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Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume IV
GA 238

21 September 1924, Dornach

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Neunter Vortrag

Lecture IX

[ 1 ] Die Vorträge, die ich jetzt gehalten habe unter dem Eindrucke, daß von allen Seiten her so viele Freunde hier anwesend sind, sie haben im wesentlichen den Zweck verfolgt, eine Darstellung zu geben aus dem Karma heraus, die wenigstens in einigen Linien zum Verständnisse des gegenwärtigen Geisteslebens in spiritueller Beziehung führen soll. Und ich möchte dasjenige, was in einer gewissen Beziehung eine Art von Einheit bildet, dann am nächsten Dienstag noch in dem letzten dieser Vorträge abschließen.

[ 1 ] The lectures I have now been giving under the impression of the presence of so many friends who have come here from different countries, have followed a certain main purpose. Out of karmic sources, I have tried to give a description which should lead, at any rate in a few broad outlines, to a spiritual understanding of the spiritual life of the present time. In a certain respect these lectures will after all form a totality, a single whole, which I will bring to a conclusion in my lecture next Tuesday.

[ 2 ] Heute möchte ich an einem Beispiele zeigen, wie schwierig es eigentlich werden kann, dasjenige in die Gegenwart hereinzutragen, was wirklich für die Gegenwart geeignete Geisteswissenschaft ist. Nicht aus äußerlichen Verhältnissen möchte ich diese Frage heute beantworten, sondern an einem karmischen Beispiele. Das Beispiel wird ja zunächst eine Individualität geben, die nicht gerade typisch ist, sondern die schon eine besondere Individualität darstellt; aber es kann dadurch gezeigt werden, wie schwierig es ist, in ein gegenwärtiges Erdenleben hineinzutragen, was ja natürlich jeder Mensch aus früheren Erdenleben mitbringt, mitbringt so, daß er — vielleicht mit Ausnahme seiner allerletzten Inkarnation — dennoch in gewissen ursprünglichen Beziehungen zur geistigen Welt entweder noch wirklich oder wenigstens der Tradition nach gestanden hat. Es kann uns zeigen, wie es trotzdem schwierig ist, gerade in die gegenwärtige Leiblichkeit des Menschen, in die gegenwärtigen Erziehungs- und Zivilisationsverhältnisse etwas früheres Spirituelles, auf spirituelle Art Aufgenommenes hereinzutragen.

[ 2 ] To-day I will give an example to show how difficult it can be to carry into this present time a spiritual science which should really be suited to this time. I will not try to answer the question to-day by reference to external circumstances, but I will answer it by a karmic example. The individuality to whom this example will refer is not exactly typical. It is indeed a very peculiar individuality. Nevertheless this example will serve to show how difficult it is to carry into an earthly life in the present time, what every human being does after all bring with him from his former lives on earth. I mean what he brings with him in the sense that with the possible exception of his very last incarnation, he did after all still stand in original relationship of one kind or another to the spiritual world, or if not in reality, then at least by tradition. And yet in spite of this it is so difficult to carry into the bodily nature of the human being of to-day, into the conditions of present-day education and culture, anything spiritual that was received and absorbed in former time.

[ 3 ] Und dazu möchte ich hier vor Ihnen eine Reihe aufeinanderfolgender Erdenleben einer Individualität entwickeln, die Ihnen gerade alle möglichen Hemmnisse zeigen sollen, die sich ergeben können gegen ein solches Hereintragen in die gegenwärtige Zeit, und die zeigen können, wie sich eigentlich diese Schwierigkeiten schon bei manchen in früheren Erdenleben vorbereitet haben.

[ 3 ] To this end I will now unfold before you a succession of earthly lives of an individuality which will reveal to you all manner of hindrances that can indeed arise to prevent the carrying of spiritual contents into the present time. This example will also show you how such difficulties were already prepared in many cases during former earthly lives.

[ 4 ] Betrachten wir da zunächst, meine lieben Freunde, eine menschliche Individualität in ihrer Inkarnation im sechsten vorchristlichen Jahrhundert, eigentlich in jener Zeit und etwas darnach, in welcher die Abführung der Juden in die babylonische Gefangenschaft stattgefunden hat. Da stieß mir bei der Betrachtung dieser Zeit eine Individualität auf, eine Fraueninkarnation dazumal, die dem jüdischen Stamm angehörte, die aber bei jenem Abführen der Juden in die babylonische Gefangenschaft, das heißt eigentlich bevor die Juden in der babylonischen Gefangenschaft angekommen waren, entflohen ist und aufgenommen hat dann in Vorderasien in der folgenden Zeit — sie ist ziemlich alt geworden in jener Inkarnation — alle möglichen Lehren, die in Vorderasien dazumal aufzunehmen waren. Namentlich nahm sie dasjenige auf, was dazumal mit einer großen Intensität, mit starker Eindringlichkeit noch lebte in Vorderasien und was in der verschiedensten Weise jene Weltanschauung ausgestaltete, die man die Zarathustra-Weltanschauung nennen kann mit ihrem starken Dualismus, der ja auch geschildert ist in einem Kapitel meiner «Geheimwissenschaft»: jenem Dualismus, der auf der einen Seite Ahura Mazdao, den großen Lichtgeist, anerkannte, der seine Impulse in die Menschheitsentwickelung sendet, um Quell des Guten, des Großen, des Schönen zu sein, der seine dienenden Geister, die Amschaspands hat, die ihn umstellen, wie die Sonne umstellt wird in dem Scheine der Offenbarung des Himmelsantlitzes von den zwölf Zeichen des Tierkreises — da haben wir also die Lichtseite jenes im alten Persien urständenden Dualismus —, wir haben dann die ahrimanische Gegenmacht, die das Finstere, aber auch das Böse, das überall Hemmende, das überall Disharmonisch-Gestaltende in die Weltentwickelung der Menschheit hineinträgt.

[ 4 ] To begin with, we will consider a human individuality incarnated in the 6th century B.C. It was the time when the Jews were led into the Babylonian captivity, and a little after that. In studying that period I was struck by an individuality who was incarnated as a woman belonging to the Jewish race. When the Jews were led into captivity, however, that is to say, before they actually arrived in the Babylonian captivity, this woman made her escape. And in the time that followed (she attained a considerable age in that incarnation) she received in Asia Minor all manner of teachings which could be received there at that time. She received among other things what was then living with great intensity, with great impressiveness, even in Asia Minor, elaborating in various directions what we may call the Zarathustrian world-conception with its intense dualism. You remember the description in a chapter of my Occult Science: the dualism recognising on the one hand Ahura Mazdao, the great Spirit of Light, who sends his impulses into the evolution of mankind, so as to be the source of the good and great and beautiful, who is surrounded by his ministering spirits, the Amschaspands, even as the sun is surrounded in the glory of the manifestation of the countenance of heaven by the twelve signs of the zodiacal circle. These then are the light aspects in the dualism which originated in ancient Persia. On the other hand there was the Ahrimanic opposing power, bearing into the world-evolution of mankind all that is dark, and not only dark but all that is evil, all that hinders and creates disharmony.

[ 5 ] Diese Lehre war verknüpft mit einer eindringlichen Erkenntnis der Konstellation der Sterne in dem Sinne, wie man in den alten Zeiten Astrosophie oder Astrologie hatte. Das alles konnte jene Individualität eben dazumal in ihrer Fraueninkarnation dadurch aufnehmen, daß sie eine Art Lehrer und Freund in einer männlichen Persönlichkeit hatte, die in vieles dieser vorderasiatischen Lehren, namentlich auch in die chaldäische Sternkunde, eingeweiht war.

[ 5 ] This teaching was bound up with the deep and impressive knowledge of the constellation of the stars in the sense of the astrology or astrosophy of ancient times. All these things, the individuality of whom I am speaking, in her incarnation as a woman in that time, was able to receive because she had as her teacher in a sense, and as her friend, a man who was initiated into many of these doctrines of Asia Minor, and especially also into the Chaldean knowledge of the stars.

[ 6 ] Und so haben wir zunächst einmal einen regen Gedankenaustausch zwischen diesen beiden Persönlichkeiten in der Zeit, nachdem die Juden in die babylonische Gefangenschaft abgeführt waren, und wir haben die merkwürdige Erscheinung, daß die weibliche Persönlichkeit durch die Gewalt der Eindrücke, die sie erhielt, durch all das, was sie in einer außerordentlich empfänglichen, interessierten Weise aufnahm, innerlich schauend wurde und in Visionen, die durchaus die kosmische Ordnung wiedergaben, die Welt überblicken konnte.

[ 6 ] Thus we have to begin with a lively interchange of thought between these two, in the period following the abduction of the Jews into captivity. And we have the following remarkable phenomenon. Through the powerful impressions she received, through all the teachings which she absorbed with extraordinary interest and receptivity, powers of seership were awakened in the woman's inner life. She became able to behold the universe in visions which portrayed in a very real sense the cosmic order.

[ 7 ] Wir haben es da wirklich mit einer merkwürdigen Individualität zu tun, in der sozusagen alles das auflebt, was besprochen, was durchgenommen worden ist gemeinsam mit diesem befreundeten Halb-Initiaten Vorderasiens. Und es bemächtigte sich jener weiblichen Persönlichkeit eine Stimmung, von der man sagen kann: Ach, was waren schließlich all die Ideen, die ich aufgenommen habe während des Lernens, gegen das mächtige Tableau der Imaginationen, die jetzt vor meiner Seele stehen! Wie ist doch die Welt innerlich reich und gewaltig! — Das merkte diese Persönlichkeit an den visionären Imaginationen.

[ 7 ] In this case we have to do with a really remarkable individuality. All that had been discovered and experienced between her and the semi-Initiate of Asia Minor who was her friend, all this sprang into life, as it were, within her. And a feeling came over her which we may express in these words: What were all the ideas I received during my instruction as against the mighty tableau of Imaginations that now stand before my soul? How great and mighty is the universe itself, how rich in inner content!—For she realised this through her visionary Imaginations.

[ 8 ] Und gerade diese Stimmung, die erzeugte nun eine gewisse Verstimmung zwischen den beiden Persönlichkeiten. Die männliche Persönlichkeit gab mehr auf das gedankliche Verfolgen der Weltanschauung, die weibliche Persönlichkeit ging immer mehr und mehr ins Bildhafte über. Und man kann sagen, daß beide Persönlichkeiten fast gleichzeitig durch die Pforte des Todes gingen, aber mit einer gewissen Verstimmung gegeneinander.

[ 8 ] This mood gave rise to a certain feeling of estrangement between the two, for the man was more inclined to value the tracing of world-conceptions along the lines of thought, while the woman tended more and more to the pictorial element. Then the two personalities went through the gate of death almost simultaneously, but with a certain feeling of estrangement between them.

[ 9 ] Nun war ja das Ergebnis dieser Erdenleben in einer eigentümlichen Weise, ich möchte sagen, zusammenverschmolzen, so daß ungeheuer Intensives von den beiden Individualitäten nach dem Tode erlebt wurde im rückschauenden, rückwärtsgehenden Leben und auch bei der Ausarbeitung des Karma zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Ein intensives Gemeinsamkeitsleben war das Ergebnis dieses sonderbaren Erdenzusammenseins. Wir finden insbesondere bei der weiblichen Persönlichkeit nach dem Tode die Stimmung, die zuletzt von der Präponderanz der visionären Imaginationen da war, nicht mehr in so starker Weise vorhanden. Wir finden vielmehr bei dieser weiblichen Persönlichkeit dann nach dem Tode für das nächste Erdenleben eine Art Sehnsucht aufsprießen, nun in diesem nächsten Erdenleben die Dinge in gedanklicher Form zu begreifen, während sie ja in diesem Erdenleben, das ich beschrieben habe, die Dinge mehr in sprachlicher Form begriffen hatte, so daß sie dann eigentlich aus dem sprachlichen Erleben in das visionäre Imaginieren hinübergegangen waren.

[ 9 ] Now the results of these two earthly lives became in a strange way fused together. The two individualities went through the most intense experiences in looking backward over their life, in passing backward through their life after their death, and in elaborating their karma between death and a new birth. The result of their life together upon earth was an intense life in community with one another after death. In the one who had been a woman we find the feeling of preponderance of visionary Imaginations which she had had towards the end of her life no longer present so intensely after her death. Indeed there springs forth in her a kind of longing that in her next earthly life she may comprehend these things more in the form of thought. For in her past life which I have just described she had comprehended them more in the form of speech. From having been livingly experienced in speech they had passed over into the life of visionary Imaginations.

[ 10 ] Nun wurden die beiden Persönlichkeiten, da sie so stark karmisch zusammenhingen, beide wiedergeboren in den ersten christlichen Jahrhunderten, wo sich die geistige Substanz des Christentums einbildete in ein gewisses wissenschaftliches Arbeiten. Und ich habe ja früher einmal hier erwähnt, wie gerade viele derjenigen Seelen, die dann in ehrlicher Weise zur Anthroposophie gekommen sind, in diesen ersten christlichen Jahrhunderten das Christentum miterlebt haben, aber in einer viel lebendigeren Form miterlebt haben, als es sich später gestaltet hat. Und so sehen wir denn jetzt eine sehr merkwürdige Erscheinung.

[ 10 ] The two individualities, intensely connected as they were with one another in their karma, were reborn in the first Christian centuries at a time when the spiritual substance of Christianity was gradually becoming informed with a certain scholarship and scholarly activity. I have mentioned once before that many of the souls who out of a sincere impulse have since found their way into Anthroposophy, partook in the Christianity of those early Christian centuries. But at that time they could experience Christianity in a far more living form than it afterwards assumed. Now in this case a peculiar thing appears.

[ 11 ] Wir sehen einen Mann auftreten, der jetzt in bezug auf das Karma nichts zu tun hat mit den beiden Persönlichkeiten, von denen ich spreche, mit ihren Individualitäten, aber der jetzt zeitgeschichtlich mit ihnen zu tun hat: Wir sehen eine maßgebende, eine tonangebende Persönlichkeit in Martianus Capella auftreten.

[ 11 ] There comes before us a man who, as far as karma was concerned, has nothing directly to do with the two individualities of whom I am speaking. But he has to do with them through the history of the time in which they were now living. I refer to Martianus Capella, a dominant personality in the spiritual life of that time.

[ 12 ] Das ist diejenige Persönlichkeit, die zuerst das maßgebende, grundlegende Buch schreibt über die sieben Freien Künste, die ja dann bei allem Unterrichten und Lehren durch das ganze Mittelalter hindurch eine große Rolle spielten: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik; die sieben Freien Künste, die dann zusammen in ihrem Wirken eben dasjenige gaben, was man dazumal Natur- und Welterkenntnis nannte.

[ 12 ] It was he who first wrote the fundamental work on the Seven Liberal Arts, which were to play so great a part in all teaching and education throughout the Middle Ages. The Seven Liberal Arts were: Grammar, Rhetoric, Dialectic, Arithmetic, Geometry, Astronomy and Music. In their combined activity and influence they provided what was then felt as knowledge both of Nature and of the Universe.

[ 13 ] Das Buch von Martianus Capella erscheint zunächst etwas trocken, nüchtern. Allein, meine lieben Freunde, man muß wissen, daß solche Bücher namentlich in diesen ersten Zeiten des Mittelalters dennoch aus spirituellen Untergründen hervorgegangen sind; geradeso wie auch noch die späteren Darstellungen, die aus der Schule von Chartres hervorgegangen sind, einen ähnlich nüchternen, katalogisierenden Charakter haben. Und so muß man auch das, was in trockener, nüchterner Darstellungsweise bei Martianus Capella sich findet über die sieben Freien Künste und die hinter ihnen wirkende Natur, als den Ausfluß gewisser instinktiver, höherer Anschauungen betrachten können. Denn dasjenige, was die sieben Freien Künste waren, das wurde in der Tat als \Wesenhaftes vorgestellt, wie die Natur selber — das habe ich ja schon dargestellt in diesen Vorträgen — als Wesenhaftes dargestellt wurde. Und wenn auch solche Persönlichkeiten wie Martianus Capella und andere, die diese Dinge aufzeichneten, trocken sind, so waren sie doch durchaus kundig des Umstandes, daß das alles angeschaut werden kann, daß Dialektik, Rhetorik Lebewesen sind, Inspiratoren des menschlichen Könnens und des menschlichen geistigen Wirkens. Und daß die Göttin Natura ganz ähnlich vorgestellt wurde wie die alte Proserpina, das habe ich ja hier schon ausgeführt.

[ 13 ] Martianus Capella's work appears at first sight somewhat dry and matter-of-fact. But we must know that such books, especially in the early Middle Ages, none the less proceeded from spiritual foundations. Indeed this was the case even with those later descriptions which went forth from the School of Chartres, whose apparent character is also dry, enumerating things in categories and the like. In Martianus Capella's descriptions concerning the Seven Liberal Arts and Nature that works behind them, matter-of-fact as they appear to us, we must be able to recognise the outpouring of certain instructive conceptions about higher things. For the Seven Liberal Arts were indeed conceived as real living Being, even as Nature herself was described as a living Being. However apparently dry in their writing, such personalities as Martianus Capella were, none the less, well aware that all these things can be seen in the spirit. Dialectic, Rhetoric, etc. are living Beings, inspirers of human skill, of human spiritual activity. Moreover, as I have explained in these lectures, Nature in her reality, the goddess Natura, was conceived in a similar way to the Proserpina of antiquity.

[ 14 ] In dieser Strömung, in dem, was der Menschheit wird oder damals wurde unter dem Einflusse dessen, was in den sieben Freien Künsten und in der über ihnen waltenden Naturanschauung lag, in dieser ganzen Strömung stand nun drinnen wiederverkörpert die weibliche Persönlichkeit, von der ich gesprochen habe, aber jetzt in männlicher Inkarnation; so in männlicher Inkarnation, daß sie vom Anfange an im männlichen Leibe, im männlichen Verstande die Anlage dazu trug, nicht gerade in Gedanken die Dinge auszubilden, die ihre Erkenntnisse sein sollten, sondern sie auszubilden eben in visionären Anschauungen.

[ 14 ] Now the woman of whom I have just spoken was reincarnated in this time and stood within this stream—within all that arose for mankind under the influence of what was contained in the Seven Liberal Arts, and in the conception of Nature that held sway over them. This time, however, she became a man, who, though in a man's body and a man's intellect, bore within him from the outset the tendency to elaborate whatever was to become his knowledge, not so much in thought, but once more in visionary conceptions.

[ 15 ] Man kann sagen: Vielleicht bei wenigen Persönlichkeiten der damaligen Zeit — im Beginne des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts, Ende des fünften nachchristlichen Jahrhunderts —, bei wenigen solchen Persönlichkeiten, die man als die Schüler des Martianus Capella bezeichnen kann, lebte in einer ganz anschaulich lebendigen Weise dasjenige, was dazumal geistiger Inhalt war. Die Persönlichkeit, die jetzt in ihrer männlichen Inkarnation war, konnte gerade sprechen von ihrem Umgang mit den inspirierenden Mächten, Dialektik, Rhetorik und so weiter, sie war ganz erfüllt von der Anschauung geistigen Wirkens.

[ 15 ] It may perhaps be said that there were very few at that time, in the beginning of the 6th or at the end of the 5th century A.D.—there were few among those who might be called the pupils of Martianus Capella, in whom the spiritual content of that time lived in a fully vivid, pictorial and living way. But the personality to whom I refer, living now in a male incarnation, could actually speak of his intercourse with the inspiring powers, Dialectic, Rhetoric, and so forth. He was filled with the perception of living, spiritual activities.

[ 16 ] Und wiederum traf sie zusammen mit der anderen Persönlichkeit, die der männliche Geist in der vorigen Inkarnation war, die jetzt eine weibliche Individualität war. Und mit einer großen Intelligenz war diese weibliche Persönlichkeit in jener Inkarnation begabt. Und es entstand wiederum — man kann sich ja denken, wie das karmisch bedingt war, wir sehen da das Karma wirken —, es entstand wiederum ein intensiver geistiger — man kann nicht sagen Ideenaustausch, sondern Anschauungsaustausch, ein ganz lebendiges, geistiges, intensives Zusammenarbeiten.

[ 16 ] And now once more he met the other individuality who had been a man in his former incarnation and who was now a woman, gifted with great intelligence. And once again (we can well imagine how this was karmically conditioned for we witness here the working of karma)—once again there arose an intense spiritual intercourse between them, an interchange, I cannot say of ideas, but of perceptions, a living and powerful assimilation.

[ 17 ] Aber etwas Merkwürdiges bildete sich bei derjenigen Persönlichkeit heraus, die in den vorchristlichen Jahrhunderten Frau, in dieser Zeit nun Mann war. Es bildete sich dies Merkwürdige heraus, daß, weil ja die Anschauungen so lebhaft waren, bei dieser Persönlichkeit ein starkes Wissen davon auftrat, wie mit der weiblichen Natur überhaupt zusammenhängt das visionäre Leben, das gerade diese Persönlichkeit hatte. Nicht daß man sage, das visionäre Leben hängt im allgemeinen mit der weiblichen Persönlichkeit zusammen; es war eben jetzt herübergekommen aus der früheren weiblichen Inkarnation der ganze Grundcharakter des visionären Lebens. Und dadurch gingen dieser Persönlichkeit unzählige Geheimnisse auf, die sich auf die Wechselwirkung von Erde und Mond beziehen, unzählige Geheimnisse zum Beispiel, die sich auf das Fortpflanzungsleben beziehen. Gerade auf diesen Gebieten wurde jetzt diese nunmehr männliche Persönlichkeit außerordentlich bewandert.

[ 17 ] But a strange thing arose in that personality who in the pre-Christian centuries had been a woman and was now a man. Because his perceptions and ideas were so vivid, there arose in the man an intense knowledge of how that visionary life which he possessed was connected altogether with the feminine nature. I do not mean to say that the visionary life is in general connected with a woman's personality, but in this case, the whole fundamental character of the visionary life had come over from the former incarnation of the individual as a woman. Thus innumerable secrets were revealed to this man, secrets relating especially to the mutual interaction of Earth and Moon, secrets relating, for instance, to the life of reproduction. The individuality living in this incarnation as a man became remarkably well versed especially in these domains.

[ 18 ] Nun sehen wir, wie die beiden Persönlichkeiten wiederum durch die Pforte des Todes gehen, das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmachen, wie sie zunächst im übersinnlichen Gebiete dem Hereinbrechen des Bewußtseins-Zeitalters entgegenleben, den Anbruch des Bewußtseins-Zeitalters noch in übersinnlichen Welten erleben. Dann wird diejenige Persönlichkeit, die ich zuerst als weibliche Inkarnation, dann als männliche Inkarnation schildern mußte, wiederum als eine männliche Inkarnation geboren. Sehr interessant ist, daß beide Persönlichkeiten zusammen wiedergeboren werden. Aber die andere Persönlichkeit, die in der früheren Inkarnation, also in der zweiten, Frau war, wird wiederum jetzt als Mann geboren, so daß beide jetzt gleichzeitig in männlichen Inkarnationen geboren werden. Die eine, die uns vorzugsweise interessieren soll, die in den alten Zeiten weibliche Persönlichkeit war, dann in den ersten christlichen Jahrhunderten männliche Persönlichkeit war, das erste Mal durchaus aus jüdischem Stamme war, das zweite Mal der physischen Abstammung nach außerordentlich gemischtes Blut in sich trug, diese Persönlichkeit wurde dann im sechzehnten Jahrhundert als der italienische Utopist Thomas Campanella geboren. Eine recht merkwürdige Persönlichkeit.

[ 18 ] Now we see the two individualities passing once more through the gate of death, undergoing the life between death and a new birth, and in their life approaching, in super-sensible regions to begin with, the dawn of the Age of Consciousness. For they were still in the super-sensible worlds when they experienced the first dawn of the age of the Spiritual Soul. Then the one whom I first described as a woman and in her subsequent incarnation as a man, was reborn as a man once more. It is very interesting that both of them were born once more together, but the other one, who in the former incarnation, i.e., in the second, had been a woman, was now once more a man. Thus both of them were now incarnated simultaneously as men. The one who will interest us especially, who was a woman in ancient time, and a man during the early Christian centuries, who on the first occasion had been of the Jewish race, and on the second had been of extraordinarily mixed blood according to his physical descent, this one was born again in the 16th century as the Italian Utopianist, Thomas Campanella, a very remarkable personality.

[ 19 ] Schauen wir uns einmal, soweit es zum Verständnisse des Karma notwendig ist, das Leben des Thomas Campanella recht genau an. Er wird geboren mit einer außerordentlich starken Empfänglichkeit für seine christliche Erziehung, so daß er sich frühzeitig damit beschäftigt, die Summa des Thomas von Aquino zu studieren. Und aus den Stimmungen heraus, die er sich durch sein früheres visionäres Leben angeeignet hatte und die sich immer mehr da oder dort in die Gegenstimmungen verwandeln, die Dinge gedankenmäßig kennenzulernen, lebt er sich ein in das stark gedankliche Element, das in der Summa des Thomas von Aquino zu finden ist, studiert das eifrig und wird nun eben im sechzehnten Jahrhundert Dominikaner.

[ 19 ] Let us now look closely at the life of Thomas Campanella in so far as is necessary for an understanding of his karma. He was born with a truly remarkable receptivity for the Christian education which he received. Thus at an early age he began to study the Summa of St. Thomas Aquinas. Out of the very moods and feelings which he had acquired through his former visionary life, which became transformed ever more and more into their counterpart—into the impulse to learn to know things in their very forms of thought—he entered with full life into the strong element of thought which is to be found in the Summa of St. Thomas Aquinas. Thus he studied with enthusiasm and so became a Dominican in the 16th century.

[ 20 ] Fortwährend kommt herein in sein Denken, das er im strengsten Sinne in der Richtung halten will, in der eben das Denken in der Summa des Thomas von Aquino gehalten ist, eine gewisse Beunruhigung durch das spirituelle atavistisch-visionäre Leben, das früher in ihm vorhanden war.

[ 20 ] But into his thinking life which he tries to hold most strictly in the direction in which thought is held in the Summa of St. Thomas Aquinas, there enters continually a certain restlessness of that atavistic visionary spiritual life which he had lived before.

[ 21 ] Und so ist es merkwürdig, daß er, Campanella, geradezu Stütze und Anhaltspunkt sucht, um in dasjenige, was er einmal beherrscht hat als ein Visionär im Anschauen der Welt, inneren Zusammenhang zu bringen. Und während er einerseits Dominikaner mit vollem innerem Enthusiasmus wird, macht er gerade im Kloster von Cosenza — und das ist das Merkwürdige — die Bekanntschaft eines sehr geachteten jüdischen Kabbalisten und verbindet nun das Studium jüdischer Kabbalistik mit dem, was als Nachwirkung seines alten visionären Lebens heraufkommt, und verbindet dies wiederum mit dem, was aus dem Thomismus innerhalb des Dominikanerordens geworden ist. Das alles lebt in ihm in einer, man könnte sagen, visionären Sehnsucht, es lebt sich zusammen in eine visionäre Sehnsucht. Er möchte etwas tun, was dieses ganze lichte innere Geistesleben äußerlich zum Vorscheine bringen könnte. Denn fortwährend ist es in seiner Seele so — das wird man aus den Biographien nicht finden, das stellt sich aber der geistigen Anschauung dar —, daß etwas in ihm sagt: Ja, da ist doch Geist hinter allen Dingen; da muß doch auch im Menschenleben der Geist drinnen sein, der im Weltenall ist!

[ 21 ] Thus it is remarkable to see how Campanella actually looked for supports and points of contact in order to bring some inner order and connection into that element which he had once commanded when he had been a visionary in his perceptions of the world. It is remarkable to see how on the one hand Thomas Campanella became a Dominican with full inner enthusiasm. And yet even in the monastery at Cozenza he makes the acquaintance of a very brilliant Jewish Cabbalist. He now combines the study of the Jewish Cabbala with that which emerges as an echo of his former visionary life, and combines it on the other hand with the Thomism which had evolved in the Dominican Order. All these things were living in him with a kind of visionary longing. He wants to do something to bring to appearance outwardly the full inner light of all his spiritual life. You will not find it in the biographies, but so it appears to spiritual vision. There is a perpetual feeling in his soul: Verily the spirit is everywhere behind all things. Surely then in the human life as well there must be a spirit, the same spirit that is in the universal All.

[ 22 ] Das alles wirkt auch auf die Emotionssphäre ein. Er lebt in Unteritalien. Unteritalien ist geknechtet von den Spaniern. Er nimmt teil an einer Verschwörung zur Befreiung Unteritaliens, schmachtet dann vom Jahre 1599 bis zum Jahre 1626 im Kerker, weil er ob dieser Teilnahme an der Verschwörung gefangengenommen wird von den Spaniern, bringt also ein Leben zu, abgeschlossen von der Welt, ein Leben, das eigentlich auslöscht für siebenundzwanzig Jahre sein Erdendasein.

[ 22 ] And these things influenced the sphere of his emotions. He lived in Southern Italy. The country was oppressed by the Spaniards. He took part in a conspiracy for the liberation of Southern Italy. For this conspiracy he was taken prisoner by the Spaniards and pined away in the dungeon from the year 1599 till 1626, thus living a life excluded from the world, a life of which one may really say that for twenty-seven years his earthly existence was blotted out.

[ 23 ] Nun stellen wir diese zwei Tatsachen zusammen: Thomas Campanella ist, als er eingekerkert wird, im Beginne der Dreißigerjahre, ganz im Anfange der Dreißigerjahre. Er verbringt die folgende Zeit im Kerker. Das ist das eine.

[ 23 ] Now let us place the two facts together.—When he was imprisoned, Thomas Campanella was at the beginning of the thirties of his life, at the very beginning of the thirties. He spent the ensuing time in prison. That is the one thing.

[ 24 ] Aber was ist er überhaupt für ein Geist? Was ist er für eine Persönlichkeit? Er stellt auf die Idee des Sonnenstaates. Von früheren Inkarnationen scheint alles Astrologische, alles Anschauen der geistigen Welt in die Seele dieses Thomas Campanella hinein. Er denkt aus und beschreibt in seinem Werke über den Sonnenstaat eine soziale Utopie, in der er glaubt, daß durch eine vernünftige soziale Gestaltung, Konfiguration, alle Menschen glücklich werden können. Das, was er da als die Sonnenstadt, als den Sonnenstaat beschreibt, das hat in gewisser Beziehung eine klösterliche Strenge; es ist etwas von dem darinnen, was er aus dem Dominikanerorden aufgenommen hat. Es ist in der Art und Weise, wie er sich das Staatliche gestaltet denkt, etwas klösterlich Strenges darinnen, und anderseits kommt von der früheren Geistigkeit ungeheuer viel durch. An der Spitze dieses Staates, der der Idealstaat sein soll, soll ein oberster Lenker stehen, der eine Art Ober-Metaphysikus ist und so weiter, der vom Geiste aus die Richtlinien für die Konfiguration, für die Verwaltung des Staates finden soll. Ihm stehen andere Beamte zur Seite, wie zum Beispiel der höchste Minister, welche ausführen sollten, bis ins einzelnste hinein, all die Regeln, wie man sie eben in dieser Zeit noch innehatte, wenn sie durch das Karma aus früheren Erdenschauungen als Reminiszenzen aus der Seele aufstiegen. Das alles stieg bei ihm herauf. Und so wollte er nach astrologischen Grundsätzen diesen Sonnenstaat verwaltet wissen. Die Konstellationen der Sterne sollten sorgfältig beobachtet werden. Die Ehen sollten nach diesen Konstellationen geschlossen werden; die Konzeptionen sollten so stattfinden, daß die Geburten auf bestimmte Konstellationen fielen, die ausgerechnet wurden, so daß nach den Konstellationen am Himmel sozusagen das Menschengeschlecht auf Erden geboren werden sollte mit seinem Schicksal. Gewiß, der Mensch des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, der Neurologe oder Psychiater des neunzehnten oder zwanzigsten Jahrhunderts würde, wenn er an ein solches Werk käme, sagen, es sollte in die Bibliothek der Irrenhäuser eingereiht werden. Wir werden gleich nachher sehen, daß der Psychiater des zwanzigsten Jahrhunderts sogar ein ähnliches Urteil gefällt hat in einer bestimmten Richtung.

[ 24 ] But what kind of a spirit was he? What kind of a personality? He set up the idea of a Sun-State, a Solar State. Can you not see shining through from former incarnations into the soul of Thomas Campanella all those astrological conceptions, those visions of the spiritual world? In his work on the Solar State, he conceives and describes a social Utopia, wherein he imagines that by a rational configuration of the social life, all men may become happy. What he thus described as the City of the Sun, or as the Solar State, has about it a certain monastic severity. A good deal of what he has absorbed from the Dominican Order enters into the way he conceives the structure of the State. And extraordinarily much of his former spirituality finds its way through. At the head of this would-be ideal State, there is to be a single leader, a kind of head Metaphysicus who shall discover out of the spirit the guiding lines for the configuration and administration of the State. Other officials shall stand at the side of this Prime Minister, officials who should carry out even to the smallest detail the rules and regulations which a man of that time could only have had in mind if they arose out of his soul through karmic forces as reminiscences of far earlier conceptions of the earth. But in him all these things arose. In effect he wanted to have his Sun-State administered according to astrological principles. The constellations of the stars were to be carefully observed. Marriages were to take place according to the constellations. The acts of conception were to take place in such a way that births might coincide with certain constellations, which were to be calculated. Thus according to the constellations of the heavens the human race with all its destiny should as it were be born on to the earth. Certainly the man of the 19th or 20th century, the neurologist or psychiatrist of the 19th or 20th century, coming across such a work would say: It is fit for the bibliography of lunatic asylums. Indeed, as we shall presently see, the psychiatrist of the 20th century did in a certain respect pronounce a very similar judgment.

[ 25 ] Aber stellen Sie sich diese zwei Dinge vor: Da ist eine Persönlichkeit, die diese Antezedenzien hat, diese Lebensvorbedingungen durch frühere Erdenleben, wie ich sie Ihnen beschrieben habe. Da ist jemand, der sozusagen aus der Kraft der Sonne und der Sterne herunter die Richtlinien für Staatsverwaltung auf der Erde finden will, ein Mensch, der Sonne in das Erdenleben hineinbringen will und der mehr als zwanzig Jahre in der Finsternis des Kerkers schmachtet und nur durch enge Luken hinausblicken kann in den natürlichen Sonnenschein; in dessen Seele in qualvollen Gefühlen und Empfindungen sich alles mögliche auslebte, was früher, in früheren Erdenleben in diese Seele eingezogen ist. — Dann wird Thomas Campanella durch den Papst Urban befreit aus dem Kerker, geht nach Paris, findet dort die Gunst Richelieus, bekommt eine Pension und lebt seine letzte Erdenzeit in Paris.

[ 25 ] Place the two things before your minds. Here is a personality with all the antecedents, the pre-disposing conditions from former earthly lives which I have now described. Out of the power of the sun and stars he wants to bring down and find on earth the guiding lines of the administration of the State. He wants to bring the sun itself into the earthly life, while he himself for more than twenty years pines away in the dark dungeon, and is only able to look out through narrow slits into the sunshine of nature, while in his soul, in very painful feelings and emotions, all manner of things which entered into him in former earthly lives come forth and find expression.—But at length he was set free from prison by Pope Urban. He went to Paris and found favour with Richelieu. He received a pension and lived for the rest of his life in Paris.

[ 26 ] Das ist das Eigentümliche: Jener jüdische Rabbiner, mit dem er in Cosenza Bekanntschaft gemacht hat und durch den er auf kabbalistische Weise sein Denken koloriert bekommen hat, so daß viel mehr, als sonst hätte in ihm leben können, in ihm gelebt hat, jener jüdische Kabbalist ist der wiedergeborene Mann von der ersten Inkarnation, die Frau von der zweiten Inkarnation, die ich beschrieben habe.

[ 26 ] And this is the strange thing. The Jewish Rabbi whose acquaintance he had made at Cozenza, through whom his thinking had been coloured in a Cabbalistic way, so that far more became living in him than could otherwise have come to life—this Jewish Cabbalist was the other individuality reborn, the one who had been a man in the first incarnation I described, and in the second a woman.

[ 27 ] So sehen wir ein Zusammenwirken, und als beide wiederum durch die Pforte des Todes gegangen sind — Thomas Campanella und sein Freund, der jüdische Rabbiner —, da sehen wir, daß sich in der Individualität, die zuletzt Thomas Campanella war, eine merkwürdige Opposition ausbildet gegen dasjenige, was er in früheren Erdenleben aufgenommen hat. Und er empfindet jetzt so, daß er sich sagt: Was hätte aus alledem werden können, wenn ich die Jahre nicht im Kerker in Finsternis geschmachtet hätte, wo ich nur durch Luken in das natürliche Sonnenlicht hinausgesehen habe! — Er kommt aber allmählich hinein in eine Art Ablehnung, Antipathie gegen das, was er früher, in vorchristlichen Zeiten, in den ersten Jahrhunderten als Geistesanschauung gehabt hat. Und so sehen wir hier das Merkwürdige vorliegen, daß, während das Zeitalter der Bewußtseinsseele heranrückt, im Übersinnlichen eine Individualität sich weiter entwickelt, die eigentlich feindlich wird demjenigen, was frühere Spiritualität war.

[ 27 ] Thus we see the co-operation of the two individuals, Thomas Campanella and his friend the Jewish Rabbi. And when they have both gone through the gate of death once more, there rises in the individuality who was Campanella in his last life, an extraordinary opposition to what he received in his former lives on earth. His feeling is somewhat as follows. He says to himself: What might not have become of all that if only I had not pined away in the dark dungeon through all those years, looking out through narrow slits into the sunlight of nature? Yet accordingly there comes over him a kind of antipathy and rejection of what he had before as a spiritual vision, a spiritual conception in the pre-Christian times and in the early Christian centuries. This is the strange thing. While the age of the Spiritual Soul approaches, an individuality goes on evolving in the super-sensible, becoming really hostile to the former spirituality which he possessed.

[ 28 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, so ist es eigentlich vielen Seelen gegangen. Sie wurden schon vor ihrem Erdenleben, indem sie das übersinnliche Leben im Zeitalter der Bewußtseinsseele lebten, feindlich dem früheren spirituellen Erleben, weil es wirklich schwierig ist, in einen gegenwärtigen Erdenkörper dasjenige hineinzutragen, was früher spirituell erlebt worden ist. Der gegenwärtige Erdenkörper und die gegenwärtige Erdenerziehung leiten den Menschen nun einmal zum Rationalismus und zur Intellektualität hin.

[ 28 ] Now it happened thus with very many souls. Even before their earthly life, while they lived through the age of the Spiritual Soul in super-sensible worlds, they became hostile to their former spiritual experience. For in effect it is really difficult to carry into a present earthly body what was experienced spiritually in former ages. The present earthly body, the present earthly education, lead the human being into rationalism and intellectuality.

[ 29 ] Und nun sah diese Individualität, die in der letzten Inkarnation Thomas Campanella gewesen ist, in jenem Leben, das da folgte auf das Campanella-Leben, die einzige Möglichkeit, einen Ausgleich zu schaffen in einem verhältnismäßig verfrühten neuen Erdenleben. Aber das ergab sich nicht so leicht aus den Bedingungen, die da waren. Denn auf der einen Seite wuchs diese Persönlichkeit im Übersinnlichen noch außerordentlich stark in das Bewußtseinselement der ersten Bewußtseinsseelenzeit, in Rationalismus und Intellektualismus hinein. Und gerade beim rückwärtigen Durchleben der Gefangenenzeit drängte sich immer wieder das frühere Visionäre, die spirituelle Anschauung durch.

[ 29 ] Now this individuality, living on after his life as Campanella, could see no other possibility of creating a true balance than by returning, more or less prematurely, into a new life on earth. Yet the given conditions did not make this easy, for on the one hand even within the super-sensible he grew with extraordinary intensity into the element of the Spiritual Soul—I mean the rationalism and intellectualism of the first period in the epoch of the Spiritual Soul. On the other hand, especially when living through again the time of his captivity, his former visionary life and spiritual conception forced its way through ever and again.

[ 30 ] Sie hatte sozusagen auf die Seele geladen alles Hinneigen zur intelligenten Gescheitheit, diese Individualität, die ablehnte das Frühere und bei der sich merkwürdigerweise allmählich diese Abneigung gegen das Frühere in einer ganz persönlichen Weise formte, in einer ganz individuellen Weise. Es entwickelte sich eine Antipathie gegen jene vorchristliche Frauen-Inkarnation und damit eine Abneigung gegen die Frauen selber. Hier wirkte die Abneigung gegen die Frauen nämlich ins Persönlich-Individuelle hinein. Und wie es im Karma eben vor sich geht, statt daß etwas Theoretisches da ist, wird es persönliche Angelegenheit, persönliches Temperament, persönliche Sympathie oder Antipathie — hier Antipathie.

[ 30 ] Thus the soul of this individuality was laden, as it were, on the one hand with the strong tendency to intellectual enlightenment, repudiating his former spiritual life. Moreover this repudiation gradually assumed a peculiarly personal and individual form. For there arose in him an antipathy to his pre-Christian incarnation as a woman and withal an antipathy to women in general. This antipathy to women found its way into his personality, into his individual life. For so it is with karma. Instead of its being theoretical it becomes a personal concern, personal temperament, personal sympathy and antipathy—in this case, antipathy.

[ 31 ] Nun bildete sich für diese Persönlichkeit die Möglichkeit heraus, noch einmal in freiem Umgange mit der Welt das Erdenleben zu leben, das sie in der letzten Verkörperung im Campanella-Leben, in der Gefangenschaft verlebt hatte.

[ 31 ] And now the possibility arose for him to live over again in free and open intercourse with the world that earthly life which in his former life on earth as Campanella he had spent in captivity.

[ 32 ] Also bitte, fassen Sie das richtig auf. Jetzt kam die andere Persönlichkeit nicht mit, denn für die lag diese Veranlassung nicht vor. Jetzt kam also diese Individualität, die durch drei Erdenleben gegangen war, in der die andere Persönlichkeit ihr immer etwas war, was das Leben mit stützte und führte, in die Möglichkeit, dasjenige in einem Erdenleben zu durchleben, was sie im Campanella-Leben durch die siebenundzwanzigjährige Gefangenschaft versäumt hatte. Das, was sie in der Finsternis der Gefangenschaft versäumt hatte, das ergab sich als Möglichkeit, in einem neuen Erdenleben durchlebt zu werden.

[ 32 ] Please understand this clearly. On this occasion the other individuality did not accompany him, for the other had no cause to come to earth. In the three preceding earthly lives the Campanella individuality had always had the other one with him to help him to support and guide his life. Now the opportunity arose for him to live once more in an earthly life through all that he had missed by his long years of imprisonment in the life as Campanella. What he had lived through in the darkness of imprisonment gave rise to the possibility of being lived through again in a new life on earth.

[ 33 ] Was war die Folge, nachdem das andere alles vorangegangen war, meine lieben Freunde, was war die Folge’ Nun denken Sie sich: Als Campanella etwa dreißig Jahre alt war, kam diese Gefangenschaft über ihn. Stellen Sie sich den Reifezustand eines Menschen vor im Renaissance-Zeitalter in den Dreißigerjahren seines Lebens. Stellen Sie sich vor: Das wirkt jetzt, was dort versäumt worden ist, wo aber das andere alles, Spirituelles und Rationalistisches, hineinscheint, hineinstrahlt von außen. Überall sonst rings herum ist Licht, und nur diese Jahre der Gefangenschaft sind Finsternis. Da strahlt alles hinein, alles strahlt durcheinander. Durcheinander strahlt Hellsichtigkeit, Frauenhaß, entsprungen aus dem, was ich Ihnen geschildert habe, aber auch sehr starke Gescheitheit. Das alles spielt ineinander, spielt so ineinander, wie es als Ergebnis der Reifeentwickelung der Dreißigerjahre eines Renaissance-Menschen auftreten kann.

[ 33 ] What was the consequence, after all the other things had gone before? Imagine for a moment, when Campanella was thirty years old, or thereabouts, this imprisonment came over him. Imagine the relative maturity of a man in the age of the Renaissance in the thirties of his life. Imagine that what he missed at that time is working again. And at the same time all the other elements, spiritual and rationalistic, are shining in, are raying in from without. Everywhere else and all around is light, only these years of imprisonment are darkness. All these influences are raying in and intermingling: clairvoyance, misogyny, born of the experiences which I described, and in addition, very great cleverness. All these things work into one another in the way they would do as a result of the stage of maturity of a man of the Renaissance in the thirties of his life.

[ 34 ] Das wird im zweitletzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, gegen das zweitletzte Jahrzehnt, wiedergeboren. In den kindlichen Körper wird dasjenige hineingeboren, was eigentlich für eine spätere Lebensepoche bestimmt ist. Jetzt wird er wieder in einer männlichen Inkarnation geboren. Es ist ja nur die Wiederholung der Gefangenschaftszeit: so spricht das Karma in diesem Falle. Kein Wunder, daß der Junge außerordentlich frühreif wiedergeboren wird. Selbstverständlich sind es ja nur die kindlichen Wachstumskräfte, aber mit dem, was da versäumt worden ist in der Gefangenschaft, mit der Reife der Dreißigerjahre: frühreif! So spielt das Karma.

[ 34 ] All this is then reborn in the last decade but one of the 19th century or just a little earlier. In the childlike body there is born what is really predestined for a later epoch in man's life. No wonder that the boy—this time it is a male incarnation, for it is indeed only a repetition of the time of his imprisonment; such is the language of karma in this instance—no wonder that the boy is reborn with extraordinary precocity. Of course it is only the forces of growth of a child but working precociously, with the maturity of the thirties of life.—Such is the play of karma, working with all that was missed out of the time of his imprisonment.

[ 35 ] Eine merkwürdige Neigung stellt sich heraus in diesem — Lebensnachholen, möchte ich sagen. Es dämmern wieder die alten Anschauungen des Astrologischen herauf, die alten Anschauungen des Spirituellen in der ganzen Natur, die ja so großartig waren bei dieser Individualität in den ersten christlichen Jahrhunderten. Es kommt allerdings in einer kindlichen Weise herauf, aber es lebt so stark in ihm, daß er geradezu eine Antipathie hat gegen die mathematisch gestaltete Naturwissenschaft. Und als er dann in den neunziger Jahren das Gymnasium bezieht, lernt er glänzend das Sprachliche, alles das, was nicht Naturwissenschaft, nicht Mathematik ist. Aber das Kuriose für denjenigen, der karmische Zusammenhänge zu beurteilen vermag, ich möchte sagen das wirklich Beglückend-Bestürzende in der Anschauung, das ist, daß er im Handumdrehen außer den neueren Sprachen, Französisch und Italienisch, Spanisch schnell lernt, um in seine Mentalität — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — das hineinzubringen, was ihn früher empört hat gegen die spanische Herrschaft, um das wieder aufzufrischen.

[ 35 ] And a peculiar inclination arises in this belated recapitulation of life, if I may call it so. The old astrological conceptions begin to dawn again, the old conceptions of spiritual life in all Nature which was so wonderful in him in the first Christian centuries. True, these things arise in a childlike way but they live in him so strongly that he has a veritable antipathy to the modern mathematical form of science. In the eighteen nineties he enters the Gymnasium or Grammar School. He learns languages and literature magnificently; he does not learn the sciences or mathematics. But the very curious thing is this, so curious as to overwhelm with surprise and joy one who can understand the karmic connections when he sees it—in the twinkling of an eye, beside the other modern languages, French and Italian, he learns Spanish so as to bring into his mentality all that roused his opposition and rebellion against the Spanish dominion in his former life, so as to refresh all this.

[ 36 ] Sehen Sie da, wie Karma wirkt, wie es hereinwirkt in diese Individualität! Es fällt ja auf, daß dieser Knabe außerhalb der Schule, nur weil zufällig der Vater eine Vorliebe dafür hat — das ergibt das Karma wiederum — rasch Spanisch lernt, in so früher Jugend eine so entfernt liegende Sprache lernt. Das bedeutet eine vollständige Beeinflussung der ganzen Seelenverfassung. So daß dieser Grundton der Kerkerhaft, wo ihn doch die Empörung gegen die Spanier ausgefüllt hat, dadurch wiederum in seiner Seele heraufkommt, daß die spanische Sprache in ihm lebendig wird und seine Ideen, seine Gedanken durchdringt. Gerade was ihm das bitterste war während dieser Gefangenschaft, das kommt in dasjenige unterbewußte Gebiet hinein, wo die Sprache eben waltet. Erst als er zur Universität kommt, beschäftigt er sich etwas mit Naturwissenschaft, weil das die Zeit erfordert. Will man ein gebildeter Mensch in unserer Zeit sein, muß man eben erwas Naturwissenschaft kennen.

[ 36 ] See how strangely karma works, how it works into this individuality! It is indeed striking how rapidly the boy learns Spanish, a language remote, outside of his school work, merely because his father happens to have a liking for it. This again is a working of karma. And it signifies a deep influence on the whole mood and attunement of his soul. The fundamental note of imprisonment when anger and indignation against the Spaniards fill his soul emerges in his soul once again now that the Spanish language becomes alive in him and permeates his thoughts and ideas. The very thing that was most bitter for him during his imprisonment now enters the subconscious region where language does in fact hold sway. Only when he comes to the University does he begin to work at natural science because, in fact, the age demands it. If you would be an educated man in our age you must know something of natural science.

[ 37 ] Jetzt muß ich Ihnen sagen, wer es ist, weil ich Ihnen weitererzählen muß: Es ist der unglückliche Otzo Weininger.

[ 37 ] Now I must tell you who it is, for I must relate what happened afterwards. It is none other, then, than the unhappy Otto Weiniger.

[ 38 ] Und nun, nachdem Otto Weininger das Naturwissenschaftliche an der Universität nachgeholt hat, bringt er all das, was in ihm brodelt und was so brodelt, wie es nur ein Erdenleben geben kann, das die Wiederholung einer Lücke des vorigen ist, nun bringt er all das, als er den philosophischen Doktor an der Wiener Universität macht, in seiner Doktor-Dissertation, die er dann, nachdem er promoviert ist, ausarbeitet zu einem dicken Buch: «Geschlecht und Charakter».

[ 38 ] He makes up for lost time by studying natural science at the University. He studies philosophy at the University of Vienna and takes the degree of Doctor of Philosophy. And in his dissertation he brings forth all that is fermenting in him, fermenting in a way that is only possible when an earthly life is the repetition of an actual gap in the former one. So he writes his dissertation which after attaining his degree he elaborates into a big volume Sex and Character.

[ 39 ] In diesem Buche «Geschlecht und Charakter» brodelt nun all dasjenige drinnen, was früher da war. Aufblitzen sieht man zuweilen Campanellaschen Utopismus mit uralten Anschauungen, die sich in einer wunderbaren Weise äußern. Was ist Sittlichkeit? Die Frage beantwortet Weininger so, daß er sagt: Das in der Natur erscheinende Licht ist die äußere Offenbarung der Sittlichkeit. Wer das Licht kennt, kennt die Sittlichkeit. Daher muß in der TiefseeFauna und -Flora, die ohne das Licht lebt, der Quell der Unsittlichkeit auf Erden zu suchen sein. — Und wunderbare Intuitionen finden Sie bei ihm, zum Beispiel diese: man soll den Hund anschauen mit seiner merkwürdigen Physiognomie. Was zeigt er? Daß ihm etwas fehlt, daß er etwas verloren hat: er hat die Freiheit verloren.

[ 39 ] In this book Sex and Character, all that was there before is boiling and fermenting. Occasionally we see Campanellean utopianism flashing out with ancient primeval conceptions expressed in a most wonderful way.—What is morality? Weiniger answers the question thus. The light that shines forth in Nature is the manifestation of morality. He who knows light knows true morality. Hence in the deep-sea fauna and flora which lives without the light we must seek the source of all immorality on earth. And you find wonderful intuitions in his work. For example, he says: Look at the dog, look at its extraordinary physiognomy. What does it show? It shows that the dog has lost something, something is lacking to him; in effect he has lost freedom.

[ 40 ] Und so können Sie bei diesem Weininger tatsächlich etwas finden von Schauen, gemischt mit äußerstem Rationalismus, und können auch finden den Haß auf dasjenige, was ihm ward in einer früheren Inkarnation, was sich jetzt aber nicht auslebt im Haß auf das, was er gewußt hat, sondern im Haß auf seine weibliche Inkarnation, der sich in seinem ja bis zur Albernheit gehenden Weiberhaß in dem Werke «Geschlecht und Charakter» auslebt. Das alles zeigt Ihnen, wieviel in einer Seele an Spiritualität vorhanden sein kann, wie das viele zusammengekommen sein kann in der übersinnlichen Welt gegen das Zeitalter der Bewußtseinsseele hin mit Intellektualismus, wie aber das nicht heraus kann im gegenwärtigen Zeitalter, aber heraus will, selbst wenn das Leben, das so dargelebt wird, sozusagen nur die Wiederholung verlorener Lebenszeit von früher ist.

[ 40 ] Thus in Weiniger you do indeed find something of spiritual vision combined with the extremest rationalism and hatred of what came to him in a former incarnation. Only this hatred now comes forth not as a hatred of his former knowledge but as a hatred of his incarnation as a woman which finds vent in the misogyny carried to a point of absurdity in the book, Sex and Character. All this will show you how much spirituality can be latent in a soul, how much can have come together with intellectualism in the super-sensible world towards the age of the Spiritual Soul and yet it cannot come forth in the present age. It wants to come forth but cannot, even when the present life is no more than the repetition of a period of life that was lost, as it were, in former times.

[ 41 ] Merkwürdige Neigungen traten auf bei Weininger, wiederum außerordentlich bedeutsam für denjenigen, der karmische Zusammenhänge zu fassen vermag. Sein Biograph schildert, daß er sich gegen das Ende seines Lebens die Gewohnheit aneignete, durch ganz dünne Löcher, die er sich machte, aus einem finsteren Raum in eine beleuchtete Fläche hinauszuschauen und daß ihm das eine besondere Freude machte. Sie haben da die innersten, unmittelbarsten Lebensgewohnheiten, das ganze Leben des Kerkers, wiederum hineinscheinend.

[ 41 ] Strange inclinations arise in Weiniger, extraordinarily significant once more for him who can grasp the karmic threads. His biographer tells us that he acquired the habit towards the end of his life of looking out through very narrow slits which he made for himself from a dark space on to a lighted surface. He took a special delight in doing so. Here you have the time spent in the dungeon, raying in once more into the inmost and most immediate habits of his life.

[ 42 ] Nun denken Sie, wie mit diesem Leben Süditalien zusammenhing. Da spielte sich ja ab, was ihn nun in dieses Erdenleben hereinführte.

[ 42 ] Think again how Southern Italy was connected with this life, for it was in Southern Italy that all these things had taken place which led him into the present life on earth.

[ 43 ] Eine kleine Sache muß ich nur noch erwähnen, die wiederum für den Karmabetrachter außerordentlich wichtig ist. Natürlich gehörte auch Weininger zu den Nietzsche-Lesern. Und denken Sie sich die ganze Stimmung, die da lebte in dieser Weininger-Seele, Nietzsche lesend: «Jenseits von Gut und Böse»! Wie eine Bombe schlug in die Seele Nietzsches Behauptung und Ausführung ein, die Wahrheit sei ein Weib. Da wurde schon ganz und gar von Frauenhaß dasjenige gefärbt, was ich Ihnen schon geschildert habe.

[ 43 ] But there is another item which I must mention which is always very important for the student of karma. Needless to say, Weiniger too was among the readers of Nietzsche. Imagine the mood and feeling that lived in his soul as he read Nietzsche's Beyond Good and Evil and like a bombshell there fell into his soul Nietzsche's statement and further explanation that Truth is a woman. Here indeed what I described to you before comes together coloured by his misogyny.

[ 44 ] Nun ist er zweiundzwanzig Jahre alt, im dreiundzwanzigsten Lebensjahre. All das wirkte auf ihn. Merkwürdige Gewohnheiten bilden sich in seiner Seele aus. Ist es denn wunderbar, daß ein Leben, das ein Gefangenschaftsleben nachlebt, schmerzlich berührt wird vom Sonnenuntergang, der an die beginnende Finsternis erinnert? Deshalb ist Weininger so, daß er Sonnenuntergänge immer als etwas Unerträgliches empfindet. Aber er hat, meine lieben Freunde, in dem jugendlichen Körper die Reife der Dreißigerjahre. Gewiß, wenn weniger begabte Menschen hochnäsig sind, eitel, so ist das nicht schön; aber hier begreift man es aus dem ganzen Karma heraus, daß er sich für etwas Besonderes hielt.

[ 44 ] And now he is twenty-two years old, in the twenty-third year of his life. All these things have worked upon him. Strange habits are evolving in his soul. Is it to be wondered at that a life which is recapitulating a long time of imprisonment is painfully affected by the sunset which reminds him of the oncoming darkness? Thus Weiniger always feels sunsets quite unbearable. And all the time, in his youthful body he has the maturity of the thirties of man's life. I admit that when less talented men are arrogant and vain, it is not beautiful. But here the whole karma can make us understand that he thought much of himself.

[ 45 ] Er zeigte natürlich auch die verschiedensten Abnormitäten, denn dieses Leben war die Wiederholung eines Kerkerlebens. Da tut man nicht immer ganz gewöhnliche normale Dinge. Wenn die sich karmisch erfüllen, dann kann man auf einen gewöhnlichen Psychiater schon den Eindruck eines Epileptikers machen. Den machte auch Weininger. Aber diese Epilepsie war die Wiederholung des Kerkerlebens, waren die Abwehrhandlungen, die jetzt keinen Sinn hatten in einem freien Leben, sondern die eben die karmischen Wiederholungen des Kerkerlebens waren. Er war nicht ein gewöhnlicher Epileptiker. Und wundern wir uns nicht, daß er, als er im Anfang der Zwanzigerjahre ist, plötzlich den Drang verspürt, ganz allein aus dem ganz Unbestimmten heraus Hals über Kopf eine Reise nach Italien zu machen. Während dieser Reise schreibt er ein ganz wunderbares kleines Buch «Über die letzten Dinge», wo Schilderungen von elementarischer Natur drinnen sind, die einem so erscheinen, als wenn jemand die Schilderungen der Atlantis karikieren will, ganz großartig, aber natürlich vom psychiatrischen Standpunkt aus ganz verrückt. Doch man muß das karmisch betrachten. Er reist Hals über Kopf nach Italien und kommt zurück, verbringt einige Zeit in der Nähe von Wien in Brunn am Gebirge. Von Italien zurückgekehrt, schreibt er noch einige Gedanken auf, die ihm während der italienischen Reise gekommen sind, großartige Ideen über den Zusammenklang des Moralischen mit dem Natürlichen, mietet sich dann ein in Beethovens Sterbehaus, lebt da einige Tage in Beethovens Sterbezimmer und — er hat nun durchlebt die Gefangenschaft von früher — erschießt sich. Das Karma war erfüllt. Erschießt sich aus einem inneren Drang heraus, weil er die Vorstellung hat, er würde ein ganz schlechter Mensch werden, wenn er weiterleben würde. Es ergab sich ihm eben nicht mehr die Möglichkeit, weiterzuleben, weil das Karma erfüllt war.

[ 45 ] He had of course various abnormalities, for this life was the repetition of a life of imprisonment when one does not always do the ordinary, normal things, and when one finds karma being fulfilled one may well make the impression of an epileptic on an ordinary psychiatrist. Weiniger did make this impression, but his epilepsy was the repetition of the life of imprisonment. His attacks were acts of repulsion and defence. Without meaning in his present life of freedom, they were the karmic repetitions of a life of imprisonment. He was no ordinary epileptic. Nor need we wonder that in the beginning of the twenties of his life he suddenly and quickly felt impelled all at once and for no reason, to go to Italy. During this journey he writes a wonderful little book, Über die letzten Dinge, containing descriptions of elemental Nature which seem almost like an attempt to caricature the descriptions of Atlantis, magnificent, but of course entirely mad from the standpoint of the psychiatrist. Yet these things must be considered karmically. He suddenly rushes off to Italy, then he returns and spends a short time in the Brunner mountains near Vienna. Having returned from Italy he still writes down a few thoughts that came to him during his journey, magnificent ideas about the harmonies of the moral and the natural world. Then he takes a room in the house where Beethoven died. He lives on for a few days longer in Beethoven's death chamber and now he has finished living through his former imprisonment. He shoots himself. His karma is fulfilled. He shoots himself out of a deep inner impulse, having the idea that if he were to live on he would become a thoroughly bad man. There is no more possibility for him to live, for his karma is fulfilled.

[ 46 ] Sehen Sie sich, meine lieben Freunde, von diesem Gesichtspunkte aus Otto Weiningers Werke an. Sehen Sie all die Hemmnisse, die eine Seele hat, die selbst in so abnormer Weise aus dem Renaissance-Zeitalter in die Gegenwart hereingestellt ist; sehen Sie die Hemmnisse, die sie hat, Spirituelles zu finden, trotzdem sie soviel Spirituelles auf dem Grunde, in dem Unbewußten ihrer Seele hat, und ziehen Sie daraus den Schluß, was alles für Hindernisse es gibt in dem Michael-Zeitalter, um den Forderungen dieses MichaelZeitalters voll gerecht zu werden.

[ 46 ] From the point of view which is thus opened out, look at the world of Otto Weiniger, my dear friends. You will see all the hindrances in a soul who is placed so abnormally from the Renaissance age into the present time. You will see all the hindrances that stand in the way and prevent his finding the spiritual, though in the unconscious foundations of the soul he has so much. Now you may draw the conclusion, how many hindrances there are in the Age of Michael to hinder a man from doing full justice to this Age.

[ 47 ] Denn natürlich wäre es auch denkbar gewesen, wenn die Weininger-Seele spirituelle Weltanschauungen hätte aufnehmen können, daß sie die Entwickelung trotzdem hätte fortsetzen können, nicht bloß durch Selbstmord hätte beschliessen müssen die Wiederholung des Gefangenenlebens.

[ 47 ] For of course it is by no means unthinkable that if the soul of Weiniger had been able to receive a spiritual world-conception he would have been able to continue in his evolution. He need not have put an end to his life by suicide, thus closing the repetition of his life of imprisonment.

[ 48 ] Aber es ist schon bedeutsam, so zu verfolgen, wie sich alte Spiritualität bis in die neueren Zeiten herein in den Menschenseelen entwickelt und dann stoppt; und es ist schon bedeutsam, gerade an solchen interessanten Erscheinungen zu sehen, wie gestoppt ist.

[ 48 ] It is indeed significant to trace in this way how ancient spirituality evolves in souls of men down into modern time and then comes to a standstill. It is just in such interesting phenomena as this that we can see how it is brought to a standstill.

[ 49 ] Ich denke, man konnte doch einen tiefen Blick in die karmischen Zusammenhänge hineintun, auch insofern es gewisse karmische Zusammenhänge des Geisteslebens der Gegenwart beleuchtet, indem man diese vier aufeinanderfolgenden Inkarnationen einer immerhin außerordentlich interessanten Individualität hinstellte, die ja umfassen das Leben vom sechsten Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha bis heute. Wir haben da die Spanne Zeit, in die alles dasjenige hineingehört, was wir betrachten müssen, wenn wir das Leben der Gegenwart verstehen wollen.

[ 49 ] I think indeed that this will illumine certain karmic connections in the spiritual and intellectual life of the present time. It will enable us to look more deeply into the karmic relationships, now that we have placed before us these four successive incarnations of an extraordinarily interesting individuality, incarnations extending from the 6th century before the Mystery of Golgotha until to-day. That indeed is the span of time including all that we must study if we would understand the life of our own time.

[ 50 ] Wir haben heute einen Fall betrachtet, der uns lehrt, was alles eine Seele in diesem Zeitalter durchmachen kann. Ich will viel lieber solche Dinge nach den konkreten Erlebnissen der Seele schildern als durch abstrakte Erörterungen.

[ 50 ] To-day we have taken a case which teaches us how many things a soul can undergo during this age. I would far rather describe these things by the concrete experiences of the soul than by abstract explanations.

[ 51 ] Damit habe ich zunächst diese Episode gegeben und werde diesen Vortragszyklus dann am Dienstag im Abendvortrag, dem letzten dieser Mitgliedervorträge, beschließen.

[ 51 ] I will close the present cycle of lectures next Tuesday evening which will indeed be the last of these lectures to Members.