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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band II
GA 236

10 Mai 1924, Dornach

Achter Vortrag

[ 1 ] Wir werden heute eine Art von Betrachtung anstellen, die von der Außenseite her in die Entwickelung des Karma des Menschen hineinweist. Von der Außenseite, sage ich, das heißt von der Seite der menschlichen äußeren Gestaltung, wie sie uns in der Physiognomie des Menschen entgegentritt, in dem Gebärdenspiel, in alldem, was die äußere Offenbarung des Menschen und der physischen Welt ist. Denn ich habe ja schon bei der Betrachtung einzelner karmischer Zusammenhänge darauf aufmerksam gemacht, wie gerade durch die Betrachtung von scheinbar geringfügigen Kleinigkeiten am Menschen man karmische Zusammenhänge beobachten kann. Und so ist es auch, daß das Äußere des Menschen ja vielfach ein Bild von dem gibt, wie der Mensch in seinem moralischen Verhalten, in seinem geistigen Verhalten in einem vorigen Erdenleben oder in einer Reihe von vorigen Erdenleben war. Man kann in dieser Richtung geradezu gewisse Typen von Menschen betrachten, und man wird dann gerade durch die Betrachtung dieser Typen von Menschen finden, wie ein gewisser Typus auf ein ganz bestimmtes Verhalten in irgendeinem der vorigen Erdenleben zurückgeht.

[ 2 ] Um nicht im Abstrakten herumzusprechen, nehmen wir die Sache durch Beispiele. Sagen wir zum Beispiel, jemand habe ein Erdenleben damit verbracht, daß er sich mit den Dingen im Leben, die an ihn herangetreten sind, recht genau beschäftigt hat, daß er für vieles ein intimes, ein gutes Interesse hatte, daß er an nichts vorbeigegangen ist, weder an Menschen noch an Sachen noch an Erscheinungen vorbeigegangen ist. Sie werden ja auch Gelegenheit haben, im gegenwärtigen Leben das an Menschen beobachten zu können.

[ 3 ] Man kann Menschen kennenlernen, die, sagen wir zum Beispiel, die alten griechischen Staatsmänner besser kennen als die gegenwärtigen Staatsmänner. Wenn man sie nach irgendeinem wie Perikles oder Alcibiades oder Miltiades und so weiter frägt, dann wissen sie Bescheid, weil sie das in der Schule gelernt haben. Wenn man sie um irgend etwas frägt, was in der Gegenwart in ähnlicher Weise vorgeht, dann wissen sie kaum Bescheid.

[ 4 ] Das kann man aber auch in bezug auf die ganz gewöhnliche Lebensbeobachtung finden. Ich habe ja auch in dieser Beziehung schon manches angeführt, was gewiß denen, die oftmals glauben auf der höchsten Spitze des Idealismus zu stehen, sonderbar vorkommt. Ich habe zum Beispiel angeführt, daß es Menschen gibt, Männer, die einem etwa erzählen, wenn man am Nachmittag mit ihnen spricht, sie hätten am Vormittag eine Dame auf der Straße gesehen. Wenn man sie frägt, was sie für ein Kleid angehabt habe, so wissen sie es nicht! Es ist schließlich unglaublich, aber es ist wahr: es gibt solche Menschen.

[ 5 ] Nun, nicht wahr, man kann solch einer Sache die verschiedensten Auslegungen geben. Man kann sagen: Der Mensch ist von so hoher Geistigkeit, daß es ihm eben, wenn er in dieser Lage ist, viel zu unbedeutend erscheint, auf so etwas achtzugeben. Aber das ist nicht von einer wirklich durchdringenden Geistigkeit. Es mag von einer hohen Geistigkeit sein, aber auf die Höhe allein kommt es nicht an, sondern es kommt auf die Eindringlichkeit oder Oberflächlichkeit der Geistigkeit an. Von einer eindringlichen Geistigkeit ist es eben nicht, weil es ja schon ganz bedeutsam ist, was der Mensch zu seiner Einhüllung gebraucht, und in einem gewissen Sinne ist das ebenso bedeutsam, wie zum Beispiel, was er für eine Nase hat, oder was er für einen Mund hat. Es gibt eben Menschen, die haben für alles im Leben Aufmerksamkeit. Sie beurteilen die Welt nach dem, was sie von der Welt erfahren. Andere Menschen, die laufen so durch die Welt, wie wenn sie gar nichts interessierte. Sie haben alles, was an sie herankommt, nur wie eine Art Traum aufgenommen, der gleich wiederum verrinnt.

[ 6 ] Dies sind zwei, ich möchte sagen, polarische Gegensätze von Menschen. Aber wie man das nun auch beurteilen mag, meine lieben Freunde, ob Sie nun von einem Menschen, der nicht weiß, was die Dame, die er am Vormittag gesehen hat, für ein Kleid angehabt hat, glauben, daß das hoch oder niedrig ist, darauf kommt es nicht an, sondern wir wollen heute besprechen, was das für einen Einfluß auf das Karma des Menschen hat. Und es macht eben einen großen Unterschied, ob ein Mensch für die Dinge des Lebens aufmerksam ist, sich für alles einzelne interessiert, oder ob er unaufmerksam für die Dinge des Lebens ist. Gerade Einzelheiten sind für das ganze Gefüge des geistigen Lebens ungeheuer bedeutend, nicht wegen dieser Einzelheiten, sondern weil eine solche Einzelheit auf eine ganz bestimmte Seelenverfassung hinweist.

[ 7 ] Denken Sie nur an den Professor, der immer sehr schön vorgetragen hat und dabei immer auf einen Punkt gesehen hat, nämlich auf die obere Brusthälfte eines Hörers immer starr die Augen hingerichtet hat. Er ist niemals aus dem Konzept gekommen, sondern hat immer recht schön vortragen können. Eines Tages kam er aus dem Konzept: er guckte hin, er mußte immer wieder weggucken — und nachher ging er hin zu dem Hörer und fragte: Warum haben Sie sich nun den Knopf, der immer abgerissen war, angenäht? Das hat mich ganz aus dem Konzept gebracht! — Er hatte immer auf den fehlenden Knopf hingesehen, das hatte ihm Konzentration gegeben. Es ist unbedeutend, nicht wahr, ob man auf einen abgerissenen Knopf sieht oder nicht sieht; aber für die ganze Seelenverfassung ist es bedeutend, ob man das tut oder nicht. Und wenn man die karmischen Linien beobachten will, dann hat das schon eine außerordentlich große Bedeutung.

[ 8 ] Also betrachten wir zunächst einmal diese zwei Menschentypen, von denen ich gesprochen habe. Sie brauchen sich nur an das zu erinnern, was ich öfter über das Hinübergehen des Menschen von einem Erdenleben in das andere gesagt habe: Es ist ja so, daß der Mensch in einem Erdenleben einen Kopf hat, dann die übrige Gestalt, und dasjenige, was übrige Gestalt ist, außer dem Kopfe, das hat einen gewissen Kräftezusammenhang. Der physische Leib des Menschen wird den Elementen übergeben. Die physische Substanz trägt natürlich der Mensch nicht von einem Erdenleben ins andere herüber. Aber den Kräftezusammenhang, den ein Mensch in seinem Organismus hat außer dem Kopf, den trägt er durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und das wird der Kopf des nächsten Erdenlebens, während der Kopf des gegenwärtigen Erdenlebens sich aus dem Gliedmaßensystem und dem übrigen Organismus des vorigen Erdenlebens gebildet hat. So verwandelt sich immer, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, das Außerkopfliche von einem Erdenleben hinüber in den Kopf des anderen Erdenlebens. Und der Kopf ist immer das Ergebnis des Außerkopflichen vom vorigen Erdenleben. Das gilt nun für den ganzen Kräftezusammenhang in der Gliederung der menschlichen Wesenheit.

[ 9 ] Wenn jemand mit großer Aufmerksamkeit durch das Leben ging und er nicht gerade eine ausschließlich sitzende Lebensweise hatte — und solche Menschen sind sehr schwer heute karmisch zu beobachten, weil es die in früheren Zeiten ja gar nicht gegeben hat; wie Menschen mit einer ausschließlich sitzenden Lebensweise sich in dem nächsten Erdenleben ausnehmen werden, das muß man erst abwarten, denn solche Erdenleben, wo man nur sitzt, gibt es ja eigentlich erst in der Gegenwart —, nun also, wenn der Mensch aufmerksam auf die Dinge seiner Umgebung wurde, mußte er ja immer zu diesen Dingen gehen, er mußte seine Glieder regsam machen, seine Glieder in Tätigkeit bringen. Der ganze Körper kam in Tätigkeit, nicht nur die Sinne, die zu dem Kopfsystem gehören, sondern der ganze Körper kam in Regsamkeit, Das, was da der ganze Körper mitmacht, wenn der Mensch aufmerksam ist, das geht hinüber in die Kopfbildung des nächsten Erdenlebens, und das hat eine ganz bestimmte Wirkung. Es wird dann der Kopf des Menschen im nächsten Erdenleben so, daß er einen sehr starken Drang hat, solche Kräfte in den übrigen Organismus, der dann im nächsten Erdenleben sich angliedert, hineinzuschicken, daß die Kräfte der Erde sehr stark auf diesen Organismus wirken.

[ 10 ] Und nun müssen Sie bedenken: Wenn das, schematisch gezeichnet, der Kopf des Menschen ist, und das die übrige Organisation ist, so wird ja in den ersten sieben Lebensjahren alles, was in dieser übrigen Organisation ist, Muskeln, Knochen und so weiter, vom Kopfe aus gebildet. Der Kopf schickt diese Kräfte hinein. Jeder Knochen ist so gebildet, wie er vom Kopf aus gebildet werden soll. Wenn nun der Kopf durch die Art des Erdenlebens, wie ich es geschildert habe, die Tendenz hat, eine starke Verwandtschaft zu den Kräften der Erde zu entwickeln, was geschieht dann? Dann werden, ich möchte sagen, durch die Gunst des Kopfes die Erdenkräfte bei dem Aufbau des Menschen schon im Embryonalleben mehr protegiert, aber namentlich auch in dem Leben bis zum Zahnwechsel. Die Kräfte der Erde werden vom Kopfe sehr, sehr stark protegiert, und die Folge ist, daß ein solcher Mensch alles das in besonderer Ausbildung bekommt, was von den Kräften der Erde abhängt. Das heißt, er bekommt große Knochen, starke Knochen, er bekommt zum Beispiel außerordentlich breite Schulterblätter, die Rippen sind gut ausgebildet. Alles trägt den Charakter des gut Ausgebildeten. Aber in alledem sehen Sie, wie da die Aufmerksamkeit im vorigen Erdenleben herübergebracht wird in das gegenwärtige Erdenleben, wie da der Organismus gebildet wird. Alles das geht ja zwar räumlich vom Kopfe aus, aber eigentlich doch von der Seele und vom Geiste. Denn an all diesen Bildekräften sind Seele und Geist beteiligt, und wir können daher von so etwas immer auf das Seelisch-Geistige sehen. Daher ist es, daß wir bei solchen Menschen sehen: der Kopf ist erdverwandt geworden durch die Umstände im vorigen Erdenleben, wie ich sie geschildert habe. Das können wir der Stirne absehen, sie ist nicht besonders hoch — denn hohe Stirnen sind nicht erdverwandt —, aber sie ist scharf und stark ausgebildet, und dergleichen Dinge mehr.

[ 11 ] Also wir sehen, der Mensch entwickelt sich so, daß seine Knochen kräftig ausgebildet werden. Und das Eigentümliche ist: Wenn stark herüberwirken solche erdverwandten Kräfte aus dem früheren Erdenleben, dann wachsen die Haare sehr schnell. So daß wir bei Kindern, deren Haare sehr schnell wachsen, immer das in Zusammenhang bringen müssen mit ihrem Aufmerksamkeitsleben im vorigen Erdendasein. Es ist schon so, daß sich der Mensch aus seinem moralisch-geistigen Verhalten in irgendeinem Erdenleben seinen Körper im nächsten Erdenleben formt.

[ 12 ] Dagegen werden wir immer bestätigt finden, wie das Geistig-Seelische an dieser Bildung des Menschen beteiligt ist. Bei einem solchen Menschen, dessen Karma so ist, wie ich es geschildert habe — daß er aus einem besonderen starken Hang zur Aufmerksamkeit für das Leben im nächsten Erdenleben starke Knochen bekommt, wohlausgebildete Muskeln bekommt —, bei einem solchen Menschen werden wir sehen, daß er mutig durchs Leben geht. Er hat sich durch das auch zur gleichen Zeit, ich möchte sagen, das Natürliche, die natürliche Kraft eines mutvollen Lebens angeeignet.

[ 13 ] Nun ist es schon einmal so, daß man in der Zeit, in der man abging von der Beschreibung der aufeinanderfolgenden Erdenleben, aber noch die Kenntnisse hatte, die man eigentlich nur hat, wenn man auf wiederholte Erdenleben hinblick, was zum Beispiel in der Zeit des Aristoteles noch der Fall war. Aristoteles konnte in seiner «Physiognomik» noch wunderbar schildern, wie die äußere Gesichtskonfiguration mit der moralischen Haltung, mit der moralischen Verfassung eines Menschen zusammenhängt.

[ 14 ] Dagegen betrachten wir einmal Feiglinge, furchtsame Menschen. Es sind solche, die im vorigen Erdenleben sich für nichts interessiert haben. Sie sehen, das Karmabetrachten hat auch eine gewisse Bedeutung für die Hineinstellung in das Leben mit Bezug auf die Zukunft. Es ist ja schließlich eine Befriedigung der Wißbegierde, aber nicht allein der Wißbegierde, wenn wir das gegenwärtige Erdenleben auf die früheren zurückführen. Denn wenn wir unser gegenwärtiges Erdenleben mit einiger Selbsterkenntnis nehmen, so können wir uns vorbereiten für das nächste Erdenleben. Huschen wir so oberflächlich durch das Leben, indem uns nichts interessiert, dann können wir sicher sein, daß wir im nächsten Erdenleben ein Furchthase werden. Das aber kommt wiederum dadurch zustande: indem sich die wenig teilnahmsvolle Wesenheit des unaufmerksamen Menschen wenig mit der Umgebung verbindet, so bekommt die Kopforganisation im nächsten Leben keine Verwandtschaft mit den Erdenkräften. Die Knochen bleiben unentwickelt, die Haare wachsen langsam; der Mensch hat sehr häufig O- oder X-Beine.

[ 15 ] Das sind solche Dinge, die durchaus den Zusammenhang zwischen dem Geistig-Seelischen auf der einen Seite und dem Natürlich-Physischen auf der anderen Seite sehr intim zeigen. Ja, meine lieben Freunde, man kann bis in die Einzelheiten der Konfiguration des Kopfes, an dem ganzen Menschen hinüberschauen in die vorigen Erdenleben.

[ 16 ] Diese Dinge sagt man aber nicht, um gerade an ihnen die Beobachtung zu machen. Alle die Beobachtungen, die ich Ihnen mitgeteilt habe zur Vorbereitung der Karmabetrachtungen, die sind ja nicht auf äußerliche Weise, sondern durchaus auf innerliche Weise durch geisteswissenschaftliche Methoden zustande gekommen. Aber gerade diese geisteswissenschaftlichen Methoden zeigen, wie der Mensch äußerlich eigentlich gar nicht so hingenommen werden darf, wie ihn die heutige Physiologie und Anatomie nimmt. Daß man einfach die Organe kennenlernt und ihren gegenseitigen Zusammenhang, das hat im Grunde genommen gar keinen Sinn. Denn der Mensch ist ein Bild. Zum Teil ist er ein Bild dessen, was die Kräfte sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, zum Teil ein Bild seines vorigen Erdenlebens, und es hat gar keinen Sinn, Physiologie oder Anatomie so zu treiben, wie sie gegenwärtig getrieben werden: daß man nur den Menschen nimmt, wie er dasteht, und dann eins nach dem anderen, was an ihm ist, betrachtet. Denn der Kopf zum Beispiel steht viel mehr im Zusammenhang mit dem vorigen Erdenleben, als er mit dem Körper, den der Mensch in diesem Erdenleben bekommt, im Zusammenhang steht.

[ 17 ] So daß man also sagen kann: Gewisse physische Prozesse versteht man erst, wenn man auf die vorigen Erdenleben zurückschaut. Ein Mensch, der die Welt kennengelernt hat in einem früheren Erdenleben, bei dem ist es halt so, daß er schnell wachsende Haare hat. Ein Mensch, der die Welt wenig kennengelernt hat in einem vorigen Erdenleben — Sie können es beobachten —, bei dem entwickeln sich ganz langsam wachsende Haare. Die liegen dann an die Oberfläche des Körpers an, währenddem diejenigen, die sich am intensivsten interessiert haben in einem vorigen Erdenleben, die sich überintensiv interessiert haben, die ihre Nase in alles hineingesteckt haben, struppiges Haar haben. Das ist ein ganz richtiger Zusammenhang. So können wir die mannigfaltigsten Körperkonfigurationen auf Erlebnisse in einem der vorigen Erdendaseine zurückbeziehen. Das geht wirklich bis auf die Einzelheiten der Konstitution. Nehmen wir zum Beispiel einen Menschen, der in einem Erdenleben viel sinnt, viel nachsinnt. Ja, sehen Sie, der wird im nächsten Erdenleben ein schmächtiger, magerer Mensch sein. Wer in irgendeinem Erdenleben wenig nachsinnt, sondern mehr so im Erfassen der Außenwelt lebt, der ist im nächsten Erdenleben veranlagt, viel Fett anzusetzen. Das hat wiederum eine Bedeutung für die Zukunft. Man kann geistige Magerkuren nicht für das eine Erdenleben gut durchführen, da müssen schon physische Kuren eventuell, wenn sie helfen, zu Hilfe kommen; aber für das nächste Erdenleben kann man ganz entschieden dadurch eine Magerkur machen, daß man viel sinnt, daß man also viel nachdenkt, namentlich über solches viel nachdenkt, was einem Mühe macht, von der Art, wie ich es gestern geschildert habe. Es braucht nicht Meditieren zu sein, sondern es braucht einfach viel Nachsinnen, viel Willen zu sein, innere Entscheidungen zu treffen. Es ist wirklich ein solcher Zusammenhang zwischen der geistig-moralischen Art, wie der Mensch in einem Erdenleben lebt, und seiner physischen Konstitution in seinem nächsten Erdenleben. Das kann man nicht genügend betonen.

[ 18 ] Nehmen Sie andere Fälle. Nehmen Sie zum Beispiel den Fall, daß in einem Erdenleben ein Mensch, sagen wir, so lebt, daß er ein Denker ist. Darunter verstehe ich nicht einen Professor — es ist gar nicht scherzhaft gemeint —, sondern ich verstehe darunter einen Menschen, der meinetwillen hinter dem Pflug gehen kann und dennoch viel denken kann. Es kommt gar nicht darauf an, in welcher Lebenslage man denkt, sondern Denker kann man wirklich auch dann sein, wenn man hinter dem Pflug geht oder sonst irgendein Handwerk besorgt. Aber ein solcher Denker wird dadurch, daß er im Denken hauptsächlich dasjenige beschäftigt, was ja mit dem Erdenleben abfällt, und daß er unbeschäftigt läßt, was in die nächste Inkarnation die Kräfte hinüberschickt und an der Kopfbildung teilnimmt, ein solcher Mensch wird in einem neuen Erdenleben auftreten mit einem weichen Fleisch, mit zartem, weichem Fleisch. Aber das Eigentümliche ist dieses: Wenn er viel denkt, so wird in seinem nächsten Erdenleben seine Haut sehr wohlgebildet sein, die ganze Oberfläche des Körpers, die Haut, wird sehr wohlgebildet sein. Und wiederum, wenn Sie Menschen finden, deren Haut zum Beispiel Flecken zeigt, Leute mit unreiner Haut, so können Sie von da aus immer schließen — es müssen natürlich andere Gründe dazukommen, man kann nicht aus einem Merkmal gleich ganz unbedingt schließen, aber im allgemeinen sind doch die Angaben richtig, die ich heute über den Zusammenhang des Seelisch-Geistigen und des Physischen mache —, daß das Menschen sind, die in einem früheren Erdenleben wenig gedacht haben. Leute also mit viel Sommersprossen waren ganz gewiß nicht Denker in einem vorigen Erdenleben.

[ 19 ] Das sind die Dinge, die zugleich zeigen, wie gerade Geisteswissenschaft sich nicht nur um das Abstrakt-Geistige kümmert, sondern auch um das Wirken des Geistigen im Physischen. Ich habe es ja oft betont, es ist nicht so stark schade, daß der Materialismus bloß auf die Materie hinschaut, sondern schade ist es, die Tragik des Materialismus ist es, daß er von der Materie nichts wissen kann, weil er das geistige Wirken in der Materie nicht erkennt. Man sollte gerade bei der Menschenbetrachtung erst recht auf die Materie sehen, denn in der Materie drückt sich, gerade bei der Menschengestalt, beim ganzen menschlichen Wesen das Wirken des Geistigen aus. Die Materie ist die äußere Offenbarung des Geistigen.

[ 20 ] Sie können es schon in den «Leitsätzen» sehen, die zu allerletzt jetzt gegeben worden sind in dem Mitteilungsblatt, das dem «Goetheanum» beigelegt ist, daß das Haupt des Menschen, der Kopf, nur richtig betrachtet wird, wenn man die imaginative Erkenntnis schon auf das ÄAußerliche anwendet; denn der menschliche Kopf in seiner Gestaltung, in Ohrengestaltung, namentlich dann aber auch in Nasen-, Augengestaltung, er ist eigentlich nach dem Muster der Imagination gegeben. Er besteht aus äußerlich sichtbaren Imaginationen.

[ 21 ] Das gilt aber auch von der Art, wie der Mensch gebaut ist. Es gibt Menschen, welche den unteren Teil des Rumpfes länger haben als den oberen Teil, also vom unteren Anfang des Rumpfes bis zur Brust länger haben, und dann den oberen Teil, von der Brustmitte bis zum Hals, kürzer haben.

[ 22 ] Ist dieser Teil von der Brustmitte bis zum Hals kürzer als der untere Teil des Rumpfes, so hat man es mit einem Menschen zu tun, welcher in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ein solches geistiges Leben durchgemacht hat, daß er sehr schnell den Aufstieg im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt bis zu der Mitte durchgemacht hat. Da ist er sehr schnell gegangen. Dann geht er langsam und behaglich herunter zum neuen Erdenleben.

[ 23 ] Hat man es aber zu tun mit einem Menschen, dessen oberer Teil vom Hals bis zur Brustmitte länger ist als der untere Teil von der Brustmitte bis zum Ende des Rumpfes, dann hat man es mit einem Menschen zu tun, der langsam, bedächtig bis zur Mitte gegangen ist in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und dann schneller hinuntergeht zum Erdenleben. So daß man also in der Physiognomie, ja in den Maßen des menschlichen Mittelkörpers, die Nachwirkung von der Art und Weise hat, wie der Mensch die erste Hälfte des Durchganges vom Tod zu einer neuen Geburt durchmachte gegenüber der zweiten Hälfte.

[ 24 ] Es ist wirklich das, was am Menschen physisch ist, durchaus ein Abbild desjenigen, was dem Menschen geistig zugrunde liegt. Und das hat nun eine Folge für das Leben. Denn wenn Sie die Menschen nehmen, a mit kurzer Oberbrust und langer Unterbrust, und die Menschen, b mit langer Oberbrust und kurzer Unterbrust — es ist natürlich extrem gezeichnet —, so ist es so: Diese Menschen hier mit langem Unterrumpf und kurzem Oberrumpf, das sind solche, die vom Anfange an zeigen, daß sie sehr schlafbedürftig sind. Das ist bei den anderen nicht der Fall; die sind weniger schlafbedürftig. Sie sehen also an einem Menschen, je nachdem er schlafbedürftig ist oder nicht, was sich wiederum in den Maßen seines Mittelleibes ausdrückt, ob er schneller oder langsamer durchgegangen ist durch die erste Hälfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, beziehungsweise schneller oder langsamer durch die zweite Hälfte durchgegangen ist.

[ 25 ] Aber das hängt ja wiederum mit dem vorigen Erdenleben zusammen. Ein Mensch, der im vorigen Erdenleben, nicht durch Anlage, sondern mehr durch Erziehung und durch sein Leben, stumpf war für das Leben, nicht so sehr, daß er sich nicht interessiert hat, der aber stumpf war — er konnte eigentlich nichts richtig, er ging nicht darauf aus, die Dinge richtig zu begreifen, er konnte dabei sogar aufmerksam sein, seine Nase überall hineinstecken, aber es blieb bei der Neugierde und bei einer oberflächlichen Erfassung, er blieb stumpf —, ein solcher Mensch hat dann kein Interesse an der ersten Hälfte des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Er bekommt erst Interesse, wenn es über die Mitternachtshöhe des Lebens hinausgegangen ist und er heruntersteigt.

[ 26 ] Dagegen ein Mensch, der sich angewöhnt, mit seinem Verstande überall einzudringen, auch mit seinem Gemüte überall einzudringen, ein solcher Mensch bekommt großes Interesse für die erste Hälfte, für den Aufstieg, und macht schnell den Abstieg durch. So daß man wieder sagen kann: Wenn einem ein Mensch im Leben entgegentritt, der eine Schlafratte ist, dann ist das zurückzuführen auf ein solches stumpfes Leben im vorigen Erdenleben. Ein Mensch, der regsam ist, der keine Schlafratte ist, der meinetwillen sogar nötig hat, erst irgend etwas zu tun, damit er einschläft — es gibt ja Bücher, nicht wahr, die man als Schlafmittel benützen kann —, also ein Mensch, der das nötig hat, der ist nicht stumpf gewesen, sondern regsam gewesen, mit seinem Verstande, mit seinem Gemüte eindringlich regsam gewesen.

[ 27 ] Man kann weitergehen. Es gibt Menschen — ja, wie soll ich sie nennen? Sagen wir, sie sind Gernesser, sie essen gerne; andere essen nicht so gerne. Ich will nicht sagen, gefräßige Menschen und nichtgefräßige Menschen, nicht wahr, das schickt sich nicht in ernster Betrachtung; aber ich will also sagen, es sind Menschen, die gerne essen, und solche, die weniger gerne essen.

[ 28 ] Auch das hängt in einer gewissen Weise mit dem zusammen, was der Mensch beim Durchgang durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt vor und nach der Mitternachtshöhe des Daseins erlebt. Die Mitte ist die Mitternachtshöhe des Daseins.

[ 29 ] Da gibt es Menschen, welche, ich möchte sagen, sehr hoch hinaufsteigen in das Geistige, und Menschen, welche nicht sehr hoch hinaufsteigen, für die eben die Mitternachtshöhe nicht so hoch ist. Solche Menschen, die sehr hoch hinaufsteigen, die werden essen, um zu leben. Solche Menschen, die nicht hoch hinaufsteigen, die leben, um zu essen.

[ 30 ] Damit sind schon Unterschiede im Leben angegeben. Und man kann sagen, die Art und Weise, wie ein Mensch sich verhält gerade bei solchen Verrichtungen, die mit der Förderung oder Nichtförderung seines physischen Daseins zusammenhängen, aus denen kann man ersehen, wie sein karmisches Leben aus einem früheren Erdendasein herüberkommt.

[ 31 ] Wer sich Beobachtungsfähigkeit nach dieser Richtung angeeignet hat, der sieht einfach in der Art und Weise, wie sich jemand bei Tisch etwas nimmt, also im Zugreifen, eine Geste, die ganz besonders stark zurückführt auf die Art und Weise, wie das vorige Erdenleben herüberleuchtet.

[ 32 ] Ich rede heute vom Physischen; ich will dann morgen mehr von den moralischen Seiten reden, aber man muß das Physische durchaus auch ins Auge fassen, sonst wird das Gegenteil weniger verständlich werden. Die Menschen, die furchtbar vehement zugreifen, bei denen man sieht, wenn sie nur eine Birne anfassen beim Essen, so tun sie das mit Begeisterung — solche Menschen, das sind diejenigen, die im vorigen Erdenleben sich mehr an die Trivialitäten des Lebens gehalten haben, die nicht hinaus konnten über die Trivialität des Lebens, die festgehalten worden sind in dem, was nicht aufsteigt bis zum moralischen Erfassen des Lebens, was im Gewohnheitsmäßigen, im Konventionellen sitzen bleibt und so weiter. Auch das hat wiederum eine große Bedeutung für die Lebenspraxis selber. Die Dinge erscheinen uns ja heute, weil wir ungewohnt sind solcher Betrachtungen, oftmals sogar kurios, und wir lachen darüber. Aber sie sind im allertiefsten Ernst zu betrachten, denn Sie sehen, es gibt ja heute gewisse Gesellschaftsklassen, die gehen ganz in den trivialen Gewohnheiten des Lebens auf; die eignen sich eigentlich nicht gerne irgend etwas an, was aus den gewöhnlichen, gebräuchlichen Lebensgewohnheiten herausgeht.

[ 33 ] Man darf dies übrigens nicht bloß, meine lieben Freunde, so auf den Habitus des Benehmens anwenden, sondern man kann es zum Beispiel auch auf die Sprache anwenden. Es gibt Sprachen, bei denen darf man gar nichts willkürlich sagen, weil alles streng vorgeschrieben ist im Satzgefüge; man darf das Subjekt nicht an einen anderen Ort stellen und so weiter. Es gibt Sprachen, bei denen kann man das Subjekt hinstellen, wo man es hinstellen will, und das Prädikat auch; die haben dann in sich die Anlage, daß sich die Menschen innerhalb solcher Sprachen individuell entwickeln können.

[ 34 ] Nun, das ist nur ein Beispiel, wie stark triviale Gewohnheiten angeeignet werden und der Mensch nicht hinaus kann aus der Trivialität. Ein Erdenleben, das in solcher Trivialität verbracht wird, führt in ein nächstes hinein, in dem man gefräßig ist. Man steigt dann nicht hoch genug hinauf in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt — man wird gefräßig.

[ 35 ] Da nun heute die Zeit anbrechen soll, wo die Menschen wirklich nicht nur, wie das in der materialistischen Epoche der menschlichen Entwickelung der Fall ist, mit dem einen Erdenleben rechnen, sondern wo die Menschen auf die ganze Erdenentwickelung hinsehen und wissen, daß dasjenige, was in einem Erdenleben von einem getan und vollbracht wird, hinübergetragen wird in ein nächstes Erdenleben, daß die Menschen selber aus einer Epoche in die andere das Geschehen hinübertragen, da, wo dieses Bewußtsein auftreten soll, ist es schon notwendig, daß selbst in die Erziehungsprinzipien sowohl der aufwachsenden Kinder wie der Erwachsenen solche Dinge hineingenommen werden.

[ 36 ] Nun möchte ich noch auf zwei Menschentypen aufmerksam machen. Es gibt einen Menschentypus, der kann alles ernst nehmen, und dabei meine ich nicht bloß das äußere Ernstnehmen. Man kann sich ja durchaus ernste Menschen denken, die sogar viel Tragisches in ihrer Seelenverfassung haben und die dennoch lachen können, denn wenn man gar nicht lachen kann — und es gibt doch lächerliche Dinge im Leben —wenn alles an einem so vorübergeht, daß man nicht lachen kann, dann muß man auch stumpf sein. Also man kann schon lachen. Aber trotzdem man ein Mensch ist, der über Lächerliches gut lachen kann, kann man doch in der Grundverfassung seiner Seele ein ernster Mensch sein.

[ 37 ] Aber dann gibt es den anderen Typus von Menschen, der überhaupt nichts tut als lachen, den alles zum Lachen reizt, der, wenn er etwas erzählt, dabei lacht, ganz gleichgültig, ob es komisch oder nicht komisch ist. Man kann Menschen kennenlernen, die, wenn sie anfangen zu erzählen, gleich das Gesicht zum Lachen verzerren und selbst die ernsteste Sache in eine Art von Grinsen, in eine Art von Lachen kleiden. Es sind das Extreme, die ich schildere, aber die gibt es, diese Extreme.

[ 38 ] Sehen Sie, dieses ist ein Grundzug der Seele. Wir werden morgen sehen, wie das seine moralische Seite hat. Ich will heute hauptsächlich die physische Seite berühren. Das führt wiederum zurück auf die karmische Entwickelungsströmung. Ein Mensch, der einen ernsten Zug in seinem Leben hat, wenn er auch lachen kann, bei dem wirken starke Kräfte, solide Kräfte, möchte ich sagen, aus dem vorigen Erdenleben in dieses Erdenleben herüber. Wenn man einem solchen ernsten Menschen begegnet, einem Menschen, der Sinn hat für ernste Seiten des Lebens, der stehenbleibt in der Betrachtung der ernsten Seiten des Lebens, nachdenklich wird über die ernsten Seiten des Lebens, dann kann man sagen: Diesem Menschen kann man es anfühlen, daß er sozusagen in seinem Wesen seine früheren Erdenleben trägt. Man wird ernst in seiner Lebensauffassung dadurch, daß die früheren Erdenleben nachwirken, richtig nachwirken. Man wird ein ewig mit dem Munde tänzelnder Schwätzer, der selbst bei den ernstesten Sachen, wenn er sie erzählt, lacht, wenn die früheren Erdenleben nicht nachwirken. Wenn der Mensch durch eine Reihe von Erdenleben oder wenigstens durch ein Erdenleben gegangen ist, in dem er wie ein halb Schlafender gelebt hat, da wird er dann im nächsten Erdenleben ein solcher, der den Ernst nicht bewahren kann, der an die Dinge des Lebens nicht mit dem nötigen Ernst herangehen kann. So daß man aus der Art, wie sich ein Mensch verhält, sehen kann, ob er seine vorigen Erdenleben wohl angewendet hat, oder ob er sie mehr oder weniger dumpf verschlafen hat.

[ 39 ] All das führt aber dazu, sich zu sagen: Man darf gar nicht den Menschen, so wie er uns entgegentritt als Mensch, mechanisch oder auch nur nach dem Muster des gewöhnlichen Organismus betrachten. Das darf man nicht tun, sondern man muß den Menschen in seiner Gestalt und bis in seine Bewegungsmöglichkeiten hinein als ein Bild der geistigen Welt betrachten.

[ 40 ] Da hat man zunächst die Hauptesorganisation. Diese Hauptesorganisation ist im wesentlichen durch die früheren Erdenleben mitbedingt. Und wir können schon sagen: Am richtigsten betrachten wir ein menschliches Haupt, wenn wir all das lernen, was man lernen kann über das imaginative Vorstellen. Sonst nirgends, nur dem menschlichen Haupte gegenüber kann man das imaginative Vorstellen in der Sinneswelt anwenden, das, was man sonst immer braucht als imaginatives Vorstellen, um in die geistige Welt hineinzuschauen. Man muß mit der Imagination ja anfangen, wenn man in die geistige Welt hineinschauen will; da erscheinen einem zuerst die geistig-ätherischen Bilder der geistigen Wesenheiten. In der physischen Welt gibt es außer dem menschlichen Kopf nichts, was an Imaginationen erinnert, aber am menschlichen Kopf, bis in seine innere Organisation, bis in den Wunderbau des Gehirnes ist eigentlich alles ein physisch-sinnliches Abbild des Imaginativen.

[ 41 ] Wenn Sie weitergehen, dann kommen Sie dazu, etwas am Menschen zu betrachten, was eigentlich viel schwieriger zu betrachten ist — man macht sich es nur gewöhnlich leicht —, das ist, eine Auffassung davon zu gewinnen, wie der Mensch seinen Atem aufnimmt, wie er also sein rhythmisches System in Bewegung setzt, wie er den Atem dann überführt in die Blutzirkulation. Dieses ungeheuer lebendige Spiel, das den ganzen Körper durchsetzt, ist sogar viel komplizierter, als man denkt, denn zunächst ist es ja so, nicht wahr: der Mensch nimmt den Atem auf (Zeichnung, gelb), der Atem setzt sich um in die Blutzirkulation (rot), aber auf der anderen Seite geht der Atem wieder über in das Haupt, und er steht in einer gewissen Beziehung zu der ganzen Tätigkeit des Gehirnes (grün). Es ist das Denken einfach ein verfeinertes Atmen. Und wiederum geht die Blutzirkulation über in dasjenige, was die Impulse der Bewegungen der Gliedmaßen sind (blau-grün).

[ 42 ] Wenn man dieses rhythmische System des Menschen, das sich ausdrückt nun nicht in einer ruhigen Lage, sondern in einer immer fortdauernden Beweglichkeit, wenn man dieses rhythmische System des Menschen nimmt, muß man diesen Unterschied genau beachten. Den Kopf des Menschen betrachtet man ja am besten dadurch, daß man ihn als abgeschlossene, ruhige Gestaltung betrachtet, daß man auch sein Inneres, zum Beispiel das Gehirn, partienweise betrachtet, wie eine Partie neben der anderen ruht. Über den Kopf erfährt man nichts, wenn man zum Beispiel die Blutzirkulation im Kopfe durch Anatomie oder Physiologie kennenlernt; denn das, was die Blutzirkulation im Kopfe vollbringt, bezieht sich gar nicht auf den Kopf, das bezieht sich bloß auf das, was der Kopf an Rhythmus braucht. In dieser Beziehung ist der Kopf genauso wie die Blutzirkulation. Das, was man sehen kann, wenn man einen Teil des Knochengerüstes vom Kopfe abhebt und da die Zirkulation anschaut, das bezieht sich gar nicht auf den Kopf, der Kopf muß als ruhendes Organ betrachtet werden, wo eines neben dem anderen liegt.

[ 43 ] Das kann man nicht, wenn man auf das rhythmische System übergeht, das vorzugsweise in der Brust lokalisiert ist. Da muß man alles in der Regsamkeit betrachten, in der Regsamkeit der Blutzirkulation, des Atmens, des Denkens, des Sich-Bewegens. Es ist dieser Prozeß sogar bis ins Physische hinein noch viel weiter zu betrachten.

[ 44 ] Betrachten Sie den Atmungsprozeß. Indem er in den Blutprozeß übergeht, dann auch ins Gehirn hinüberspielt, bildet sich Kohlensäure, also ein Säure im menschlichen Organismus. Indem aber der Atmungsprozeß ins Gehirn, in das Nervensystem überhaupt hinüberspielt, bilden sich aus den Säuren Salze; da lagern sich Salze ab.

[ 45 ] So daß man sagen kann: Indem der Mensch denkt, sondert sich Erdiges ab. Im Kreislauf selbst lebt Flüssiges. Im Atem lebt Gasförmiges. Und in dem Bewegen, wenn das übergeht in die Bewegungen, da lebt Feuriges. Es sind die Elemente in all dem enthalten, aber die Elemente in Regsamkeit, in fortwährendem Entstehen und Vergehen. Diesen Prozeß, den kann man eigentlich nicht durch sinnliches Anschauen erfassen. Diejenigen, die ihn in der Anatomie durch sinnliches Anschauen auffassen wollen, die verstehen ihn eigentlich nie. Man muß viel dazu tun können aus der inneren produktiven Kraft des Geistes, um diesen Prozeß zu verstehen. Wenn man die Auseinandersetzungen, die sich auf den rhythmischen Prozeß beziehen, in den gewöhnlichen Anatomie- und Physiologievorträgen hört, dann ist es wirklich so, daß man aus der toten Beschreibung, die da gegeben wird — diejenigen, die das durchgemacht haben, werden das bezeugen können —, eigentlich das Gefühl hat, daß das weit von der Wirklichkeit entfernt ist. Ja, wer unbefangenen Sinnes sich das anhört und dann die Zuhörer dabei ins Auge faßt, der hat eigentlich das Gefühl, daß diese Zuhörer durch die Ode, die sie da empfangen, eigentlich alle absterben müßten, sitzenbleiben müßten auf den Bänken, gar nicht mehr weiter könnten, nicht mehr kriechen könnten. Denn es müßte gerade dieses Zirkulationssystem nach allen Seiten hin in regster Lebendigkeit geschildert werden, so daß der Mensch immer vom Sinnlichen ins Übersinnliche übergeht, vom Übersinnlichen wieder ins Sinnliche zurückgeht und in eine Art musikalischer Stimmung bei diesem Schildern hineinkommt.

[ 46 ] Dann, wenn man so etwas hat, dann kommt man auch in innere Seelengewohnheiten hinein, durch die das Karma zu verstehen ist. Wir werden darüber morgen zu sprechen haben. Aber das, was man da hat, das ist dann ein sinnliches Abbild der Inspiration.

[ 47 ] Wie man also bei der Hauptesbetrachtung ein sinnliches Abbild der Imagination hat, so hat man in der Betrachtung des rhythmischen Systems des Menschen, wenn diese Betrachtung regelrecht gemacht wird, ein Abbild der Inspiration.

[ 48 ] Und geht man über auf das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem — ja, an dem, was heute in Anatomie und Physiologie betrachtet wird vom Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, hat man ja nicht die Kräfte dieses Stoffwechsel-Gliedmaßensystems, sondern nur dasjenige, was herausfällt, was abgeworfen wird. Alles, was im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem Inhalt ist der heutigen wissenschaftlichen Betrachtung, gehört gar nicht zum Aufbau und zu der Organisation des Menschen, sondern ist herausgeworfen — der Darminhalt ist nur das Extremste —, aber überhaupt alles, was im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem physisch wahrnehmbar ist, gehört nicht zum Menschen, sondern ist abgesondert vom Menschen, nur daß das eine länger, das andere kürzer liegenbleibt. Der Darminhalt bleibt kürzer übrig; das, was sich in Muskeln, Nerven und so weiter absondert, bleibt länger übrig. Aber zum Menschen gehört das, was im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem physisch-sinnlich nachgewiesen werden kann, nicht, sondern ist Ausscheidung, Ablagerung. Dagegen ist alles das, was zum Stoffwechsel-Gliedmaßensystem gehört, von übersinnlicher Art. So daß man beim Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, wenn man eine Menschenbetrachtung anstellt, übergehen muß zu dem, was rein übersinnlich im Sinnlichen drinnen lebt.

[ 49 ] Man muß also das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem beim Menschen sich so vorstellen, daß physische Arme und so weiter in Wirklichkeit geistig sind und in diesem Geistigen das Ich entwickeln. Wenn ich meine Arme, meine Beine bewege, werden fortwährend Ausscheidungen gemacht, und diese Ausscheidungen sieht man. Aber die sind nicht das Wesentliche. Sie können, wenn Sie das Greifen des Armes, der Hand erklären wollen, sich nicht berufen auf das Physische, sondern Sie müssen sich auf das Geistige berufen; auf das, was da längs des Armes geistig ist, auf das kommt es an beim Menschen. Das, was Sie sehen, ist bloß Ausscheidung in bezug auf das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem (siehe Zeichnung, dunkle Schraffierung: das Sichtbare; helle Schraffierung: das «Geistige»).

[ 50 ] Ja, wie soll man denn überhaupt eine karmische Betrachtung anstellen, wenn man glaubt, das, was man im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem sieht, das sei der Mensch? Das ist er ja gar nicht. Man kann erst eine karmische Betrachtung anstellen, wenn man weiß, was der Mensch ist. Und dasjenige, was man da in der Betrachtung haben muß, das ist ein Jetzt allerdings in der Sinnenwelt befindliches, trotzdem aber noch übersinnliches Abbild der Intuition.

[ 51 ] So daß Sie, meine lieben Freunde, sagen können: Kopfbetrachtung ist eigentlich imaginativ projiziert in die Sinneswelt. Rhythmische Menschenbetrachtung muß eigentlich inspiriert sein, wirksam innerhalb der Sinnesbeobachtung, wirksam in der Sinnenwelt. Betrachtung des Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen muß intuitiv, übersinnlich in der Sinneswelt sein.

[ 52 ] Das ist sehr interessant, denn man hat in der Menschenbetrachtung Bilder für Intuition, Inspiration und Imagination. Und man kann lernen an einer regelrechten Betrachtung des Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen, was eigentlich im Übersinnlichen die Intuition ist. Man kann lernen an einer regelrechten Betrachtung des rhythmischen Menschen, was im Übersinnlichen die Inspiration ist. Man kann lernen an einer ordentlichen Kopfbetrachtung, was im Übersinnlichen eine imaginative Betrachtung ist.

Kopfbetrachtung: imaginativ, projiziert in die Sinneswelt. Rhythmische Betrachtung: inspiriert, wirksam in der Sinneswelt. Betrachtung des Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen: intuitiv, übersinnlich in der Sinneswelt.

[ 53 ] Das ist dasjenige, was in den «Leitsätzen» des letzten Mitteilungsblattes angedeutet ist und was durchaus jeder, der nun wirklich emsig die bisherigen Zyklen betrachtet, eigentlich selber finden kann.

[ 54 ] Nun haben wir heute, meine lieben Freunde, versucht, die karmimischen Zusammenhänge in bezug auf das Physische zu betrachten. Wir wollen dann morgen dazu übergehen, die karmischen Zusammenhänge in bezug auf das Moralisch-Geistige des Menschen näher ins Auge zu fassen.