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The Rudolf Steiner Archive

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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band IV
GA 238

5 September 1924, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Es sind heute viele Freunde versammelt, welche seit der Weihnachtstagung zum ersten Male hier sind, und daher obliegt es mir, wenn auch mit wenigen Worten, einleitend auf die Weihnachtstagung hinzuweisen. Durch diese Weihnachtstagung sollte ja die Anthroposophische Gesellschaft einen neuen Impuls bekommen, und zwar denjenigen, der ihr eigen sein muß, wenn wirklich durch sie dasjenige Leben in würdiger Art fließen soll, das mit der Anthroposophie dem menschlichen Zivilisationsleben einverleibt werden soll. Es ist durchaus seit dieser Weihnachtstagung ein esoterischer Impuls in die Anthroposophische Gesellschaft gekommen. Diese Anthroposophische Gesellschaft war ja bisher sozusagen die Verwaltungsstätte für Anthroposophie. Anthroposophie war von ihrem Anfange an dasjenige, durch das fließt das spirituelle Leben, das heute und seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts der Menschheit zugänglich ist. Diese anthroposophische Bewegung muß aber so aufgefaßt werden, daß, was von ihr hier auf Erden abläuft, eigentlich nur die äußere Erscheinung von etwas ist, das in der geistigen Welt sich vollzieht für die Entwickelung der Menschheit. Und wer in würdiger Weise der anthroposophischen Bewegung zugeneigt sein will, der muß sich schon auch damit bekannt machen, daß für das Gebiet der Anthroposophischen Gesellschaft selber die spirituellen Impulse gelten.

[ 2 ] Was hat es denn für eine Bedeutung, meine lieben Freunde, wenn der Mensch im allgemeinen theoretisch an eine geistige Welt glaubt? Theoretisch an eine geistige Welt glauben heißt, diese geistige Welt in die Gedanken aufnehmen. Aber die Gedanken der Menschen der Gegenwart sind heute selber so, wenn sie auch ihrer ureigensten Natur nach für den heutigen Menschen das Geistigste darstellen, daß sie zunächst so, wie sie sich als innerer Geist des Menschen ausgebildet haben im Laufe der letzten vier bis fünf Jahrhunderte, nur geeignet sind, Wahrheiten über das Materielle aufzunehmen. Und so hat die heutige Menschheit ein spirituelles Leben in Gedanken, erfüllt aber als allgemeine Zivilisations-Menschheit dieses spirituelle Gedankenleben nur mit materiellem Inhalte. Materieller Inhalt bleibt auch dasjenige, was man theoretisch über Anthroposophie weiß, bis hinzutritt die wirkliche innere, bewußte Überzeugungskraft: daß das Geistige ein konkretes Wirkliches ist, daß überall da, wo für den äußeren Menschensinn Materie lebt, Geist diese Materie nicht nur durchzieht und durchströmt, sondern daß zuletzt vor dem menschlichen wahren Blicke alles Materielle verschwindet, wenn er imstande ist, durch das Materielle zum Geistigen, zum Spirituellen durchzudringen.

[ 3 ] Dann aber muß ein solches Anschauen auch ausgedehnt werden auf alles dasjenige, was uns zunächst selber angeht. Selber geht uns an unsere Zugehörigkeit zur Anthroposophischen Gesellschaft. Für diese in der äußeren Sinneswelt bestehende Tatsache, für diese unsere Zugehörigkeit zur Anthroposophischen Gesellschaft müssen wir in der Lage sein, anzuerkennen das entsprechende Spirituelle, die spirituelle Bewegung, die in der geistigen Welt sich in der neueren Zeit entwickelte und im Erdenleben fortbestehen wird, wenn die Menschen ihr treu bleiben können. Sie wird fortbestehen sonst abseits vom Erdenleben. Sie wird fortbestehen zusammenhängend mit dem Erdenleben, wenn die Menschen in ihren Herzen die Kraft finden, ihr treu zu bleiben.

[ 4 ] Daß aber nicht nur unsere theoretische Überzeugung dahin geht, daß hinter Mineralien, Pflanzen, Tieren und dem Menschen selber ein Geistiges schwebt, sondern daß auch hinter der Anthroposophischen Gesellschaft, die im Äußeren zur Maja, zur Illusion gehört, schwebt das spirituelle Urbild der anthroposophischen Bewegung, das ist dasjenige, was eindringen muß als tiefe Überzeugungskraft in das Herz jedes sich zur Anthroposophie Bekennenden. Und das muß in dem Wirken und in dem Arbeiten der Anthroposophischen Gesellschaft real werden. Oftmals habe ich gesagt, meine lieben Freunde, vor der Weihnachtstagung, man müsse unterscheiden zwischen anthroposophischer Bewegung, von der immer dasselbe gesagt werden müßte wie heute, und zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft, die eine äußere exoterische Verwaltungsstätte für den anthroposophischen Esoterismus war. Seit Weihnachten ist das Gegenteil der Fall. Zur Weihnachtszeit trat die schwierige Entschliessung heran, ob ich selber Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft werden soll. Ich betrachtete in allen vorangehenden Jahren des Bestandes der Anthroposophischen Gesellschaft mich als den nicht mit der Verwaltung verknüpften Lehrer der anthroposophischen Sache, und ich habe in den verschiedensten Dingen, die in Betracht kommen, das strenge durchgeführt. Die Anthroposophische Gesellschaft wurde als solche von anderen geleitet. Mir oblag, innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, insofern es der einzelne oder ihre Gruppen wollten, die anthroposophische Sache zur Geltung zu bringen.

[ 5 ] Unsere Freunde werden ja im Laufe dieser Vorträge oder aber sonst Gelegenheit haben, erkennen zu lernen, was es heißt, in tätiger Weise auf dem Erdenplane dasjenige auszuarbeiten, was sich heute in der spirituellen Welt offenbaren will. Und die Schwierigkeiten sollten eingesehen werden, welche damit verknüpft sind, wenn sozusagen zu diesem Verhältnis zur geistigen Welt eine äußere Verwaltung hinzutreten soll. Und es lag durchaus um die Weihnachtszeit die Eventualität vor: Entweder werden diejenigen geistigen Mächte, welche uns die Anthroposophie geben, Anstoß nehmen daran, daß die äußere Verwaltung nun herangezogen wird an die Esoterik selber, oder aber es wird etwas anderes eintreten. Daher war der Entschluß der denkbar schwierigste, der damals zu fassen war. Denn es konnte durchaus auch die Möglichkeit da sein, daß die Ströme geistigen Lebens, die uns zugeflossen sind, gerade durch einen solchen Entschluß hätten gefährdet werden können.

[ 6 ] Dennoch mußte der Entschluß gefaßt werden, weil die Vorbedingungen so lagen, daß nunmehr das Gegenteil eintreten mußte von dem, was ich eben vorhin charakterisiert habe, wenn die anthroposophische Sache weiter mit der Anthroposophischen Gesellschaft in Verbindung bleiben sollte. Es mußte für die Zukunft die Anthroposophische Gesellschaft selber diejenige Stätte sein, durch die unmittelbar das esoterische Leben fließt und die selber esoterisch wirkt und sich ihres esoterischen Wirkens bewußt wird.

[ 7 ] Dazu mußte der esoterische Vorstand geschaffen werden am Goetheanum. Dazu mußte anerkannt werden, daß diesem Vorstande in seiner Ganzheit eine esoterische Aufgabe obliegt und daß in der Zukunft alles dasjenige, was durch die Anthroposophische Gesellschaft fließt, nicht nur anthroposophische Substanz ist, die aufzunehmen ist, sondern daß für die Zukunft außerdem, daß Anthroposophie gelehrt wird, Anthroposophie getan werde, das heißt, in allen äußeren Maßnahmen Anthroposophie wirkt.

[ 8 ] Dazu bedarf es der Anerkennung jener realen Kräfte, welche verbinden müssen die einzelnen in der Gesellschaft vereinigten Persönlichkeiten. Diese Kräfte können keine Kräfte sein, die unter irgendeinem Programm oder Satze stehen, die durch abstrakte Sätze zusammengefaßt werden. Allein dasjenige kann im esoterischen Sinne die Anthroposophische Gesellschaft begründen und halten, was als reale menschliche Beziehungen vorhanden ist. So muß in der Zukunft alles auf die realen menschlichen Beziehungen im weitesten Sinne begründet sein, auf das konkrete, nicht auf das abstrakte geistige Leben.

[ 9 ] Man muß nur in der Lage sein, dieses konkrete geistige Leben als solches aufzufassen und es in den geringsten Einzelheiten des Lebens zu sehen. Ich möchte eine recht winzige Einzelheit anführen. Wir haben beschlossen, als dieser Impuls aufgenommen wurde, jedem unserer Mitglieder ein neues Mitglieds-Zertifikat zu geben. Da die Anthroposophische Gesellschaft mittlerweile bis zu zwölftausend Mitgliedern angewachsen ist, handelte es sich nun darum, diese zwölftausend Mitglieder-Zertifikate auszustellen, und ich mußte trotz des Einwandes, den viele gemacht haben, den Entschluß fassen — wie gesagt, es ist eine winzige Sache —, jedes einzelne Mitglieds-Zertifikat selber zu unterschreiben. Das ist natürlich eine Arbeit von vielen Wochen. Was bedeutet sie aber? Nicht irgendeinen Eigensinn, nicht irgendeine äußere Verwaltungsmaßregel, sondern das bedeutet sie, daß meine Augen geruht haben auf dem Namen desjenigen, der das Mitglieds-Zertifikat empfängt. Es ist eine menschliche Beziehung, allerdings zunächst winzigen Inhaltes, aber es ist eine menschliche Beziehung.

[ 10 ] So unterscheiden sich menschliche Beziehungen, die Tatsachen sind, von dem, was bloße Verwaltungsmaßregeln sind, was bloß in Programmen und Paragraphen steht. Nichts von dem, was real durch die Anthroposophie fließt, darf in Satzungen und Paragraphen stehen, sondern alles muß wirkliches Leben sein. Allein wirkliches Leben kann die Esoterik aufnehmen.

[ 11 ] So muß gesagt werden, seit der Weihnachtstagung sind anthroposophische Sache und Anthroposophische Gesellschaft nicht mehr zu unterscheiden, sind eines geworden. Daß das im Bewußtsein jedes einzelnen Mitgliedes ist, das ist dasjenige, um was es sich handelt.

[ 12 ] Es könnte Ihnen vorkommen, meine lieben Freunde, das sei eine Selbstverständlichkeit. Denken Sie darüber nach, und Sie werden finden, daß die völlig herzliche Durchführung davon nicht eine Selbstverständlichkeit ist, sondern daß es sogar recht schwierig ist, die Sache in jedem Augenblick seines Lebens durchzuführen.

[ 13 ] Nun handelt es sich darum, ich möchte sagen, unter der wirklichen Sorge zunächst zu stehen: Wird spirituelles Leben weiter unter diesen Bedingungen durch die Anthroposophische Gesellschaft fließen, wie sie durch die anthroposophische Bewegung geflossen ist?

[ 14 ] Das aber darf gesagt werden, nachdem wir jetzt viele Monate unter den Wirkungen der Weihnachtstagung stehen, uns bemühen, treu zu bleiben dem, was wir dazumal mit der spirituellen Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft gemeint haben, das dürfen wir uns sagen: Dasjenige, was geflossen ist seit Jahren, es fließt in reicherem Maße weiter. Und wir dürfen auch sagen, daß die Herzen sich noch mehr aufgeschlossen haben allüberall, wo der mehr esoterische Zug, der seit der Weihnachtstagung durch alles, was anthroposophische Arbeit ist, fließt, wo dieser mehr esoterische Zug eben da ist.

[ 15 ] Fassen Sie die ganze Bedeutung dieses Wortes, wie ich es aus den Erfahrungen der letzten Monate heraus zu sprechen habe, in Ihrem Herzen auf, meine lieben Freunde! Ein solches Auffassen wird in der Zukunft vielfach mit beitragen, den rechten Boden jenem spirituellen Grundstein zu geben, den wir zur Zeit der Weihnachtstagung für die Anthroposophische Gesellschaft gelegt haben.

[ 16 ] Und damit komme ich auf das zu sprechen, was auch orientierend heute in diesem Einleitungsvortrage auf dasjenige hinweisen soll, was ich Ihnen in den nächsten Tagen zu sagen haben werde, hinweisen soll darauf, wie die anthroposophische Bewegung jetzt in diesem ernsten Augenblicke im Grunde genommen zu ihrem Keime zurückkehrt. Als aus dem Schoße der Theosophischen Gesellschaft heraus im Beginne des Jahrhunderts in Berlin die Anthroposophische Gesellschaft begründet worden ist, da spielte sich etwas sehr Eigentümliches ab. Während der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft, das heißt der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, hielt ich in Berlin Vorträge über «Anthroposophie». Damit war von vornherein meinem Wirken derjenige Impuls aufgedrückt, der später die anthroposophische Bewegung ausgemacht hat.

[ 17 ] Aber noch etwas anderes ist es, an das ich heute erinnern darf. Das erste, was ich dazumal einem ganz kleinen Kreise ankündigte, trug für ein paar Vorträge den Titel: «Praktische Karma-Übungen». Ich fühlte den allerlebhaftesten Widerstand gegen die Ausführung dieses Vorhabens dazumal. Und vielleicht wird sich das allerälteste Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, das zu unserer groBen Freude heute wiederum hier ist — Herr Günther Wagner, den ich aufs herzlichste wie eine Art von Senior der Anthroposophischen Gesellschaft hier begrüßen möchte —, daran erinnern, wie stark dazumal der Widerstand gegen vieles war, was vom Anfange an von mir der anthroposophischen Bewegung einverleibt werden sollte. Es kam nicht zu diesen Vorträgen. Es kam nicht dazu, jene Esoterik zu pflegen gegenüber den Strömungen, die sonst da waren aus der theosophischen Bewegung heraus, jene Esoterik zu pflegen, die in ganz unverhohlener und unbefangener Weise in Wahrheit von dem spricht, was eigentlich theoretisch immer da war.

[ 18 ] Seit der Weihnachtstagung wird hier in diesem Saale, wird an den verschiedenen Orten, an denen ich sprechen durfte, in ganz unverhohlener Weise vom konkreten Wirken des menschlichen Karma in geschichtlichen Erscheinungen, in einzelnen Menschen gesprochen. Und heute sind eine Anzahl unserer Anthroposophen bereits unterrichtet, wie die verschiedenen Erdenleben bedeutsamer Persönlichkeiten verlaufen sind, wie das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft selber und das mit ihr verbundene einzelner Persönlichkeiten sich gestaltet hat. Seit der Weihnachtstagung wird über diese Dinge ganz esoterisch gesprochen. Seit der Weihnachtstagung sind unsere Zyklen öffentlich, jedem, der dafür Interesse hat, zugänglich. So sind wir eine esoterischere und zu gleicher Zeit völlig öffentliche Gesellschaft geworden.

[ 19 ] Damit kehren wir in einem gewissen Sinne zu dem Ausgangspunkt zurück. Damals war Absicht, was jetzt Wirklichkeit werden soll. Da viele unserer Freunde seit der Weihnachtstagung jetzt zum erstenmal hier sind, werde ich gerade die Karma-Frage vor Ihnen hier in den nächsten Tagen behandeln. Dazu werde ich mir nur erlauben, heute eine Art von Einleitung zu geben, indem ich von denjenigen Dingen spreche, die auch in den dieswöchigen «Mitteilungen», wenn auch skizzenhaft, angedeutet sind.

[ 20 ] Zur Erlangung — das geht ja aus unserer anthroposophischen Literatur hervor — derjenigen Erkenntnisse, die in der geistigen Welt auf Tatsachen und Wesenheiten dieser geistigen Welt deuten, zur Erforschung dieser Tatsachen gehört die Entwickelung des menschlichen Bewußtseins. Wir werden schon hören, wie diese durch die Entwickelung des menschlichen Bewußtseins erforschte geistige Welt dann dem unbefangenen gesunden Menschenverstande begreiflich werden kann. Das muß immer berücksichtigt werden: Zur Erforschung der geistigen Welt gehört die Entwickelung anderer Bewußtseinszustände; zum Auffassen, zum Verstehen dessen, was der Geistesforscher zutage bringt, gehört nur der gesunde Menschensinn, der gesunde Menschenverstand, der wirklich unbefangen sich entfalten will.

[ 21 ] Damit stößt man allerdings sogleich, indem man dieses ausspricht, auf harte Widerstände im Denkleben der Gegenwart. Als ich in Berlin dasselbe, was ich jetzt sagte, einmal aussprach, da erschien ein wohlwollender Artikel über meinen öffentlichen, vor einer großen Zuhörerschaft gehaltenen Vortrag. Dieser Artikel besagte: Herr Steiner habe gesagt, der gesunde Menschenverstand könne einsehen, was in den spirituellen Welten erforscht wird. Aber die ganze Entwickelung der neueren Zeit habe uns gelehrt, daß derjenige Verstand, der gesund ist, nichts vom Übersinnlichen einsieht und daß derjenige Verstand, der etwas vom Übersinnlichen einsieht, ganz gewiß nicht gesund ist. — Man muß schon sagen: In einer gewissen Beziehung ist das die allgemeine Ansicht der gebildeten Leute der Gegenwart. Ist man nicht verrückt — so heißt es in nüchternes Deutsch übersetzt —, so versteht man nichts von der übersinnlichen Welt; versteht man etwas von der übersinnlichen Welt, so ist man ganz gewiß verrückt! — Das ist ja dieselbe, nur etwas deutlichere Art, über die Sache zu sprechen.

[ 22 ] Daher muß man sich schon damit beschäftigen, einzusehen, inwieferne der gesunde Menschenverstand die Ergebnisse der Geistesforschung, die durch Entwickelung anderer Bewußtseinszustände erlangt wird, einsehen kann. Wir bewaffnen seit Jahrhunderten unsere äußeren Sinne mit Instrumenten, mit Teleskop, mit Mikroskop. Auch der Geistesforscher bewaffnet seine äußeren Sinne mit dem, was er in seiner Seele selber entwickelt. Die Naturforschung ist nach außen gegangen, hat sich der äußeren Werkzeuge bedient. Die Geistesforschung geht nach innen, bedient sich der inneren Werkzeuge, die die Seele in treulichem Seelenleben ausbildet.

[ 23 ] Nun möchte ich Ihnen heute einleitend die Entfaltung anderer Bewußtseinszustände dadurch nahebringen, daß ich die Bewußtseinszustände, die die gewöhnlichen der Menschen der Gegenwart sind, zusammenstelle, zunächst bloß zusammenstelle mit denjenigen Bewußtseinszuständen, die einmal in älteren, nicht historischen, aber vorhistorischen primitiven Entwickelungszuständen der Menschheit vorhanden waren.

[ 24 ] Der Mensch lebt heute in drei Bewußtseinszuständen, von denen eigentlich nur der eine von ihm als die Quelle von Erkenntnissen anerkannt wird: Der Mensch lebt in den Zuständen des gewöhnlichen Wachseins, er lebt in dem Zustande des Traumbewußtseins, und er lebt in dem Zustande des traumlosen Schlafbewußtseins.

[ 25 ] Im gewöhnlichen Bewußtsein, im Wachbewußtsein, stellen wir uns zur Außenwelt so, daß wir alles, was wir dutch die Sinne erfassen können, für eine Wirklichkeit hinnehmen und auf uns wirken lassen, daß wir dieses äußere Sinnliche mit unserem an das Gehirn gebundenen Verstand, oder wenigstens an den Menschen gebundenen Verstand erfassen, uns Vorstellungen, Begriffe, auch wohl Gefühle und so weiter über das durch die Sinne Aufgenommene bilden. Wir erfassen dann in gewissen Grenzen unser eigenes Innenleben innerhalb dieses wachen Bewußtseins. Und wir kommen durch allerlei Erwägungen, Ideenentwickelungen dazu, ein Übersinnliches anzuerkennen über diesem Sinnlichen. Ich brauche diesen Bewußtseinszustand nicht weiter zu beschreiben; er ist ja jedem als derjenige, den er eigentlich für sein Erkenntnis- und Willensleben auf Erden anerkennt, bekannt.

[ 26 ] Das Traumbewußtsein, es ist für den Menschen der Gegenwart ein undeutliches, ein dämmerhaftes. Der Mensch schaut im Traumbewußtsein das, was in der Außenwelt ist, in einer symbolischen Umgestaltung, der er sich nicht immer bewußt wird. Wir liegen des Morgens im Bette noch im Aufwachezustand, so daß wir nicht durch unsere vollgeöffneten Augen auf die aufgehende Sonne hinausblicken, sondern dem noch umflorten Blicke offenbart sich das Sonnenlicht hereinscheinend zum Fenster. Der Mensch ist noch wie durch einen dünnen Schleier getrennt von dem, was er sonst in scharf konturierten Sinnesempfindungen, scharf konturierten Sinneswahrnehmungen auffaßt: innen wird die Seele angefüllt mit der Vorstellung einer mächtigen Feuersbrunst. Die mächtige Feuersbrunst, von der der Mensch träumt, ist das Symbolum für das, was im Sonnenaufgange herleuchtet auf das noch nicht vollständig erschlossene Auge.

[ 27 ] Oder aber der Mensch träumt, er ginge durch eine Allee von weißen Steinen, die eine Straße begrenzen, hindurch. Er kommt an einen der Steine; er findet ihn durch irgendeine Naturerscheinung oder durch Menschen oben zerstört. Der Mensch wacht auf: An dem Zahnschmerz, den er hat, nimmt er die Schadhaftigkeit eines Zahnes wahr. Die zwei ganzen Zahnreihen haben sich symbolisiert in dem, was der Mensch im Traume gesehen hat; der schadhafte Zahn an dem schadhaften Pflock.

[ 28 ] Wir nehmen wahr, wir seien in einem überheizten Zimmer, in dem wir uns unbehaglich fühlen. Wir wachen auf: Das Herz pocht kräftig, der Puls schlägt schnell. Die Feurigkeit der Herzbewegung und des Pulses symbolisieren sich in dem überhitzten Zimmer. Innere und äußere Zustände symbolisieren sich uns im Traume; Reminiszenzen des Tageslebens, in mannigfaltigster Weise umgestaltet, zu ganzen Traumdramen ausgebildet, erfüllen den Menschen. Er weiß nicht immer, wie die Dinge sich in dem wunderbaren Umfange seines Seelenlebens ausgestalten. Und oftmals ist der Mensch gerade über dieses Traumesleben, das ja auch ins Wachleben hereinspielen kann, wenn das Bewußtsein nur irgendwie herabgedämpft ist, in einem leichten Wahne befangen.

[ 29 ] Ein Naturforscher geht durch eine Straße an einer Buchhandlung vorbei. Er sieht ein Buch über niedere Tierwelt, ein Buch, das ihn immer außerordentlich interessiert hat, denn er ist ja ein Naturforscher. Jetzt aber, trotzdem der Titel ankündigt, daß etwas für einen Naturforscher außerordentlich Wichtiges drinnensteht, interessiert ihn das gar nicht, sondern plötzlich, indem er nur hinstarrt auf das, was er sonst immer mit dem höchsten Interesse angeschaut hätte, hört er in der Ferne einen Leierkasten eine ihm zunächst ganz entfallene Melodie abspielen. Er wird ganz aufmerksam. Denken Sie: Der Naturforscher sieht auf dem Titel eines Buches eine naturwissenschaftliche Abhandlung. Er wird nicht aufmerksam darauf, sondern das Spielen eines entfernten Leierkastens, den er sonst gar nicht gehört hätte, ist, was ihn fesselt. Was ist es? Vor vierzig Jahren, als er noch ganz jung war, tanzte er zum ersten Male in seinem Leben mit seiner ersten Tänzerin nach derselben Melodie, die jetzt der Leierkasten abspielt. Die Leierkastenmelodie, die er seit vierzig Jahren nicht gehört hat, erinnert ihn an dieses Ereignis. Der Naturforscher ist nüchtern geblieben, daher erinnerte er sich ziemlich genau an die Sache.

[ 30 ] Der Mystiker kommt oftmals dazu, solch ein Ereignis innerlich so umzugestalten, daß es etwas ganz anderes wird. Gerade derjenige, der mit aller innerer Gewissenhaftigkeit an die Erforschung des geistigen Lebens geht, muß sich auch alles, was an Wahn und Illusion auftritt innerhalb des menschlichen Seelenlebens, ganz genau vor Augen stellen können. Man kann sehr leicht glauben, indem man sich in das Seelenleben sozusagen vertieft, einen innerlichen Weg zu dem oder jenem Geistigen gefunden zu haben; aber man hat nur die umgestaltete Reminiszenz einer Leierkastenmelodie. Dieses Traumleben ist etwas Wunderbares, etwas Großartiges, aber es ist vom Menschen richtig aufzufassen nur dann möglich, wenn er wirklich geistdurchbildet vor den Erscheinungen des menschlichen Lebens stehen kann.

[ 31 ] Und wenn wir das tiefe Schlafesleben betrachten, das traumlos ist, so hat ja der Mensch von diesem tiefen Schlafesleben im gewöhnlichen heutigen Bewußtsein nichts anderes als die Erinnerung, daß etwa die Zeit verlaufen sein kann zwischen seinem Einschlafen und Aufwachen. Alles übrige muß er wiederum mit Hilfe seines Wachzustandes erleben. Ein allgemeines dumpfes Fühlen, wie man dagewesen ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, das ist alles, was aus dem traumlosen Schlaf zurückbleibt.

[ 32 ] Jedoch wir haben heute schon diese drei Bewußtseinszustände: das Wachbewußtsein, das Traumbewußtsein, das traumlose Schlafbewußtsein. Gehen wir aber zurück in Urzeiten menschlicher Entwickelung — wie gesagt, nicht in historische, sondern in vorhistotische Zeiten, die nur mit jenen Mitteln der Geistesforschung durchdrungen werden können, von denen hier in den nächsten Tagen gesprochen werden soll —, dann finden wir auch drei Bewußtseinszustände des Menschen, aber ganz anderer Art. Dasjenige, was wir heute im wachen Tagesbewußtsein erleben, erlebte man damals nicht, sondern man erlebte in uralten Zeiten menschlicher Entwickelung statt scharf konturierter materieller, festbegrenzter Tatsachen: Wesenheiten, verschwommene physische Grenzen.

[ 33 ] In solchen Zeiten würde ein Mensch, der Sie alle hier gesehen hätte, wie Sie hier sitzen, nicht die scharfen Konturen, die heute Ihre Menschenwesenheit bedingen, so als Linie gesehen haben, wie er sie heute sieht, sondern die Gestalt wäre verschwommen gewesen für das gewöhnliche Wachbewußtsein; überall durchdrungen wäre dasjenige gewesen, was man heute sieht und was damals undeutlicher gewesen wäre, von einem Aurischen, von einem geistigen Leuchten und Glänzen und Schimmern und Schillern, das weit über den Umfang, den man heute sieht, hinausgegangen wäre. Alle, die Sie hier sitzen, würden Ihre Auren für den Auffassenden ineinandergehend gezeigt haben. Und ein solcher Auffassender hätte hineingeschaut in diese schillernden, glänzenden, scheinenden, glitzernden Auren des Seelischen derjenigen, die vor ihm sind. Noch hineinschauen konnte man in das Seelische, denn der Mensch lebte in der Atmosphäre des Seelisch-Geistigen.

[ 34 ] Wenn ich einen Vergleich gebrauchen darf: Gehen wir heute nach einem heiteren, trockenen Tag abends durch die Straßen, dann sehen wir nach einem solchen Tage die Straßenlaternen so, daß sie uns die scharfen Konturen der Lichter zeigen. Gehen wir an einem nebeligen Abend durch die Straßen, so zeigen uns dieselben Laternenlichter um sich herum allerlei farbige Gebilde, die die heutige Physik ganz mißversteht, indem sie sie für subjektive Erscheinungen hält, die aber in Wahrheit dasjenige sind, was erlebt wird aus der Wesenheit dieser Flammen heraus im Zusammenhange damit, daß der Mensch durch das wässrige Element des Nebels schreitet. Die alten Menschen schritten durch das Element des Geistig-Seelischen; sie sahen die Auren, die nicht subjektiv waren, sondern objektiv zu den Menschenwesenheiten gehörten, am Menschen. Das war ihr einer Bewußtseinszustand.

[ 35 ] Dann hatten sie einen Bewußtseinszustand, der sich an diesen anschloß, wie bei uns der traumbeseelte Schlaf sich an den Wachzustand anschließt, der wiederum nicht der unseres heutigen Traumzustandes war, sondern der verschwinden um sich sah alles das, was sinnlich ist. Für uns werden die sinnlichen Eindrücke gegenüber dem Traum zu Sinnbildern: Sonnenschein zu einer Feuersbrunst, die inneren Zahnreihen zu zwei Reihen von Pflöcken und so weiter, Erinnerungsträume zu irdischen oder auch vergeistigten Dramen, Traumdramen. Die Sinneswelt ist immer da; die Erinnerungswelt bleibt da. Für denjenigen, welcher in uralten Zeiten der Menschheitsentwickelung sein Bewußtsein hatte — wir werden ja sehen, daß wir es alle damals hatten, denn alle, die hier sitzen, waren damals in früheren Erdenleben da —, für den war die Sache anders. Da sah der Mensch, wenn der Sonnenschein am Tage schwächer wurde, nicht Symbole der physischen Dinge, sondern die physischen Dinge verschwanden vor seinem Blicke. Der Baum, der vor einem stand, verschwand; er verwandelte sich in Geistiges — die Sagen von den Baumgeistern, sie sind ja nicht ausgedacht von der Volksphantasie, nur ihre Interpretation ist ausgedacht von der im Irrtum wandelnden Gelehrtenphantasie —, der Geist, der dem Baum zugehörte, trat an die Stelle. Und diese Geister — der Baumgeist, der Berggeist, der Felsengeist — sie waren es wieder, die weiter den Seelenblick hinlenkten in diejenige Welt, in der der Mensch ist zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wo er ebenso unter geistigen Tatsachen ist wie hier auf der Erde unter physischen Tatsachen, wo er ebenso unter geistigen Wesenheiten ist wie hier auf Erden unter physischen Wesenheiten. Das war der zweite Bewußtseinszustand. Wir werden demnächst sehen, wie sich unser gewöhnliches Traumbewußtsein für den heutigen, nach dem geistigen Erkennen hinstrebenden Menschen auch in diesen Bewußtseinszustand verwandeln kann.

[ 36 ] Und ein dritter Bewußtseinszustand war da. Die Menschen schliefen natürlich damals auch. Aber wenn sie aufwachten, hatten sie nicht bloß die dunkle Erinnerung, Zeit durchlebt zu haben, oder ein dumpfes Lebensgefühl, sondern wenn sie aufwachten, hatten sie eine deutliche Erinnerung an das, was sie im Schlafe erlebt hatten. Und gerade aus diesem Schlafe heraus kamen die Eindrücke über vergangene Erdenleben mit dem Schicksalszusammenhange des Menschen, mit der Erkenntnis, mit dem Durchschauen des Karma.

[ 37 ] So hat der heutige Mensch Wachbewußtsein, Traumbewußtsein, traumloses Schlafbewußtsein. So hatte eine Vormenschheit drei Bewußtseinszustände: den Bewußtseinszustand für die geistdurchtränkte Wirklichkeit, den Bewußtseinszustand für den Einblick in die geistige Welt, den Bewußtseinszustand für das Durchschauen des Karma. Es war im wesentlichen bei der Urmenschheit eine Art Dämmerungsbewußtsein des Abends.

[ 38 ] Dieses Dämmerungsbewußtsein des Abends ist vergangen, verglommen in der Menschheitsentwickelung. Ein Dämmerungsbewußtsein des Morgens muß heraufziehen. Die heutige Geistesforschung findet sich schon in dasselbe hinein. Und in die Lage kommen muß der Mensch, hinzuschauen auf den Baum, auf den Fels, auf die Quelle, auf den Berg, auf die Sterne, in die Lage kommen muß er, hinzuschauen und in der Erkraftung seiner eigenen Seelenkräfte, in der Verstärkung seiner eigenen Seelenkräfte es dazu bringen, daß ihm erscheint aus jeglichem physischen Dinge die dahinterstehende geistige Tatsache oder geistige Wesenheit.

[ 39 ] Exakte Wissenschaft, exakte Erkenntnis kann es werden — worüber man heute noch wie über eine Verrücktheit, über einen Wahnsinn spottet —, daß der wirklich Erkennende hinschaut auf den Baum, der Baum vor seinem Blicke, trotzdem er das Materielle darstellt, wie aussparend den Raum, zum Nichtigen wird, und entgegenkommt dem Menschen die geistige Wesenheit des Baumes. Wie unseren physischen Augen das Sonnenlicht von allen äußeren physischen Wesen in der Reflexion entgegenleuchtet, so wird die Menschheit dazu kommen — und Anthroposophie nimmt voraus dieses Dazukommen —, einzusehen, daß die geistige Sonnenwesenheit, die die Welt durchwebt und durchlebt, auch in allen physischen Wesenheiten lebt. Wie das physische Licht in unser physisches Auge zurückstrahlt, so kann in unser Seelenauge zurückstrahlen von einem jeglichen irdischen Wesen als eine Tatsache das göttlich-geistige Sonnenwesen, das alles durchdringt. Und wie der Mensch jetzt sagt: Die Rose ist rot —, und dem zugrunde liegt, daß die Rose ihm die Gabe zurückgibt, die er selber von dem physisch-ätherischen Sonnenwesen bekommen, so wird er dann sagen können: Die Rose gibt ihm dasjenige zurück, was sie von dem geistig-seelischen Sonnenwesen bekommt, das die Welt durchwellt und durchlebt.

[ 40 ] Der Mensch wird sich wiederum einleben in eine Geistatmosphäre, wird wissen, daß er mit seinem eigenen Wesen in dieser geistigen Atmosphäre wurzelt. Dann aber wird ihm aufgehen, wie in diesem Traumbewußtsein, das zunächst nur die chaotischen Symbolisierungen des äußeren Sinneslebens geben kann, darinnen liegen die Offenbarungen einer Geistwelt, die wir durchmachen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; wie in dem TiefSchlafesleben in uns webt und lebt als realer Kräftezusammenhang das, was uns dann nach dem Aufwachen hingehen lässt zu demjenigen, mit dem sich unser Schicksal, unser Karma abspinnt. Was wir trotz aller Freiheit als unser Schicksal in unserem Tagesleben durchmachen, es wird gesponnen und gewoben während unseres Schlafeslebens da, wo wir mit unserem Seelisch-Geistigen, das aus dem Physisch-Ätherischen heraußen ist, ein Leben führen mit göttlichen Geistern, auch mit denjenigen göttlichen Geistern, die die Ergebnisse früherer Erdenleben in dieses Leben herübertragen. Und derjenige, dem es durch die Entwickelung der entsprechenden Seelenkräfte gelingt, hineinzuschauen in das traumlose Schlafesleben, der entdeckt darinnen die karmischen Zusammenhänge. Dadurch aber erst bekommt das geschichtliche Leben der Menschheit auch einen Sinn: Es wird gewoben aus dem, was Menschen aus früheren Epochen durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt in neue Leben, in neue Epochen hinübertragen. Wenn wir hinschauen auf eine Persönlichkeit der Gegenwart oder sonst irgendwie in der Zeit, wir verstehen sie doch erst, wenn wir ihre vergangenen Erdenleben begreifen.

[ 41 ] Von jener Forschung, welche zunächst bei historischen Persönlichkeiten, dann aber auch im alltäglichen Leben aus dem gegenwärtigen oder irgendeinem zeitlichen Leben in frühere Erdenleben führt, wollen wir dann in den nächsten Tagen sprechen.