Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band IV
GA 238
14 September 1924, Dornach
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Ich habe heute hier die Bilder befestigen lassen, die einen Teil einer Gabe bilden, welche mir in den letzten Tagen zugekommen ist infolge des öfteren Sprechens über die für das abendländische innere Geistesleben so bedeutungsvolle Schule von Chartres. Sie sehen auf diesen Bildern — ich werde am Dienstag andere aus der Sammlung hier befestigen lassen —, was an wunderbar Architektonischem, an im Sinne der mittelalterlichen Plastik wunderbar Bildhauerischem, an der Stätte geworden ist, wo einstmals jenes Leben geblüht hat, von dem ich auch hier als einem für das Abendland wichtigen geistigen Leben nun schon öfter gesprochen habe.
[ 2 ] Diese Schule von Chartres, sie hatte ja diejenigen Persönlichkeiten in sich, welche im zwölften Jahrhundert noch den Drang hatten, sich lehrend oder lernend in dasjenige zu vertiefen, was an lebendigem Geistesleben in der Zeitenwende heraufgekommen ist, was heraufgezogen ist in jener Epoche europäischer Zivilisationsentwickelung, in der die Menschheit, insofern sie Erkenntnis suchte, diese Erkenntnis noch im lebendigen Wirken und Weben der Naturwesen, nicht im Begreifen der wesenlosen abstrakten Naturgesetze suchte. Und so wurde in der Schule von Chartres, wenn auch nicht mehr durch alte Initiaten, so doch aber durch Persönlichkeiten, welche Sinn und Herz dafür hatten, aus der Tradition manches von dem aufzunehmen, was einstmals auf spirituelle Art erlebt worden war, in einem intensiven Sinne eine Hingabe an die geistigen Mächte gepflegt, namentlich an diejenigen, die in der Natur walten. Und ich habe es ja bemerklich gemacht, meine lieben Freunde, wie man geradezu eine geheimnisvolle Lichtausstrahlung der Schule von Chartres in dem Geiste Brunetto Latinis, des großen Lehrers Dantes, sehen kann. Und ich habe dann begreiflich zu machen gesucht, wie die Persönlichkeiten, die Individualitäten von Chartres in geistigen Welten weitergewirkt haben, im Bunde mit denen, die nachher im Dominikanerorden mehr als die Träger der Scholastik gekommen sind.
[ 3 ] Man kann sagen, die Individualitäten von Chartres mußten aus den Zeichen der Zeit heraus zu der Anschauung kommen, daß innerhalb des Erdenlebens für sie erst dann wiederum die Zeit kommen werde, wenn das Michael-Element, das am Ende des neunzehnten Jahrhunderts beginnen sollte, eine Zeitlang auf Erden gewirkt haben wird. Teil nahmen diese Individualitäten von Chartres in einer weitgehenden Weise an jenen übersinnlichen Lehren, die in dem Sinne gegeben wurden, wie ich das letztemal davon gesprochen habe, unter der Ägide Michaels selber, um sozusagen die Impulse ausströmen zu lassen, welche für das spirituelle Leben in den nächsten Jahrhunderten gelten sollten und unter deren Einfluß derjenige heute notwendig stehen muß, welcher sich der Pflege des geistigen Lebens widmen will.
[ 4 ] Im großen und ganzen kann man sagen: Wiederverkörperungen der Geister von Chartres sind eigentlich nur in geringem Maße dagewesen. Aber dennoch war es mir gegönnt, gerade eine Möglichkeit zu finden, durch eine Anregung in der Gegenwart auf die Schule von Chartres zurückzublicken. Es gab da in der Schule von Chartres einen Mönch, der ganz demjenigen hingegeben war, was dazumal in der Schule von Chartres ja an Lebenselement war. Aber man fühlte in der Schule von Chartres, gerade wenn man ihr recht hingegeben war, etwas von Abenddämmerungsstimmung des geistigen Lebens. Denn alles, was noch an die großen, bedeutungsvollen Impulse des geisterfüllten Platonismus erinnerte, wie er sich fortgepflanzt hat, das lebte in Chartres, aber so, daß die Träger dieses Chartresschen Lebens sich sagen mußten: Ja, in der Zukunft wird die Zivilisation Europas keine Empfänglichkeit haben für diese platonische Lebendigkeit.
[ 5 ] Rührend, möchte ich sagen, ist es ja, wenn wir sehen, wie die Schule von Chartres Bildnisse der inspirierenden Genien für die sogenannten sieben Freien Künste bewahrt: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musika. Auch in dem Empfangen des Geistigen, das in diesen sieben Freien Künsten gegeben war, sah man noch lebendige Göttergaben, die durch Wesen an den Menschen herankamen, nicht Mitteilungen nur toter Gedanken über tote Naturgesetze. Und man konnte sehen, daß eben Europa keine Empfänglichkeit haben wird in der Zukunft für alles das. Deshalb empfand man etwas wie Abenddämmerungsstimmung des geistigen Lebens.
[ 6 ] Und ein solcher Mönch, ein einzelner, besonders den Arbeiten, den Lehren in Chartres hingegebener Mönch, wurde ja in unserer Zeit doch verkörpert, aber verkörpert in einer Weise, daß man geradezu in wunderbarer Art den Abglanz des vorigen Lebens in diesem Leben bei der betreffenden Persönlichkeit finden konnte. Diese Persönlichkeit in unserer Zeit war eine mir bekannte, sogar befreundete Schriftstellerin, die jetzt schon seit längerer Zeit gestorben ist, die eine in unserer Zeit ganz merkwürdige Seelenstimmung in sich trug, eine Seelenstimmung, über die ich früher nicht gesprochen haben würde, trotzdem ich sie vor Jahren beobachtet habe. Aber über diese Dinge zu sprechen ist eigentlich erst möglich, seitdem die Weihnachtsstimmung über unsere Anthroposophische Gesellschaft gekommen ist, weil diese ja eine besondere Beleuchtung für diese Dinge gebracht hat und weil heute die Möglichkeit vorliegt, über diese Dinge, wie ich schon ausführte, unbefangen zu sprechen.
[ 7 ] Wenn man mit dieser Persönlichkeit sprach, so sprach sie eigentlich nur davon, daß sie sterben wolle. Dabei war dieses Sterbenwollen nicht aus einer sentimentalen, auch nicht aus einer hypochondrischen, man könnte nicht einmal sagen aus einer melancholischen Seelenstimmung heraus, sondern wenn man den psychologischen Blick hatte, auf solche Dinge einzugehen, so fand man sich so weit zurück in der Seele dieser Persönlichkeit, daß man sich sagte: Da ist der Abglanz eines vorigen Erdenlebens. Da ist in einem vorigen Erdenleben etwas als Keim gelegt worden, was jetzt herauskommt. Jetzt — nicht in dieser Todessehnsucht, sondern in der Empfindung, daß eigentlich diese Seele, die da verkörpert war, gar nichts mit der Gegenwart zu tun hatte.
[ 8 ] Die Schriften dieser Persönlichkeit sind auch so, daß sie wie aus einer anderen Welt heraus, nicht den Mitteilungen nach, nicht den Tatsachen nach, wohl aber der Stimmung nach geschrieben sind. Und man kommt nur dann zu einem Verständnisse dieser Stimmung, wenn man den Weg findet von dem düsteren Lichte dieser Schriften und dem düsteren Lichte, das in dieser Seele selbst als deren Grundlage gelebt hat, zurück zu jenem Mönch von Chartres, der die Abenddämmerungsstimmung des lebendigen Platonismus dazumal in Chartres miterlebt hat.
[ 9 ] Es war bei dieser Persönlichkeit nicht Temperament, nicht Melancholie, nicht Sentimentalität, es war das Hereinleuchten eines früheren Lebens. Und die gegenwärtige Seele dieser Persönlichkeit war wie ein Spiegel, in die wirklich das Chartres-Leben hereinragte. Nicht der Inhalt der Lehren von Chartres war herübergekommen, wohl aber waren herübergekommen in dieser Persönlichkeit die Stimmungen. Und wenn man rückschauend in diese Stimmungen sich versetzt, dann kann man in ihnen, ich möchte sagen, etwas bekommen wie geistige Photographien jener Persönlichkeiten, die man sonst auch durch Geistesforschung innerhalb derjenigen Welt findet, in der sie zu finden sind, und die in Chartres gelehrt haben.
[ 10 ] Sehen Sie, so bringt eben das Leben in der verschiedensten Weise durch Karma die Möglichkeiten, in diese Dinge hineinzuschauen. Und wenn ich die Erlebnisse mit dem Zisterzienserorden das letzte Mal angeführt habe, so möchte ich in Ergänzung davon dasjenige anführen, was von der Abenddämmerung der Schule von Chartres in Herz und Seele einer außerordentlich interessanten Persönlichkeit der Gegenwart hereinragte. Sie hat nun seit langem diejenigen Welten wiedergefunden, nach denen sie sich so sehr sehnte, zurück zu den Vätern von Chartres. Und wenn nicht Müdigkeit als karmisches Ergebnis der Seelenstimmung in Chartres bei jenem Mönch das ganze Seelenleben dieser Persönlichkeit beherrscht hätte, ich könnte mir kaum denken, daß es eine geeignetere Persönlichkeit in der Gegenwart gegeben hätte, in Verbindung gerade mit dem traditionellen Leben des Mittelalters das Geistesleben der Gegenwart zu pflegen. Und dabei möchte ich erwähnen, daß, wenn solche tief in den Untergründen der Seele wirkende Karma-Impulse da sind, man das Eigentümliche vor sich hat, daß im physischen Gesichtsausdrucke einer nachfolgenden Inkarnation eine Ähnlichkeit zu finden ist — es ist das in seltenen Fällen so, aber es ist der Fall —, eine Ähnlichkeit mit der vorigen Inkarnation. Die beiden Antlitze jenes Mönches und jener Schriftstellerin der Gegenwart waren wirklich ganz ausserordentlich ähnlich.
[ 11 ] Nun, meine lieben Freunde, im Zusammenhang damit möchte ich nach und nach dasjenige betrachten, was Karma der Anthroposophischen Gesellschaft beziehungsweise Karma der Individualitäten ihrer einzelnen Mitglieder ist dadurch, daß, wie ich schon das letzte Mal sagte, ein großer Teil der Seelen, die in der anthroposophischen Bewegung ehrlich drinnen stehen, irgendwo und irgendwann den Anschluß an jene Michael-Strömung gefunden hat, die ich eigentlich zu charakterisieren habe mit alledem, was ich bisher zu sagen hatte über Aristoteles und Alexander, über das, was im Übersinnlichen geschehen war zur Zeit, als in der Sinnenwelt hier das achte Konzil in Konstantinopel stattgefunden hat, über das, was als Fortsetzung geschah im Geistigen und im Physischen des Lebens am Hofe Harun al Raschids, und endlich über jene übersinnliche Schule, die unter der Ägide des Michael selber stand. Das Bedeutungsvolle in der Lehre dieser Schule war ja dieses, daß innerhalb ihrer Schule immer wieder hingewiesen wurde erstens auf die Zusammenhänge mit den alten Mysterien, auf die Zusammenhänge mit all dem, was wiederum heraufkommen muß in einer neuen Form aus dem Inhalte der alten Mysterien, um die neuere Zivilisation mit Spiritualität zu durchdringen; daß aber auf der anderen Seite auch auf die Impulse hingewiesen wurde, welche die für geistiges Leben begeisterten Seelen für ihr Wirken in die Zukunft hinein haben müssen. Und aus dem Verständnisse dieser Geistesströmung heraus kann es ja auch sein, daß verstanden werde, inwiefern Anthroposophie in ihrem Wesen die Impulse für ein erneuertes, wahres, ehrliches Verstehen des Christus-Impulses bedeutet.
[ 12 ] Denn in der anthroposophischen Bewegung finden sich eigentlich Seelen zweifacher Art. Eine ganze Anzahl dieser Seelen hat jene Strömungen mitgemacht, die sozusagen die offiziellen christlichen Strömungen der ersten Jahrhunderte waren; sie haben mitgemacht alles das, was als Christentum in die Welt gekommen ist, namentlich in den Zeiten des Kaisers Konstantin und in den unmittelbar daran anschließenden. Gerade unter denen, die dazumal mit einer ungeheuren Ehrlichkeit an das Christentum herangetreten sind, die in innerlicher Vertiefung das Christentum aufgenommen haben, sind eben solche Seelen, die sich mit dem Drange nach einem Verständnis des Christentums heute in der Anthroposophischen Gesellschaft befinden; nicht eben Christen, die solchen Bewegungen wie der des Kaisers Konstantin einfach nachfolgten, sondern mehr diejenigen Christen, die gerade für sich in Anspruch nahmen, als die echten Christen zu gelten, die in einzelne Sekten verteilt waren. Christliche Sekten mit innerlicher Vertiefung, sie enthielten viele der Seelen, die heute in ehrlicher Weise — manchmal aus unterbewußten Impulsen, die das Oberbewußtsein sogar in vieler Beziehung mißdeutet — herankommen an die anthroposophische Bewegung.
[ 13 ] Andere Seelen sind dann diejenigen, die diese christliche Entwickelung nicht unmittelbar mitgemacht haben, die entweder die spätere christliche Entwickelung mitgemacht haben, wo jene innerliche Vertiefung in Sekten nicht mehr da war, die aber vor allen Dingen auf dem Grunde ihrer Seelen viel von dem haben, unausgelöscht, lebendig, was in der vorchristlichen Zeit als alte heidnische Mysterienweisheit erlebt werden konnte. Auch sie haben vielfach das Christentum mitgemacht, aber es hat auf sie nicht solch einen Eindruck gemacht wie auf jene anderen Seelen, weil in ihnen der Eindruck und die Lehre, die Kultusübungen und so weiter der alten Mysterien lebendig geblieben waren. Gerade unter denen, die so in die anthroposophische Bewegung hineinkamen, befinden sich nun solche Seelen, die nicht in einem abstrakten Sinne Christus suchen. Die vorher Charakterisierten sind sozusagen froh, das Christentum wieder in der anthroposophischen Bewegung zu finden. Aber unter den andern sind diejenigen, die mit einem inneren Verständnis ergreifen, was in der Anthroposophie kosmisches Christentum ist. Christus als den kosmischen Sonnengeist, ihn erfassen vor allem diejenigen zahlreich in der anthroposophischen Bewegung stehenden Seelen, die viel Lebendiges noch in dem Untergrunde ihrer Seelen haben von dem, was sie aus den alten heidnischen Mysterien mitgebracht haben. Mit alledem sind ja die Strömungen des ganzen geistigen Lebens der Menschheit der Gegenwart verbunden; und ich meine eine weite Gegenwart, die über Jahrzehnte, die über Jahrhunderte reicht.
[ 14 ] Anthroposophie ist ja schließlich doch herausgewachsen aus dem Geistesleben der Gegenwart. Wenn sie auch in ihrem Inhalt nichts unmittelbar gemein hat mit diesem Geistesleben der Gegenwart, karmisch ist sie vielfach aus ihm herausgewachsen, und man muß auf manches, das scheinbar nicht in die Reihe dessen gehört, was unmittelbar in der Anthroposophie wirkt, man muß schon auch dahin schauen, um alles das in sein geistiges Gesichtsfeld hereinzubekommen, was in den Strömungen, die ich genannt habe, im Laufe der Zeit mitgewirkt hat. Ich sagte ja, man bekommt eigentlich ein wirkliches Verständnis für das, was äußerlich auf dem physischen Plane geschieht, erst dann, wenn man auf dem Hintergrunde dieses Geschehens schaut, was vom geistigen Felde aus in diese auf dem physischen Plane vor sich gehenden Ereignisse hineingeströmt wird. Und wir müssen, sagte ich schon das letzte Mal, wieder den Mut gewinnen, jene alte Mysterien-Empfindung in die Gegenwart hereinzuleiten, die nicht bloß in abstrakter Weise das physische Geschehen an ein allgemein pantheistisches oder theistisches oder wie immer geartetes Geistesleben anknüpft, sondern die konkret in der Lage ist, die einzelnen Geschehnisse, ja die menschlichen Erlebnisse innerhalb der Geschehnisse bis zu den geistigen Urgründen und Urwesen zurückzuverfolgen.
[ 15 ] Dazu gibt ja gerade dasjenige Veranlassung, was heute durch eine der tiefsten Aufgaben der Gegenwart gesucht werden muß. Es muß in der Gegenwart wiederum eine wirkliche Menschenerkenntnis nach Leib, Seele und Geist gesucht werden, aber nicht eine solche, die in abstrakten Ideen oder in abstrakten Gesetzen wurzelt, sondern die hineinschauen kann in die wirklichen Untergründe des ganzen menschlichen Wesens. Es muß dann der Mensch wirklich durchforscht werden nach seinen gesunden, nach seinen kranken Zuständen, nicht so, wie es sonst in der Gegenwart üblich ist, nach bloß physischen Erkenntnissen. Da lernt man den Menschen nicht kennen; da lernt man vor allen Dingen dasjenige im Leben nicht kennen, was in den Menschen hereinwirkt und so bedeutungsvoll in sein Schicksal eingreift: Unglück, Krankheit, Fähigkeit oder Unfähigkeit. Karma in allen seinen Formen lernt man nur kennen, wenn man den Menschen in seine Geistigkeit und in sein inneres Seelenleben hinein verfolgen kann von dem Ausgang des physischen Lebens aus.
[ 16 ] Heute steht ja das Erkenntnisstreben so da, daß in ganz äußerlicher Weise der Mensch in bezug auf seine Organe, in bezug auf seine Gefäße, in bezug auf seine Nerven, in bezug auf die Gefäße seines Blutumlaufes und so weiter betrachtet wird. Und wer die Dinge so betrachtet nach Gesundheit und Krankheit des Menschen, der ist nicht in der Lage, in all dem etwas zu finden, was Geist oder Seele ist. Und man möchte sagen: Der Anatom, der Physiologe von heute, er könnte so reden, wie einstmals ein berühmter Astronom zu einem Herrscher gesprochen hat in Beantwortung einer Frage, die der Herrscher gestellt hatte: Ich habe das ganze Weltall durchsucht, überall herumgesucht unter Sternen und ihren Bewegungen, aber einen Gott habe ich nicht gefunden. — So sagte der Astronom. Der Anatom und Physiologe von heute könnte sagen: Ich habe alles, Herz und Nieren und Magen und Gehirn und Blutgefäße und Nerven untersucht, aber die Seele und den Geist nicht gefunden.
[ 17 ] Sehen Sie, alles was die Schwierigkeiten zum Beispiel der heutigen Medizin sind, das steht unter diesem Einflusse. Und all das muß heute entwickelt werden, im allgemeinen nach den Anforderungen, die der anthroposophischen Bewegung gestellt sind, der ganzen Anthroposophischen Gesellschaft, und im einzelnen fachmännisch für die einzelnen Gruppen, wie zum Beispiel jetzt über Pastoral-Medizin vor einer Gruppe gesprochen wird, die fachmännisch dazu vorbereitet ist. Denn da muß das Tor gesucht werden, auch in diejenigen Zusammenhänge hereinzukommen, die sich zuletzt als die größeren Zusammenhänge in der Wirksamkeit der Karma-Strömungen ergeben. Und man wird sehen in der Pathologie und Therapie, wie die Beobachtung des kranken und gesunden Menschen notwendig macht, auf alles das einzugehen, was über Seele und Geist gesagt wird neben dem äußeren Physischen, das, wie ich immer wiederhole, so wie die Naturwissenschaft es darbietet, voll respektiert wird. Man wird aber schen, wie man genötigt ist, mit Bezug auf den gesunden und den kranken Menschen auf die höheren Glieder der Menschennatur einzugehen, wenn demnächst das Buch erscheinen wird, das von mir zusammen mit meiner lieben Mitarbeiterin, Frau Dr. Wegman, gerade auf diesem Gebiete des gesunden und kranken Menschen gearbeitet wird. Nur ergeben gerade solche Forschungen, welche die Tore suchen, um vom physischen Menschen auf eine richtige Art in den geistigen Menschen hineinzukommen, nur dann ein aussichtsvolles Resultat, wenn sie in der richtigen Weise angestellt werden. So daß zu einer solchen Arbeit, wie es hier der Fall ist, nicht bloß die Forschungskräfte der Gegenwart mitverwendet werden, sondern eben gerade Forschungskräfte, die sich dadurch ergeben, daß man die karmischen Fäden aufnimmt, die sich aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit heraus ergeben. Man muß sozusagen mit den Kräften des Karma arbeiten, um hinter die Geheimnisse zu kommen, um die es sich da handelt. Es werden zunächst nur die Anfänge im ersten Bande dieses Werkes erscheinen. Das Werk wird seine Fortsetzung finden, und es wird dann weitergeschritten werden von dem, was zunächst in mehr elementarer Weise entwickelt wird, zu demjenigen, was gerade von dieser Seite her, von der medizinisch-pathologischen Seite her, eine Menschenerkenntnis geben kann. Es ist das ja nur dadurch möglich, daß gerade in Frau Dr. Wegman eine Persönlichkeit vorliegt, welche in ihren medizinischen Studien die Dinge so aufgenommen hat, daß sie sich bei ihr selbstverständlich hinüberentwickeln zu demjenigen, was geistige Anschauung der Menschenwesenheit ist. Da aber, im Verlaufe dieser Forschung, ergeben sich gerade in der Anschauung der Organologie des Menschen, die man in geistiger Perspektive schaut, die Dinge, welche nun auch auf die karmischen Zusammenhänge hinführen. Denn dieselbe Art der Anschauung, die man entwickeln muß, um das Geistige zu schauen, das nicht hinter dem ganzen Menschen, sondern hinter den einzelnen Organen steht — hinter dem einen Organ steht meinetwillen die Jupiterwelt, hinter dem anderen Organ die Venuswelt und so weiter —, diejenigen Einsichten, die man da entwickeln muß, führen eben zu dem, was sich als die Möglichkeit darstellt, hinter menschliche Persönlichkeiten in ihren abgelaufenen Erdenleben zu kommen. Denn im gegenwärtigen Erdenleben steht der Mensch in seiner Hautumgrenzung vor uns. Bekommen wir die Fähigkeit, hineinzuschauen in die einzelnen Organe des Menschen, dann erweitert sich das, was innerhalb der Haut ist, indem jedes Organ nach einer anderen Richtung der Welt hinweist, die Wege bildet hinaus in den Makrokosmos. Dann rundet sich draußen wiederum der Mensch, und das braucht man: diesen Menschen, der sich geistig wieder aufbaut, nachdem er die gegenwärtige Form, die durch die Haut begrenzt ist, überwunden hat. Und wenn man das, was physisch etwas ganz anderes ist, als sich der heutige Anatom und Physiologe vorstellt, hinaus verfolgt, dann gibt das Anschauungen, die auch dem entsprechen, was die Schauungen in frühere Erdenleben des Menschen sind. Und da erlebt man ja dann die Zusammenhänge, die eben hineinleuchten in die Entwickelungsgeschichte der Menschheit, und die Gegenwart in dem, was physisch da ist, erklärlich machen. Es lebt ja die ganze Vergangenheit der Menschen eigentlich in der Gegenwart. Aber mit diesem allgemein abstrakten Satze ist natürlich nichts gesagt, den sagen ja die Materialisten auch; darauf kommt es aber nicht an, sondern es kommt darauf an, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart lebt.
[ 18 ] Da möchte ich Ihnen auch dafür ein Beispiel sagen, ein Beispiel, das eigentlich so in sich wunderbar ist, daß es in mir selbst die größte Verwunderung hervorgerufen hat, als es sich als Resultat der Forschung ergeben hat. Und manches von dem, was von mir auf diesem Gebiete früher gedacht worden ist, mußte rektifiziert werden oder wenigstens ergänzt werden.
[ 19 ] Sehen Sie, es wird für den, der sinnvoll die Geschichte betrachtet, ein Ereignis gerade in den ersten Jahrhunderten des Christentums von einem merkwürdigen Geheimnis umschwebt. Wir sehen da eine Persönlichkeit, die wir vielleicht innerlich sehr wenig dazu geeignet finden, wir sehen den schon erwähnten Kaiser Konstantin das Christentum ergreifen, um es zu dem zu machen, was dann eigentlich das offizielle Christentum des Abendlandes geworden ist. Aber wir sehen — natürlich nicht im wörtlichen Sinne, aber wenn man über größere Zeiträume hinwegsieht —, wir sehen neben dem Konstantin stehen Julian Apostata, wahrhaftig eine Persönlichkeit, von der man wissen kann, in ihr lebte Mysterien-Weisheit. Julian Apostata konnte von der dreifachen Sonne sprechen. Und er hat ja sein Leben eingebüßt, weil er eben dadurch als Verräter an den Mysterien angesehen worden ist, daß er von der dreifachen Sonne gesprochen hat. Das durfte man in der damaligen Zeit nicht; früher hat man es schon erst recht nicht gedurft. Aber Julian Apostata stand in einer eigentümlichen Weise zum Christentum. Man möchte in gewissem Sinne oftmals verwundert sein, daß gerade dieser feine, geniale Kopf für die Größe des Christentums so wenig empfänglich war; aber das kommt davon her, daß er eben in seiner Umgebung wenig von innerlicher Ehrlichkeit, wie er sie auffaßte, sah. Und unter denen, die ihn in die antiken Mysterien einführten, fand er noch viel Ehrlichkeit, positive, aktive Ehrlichkeit.
[ 20 ] Julian Apostata wurde ja drüben in Asien ermordet. Über den Mord wurde mancherlei gefabelt. Aber er ist eben erfolgt, weil man in Julian Apostata einen Verräter der Mysterien gesehen hat. Es war ein ganz arrangierter Mord.
[ 21 ] Wenn man sich nun etwas bekannt macht mit dem, was in Julian Apostata lebte, dann wird man ja tief interessiert dafür: Wie lebte diese Individualität weiter? — Denn es ist eine ganz eigenartige Individualität, eine Individualität, von der man sagen muß: Mehr als Konstantin, mehr als Chlodwig, mehr als alle anderen wäre er geeignet gewesen, dem Christentum die Wege zu ebnen! Und es lag in seiner Seele. Er hätte, wenn die Zeit dazu günstig gewesen wäre, wenn die Verhältnisse dazu dagewesen wären, aus den alten Mysterien heraus eine geradlinige Fortsetzung bewirken können vom vorchristlichen Christus, von dem wirklichen makrokosmischen Logos, zu dem Christus, der fortwirken sollte in der Menschheit nach dem Mysterium von Golgatha. Und wenn man geistig auf den Julian eingeht, so findet man eben das Merkwürdige: Es ist Schale bei ihm gewesen dieses Apostata-Wesen, und auf dem Grunde seiner Seele findet man eigentlich einen Trieb, das Christentum zu erfassen, den er aber nicht heraufkommen ließ, den er unterdrückte, wegen der Albernheiten des Celsus, der über den Jesus geschrieben hat. Es kommt eben vor, daß auch eine geniale Persönlichkeit bisweilen auf Albernheiten von Leuten hereinfällt. Und so hat man das Gefühl, Julian wäre eigentlich die geeignete Seele gewesen, dem Christentum die Bahnen zu ebnen, das Christentum in die Bahn zu bringen, in die es gehört.
[ 22 ] Und man verläßt dann diese Seele des Julian Apostata in ihrem Erdenleben und folgt ihr als Individualität mit höchstem Interesse durch die geistigen Welten. Aber da ist etwas Unklares. Es umschwebt diese Seele etwas Unklares, und nur dem intensivsten Bestreben kann es gelingen, in dieser Beziehung zur Klarheit zu gelangen. Über vieles existieren im Mittelalter ja Anschauungen, die immer legendär sind, die aber adäquat sind den wirklichen Ereignissen. Ich habe das schon erwähnt, wie adäquat — wenn auch natürlich legendär — die Sagen sind, die sich an die Persönlichkeit des Alexander angeschlossen haben. Wie lebendig erscheint das Leben Alexanders noch in der Schilderung des Pfaffen Lamprecht! Was von Julian fortlebt, das lebt so fort, daß man immer sagen kann: Es will eigentlich verschwinden in der Menschenbetrachtung. Und wenn man es verfolgt, hat man sozusagen die größte Mühe, mit dem geistigen Blick dabeibleiben zu können. Es entzieht sich einem fortwährend. Man verfolgt es durch die Jahrhunderte bis in das Mittelalter herein: es entzieht sich einem. Und wenn es einem dann doch gelingt, die Sache zu verfolgen, dann landet man mit der Betrachtung an einer merkwürdigen Stelle, die eigentlich gar nicht historisch ist, die aber historischer als historisch ist: Man landet endlich bei einer weiblichen Persönlichkeit, in der man die Seele Julian Apostatas findet, bei einer weiblichen Persönlichkeit, die unter einem für sie selbst bedrückenden Eindrucke ein Wichtiges im Leben vollzog. Diese weibliche Persönlichkeit sah nicht in sich, sondern in einer anderen ein Abbild des Schicksals Julian Apostatas, insofern Julian Apostata einen Zug nach dem Oriente machte und im Orient durch Verrat umgekommen ist.
[ 23 ] Sehen Sie, das ist Herzeloyde, die Mutter des Parsifal, die eine historische Persönlichkeit ist, über die aber die Historie nicht berichtet, die in Gamuret, den sie geheiratet hat und der auf einem Zug nach dem Orient durch Verrat zugrunde gegangen ist, auf ihr eigenes Schicksal in dem früheren Julian Apostata hingewiesen wird. Durch diesen Hinweis, der ihr tief in die Seele ging, vollbrachte Herzeloyde, was nun legendär, aber ungemein historisch doch von der Erziehung des Parsifal durch Herzeloyde gesagt wird. Diese Seele des Julian Apostata, die so in den Untergründen geblieben war, bei der man glauben möchte, daß sie eigentlich wie berufen gewesen wäre, dem Christentum die rechte Bahn zu weisen, die findet sich dann im Mittelalter in einem weiblichen Leibe, in einer weiblichen Persönlichkeit, die den Parsifal aussendet, um dem Christentum die esoterischen Wege zu suchen und zu weisen.
[ 24 ] Sehen Sie, so geheimnisvoll, so rätselhaft gehen oft die Wege der Menschheit in den Unter- und Hintergründen des Daseins. Dieses Beispiel, das sich in einer merkwürdigen Weise verwebt mit dem, was ich schon erzählt habe in Anknüpfung an die Schule von Chartres, kann Sie aufmerksam darauf machen, wie wunderbar im Grunde genommen die Wege der menschlichen Seele und die Entwickelungswege der ganzen Menschheit sind. Dieses Beispiel wird noch eine Art Fortsetzung erfahren dürfen, indem ich über das Leben von Herzeloyde, über den, der dazumal physisch als Parsifal hinausgesendet wurde, einiges sprechen werde. Da, wo wir jetzt die Betrachtungen unterbrechen müssen, werde ich das nächste Mal anknüpfen.
