Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band IV
GA 238
7 September 1924, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Vorgestern sprach ich davon, daß ja das theoretische Auseinandersetzen über Karma und wiederholte Erdenleben nur etwas Unlebendiges bleiben müsse, wenn man nicht die Betrachtung, die in dieser Richtung orientiert ist, auch wirklich in die praktische Lebensauffassung einführt, das heißt das Leben betrachtet in dem Sinne von Karma und wiederholten Erdenleben. Die Betrachtung, die hier gemeint ist, ist aber eine solche, die mit dem allergrößten Ernst angestellt werden muß. Denn man kann schon sagen: Die Versuchung der Menschen, über allerlei karmische Zusammenhänge, über allerlei Dinge, die mit den wiederholten Erdenleben zusammenhängen, sich Ideen zu bilden, diese Versuchung ist sehr groß, und die Quelle der Illusionen auf diesem Gebiete ist eine außerordentlich große. Und es kann ja auch eine Untersuchung nach diesen Richtungen erst wirklich angestellt werden, wenn die geistige Welt durch Seelenentwickelung in einem gewissen Sinne für den Untersuchenden aufgeschlossen ist.
[ 2 ] Dann allerdings werden aber auch von den Zuhörern gerade für solche Untersuchungen diejenigen Gründe der Überzeugung beansprucht, welche folgen können aus alledem, was sonst im Lauf der Betrachtungen eines solchen Untersuchens zutage tritt. Man sollte eigentlich nicht irgendwelches Vertrauen haben zu demjenigen, der ohne weiteres beginnt, über wiederholte Erdenleben zu sprechen, sondern es muß schon das, was aus solchen okkulten Tiefen herausgeholt wird, dadurch bekräftigt werden, daß manches andere zunächst vorliegt, was das Vertrauen begründet.
[ 3 ] Nun denke ich, daß im Laufe der dreiundzwanzig, vierundzwanzig Jahre, in denen Anthroposophie gepflegt worden ist, genügend okkultes Material zusammengetragen worden ist, so daß heute Ergebnisse auch dieser gewagten Forschung über Karma und wiederholte Erdenleben vor denjenigen Zuhörern entfaltet werden dürfen, die das Vertrauen durch die anderen Gebiete des Geisteslebens, die im Laufe der Zeit entrollt worden sind, gewonnen haben können. Allerdings sitzen hier gerade in dieser Zeit viele, welche verhältnismäßig kurze Zeit erst in der Gesellschaft sind. Allein es würde ja eine Unmöglichkeit für die Entwickelung der Gesellschaft bedeuten, wenn man sozusagen für die Neueintretenden beim Anfang beginnen würde; denn auf der anderen Seite haben wir ja die große Freude und Befriedigung, daß gerade während dieser vollbesetzten Kursuszeit auch eine große Anzahl der ältesten anthroposophischen Freunde hier erschienen sind, Anthroposophen, die fast die ganze anthroposophische Entwickelung miterlebt haben. Und es müssen ja im Laufe der Zeit die Gelegenheiten geschaffen werden, daß in der Anthroposophischen Gesellschaft diejenigen, die mehr im Anfänglichen ihrer Mitgliedschaft stehen, herangeführt werden können an das, was im Verlaufe der Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft eben gepflegt werden muß.
[ 4 ] Ich muß das aus dem Grunde voranschicken, weil ich gerade die Betrachtungen, die ich heute als Ausgangspunkt für manches, was in den nächsten Vorträgen folgen wird, mehr als Mitteilung hinstellen werde, weil manches darinnen ist, das wirklich recht gewagt erscheinen wird. Aber, meine lieben Freunde, es erscheint eben das menschliche Leben doch erst in seinem rechten Lichte, wenn man es seiner Wahrheit nach als durchgehend durch wiederholte Erdendaseine ins Auge faßt. Nur, das Forschen, das ernste, seiner Verantwortung sich bewußte Forschen auf diesem Gebiete ist durchaus nicht leicht. Denn Ergebnisse, die auf diesem Gebiete gewonnen werden, widersprechen eigentlich in einer gewissen Art den Vorstellungen, die man sich gewöhnlich macht.
[ 5 ] Es ist ja so, daß, wenn jemand ein menschliches Erdenleben mit seinen Schicksalsinhalten betrachtet, ihm diejenigen Schicksalsschläge auffallen, die er zunächst aufzufassen vermag, die zusammenhängen mit dem, was Beruf, äußerer oder innerer Beruf ist, die mit der sozialen Stellung zusammenhängen und dergleichen. Es erscheint leicht ein Mensch in bezug auf den Inhalt seines Erdenlebens mit Eigenschaften, die durchaus nicht äußerlich zu sein brauchen, die schon etwas für das Innerste seines Seelenwesens bedeuten können; aber in jenen Tiefen geschaut, in denen die wiederholten Erdenleben geschaut werden müssen, ist es doch notwendig, von vielem abzusehen, was äußerlich dem Schicksal eines Menschen in einem Erdenleben den Stempel aufdrückt.
[ 6 ] So darf man sich namentlich nicht vorstellen, daß für das durch die verschiedenen Erdenleben durchgehende Karma der äußere oder innere Beruf eine große Bedeutung habe. Man stelle sich nur vor, wie schon ein verhältnismäßig äußerlich charakterisierter Beruf — sagen wir der Beruf eines Beamten oder dergleichen — mit dem Schicksalsmäßigen des Menschen auch äußerlich zusammenhängt. Aber für die eigentlichen karmischen, für die eigentlichen Schicksalszusammenhänge braucht das, was man von diesem äußeren Beruf aus charakterisiert, gar keine Bedeutung zu haben. Ebenso ist es mit dem inneren Beruf. Wie leicht ist man versucht, bei einem Musiker daran zu denken, daß er wenigstens in einem früheren Erdenleben, wenn nicht wieder ein Musiker, so ein Künstler war. Es ist durchaus nicht immer, es ist sogar in den seltensten Fällen so, wenn man die Dinge wirklich erforscht. Denn das fortlaufende Karma, der fortlaufende Schicksalsfaden, der geht viel mehr in das menschliche Innere und kümmert sich wenig um äußere und innere Berufe, sondern viel mehr um die inneren Seelenkräfte und Seelenwiderstände, um die moralischen Zusammenhänge, die sich schließlich in jedem äußeren und inneren Berufe kundgeben können.
[ 7 ] Das aber macht es auch, daß die Erforschung des Karma, die Erforschung des Schicksalsfadens notwendig erscheinen läßt, auf Umstände im Leben eines Menschen hinzusehen, die zuweilen sogar nebensächlich erscheinen. Ich muß da immer wieder und wieder eine Tatsache erwähnen, die mir im Leben entgegengetreten ist.
[ 8 ] Ich sollte nachforschen über die karmischen Zusammenhänge eines Menschen, der mancherlei Eigentümlichkeiten im Leben gehabt hat, der seine Aufgabe im Leben, seinen Beruf eben gehabt hat. Aber es ergab sich dem intuitiven Blick aus all dem, was er aus seinem Beruf heraus ausführte, was er zum Beispiel als Menschenfreund und dergleichen ausführte, nicht ein Hinweis auf seine früheren Erdenleben. Nicht als ob das alles nicht zusammenhinge mit den früheren Erdenleben; aber für das Anschauen ergab sich eben nicht ein Hinweis. Man konnte nicht durchkommen aus dem Anschauen dieser aus dem Beruf oder aus der Menschenfreundlichkeit folgenden Tatsachen. Dagegen ergab sich kurioserweise bei dieser Persönlichkeit gerade aus einer nebensächlichen Eigentümlichkeit des Lebens etwas. Er hatte vorzutragen, und immer, bevor er anfing vorzutragen, mußte er ganz gewohnheitsmäßig das Taschentuch herausnehmen und sich die Nase putzen. Ich habe ihn oft vortragen gehört und nie etwas anderes erlebt, als daß, bevor er zu sprechen, zusammenhängend zu sprechen begann, er das Taschentuch herausnahm und sich die Nase putzte. Er tat es nicht in der Konversation, aber er tat es immer, wenn er genötigt war, in Zusammenhängen zu sprechen. Das ergab ein Bild, von dem aus nun ausstrahlte die Fähigkeit, in frühere Erdenleben zurückzuschauen.
[ 9 ] Ich führe das als ein besonders groteskes Beispiel an. Die Beispiele sind nicht immer so grotesk; aber man muß eben die Fähigkeit haben, auf das Ganze eines Menschen einzugehen, wenn man überhaupt in einer gültigen und geltenden Weise auf das Karma hinschauen will. Sehen Sie, zum Beispiel einen gewissen Beruf zu haben ist für einen tieferen Blick doch mehr oder weniger etwas, was aus der Erziehung und so weiter kommt. Dagegen hängt es schon mit der inneren geistigen Konfiguration des Menschen zusammen, wenn er gar nicht anders kann, als bevor er eine Rede beginnt, das Taschentuch herauszunehmen und sich die Nase zu putzen. Es ist das viel intimer an das Wesen des Menschen gebunden. Aber es ist das eben ein radikales, ein extremes Beispiel. Die Dinge sind nicht immer so. Aber ich möchte dadurch eben eine Vorstellung hervorrufen davon, daß einem in der Regel für die Karma-Untersuchung das, was an der Oberfläche des Lebens eines Menschen liegt, gar nichts nutzt, daß man auf gewisse Intimitäten sich einlassen muß, aber auf solche, in die man sich nicht erst hineindichtet auf unrechtmäßige Weise, sondern die offen im Leben daliegen.
[ 10 ] Nachdem ich diese Einleitung vorausgeschickt habe, möchte ich nun unverhohlen mit dem beginnen, was ich zu sagen habe, natürlich mit all den Reserven, die in einem solchen Falle immer da sein müssen, mit den Reserven nämlich, daß jeder das, was ich zu sagen habe, glaube oder auch nicht glaube, aber auch mit der Versicherung, daß der Sache, die ich auseinandersetzen werde, der allertiefste Ernst des geisteswissenschaftlichen Forschens zugrunde liegt.
[ 11 ] Solche Dinge treten auch nicht auf, wenn man mit der Absicht, so zu forschen, wie es ein heutiger Laboratoriumforscher tut, an die Forschung herantritt; sondern Forschungen über Karma müssen sich selber in einer gewissen Weise aus dem Karma ergeben. Ich habe das ja am Schlusse der Neuauflage meiner «Theosophie» erwähnen müssen, aus dem Grunde, weil ja unter den mancherlei merkwürdigen Zumutungen, die im Laufe des Lebens an mich gestellt worden sind, auch die ist, daß ich mich irgendwelchen psychologischen Laboratorien stellen soll, damit die Leute da erforschen können, ob die Dinge begründet sind, die ich über Geisteswissenschaft sage. Das ist natürlich ebenso lächerlich, als wenn irgend jemand mathematische Ergebnisse lieferte und man nicht diese mathematischen Ergebnisse nachprüfte, sondern ihn aufforderte, sich in einem Laboratorium untersuchen zu lassen, um dadurch darauf zu kommen, ob einer ein richtiger Mathematiker ist oder nicht. Aber dergleichen Lächerlichkeiten sind ja heute Gelehrsamkeit, werden ernsthaftig gefordert. Daß bei solchen Versuchen selbstverständlich nichts herauskommen kann, ich habe es ausdrücklich am Schlusse der Neuauflage meiner «Theosophie» erwähnt und habe auch erwähnt, daß alle Wege, die zu einer solchen Sache führen müssen — zu einer Erforschung eines konkreten okkulten Resultates —, selber auf geistig-übersinnliche Weise vorbereitet sein müssen.
[ 12 ] Es bot sich mir einmal Gelegenheit, einen modernen Arzt zu treffen, der mir seinem Renommee, seiner schriftstellerischen Laufbahn nach sehr gut bekannt war und der von mir sehr geschätzt wurde. Ich erwähne also hier in diesem Falle die karmischen Details, die zu der entsprechenden Forschung führten. Sie hat lange Zeit in Anspruch genommen und wurde erst in den letzten Wochen abgeschlossen, ist erst jetzt so, daß — wenn man ein gewissenhafter Mensch ist — man davon redet. Ich erwähne also alle Details, damit Sie eben mancherlei — natürlich nicht alles — von dem sehen, wie die Dinge zusammenhängen.
[ 13 ] Also einen solchen modernen Arzt lernte ich kennen, und zwar so, daß er, als ich ihn kennenlernte, zusammen war mit einer anderen Persönlichkeit. Diese andere Persönlichkeit kannte ich schon längere Zeit sehr genau; sie machte auf mich stets einen, ich möchte nicht sagen tiefen, aber gründlichen Eindruck. Einen gründlichen Eindruck aus dem Grunde, weil diese Persönlichkeit außerordentlich gern zusammen war mit Menschen, die sich im weitesten Umfange gerade mit einem etwas äußerlich aufgefaßten Okkultismus befaßten. Diese Persönlichkeit erzählte aber auch außerordentlich gern von dem, wie sich viele ihrer Bekannten eben äußern über allerlei Okkultes, namentlich auch über allerlei, was aus dem Okkulten heraus zusammenhängt mit dem, was etwa der heutige Künstler als Lyriker, als Epiker, Dramatiker anstreben soll. Und es umschwebte diese Persönlichkeit eine Art, ich möchte sagen, von moralischer Aura. Ich gebrauche das Wort «moralisch» für alles das, was mit den vom Willen beherrschten seelischen Eigenschaften zusammenhängt. In der Gegenwart dieser Persönlichkeit, welche ich eigentlich besuchte, fand ich nun den andern, den ich seiner Schriftstellerlaufbahn nach, seiner ärztlichen Tätigkeit nach kannte und sehr schätzte. Und was sich da abspielte während dieses Besuches, das hinterließ wirklich einen tiefen Eindruck, der dazu anregte, das Ganze in das Gebiet der geistigen Forschung aufzunehmen.
[ 14 ] Da ergab sich denn etwas sehr Merkwürdiges. Durch diejenige Anschauung, die ich durch das Zusammensein der zwei Persönlichkeiten gewinnen konnte, und auch durch den Eindruck, den diese andere Persönlichkeit auf mich machte, die ich lange aus ihrer Schriftstellerlaufbahn, aus ihrer ärztlichen Tätigkeit kannte, die ich schätzte und die ich hier zum erstenmal äußerlich sah, durch alles das erhielt ich die Kraft, zunächst zwar nicht diese Persönlichkeit, die ich neu kennenlernte, irgendwie ihren Lebens- und Schicksalszusammenhängen nach zu prüfen, aber sie strahlte gewissermaßen auf den andern, den ich schon lange kannte, Licht hinüber, und es ergab sich, daß der andere — nicht in seinem letzten, aber in einem früheren Erdenleben — im alten Ägypten gelebt hat und, was das Eigentümliche ist, im alten Ägypten mumifiziert worden ist, einbalsamiert worden ist als Mumie.
[ 15 ] Nun ergab sich sehr bald auch, daß diese Mumie noch existierte. Ich habe sie auch später irgendwo gesehen, aber viel später. Das war zunächst der Ausgangspunkt. Aber indem die Forschung entzündet war an dieser Persönlichkeit, die ich lange kannte, strahlte sie gewissermaßen weiter aus, diese Forschung, und es ergab sich die Möglichkeit, im Schicksalszusammenhange des Mannes der neuen Bekanntschaft nun zu forschen. Und da ergab sich dann das Folgende.
[ 16 ] Während man nun sonst sehr leicht von einem Erdenleben eines Menschen auf das letzte zurückgeführt wird, führte hier die Intuition zurück weit ins alte Ägypten und stellte klar vor das Seelenauge zwei Persönlichkeiten: eine Art Häuptling im alten Ägypten, welcher in einem gewissen sehr starken Sinne die alte ägyptische Initiation innehatte, aber etwas dekadent geworden war als Initiierter, der anfing, die Initiation im Laufe seines Lebens nicht mehr sehr ernst zu nehmen, sogar mit einem gewissen spottenden Benehmen diese Initiation zu behandeln. Der Häuptling hatte aber einen Diener, der außerordentlich seriös war. Der Diener war natürlich nicht initiiert; aber beiden wurde die Obliegenheit, Mumien zu balsamieren und dazu die Stoffe von ziemlich weit her zu besorgen.
[ 17 ] Nun war ja das Geschäft der Mumien-Einbalsamierung namentlich im älteren Ägypten ein außerordentlich kompliziertes und erforderte intime Kenntnisse der menschlichen Wesenheit, des menschlichen Leibes. Aber es wurden auch von denen, die rechtmäßig Mumien einbalsamieren sollten, tiefe Kenntnisse über die menschliche Seele gefordert. Der Häuptling, der zu diesem Geschäfte eigentlich initiiert worden war, lief nach und nach in eine Art Frivolität ein gegenüber seinem eigentlichen Berufe. So kam es, daß er diejenigen Dinge, die er durch eine Art Initiation empfangen hatte, nach und nach, man würde in der Mysteriensprache sagen: verriet an seinen Diener, der sich als ein Mensch entpuppte, der den Inhalt der Initiation allmählich besser verstand als der Initiierte. Und so wurde der betreffende Diener Mumien-Einbalsamierer, während der andere zuletzt nicht einmal mehr zuschaute, aber selbstverständlich alles, was damit zusammenhing in bezug auf Stellung und soziale Haltung, für sich in Anspruch nahm. Dieser andere wurde nach und nach auch so, daß er kein sehr großes Ansehen mehr genoß und dadurch in mancherlei Lebenskonflikte hineinkam. Der Diener aber, der sich eigentlich nach und nach zu einer sehr, sehr ernsten Lebensauffassung heraufarbeitete, wurde geradezu ergriffen, merkwürdig kongenial ergriffen von einer Art Initiation, die keine wirkliche war, die aber so instinktiv in ihm lebte. Und so wurde denn eine ganze Reihe von Mumien unter der Aufsicht und Mittat dieser beiden Leute eben einbalsamiert.
[ 18 ] Die Zeit verging. Die beiden Menschen gingen durch die Pforte des Todes, machten diejenigen Erlebnisse durch, von denen ich dann das nächste Mal sprechen möchte, die im Übersinnlichen mit der Entwickelung des Karma, des Schicksals zusammenhängen, und wurden dann beide wiederum ins Erdenleben versetzt in der Römerzeit, und zwar gerade um die Zeit, als die römische Kaiserherrschaft begründet worden ist: in der Zeit des Augustus; nicht genau, aber etwa im Zeitalter des Augustus.
[ 19 ] Wie gesagt, es ist gewissenhafte Forschung, die so exakt ist, wie nur irgendeine physikalische oder chemische Forschung sein kann. Ich würde von diesen Dingen nicht sprechen, wenn nicht eben seit Wochen die Möglichkeit gegeben wäre, über diese Dinge in so bestimmter Weise zu sprechen. Nun findet man den einen, den Häuptling — der nach und nach eigentlich ein frivoler Initiierter geworden ist, das aber, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen war, empfand als eine außerordentlich bittere Erdenprüfung mit allen Nachwirkungen einer solchen Empfindung einer bitteren Erdenprüfung —, man findet ihn wieder als Augustus’ Tochter Julia, die des Augustus Stiefsohn Tiberius heiratet und die ein Leben führt, das vor ihr selber natürlich gerechtfertigt erschien, das aber innerhalb der römischen Gesellschaft dazumal als ein so unmoralisches angesehen worden ist, daß sie verbannt worden ist. Der andere, der Diener, der sich hinaufgearbeitet hatte fast zum Initiierten, aber von unten auf, wird wiedergeboren in dieser Zeit als der römische Geschichtsschreiber Titus Livius.
[ 20 ] Nun ist aber das Interessante, wie Titus Livius zur Geschichtsschreibung kommt. Er hat eine ganze Anzahl Mumien einbalsamiert in alter ägyptischer Zeit. Die Seelen, die in den Körpern dieser Mumien waren, gerade diese Seelen waren vielfach als Römer, namentlich als die sieben römischen Könige inkarniert — denn die sieben römischen Könige hat es gegeben. Wir kommen, wenn wir in die Zeit gehen, wo die beiden, der Häuptling und sein Diener, inkarniert waren, in sehr alte ägyptische Zeit zurück. Und durch ein gewisses Gesetz, das gerade für die Wiederverkörperung von Seelen, deren Leiber mumifiziert sind, gilt, wurden verhältnismäßig bald diese Seelen wiederum zur Erde gerufen. Aber die karmische Verbindung des Dieners des Häuptlings, von dem ich gesprochen habe, mit diesen Seelen, deren Körper er einbalsamiert hat, ist eine so intime, daß er gerade von ihnen die Geschichte schreiben muß — natürlich muß er auch das andere dazunehmen, was er nicht einbalsamiert hat —, aber gerade die Geschichte derjenigen Menschen muß er schreiben, die er einbalsamiert hat. So wird Titus Livius zum Geschichtsschreiber.
[ 21 ] Nun möchte ich nur, daß möglichst viele von Ihnen die römische Geschichte des Titus Livius nehmen und den Stil des Titus Livius mit dem Wissen, das sich hier aus dem karmischen Zusammenhange heraus ergibt, auf sich wirken lassen. Sie werden sehen, daß das merkwürdig menschlich Eindringliche und zu gleicher Zeit nach dem Mythus Hinneigende im Stil des Titus Livius hindrängt nach jener Menschenkenntnis, die sich ein Einbalsamierer erwerben kann. Auf solchen Zusammenhang kommt man erst, wenn man solche Forschungen anstellt. Aber dann ergibt sich eben das, was plötzlich Licht über irgend etwas verbreitet. Man kann sich schwer den Ursprung des Stils des Titus Livius, diesen merkwürdigen Stil, mit dem Livius als Historiker die Menschen, die er beschreibt, einbalsamiert — denn so ist er zuletzt, dieser Stil —, man kann sich schwer den Ursprung dieses Stils denken. Es wird ein Licht geworfen auf diesen Stil, wenn man auf solche Zusammenhänge hinweist.
[ 22 ] Nun, sehen Sie, haben wir die beiden Persönlichkeiten wieder als Julia und Titus Livius. Als Julia und Titus Livius gehen sie nun wiederum durch die Pforte des Todes. Alles das, was die eine Seele erlebt hat: eigentlich ziemlich stark eine Art Initiierter zu sein, es aber in die Frivolität verzerrt zu haben, die Bitterkeit der Nachwirkung in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt erfahren zu haben, dann als Julia das eigentümliche Schicksal — lesen Sie es nach — erfahren zu haben, alles das ergab für das nächste Leben, das auf das Julia-Leben folgte zwischen Tod und neuer Geburt, eine starke Antipathie gegen die Julia-Inkarnation, die sich in einer merkwürdigen Weise universalisierte. Man kann in der Intuition diese Individualität in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt finden, wie wenn sie fortwährend schrie: Ach, wäre ich niemals ein Weib geworden, denn zu diesem Weibsein hat mich geführt dasjenige, was ich dazumal im alten Ägypten vollbracht habe!
[ 23 ] Man kann nun diese Individualitäten verfolgen. Man kommt ins Mittelalter herein: Man findet Titus Livius wieder als sangesfrohen Dichter in der Mitte des Mittelalters. Man ist erstaunt, ihn so zu finden, denn die äußeren Berufe hängen gar nicht zusammen. Aber die größten Überraschungen, die einem Menschen werden können, sind eben diejenigen, die sich aus der Betrachtung aus einander hervorgehender Erdenleben ergeben. Man findet den römischen Geschichtsschreiber — mit dem aus der Kenntnis des menschlichen Wesens durch das Mumifizieren hervorgegangenen Stil — in der weiteren Ausbildung dieses Stiles, der eine große Leichtigkeit hatte und der jetzt wie hinaufgetragen wird in lyrischer Leichtigkeit, man findet den Titus Livius wieder als Walther von der Vogelweide.
[ 24 ] Walther von der Vogelweide, der sich aufhält in Tirol, manchen Gönner hat, hat nun auch unter diesen einen bestimmten Gönner, der ein ganz merkwürdiger Mensch ist. Ein Mensch, der mit allen möglichen Alchimisten, die es dazumal zu Dutzenden und aber Dutzenden in Tirol gab, auf du und du stand, der Schloßherr war, der sich aber überall — man würde sagen, wenn man in der modernen Schauspielkunstsprache sprechen würde, in allerhand alchimistischen Schmieren herumtrieb, dabei aber ungeheuer vieles erfuhr und lernte; der unter anderem gerade aus diesem heraus, wie es ja später bei Paracelsus auch in einer ähnlichen Art der Fall war, aus seinem Herumbummeln in alchimistischen Schmieren den Impuls bekam, alles Okkulte intensiv zu verfolgen. Ungeheuer intensiven okkulten Sinn bekam er, und dadurch kam er in die Lage, etwas in Tirol wiederzufinden, was eigentlich damals auch nur sagenhaft bekannt war, nämlich die Burg, die Bergburg, die Felsenburg, die von jemandem anderen gar nicht hätte erkannt werden können, weil sie eben nur noch in Felsen bestand — sie war aus Felsen gebildet, mit einer Höhlung hinein —, die Burg des Zwergkönigs Laurin. Und auf diese Persönlichkeit machte die Dämonennatur der Gegend der Burg des Zwergkönigs Laurin einen ungeheuer tiefen Eindruck. So daß in dieser Seele Merkwürdiges vereint ist: Initiation bis zur Frivolität getrieben, Groll darüber, Frau gewesen zu sein und dadurch in die römische Sittenlosigkeit und zugleich in die römische Heuchelei über Sitte hineingetrieben worden zu sein, und intime Kenntnis, aber äußere Kenntnis, von allerlei Alchimistischem; dabei aber wiederum diese erweitert zu einem freien Sinn über Naturdämonen und überhaupt über das Geistige in aller Natur. Und beide — wenn das auch nicht in der Biographie Walthers steht, so ist das doch der Fall — beide, Walther von der Vogelweide und dieser Mann, kamen damals recht oft zusammen. Walther von der Vogelweide hat manchen Impetus, manchen Einfluß von diesem Manne erfahren.
[ 25 ] Nun, sehen Sie, hier verfolgen wir zu gleicher Zeit — was ja sozusagen karmisches Gesetz ist —, wie die Persönlichkeiten immer wieder zueinander hingezogen werden, wie sie immer wieder und wiederum gleichzeitig, sich ergänzend, sich in Gegensätzen auslebend, auf die Erde hierher berufen werden. Und es ist ja wiederum interessant, eben zu sehen den eigentümlichen lyrischen Stil des Walther, der wirklich, ich möchte sagen, sich so ausnimmt, wie wenn ihm das Einbalsamieren nun gründlich verleidet wäre und er nach der ganz anderen Seite des Lebens, nach der Seite des Lebens, wo man es mit nichts Totem, sondern mit dem vollen fröhlichen Dasein zu tun hat — aber auch wiederum mit einem Stich sogar ins Pessimistische —, sich wendet. Fühlen Sie den Stil Walthers von der Vogelweide, und fühlen Sie die beiden vorhergehenden Erdenleben in diesem Stil drinnen. Fühlen Sie auch das unruhige Leben des Walther von der Vogelweide: Es erinnert ungeheuer an jenes Leben, das einem aufgeht, wenn man so lange mit den Toten zusammen ist und viele Schicksale sich in der Seele abladen, wie das bei einem Mumieneinbalsamierer der Fall war.
[ 26 ] Und nun im weiteren. Sehen Sie, die weitere Verfolgung dieser karmischen Kette führte mich wiederum in dasselbe Zimmer — aber jetzt nur intuitiv, im Geist —, in dem ich in der Anwesenheit eines alten Bekannten von mir, den ich aber auch als Mumie wußte — und jetzt wußte ich: als Mumie einbalsamiert von dem andern —, gewesen war, führte mich also die ganze Linie wiederum in dieses Zimmer. Und ich fand die Seele, die durch den alten ägyptischen dienenden Einbalsamierer, durch Titus Livius, durch Walther von der Vogelweide gegangen war, in dem modernen Arzt Ludwig Schleich wieder.
[ 27 ] So ergeben sich in überraschender Weise die Zusammenhänge im Leben. Wer begreift denn überhaupt mit dem gewöhnlichen Bewußtsein ein Erdenleben! Es ist ja nur zu begreifen, wenn man weiß, was auf dem Grunde einer Seele ist. Theoretisch wird es von vielen gewußt, daß da aufeinanderfolgende Erdenleben abgelagert sind auf dem Grunde der Seele. Aber real, konkret wird das ja erst, wenn man es eben auch wirklich im konkreten Fall beschaut.
[ 28 ] Der Blick wurde wieder herausgeführt aus diesem Zimmer, denn die andere Persönlichkeit, die da als eine von dem anderen Mumifizierte vorhanden war, ergab zunächst keine weiteren, wenigstens nicht sehr erheblich weiteren Spuren. Dagegen ergab sich jetzt auch der Seelenweg des alten Häuptlings, der Julia, des Entdeckers von Laurins Zauberschloß: das ist August Strindberg.
[ 29 ] Nun bitte ich Sie, das ganze Leben und die Dichtung August Strindbergs zu nehmen und sie auf dem Hintergrunde zu sehen, den ich eben geschildert habe. Schauen Sie sich den eigentümlichen Frauenhaß von Strindberg an, der eigentlich keiner ist, weil er aus allerlei anderen Untergründen hervorgeht. Schauen Sie sich alles das an, was dämonisch durch die Dichtungen Strindbergs geht. Schauen Sie sich die Vorliebe für alle möglichen alchimistischen und okkulten Künste und Künsteleien bei August Strindberg an — und schauen Sie sich schließlich das abenteuerliche Leben August Strindbergs an! Dann werden Sie schon finden, wie gut sich dieses Leben von dem geschilderten Hintergrunde abhebt.
[ 30 ] Und lesen Sie dann die Memoiren von Ludwig Schleich, seine Beziehungen zu August Strindberg, so werden Sie sehen, wie das wiederum sich auslebt auf dem Hintergrunde von den früheren Erdenleben! Aber es kann da aus den Memoiren von Ludwig Schleich ein Licht aufflackern, ein ganz merkwürdiges Licht, ich möchte sagen, ein bestürzendes Licht. Die Persönlichkeit, bei der ich Schleich getroffen habe, von der ich so gesprochen habe, daß sie ja von Schleich selber im alten Ägypterleben mumifiziert worden ist, diese Persönlichkeit ist ja dieselbe, von der Schleich in seinen Memoiren erzählt, daß sie ihm Strindberg gebracht hat, wiedergebracht hat. An der Leiche haben sie zusammen gearbeitet: diese Seele, die in diesem Körper war, die hat sie wieder zusammengebracht.
[ 31 ] Sehen Sie, so werden die Dinge, die zunächst theoretisch erörtert werden können über wiederholte Erdenleben und das Karma, konkret. Dann aber wird wirklich dasjenige, was im Erdenleben sich darstellt, erst durchsichtig. Was ist so ein einzelnes menschliches Erdenleben in seiner vollen Unbegreiflichkeit, wenn es nicht auf seinem Hintergrunde der früheren Erdenleben geschaut werden kann!
[ 32 ] Meine lieben Freunde, wenn ich solche Dinge erörtere, habe ich außer der Erörterung noch eine Empfindung. Diese Dinge, die seit der Weihnachtstagung zu erörtern möglich geworden sind, diese Dinge erfordern, wenn sie im richtigen Sinne angesehen werden wollen, bei den Zuhörern wahrhaftigen Ernst, ernste Gesinnung und ein seriöses Drinnenstehen in der anthroposophischen Bewegung, denn sie können sehr leicht zu allen möglichen Frivolitäten führen. Aber die Dinge werden vorgebracht, weil es heute notwendig ist, daß die Anthroposophische Gesellschaft auf die Basis des Ernstes gestellt werde und sich ihrer eigenen Aufgabe innerhalb der modernen Zivilisation bewußt werde.
[ 33 ] Daher möchte ich, nachdem ich in dieser Weise den Grund gelegt habe, in der nächsten Stunde, die am nächsten Mittwoch um halb neun Uhr stattfinden soll, über das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft sprechen, um dann in der weiternächsten Stunde, die ich noch ankündigen werde, überzugehen zu demjenigen, was solche Karmabetrachtungen für den Menschen werden können, der sein eigenes Leben seinem tieferen Sinne nach betrachten will.
