Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume IV
GA 238
19 September 1924, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Esoteric Considerations of Karmic Connections, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Die Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, um immer besser zu begreifen, was es heißt, daß die Gegenwart im Zeichen der Michael-Herrschaft steht, sie haben uns ja das letztemal dazu geführt, zu zeigen, wie eigenartig das Karma von Menschen wirken kann; und sie haben uns in einem gewissen Sinne gezeigt, wie diese Schwierigkeiten selbst darauf sich erstrecken können, daß irgendeine Persönlichkeit nicht den Weg findet zwischen Tod und neuer Geburt, um dasjenige zu durchleben, was zum Weben des Karma durch Teilnahme an den Ereignissen der Sternenwelt nötig ist.
[ 1 ] The reflections we have made here to gain an ever deeper understanding of what it means for the present to be under the sign of Michael’s reign led us last time to show how peculiar human karma can be; and in a certain sense, they have shown us how these difficulties themselves can extend to the point where a particular personality fails to find the path between death and new birth in order to experience what is necessary for the weaving of karma through participation in the events of the stellar world.
[ 2 ] Es wird ja selbstverständlich für eine Anschauung, die noch ganz mit dem nur verwoben ist, was hier im physischen Erdenleben vor sich geht, schwierig, die Dinge in sich aufzunehmen, die wirklich aufgenommen werden müssen, wenn mit der Karma-Idee Ernst gemacht werden soll. Aber wir leben nun einmal im Zeitalter großer Entscheidungen, und diese Entscheidungen müssen zunächst auf geistigem Felde da sein. Und auf geistigem Felde werden diese Entscheidungen in der richtigen Weise dadurch vorbereitet, daß gerade aus dem tieferen anthroposophischen Geiste heraus einzelne Menschen den Mut fassen, mit der Betrachtung der geistigen Welt soweit Ernst zu machen, daß sie hinnehmen können dasjenige, was herangetragen wird aus dieser geistigen Welt, um die Erscheinungen des äußeren physischen Lebens zu begreifen.
[ 2 ] It is, of course, difficult for a perspective that is still entirely intertwined with what takes place here in physical earthly life to take in the things that truly must be taken in if the idea of karma is to be taken seriously. But we are, after all, living in an age of great decisions, and these decisions must first take place in the spiritual realm. And in the spiritual realm, these decisions are properly prepared when, drawing precisely from the deeper anthroposophical spirit, individual people find the courage to take the contemplation of the spiritual world seriously enough to accept what is brought forth from that spiritual world in order to understand the phenomena of outer physical life.
[ 3 ] Deshalb habe ich mich auch nicht gescheut, schon seit einer Reihe von Monaten einzelne Tatsachen des geistigen Lebens heranzutragen, welche geeignet sind, die geistige Konfiguration der Gegenwart zu verstehen. Und ich werde heute einiges weitere vorbringen zur Illustrierung, möchte ich sagen, dessen, was ich dann am Sonntag wohl zum Abschlusse bringen werde, um das ganze Karma des geistigen Lebens der Gegenwart in Verbindung mit dem, was anthroposophische Bewegung soll, zu zeigen.
[ 3 ] That is why I have not hesitated, for a number of months now, to present individual aspects of spiritual life that are relevant to understanding the spiritual configuration of the present. And today I will present a few more points to illustrate—if I may say so—what I will likely conclude on Sunday, in order to show the entire karma of contemporary spiritual life in connection with what the anthroposophical movement is meant to be.
[ 4 ] Zunächst werde ich allerdings heute einiges vorzubringen haben, bei dem Sie nicht gleich einsehen werden, wie es mit unserem Hauptthema zusammenhängt, bei dem Sie aber sofort erkennen werden, daß es das geistige Leben der Gegenwart im eminentesten Sinne charakterisiert aus den Untergründen des geistigen Lebens der Vergangenheit.
[ 4 ] To begin with, however, I will have a few points to make today that you may not immediately see as related to our main topic, but in which you will immediately recognize that they characterize the spiritual life of the present—in the most eminent sense—as emerging from the depths of the spiritual life of the past.
[ 5 ] Manches wird recht paradox erscheinen, aber das totale Leben hat eben für die irdische Betrachtung Paradoxien. Die Beispiele, die ich heute wähle, sind so, daß sie nicht gewöhnlich sind, denn gewöhnliche Aufeinanderfolgen von Erdenleben zeigen uns in der Regel nicht historische Persönlichkeiten, zeigen uns auch nicht Persönlichkeiten so, daß wir mit oberflächlicher Betrachtung eine fortlaufende Kette sehen würden. Aber es gibt tatsächlich Erdenleben, die so aufeinanderfolgen, daß man, indem man sie zusammenfaßt, gleichzeitig Geschichte darstellt.
[ 5 ] Some things may seem quite paradoxical, but total life does indeed contain paradoxes when viewed from an earthly perspective. The examples I have chosen today are unusual, for ordinary sequences of earthly lives generally do not present us with historical figures, nor do they present figures in such a way that, upon superficial observation, we would perceive a continuous chain. But there are indeed earthly lives that follow one another in such a way that, when taken together, they simultaneously constitute history.
[ 6 ] Es ist das bei wenigen Individualitäten in so ausgesprochenem Sinne der Fall; aber gerade solche Individualitäten, bei denen wir gewissermaßen auf die einzelne Inkarnation als eine historische hindeuten können, wie ja das schon der Fall war bei einzelnen, die ich im Laufe der Zeit angeführt habe, gerade bei solchen Individualitäten können wir über das Karma außerordentlich viel lernen. Und da möchte ich denn zunächst von einer Persönlichkeit erzählen, die gelebt hat am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts, schon dazumal Philosoph war, ein Philosoph, der im ausgesprochensten Sinne zu den Skeptikern gehörte, das heißt zu denen, die eigentlich nichts in der Welt für gewiß halten. Er gehörte zu derjenigen skeptischen Schule, welche zwar schon das Christentum hereinbrechen sah, aber die durchaus auf dem Boden stand, daß man sichere Erkenntnisse überhaupt nicht gewinnen könne, daß man also vor allen Dingen nicht irgendwie sagen könne, ob irgendein göttliches Wesen menschliche Gestalt annehmen könne oder dergleichen.
[ 6 ] This is the case for very few individuals in such a pronounced sense; but it is precisely from such individuals—those in whom we can, so to speak, identify a specific incarnation as a historical one, as was indeed the case with some of those I have mentioned over time—that we can learn an extraordinary amount about karma. And so I would like to begin by telling you about a figure who lived at the end of the first Christian century, who was already a philosopher at that time—a philosopher who, in the most pronounced sense, belonged to the Skeptics, that is, to those who consider nothing in the world to be certain. He belonged to that school of skepticism which, although it had already witnessed the advent of Christianity, firmly maintained that certain knowledge could not be attained at all—and thus, above all, that it was impossible to say in any way whether a divine being could take on human form or anything of the sort.
[ 7 ] Diese Individualität — der Name der damaligen Zeit tut nicht viel zur Sache, er war ein Agrippa —, diese Individualität, die dazumal verkörpert war, faßte sozusagen alles, was die griechische Skepsis aufgebracht hatte, in ihrer Persönlichkeit zusammen und war in gewissem Sinne eine Persönlichkeit, die wir, wenn wir das Wort nicht in verächtlichem Sinne, sondern mehr als einen Terminus technicus nehmen, sogar einen Zyniker nennen würden; einen Zyniker nicht in bezug auf die Lebensanschauung, da war er Skeptiker, aber Zyniker in bezug auf die Art und Weise, wie er die Dinge der Welt hingenommen hat: nämlich so, daß er eigentlich sehr gern, selbst über recht wichtige Dinge, scherzte. Und es ging dazumal das Christentum an ihm ganz spurlos vorüber. Aber es blieb, als er durch die Pforte des Todes ging, eine Stimmung, die weniger ein Ergebnis seiner Skepsis war — denn das war ja eine philosophische Anschauung, die trägt man nicht sehr weit nach dem Tode mit —, aber dasjenige, was in den inneren Seelen- und Geistgewohnbheiten liegt, dieses leichte Hinnehmen von wichtigen Ereignissen des Lebens, dieses Sich-Freuen darüber, wenn sich manches, was wichtig ausschaut, nicht als wichtig erweist: das war so die Grundstimmung. Und so wurde denn diese Grundstimmung in das Leben nach dem Tode hineingetragen.
[ 7 ] This individual—the name of the era is of little consequence; he was an Agrippa—this individuality, which was embodied at that time, encapsulated, so to speak, everything that Greek skepticism had brought forth in his personality, and was, in a certain sense, a personality whom we—if we take the word not in a derogatory sense but rather as a technical term—would even call a Cynic; a Cynic not in terms of his worldview—in that regard he was a skeptic—but a Cynic in terms of the way he accepted the things of the world: namely, in such a way that he actually took great pleasure in joking, even about quite important matters. And at that time, Christianity passed him by without leaving a trace. But when he passed through the gates of death, there remained a disposition that was less a result of his skepticism—for that was, after all, a philosophical view, and one does not carry such views very far beyond death— but rather what lies in the inner habits of the soul and spirit—this lighthearted acceptance of life’s important events, this delight when something that seems important turns out not to be: that was the underlying mood. And so this underlying mood was carried over into the life after death.
[ 8 ] Nun habe ich ja schon gestern angedeutet: Zunächst tritt der Mensch, wenn er die Pforte des Todes durchlaufen hat, in eine Sphäre ein, welche ihn nach und nach in das Gebiet des Mondes führt. Und ich habe angedeutet, wie da eigentlich die Kolonie der Urweisen der Menschheit ist, jener Urlehrer, die einstmals auf der Erde gelebt haben, dazumal aber nicht in einem physischen Leibe waren, daher auch nicht so lehrten, wie man sich das Lehren von später vorzustellen hat, sondern die nur im ätherischen Leibe wandelten auf der Erde, die so lehrten, daß der eine oder der andere, der von ihnen belehrt sein sollte in den Mysterien, dies empfand wie ein Innewohnen dieser Urweisen. Er hatte das Gefühl: Der Urweise war nun bei mir. — Und als Erfolg dieses Innewohnens des Urweisen empfand er dann eine innere Inspiration, durch welche eben in der damaligen Zeit gelehrt wurde. Das waren die ältesten Zeiten der Erdenentwickelung, wo die großen Urlehrer auf der Erde in ihren ätherischen Leibern wandelten. Diese Urlehrer sind es, die dann sozusagen dem Monde, der sich da als Weltenkörper schon von der Erde getrennt hatte, nachzogen und deren Gebiet nun der Mensch passiert, als erste Station gewissermaßen seiner kosmischen Entwickelung. Sie sind es, die ihn über das Karma aufklären, denn sie haben es ja namentlich mit der Weisheit der Vergangenheit zu tun.
[ 8 ] As I already hinted at yesterday: First, after passing through the gate of death, a person enters a sphere that gradually leads them into the realm of the Moon. And I hinted at how the colony of humanity’s primordial sages is actually located there—those primordial teachers who once lived on Earth but were not in physical bodies at that time, and therefore did not teach in the way one might imagine teaching in later times, but rather walked upon the Earth in etheric bodies, teaching in such a way that the one or the other who was to be instructed by them in the Mysteries perceived this as if these Primordial Sages were dwelling within them. He had the feeling: The Primordial Sage was now with me. — And as a result of this indwelling of the Primordial Sage, he then experienced an inner inspiration through which teaching took place at that time. These were the earliest times of Earth’s development, when the great Primordial Teachers walked upon the Earth in their etheric bodies. It is these Primordial Teachers who then, so to speak, followed the Moon—which had already separated from the Earth as a world body—and whose realm humanity now passes through as, so to speak, the first station of its cosmic evolution. It is they who enlighten humanity about karma, for they are, after all, concerned specifically with the wisdom of the past.
[ 9 ] Und als die betreffende Persönlichkeit, Agrippa, in dieses Gebiet eintrat, da war es, daß ihr sehr stark der Sinn einer früheren Inkarnation aufging, die sie gehabt hatte, die besonders charakteristisch war und jetzt gewissermaßen im Rückblick nach dem Tode einen großen Eindruck machte, weil in dieser Inkarnation von der betreffenden Individualität noch viel hatte gesehen werden können von der Art und Weise, wie die Kulte Vorderasiens und Afrikas aus den alten Mysterien hervorgingen.
[ 9 ] And when the person in question, Agrippa, entered this region, it was then that a very strong sense of a previous incarnation dawned upon her—one that had been particularly distinctive and now, in a sense, made a great impression in retrospect after death, because in that incarnation, the individual in question had been able to witness much of the way in which the cults of the Near East and Africa emerged from the ancient mysteries.
[ 10 ] Diese Individualität machte dann recht intensiv wieder neuerdings durch, übersinnlich, in christlicher Zeit, dasjenige, was sie durchgemacht hatte auf Erden im Zusammenhange mit manchem untergehenden Mysterienwesen Vorderasiens. Und das bewirkte dann, daß sie — sie war ja nicht vom Christentum berührt, wie ich gesagt habe —, daß diese Individualität jetzt sah, übersinnlich sah, wie in den alten Mysterien der Christus erwartet wurde.
[ 10 ] This individuality then relived quite intensely, in a supersensible way, during the Christian era, what it had experienced on Earth in connection with certain vanishing mystery traditions of the Near East. And this then brought about—since, as I have said, it had not been influenced by Christianity—that this individuality now saw, saw supersensually, how Christ had been awaited in the ancient mysteries.
[ 11 ] Aber da die Mysterien — ich meine die Kulte aus den Mysterienstätten, die diese Persönlichkeit sah — schon veräußerlicht waren an den Orten, wo sie gelebt hatte, nahm diese Persönlichkeit Kulte, Einrichtungen auf, die sich im Laufe der ersten Jahrhunderte der christlichen Entwickelung in verchristlichter Metamorphose eben auf das römische Christentum übertrugen.
[ 11 ] But since the mysteries—I mean the cults from the mystery sites that this personality witnessed—had already been externalized in the places where she had lived, this personality adopted cults and institutions that, in the course of the first centuries of Christian development, were transferred in a Christianized form to Roman Christianity.
[ 12 ] Also merken Sie wohl auf, meine lieben Freunde, um was es sich da handelt. Es handelt sich darum, daß in dieser Region nach dem Tode bei dieser Individualität ein Verständnis für das Äußerliche der Kulte und für das Äußerliche der Kircheneinrichtungen vorbereitet wurde, die ehedem heidnische waren, die aber wieder erstanden innerhalb der ersten christlichen Jahrhunderte und zum ausgesprochen römischen Kultus übergingen mit all den Auffassungen des kirchlichen Wesens, das mit dem römischen Kultus zusammenhing.
[ 12 ] So please take note, my dear friends, of what this is all about. The point is that, in this region, after death, an understanding was prepared within this individual for the external aspects of the cults and for the external aspects of the church institutions—which were formerly pagan but were revived during the first Christian centuries and evolved into a distinctly Roman cult, complete with all the conceptions of the nature of the church associated with the Roman cult.
[ 13 ] Sehen Sie, das bewirkte eine ganz besondere Geisteskonfiguration bei der betreffenden Persönlichkeit. Nun sehen wir wiederum in diesem Verlauf, den da der Mensch durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, diese Individualität ganz besonders das Karma ausarbeiten in der Merkur-Region, so daß sie nicht im innerlichen Sinne, aber im Sinne der Begabung mit äußerer Intelligenz, große Überschau bekommt über Verhältnisse.
[ 13 ] You see, this brought about a very special mental configuration in the individual in question. Now, in this process that the human being undergoes between death and a new birth, we see this individual working out their karma in a very special way in the Mercury region, so that—not in an inner sense, but in terms of being endowed with external intelligence—they gain a broad overview of circumstances.
[ 14 ] Und wenn wir dann diese Individualität weiter verfolgen, treffen wir sie auf der Erde wiederum als jenen Kardinal, der die Regietung Ludwigs XIV. besorgte, während Ludwig XIV. selber noch ein Kind war: als Kardinal Mazarin. Und wenn wit nun den Kardinal Mazarin studieren in alle dem, was er Glänzend-Splendides, Großes hat, und in alle dem, was er an äußerlicher Auffassung des Christentums hat, das ihm sogleich eingeht — auch in dem, wie er sich gewohnheitsmäßig einlebt in die Art jener Frau, welche die Vormundschaft über Ludwig XIV. führt —, da sehen wir: Er nimmt all dasjenige vom Christentum auf, was christliche Einrichtungen sind, christlicher Kultus, christlicher Prunk: er nimmt das alles auf, indem es sich ihm umgibt mit dem Glanze des vorderasiatisch-orientalischen Wesens. Und er regiert Europa im Grunde genommen so wie jemand, der vorderasiatisches Wesen stark aufgenommen hat in einer viel früheren Inkarnation.
[ 14 ] And if we then trace this individuality further, we encounter it again on Earth as the cardinal who managed the reign of Louis XIV while Louis XIV himself was still a child: Cardinal Mazarin. And when we now study Cardinal Mazarin in all that is brilliant, splendid, and grand about him, and in all his outward conception of Christianity—which comes to him immediately—as well as in the way he habitually immerses himself in the character of the woman who serves as regent for Louis XIV—we see: He absorbs all that which in Christianity constitutes Christian institutions, Christian worship, and Christian pomp: he absorbs all of this as it surrounds him with the splendor of the Near Eastern-Oriental essence. And he rules Europe, in essence, just as someone who has strongly absorbed the Near Eastern essence in a much earlier incarnation would.
[ 15 ] Aber dieser Kardinal Mazarin hatte schon Gelegenheit, nun ein wenig stark berührt zu werden von den Verhältnissen. Sie müssen nur das Zeitalter in Betracht ziehen: das Auslaufen des Dreißigjährigen Krieges, all die Dinge, die sich abspielten als von Ludwig XIV. ausgehend.
[ 15 ] But this Cardinal Mazarin had already had occasion to be somewhat deeply affected by the circumstances. You need only consider the era: the end of the Thirty Years' War, all the events that unfolded under Louis XIV.
[ 16 ] Kardinal Mazarin war mit einer großen Überschau begabt, ein großer Staatsmann, aber auch wiederum wie im 'Taumel, betäubt eigentlich von den eigenen Taten; so daß diese Taten, man möchte sagen, wie grandiose Geschicklichkeiten abliefen, aber nicht wie etwas, was aus dem tiefen Herzen kommt.
[ 16 ] Cardinal Mazarin was endowed with great foresight; he was a great statesman, but at the same time, as if in a “frenzy,” he was actually numbed by his own actions; so that these actions, one might say, unfolded like magnificent feats of skill, but not like something that comes from the depths of the heart.
[ 17 ] Dies Leben wird ganz merkwürdig, indem es nun wiederum durch die Zeit hindurchgeht zwischen Tod und neuer Geburt. Da kann man geradezu sehen, wie beim weiteren Passieren der Merkur-Region, man möchte sagen, alles das, was diese Persönlichkeit getan hat, sich wie in einen Nebel auflöst. Es bleibt alles, was diese Persönlichkeit aufgenommen hat an Ideen über das Christentum, es bleibt alles, was diese Persönlichkeit durchgemacht hat an Skepsis gegenüber der Wissenschaft, und alles das bildet sich nun um in diesem Leben zwischen Tod und neuer Geburt: Die Wissenschaft liefert nicht die letzten Wahrheiten; ein intensiver Erkenntnissinn, der im Anfluge eigentlich schon da war beim vorigen Passieren des Merkur, der vergeht wiederum, und es bildet sich in diesem Leben karmisch eine eigentümliche Mentalität aus; eine Mentalität, welche eindringliche Anschauungen, die diese Individualität durchgemacht hat, mit großer Zähigkeit festhält, die aber wenig Begriffe entwickeln kann für das nächste Leben, um sie zu beherrschen. Man hat das Gefühl, indem sie da durchgeht durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt: Was soll denn diese Individualität eigentlich in der neuen Inkarnation, die sie nun anstreben will? Mit was ist sie denn nun eigentlich richtig verbunden? Man hat das Gefühl: Die kann mehr oder weniger intensiv verbunden werden mit allem möglichen und mit nichts. Alle Antezedenzien sind dazu da. Die Intensität, mit der — nach vorangegangener Skepsis — auf all den Wegen, auf denen man zum Kardinal wird, das Christentum mit allen einzelnen Äußerlichkeiten durchlebt wird, das sitzt tief in der Persönlichkeit: Diese Persönlichkeit muß kenntnisreich werden, doch mit leichtgeschürzten Begriffen auftreten können. Aber außerdem: Wie ausgelöscht ist, ich möchte sagen, die europäische Landkarte, die sie einmal beherrscht hat. Man weiß nicht: Wie soll sie wieder zu der sich finden? Was wird sie anfangen mit dieser europäischen Landkarte? — Sie wird ganz gewiß nichts damit anzufangen wissen.
[ 17 ] This life becomes quite strange as it now passes once again through the interval between death and rebirth. One can actually see how, as the soul continues through the Mercury region, everything this personality has done seems to dissolve into a mist. All that remains are the ideas about Christianity that this personality has absorbed; all that remains is the skepticism toward science that this personality has experienced; and all of this is now transformed in this life between death and rebirth: Science does not provide the ultimate truths; an intense sense of insight, which was actually already present in a fleeting way during the previous passage through Mercury, fades away once more, and a peculiar mentality develops karmically in this life; a mentality that clings with great tenacity to the vivid impressions this individual has experienced, but which can develop few concepts for the next life to master them. One has the feeling, as this individual passes through life between death and a new birth: What is this individual actually meant to do in the new incarnation toward which it now strives? To what is it actually truly connected? One has the feeling: It can be connected, more or less intensely, to all manner of things—and to nothing at all. All the antecedents are there for this. The intensity with which—following prior skepticism—Christianity is lived out in all its external forms along the various paths leading to becoming a cardinal is deeply rooted in the personality: this personality must become knowledgeable, yet be able to present itself with concepts that are easily grasped. But besides that: How obliterated is—I would say—the European map that it once dominated. One does not know: How is it to find its way back to it? What will it do with this European map? — It will certainly not know what to do with it.
[ 18 ] Ja, meine lieben Freunde, man muß diese Dinge beim Durchgehen des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt durchmachen, damit man sich nur ja nicht irrt, damit nun wirklich ein exaktes Wissen herauskommt. Diese Persönlichkeit wird wiedergeboren als eine solche, die wirklich in ihrem physischen Leben, als die MichaelZeit heranrückt und da ist, ein merkwürdiges Doppelgesicht zeigt. Eine Persönlichkeit, die nicht recht Staatsmann sein kann, nicht ganz Staatsmann sein kann, nicht ganz Kleriker sein kann, die aber intensiv in beides hereingezogen wird: Das ist Hertling, der noch in seinem hohen Alter deutscher Reichskanzler geworden ist und die Reste seines Mazarintums in dieser Weise dann in karmischer Folge zu verwerten hatte; der all die Eigentümlichkeiten, mit denen er an das Christentum herangekommen ist, in seinem christlichen Professorentum zur Darstellung bringt.
[ 18 ] Yes, my dear friends, one must go through these things while passing through life between death and rebirth, so that one does not err, so that precise knowledge may truly emerge. This personality is reborn as one who, in their physical life—as the Michael Era approaches and is upon us—displays a remarkable duality. A personality who cannot quite be a statesman, cannot be a full-fledged statesman, cannot be a full-fledged cleric, but who is intensely drawn into both: This is Hertling, who became German Chancellor even in his old age and thus had to work through the remnants of his Mazarin-like nature in this way as a karmic consequence; who brings to light, in his role as a Christian professor, all the peculiarities with which he approached Christianity.
[ 19 ] Es ist ein Beispiel, an dem Sie sehen können, wie eigentümlich die Menschen der Gegenwart in der Vergangenheit zu ihren gegenwärtigen Individualitäten gekommen sind. Derjenige, der nicht forscht, sondern sich etwas ausdenkt, würde natürlich auf ganz etwas anderes kommen. Aber erst dann versteht man das Karma, wenn man eben anknüpfen kann an diese extremsten Zusammenhänge, die in der sinnlichen Welt sich fast als paradox ausnehmen, die aber in der geistigen Welt da sind. So wie eben da ist, was ich öfter auch schon hier erwähnt habe, die Tatsache: daß der die Kirche so wütend bekämpfende Ernst Haeckel der wiederverkörperte Mönch Hildebrand war, der als Gregor der große Papst war in der vorigen Inkarnation.
[ 19 ] This is an example that shows how uniquely people of the present have developed their current individualities through their past experiences. Someone who does not investigate but simply makes things up would, of course, arrive at a completely different conclusion. But one only understands karma when one can connect to these most extreme interrelationships, which in the sensory world seem almost paradoxical, but which exist in the spiritual world. Just as there is the fact—which I have mentioned here on several occasions—that Ernst Haeckel, who fought the Church so fiercely, was the reincarnated monk Hildebrand, who had been Pope Gregory the Great in his previous incarnation.
[ 20 ] Da sehen wir, wie gleichgültig der äußere Inhalt des Glaubens oder der Anschauung eines Menschen im Erdenleben ist; denn das sind seine Gedanken. Aber studieren Sie einmal Haeckel, und studieren Sie namentlich im Zusammenhange mit dem, was er als Abt Hildebrand war, den Gregor — ich glaube, er ist auch unter diesen Bildern von Chartres —, dann werden Sie sehen, daß in der Tat da dynamisch ein Fortwirken vorhanden ist.
[ 20 ] Here we see how irrelevant the outward content of a person’s faith or worldview is in earthly life; for these are merely their thoughts. But if you study Haeckel—and especially, in connection with his role as Abbot Hildebrand, the figure of Gregory (I believe he is also depicted in these paintings from Chartres)—then you will see that there is indeed a dynamic, ongoing influence at work there.
[ 21 ] Ich habe dieses Beispiel angeführt, damit Sie sehen, wie prominente Persönlichkeiten der Gegenwart die Vergangenheit in diese Gegenwart hereintragen. Ich möchte nun ein anderes Beispiel wählen, das Ihnen allen sehr, sehr wert sein kann, bei dem ich fast zurückschaudere, es irgendwie leicht zu sagen, das aber gerade so ungeheuer tief hineinführt in das ganze geistige Gefüge der Gegenwart, daß ich nicht umhin kann, gerade dieses Beispiel zu wählen.
[ 21 ] I cited this example so that you can see how prominent figures of the present carry the past into the present. I would now like to choose another example that may be of great, great value to all of you—one that almost makes me hesitate to mention it so casually, but which delves so incredibly deeply into the entire intellectual fabric of the present that I cannot help but choose this very example.
[ 22 ] Wenn Sie sich nachher das Gesicht des Mönchs Hildebrand anschauen, der Papst Gregor VII. wurde, den Sie ja aus der Geschichte kennen, Sie werden sehen, wie die Seelenkonfiguration des Haeckel gerade in diesem Antlitz des Hildebrand, des späteren Gregor, in einer wunderbaren Weise enthalten ist.
[ 22 ] When you later look at the face of the monk Hildebrand—who became Pope Gregory VII, whom you know from history—you will see how Haeckel’s “configuration of the soul” is wonderfully embodied in this very face of Hildebrand, the future Gregory.
[ 23 ] Aber ich möchte eben eine andere Persönlichkeit erwähnen, eine Persönlichkeit — wie gesagt, ich schrecke fast zurück, sie zu erwähnen, aber sie ist ungeheuer charakteristisch für dasjenige, was aus der Vergangenheit in die Gegenwart herübergetragen wird, und wie es herübergetragen wird. Ich habe ja öfter hingewiesen, und es wird Ihnen auch aus der äußeren Geschichte bekannt sein, daß im vierten Jahrhundert jenes Konzil stattgefunden hat, das Konzil von Nicäa, in dem für Westeuropa die Entscheidung getroffen worden ist zwischen Arianismus und Athanasianismus, wo der Arianismus verurteilt worden ist.
[ 23 ] But I would like to mention another figure—as I said, I almost hesitate to mention her, but she is incredibly representative of what is carried over from the past into the present, and of how it is carried over. As I have often pointed out—and as you will also know from general history—that council took place in the fourth century, the Council of Nicaea, at which the decision was made for Western Europe between Arianism and Athanasianism, and where Arianism was condemned.
[ 24 ] Es war ein Konzil, auf dem alle hohe Gelehrsamkeit, die in den ersten christlichen Jahrhunderten bei den maßgebenden Persönlichkeiten vorhanden war, zutage trat, wo wirklich mit tiefgehenden Ideen gestritten worden ist, wo eigentlich die menschliche Scele noch eine ganz andere Verfassung hatte, wo die menschliche Seele es als selbstverständlich nahm, in einer geistigen Welt unmittelbar drinnen zu leben und wo schon gestritten werden konnte mit Gehalt darüber, ob Christus, der Sohn, gleicher Wesenheit ist mit dem Vater oder nur ähnlicher Wesenheit ist mit dem Vater, welch letzteres der Arianismus behauptete. Wir wollen uns heute nicht einlassen auf die dogmatische Verschiedenheit der beiden, aber wir wollen im Auge behalten, daß es sich da um ungeheuer scharfsinnige Auseinandersetzungen, um großartige scharfsinnige Auseinandersetzungen handelte, die aber mit dem Intellektualismus der damaligen Zeit ausgefochten wurden.
[ 24 ] It was a council at which all the profound scholarship possessed by the leading figures of the early Christian centuries came to light, where profound ideas were genuinely debated, where the human soul was actually in a very different state, where the human soul took it for granted to live directly within a spiritual world, and where substantive debates could already take place regarding whether Christ, the Son, is of the same essence as the Father or merely of a similar essence to the Father—the latter being the position asserted by Arianism. We do not wish to delve today into the dogmatic differences between the two, but we should bear in mind that these were immensely astute debates—truly magnificent and astute debates—which were, however, waged with the intellectualism of that era.
[ 25 ] Wenn wir heute scharfsinnig sind, sind wir es halt als Menschen. Heute sind ja fast alle Menschen scharfsinnig. Ich habe das schon öfter gesagt: Die Menschen sind furchtbar gescheit, das heißt, sie können halt denken, nicht wahr? Das ist nicht viel, aber die Menschen können es heute. Ich kann auch sehr dumm sein und denken können; aber die Menschen können eben heute denken. Dazumal aber war es nicht so, daß die Menschen denken konnten, sondern sie empfanden die Gedanken als Inspiration. Wer also scharfsinnig war, empfand sich als gottbegnadet, und es war das Denken eine Art Hellsehen. Das war es durchaus noch im vierten nachchristlichen Jahrhundert. Und diejenigen, die einem Denker zuhörten, empfanden auch noch etwas über die Evolution seines Denkens. Nun war gerade auf diesem Konzil eine Persönlichkeit anwesend, die mit teilnahm an jenen Diskussionen, die aber über den Ausgang des Konzils im höchsten Grade verstimmt war, die vorzugsweise damals bemüht war, für beide Teile die Argumente aufzubringen. Diese Persönlichkeit brachte sowohl für den Arianismus wie für den Athanasianismus die bedeutsamsten Gründe auf, und wäre es nach dieser Persönlichkeit gegangen, so wäre ganz zweifellos etwas ganz anderes herausgekommen. Es wäre nicht eine Art fauler Kompromiß zwischen Arianismus und Athanasianismus herausgekommen, sondern etwas wie eine Synthese herausgekommen, eine solche Synthese, die wahrscheinlich etwas sehr Großes — man soll nicht Geschichte konstruieren, aber man kann zur Erläuterung dieses sagen —, die wahrscheinlich etwas sehr Großes gewesen wäre, die dahin geführt hätte, das menschliche innere Göttliche viel intimer mit dem Göttlichen des Universums zusammenzuknüpfen. Denn so wie der Athanasianismus die Sache dann ausgestaltet hat, wurde eigentlich die menschliche Seele so recht getrennt von dem göttlichen Ursprung, und es wurde sogar als ketzerisch angesehen, wenn man von dem Gott im Innern des Menschen sprach.
[ 25 ] If we’re astute today, it’s simply because we’re human. After all, almost everyone is astute these days. I’ve said this many times before: People are incredibly smart—that is to say, they’re simply capable of thinking, aren’t they? It’s not much, but people can do it today. I, too, can be very stupid and still be able to think; but people today are simply capable of thinking. Back then, however, it wasn’t the case that people could think; rather, they experienced thoughts as inspiration. So whoever was astute felt divinely gifted, and thinking was a kind of clairvoyance. This was certainly still the case in the fourth century A.D. And those who listened to a thinker could also sense something about the evolution of his thinking. Now, at this very council, there was a figure present who took part in those discussions but was deeply disheartened by the council’s outcome—a figure who, at that time, was primarily concerned with presenting arguments on behalf of both sides. This figure presented the most significant arguments for both Arianism and Athanasianism, and had it been up to this figure, the outcome would undoubtedly have been quite different. It would not have resulted in a sort of half-hearted compromise between Arianism and Athanasianism, but rather in something like a synthesis—a synthesis that would likely have been something very great—one should not construct history, but one can say this by way of explanation—that would likely have been something very great, something that would have led to a much more intimate connection between the inner divinity of the human being and the divinity of the universe. For just as Athanasianism ultimately shaped the matter, the human soul was actually quite separated from its divine origin, and it was even considered heretical to speak of the God within man.
[ 26 ] Hätte der Arianismus allein gesiegt, so hätte man natürlich viel von dem Gott im Innern des Menschen gesprochen, aber man würde niemals das mit der nötigen inneren Ehrfurcht und namentlich nicht mit der nötigen inneren Würde getan haben. Der Arianismus allein hätte eben den Menschen auf jeder Stufe als eine Verkörperung des in ihm seienden Gottes angesehen. Das ist aber jedes Tier auch, das ist die ganze Welt, das ist jeder Stein, das ist jede Pflanze. Einen Wert hat diese Ansicht nur, wenn sie zu gleicher Zeit den Antrieb in sich enthält, daß man immer höher und höher in der Entwickelung steige, um den Gott erst zu finden. Die Behauptung, man habe ein Göttliches in sich auf irgendeiner Stufe des Lebens, hat nur dann einen Sinn, wenn man dieses Göttliche in einem fortwährenden Aufstreben «zu sich selbst», bei dem es noch nicht ist, auffaßt. Aber eine Synthese der beiden Anschauungen wäre ganz zweifellos zustande gekommen, wenn diese Persönlichkeit, die ich meine, dazumal auf dem Konzil irgendeinen maßgeblichen Einfluß hätte gewinnen können.
[ 26 ] If Arianism alone had prevailed, people would naturally have spoken a great deal about the God within man, but they would never have done so with the necessary inner reverence and, above all, not with the necessary inner dignity. Arianism alone would have regarded human beings at every stage as an embodiment of the God dwelling within them. But so is every animal, so is the entire world, so is every stone, so is every plant. This view has value only if it simultaneously contains the impulse to ascend ever higher and higher in development in order to find God in the first place. The assertion that one possesses something divine within oneself at any stage of life only makes sense if one conceives of this divine element as a continuous striving “toward oneself,” toward a state in which it is not yet present. But a synthesis of the two views would undoubtedly have come about if the person I am referring to had been able to gain any significant influence at the Council at that time.
[ 27 ] Diese Persönlichkeit ging tief unbefriedigt in eine Art ägyptischer Einsiedelei, lebte in einer außerordentlich asketischen Weise, gründlich bekannt — damals im vierten Jahrhundert — mit alledem, was eigentlich die wirklichen, spirituellen Substanzen des Christentums dazumal waren; vielleicht einer der bestunterrichteten Christen, die es dazumal gab, aber nicht ein Kämpfer.
[ 27 ] This figure, deeply dissatisfied, withdrew to a kind of Egyptian hermitage, lived an extraordinarily ascetic life, and was thoroughly familiar—back in the fourth century—with all that constituted the true, spiritual essence of Christianity at that time; perhaps one of the most well-educated Christians of his time, but not a fighter.
[ 28 ] Schon die Art und Weise, wie der Betreffende auf dem Konzil aufgetreten ist, war die eines allseitig abwägenden, ruhigen, aber außerordentlich begeisterten, nur nicht für die Einzelheiten und Einseitigkeiten begeisterten Menschen; eines Menschen, der — ich kann nicht sagen, angeekelt war, das würde nicht der richtige Ausdruck sein —, aber der außerordentlich bitter berührt war davon, daß er mit gar nichts durchgedrungen war, weil er so ganz überzeugt war davon, daß dem Christentum nur Heil erwachsen könne, wenn seine Anschauung durchdringen würde.
[ 28 ] Even the way this person conducted himself at the Council was that of someone who weighed all sides, who was calm yet extraordinarily enthusiastic—though not enthusiastic about the details or one-sided views; a person who—I cannot say was disgusted, for that would not be the right expression—but who was deeply distressed by the fact that he had not been able to get any of his views across, because he was so thoroughly convinced that Christianity could only be saved if his perspective were to prevail.
[ 29 ] Und so zog er sich denn in eine Art Einsiedelei zurück, wurde für den Rest seines Lebens ein Eremit, der aber eine ganz besondere Laufbahn verfolgte aus dem inneren Drang seiner Seele heraus, der gerade dieser Laufbahn, den Ursprung der Denk-Inspiration zu erforschen, sich widmete. Das mystische Vertiefen dieser Persönlichkeit ging dahin, dahinterzukommen, von woher das Denken seine Inspiration bekommt. Wie in eine einzige, große Sehnsucht ging das: den Ursprung des Denkens in der geistigen Welt zu finden. Und ganz erfüllt wurde diese Persönlichkeit zuletzt mit dieser Sehnsucht. Sie starb auch mit dieser Sehnsucht, ohne daß sie während dieses damaligen Erdenlebens dadurch einen konkreten Abschluß gefunden hätte, daß Antwort dagewesen wäre. Die war nicht da. Dazumal war schon die Zeit doch ungünstig.
[ 29 ] And so he withdrew to a sort of hermitage, becoming a hermit for the rest of his life—though he pursued a very special path driven by an inner urge of his soul, devoting himself precisely to this path of exploring the origin of the inspiration for thought. This individual’s mystical deepening was directed toward discovering the source from which thought derives its inspiration. It unfolded as a single, great longing: to find the origin of thought in the spiritual world. And in the end, this individual was completely fulfilled by this longing. He also died with this longing, without having found a concrete resolution to it during that earthly life—that is, without having received an answer. There was none. After all, the times were not yet ripe.
[ 30 ] Und so machte diese Persönlichkeit im Durchgange durch den Tod etwas Eigentümliches durch. Jahrzehnte nach dem Tode konnte sie gerade zurückschauen auf das Erdenleben und immer dieses Erdenleben tingiert sehen mit demjenigen, wozu sie zuletzt gekommen war. Diese Persönlichkeit konnte in dem, was da unmittelbar in der rückwärtigen Betrachtung sich an den Tod anschloß, sehen, wie der Mensch denkt.
[ 30 ] And so, in passing through death, this personality underwent something peculiar. Decades after death, she was able to look back on her earthly life and always see that life tinged with what she had ultimately come to realize. In what immediately followed death in this retrospective view, this individual was able to see how human beings think.
[ 31 ] Nun war noch keine Erfüllung dieser Frage da. Das ist wichtig. Und ohne daß ein Gedanke da war als Antwort auf diese Frage, sah diese Persönlichkeit gerade nach dem Tode in einer wunderbar hellen, imaginativen Art in die Intelligenz des Weltalls hinein. Nicht die Gedanken des Weltalls sah sie — die hätte sie gesehen, wenn das, was sie ersehnt hatte, zum Abschluß gekommen wäre -, nicht die Gedanken des Weltalls er sah sie, wohl aber in Bildern das Denken des Weltalls.
[ 31 ] At that point, there was still no answer to this question. That is important. And even though there was no thought to serve as an answer to this question, immediately after death this individual gazed into the intelligence of the universe in a wonderfully luminous, imaginative way. She did not see the thoughts of the universe—she would have seen those if what she had longed for had been fulfilled—she did not see the thoughts of the universe, but rather, in images, the thinking of the universe.
[ 32 ] Und so lebte sich durch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hier eine Individualität, die in einer Art von Gleichgewichtszustand war zwischen mystischer imaginativer Anschauung und scharfsinnigem Denken von früher, das aber im Fluß war, das noch nicht zum Abschluß gekommen war.
[ 32 ] And so, caught between death and a new birth, an individuality existed here that was in a sort of state of equilibrium between mystical, imaginative insight and the astute thinking of earlier times—a state that was, however, in flux and had not yet reached its conclusion.
[ 33 ] Zunächst siegte in dem, was sich da karmisch ausgestaltete, die mystische Anlage. Die betreffende Individualität wird im Mittelalter als eine Visionärin geboren, als eine Visionärin, die wunderbare Einblicke in die geistige Welt entwickelte. Die denkerische Anlage trat zunächst ganz zurück, das Anschauungsmäßige trat in den Vordergrund. Wunderbare Visionen mit gleichzeitigem mystischem Sich-Hingeben an den Christus, ungeheuer tiefes Durchdringen der Seele mit einem visionär anschaulichen Christentum, Visionen, in denen der Christus wie der Anführer erschien von milden, nicht streitbaren Scharen, von Scharen, die durch ihre Milde das Christentum verbreiten wollten, wie es in keinem Zeitalter noch in der Realität auf der Erde da war — aber das war in den Visionen dieser Nonne da: ein ganz intensives Christentum, das gar nicht hereinpaßte in dasjenige, was dann in der neueren Form als das Christentum sich entwickelte.
[ 33 ] At first, the mystical disposition prevailed in what was taking shape karmically. The individual in question was born in the Middle Ages as a visionary—a visionary who developed wondrous insights into the spiritual world. The intellectual disposition initially receded entirely, while the intuitive aspect came to the fore. Marvelous visions accompanied by a mystical surrender to Christ, an immensely deep permeation of the soul with a vividly visionary form of Christianity—visions in which Christ appeared as the leader of gentle, non-confrontational multitudes, multitudes who sought to spread Christianity through their gentleness, in a way that had never before existed in reality on Earth in any age — but this was present in this nun’s visions: a very intense form of Christianity that did not fit at all into what later developed as Christianity in its modern form.
[ 34 ] Zur Zeit ihres Lebens kam diese Nonne, diese Visionärin, diese Seherin, in keinen Konflikt mit dem positiven Christentum. Aber sie wuchs heraus aus dem positiven Christentum; sie wuchs hinein in ein zunächst ganz persönlich geartetes Christentum, in ein Christentum, das es eigentlich auf Erden späterhin gar nicht gab. So daß dieser Persönlichkeit, ich möchte sagen, vom Weltenall die Frage gestellt war, wie dieses Christentum in einer neuen Inkarnation in einem physischen Leibe zu verwirklichen ist.
[ 34 ] During her lifetime, this nun, this visionary, this seer, did not come into conflict with positive Christianity. But she outgrew positive Christianity; she grew into a form of Christianity that was at first entirely personal in nature—a Christianity that, in fact, did not even exist on Earth later on. So that this personality, I would say, was asked by the universe itself how this Christianity could be realized in a new incarnation within a physical body.
[ 35 ] Und gleichzeitig stellten sich jetzt, nachdem die betreffende Seherin, Visionärin, durch die Pforte des Todes schon längere Zeit gegangen war, wiederum die Nachklänge des alten Intellektualismus, des inspirierten Intellektualismus ein. Die Nachwirkungen der Visionen wurden «durchideeisiert», möchte ich sagen. Und auf der Suche nach einem Menschenleibe wurde diese Individualität die des Solowjow, Wladimir Solowjow.
[ 35 ] And at the same time, now that the seer, the visionary, had long since passed through the gate of death, the echoes of the old intellectualism—the inspired intellectualism—began to resound once more. The aftereffects of the visions were “de-idealized,” I might say. And in its search for a human body, this individuality became that of Soloviev, Vladimir Soloviev.
[ 36 ] Und lesen Sie die Schriften des Solowjow. Ich habe es ja hier schon öfter geschildert, welchen Eindruck sie auf einen heutigen Menschen machen, ich habe es auch ausgesprochen in der Einleitung zur Solowjow-Ausgabe. Versuchen Sie zu fühlen, was da alles zwischen den Zeilen steckt, steckt von einer Mystik, die uns oftmals sehr schwül erscheint, steckt von einem Christentum, das einen individuellen Ausdruck hat, das aber deutlich zeigt: Das mußte suchen nach einem so weichen Leib, nach einem nach allen Seiten biegsamen Leib, wie man ihn nur aus dem russischen Volk heraus haben kann.
[ 36 ] And read Soloviev’s writings. I have already described here on several occasions the impression they make on a person today; I also expressed this in the introduction to the Soloviev edition. Try to sense what lies between the lines—a mysticism that often seems very oppressive to us, and a form of Christianity that has an individual expression but clearly demonstrates that it had to seek out a body so supple, a body flexible in every direction, as can only be found among the Russian people.
[ 37 ] Ich denke, man kann schon, wenn man diese Beispiele anschaut, meine lieben Freunde, die heilige Scheu vor den ja wirklich nur im Innersten keusch zu bewahrenden Wahrheiten des Karma behalten, denn wer Sinn für Betrachtung der geistigen Welt hat, bei dem wird dasjenige, was man oftmals will: daß die Wahrheit etwas Heiliges hat, etwas Verhülltes hat, wahrhaftig nicht in unwürdiger Weise enthüllt.
[ 37 ] I think, my dear friends, that when you look at these examples, you can indeed maintain a sacred reverence for the truths of karma—truths that must truly be preserved in the innermost recesses of the soul; for those who have a sense for contemplating the spiritual world will find that what is often desired—that the truth possess something sacred, something veiled—is truly not revealed in an unworthy manner.
[ 38 ] Der Anthroposophie hat man ja immer wieder und wiederum vorgeworfen, namentlich von theologischer Seite aus vorgeworfen, sie ziehe den Schleier des Heiligen, Mysteriösen von den geheimnisvollen Wahrheiten hinweg, mache sie dadurch profan. Wenn man aber gerade in die tieferen, mehr esoterischen Glieder des anthroposophischen Anschauens hineingeht, dann wird man empfinden, daß wahrhaftig von einer solchen Profanierung nicht die Rede sein kann, sondern daß die Welt einen mit einer heiligeren Scheu erfüllt, wenn man die Menschenleben hintereinander schaut und die wunderbare Art des Hineinwirkens früherer Menschenleben in spätere Menschenleben. Man muß nur selbst nicht innerlich profaniert sein oder mit seinem Denken profanierend wirken, dann wird man nicht solche Einwände machen.
[ 38 ] Anthroposophy has, time and again, been accused—particularly by theologians—of lifting the veil of the sacred and the mysterious from these profound truths, thereby profaning them. But when one delves into the deeper, more esoteric aspects of the anthroposophical perspective, one will sense that there can truly be no question of such a desecration; rather, the world fills one with a more sacred awe when one contemplates human lives in succession and the wondrous way in which earlier human lives influence later ones. One need only not be inwardly profaned oneself or act in a profaning way with one’s thinking; then one will not raise such objections.
[ 39 ] Man kann schon sagen: Wer Solowjows Schriften liest und im Hintergrunde die fromme Nonne sieht mit ihren wunderbaren Visionen, mit ihrer unendlichen Hingabe an die Wesenheit des Christus, wer diese Persönlichkeit herausschreiten sieht mit dem bittersten Gefühle aus dem Konzil, wo so Großes und Bedeutsames von ihr vorgebracht worden ist, wer sozusagen das Christentum zweimal — in seiner rationalistischen Gestalt, aber in der inspiriert rationalistischen Gestalt, und dann in seiner visionären Gestalt — in der Seele und in dem Herzen dieser Individualität entdeckt als den Hintergrund: für den wird wahrhaftig durch das Hinwegheben des Schleiers von dem Geheimnis nichts profaniert.
[ 39 ] One could certainly say: Anyone who reads Soloviev’s writings and sees in the background the devout nun with her wondrous visions, with her infinite devotion to the essence of Christ; anyone who sees this figure walking out of the council with the bitterest of feelings, after having presented something so great and significant there; anyone who, so to speak, discovers Christianity twice—first in its rationalistic form, but in its inspired rationalistic form, and then in its visionary form—in the soul and heart of this individual as the backdrop: for such a person, nothing is truly profaned by the lifting of the veil from the mystery.
[ 40 ] Ein deutscher Romantiker hat einmal den Mut gehabt, über den berühmten Isis-Spruch anders zu denken als alle anderen. Dieser berühmte Isis-Spruch heißt ja: Ich bin, was da war, was da ist, was da sein wird; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet. — Darauf hat dieser deutsche Romantiker geantwortet: Dann müssen wir eben Unsterbliche werden, um ihn zu lüften! — Die anderen haben den Spruch nur hingenommen.
[ 40 ] A German Romantic once had the courage to think differently from everyone else about the famous saying of Isis. This famous saying of Isis goes: “I am what was, what is, and what will be; no mortal has yet lifted my veil.” — To this, the German Romantic replied: “Then we must simply become immortals in order to lift it!” — The others simply accepted the saying as it was.
[ 41 ] Entdecken wir das wirkliche Unsterbliche in uns, das GeistigGöttliche, dann dürfen wir an so manches Geheimnis herantreten, ohne es zu profanieren, an das wir mit einem geringeren Vertrauen zu der eigenen Göttlichkeit unserer Wesenheit eben nicht herantreten dürfen.
[ 41 ] If we discover the true immortality within us—the spiritual-divine—then we may approach many a mystery without profaning it; mysteries that we simply cannot approach if we have less confidence in the divine nature of our own being.
[ 42 ] Das aber ist skizziert die Gesinnung, die sich immer mehr und mehr verbreiten sollte unter dem Einflusse solcher Betrachtungen, wie sie die vorige und diese waren, und die dann wirken sollten auf das Tun und Leben derjenigen, die in der Art, wie es geschildert worden ist, ihr Karma hinzutragen zur Anthroposophischen Gesellschaft.
[ 42 ] This, however, outlines the mindset that was to spread more and more under the influence of reflections such as those presented in the previous section and this one, and that was then to influence the actions and lives of those who, in the manner described, were to carry out their karma within the Anthroposophical Society.
