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Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume IV
GA 238

7 September 1924, Dornach

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Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Vorgestern sprach ich davon, daß ja das theoretische Auseinandersetzen über Karma und wiederholte Erdenleben nur etwas Unlebendiges bleiben müsse, wenn man nicht die Betrachtung, die in dieser Richtung orientiert ist, auch wirklich in die praktische Lebensauffassung einführt, das heißt das Leben betrachtet in dem Sinne von Karma und wiederholten Erdenleben. Die Betrachtung, die hier gemeint ist, ist aber eine solche, die mit dem allergrößten Ernst angestellt werden muß. Denn man kann schon sagen: Die Versuchung der Menschen, über allerlei karmische Zusammenhänge, über allerlei Dinge, die mit den wiederholten Erdenleben zusammenhängen, sich Ideen zu bilden, diese Versuchung ist sehr groß, und die Quelle der Illusionen auf diesem Gebiete ist eine außerordentlich große. Und es kann ja auch eine Untersuchung nach diesen Richtungen erst wirklich angestellt werden, wenn die geistige Welt durch Seelenentwickelung in einem gewissen Sinne für den Untersuchenden aufgeschlossen ist.

[ 1 ] The day before yesterday I spoke of how theoretical discussions about karma and repeated earthly lives must remain something lifeless unless one actually incorporates this line of thought into one’s practical outlook on life—that is, views life in terms of karma and repeated earthly lives. The perspective referred to here, however, is one that must be approached with the utmost seriousness. For it can certainly be said: The temptation for people to form ideas about all sorts of karmic connections, about all sorts of things related to repeated earthly lives—this temptation is very great, and the source of illusions in this area is an extraordinarily vast one. And, after all, an investigation along these lines can only truly be undertaken once the spiritual world has, in a certain sense, been opened up to the investigator through the development of the soul.

[ 2 ] Dann allerdings werden aber auch von den Zuhörern gerade für solche Untersuchungen diejenigen Gründe der Überzeugung beansprucht, welche folgen können aus alledem, was sonst im Lauf der Betrachtungen eines solchen Untersuchens zutage tritt. Man sollte eigentlich nicht irgendwelches Vertrauen haben zu demjenigen, der ohne weiteres beginnt, über wiederholte Erdenleben zu sprechen, sondern es muß schon das, was aus solchen okkulten Tiefen herausgeholt wird, dadurch bekräftigt werden, daß manches andere zunächst vorliegt, was das Vertrauen begründet.

[ 2 ] In that case, however, the listeners will also demand, specifically for such investigations, those grounds for conviction that may follow from everything else that comes to light in the course of the considerations of such an investigation. One should not, in fact, place any trust in someone who begins to speak of repeated earthly lives without further ado; rather, what is drawn from such occult depths must be corroborated by the presence of other evidence that justifies that trust.

[ 3 ] Nun denke ich, daß im Laufe der dreiundzwanzig, vierundzwanzig Jahre, in denen Anthroposophie gepflegt worden ist, genügend okkultes Material zusammengetragen worden ist, so daß heute Ergebnisse auch dieser gewagten Forschung über Karma und wiederholte Erdenleben vor denjenigen Zuhörern entfaltet werden dürfen, die das Vertrauen durch die anderen Gebiete des Geisteslebens, die im Laufe der Zeit entrollt worden sind, gewonnen haben können. Allerdings sitzen hier gerade in dieser Zeit viele, welche verhältnismäßig kurze Zeit erst in der Gesellschaft sind. Allein es würde ja eine Unmöglichkeit für die Entwickelung der Gesellschaft bedeuten, wenn man sozusagen für die Neueintretenden beim Anfang beginnen würde; denn auf der anderen Seite haben wir ja die große Freude und Befriedigung, daß gerade während dieser vollbesetzten Kursuszeit auch eine große Anzahl der ältesten anthroposophischen Freunde hier erschienen sind, Anthroposophen, die fast die ganze anthroposophische Entwickelung miterlebt haben. Und es müssen ja im Laufe der Zeit die Gelegenheiten geschaffen werden, daß in der Anthroposophischen Gesellschaft diejenigen, die mehr im Anfänglichen ihrer Mitgliedschaft stehen, herangeführt werden können an das, was im Verlaufe der Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft eben gepflegt werden muß.

[ 3 ] Now I believe that over the course of the twenty-three twenty-four years during which anthroposophy has been cultivated, enough occult material has been gathered so that today the results of this daring research into karma and repeated earthly lives may be presented to those listeners who have been able to gain confidence through the other areas of spiritual life that have been unfolded over time. Admittedly, there are many here at this very moment who have only recently joined the Society. Yet it would indeed be an obstacle to the Society’s development if we were, so to speak, to start from the very beginning for the newcomers; for on the other hand, we have the great joy and satisfaction that, precisely during this period of fully attended courses, a large number of the oldest anthroposophical friends have also gathered here—anthroposophists who have witnessed nearly the entire course of anthroposophical development. And over time, opportunities must be created so that, within the Anthroposophical Society, those who are still in the early stages of their membership can be introduced to what must be cultivated as the Anthroposophical Society continues to develop.

[ 4 ] Ich muß das aus dem Grunde voranschicken, weil ich gerade die Betrachtungen, die ich heute als Ausgangspunkt für manches, was in den nächsten Vorträgen folgen wird, mehr als Mitteilung hinstellen werde, weil manches darinnen ist, das wirklich recht gewagt erscheinen wird. Aber, meine lieben Freunde, es erscheint eben das menschliche Leben doch erst in seinem rechten Lichte, wenn man es seiner Wahrheit nach als durchgehend durch wiederholte Erdendaseine ins Auge faßt. Nur, das Forschen, das ernste, seiner Verantwortung sich bewußte Forschen auf diesem Gebiete ist durchaus nicht leicht. Denn Ergebnisse, die auf diesem Gebiete gewonnen werden, widersprechen eigentlich in einer gewissen Art den Vorstellungen, die man sich gewöhnlich macht.

[ 4 ] I must preface this because I intend to present the reflections I am sharing today—which will serve as the starting point for much of what will follow in the next lectures—more as a statement than as mere information, since some of what is contained therein will indeed seem quite daring. But, my dear friends, human life only appears in its true light when one views it in accordance with its truth—as a continuous process spanning repeated earthly existences. However, serious research in this field—research that is conscious of its responsibility—is by no means easy. For the findings obtained in this area actually contradict, in a certain sense, the ideas people usually hold.

[ 5 ] Es ist ja so, daß, wenn jemand ein menschliches Erdenleben mit seinen Schicksalsinhalten betrachtet, ihm diejenigen Schicksalsschläge auffallen, die er zunächst aufzufassen vermag, die zusammenhängen mit dem, was Beruf, äußerer oder innerer Beruf ist, die mit der sozialen Stellung zusammenhängen und dergleichen. Es erscheint leicht ein Mensch in bezug auf den Inhalt seines Erdenlebens mit Eigenschaften, die durchaus nicht äußerlich zu sein brauchen, die schon etwas für das Innerste seines Seelenwesens bedeuten können; aber in jenen Tiefen geschaut, in denen die wiederholten Erdenleben geschaut werden müssen, ist es doch notwendig, von vielem abzusehen, was äußerlich dem Schicksal eines Menschen in einem Erdenleben den Stempel aufdrückt.

[ 5 ] The fact is that when someone looks at a human life on Earth with all its elements of fate, they notice those blows of fate that they are initially able to grasp—those related to one’s profession, whether external or internal, those related to one’s social status, and the like. It is easy for a person, in regard to the content of their earthly life, to appear to possess qualities that need not be external at all—qualities that may already signify something for the innermost core of their soul being; but when viewed from those depths from which repeated earthly lives must be observed, it is nevertheless necessary to disregard much of what outwardly leaves its mark on a person’s destiny in a single earthly life.

[ 6 ] So darf man sich namentlich nicht vorstellen, daß für das durch die verschiedenen Erdenleben durchgehende Karma der äußere oder innere Beruf eine große Bedeutung habe. Man stelle sich nur vor, wie schon ein verhältnismäßig äußerlich charakterisierter Beruf — sagen wir der Beruf eines Beamten oder dergleichen — mit dem Schicksalsmäßigen des Menschen auch äußerlich zusammenhängt. Aber für die eigentlichen karmischen, für die eigentlichen Schicksalszusammenhänge braucht das, was man von diesem äußeren Beruf aus charakterisiert, gar keine Bedeutung zu haben. Ebenso ist es mit dem inneren Beruf. Wie leicht ist man versucht, bei einem Musiker daran zu denken, daß er wenigstens in einem früheren Erdenleben, wenn nicht wieder ein Musiker, so ein Künstler war. Es ist durchaus nicht immer, es ist sogar in den seltensten Fällen so, wenn man die Dinge wirklich erforscht. Denn das fortlaufende Karma, der fortlaufende Schicksalsfaden, der geht viel mehr in das menschliche Innere und kümmert sich wenig um äußere und innere Berufe, sondern viel mehr um die inneren Seelenkräfte und Seelenwiderstände, um die moralischen Zusammenhänge, die sich schließlich in jedem äußeren und inneren Berufe kundgeben können.

[ 6 ] In particular, one must not imagine that one’s external or internal profession plays a major role in the karma that runs through one’s various earthly lives. Just imagine how even a profession characterized relatively by external factors—say, that of a civil servant or the like—is connected, even outwardly, to a person’s destiny. But for the actual karmic connections, for the actual connections of destiny, what is characterized by this external profession need not have any significance at all. The same is true of one’s inner calling. How easily one is tempted to think, in the case of a musician, that he was—if not a musician again—at least an artist in a previous earthly life. This is by no means always the case; in fact, it is true only in the rarest of instances when one truly investigates these matters. For ongoing karma—the continuous thread of destiny—extends much deeper into the human inner being and pays little attention to external and internal professions; rather, it is concerned far more with the inner powers and resistances of the soul, as well as with the moral connections that can ultimately manifest themselves in every external and internal profession.

[ 7 ] Das aber macht es auch, daß die Erforschung des Karma, die Erforschung des Schicksalsfadens notwendig erscheinen läßt, auf Umstände im Leben eines Menschen hinzusehen, die zuweilen sogar nebensächlich erscheinen. Ich muß da immer wieder und wieder eine Tatsache erwähnen, die mir im Leben entgegengetreten ist.

[ 7 ] But this is precisely what makes it necessary, in the study of karma and the thread of fate, to examine circumstances in a person’s life that sometimes even seem trivial. I must mention, time and time again, a fact that I have encountered in my own life.

[ 8 ] Ich sollte nachforschen über die karmischen Zusammenhänge eines Menschen, der mancherlei Eigentümlichkeiten im Leben gehabt hat, der seine Aufgabe im Leben, seinen Beruf eben gehabt hat. Aber es ergab sich dem intuitiven Blick aus all dem, was er aus seinem Beruf heraus ausführte, was er zum Beispiel als Menschenfreund und dergleichen ausführte, nicht ein Hinweis auf seine früheren Erdenleben. Nicht als ob das alles nicht zusammenhinge mit den früheren Erdenleben; aber für das Anschauen ergab sich eben nicht ein Hinweis. Man konnte nicht durchkommen aus dem Anschauen dieser aus dem Beruf oder aus der Menschenfreundlichkeit folgenden Tatsachen. Dagegen ergab sich kurioserweise bei dieser Persönlichkeit gerade aus einer nebensächlichen Eigentümlichkeit des Lebens etwas. Er hatte vorzutragen, und immer, bevor er anfing vorzutragen, mußte er ganz gewohnheitsmäßig das Taschentuch herausnehmen und sich die Nase putzen. Ich habe ihn oft vortragen gehört und nie etwas anderes erlebt, als daß, bevor er zu sprechen, zusammenhängend zu sprechen begann, er das Taschentuch herausnahm und sich die Nase putzte. Er tat es nicht in der Konversation, aber er tat es immer, wenn er genötigt war, in Zusammenhängen zu sprechen. Das ergab ein Bild, von dem aus nun ausstrahlte die Fähigkeit, in frühere Erdenleben zurückzuschauen.

[ 8 ] I was to investigate the karmic connections of a person who had exhibited various peculiarities in life, who had, in fact, fulfilled his life’s purpose and pursued his profession. But from everything he did in his profession—and from what he did, for example, as a philanthropist and the like—nothing emerged to my intuitive eye that pointed to his previous earthly lives. Not that all of this was unrelated to his previous earthly lives; but for my observation, no such indication emerged. One could not discern anything from observing these facts arising from his profession or his philanthropy. Curiously, however, something did emerge in this individual precisely from a minor peculiarity in his life. He was to give a lecture, and always, before he began speaking, he would habitually take out his handkerchief and blow his nose. I have often heard him speak and have never observed anything other than that, before he began to speak coherently, he would take out his handkerchief and blow his nose. He did not do this in conversation, but he always did it when he was required to speak in a coherent manner. This created an image from which radiated the ability to look back into past earthly lives.

[ 9 ] Ich führe das als ein besonders groteskes Beispiel an. Die Beispiele sind nicht immer so grotesk; aber man muß eben die Fähigkeit haben, auf das Ganze eines Menschen einzugehen, wenn man überhaupt in einer gültigen und geltenden Weise auf das Karma hinschauen will. Sehen Sie, zum Beispiel einen gewissen Beruf zu haben ist für einen tieferen Blick doch mehr oder weniger etwas, was aus der Erziehung und so weiter kommt. Dagegen hängt es schon mit der inneren geistigen Konfiguration des Menschen zusammen, wenn er gar nicht anders kann, als bevor er eine Rede beginnt, das Taschentuch herauszunehmen und sich die Nase zu putzen. Es ist das viel intimer an das Wesen des Menschen gebunden. Aber es ist das eben ein radikales, ein extremes Beispiel. Die Dinge sind nicht immer so. Aber ich möchte dadurch eben eine Vorstellung hervorrufen davon, daß einem in der Regel für die Karma-Untersuchung das, was an der Oberfläche des Lebens eines Menschen liegt, gar nichts nutzt, daß man auf gewisse Intimitäten sich einlassen muß, aber auf solche, in die man sich nicht erst hineindichtet auf unrechtmäßige Weise, sondern die offen im Leben daliegen.

[ 9 ] I cite this as a particularly grotesque example. The examples aren’t always so grotesque; but one must have the ability to take a person’s whole being into account if one wants to examine karma in a valid and meaningful way at all. You see, for example, having a certain profession is, upon closer inspection, more or less something that stems from one’s upbringing and so on. In contrast, it is closely tied to a person’s inner mental makeup if they simply cannot help but take out a handkerchief and blow their nose before beginning a speech. That is much more intimately tied to a person’s very nature. But that is, of course, a radical, extreme example. Things are not always like that. But I would like to use this to convey the idea that, as a rule, when investigating karma, what lies on the surface of a person’s life is of no use at all; one must delve into certain intimate aspects—but not those one imagines into existence in an illegitimate way, rather those that lie openly in life.

[ 10 ] Nachdem ich diese Einleitung vorausgeschickt habe, möchte ich nun unverhohlen mit dem beginnen, was ich zu sagen habe, natürlich mit all den Reserven, die in einem solchen Falle immer da sein müssen, mit den Reserven nämlich, daß jeder das, was ich zu sagen habe, glaube oder auch nicht glaube, aber auch mit der Versicherung, daß der Sache, die ich auseinandersetzen werde, der allertiefste Ernst des geisteswissenschaftlichen Forschens zugrunde liegt.

[ 10 ] Having provided this introduction, I would now like to begin quite openly with what I have to say—naturally, with all the caveats that must always be present in such a case, namely, that everyone may believe or not believe what I have to say, but also with the assurance that the subject I am about to discuss is grounded in the deepest seriousness of spiritual scientific research.

[ 11 ] Solche Dinge treten auch nicht auf, wenn man mit der Absicht, so zu forschen, wie es ein heutiger Laboratoriumforscher tut, an die Forschung herantritt; sondern Forschungen über Karma müssen sich selber in einer gewissen Weise aus dem Karma ergeben. Ich habe das ja am Schlusse der Neuauflage meiner «Theosophie» erwähnen müssen, aus dem Grunde, weil ja unter den mancherlei merkwürdigen Zumutungen, die im Laufe des Lebens an mich gestellt worden sind, auch die ist, daß ich mich irgendwelchen psychologischen Laboratorien stellen soll, damit die Leute da erforschen können, ob die Dinge begründet sind, die ich über Geisteswissenschaft sage. Das ist natürlich ebenso lächerlich, als wenn irgend jemand mathematische Ergebnisse lieferte und man nicht diese mathematischen Ergebnisse nachprüfte, sondern ihn aufforderte, sich in einem Laboratorium untersuchen zu lassen, um dadurch darauf zu kommen, ob einer ein richtiger Mathematiker ist oder nicht. Aber dergleichen Lächerlichkeiten sind ja heute Gelehrsamkeit, werden ernsthaftig gefordert. Daß bei solchen Versuchen selbstverständlich nichts herauskommen kann, ich habe es ausdrücklich am Schlusse der Neuauflage meiner «Theosophie» erwähnt und habe auch erwähnt, daß alle Wege, die zu einer solchen Sache führen müssen — zu einer Erforschung eines konkreten okkulten Resultates —, selber auf geistig-übersinnliche Weise vorbereitet sein müssen.

[ 11 ] Such things do not occur either when one approaches research with the intention of conducting it in the same way as a modern laboratory researcher does; rather, research into karma must, in a certain sense, arise from karma itself. I felt compelled to mention this at the end of the new edition of my Theosophy, for among the various strange demands that have been made of me over the course of my life is the suggestion that I submit myself to some psychological laboratory so that the people there can investigate whether the things I say about spiritual science are well-founded. This is, of course, just as ridiculous as if someone were to present mathematical results and, instead of verifying those results, one were to demand that the person undergo examination in a laboratory to determine whether he or she is a genuine mathematician or not. But such absurdities are, after all, considered scholarship today and are seriously demanded. I explicitly mentioned at the end of the new edition of my Theosophy that such experiments can, of course, yield no results, and I also noted that all paths leading to such an endeavor—to the investigation of a concrete occult result—must themselves be prepared in a spiritual and supersensible manner.

[ 12 ] Es bot sich mir einmal Gelegenheit, einen modernen Arzt zu treffen, der mir seinem Renommee, seiner schriftstellerischen Laufbahn nach sehr gut bekannt war und der von mir sehr geschätzt wurde. Ich erwähne also hier in diesem Falle die karmischen Details, die zu der entsprechenden Forschung führten. Sie hat lange Zeit in Anspruch genommen und wurde erst in den letzten Wochen abgeschlossen, ist erst jetzt so, daß — wenn man ein gewissenhafter Mensch ist — man davon redet. Ich erwähne also alle Details, damit Sie eben mancherlei — natürlich nicht alles — von dem sehen, wie die Dinge zusammenhängen.

[ 12 ] I once had the opportunity to meet a modern physician whom I knew very well from his reputation and his career as an author, and whom I held in high regard. So here, in this instance, I am mentioning the karmic details that led to the corresponding research. It took a long time and was only completed in the last few weeks; it is only now that—if one is a conscientious person—one can speak of it. I am therefore mentioning all the details so that you may see some aspects—not everything, of course—of how things are connected.

[ 13 ] Also einen solchen modernen Arzt lernte ich kennen, und zwar so, daß er, als ich ihn kennenlernte, zusammen war mit einer anderen Persönlichkeit. Diese andere Persönlichkeit kannte ich schon längere Zeit sehr genau; sie machte auf mich stets einen, ich möchte nicht sagen tiefen, aber gründlichen Eindruck. Einen gründlichen Eindruck aus dem Grunde, weil diese Persönlichkeit außerordentlich gern zusammen war mit Menschen, die sich im weitesten Umfange gerade mit einem etwas äußerlich aufgefaßten Okkultismus befaßten. Diese Persönlichkeit erzählte aber auch außerordentlich gern von dem, wie sich viele ihrer Bekannten eben äußern über allerlei Okkultes, namentlich auch über allerlei, was aus dem Okkulten heraus zusammenhängt mit dem, was etwa der heutige Künstler als Lyriker, als Epiker, Dramatiker anstreben soll. Und es umschwebte diese Persönlichkeit eine Art, ich möchte sagen, von moralischer Aura. Ich gebrauche das Wort «moralisch» für alles das, was mit den vom Willen beherrschten seelischen Eigenschaften zusammenhängt. In der Gegenwart dieser Persönlichkeit, welche ich eigentlich besuchte, fand ich nun den andern, den ich seiner Schriftstellerlaufbahn nach, seiner ärztlichen Tätigkeit nach kannte und sehr schätzte. Und was sich da abspielte während dieses Besuches, das hinterließ wirklich einen tiefen Eindruck, der dazu anregte, das Ganze in das Gebiet der geistigen Forschung aufzunehmen.

[ 13 ] So I got to know such a modern doctor, and in fact, when I first met him, he was with another person. I had known this other person very well for quite some time; she always made a—I wouldn’t say deep, but thorough—impression on me. A profound impression, for the reason that this person took great delight in spending time with people who, to the greatest extent, were concerned precisely with a somewhat superficially understood form of occultism. But this person also took great pleasure in recounting how many of their acquaintances spoke about all manner of occult matters—particularly about those aspects of the occult that relate to what today’s artists, whether lyric poets, epic poets, or playwrights, are supposed to strive for. And this person was surrounded by a kind of—I would say—moral aura. I use the word “moral” to refer to everything connected with the qualities of the soul governed by the will. In the presence of this individual, whom I had actually come to visit, I now encountered the other man, whom I knew—and held in high esteem—for his career as a writer and his work as a physician. And what unfolded during this visit truly left a deep impression, one that inspired me to incorporate the whole experience into the realm of spiritual research.

[ 14 ] Da ergab sich denn etwas sehr Merkwürdiges. Durch diejenige Anschauung, die ich durch das Zusammensein der zwei Persönlichkeiten gewinnen konnte, und auch durch den Eindruck, den diese andere Persönlichkeit auf mich machte, die ich lange aus ihrer Schriftstellerlaufbahn, aus ihrer ärztlichen Tätigkeit kannte, die ich schätzte und die ich hier zum erstenmal äußerlich sah, durch alles das erhielt ich die Kraft, zunächst zwar nicht diese Persönlichkeit, die ich neu kennenlernte, irgendwie ihren Lebens- und Schicksalszusammenhängen nach zu prüfen, aber sie strahlte gewissermaßen auf den andern, den ich schon lange kannte, Licht hinüber, und es ergab sich, daß der andere — nicht in seinem letzten, aber in einem früheren Erdenleben — im alten Ägypten gelebt hat und, was das Eigentümliche ist, im alten Ägypten mumifiziert worden ist, einbalsamiert worden ist als Mumie.

[ 14 ] Then something very strange happened. It was due to the insight I gained from witnessing the coexistence of these two personalities, and also through the impression that this other personality made on me—whom I had long known from her career as a writer and her work as a physician, whom I held in high regard, and whom I was now seeing in person for the first time—through all of this I gained the strength, though not initially to examine this personality I was getting to know anew in terms of the context of her life and destiny, but she, as it were, cast a light onto the other one, whom I had known for a long time, and it turned out that the other one—not in his last, but in an earlier earthly life—had lived in ancient Egypt and, strangely enough, had been mummified in ancient Egypt, embalmed as a mummy.

[ 15 ] Nun ergab sich sehr bald auch, daß diese Mumie noch existierte. Ich habe sie auch später irgendwo gesehen, aber viel später. Das war zunächst der Ausgangspunkt. Aber indem die Forschung entzündet war an dieser Persönlichkeit, die ich lange kannte, strahlte sie gewissermaßen weiter aus, diese Forschung, und es ergab sich die Möglichkeit, im Schicksalszusammenhange des Mannes der neuen Bekanntschaft nun zu forschen. Und da ergab sich dann das Folgende.

[ 15 ] It soon became clear that this mummy still existed. I saw it again somewhere later on, but much later. That was the starting point. But as research was sparked by this figure, whom I had known for a long time, that research, so to speak, radiated outward, and the opportunity arose to investigate the fateful connections of this man’s new acquaintance. And that is when the following came to light.

[ 16 ] Während man nun sonst sehr leicht von einem Erdenleben eines Menschen auf das letzte zurückgeführt wird, führte hier die Intuition zurück weit ins alte Ägypten und stellte klar vor das Seelenauge zwei Persönlichkeiten: eine Art Häuptling im alten Ägypten, welcher in einem gewissen sehr starken Sinne die alte ägyptische Initiation innehatte, aber etwas dekadent geworden war als Initiierter, der anfing, die Initiation im Laufe seines Lebens nicht mehr sehr ernst zu nehmen, sogar mit einem gewissen spottenden Benehmen diese Initiation zu behandeln. Der Häuptling hatte aber einen Diener, der außerordentlich seriös war. Der Diener war natürlich nicht initiiert; aber beiden wurde die Obliegenheit, Mumien zu balsamieren und dazu die Stoffe von ziemlich weit her zu besorgen.

[ 16 ] While one is usually very easily led from a person’s earthly life back to their last incarnation, in this case intuition led far back into ancient Egypt and clearly presented two personalities before the soul’s eye: a sort of chieftain in ancient Egypt who, in a very profound sense, had attained the ancient Egyptian initiation, but had become somewhat decadent as an initiate—one who, over the course of his life, had begun to take the initiation less seriously, even treating it with a certain degree of derision. The chieftain, however, had a servant who was exceptionally serious. The servant was, of course, not initiated; but both were tasked with embalming mummies and procuring the necessary materials from quite far away.

[ 17 ] Nun war ja das Geschäft der Mumien-Einbalsamierung namentlich im älteren Ägypten ein außerordentlich kompliziertes und erforderte intime Kenntnisse der menschlichen Wesenheit, des menschlichen Leibes. Aber es wurden auch von denen, die rechtmäßig Mumien einbalsamieren sollten, tiefe Kenntnisse über die menschliche Seele gefordert. Der Häuptling, der zu diesem Geschäfte eigentlich initiiert worden war, lief nach und nach in eine Art Frivolität ein gegenüber seinem eigentlichen Berufe. So kam es, daß er diejenigen Dinge, die er durch eine Art Initiation empfangen hatte, nach und nach, man würde in der Mysteriensprache sagen: verriet an seinen Diener, der sich als ein Mensch entpuppte, der den Inhalt der Initiation allmählich besser verstand als der Initiierte. Und so wurde der betreffende Diener Mumien-Einbalsamierer, während der andere zuletzt nicht einmal mehr zuschaute, aber selbstverständlich alles, was damit zusammenhing in bezug auf Stellung und soziale Haltung, für sich in Anspruch nahm. Dieser andere wurde nach und nach auch so, daß er kein sehr großes Ansehen mehr genoß und dadurch in mancherlei Lebenskonflikte hineinkam. Der Diener aber, der sich eigentlich nach und nach zu einer sehr, sehr ernsten Lebensauffassung heraufarbeitete, wurde geradezu ergriffen, merkwürdig kongenial ergriffen von einer Art Initiation, die keine wirkliche war, die aber so instinktiv in ihm lebte. Und so wurde denn eine ganze Reihe von Mumien unter der Aufsicht und Mittat dieser beiden Leute eben einbalsamiert.

[ 17 ] Now, the practice of mummification—particularly in ancient Egypt—was an extraordinarily complex process that required intimate knowledge of human nature and the human body. But even those who were rightfully entrusted with embalming mummies were required to possess a deep understanding of the human soul. The chieftain, who had actually been initiated into this craft, gradually began to treat his true calling with a kind of frivolity. Thus it came to pass that he gradually—as one might say in the language of the mysteries—betrayed the things he had received through a kind of initiation to his servant, who turned out to be a man who gradually came to understand the content of the initiation better than the initiate himself. And so the servant in question became a mummy embalsamer, while the other eventually did not even watch anymore, yet naturally claimed for himself everything associated with it in terms of status and social standing. This other one gradually came to a point where he no longer enjoyed much esteem and thereby became embroiled in various life conflicts. The servant, however, who was actually gradually working his way up to a very, very serious outlook on life, was downright moved—strangely and deeply moved—by a kind of initiation that was not a real one, but which lived so instinctively within him. And so a whole series of mummies were embalmed under the supervision and active participation of these two men.

[ 18 ] Die Zeit verging. Die beiden Menschen gingen durch die Pforte des Todes, machten diejenigen Erlebnisse durch, von denen ich dann das nächste Mal sprechen möchte, die im Übersinnlichen mit der Entwickelung des Karma, des Schicksals zusammenhängen, und wurden dann beide wiederum ins Erdenleben versetzt in der Römerzeit, und zwar gerade um die Zeit, als die römische Kaiserherrschaft begründet worden ist: in der Zeit des Augustus; nicht genau, aber etwa im Zeitalter des Augustus.

[ 18 ] Time passed. The two people passed through the gate of death, underwent the experiences I would like to discuss next—experiences that, in the supersensible realm, are connected with the development of karma and destiny—and were then both reincarnated into earthly life during the Roman era, specifically around the time when the Roman Empire was founded: during the reign of Augustus; not exactly, but roughly during the age of Augustus.

[ 19 ] Wie gesagt, es ist gewissenhafte Forschung, die so exakt ist, wie nur irgendeine physikalische oder chemische Forschung sein kann. Ich würde von diesen Dingen nicht sprechen, wenn nicht eben seit Wochen die Möglichkeit gegeben wäre, über diese Dinge in so bestimmter Weise zu sprechen. Nun findet man den einen, den Häuptling — der nach und nach eigentlich ein frivoler Initiierter geworden ist, das aber, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen war, empfand als eine außerordentlich bittere Erdenprüfung mit allen Nachwirkungen einer solchen Empfindung einer bitteren Erdenprüfung —, man findet ihn wieder als Augustus’ Tochter Julia, die des Augustus Stiefsohn Tiberius heiratet und die ein Leben führt, das vor ihr selber natürlich gerechtfertigt erschien, das aber innerhalb der römischen Gesellschaft dazumal als ein so unmoralisches angesehen worden ist, daß sie verbannt worden ist. Der andere, der Diener, der sich hinaufgearbeitet hatte fast zum Initiierten, aber von unten auf, wird wiedergeboren in dieser Zeit als der römische Geschichtsschreiber Titus Livius.

[ 19 ] As I said, this is meticulous research, as precise as any physical or chemical research can be. I would not be speaking about these things if it hadn’t been for the opportunity that has arisen in recent weeks to discuss them in such a specific way. Now one finds this one, the chieftain—who, little by little, had actually become a frivolous initiate, but who, after passing through the gate of death, experienced this as an extraordinarily bitter earthly trial, with all the aftereffects of such a bitter earthly trial— one finds him again as Augustus’s daughter Julia, who marries Augustus’s stepson Tiberius and leads a life that naturally seemed justified to her, but which was regarded within Roman society at that time as so immoral that she was exiled. The other, the servant who had worked his way up almost to the rank of an initiate—but starting from the very bottom—is reborn in this era as the Roman historian Titus Livius.

[ 20 ] Nun ist aber das Interessante, wie Titus Livius zur Geschichtsschreibung kommt. Er hat eine ganze Anzahl Mumien einbalsamiert in alter ägyptischer Zeit. Die Seelen, die in den Körpern dieser Mumien waren, gerade diese Seelen waren vielfach als Römer, namentlich als die sieben römischen Könige inkarniert — denn die sieben römischen Könige hat es gegeben. Wir kommen, wenn wir in die Zeit gehen, wo die beiden, der Häuptling und sein Diener, inkarniert waren, in sehr alte ägyptische Zeit zurück. Und durch ein gewisses Gesetz, das gerade für die Wiederverkörperung von Seelen, deren Leiber mumifiziert sind, gilt, wurden verhältnismäßig bald diese Seelen wiederum zur Erde gerufen. Aber die karmische Verbindung des Dieners des Häuptlings, von dem ich gesprochen habe, mit diesen Seelen, deren Körper er einbalsamiert hat, ist eine so intime, daß er gerade von ihnen die Geschichte schreiben muß — natürlich muß er auch das andere dazunehmen, was er nicht einbalsamiert hat —, aber gerade die Geschichte derjenigen Menschen muß er schreiben, die er einbalsamiert hat. So wird Titus Livius zum Geschichtsschreiber.

[ 20 ] But what is interesting is how Titus Livius came to write history. He embalmed a large number of mummies during the ancient Egyptian period. The souls that were in the bodies of these mummies—precisely these souls—had often been incarnated as Romans, specifically as the seven Roman kings—for the seven Roman kings did indeed exist. If we go back to the time when the two—the chieftain and his servant—were incarnated, we find ourselves in very ancient Egyptian times. And through a certain law that applies specifically to the reincarnation of souls whose bodies have been mummified, these souls were called back to Earth relatively soon. But the karmic connection between the chieftain’s servant—whom I have spoken of—and these souls, whose bodies he embalmed, is so intimate that he must write the history specifically of them—of course, he must also include the other events he did not embalm—but he must write the history of precisely those people whom he embalmed. Thus, Titus Livius becomes a historian.

[ 21 ] Nun möchte ich nur, daß möglichst viele von Ihnen die römische Geschichte des Titus Livius nehmen und den Stil des Titus Livius mit dem Wissen, das sich hier aus dem karmischen Zusammenhange heraus ergibt, auf sich wirken lassen. Sie werden sehen, daß das merkwürdig menschlich Eindringliche und zu gleicher Zeit nach dem Mythus Hinneigende im Stil des Titus Livius hindrängt nach jener Menschenkenntnis, die sich ein Einbalsamierer erwerben kann. Auf solchen Zusammenhang kommt man erst, wenn man solche Forschungen anstellt. Aber dann ergibt sich eben das, was plötzlich Licht über irgend etwas verbreitet. Man kann sich schwer den Ursprung des Stils des Titus Livius, diesen merkwürdigen Stil, mit dem Livius als Historiker die Menschen, die er beschreibt, einbalsamiert — denn so ist er zuletzt, dieser Stil —, man kann sich schwer den Ursprung dieses Stils denken. Es wird ein Licht geworfen auf diesen Stil, wenn man auf solche Zusammenhänge hinweist.

[ 21 ] Now I would simply like as many of you as possible to pick up Titus Livius’s History of Rome and let Titus Livius’s style sink in, drawing on the knowledge that arises here from the karmic context. You will see that the strangely human intensity and, at the same time, the mythical quality in Titus Livius’s style point toward that insight into human nature which an embalmer can acquire. One only arrives at such a connection when one undertakes such research. But then what emerges is precisely what suddenly sheds light on something. It is difficult to conceive of the origin of Titus Livius’s style—this remarkable style with which Livius, as a historian, “embalsams” the people he describes—for that is ultimately what this style is—it is difficult to conceive of the origin of this style. Light is shed on this style when one points out such connections.

[ 22 ] Nun, sehen Sie, haben wir die beiden Persönlichkeiten wieder als Julia und Titus Livius. Als Julia und Titus Livius gehen sie nun wiederum durch die Pforte des Todes. Alles das, was die eine Seele erlebt hat: eigentlich ziemlich stark eine Art Initiierter zu sein, es aber in die Frivolität verzerrt zu haben, die Bitterkeit der Nachwirkung in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt erfahren zu haben, dann als Julia das eigentümliche Schicksal — lesen Sie es nach — erfahren zu haben, alles das ergab für das nächste Leben, das auf das Julia-Leben folgte zwischen Tod und neuer Geburt, eine starke Antipathie gegen die Julia-Inkarnation, die sich in einer merkwürdigen Weise universalisierte. Man kann in der Intuition diese Individualität in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt finden, wie wenn sie fortwährend schrie: Ach, wäre ich niemals ein Weib geworden, denn zu diesem Weibsein hat mich geführt dasjenige, was ich dazumal im alten Ägypten vollbracht habe!

[ 22 ] Well, you see, we have these two personalities once again as Julia and Titus Livius. As Julia and Titus Livius, they now pass through the gate of death once more. Everything that one soul has experienced—essentially having been quite strongly a kind of initiate, yet having distorted this into frivolity; having experienced the bitterness of the aftereffects in the life between death and rebirth; and then, as Julia, having experienced that peculiar fate—look it up— all of this resulted, for the next life that followed the Julia life between death and rebirth, in a strong antipathy toward the Julia incarnation, which became universalized in a remarkable way. One can intuitively sense this individuality in the life between death and rebirth, as if she were constantly crying out: “Oh, if only I had never become a woman, for it was what I accomplished back then in ancient Egypt that led me to this womanhood!”

[ 23 ] Man kann nun diese Individualitäten verfolgen. Man kommt ins Mittelalter herein: Man findet Titus Livius wieder als sangesfrohen Dichter in der Mitte des Mittelalters. Man ist erstaunt, ihn so zu finden, denn die äußeren Berufe hängen gar nicht zusammen. Aber die größten Überraschungen, die einem Menschen werden können, sind eben diejenigen, die sich aus der Betrachtung aus einander hervorgehender Erdenleben ergeben. Man findet den römischen Geschichtsschreiber — mit dem aus der Kenntnis des menschlichen Wesens durch das Mumifizieren hervorgegangenen Stil — in der weiteren Ausbildung dieses Stiles, der eine große Leichtigkeit hatte und der jetzt wie hinaufgetragen wird in lyrischer Leichtigkeit, man findet den Titus Livius wieder als Walther von der Vogelweide.

[ 23 ] One can now trace these individualities. As we enter the Middle Ages, we rediscover Titus Livius as a poet who loved to sing in the middle of the Middle Ages. One is surprised to find him this way, for his outward professions seem entirely unrelated. But the greatest surprises that can befall a person are precisely those that arise from contemplating earthly lives emerging from one another. One finds the Roman historian—with the style that emerged from an understanding of human nature through mummification—in the further development of this style, which possessed great lightness and which is now, as it were, carried aloft in lyrical lightness; one rediscovers Titus Livius as Walther von der Vogelweide.

[ 24 ] Walther von der Vogelweide, der sich aufhält in Tirol, manchen Gönner hat, hat nun auch unter diesen einen bestimmten Gönner, der ein ganz merkwürdiger Mensch ist. Ein Mensch, der mit allen möglichen Alchimisten, die es dazumal zu Dutzenden und aber Dutzenden in Tirol gab, auf du und du stand, der Schloßherr war, der sich aber überall — man würde sagen, wenn man in der modernen Schauspielkunstsprache sprechen würde, in allerhand alchimistischen Schmieren herumtrieb, dabei aber ungeheuer vieles erfuhr und lernte; der unter anderem gerade aus diesem heraus, wie es ja später bei Paracelsus auch in einer ähnlichen Art der Fall war, aus seinem Herumbummeln in alchimistischen Schmieren den Impuls bekam, alles Okkulte intensiv zu verfolgen. Ungeheuer intensiven okkulten Sinn bekam er, und dadurch kam er in die Lage, etwas in Tirol wiederzufinden, was eigentlich damals auch nur sagenhaft bekannt war, nämlich die Burg, die Bergburg, die Felsenburg, die von jemandem anderen gar nicht hätte erkannt werden können, weil sie eben nur noch in Felsen bestand — sie war aus Felsen gebildet, mit einer Höhlung hinein —, die Burg des Zwergkönigs Laurin. Und auf diese Persönlichkeit machte die Dämonennatur der Gegend der Burg des Zwergkönigs Laurin einen ungeheuer tiefen Eindruck. So daß in dieser Seele Merkwürdiges vereint ist: Initiation bis zur Frivolität getrieben, Groll darüber, Frau gewesen zu sein und dadurch in die römische Sittenlosigkeit und zugleich in die römische Heuchelei über Sitte hineingetrieben worden zu sein, und intime Kenntnis, aber äußere Kenntnis, von allerlei Alchimistischem; dabei aber wiederum diese erweitert zu einem freien Sinn über Naturdämonen und überhaupt über das Geistige in aller Natur. Und beide — wenn das auch nicht in der Biographie Walthers steht, so ist das doch der Fall — beide, Walther von der Vogelweide und dieser Mann, kamen damals recht oft zusammen. Walther von der Vogelweide hat manchen Impetus, manchen Einfluß von diesem Manne erfahren.

[ 24 ] Walther von der Vogelweide, who is staying in Tyrol and has many patrons, now has among them a certain patron who is a most remarkable man. A man who was on a first-name basis with all sorts of alchemists—of whom there were dozens upon dozens in Tyrol at the time—who was a lord of a castle, but who was always—as one might say, using modern theatrical terminology—dabbling in all manner of alchemical nonsense, yet in the process learned and discovered an immense amount; who, among other things, derived precisely from this—just as was later the case with Paracelsus in a similar manner—the impulse from his dabbling in alchemical nonsense to pursue all things occult with great intensity. He developed an immensely intense interest in the occult, and this enabled him to rediscover something in Tyrol that at the time was known only through legend: namely, the castle—the mountain castle, the rock castle—which no one else could have recognized because it consisted solely of rock—it was formed from rock, with a cavern inside— the castle of the Dwarf King Laurin. And the demonic nature of the area surrounding the castle of the Dwarf King Laurin made an immensely deep impression on this individual. So that something strange is united within this soul: initiation taken to the point of frivolity; resentment at having been a woman and thereby having been driven into Roman licentiousness and, at the same time, into Roman hypocrisy regarding morality; and intimate knowledge—though only superficial—of all manner of alchemical matters; yet, at the same time, this knowledge expanded into a free understanding of nature’s demons and, more generally, of the spiritual in all of nature. And both—even if this is not mentioned in Walther’s biography, it is nonetheless the case—both Walther von der Vogelweide and this man met quite often at that time. Walther von der Vogelweide experienced many an impulse and much influence from this man.

[ 25 ] Nun, sehen Sie, hier verfolgen wir zu gleicher Zeit — was ja sozusagen karmisches Gesetz ist —, wie die Persönlichkeiten immer wieder zueinander hingezogen werden, wie sie immer wieder und wiederum gleichzeitig, sich ergänzend, sich in Gegensätzen auslebend, auf die Erde hierher berufen werden. Und es ist ja wiederum interessant, eben zu sehen den eigentümlichen lyrischen Stil des Walther, der wirklich, ich möchte sagen, sich so ausnimmt, wie wenn ihm das Einbalsamieren nun gründlich verleidet wäre und er nach der ganz anderen Seite des Lebens, nach der Seite des Lebens, wo man es mit nichts Totem, sondern mit dem vollen fröhlichen Dasein zu tun hat — aber auch wiederum mit einem Stich sogar ins Pessimistische —, sich wendet. Fühlen Sie den Stil Walthers von der Vogelweide, und fühlen Sie die beiden vorhergehenden Erdenleben in diesem Stil drinnen. Fühlen Sie auch das unruhige Leben des Walther von der Vogelweide: Es erinnert ungeheuer an jenes Leben, das einem aufgeht, wenn man so lange mit den Toten zusammen ist und viele Schicksale sich in der Seele abladen, wie das bei einem Mumieneinbalsamierer der Fall war.

[ 25 ] Well, you see, here we observe at the same time—which is, so to speak, a karmic law—how these personalities are drawn to one another again and again, how they are called here to Earth time and again, simultaneously, complementing one another, and living out their opposites. And it is, in turn, interesting to observe Walther’s peculiar lyrical style, which really— I would say, seems as though he had thoroughly grown weary of embalming and has turned toward a completely different side of life—the side of life where one deals not with anything dead, but with full, joyful existence—though with a tinge of pessimism as well. Feel the style of Walther von der Vogelweide, and feel the two previous earthly lives within that style. Feel, too, the restless life of Walther von der Vogelweide: it is strikingly reminiscent of the kind of life that unfolds when one spends so long in the company of the dead and many destinies are unloaded into the soul, as was the case with a mummy embalmer.

[ 26 ] Und nun im weiteren. Sehen Sie, die weitere Verfolgung dieser karmischen Kette führte mich wiederum in dasselbe Zimmer — aber jetzt nur intuitiv, im Geist —, in dem ich in der Anwesenheit eines alten Bekannten von mir, den ich aber auch als Mumie wußte — und jetzt wußte ich: als Mumie einbalsamiert von dem andern —, gewesen war, führte mich also die ganze Linie wiederum in dieses Zimmer. Und ich fand die Seele, die durch den alten ägyptischen dienenden Einbalsamierer, durch Titus Livius, durch Walther von der Vogelweide gegangen war, in dem modernen Arzt Ludwig Schleich wieder.

[ 26 ] And now, moving on. You see, continuing to trace this karmic chain led me back to the same room—but now only intuitively, in my mind—where I had been in the presence of an old acquaintance of mine, whom I also knew to be a mummy—and now I knew: a mummy embalmed by the other—; so the entire line led me back to this room once more. And I found the soul that had passed through the ancient Egyptian embalmer, through Titus Livius, through Walther von der Vogelweide, once again in the modern physician Ludwig Schleich.

[ 27 ] So ergeben sich in überraschender Weise die Zusammenhänge im Leben. Wer begreift denn überhaupt mit dem gewöhnlichen Bewußtsein ein Erdenleben! Es ist ja nur zu begreifen, wenn man weiß, was auf dem Grunde einer Seele ist. Theoretisch wird es von vielen gewußt, daß da aufeinanderfolgende Erdenleben abgelagert sind auf dem Grunde der Seele. Aber real, konkret wird das ja erst, wenn man es eben auch wirklich im konkreten Fall beschaut.

[ 27 ] This is how the connections in life emerge in surprising ways. Who, after all, can truly comprehend an earthly life with ordinary consciousness? It can only be understood if one knows what lies at the very core of a soul. Theoretically, many people know that successive earthly lives are stored at the core of the soul. But this only becomes real and concrete when one actually observes it in a specific case.

[ 28 ] Der Blick wurde wieder herausgeführt aus diesem Zimmer, denn die andere Persönlichkeit, die da als eine von dem anderen Mumifizierte vorhanden war, ergab zunächst keine weiteren, wenigstens nicht sehr erheblich weiteren Spuren. Dagegen ergab sich jetzt auch der Seelenweg des alten Häuptlings, der Julia, des Entdeckers von Laurins Zauberschloß: das ist August Strindberg.

[ 28 ] The gaze was once again drawn away from this room, for the other figure—who was present there as another mummified being—initially revealed no further clues, or at least none of any great significance. In contrast, the spiritual journey of the old chieftain—who was Julia, the discoverer of Laurin’s enchanted castle—now became clear: that is August Strindberg.

[ 29 ] Nun bitte ich Sie, das ganze Leben und die Dichtung August Strindbergs zu nehmen und sie auf dem Hintergrunde zu sehen, den ich eben geschildert habe. Schauen Sie sich den eigentümlichen Frauenhaß von Strindberg an, der eigentlich keiner ist, weil er aus allerlei anderen Untergründen hervorgeht. Schauen Sie sich alles das an, was dämonisch durch die Dichtungen Strindbergs geht. Schauen Sie sich die Vorliebe für alle möglichen alchimistischen und okkulten Künste und Künsteleien bei August Strindberg an — und schauen Sie sich schließlich das abenteuerliche Leben August Strindbergs an! Dann werden Sie schon finden, wie gut sich dieses Leben von dem geschilderten Hintergrunde abhebt.

[ 29 ] Now I ask you to take August Strindberg’s entire life and poetry and view them against the backdrop I have just described. Take a look at Strindberg’s peculiar misogyny, which isn’t really misogyny at all, because it stems from all sorts of other underlying factors. Take a look at everything that runs demonically through Strindberg’s writings. Take a look at August Strindberg’s fondness for all manner of alchemical and occult arts and practices—and finally, take a look at August Strindberg’s adventurous life! Then you will see just how sharply this life stands out against the background I have described.

[ 30 ] Und lesen Sie dann die Memoiren von Ludwig Schleich, seine Beziehungen zu August Strindberg, so werden Sie sehen, wie das wiederum sich auslebt auf dem Hintergrunde von den früheren Erdenleben! Aber es kann da aus den Memoiren von Ludwig Schleich ein Licht aufflackern, ein ganz merkwürdiges Licht, ich möchte sagen, ein bestürzendes Licht. Die Persönlichkeit, bei der ich Schleich getroffen habe, von der ich so gesprochen habe, daß sie ja von Schleich selber im alten Ägypterleben mumifiziert worden ist, diese Persönlichkeit ist ja dieselbe, von der Schleich in seinen Memoiren erzählt, daß sie ihm Strindberg gebracht hat, wiedergebracht hat. An der Leiche haben sie zusammen gearbeitet: diese Seele, die in diesem Körper war, die hat sie wieder zusammengebracht.

[ 30 ] And if you then read Ludwig Schleich’s memoirs—his relationship with August Strindberg—you will see how this, in turn, plays out against the backdrop of his earlier earthly lives! But a light can flicker up from Ludwig Schleich’s memoirs—a very strange light, I would say, a disconcerting light. The personality I encountered in Schleich—the one I spoke of as having been mummified by Schleich himself in an ancient Egyptian life—is, in fact, the very same one Schleich describes in his memoirs as having brought Strindberg to him, having brought him back. They worked together on the corpse: this soul, which was in that body, is what brought them back together.

[ 31 ] Sehen Sie, so werden die Dinge, die zunächst theoretisch erörtert werden können über wiederholte Erdenleben und das Karma, konkret. Dann aber wird wirklich dasjenige, was im Erdenleben sich darstellt, erst durchsichtig. Was ist so ein einzelnes menschliches Erdenleben in seiner vollen Unbegreiflichkeit, wenn es nicht auf seinem Hintergrunde der früheren Erdenleben geschaut werden kann!

[ 31 ] You see, this is how the concepts—which can initially be discussed only in theoretical terms—regarding repeated earthly lives and karma become concrete. But only then does what unfolds in earthly life truly become clear. What is a single human life on Earth, in all its incomprehensibility, if it cannot be viewed against the backdrop of previous earthly lives!

[ 32 ] Meine lieben Freunde, wenn ich solche Dinge erörtere, habe ich außer der Erörterung noch eine Empfindung. Diese Dinge, die seit der Weihnachtstagung zu erörtern möglich geworden sind, diese Dinge erfordern, wenn sie im richtigen Sinne angesehen werden wollen, bei den Zuhörern wahrhaftigen Ernst, ernste Gesinnung und ein seriöses Drinnenstehen in der anthroposophischen Bewegung, denn sie können sehr leicht zu allen möglichen Frivolitäten führen. Aber die Dinge werden vorgebracht, weil es heute notwendig ist, daß die Anthroposophische Gesellschaft auf die Basis des Ernstes gestellt werde und sich ihrer eigenen Aufgabe innerhalb der modernen Zivilisation bewußt werde.

[ 32 ] My dear friends, when I discuss such matters, I have a feeling in addition to the discussion itself. These matters, which have become possible to discuss since the Christmas Conference, require—if they are to be viewed in the proper sense—genuine seriousness, a serious attitude, and a sincere commitment to the anthroposophical movement on the part of the listeners, for they can very easily lead to all sorts of frivolities. But these matters are being raised because it is necessary today for the Anthroposophical Society to be founded on a basis of seriousness and to become aware of its own task within modern civilization.

[ 33 ] Daher möchte ich, nachdem ich in dieser Weise den Grund gelegt habe, in der nächsten Stunde, die am nächsten Mittwoch um halb neun Uhr stattfinden soll, über das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft sprechen, um dann in der weiternächsten Stunde, die ich noch ankündigen werde, überzugehen zu demjenigen, was solche Karmabetrachtungen für den Menschen werden können, der sein eigenes Leben seinem tieferen Sinne nach betrachten will.

[ 33 ] Therefore, having laid the groundwork in this way, I would like to speak about the karma of the Anthroposophical Society in the next lecture, which is to take place next Wednesday at 8:30 a.m., and then, in the lecture after that—the date of which I will announce later—to move on to what such reflections on karma can mean for a person who wishes to contemplate the deeper meaning of their own life.