Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume IV
GA 238
14 September 1924, Dornach
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Esoteric Considerations of Karmic Connections, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Ich habe heute hier die Bilder befestigen lassen, die einen Teil einer Gabe bilden, welche mir in den letzten Tagen zugekommen ist infolge des öfteren Sprechens über die für das abendländische innere Geistesleben so bedeutungsvolle Schule von Chartres. Sie sehen auf diesen Bildern — ich werde am Dienstag andere aus der Sammlung hier befestigen lassen —, was an wunderbar Architektonischem, an im Sinne der mittelalterlichen Plastik wunderbar Bildhauerischem, an der Stätte geworden ist, wo einstmals jenes Leben geblüht hat, von dem ich auch hier als einem für das Abendland wichtigen geistigen Leben nun schon öfter gesprochen habe.
[ 1 ] Today I had these pictures mounted here; they are part of a gift I received in recent days as a result of my frequent discussions about the School of Chartres, which is so significant for the inner spiritual life of the West. In these pictures—I will have others from the collection posted here on Tuesday—you can see the marvelous architecture and the marvelous sculptural art in the spirit of medieval sculpture that have emerged at the site where that life once flourished, a spiritual life I have often spoken of here as being of great importance to the West.
[ 2 ] Diese Schule von Chartres, sie hatte ja diejenigen Persönlichkeiten in sich, welche im zwölften Jahrhundert noch den Drang hatten, sich lehrend oder lernend in dasjenige zu vertiefen, was an lebendigem Geistesleben in der Zeitenwende heraufgekommen ist, was heraufgezogen ist in jener Epoche europäischer Zivilisationsentwickelung, in der die Menschheit, insofern sie Erkenntnis suchte, diese Erkenntnis noch im lebendigen Wirken und Weben der Naturwesen, nicht im Begreifen der wesenlosen abstrakten Naturgesetze suchte. Und so wurde in der Schule von Chartres, wenn auch nicht mehr durch alte Initiaten, so doch aber durch Persönlichkeiten, welche Sinn und Herz dafür hatten, aus der Tradition manches von dem aufzunehmen, was einstmals auf spirituelle Art erlebt worden war, in einem intensiven Sinne eine Hingabe an die geistigen Mächte gepflegt, namentlich an diejenigen, die in der Natur walten. Und ich habe es ja bemerklich gemacht, meine lieben Freunde, wie man geradezu eine geheimnisvolle Lichtausstrahlung der Schule von Chartres in dem Geiste Brunetto Latinis, des großen Lehrers Dantes, sehen kann. Und ich habe dann begreiflich zu machen gesucht, wie die Persönlichkeiten, die Individualitäten von Chartres in geistigen Welten weitergewirkt haben, im Bunde mit denen, die nachher im Dominikanerorden mehr als die Träger der Scholastik gekommen sind.
[ 2 ] This School of Chartres, after all, included those individuals who, even in the twelfth century, still felt the urge—whether as teachers or students—to delve deeply into the vibrant spiritual life that had emerged at the turn of the era, that had risen during that epoch of European civilization’s development in which humanity, in its quest for knowledge, still sought that knowledge in the living activity and interplay of natural beings, rather than in the comprehension of insubstantial, abstract laws of nature. And so, at the School of Chartres—even if no longer through ancient initiates, but rather through individuals who had the sensibility and heart to draw from tradition much of what had once been experienced in a spiritual way—a deep devotion to the spiritual powers was cultivated, particularly to those that reign in nature. And I have indeed pointed out, my dear friends, how one can see a veritable mystical radiance emanating from the School of Chartres in the spirit of Brunetto Latini, Dante’s great teacher. And I then sought to explain how the personalities, the individualities of Chartres, continued to exert their influence in spiritual worlds, in alliance with those who later emerged in the Dominican Order as more than mere bearers of Scholasticism.
[ 3 ] Man kann sagen, die Individualitäten von Chartres mußten aus den Zeichen der Zeit heraus zu der Anschauung kommen, daß innerhalb des Erdenlebens für sie erst dann wiederum die Zeit kommen werde, wenn das Michael-Element, das am Ende des neunzehnten Jahrhunderts beginnen sollte, eine Zeitlang auf Erden gewirkt haben wird. Teil nahmen diese Individualitäten von Chartres in einer weitgehenden Weise an jenen übersinnlichen Lehren, die in dem Sinne gegeben wurden, wie ich das letztemal davon gesprochen habe, unter der Ägide Michaels selber, um sozusagen die Impulse ausströmen zu lassen, welche für das spirituelle Leben in den nächsten Jahrhunderten gelten sollten und unter deren Einfluß derjenige heute notwendig stehen muß, welcher sich der Pflege des geistigen Lebens widmen will.
[ 3 ] One could say that the individualities of Chartres had to come to the realization, based on the signs of the times, that within their earthly lives, the time would not come for them again until the Michael element—which was to begin at the end of the nineteenth century—had been at work on Earth for a while. To a large extent, these individualities of Chartres participated in those supersensible teachings that were given—in the sense I spoke of last time—under the aegis of Michael himself, in order, so to speak, to radiate the impulses that were to apply to spiritual life in the coming centuries—and under whose influence anyone who wishes to devote themselves to the cultivation of spiritual life must necessarily stand today.
[ 4 ] Im großen und ganzen kann man sagen: Wiederverkörperungen der Geister von Chartres sind eigentlich nur in geringem Maße dagewesen. Aber dennoch war es mir gegönnt, gerade eine Möglichkeit zu finden, durch eine Anregung in der Gegenwart auf die Schule von Chartres zurückzublicken. Es gab da in der Schule von Chartres einen Mönch, der ganz demjenigen hingegeben war, was dazumal in der Schule von Chartres ja an Lebenselement war. Aber man fühlte in der Schule von Chartres, gerade wenn man ihr recht hingegeben war, etwas von Abenddämmerungsstimmung des geistigen Lebens. Denn alles, was noch an die großen, bedeutungsvollen Impulse des geisterfüllten Platonismus erinnerte, wie er sich fortgepflanzt hat, das lebte in Chartres, aber so, daß die Träger dieses Chartresschen Lebens sich sagen mußten: Ja, in der Zukunft wird die Zivilisation Europas keine Empfänglichkeit haben für diese platonische Lebendigkeit.
[ 4 ] By and large, one can say that reincarnations of the spirits of Chartres have actually been few and far between. Nevertheless, I was fortunate enough to find an opportunity to look back on the School of Chartres through an inspiration in the present. There was a monk at the School of Chartres who was wholly devoted to what was, at that time, the very lifeblood of the School of Chartres. But at the School of Chartres—especially when one was truly devoted to it—one sensed something of the twilight mood of spiritual life. For everything that still recalled the great, significant impulses of spirit-filled Platonism—as it had been passed down—lived on in Chartres, but in such a way that the bearers of this Chartres way of life had to say to themselves: Yes, in the future, European civilization will have no receptivity to this Platonic vitality.
[ 5 ] Rührend, möchte ich sagen, ist es ja, wenn wir sehen, wie die Schule von Chartres Bildnisse der inspirierenden Genien für die sogenannten sieben Freien Künste bewahrt: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musika. Auch in dem Empfangen des Geistigen, das in diesen sieben Freien Künsten gegeben war, sah man noch lebendige Göttergaben, die durch Wesen an den Menschen herankamen, nicht Mitteilungen nur toter Gedanken über tote Naturgesetze. Und man konnte sehen, daß eben Europa keine Empfänglichkeit haben wird in der Zukunft für alles das. Deshalb empfand man etwas wie Abenddämmerungsstimmung des geistigen Lebens.
[ 5 ] It is indeed moving, I would say, to see how the School of Chartres has preserved images of the inspiring geniuses of the so-called seven Liberal Arts: grammar, dialectic, rhetoric, arithmetic, geometry, astronomy, and music. Even in the reception of the spiritual content embodied in these seven liberal arts, people still saw living gifts from the gods, conveyed to humanity by spiritual beings—not merely communications of dead thoughts about dead laws of nature. And it was clear that Europe would no longer be receptive to any of this in the future. That is why people sensed something like a twilight mood in spiritual life.
[ 6 ] Und ein solcher Mönch, ein einzelner, besonders den Arbeiten, den Lehren in Chartres hingegebener Mönch, wurde ja in unserer Zeit doch verkörpert, aber verkörpert in einer Weise, daß man geradezu in wunderbarer Art den Abglanz des vorigen Lebens in diesem Leben bei der betreffenden Persönlichkeit finden konnte. Diese Persönlichkeit in unserer Zeit war eine mir bekannte, sogar befreundete Schriftstellerin, die jetzt schon seit längerer Zeit gestorben ist, die eine in unserer Zeit ganz merkwürdige Seelenstimmung in sich trug, eine Seelenstimmung, über die ich früher nicht gesprochen haben würde, trotzdem ich sie vor Jahren beobachtet habe. Aber über diese Dinge zu sprechen ist eigentlich erst möglich, seitdem die Weihnachtsstimmung über unsere Anthroposophische Gesellschaft gekommen ist, weil diese ja eine besondere Beleuchtung für diese Dinge gebracht hat und weil heute die Möglichkeit vorliegt, über diese Dinge, wie ich schon ausführte, unbefangen zu sprechen.
[ 6 ] And such a monk—a solitary monk, particularly devoted to the work and teachings in Chartres—was indeed embodied in our time, but embodied in such a way that one could find, in a truly wondrous manner, the reflection of his previous life in this life within that particular personality. This person in our time was a writer I knew—indeed, a friend of mine—who has now been dead for quite some time; she possessed a state of mind that was quite remarkable for our time, a state of mind I would not have spoken of earlier, even though I had observed it years ago. But speaking about these things has really only become possible since the Christmas spirit has come over our Anthroposophical Society, because this has shed a special light on these matters and because today, as I have already explained, there is an opportunity to speak about them openly.
[ 7 ] Wenn man mit dieser Persönlichkeit sprach, so sprach sie eigentlich nur davon, daß sie sterben wolle. Dabei war dieses Sterbenwollen nicht aus einer sentimentalen, auch nicht aus einer hypochondrischen, man könnte nicht einmal sagen aus einer melancholischen Seelenstimmung heraus, sondern wenn man den psychologischen Blick hatte, auf solche Dinge einzugehen, so fand man sich so weit zurück in der Seele dieser Persönlichkeit, daß man sich sagte: Da ist der Abglanz eines vorigen Erdenlebens. Da ist in einem vorigen Erdenleben etwas als Keim gelegt worden, was jetzt herauskommt. Jetzt — nicht in dieser Todessehnsucht, sondern in der Empfindung, daß eigentlich diese Seele, die da verkörpert war, gar nichts mit der Gegenwart zu tun hatte.
[ 7 ] When one spoke with this person, she really talked about nothing but her desire to die. Yet this desire to die did not stem from a sentimental or hypochondriacal state of mind—one could not even say it arose from a melancholic mood—but if one had the psychological insight to delve into such matters, one found oneself so deeply within the soul of this person that one said to oneself: There is the reflection of a previous earthly life. Something had been planted as a seed in a previous earthly life, and now it is coming to the surface. Now—not in this longing for death, but in the feeling that this soul, which was embodied there, actually had nothing to do with the present.
[ 8 ] Die Schriften dieser Persönlichkeit sind auch so, daß sie wie aus einer anderen Welt heraus, nicht den Mitteilungen nach, nicht den Tatsachen nach, wohl aber der Stimmung nach geschrieben sind. Und man kommt nur dann zu einem Verständnisse dieser Stimmung, wenn man den Weg findet von dem düsteren Lichte dieser Schriften und dem düsteren Lichte, das in dieser Seele selbst als deren Grundlage gelebt hat, zurück zu jenem Mönch von Chartres, der die Abenddämmerungsstimmung des lebendigen Platonismus dazumal in Chartres miterlebt hat.
[ 8 ] The writings of this figure are such that they seem to come from another world; they are not written based on reports or facts, but rather on a certain mood. And one can only come to understand this mood by finding a path from the somber light of these writings—and the somber light that lived within this soul itself as its very foundation—back to that monk of Chartres who witnessed the twilight mood of living Platonism in Chartres at that time.
[ 9 ] Es war bei dieser Persönlichkeit nicht Temperament, nicht Melancholie, nicht Sentimentalität, es war das Hereinleuchten eines früheren Lebens. Und die gegenwärtige Seele dieser Persönlichkeit war wie ein Spiegel, in die wirklich das Chartres-Leben hereinragte. Nicht der Inhalt der Lehren von Chartres war herübergekommen, wohl aber waren herübergekommen in dieser Persönlichkeit die Stimmungen. Und wenn man rückschauend in diese Stimmungen sich versetzt, dann kann man in ihnen, ich möchte sagen, etwas bekommen wie geistige Photographien jener Persönlichkeiten, die man sonst auch durch Geistesforschung innerhalb derjenigen Welt findet, in der sie zu finden sind, und die in Chartres gelehrt haben.
[ 9 ] It was not temperament, nor melancholy, nor sentimentality in this person; it was the radiance of a past life. And the present soul of this person was like a mirror into which the life of Chartres truly shone. It was not the content of the teachings of Chartres that had come over, but rather the moods had come over into this personality. And when one looks back and immerses oneself in these moods, one can, I would say, perceive in them something like spiritual photographs of those personalities whom one otherwise finds through spiritual research within the world in which they are to be found, and who taught in Chartres.
[ 10 ] Sehen Sie, so bringt eben das Leben in der verschiedensten Weise durch Karma die Möglichkeiten, in diese Dinge hineinzuschauen. Und wenn ich die Erlebnisse mit dem Zisterzienserorden das letzte Mal angeführt habe, so möchte ich in Ergänzung davon dasjenige anführen, was von der Abenddämmerung der Schule von Chartres in Herz und Seele einer außerordentlich interessanten Persönlichkeit der Gegenwart hereinragte. Sie hat nun seit langem diejenigen Welten wiedergefunden, nach denen sie sich so sehr sehnte, zurück zu den Vätern von Chartres. Und wenn nicht Müdigkeit als karmisches Ergebnis der Seelenstimmung in Chartres bei jenem Mönch das ganze Seelenleben dieser Persönlichkeit beherrscht hätte, ich könnte mir kaum denken, daß es eine geeignetere Persönlichkeit in der Gegenwart gegeben hätte, in Verbindung gerade mit dem traditionellen Leben des Mittelalters das Geistesleben der Gegenwart zu pflegen. Und dabei möchte ich erwähnen, daß, wenn solche tief in den Untergründen der Seele wirkende Karma-Impulse da sind, man das Eigentümliche vor sich hat, daß im physischen Gesichtsausdrucke einer nachfolgenden Inkarnation eine Ähnlichkeit zu finden ist — es ist das in seltenen Fällen so, aber es ist der Fall —, eine Ähnlichkeit mit der vorigen Inkarnation. Die beiden Antlitze jenes Mönches und jener Schriftstellerin der Gegenwart waren wirklich ganz ausserordentlich ähnlich.
[ 10 ] You see, life itself, through karma, provides opportunities in a wide variety of ways to gain insight into these things. And since I mentioned the experiences with the Cistercian Order last time, I would like to supplement that by recounting what, from the twilight of the School of Chartres, shone into the heart and soul of an extraordinarily interesting contemporary figure. She has now, for a long time, rediscovered those worlds for which she so deeply longed—back to the Fathers of Chartres. And if fatigue—as a karmic consequence of the soul’s mood in Chartres in connection with that monk—had not dominated the entire soul life of this individual, I could hardly imagine that there would have been a more suitable person in the present to nurture the spiritual life of the present in connection precisely with the traditional life of the Middle Ages. And in this connection I would like to mention that when such karmic impulses, working deep in the recesses of the soul, are present, one encounters the peculiar phenomenon that a resemblance can be found in the physical facial features of a subsequent incarnation—this is the case in rare instances, but it does occur—a resemblance to the previous incarnation. The two faces—that of the monk and that of the contemporary writer—were truly remarkably similar.
[ 11 ] Nun, meine lieben Freunde, im Zusammenhang damit möchte ich nach und nach dasjenige betrachten, was Karma der Anthroposophischen Gesellschaft beziehungsweise Karma der Individualitäten ihrer einzelnen Mitglieder ist dadurch, daß, wie ich schon das letzte Mal sagte, ein großer Teil der Seelen, die in der anthroposophischen Bewegung ehrlich drinnen stehen, irgendwo und irgendwann den Anschluß an jene Michael-Strömung gefunden hat, die ich eigentlich zu charakterisieren habe mit alledem, was ich bisher zu sagen hatte über Aristoteles und Alexander, über das, was im Übersinnlichen geschehen war zur Zeit, als in der Sinnenwelt hier das achte Konzil in Konstantinopel stattgefunden hat, über das, was als Fortsetzung geschah im Geistigen und im Physischen des Lebens am Hofe Harun al Raschids, und endlich über jene übersinnliche Schule, die unter der Ägide des Michael selber stand. Das Bedeutungsvolle in der Lehre dieser Schule war ja dieses, daß innerhalb ihrer Schule immer wieder hingewiesen wurde erstens auf die Zusammenhänge mit den alten Mysterien, auf die Zusammenhänge mit all dem, was wiederum heraufkommen muß in einer neuen Form aus dem Inhalte der alten Mysterien, um die neuere Zivilisation mit Spiritualität zu durchdringen; daß aber auf der anderen Seite auch auf die Impulse hingewiesen wurde, welche die für geistiges Leben begeisterten Seelen für ihr Wirken in die Zukunft hinein haben müssen. Und aus dem Verständnisse dieser Geistesströmung heraus kann es ja auch sein, daß verstanden werde, inwiefern Anthroposophie in ihrem Wesen die Impulse für ein erneuertes, wahres, ehrliches Verstehen des Christus-Impulses bedeutet.
[ 11 ] Well, my dear friends, in connection with this I would like to gradually examine what constitutes the karma of the Anthroposophical Society—or rather, the karma of the individual members—given that, as I mentioned last time, a large portion of the souls who are sincerely involved in the Anthroposophical Movement have, at some point and in some place, found a connection to that Michaelic current, which I must actually characterize with all that I have said so far about Aristotle and Alexander, about what had taken place in the supersensible realm at the time when the Eighth Council of Constantinople was taking place here in the sensory world, about what followed in the spiritual and physical realms of life at the court of Harun al-Rashid, and finally about that supersensible school that stood under the aegis of Michael himself. The significant aspect of this school’s teaching was, after all, that within its ranks reference was made time and again, first, to the connections with the ancient mysteries—to the connections with all that must once again emerge in a new form from the content of the ancient mysteries in order to permeate the newer civilization with spirituality; but that, on the other hand, attention was also drawn to the impulses that souls enthusiastic for spiritual life must possess for their work in the future. And out of an understanding of this spiritual current, it may well be possible to grasp the extent to which anthroposophy, in its very essence, provides the impulses for a renewed, true, and sincere understanding of the Christ impulse.
[ 12 ] Denn in der anthroposophischen Bewegung finden sich eigentlich Seelen zweifacher Art. Eine ganze Anzahl dieser Seelen hat jene Strömungen mitgemacht, die sozusagen die offiziellen christlichen Strömungen der ersten Jahrhunderte waren; sie haben mitgemacht alles das, was als Christentum in die Welt gekommen ist, namentlich in den Zeiten des Kaisers Konstantin und in den unmittelbar daran anschließenden. Gerade unter denen, die dazumal mit einer ungeheuren Ehrlichkeit an das Christentum herangetreten sind, die in innerlicher Vertiefung das Christentum aufgenommen haben, sind eben solche Seelen, die sich mit dem Drange nach einem Verständnis des Christentums heute in der Anthroposophischen Gesellschaft befinden; nicht eben Christen, die solchen Bewegungen wie der des Kaisers Konstantin einfach nachfolgten, sondern mehr diejenigen Christen, die gerade für sich in Anspruch nahmen, als die echten Christen zu gelten, die in einzelne Sekten verteilt waren. Christliche Sekten mit innerlicher Vertiefung, sie enthielten viele der Seelen, die heute in ehrlicher Weise — manchmal aus unterbewußten Impulsen, die das Oberbewußtsein sogar in vieler Beziehung mißdeutet — herankommen an die anthroposophische Bewegung.
[ 12 ] For within the anthroposophical movement there are, in fact, two kinds of souls. A great many of these souls were part of the movements that were, so to speak, the official Christian movements of the first centuries; they were part of everything that came into the world as Christianity, particularly during the time of Emperor Constantine and in the period immediately following it. It is precisely among those who approached Christianity with tremendous sincerity back then—who absorbed Christianity through inner contemplation—that we find the very souls who, driven by a desire to understand Christianity, are now members of the Anthroposophical Society; not so much Christians who simply followed movements such as that of Emperor Constantine, but rather those Christians who claimed for themselves the title of “true Christians,” scattered among various sects. Christian sects characterized by inner depth included many of the souls who today approach the anthroposophical movement in an honest way—sometimes driven by subconscious impulses that the conscious mind even misinterprets in many respects.
[ 13 ] Andere Seelen sind dann diejenigen, die diese christliche Entwickelung nicht unmittelbar mitgemacht haben, die entweder die spätere christliche Entwickelung mitgemacht haben, wo jene innerliche Vertiefung in Sekten nicht mehr da war, die aber vor allen Dingen auf dem Grunde ihrer Seelen viel von dem haben, unausgelöscht, lebendig, was in der vorchristlichen Zeit als alte heidnische Mysterienweisheit erlebt werden konnte. Auch sie haben vielfach das Christentum mitgemacht, aber es hat auf sie nicht solch einen Eindruck gemacht wie auf jene anderen Seelen, weil in ihnen der Eindruck und die Lehre, die Kultusübungen und so weiter der alten Mysterien lebendig geblieben waren. Gerade unter denen, die so in die anthroposophische Bewegung hineinkamen, befinden sich nun solche Seelen, die nicht in einem abstrakten Sinne Christus suchen. Die vorher Charakterisierten sind sozusagen froh, das Christentum wieder in der anthroposophischen Bewegung zu finden. Aber unter den andern sind diejenigen, die mit einem inneren Verständnis ergreifen, was in der Anthroposophie kosmisches Christentum ist. Christus als den kosmischen Sonnengeist, ihn erfassen vor allem diejenigen zahlreich in der anthroposophischen Bewegung stehenden Seelen, die viel Lebendiges noch in dem Untergrunde ihrer Seelen haben von dem, was sie aus den alten heidnischen Mysterien mitgebracht haben. Mit alledem sind ja die Strömungen des ganzen geistigen Lebens der Menschheit der Gegenwart verbunden; und ich meine eine weite Gegenwart, die über Jahrzehnte, die über Jahrhunderte reicht.
[ 13 ] Other souls, then, are those who did not directly participate in this Christian development; they either took part in the later Christian development, where that inner depth found in the sects was no longer present, but who, above all, possess deep within their souls much of what remains indelible, alive, of what could be experienced in pre-Christian times as the ancient pagan mystery wisdom. They, too, have in many cases been part of Christianity, but it did not make as deep an impression on them as it did on those other souls, because within them the impressions and teachings, the ritual practices, and so on, of the ancient mysteries had remained alive. It is precisely among those who entered the anthroposophical movement in this way that there are now souls who do not seek Christ in an abstract sense. Those described above are, so to speak, glad to find Christianity again in the anthroposophical movement. But among the others are those who grasp with an inner understanding what “cosmic Christianity” is in anthroposophy. Christ as the cosmic Sun Spirit is grasped above all by those numerous souls within the anthroposophical movement who still carry much that is alive in the depths of their souls from what they brought with them from the ancient pagan mysteries. All of this is, after all, connected to the currents of the entire spiritual life of humanity in the present; and by “present,” I mean a broad span of time extending over decades and centuries.
[ 14 ] Anthroposophie ist ja schließlich doch herausgewachsen aus dem Geistesleben der Gegenwart. Wenn sie auch in ihrem Inhalt nichts unmittelbar gemein hat mit diesem Geistesleben der Gegenwart, karmisch ist sie vielfach aus ihm herausgewachsen, und man muß auf manches, das scheinbar nicht in die Reihe dessen gehört, was unmittelbar in der Anthroposophie wirkt, man muß schon auch dahin schauen, um alles das in sein geistiges Gesichtsfeld hereinzubekommen, was in den Strömungen, die ich genannt habe, im Laufe der Zeit mitgewirkt hat. Ich sagte ja, man bekommt eigentlich ein wirkliches Verständnis für das, was äußerlich auf dem physischen Plane geschieht, erst dann, wenn man auf dem Hintergrunde dieses Geschehens schaut, was vom geistigen Felde aus in diese auf dem physischen Plane vor sich gehenden Ereignisse hineingeströmt wird. Und wir müssen, sagte ich schon das letzte Mal, wieder den Mut gewinnen, jene alte Mysterien-Empfindung in die Gegenwart hereinzuleiten, die nicht bloß in abstrakter Weise das physische Geschehen an ein allgemein pantheistisches oder theistisches oder wie immer geartetes Geistesleben anknüpft, sondern die konkret in der Lage ist, die einzelnen Geschehnisse, ja die menschlichen Erlebnisse innerhalb der Geschehnisse bis zu den geistigen Urgründen und Urwesen zurückzuverfolgen.
[ 14 ] After all, anthroposophy has indeed grown out of the spiritual life of the present. Even if, in terms of content, it has nothing directly in common with this contemporary spiritual life, karmically it has in many ways grown out of it, and one must look beyond what appears not to belong to the realm of what directly influences anthroposophy one must also look in that direction in order to bring into one’s spiritual field of vision everything that has contributed over time to the currents I have mentioned. As I said, one actually gains a true understanding of what happens outwardly on the physical plane only when, against the backdrop of these events, one looks at what flows in from the spiritual realm into the events taking place on the physical plane. And, as I said last time, we must regain the courage to bring that ancient sense of the mysteries into the present—a sense that does not merely link physical events in an abstract way to a general pantheistic, theistic, or whatever kind of spiritual life, but is concretely capable of tracing individual events, indeed, human experiences within those events, back to their spiritual origins and primordial beings.
[ 15 ] Dazu gibt ja gerade dasjenige Veranlassung, was heute durch eine der tiefsten Aufgaben der Gegenwart gesucht werden muß. Es muß in der Gegenwart wiederum eine wirkliche Menschenerkenntnis nach Leib, Seele und Geist gesucht werden, aber nicht eine solche, die in abstrakten Ideen oder in abstrakten Gesetzen wurzelt, sondern die hineinschauen kann in die wirklichen Untergründe des ganzen menschlichen Wesens. Es muß dann der Mensch wirklich durchforscht werden nach seinen gesunden, nach seinen kranken Zuständen, nicht so, wie es sonst in der Gegenwart üblich ist, nach bloß physischen Erkenntnissen. Da lernt man den Menschen nicht kennen; da lernt man vor allen Dingen dasjenige im Leben nicht kennen, was in den Menschen hereinwirkt und so bedeutungsvoll in sein Schicksal eingreift: Unglück, Krankheit, Fähigkeit oder Unfähigkeit. Karma in allen seinen Formen lernt man nur kennen, wenn man den Menschen in seine Geistigkeit und in sein inneres Seelenleben hinein verfolgen kann von dem Ausgang des physischen Lebens aus.
[ 15 ] The very thing that must be sought today as one of the most profound tasks of our time provides the impetus for this. In the present day, we must once again seek a true understanding of the human being in terms of body, soul, and spirit—but not one rooted in abstract ideas or abstract laws, rather one that can look into the true depths of the entire human being. Human beings must then be truly studied in terms of their healthy and diseased states—not, as is otherwise customary today, based solely on physical observations. That approach does not lead to a true understanding of the human being; above all, it fails to reveal what influences human life and so significantly shapes one’s destiny: misfortune, illness, ability, or incapacity. One can only come to understand karma in all its forms by tracing the human being into their spirituality and inner soul life, starting from the end of physical life.
[ 16 ] Heute steht ja das Erkenntnisstreben so da, daß in ganz äußerlicher Weise der Mensch in bezug auf seine Organe, in bezug auf seine Gefäße, in bezug auf seine Nerven, in bezug auf die Gefäße seines Blutumlaufes und so weiter betrachtet wird. Und wer die Dinge so betrachtet nach Gesundheit und Krankheit des Menschen, der ist nicht in der Lage, in all dem etwas zu finden, was Geist oder Seele ist. Und man möchte sagen: Der Anatom, der Physiologe von heute, er könnte so reden, wie einstmals ein berühmter Astronom zu einem Herrscher gesprochen hat in Beantwortung einer Frage, die der Herrscher gestellt hatte: Ich habe das ganze Weltall durchsucht, überall herumgesucht unter Sternen und ihren Bewegungen, aber einen Gott habe ich nicht gefunden. — So sagte der Astronom. Der Anatom und Physiologe von heute könnte sagen: Ich habe alles, Herz und Nieren und Magen und Gehirn und Blutgefäße und Nerven untersucht, aber die Seele und den Geist nicht gefunden.
[ 16 ] Today, the pursuit of knowledge is such that human beings are viewed in a purely external way—in terms of their organs, their blood vessels, their nerves, the vessels of their circulatory system, and so on. And anyone who views things in this way—in terms of human health and illness—is unable to find anything in all of this that is spirit or soul. And one might say: Today’s anatomist and physiologist could speak as a famous astronomer once spoke to a ruler in response to a question the ruler had asked: “I have searched the entire universe, looked everywhere among the stars and their movements, but I have not found a God.” — So said the astronomer. Today’s anatomist and physiologist might say: “I have examined everything—the heart, kidneys, stomach, brain, blood vessels, and nerves—but I have not found the soul or the spirit.”
[ 17 ] Sehen Sie, alles was die Schwierigkeiten zum Beispiel der heutigen Medizin sind, das steht unter diesem Einflusse. Und all das muß heute entwickelt werden, im allgemeinen nach den Anforderungen, die der anthroposophischen Bewegung gestellt sind, der ganzen Anthroposophischen Gesellschaft, und im einzelnen fachmännisch für die einzelnen Gruppen, wie zum Beispiel jetzt über Pastoral-Medizin vor einer Gruppe gesprochen wird, die fachmännisch dazu vorbereitet ist. Denn da muß das Tor gesucht werden, auch in diejenigen Zusammenhänge hereinzukommen, die sich zuletzt als die größeren Zusammenhänge in der Wirksamkeit der Karma-Strömungen ergeben. Und man wird sehen in der Pathologie und Therapie, wie die Beobachtung des kranken und gesunden Menschen notwendig macht, auf alles das einzugehen, was über Seele und Geist gesagt wird neben dem äußeren Physischen, das, wie ich immer wiederhole, so wie die Naturwissenschaft es darbietet, voll respektiert wird. Man wird aber schen, wie man genötigt ist, mit Bezug auf den gesunden und den kranken Menschen auf die höheren Glieder der Menschennatur einzugehen, wenn demnächst das Buch erscheinen wird, das von mir zusammen mit meiner lieben Mitarbeiterin, Frau Dr. Wegman, gerade auf diesem Gebiete des gesunden und kranken Menschen gearbeitet wird. Nur ergeben gerade solche Forschungen, welche die Tore suchen, um vom physischen Menschen auf eine richtige Art in den geistigen Menschen hineinzukommen, nur dann ein aussichtsvolles Resultat, wenn sie in der richtigen Weise angestellt werden. So daß zu einer solchen Arbeit, wie es hier der Fall ist, nicht bloß die Forschungskräfte der Gegenwart mitverwendet werden, sondern eben gerade Forschungskräfte, die sich dadurch ergeben, daß man die karmischen Fäden aufnimmt, die sich aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit heraus ergeben. Man muß sozusagen mit den Kräften des Karma arbeiten, um hinter die Geheimnisse zu kommen, um die es sich da handelt. Es werden zunächst nur die Anfänge im ersten Bande dieses Werkes erscheinen. Das Werk wird seine Fortsetzung finden, und es wird dann weitergeschritten werden von dem, was zunächst in mehr elementarer Weise entwickelt wird, zu demjenigen, was gerade von dieser Seite her, von der medizinisch-pathologischen Seite her, eine Menschenerkenntnis geben kann. Es ist das ja nur dadurch möglich, daß gerade in Frau Dr. Wegman eine Persönlichkeit vorliegt, welche in ihren medizinischen Studien die Dinge so aufgenommen hat, daß sie sich bei ihr selbstverständlich hinüberentwickeln zu demjenigen, was geistige Anschauung der Menschenwesenheit ist. Da aber, im Verlaufe dieser Forschung, ergeben sich gerade in der Anschauung der Organologie des Menschen, die man in geistiger Perspektive schaut, die Dinge, welche nun auch auf die karmischen Zusammenhänge hinführen. Denn dieselbe Art der Anschauung, die man entwickeln muß, um das Geistige zu schauen, das nicht hinter dem ganzen Menschen, sondern hinter den einzelnen Organen steht — hinter dem einen Organ steht meinetwillen die Jupiterwelt, hinter dem anderen Organ die Venuswelt und so weiter —, diejenigen Einsichten, die man da entwickeln muß, führen eben zu dem, was sich als die Möglichkeit darstellt, hinter menschliche Persönlichkeiten in ihren abgelaufenen Erdenleben zu kommen. Denn im gegenwärtigen Erdenleben steht der Mensch in seiner Hautumgrenzung vor uns. Bekommen wir die Fähigkeit, hineinzuschauen in die einzelnen Organe des Menschen, dann erweitert sich das, was innerhalb der Haut ist, indem jedes Organ nach einer anderen Richtung der Welt hinweist, die Wege bildet hinaus in den Makrokosmos. Dann rundet sich draußen wiederum der Mensch, und das braucht man: diesen Menschen, der sich geistig wieder aufbaut, nachdem er die gegenwärtige Form, die durch die Haut begrenzt ist, überwunden hat. Und wenn man das, was physisch etwas ganz anderes ist, als sich der heutige Anatom und Physiologe vorstellt, hinaus verfolgt, dann gibt das Anschauungen, die auch dem entsprechen, was die Schauungen in frühere Erdenleben des Menschen sind. Und da erlebt man ja dann die Zusammenhänge, die eben hineinleuchten in die Entwickelungsgeschichte der Menschheit, und die Gegenwart in dem, was physisch da ist, erklärlich machen. Es lebt ja die ganze Vergangenheit der Menschen eigentlich in der Gegenwart. Aber mit diesem allgemein abstrakten Satze ist natürlich nichts gesagt, den sagen ja die Materialisten auch; darauf kommt es aber nicht an, sondern es kommt darauf an, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart lebt.
[ 17 ] You see, all the difficulties facing modern medicine, for example, are due to this influence. And all of this must be developed today—generally in accordance with the requirements placed on the anthroposophical movement, on the entire Anthroposophical Society as a whole, and specifically in a professional manner for the individual groups, such as the current discussion on pastoral medicine before a group that is professionally trained in this field. For it is there that the gateway must be sought to enter even into those contexts that ultimately reveal themselves as the larger contexts within the workings of karmic currents. And one will see in pathology and therapy how the observation of the sick and healthy human being necessitates addressing everything that is said about the soul and spirit alongside the external physical aspect—which, as I repeatedly emphasize, is fully respected as presented by the natural sciences. However, one will see how one is compelled to address the higher aspects of human nature in relation to both the healthy and the sick person when the book is published in the near future—a work on which I am currently collaborating with my dear colleague, Dr. Wegman, specifically in this field of the healthy and sick human being. It is precisely such research—which seeks the gateways to move from the physical human being into the spiritual human being in the proper way—that yields promising results only when conducted in the correct manner. Thus, in a work such as this, it is not merely the research capabilities of the present that are utilized, but precisely those research capabilities that arise from taking up the karmic threads emerging from the history of human development. One must, so to speak, work with the forces of karma in order to uncover the mysteries at stake here. Initially, only the beginnings will appear in the first volume of this work. The work will be continued, and we will then proceed from what is initially developed in a more elementary manner to that which, precisely from this perspective—the medical-pathological perspective—can provide an understanding of the human being. This is possible only because Dr. Wegman is a personality who, in her medical studies, has absorbed these matters in such a way that they naturally develop within her into a spiritual insight into the human being. But in the course of this research, it is precisely in the spiritual perspective on human organology that the insights emerge which now also lead to an understanding of karmic connections. For the very same kind of insight one must develop in order to perceive the spiritual—which lies not behind the whole human being but behind the individual organs—behind one organ, for my sake, lies the world of Jupiter; behind another organ, the world of Venus; and so on— the very insights one must develop there lead precisely to what presents itself as the possibility of looking beyond human personalities into their past earthly lives. For in the present earthly life, the human being stands before us within the boundaries of their skin. If we acquire the ability to look into the individual organs of the human being, then what lies within the skin expands, as each organ points toward a different direction in the world, forming paths out into the macrocosm. Then the human being takes shape again on the outside, and that is what is needed: this human being who rebuilds himself spiritually after having transcended the present form, which is bounded by the skin. And when one traces what is physically something entirely different from what today’s anatomists and physiologists imagine, this yields insights that also correspond to the visions of the human being’s earlier earthly lives. And there one experiences the connections that shed light on the history of human development and make the present—in what is physically present—understandable. In fact, the entire past of humanity actually lives on in the present. But this general, abstract statement, of course, says nothing—materialists say the same thing; that is not the point, however. What matters is how this past lives on in the present.
[ 18 ] Da möchte ich Ihnen auch dafür ein Beispiel sagen, ein Beispiel, das eigentlich so in sich wunderbar ist, daß es in mir selbst die größte Verwunderung hervorgerufen hat, als es sich als Resultat der Forschung ergeben hat. Und manches von dem, was von mir auf diesem Gebiete früher gedacht worden ist, mußte rektifiziert werden oder wenigstens ergänzt werden.
[ 18 ] I would also like to give you an example of this—an example that is, in fact, so marvelous in and of itself that it filled me with the greatest amazement when it emerged as a result of my research. And some of what I had previously thought in this field had to be corrected or, at the very least, supplemented.
[ 19 ] Sehen Sie, es wird für den, der sinnvoll die Geschichte betrachtet, ein Ereignis gerade in den ersten Jahrhunderten des Christentums von einem merkwürdigen Geheimnis umschwebt. Wir sehen da eine Persönlichkeit, die wir vielleicht innerlich sehr wenig dazu geeignet finden, wir sehen den schon erwähnten Kaiser Konstantin das Christentum ergreifen, um es zu dem zu machen, was dann eigentlich das offizielle Christentum des Abendlandes geworden ist. Aber wir sehen — natürlich nicht im wörtlichen Sinne, aber wenn man über größere Zeiträume hinwegsieht —, wir sehen neben dem Konstantin stehen Julian Apostata, wahrhaftig eine Persönlichkeit, von der man wissen kann, in ihr lebte Mysterien-Weisheit. Julian Apostata konnte von der dreifachen Sonne sprechen. Und er hat ja sein Leben eingebüßt, weil er eben dadurch als Verräter an den Mysterien angesehen worden ist, daß er von der dreifachen Sonne gesprochen hat. Das durfte man in der damaligen Zeit nicht; früher hat man es schon erst recht nicht gedurft. Aber Julian Apostata stand in einer eigentümlichen Weise zum Christentum. Man möchte in gewissem Sinne oftmals verwundert sein, daß gerade dieser feine, geniale Kopf für die Größe des Christentums so wenig empfänglich war; aber das kommt davon her, daß er eben in seiner Umgebung wenig von innerlicher Ehrlichkeit, wie er sie auffaßte, sah. Und unter denen, die ihn in die antiken Mysterien einführten, fand er noch viel Ehrlichkeit, positive, aktive Ehrlichkeit.
[ 19 ] You see, for anyone who looks at history with an open mind, there is an event—particularly in the early centuries of Christianity—that is shrouded in a strange mystery. We see a figure whom we might inwardly find very ill-suited for the task; we see the aforementioned Emperor Constantine embracing Christianity in order to shape it into what would eventually become the official Christianity of the West. But we see—not in a literal sense, of course, but when we look at the bigger picture over longer periods of time—we see Julian the Apostate standing alongside Constantine, truly a figure about whom we can say that the wisdom of the Mysteries lived within him. Julian the Apostate could speak of the threefold sun. And he did, after all, lose his life precisely because he was regarded as a traitor to the mysteries for having spoken of the threefold sun. That was forbidden in those days; in earlier times, it was certainly even more strictly forbidden. But Julian the Apostate had a peculiar relationship to Christianity. In a certain sense, one might often be surprised that precisely this refined, brilliant mind was so unreceptive to the greatness of Christianity; but this stems from the fact that he saw little of inner honesty—as he understood it—in his surroundings. And among those who initiated him into the ancient mysteries, he still found a great deal of honesty—positive, active honesty.
[ 20 ] Julian Apostata wurde ja drüben in Asien ermordet. Über den Mord wurde mancherlei gefabelt. Aber er ist eben erfolgt, weil man in Julian Apostata einen Verräter der Mysterien gesehen hat. Es war ein ganz arrangierter Mord.
[ 20 ] Julian the Apostate was, after all, murdered over in Asia. All sorts of tales have been told about the murder. But it happened precisely because Julian the Apostate was seen as a traitor to the Mysteries. It was a completely orchestrated murder.
[ 21 ] Wenn man sich nun etwas bekannt macht mit dem, was in Julian Apostata lebte, dann wird man ja tief interessiert dafür: Wie lebte diese Individualität weiter? — Denn es ist eine ganz eigenartige Individualität, eine Individualität, von der man sagen muß: Mehr als Konstantin, mehr als Chlodwig, mehr als alle anderen wäre er geeignet gewesen, dem Christentum die Wege zu ebnen! Und es lag in seiner Seele. Er hätte, wenn die Zeit dazu günstig gewesen wäre, wenn die Verhältnisse dazu dagewesen wären, aus den alten Mysterien heraus eine geradlinige Fortsetzung bewirken können vom vorchristlichen Christus, von dem wirklichen makrokosmischen Logos, zu dem Christus, der fortwirken sollte in der Menschheit nach dem Mysterium von Golgatha. Und wenn man geistig auf den Julian eingeht, so findet man eben das Merkwürdige: Es ist Schale bei ihm gewesen dieses Apostata-Wesen, und auf dem Grunde seiner Seele findet man eigentlich einen Trieb, das Christentum zu erfassen, den er aber nicht heraufkommen ließ, den er unterdrückte, wegen der Albernheiten des Celsus, der über den Jesus geschrieben hat. Es kommt eben vor, daß auch eine geniale Persönlichkeit bisweilen auf Albernheiten von Leuten hereinfällt. Und so hat man das Gefühl, Julian wäre eigentlich die geeignete Seele gewesen, dem Christentum die Bahnen zu ebnen, das Christentum in die Bahn zu bringen, in die es gehört.
[ 21 ] If one familiarizes oneself with what lived within Julian the Apostate, one naturally becomes deeply interested in the question: How did this unique individuality live on? — For he was a truly unique individual, one of whom one must say: More than Constantine, more than Clovis, more than any other, he would have been suited to pave the way for Christianity! And it lay within his soul. Had the time been favorable, had the circumstances permitted it, he could have brought about, out of the ancient mysteries, a direct continuation from the pre-Christian Christ—the true macrocosmic Logos—to the Christ who was to continue working within humanity after the Mystery of Golgotha. And when one delves spiritually into Julian, one discovers something remarkable: his “apostate” nature was merely a shell, and at the very bottom of his soul one actually finds a drive to grasp Christianity—a drive he did not allow to surface, however, but suppressed because of the follies of Celsus, who wrote about Jesus. It does happen that even a brilliant personality is sometimes taken in by the nonsense of others. And so one has the feeling that Julian would actually have been the right soul to pave the way for Christianity, to set Christianity on the path where it belongs.
[ 22 ] Und man verläßt dann diese Seele des Julian Apostata in ihrem Erdenleben und folgt ihr als Individualität mit höchstem Interesse durch die geistigen Welten. Aber da ist etwas Unklares. Es umschwebt diese Seele etwas Unklares, und nur dem intensivsten Bestreben kann es gelingen, in dieser Beziehung zur Klarheit zu gelangen. Über vieles existieren im Mittelalter ja Anschauungen, die immer legendär sind, die aber adäquat sind den wirklichen Ereignissen. Ich habe das schon erwähnt, wie adäquat — wenn auch natürlich legendär — die Sagen sind, die sich an die Persönlichkeit des Alexander angeschlossen haben. Wie lebendig erscheint das Leben Alexanders noch in der Schilderung des Pfaffen Lamprecht! Was von Julian fortlebt, das lebt so fort, daß man immer sagen kann: Es will eigentlich verschwinden in der Menschenbetrachtung. Und wenn man es verfolgt, hat man sozusagen die größte Mühe, mit dem geistigen Blick dabeibleiben zu können. Es entzieht sich einem fortwährend. Man verfolgt es durch die Jahrhunderte bis in das Mittelalter herein: es entzieht sich einem. Und wenn es einem dann doch gelingt, die Sache zu verfolgen, dann landet man mit der Betrachtung an einer merkwürdigen Stelle, die eigentlich gar nicht historisch ist, die aber historischer als historisch ist: Man landet endlich bei einer weiblichen Persönlichkeit, in der man die Seele Julian Apostatas findet, bei einer weiblichen Persönlichkeit, die unter einem für sie selbst bedrückenden Eindrucke ein Wichtiges im Leben vollzog. Diese weibliche Persönlichkeit sah nicht in sich, sondern in einer anderen ein Abbild des Schicksals Julian Apostatas, insofern Julian Apostata einen Zug nach dem Oriente machte und im Orient durch Verrat umgekommen ist.
[ 22 ] And so one leaves this soul of Julian the Apostate behind in its earthly life and follows it as an individual through the spiritual worlds with the utmost interest. But there is something unclear here. Something unclear hovers around this soul, and only the most intense effort can succeed in achieving clarity in this regard. There are, of course, many views from the Middle Ages that are always legendary, yet are adequate to the actual events. I have already mentioned how adequate—albeit, of course, legendary—the legends associated with the personality of Alexander are. How vivid Alexander’s life still appears in the account by the priest Lamprecht! What lives on from Julian does so in such a way that one can always say: It actually seems destined to vanish from human perception. And when one tries to trace it, one has, so to speak, the greatest difficulty keeping up with it with one’s spiritual gaze. It continually eludes one. One traces it through the centuries right into the Middle Ages: it eludes one. And when one does finally succeed in tracing the matter, one’s contemplation leads to a curious point that is not actually historical at all, yet is more historical than history itself: One finally arrives at a female figure in whom one finds the soul of Julian the Apostate—a female figure who, under circumstances that were oppressive to her, accomplished something significant in life. This female figure saw not within herself, but in another, a reflection of Julian the Apostate’s fate—insofar as Julian the Apostate set out for the East and perished there through betrayal.
[ 23 ] Sehen Sie, das ist Herzeloyde, die Mutter des Parsifal, die eine historische Persönlichkeit ist, über die aber die Historie nicht berichtet, die in Gamuret, den sie geheiratet hat und der auf einem Zug nach dem Orient durch Verrat zugrunde gegangen ist, auf ihr eigenes Schicksal in dem früheren Julian Apostata hingewiesen wird. Durch diesen Hinweis, der ihr tief in die Seele ging, vollbrachte Herzeloyde, was nun legendär, aber ungemein historisch doch von der Erziehung des Parsifal durch Herzeloyde gesagt wird. Diese Seele des Julian Apostata, die so in den Untergründen geblieben war, bei der man glauben möchte, daß sie eigentlich wie berufen gewesen wäre, dem Christentum die rechte Bahn zu weisen, die findet sich dann im Mittelalter in einem weiblichen Leibe, in einer weiblichen Persönlichkeit, die den Parsifal aussendet, um dem Christentum die esoterischen Wege zu suchen und zu weisen.
[ 23 ] You see, this is Herzeloyde, Parsifal’s mother—a historical figure about whom history, however, makes no mention—whose own fate, as symbolized by Gamuret, whom she married and who perished through treachery on a journey to the Orient, is foreshadowed in the earlier story of Julian the Apostate. Through this allusion, which touched her deeply, Herzeloyde accomplished what is now legendary—yet profoundly historical—regarding Parsifal’s upbringing by Herzeloyde. This soul of Julian the Apostate, which had remained so deeply buried—and which one might believe was actually destined to show Christianity the right path—is then found in the Middle Ages in a female body, in a female personality who sends Parsifal forth to seek out and point the way to the esoteric paths of Christianity.
[ 24 ] Sehen Sie, so geheimnisvoll, so rätselhaft gehen oft die Wege der Menschheit in den Unter- und Hintergründen des Daseins. Dieses Beispiel, das sich in einer merkwürdigen Weise verwebt mit dem, was ich schon erzählt habe in Anknüpfung an die Schule von Chartres, kann Sie aufmerksam darauf machen, wie wunderbar im Grunde genommen die Wege der menschlichen Seele und die Entwickelungswege der ganzen Menschheit sind. Dieses Beispiel wird noch eine Art Fortsetzung erfahren dürfen, indem ich über das Leben von Herzeloyde, über den, der dazumal physisch als Parsifal hinausgesendet wurde, einiges sprechen werde. Da, wo wir jetzt die Betrachtungen unterbrechen müssen, werde ich das nächste Mal anknüpfen.
[ 24 ] You see, the paths of humanity often wind so mysteriously, so enigmatically, through the depths and recesses of existence. This example, which is strangely interwoven with what I have already recounted in connection with the School of Chartres, may draw your attention to how wondrous, at heart, are the paths of the human soul and the paths of development of all humanity. This example will be given a sort of continuation as I speak a little about the life of Herzeloyde, the one who was sent out physically as Parsifal back then. I will pick up where we must now interrupt our reflections next time.
