Gewalt verbreiten. Die lassen sich nicht durch Dialektik entscheiden.

[ 13 ] Das ist dasjenige, was vielleicht jetzt gerade durch die Haltung der anthroposophischen Bewegung, wie sie seit Weihnachten ist, immer mehr und mehr auch in unserer Mitgliedschaft eingesehen werden wird. Und deshalb ist es schon so, daß nunmehr die anthroposophische Bewegung so gestaltet wird, daß sie auf nichts mehr Rücksicht nimmt als auf das, was die geistige Welt von ihr haben will.

[ 14 ] Sehen Sie, ich habe nun von diesem Gesichtspunkte aus verschiedene Karmabetrachtungen angestellt, und diejenigen, die hier dabeigewesen sind, oder die das letzte Mal bei meinem Vortrag in Stuttgart waren, die werden sich erinnern, daß ich zu zeigen versuchte, wie diejenigen Individualitäten, die im 8. und 9. nachchristlichen Jahrhundert am Hofe des Harun al Raschid in Asien drüben vorhanden waren, nach verschiedenen Richtungen hin sich weiterentwickelt haben nach dem Tode und dann in ihren Wiederverkörperungen eine gewisse Rolle gespielt haben. In der Zeit, die wir auch das Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges nennen können, etwas vorher, da haben wir auf der einen Seite die Individualität des Harun al Raschid, wiederverkörpert in dem Engländer Baco von Verulam, und haben den großen Organisator am Hofe von Harun al Raschid, der dort gelebt hat, allerdings nicht als Eingeweihter, aber als die Wiederverkörperung eines Eingeweihten, haben seine Individualität gefunden in Amos Comenius. Sie hat dann mehr in Mitteleuropa gewirkt. Aber aus diesen beiden Strömungen ist eigentlich vieles in dem geistigen Teil der neueren Zivilisation zusammengeflossen. So daß in dem geistigen Teil der neueren Zivilisation der Vordere Orient aus der Nach-Mohammed-Zeit gelebt hat, auf der einen Seite durch den wiederverkörperten Harun al Raschid in Baco von Verulam, auf der anderen Seite durch Amos Comenius, seinen großen Ratgeber.

[ 15 ] Nun wollen wir heute einmal das betonen, daß ja die Entwickelung des Menschen nicht bloß stattfindet, wenn er hier auf Erden ist, sondern daß im wesentlichen auch die Entwickelung stattfindet, wenn die Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind. So daß man sagen kann: Sowohl Bacon wie Amos Comenius, nachdem sie sozusagen den Arabismus von zwei verschiedenen Seiten her in der europäischen Zivilisation befestigt hatten, sind ja nach ihrem Tode eingetreten in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da sind sie, sowohl Bacon wie Amos Comenius, mit verschiedenen Seelen zusammengewesen, welche später auf der Erde waren als sie, welche im 17. Jahrhundert starben und dann weiterlebten in der geistigen Welt. Dann sind ja Seelen im 19. Jahrhundert auf die Erde gekommen; die sind vom 17. bis 19. Jahrhundert mit den Seelen von Bacon und Amos Comenius in der geistigen Welt zusammen gewesen.

[ 16 ] Nun gab es solche Seelen, die sich vorzugsweise versammelten um die Seele des ja tonangebenden Bacon, und solche Seelen, die sich sammelten um Amos Comesius. Und wenn das auch mehr bildlich ist, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß, natürlich unter ganz anderen Verhältnissen, auch in der geistigen Welt, die die Menschen durchmachen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, sozusagen Führerschaft und Anhängerschaft vorhanden ist. Und es wirkten solche Individualitäten nicht bloß durch das, was sie auf der Erde hier bewirkten, etwa durch die Schriften von Bacon oder durch die Schriften von Amos Comenius, oder durch das, was in der Tradition hier auf der Erde fortlebte, sondern diese führenden Geister wirkten ja dadurch auch, daß sie in den Seelen, die sie herunterschickten, oder mit denen sie zusammen waren und die heruntergeschickt wurden, etwas ganz Besonderes auch noch in der geistigen Welt aufkeimen ließen. Und so sind nun auch in den Menschen des 19. Jahrhunderts Seelen, welche in ihrer Entwickelung schon im vorirdischen Dasein abhängig geworden sind von einem der beiden Geister, dem entkörperten Amos Comenius, dem entkörperten Bacon.

[ 17 ] Und da möchte ich denn — wie gesagt, weil ich immer mehr und mehr hineinführen will in die Art und Weise, wie konkret Karma wirkt — aufmerksam machen auf zwei Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, deren Namen den meisten bekannt sein werden, wovon der eine ganz besonders im vorirdischen Leben beeinflußt war von Bacon, der andere beeinflußt war von Amos Comenius.

[ 18 ] Wenn wir uns Bacon anschauen, wie er innerhalb der Erdenzivilisation in seinem irdischen Leben als Lordkanzler in England gestanden hat, so müssen wir sagen: Er wirkte ja so, daß zu spüren ist, wie hinter seinem Wirken ein Eingeweihter stand. Der ganze Streit um Bacon und Shakespeare ist ja so, wie er äußerlich von Literaturhistorikern getrieben wird, etwas außerordentlich Odes, denn es werden allerlei schöne Argumente vorgeführt, die da zeigen sollen zum Beispiel, daß eigentlich der Schauspieler Shakespeare überhaupt nicht seine Dramen geschrieben hat, sondern daß sie der Philosoph und Staatskanzler Bacon geschrieben haben soll, und dergleichen.

[ 19 ] Alle diese Dinge, die mit äußeren Mitteln arbeiten, Ähnlichkeiten aufsuchen in der Denkweise der Shakespearschen Dramen und der Baconschen philosophischen Werke, alle diese äußeren Dinge sind ja eigentlich öde, weil sie an die Sache gar nicht herankommen, da ja die Wahrheit so liegt, daß in der Zeit, als Bacon, Shakespeare, Jakob Böhme und noch ein anderer gewirkt haben, ein Eingeweihter da war, der eigentlich durch alle vier gesprochen hat. Daher ihre Verwandtschaft, weil tatsächlich das auf einen Quell zurückgeht. Aber natürlich disputieren die Leute, die mit äußeren Argumenten disputieren, nicht über einen Eingeweihten, der dahintergestanden hat, sintemalen dieser Eingeweihte in der Geschichte geschildert wird, wie ja mancher moderne Eingeweihte, als ein ziemlich lästiger Patron. Aber er war nicht bloß das. In seinen äußeren Handlungen war er es schon auch, aber er war nicht bloß das, sondern er war eben ein Individualität, von der ungeheure Kräfte ausgingen und auf die eigentlich zurückgingen sowohl die Baconschen philosophischen Werke wie auch die Shakespearschen Dramen, wie die Jakob Böhmeschen Werke und wie noch die Werke des Jesuiten Jakob Balde. Wenn man dies ins Auge faßt, so muß man schon in Bacon auf philosophischem Gebiete den Anreger einer ungeheuren, breiten Zeitströmung sehen.

[ 20 ] Will man sich nun vergegenwärtigen, was aus einer Seele werden kann, die durch zwei Jahrhunderte im überirdischen Leben ganz unter dem Einflusse des gestorbenen Bacon steht — es ist eine sehr interessante Frage —, dann muß man hinschauen auf die Art und Weise, wie Bacon nach seinem Tode gelebt hat. Es wird schon einmal wichtig werden für Betrachtungen der Menschengeschichte, daß man die Menschen, die auf der Erde leben, nicht bloß bis zu ihrem Tode betrachtet, sondern auch in ihrem Wirken über den Tod hinaus, wo sie, namentlich wenn sie Bedeutsames auf geistigem Gebiet geleistet haben, weiter wirken für die Seelen, die dann heruntersteigen auf die Erde.

[ 21 ] Diese Dinge sind ja natürlich zuweilen etwas schockierend für die Menschen der Gegenwart. So zum Beispiel erinnere ich mich — es sei nur ein kleines Intermezzo, das ich einschiebe —, daß ich einmal auf dem Bahnhof einer kleineren deutschen Universitätsstadt, am Bahnhofstor, mit einem Arzt stand, einem bekannten Arzt, der sich viel mit Okkultismus beschäftigt. Um uns herum standen viele andere Leute. Er wurde warm, und aus seinem Enthusiasmus heraus sagte er zu mir in einem etwas lauten Ton, so daß es viele Umstehende hören konnten: Ich werde Ihnen die Biographie von Robert Blum schenken, aber die fängt erst mit seinem Tode an. — Es war, weil das so laut gesprochen war, schon etwas von Schockiertsein bei den Umstehenden zu bemerken. Man kann heute nicht so ohne weiteres zu den Leuten sagen: Ich schenke Ihnen die Biographie eines Menschen, die aber erst mit dem Tode anfängt.

[ 22 ] Aber außer dieser zweibändigen Biographie von Robert Blum, die nicht mit der Geburt, sondern mit dem Tode anfängt, ist Ja noch wenig geschehen nach dieser Richtung hin, biographisch von den Menschen zu sprechen, nachdem sie gestorben sind. Man fängt gewöhnlich bei der Geburt an und endigt mit dem Tode. Es gibt noch nicht viele Werke, die mit dem Tode anfangen.

[ 23 ] Nun liegt aber für das reale Geschehen ein ungeheuer Wichtiges gerade in dem, was der Mensch nach dem Tode tut, wenn er die Ergebnisse dessen, was er auf der Erde getan hat, umgesetzt in das Geistige, den Seelen vermittelt, die nach ihm herunterkommen. Und man versteht gar nicht die Folgezeit eines Zeitalters, wenn man nicht auch auf diese Seite des Lebens hinschaut.

[ 24 ] Es handelte sich für mich darum, einmal diejenigen Individualitäten anzusehen, die um Bacon nach seinem Tode herum waren. Und es waren herum um Bacon solche Individualitäten, die dann als Naturforscher geboren wurden in der Folgezeit, aber auch solche Individualitäten, die als Geschichtsschreiber geboren wurden. Und wenn man sich nun den Einfluß des gestorbenen Lord Bacon auf diese Seelen anschaut, so sieht man, wie das, was er auf der Erde begründet hat, der Materialismus, das bloße Forschen in der Sinneswelt — alles andere ist ja für ihn Idol —, wie das, hinaufgesetzt, übersetzt ins Geistige, in einen Radikalismus umschlägt. So daß in der Tat diese Seelen mitten in der geistigen Welt Impulse aufnehmen, die dahin gehen, nach ihrer Geburt, nachdem sie heruntergestiegen sind, auf der Erde nur auf dasjenige etwas zu geben, was eine Tatsache ist, die man mit den Sinnen sehen kann.

[ 25 ] Nun möchte ich etwas populär sprechen, aber ich bitte Sie, das Populäre eben auch nicht ganz wörtlich zu verstehen, denn natürlich ist es dann furchtbar leicht zu sagen: Das ist grotesk. — Unter diesen Seelen waren auch solche, die nach ihren früheren Anlagen, nach den Anlagen ihrer früheren Erdenleben eben Historiker haben werden sollen. Einer unter ihnen war — ich meine, drüben noch im vorirdischen Leben — einer der Bedeutendsten. Alle diese Seelen haben eigentlich unter dem Eindruck der Impulse von Lord Bacon gesagt: Man darf jetzt nicht mehr Geschichte schreiben, wie die Früheren geschrieben haben, so daß man Ideen hat, daß man Zusammenhänge erforscht, sondern es müssen die realen Tatsachen erforscht werden.

[ 26 ] Nun frage ich Sie: Was heißt in der Geschichte, die reale Tatsache benützen? — Das Wichtigste in der Geschichte sind ja die Absichten der Menschen, die nicht reale Tatsachen sind. Aber das zu erforschen, haben sich diese Seelen dann gar nicht mehr gestattet, und am wenigsten hat es sich gestattet diejenige Seele, die dann als einer der größten Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts wieder erschienen ist, Leopold von Ranke, ein vorirdischer Schüler Lord Bacons, der eben als Leopold von Ranke wieder erschienen ist.

[ 27 ] Verfolgt man nun den irdischen Historikerlauf des Leopold von Ranke, welches ist denn sein Grundsatz? Rankes Grundsatz als Geschichtsschreiber ist der: Nichts darf in der Geschichte geschrieben werden, als was man in Archiven liest; man muß die ganze Geschichte aus Archiven, aus den Verhandlungen der Diplomaten zusammenstellen.

[ 28 ] Ranke, der ja ein deutscher Protestant ist, dem das aber gegenüber seinem Wirklichkeitssinn ganz gleichgültig ist, arbeitet mit Objektivität, das heißt, mit Archivobjektivität schreibt er die Geschichte der Päpste, die beste Geschichte der Päpste, die geschrieben worden ist vom reinen Archivstandpunkte aus. Wenn man Ranke liest, so ist man etwas irritiert, eigentlich im Grunde schrecklich irritiert. Denn es ist etwas Odes, den bis ins höchste Alter beweglichen und regsamen Herrn sich denken zu müssen bloß in Archiven sitzend und zusammenstellend, was diplomatische Verhandlungen waren. Es ist ja gar keine wirkliche Geschichte. Aber es ist eine Geschichte, die nur mit den Tatsachen der Sinneswelt rechnet, und die sind für die Geschichte eben die Archive.

[ 29 ] Und so haben wir gerade unter dem Gesichtspunkt der Berücksichtigung auch des außerirdischen Lebens die Möglichkeit, ein Verständnis dafür zu gewinnen: Warum ist Ranke so geworden?

[ 30 ] Aber man kann auch hinüberschauen, wenn man solche Betrachtungen anstellt, zu Amos Comenius, wie der gewirkt hat auf das vorirdische Wollen von Seelen, die nachher heruntergestiegen sind. Und ebenso wie Leopold von Ranke der bedeutendste nachtodliche Schüler Bacons geworden ist, so ist Schlosser der bedeutendste nachtodliche Schüler von Amos Comesius geworden.

[ 31 ] Und nun nehmen Sie bei Schlosser, wenn Sie seine Geschichte durchlesen, den ganzen Duktus, den ganzen Grundton: Überall spricht der Moralist, derjenige, der die menschlichen Seelen, die menschlichen Herzen ergreifen will, der zu den Herzen sprechen will. Manchmal gelingt es ihm ja schwer, weil er eben doch einen pedantischen Zug hat. Nun, er spricht halt auf pedantische Weise zu den Herzen, aber er spricht zu den Herzen, weil er ein vorirdischer Schüler des Amos Comenius ist, weil er von ihm etwas davon aufgenommen hat, was in diesem Amos Comenius steckte, der gerade durch seine besondere Geistesart so charakteristisch ist.

[ 32 ] Denken Sie sich, er kommt ja doch vom Mohammedanismus herüber. Er ist etwas ganz anderes, als etwa die Geister sind, die sich an Lord Bacon angeschlossen haben; aber in die reale Außenwelt ging auch Amos Comenius in seiner Amos Comenius-Inkarnation. Überall forderte er Anschaulichkeit für den Unterricht, überall soll Bildliches zugrunde liegen. Anschauung fordert er, das Sinnliche wird betont, aber auf eine andere Art. Denn Amos Comenius ist zugleich einer derjenigen, die im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges in der allerlebendigsten Weise zum Beispiel an dem Eintritt des sogenannten «Tausendjährigen Reiches» festhalten; er ist der, der in seiner «Pansophia» große, weltumspannende Ideen geschrieben hat, der es also darauf abgesehen hatte, durch Stoßkraft auf die Erziehung der Menschen zu wirken. Das wirkte in Schlosser noch nach, das ist in Schlosser drinnen.

[ 33 ] Ich erwähnte diese beiden Gestalten, Ranke und Schlosser, aus dem Grunde, um Ihnen zu zeigen, wie man das, was im Menschen als geistig produzierend auftritt, nur begreifen kann, wenn man das außerirdische Leben eben auch in Betracht zieht. Dann erst versteht man es, so wie wir manches verstanden haben dadurch, daß wir die wiederholten Erdenleben ins Auge gefaßt haben.

[ 34 ] Nun ist ja benerklich geworden in den Betrachtungen, die ich hier in den voranliegenden Stunden vor Ihnen angestellt habe, daß in einer merkwürdigen Weise von einer Inkarnation in die andere hinübergewirkt wird, und ich erwähne, wie ich schon sagte, diese Beispiele aus dem Grunde, damit dann eingegangen werden kann auf die Art und Weise, wie jemand über sein eigenes Karma denken kann. Man muß, bevor man eingeht auf die Art und Weise, wie Gut und Böse hinüberwirken von einer Inkarnation in die andere, wie Krankheiten und dergleichen hinüberwirken, erst eine Anschauung davon gewinnen, wie dasjenige hinüberwirkt, was dann im eigentlichen Geistesleben der Zivilisation zutage tritt.

[ 35 ] Ich darf gestehen, meine lieben Freunde, daß eine der äußerst interessanten Persönlichkeiten mit Bezug auf ihr Karma aus dem neueren Geistesleben für mich Conrad Ferdinand Meyer war. Denn wer Conrad Ferdinand Meyer in seiner Gestalt, wie er gelebt hat als der Dichter Conrad Ferdinand Meyer, betrachtet, der sieht ja, daß die schönsten Leistungen Conrad Ferdinand Meyers darauf beruhen, daß immer und immer wieder in seiner gesamtmenschheitlichen Verfassung etwas da war wie ein Entfliehenwollen des Ich und des astralischen Leibes heraus aus dem physischen Leib und dem Ätherleib.

[ 36 ] Krankhafte Zustände treten bei Conrad Ferdinand Meyer auf, bis hart an die Grenze des Geistesgestörtseins kommend. Es sind Zustände, die nur in einer etwas extremeren Form das zustande bringen, was eigentlich im Entstehungsgrunde, im Status nascendi immer bei ihm vorhanden ist: heraus will das eigentliche Geistig-Seelische und hält nur mit leisem Band das Physisch-Ätherische.

[ 37 ] Und in diesen Zuständen, wo das Geistig-Seelische mit leisem Bande das Physisch-Ätherische hält, entstehen bei Conrad Ferdinand Meyer die schönsten seiner Leistungen, sowohl die schönsten seiner größeren Dichtungen wie auch die schönsten seiner kleineren Gedichte. Man kann schon sagen, halb außerhab des Leibes sind die schönsten der Dichtungen von Conrad Ferdinand Meyer entstanden. Es war ein ganz eigentümliches Gefüge zwischen den vier Gliedern der Menschennatur bei diesem Conrad Ferdinand Meyer vorhanden. Es ist wirklich ein Unterschied zwischen einer solchen Persönlichkeit und einem Durchschnittsmenschen der Gegenwart. Bei einem Durchschnittsmenschen des materialistischen Zeitalters, da hat man es gewöhnlich mit einer sehr robusten Verbindung des Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Ätherischen zu tun. Da steckt das Geistig-Seelische tief im Physisch-Ätherischen drinnen, setzt sich ganz hinein. Bei Conrad Ferdinand Meyer war das nicht vorhanden. Da war ein zartes Verhältnis des Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Ätherischen. Und die Psyche dieses Menschen zu beschreiben, gehört wirklich zu dem Interessantesten, das man in bezug auf die neuere Geistesentwickelung machen kann. Es ist schon außerordentlich interessant zu sehen, wie manches, was bei Conrad Ferdinand Meyer heraufkommt, sich fast ausnimmt wie eine getrübte Erinnerung, die aber schön geworden ist durch die Trübung. Man hat immer das Gefühl: Wenn Conrad Ferdinand Meyer schreibt, so erinnert er sich an etwas, aber nicht genau. Er verändert es, aber er verändert es ins Schöne und ins Formvollendete. Das ist für einzelne seiner Dichtungen auch wiederum Stück für Stück in einer wunderbaren Weise zu beobachten.

[ 38 ] Nun ist es ja das Charakteristische im inneren Karma eines Menschen, wenn ein ganz bestimmtes Verhältnis der vier Glieder der menschlichen Natur vorhanden ist, von physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich. Diese sonderbar intime Verbindung hat man nun zurückzuverfolgen. Da kommt man zunächst zurück in das Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Das war mir zuerst bei dieser Persönlichkeit klar: da liegt etwas von einem vorigen Erdenleben in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Dann wiederum ein weiter vorangehendes Erdenleben, das geht zurück bis in die vorkarolingische Zeit und geht deutlich zurück in die italienische Geschichte.

[ 39 ] Aber bei dem Verfolgen des Karma von Conrad Ferdinand Meyer überträgt sich, ich möchte sagen, das eigentümlich Verschwimmende seines Wesens, das aber doch wiederum in solcher Formvollendung auftritt, auf die Untersuchung, und man hat dann das Gefühl: du kommst in die Verwirrung hinein. Und es ist eigentlich nur etwas getan, wenn ich diese Dinge tatsächlich so schildere, wie sie sich ergeben. Man hat, wenn man da zurückgeht in die Zeit des 7., 8. Jahrhunderts in Italien, man hat das Gefühl: du kommst in etwas außerordentlich Unsicheres hinein. Man wird immer wieder zurückgestoßen, und man merkt erst nach und nach, daß das nicht an einem selber liegt, sondern daß es an der Sache liegt; daß da in der Seele, in der Individualität des Conrad Ferdinand Meyer etwas liegt, was einen selber in die Verwirrung bringt beim Untersuchen. Denn man muß ja, wenn man eine solche Sache untersucht, immer wieder zurückkommen in die gegenwärtige Inkarnation, respektive in die jüngst vergangene vorhergehende, in die weiter vorangehende, dann muß man wiederum, ich möchte sagen, Posto fassen und immer wieder zurückkommen.

[ 40 ] Und nun ergab sich folgendes. Sie müssen denken: Alles, was in vorangehenden Inkarnationen in einer Menschenseele gelebt hat, kommt ja in den verschiedensten Formen, in für die äußere Betrachtung manchmal gar nicht konstatierbaren Ähnlichkeiten zutage. Das werden Sie schon an anderen Wiederverkörperungen gesehen haben, die ich in diesen Wochen hier entwickelt habe.

[ 41 ] Und so kommt man zu einer Inkarnation in Italien in den ersten christlichen Jahrhunderten, das heißt am Anfang der zweiten Hälfte des ersten christlichen Jahrtausends, wo die Seele, bei der man zunächst halt machen muß, gelebt hat — viel in Ravenna, viel am römischen Hofe. Aber nun kommt man dadurch in eine Verwirrung hinein, daß man sich doch fragen muß: Was lebte in der Seele? — In dem Augenblicke, wo man sich frägt, um die okkulte Forschung herauszufordern: Was lebte in der Seele? — da löscht sich einem das wieder aus. Man kommt auf die Erlebnisse, die diese Seele hat, die am Ravenna-Hofe, am römischen Hofe lebt; man kommt in diese Erlebnisse hinein, man glaubt sie zu haben: da löschen sie sich einem wieder aus. Und man wird dann zurückgetrieben zu dem in jüngster Zeit lebenden Conrad Ferdinand Meyer, bis man darauf kommt: Er löscht einem in diesem späteren Leben seinen eigenen Seeleninhalt des früheren Lebens aus. Und wirklich, erst nach langer Mühe kommt man darauf, wie sich die Sache verhält. Da kommt man darauf: Conrad Ferdinand Meyer, das heißt die Individualität, die in ihm lebte, lebte dazumal in Italien in einem gewissen Verhältnisse zu einem Papste, der diese Individualität mit anderen zusammen in einer katholischen christlichen Mission nach England schickte. So daß diese Individualität, die dann Conrad Ferdinand Meyer wurde, erst all jenen wunderbaren Formensinn aufgenommen hatte, den man gerade in jener Zeit in Italien aufnehmen konnte, von dem namentlich die Mosaikkünste in Italien sprechen, von dem die ältere italienische Malerei spricht, die zum größten Teile ja überhaupt ganz zugrunde gegangen ist — das hat ja aufgehört —, und er ging dann mit einer katholisch-christlichen Mission zu den Angelsachsen.

[ 42 ] Ein Genosse von ihm begründete das Bistum Canterbury. Und dasjenige, was in Canterbury geschehen ist, das hat sich im wesentlichen an diese Begründung angeschlossen. Die Individualität, die dann als Conrad Ferdinand Meyer erschienen ist, war nur dabei, aber diese Individualität war eine sehr regsame und hat dadurch den Unwillen eines Angelsachsenhäuptlings hervorgerufen und ist auf das Anstiften dieses Angelsachsenhäuptlings ermordet worden. Das ist etwas, das man zunächst findet. Aber es war in der Seele des Conrad Ferdinand Meyer, während er in England verweilte, etwas, was sie ihres Lebens nicht froh werden ließ. Diese Seele wurzelte eigentlich in der damaligen italienischen Kunst, wenn man das so nennen will, in dem italienischen Geistesleben. Sie wurde nicht froh bei der Ausübung der Missionstätigkeit in England, widmete sich aber dieser Missionstätigkeit dennoch in einer intensiven Weise, so daß eben dann die Ermordung sogar die Reaktion darauf war.

[ 43 ] Dieses Nicht-froh-Werden, dieses eigentlich Abgestoßensein von etwas, das er aber wiederum aus einem anderen Trieb des Herzens heraus mit aller Kraft, mit aller Hingabe ausführte, das wirkte in einer gewissen Weise so, daß nun beim Durchgang durch das nächste Erdenleben eine kosmische Trübung des Gedächtnisses eintrat. Der Impuls war da, aber er deckte sich nicht mit irgendeinem Begriffe mehr.

[ 44 ] Und so wurde zustande gebracht, daß dann in der Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation ein unbestimmter Impuls sich geltend machte: In England wirkte ich; etwas hängt zusammen mit Canterbury, ermordet worden bin ich wegen meines Zusammenhanges mit Canterbury.

[ 45 ] Darauf hin wirkt nun das äußere Leben der Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation. Conrad Ferdinand Meyer studiert englische Geschichte, er studiert Canterbury, er studiert, was da im Zusammenhange mit der englischen Geschichte und Canterbury vor sich geht. Er stößt auf Thomas Becket, den Kanzler des Königs Heinrich II. im 12. Jahrhundert, auf dieses eigentümliche Schicksal des Thomas Becket, der zuerst ein allmächtiger Kanzler Heinrichs II. war, dann ermordet wurde auf Anstiften Heinrichs II. Dann erschien dem Conrad Ferdinand Meyer im Conrad Ferdinand Meyer-Leben in diesem Thomas Becket sein eigenes, halbvergessenes Schicksal — im Unterbewußten, meine ich, halbvergessen, denn ich rede natürlich von dem Unterbewußten, das da erscheint. Und da schildert er sein eigenes Schicksal aus uralter Zeit, indem er es schildert in der Geschichte, die sich abgespielt hat im 12. Jahrhundert zwischen dem König Heinrich II. und dem Thomas Becket von Canterbury, indem er dieses Schicksal schildert in seiner Dichtung «Der Heilige». Es ist gerade so — nur spielt sich das alles in dem Unterbewußten ab, das die aufeinanderfolgenden Erdenleben umfaßt —, es ist alles so, wie wenn etwa ein Mensch in einem Erdenleben in früher Jugend im Zusammenhange mit irgendeinem Orte etwas erlebt hätte, vielleicht im zweiten, dritten Lebensjahre etwas erlebt hat, das er dann vergessen hat, das nicht auftaucht. Dann taucht ein ähnliches anderes Schicksal auf, der Ort wird genannt: dieser Ort ruft hervor, daß der Betreffende eine besondere Sympathie hat für dieses andere Schicksal und dieses andere Schicksal anders empfindet als eben einer, der nicht mit diesem Orte irgendwie in eine Ideenassoziation tritt. So wie sich das in einem Erdenleben abspielen kann, so spielt es sich ab in diesem konkreten Falle, den ich Ihnen angebe: Das Wirken in Canterbury, die Ermordung einer an Canterbury gebundenen Persönlichkeit — denn Thomas Becket ist ja Erzbischof von Canterbury — durch den König von England. Indem also diese Motive zusammenwirken, schildert er das eigene Schicksal in demjenigen, was er darstellt.

[ 46 ] Nun geht es aber fort bei Conrad Ferdinand Meyer — das ist das Interessante: Er wird wiedergeboren so im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, als Frau wiedergeboren, als regsame, geistig interessenreiche Frau geboren in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, sieht manches Abenteuerliche. Diese Frau heiratet einen Mann, der zunächst an all den Wirren, die da waren im Dreißigjährigen Kriege, teilnahm, dem es dann aber zu dumm geworden ist und der nach der Schweiz auswanderte, nach Graubünden, und da als ein ziemlich philiströser Herr lebte. Aber seine Frau nahm alles das auf, was innerhalb des Graubündner Landes selber sich abspielte unter dem Einfluß der Verhältnisse des Dreißigjährigen Krieges.

[ 47 ] Das ist wiederum wie mit einer Schicht zugedeckt, weil schon einmal dasjenige, was in dieser Individualität ist, ich möchte sagen, sich kosmisch leicht vergißt und dennoch wiederum in Veränderung heraufgeholt wird und dann glorioser, intensiver wird. Und aus dem, was diese Frau erlebt hat in ihrer Anschauung, entsteht die wunderbare Charakteristik des «Jürg Jenatsch», des Mannes aus Graubünden. Und so hat man, wenn man nun diesen Conrad Ferdinand Meyer in seiner Conrad Ferdinand Meyer-Inkarnation ansieht, keine Erklärung für seine Eigentümlichkeit, wenn man nicht auf sein Karma eingehen kann. Denn eigentlich muß ich sagen — das ist cum grano salis gesprochen selbstverständlich, denn das Wort paßt nicht recht —, eigentlich beneide ich die Leute, die Conrad Ferdinand Meyer so leichten Herzens verstehen. Als ich seine frühere Verkörperung noch nicht gekannt habe, habe ich nur verstanden, daß ich ihn eigentlich nicht verstehe. Denn diese wunderbare Geschlossenheit der Form, diese innere Freude an der Form, dieses Reine der Form, diese Kraft, die Gewalt, die in «Jürg Jenatsch» lebt, dieses ungemein Persönlich-Lebendige, das in dem «Heiligen» lebt — man muß schon ein Stück Oberflächlichkeit haben, wenn man das ohne weiteres zu verstehen glaubt.

[ 48 ] Wenn man aber merkt: in den schönen Formen, die zugleich etwas Linienhaftes, etwas Strenges haben, die gemalt und wieder nicht gemalt sind, leben die Mosaiken von Ravenna; in dem «Heiligen» lebt eine Geschichte, die einstmals von der Individualität selber durchgemacht worden ist, über die sich aber Seelendunst breitete, so daß aus dem Seelendunst eine andere Formung herauskam — und wenn man weiß: vom Frauengemüt ist dasjenige aufgenommen worden, was in der Graubündner Dichtung des «Jürg Jenatsch» lebt, und in manchem, was da ist an Stoßigem in dieser Graubündner Dichtung, da lebt wiederum der Haudegen aus dem Dreißigjährigen Kriege, der ein ziemlich philiströser Herr, aber dennoch ein Haudegen war; wenn man weiß: da lebt in der Seele in einer eigentümlichen Form dasjenige auf, was von früheren Erdenerlebnissen herüberkommt — dann beginnt man eigentlich erst zu begreifen. Und man sagt sich dann: In alten Zeiten der Menschheitsentwickelung haben die Menschen ungeniert gesprochen über die Art und Weise, wie überirdische Geister auf die Erde herabgestiegen sind, wie wiederum Menschen der Erde sich hinaufgelebt haben, um von der Geisteswelt aus weiterzuwirken, und das ist etwas, was wieder kommen muß, sonst bleibt der Mensch bei seinem Regenwurm-Materialismus. Denn was sich heute naturwissenschaftliche Weltanschauung nennt, ist ja eine Regenwurm-Weltanschauung.

[ 49 ] Die Menschen leben eigentlich so auf Erden, als wenn nur die Erde sie anginge und als wenn nicht der ganze Kosmos auf das Irdische wirkte und im Menschen lebte, und als wenn nicht frühere Zeiten fortlebten dadurch, daß wir dasjenige, was wir in ihnen aufgenommen haben, selber herübertragen in die späteren Zeiten. Und Karma verstehen, heißt nicht, irgendwie begrifflich reden zu können über aufeinanderfolgende Erdeninkarnationen, sondern Karma verstehen, heißt, in seinem Herzen das zu fühlen, was man fühlen kann, wenn man in spätere Epochen in Menschenseelen selbst dasjenige herüberfließen sieht, was vor Zeiten da war. Wenn man sieht, wie Karma wirkt, dann erhält das menschliche Leben ja einen ganz anderen Inhalt. Man fühlt sich selber ganz anders in dem menschlichen Leben drinnenstehend.

[ 50 ] Solch ein Geist wie Conrad Ferdinand Meyer tritt auf und fühlt die früheren Erdenleben wie einen Grundton in seinem Wesen darinnen, wie Untertöne, die da herübertönen. Man versteht erst das, was da ist, wenn man ein Verständnis für diese Grundtöne entwickelt. Und der Fortschritt der Menschheit im Geistesleben wird darauf beruhen, daß in dieser Weise das Leben wird betrachtet werden können, daß man wirklich wird eingehen können auf das, was durch Menschen selber aus früheren Epochen der Weltenentwickelung in spätere Epochen der Weltenentwickelung hinüberströmt, Das Eigentümliche von mancher Seele, etwa wie die Psychoanalytiker es tun, auf törichte Art aus «verborgenen Seelenprovinzen» heraus zu erklären — man kann ja dem Verborgenen alles zuschreiben —, das wird aufhören, und man wird die wirklichen Ursachen suchen. Denn das Treiben der Psychoanalytiker, die ja in gewisser Beziehung wirklich wiederum ganz Gutes leisten, das erinnert einen manchmal daran, wie wenn jemand sagen würde: Im Jahre 1749 ist in Frankfurt einem Patrizier ein später begabt auftretender Sohn geboren worden; man kann heute noch den Ort feststellen, wo in Frankfurt dieser später als Wolfgang Goethe auftretende Mensch geboren worden ist. Man grabe einmal nach in der Erde, durch welche Ausdünstung seine Anlagen zustande gekommen sind. — So kommen einem die Psychoanalytiker manchmal vor! Sie graben unten ins Erdreich der Seele hinein, in die «verborgenen Provinzen», die sie erst selber hypothetisch entdecken, während man in Wirklichkeit in den vorangegangenen Erdenleben und in den Leben, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind, suchen muß. Dann eröffnet sich das Verständnis von Menschenseelen. Menschenseelen sind wahrhaft viel zu reich, als daß man ihren Inhalt aus einem einzigen Erdenleben heraus erkennen könnte.