Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band IV
GA 238
18 September 1924, Dornach
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Den heutigen und den morgigen Vortrag möchte ich so gestalten, daß sich daraus einige Richtlinien ergeben können, um die Wirkung des Karma auf der einen Seite, aber auch die Bedeutung von Erkenntnissen, die sich auf das Karma von Menschen beziehen, für die allgemeine Entwickelungsgeschichte namentlich des geistigen Lebens, etwas zu beleuchten. Wir können Karma in seiner Wirksamkeit nicht verstehen, wenn wir nur auf die aufeinanderfolgenden Erdenleben irgendeiner Individualität hinblicken. Es ist ja so, daß man gewiß innerhalb des Erdenlebens, wo einem in starker Beleuchtung die irdische Laufbahn dieses oder jenes Menschen oder seine eigene entgegentritt, sich vor allen Dingen tief interessiert für die Frage: Wie reichen die Ergebnisse vorangegangener Erdenleben in spätere hinüber? — Aber erklärlich würde diese Wirkungsweise niemals werden, wenn man bei den Erdenleben stehenbleiben müßte, denn der Mensch verlebt ja zwischen den Erdenleben das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Und in diesem Leben zwischen Tod und neuer Geburt wird ja das eigentliche Karma ausgearbeitet aus dem, was in einem Erdenleben sich ereignet im Zusammenhange mit anderen Menschenseelen, die entkörpert sind, die karmisch mit ihnen verbunden sind, die auch in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind, und im Zusammenhange mit Geistern der höheren Hierarchien, auch wohl mit Geistern niederer Hierarchien. Und dieses Karma in seiner Ausarbeitung wird nur verständlich, wenn man zu dem außerirdischen Sternenwesen hinschauen kann, das ja in der Art, wie es dem physischen Auge erscheint, nur seine Außenseite zeigt.
[ 2 ] Man muß immer wieder sagen: Die Physiker würden in hohem Grade erstaunt sein, wenn sie an Orte kommen würden, wo die Sterne sind, die sie durch ihre Teleskope betrachten, die in den Spektroskopen analysiert werden in bezug auf ihre Substanzen, ja ihre Konstitution. Erstaunt wären diese Physiker, wenn sie hinaufkämen an die Orte, wo diese Sterne sind, die sie durch ihre Teleskope betrachten, und nun sehen würden, daß sie gar nicht das da antreffen, was sie erwarten! Das, was ein Stern der Beobachtung der Erde zeigt, ist ja eigentlich nur ein für sein eigenes Dasein ziemlich wesenloses Nach-außen-Scheinen; während dasjenige, was der Stern enthält, geistiger Art ist, oder wenn es physischer Art ist, sich als Rest, möchte man sagen, eines Geistigen zeigt.
[ 3 ] Sie können sich, meine lieben Freunde, am besten in der folgenden Art klarmachen, was da vorliegt. Bedenken Sie einmal, irgendein Bewohner eines anderen Sternes würde in ähnlicher Weise die Erde beobachten, wie bei uns Astronomen und Astrophysiker andere Sterne beobachten: er würde eine Scheibe beschreiben, die in das Weltenall hinausglimmt, leuchtet, bei der er vielleicht dunkle und helle Flecken finden würde, die er irgendwie deuten würde. Wahrscheinlich würde die Deutung mit dem nicht stimmen, was wir Erdenbewohner unter uns wissen. Vielleicht, wenn der Vesuv Feuer speit und man das beobachten könnte, würde er davon reden, daß da von außen Kometen anfliegen und dergleichen. Jedenfalls würde dasjenige, was ein solcher Astronom beschreiben würde, recht wenig zu tun haben mit dem, was Wesenhaftes eigentlich unsere Erde bildet.
[ 4 ] Und was bildet denn Wesenhaftes unsere Erde? Denken Sie nur einmal: Unsere Erde ist aus demjenigen hervorgegangen, was ich in meiner «Geheimwissenschaft» als Saturndasein geschildert habe. Da gab es noch keine Luft, keine Gase, keine Flüssigkeit, keine festen Erdenbestandteile, da gab es nur Wärmedifferenzierungen. Und in dieser Wärmedifferenzierung war alles keimhaft darinnen, was später mineralisches, pflanzliches, tierisches Reich geworden ist, auch menschliches Reich. Wir Menschen waren auch noch in diesem Saturn drinnen, in dieser Wärme.
[ 5 ] Dann hat sich das weiterentwickelt: Die Luft wurde abgesetzt aus der Wärme heraus, Wasser wurde abgesetzt, das Feste wurde abgesetzt; es sind lauter Reste, die abgesetzt wurden, die da von den Menschen herausgeworfen wurden, um ihre Bildung zu erreichen. Alles, was mineralisch Festes ist, gehört ja zu uns, ist ja nur zurückgebliebener Rest, ebenso das Wässerige, ebenso das Luftförmige. So daß das Wesentliche auf unserer Erde nicht dasjenige ist, was in den Reichen der Natur da ist, auch nicht dasjenige, was wir in den Knochen und in den Muskeln tragen, denn diese sind wieder zusammengesetzt aus dem, was also abgeschieden ist und was wir wieder hereingenommen haben; sondern das Wesentliche sind unsere Seelen. Und das andere ist im Grunde genommen alles mehr oder weniger Schein oder Restprodukt und dergleichen.
[ 6 ] Wahrhaftig würde man die Erde nur dann beschreiben, wenn man sie als die Kolonie der Menschenseelen im Weltenraum beschriebe. Und so sind alle Sterne Kolonien von Geistwesen im Weltenraum, Kolonien, die man kennenlernen kann. Unsere eigene Seele, indem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, bewegt sich durch diese Sternenkolonien hindurch, macht ihren weiteren Weg der Entwickelung durch bis zu einer neuen Geburt in Gemeinschaft mit jenen Seelen, die dort schon sind als Menschenseelen, in Gemeinschaft mit den Wesen der höheren Hierarchien oder auch niederer Hierarchien, und kommt dann, entsprechend dem, wie Karma ausgearbeitet ist, wie der Mensch reif geworden ist, wiederum zurück, um einen Erdenleib anzunehmen. So daß wir also, wenn wir Karma verstehen wollen, wiederum zu einer Sternenweisheit, zu einem spirituellen Untersuchen des Menschenweges zwischen Tod und neuer Geburt in Verbindung mit den Sternenwesen kommen müssen.
[ 7 ] Nun gibt es aber gerade bis in den Anbruch der Michael-Herrschaft herein für die Menschen der neueren Zeit große Schwierigkeiten, an eine wirkliche Sternenweisheit heranzukommen. Und indem die Anthroposophie dennoch herankommen mußte an diese Sternenweisheit, weiß sie dankbar zu sein dem Umstande, daß eben die Michael-Herrschaft mit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts über das Geschehen der Erdenmenschheit hereingebrochen ist. Und unter den mancherlei Dingen, die der MichaelHerrschaft zu verdanken sind, ist eben dieses, daß wir wieder einen ungehinderten Zugang zu der Untersuchung desjenigen gewonnen haben, was in den Welten der Sterne untersucht werden muß, damit wir das Karma, die Karmabildung im Menschheitlichen verstehen können.
[ 8 ] Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel heute zeigen, um Sie langsam in die außerordentlich schwierigen Fragen hereinzuführen, die sich an die Untersuchung über Karma knüpfen. Ich möchte Ihnen ein Beispiel vorführen, an dem Sie gewissermaßen illustrativ ersehen können, was alles zu geschehen hat, bevor man in einer solchen Weise über das Karmawirken sprechen kann, wie das jetzt in diesem Vortrage geschieht. Denn, nicht wahr, man weiß doch: Wenn von dem Inhalt dieser Vorträge irgendwie in der Öffentlichkeit, in der gewöhnlichen populären Öffentlichkeit heute gesprochen würde, so würde man ja das, was ganz exakte Forschung ist, für eine Torheit, für eine Narrheit ansehen. Aber es ist das eben ganz exakte Forschung, und Sie müssen schon bekannt werden mit all den Verantwortlichkeiten, deren man sich bei einer solchen Forschung bewußt wird, müssen bekannt werden mit all demjenigen, was einer solchen Forschung entgegensteht, welche, sozusagen, «Dornenhecken» man zu passieren hat bei einer solchen Forschung. Denn es ist notwendig, daß eine Anzahl von Menschen sie wissen können mit all jenen karmischen Eigentümlichkeiten der Michael-Zusammengehörigkeit, von der ich gesprochen habe; wissen eben, daß es sich bei diesen Dingen um ernste geistige Forschung handelt und nicht um dasjenige, was heute der Unkundige, der außerhalb der anthroposophischen Bewegung steht, über solche Dinge denkt.
[ 9 ] Die meisten von Ihnen, meine lieben Freunde — ich habe ja die Tatsache zum Teil schon erwähnt —, werden sich einer Gestalt erinnern, die in meinen Mysterien immer und immer wiederum auftritt: der Gestalt des Strader.
[ 10 ] Diese Gestalt des Strader ist, insofern das bei einer Dichtung der Fall sein kann, in einem gewissen Sinne nach dem Leben gezeichnet. Ich habe das schon vor einigen von Ihnen hier erwähnt. Und die Persönlichkeit des Strader hat eine Art von Vorbild gehabt, das die Entwickelung des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts miterlebt hat und in gewissem Sinne zu einer Art von rationalistischem Christentum gekommen ist. Eine Persönlichkeit, welche nach einer außerordentlich schwierigen Jugend — bei der Darstellung des Strader schimmert so etwas davon durch — Kapuziner geworden ist, aber es innerhalb der Kirche nicht aushalten konnte und den Weg dann fand zum Professorenamt.
[ 11 ] Diese Persönlichkeit war dann, als sie aus der Theologie hinein in die Philosophie getrieben worden war, begeisterter Schilderer von Lessings freigeistiger Religion geworden. Die Persönlichkeit war dann so, daß sie in eine Art innerlichen Konfliktes gekommen ist mit dem offiziellen Christentum, und aus der Vernunft heraus eine Art rationalistisches Christentum begründen wollte, ziemlich bewußt. Und die Seelenkämpfe, die man bei Strader in meinen Mysteriendramen findet, spielten sich schon mit einer gewissen Variante bei dieser Persönlichkeit im Leben ab.
[ 12 ] Nun wissen Sie ja, daß in meinem letzten Mysteriendrama die Persönlichkeit des Strader stirbt. Und wenn ich selber zurückblicke auf die Art und Weise, wie sich mir Straders Persönlichkeit in das Ganze meiner Mysteriendramen hineinverwoben hat, dann muß ich sagen: Trotzdem ja gar kein äußerliches Hindernis gewesen wäre, auch den Strader noch weiterleben zu lassen, wie die anderen weiter leben, — er stirbt aus einer inneren Notwendigkeit heraus! So daß es sogar möglich ist, den Tod Straders als eine Überraschung im Mysteriendrama zu sehen. Es stirbt Strader in einem gewissen Momente: Ich hatte das Gefühl, ich könnte den Strader nicht weiter behandeln in den Mysteriendramen.
[ 13 ] Warum das? Ja, sehen Sie, meine lieben Freunde, mittlerweile ist, wenn ich es so nennen darf, das Original gestorben. Und Sie können sich denken, wie tief dieses Original mich interessiert hat in seinem Entwickelungsgange, da ich gerade die Gestalt des Strader entworfen hatte. Dieses Original interessiert mich weiter, auch nachdem es durch die Pforte des Todes gegangen war.
[ 14 ] Aber nun besteht da eine gewisse Eigentümlichkeit. Wenn wir gerade veranlaßt sind, mit dem schauenden Auge eine Persönlichkeit zu verfolgen in der Zeit, die auf den Tod folgt, die ein Drittel ungefähr des physischen Erdenlebens dauert — das Erdenleben wird ja im rückwärtigen Gang in einer gewissen Weise wiederholt, aber mit dreifacher Schnelligkeit —, was erlebt denn der Mensch eigentlich da in den Jahrzehnten, die unmittelbar an das Erdenleben angrenzen?
[ 15 ] Wenn Sie sich ein Menschenleben hier auf Erden vorstellen, so zerfällt es in Tage und Nächte, Wachzustände, Schlafzustände. In den Schlafzuständen sind immer schon bildhaft Reminiszenzen an das Tagesleben. Wenn man so zurückblickt auf das Leben, erinnert man sich gewöhnlich ja nur der Tageszustände, der Wachzustände, man gibt gar nicht acht; denn man müßte eigentlich die Erinnetungen so gestalten: Da erinnere ich mich vom Morgen bis zum Abend, jetzt bricht’s ab, vom Morgen bis zum Abend — bricht wieder ab, vom Morgen bis zum Abend — bricht wieder ab.
[ 16 ] Aber weil da in der Nacht nichts drinnen ist in der Erinnerung, ziehen wir die Linie einfach glattweg durch und fälschen unsere Erinnerungen, indem wir nur die Tage aneinandersetzen. Aber nach dem Tode müssen wir dasjenige in starker Realität durchleben, was in den Nächten, während des dritten Teils des Lebens ungefähr, vorhanden war, und zwar rückwärts durchleben. Und da ist das Eigentümliche eben: Man hat ja ein gewisses Seinsgefühl, möchte ich sagen, ein Wirklichkeitsgefühl von dem, was einem auf Erden entgegentritt. Würde man dieses Wirklichkeitsgefühl nicht haben, so würde man ja alles, was einem bei Tag begegnet, auch für Träume halten können. Man hat also ein gewisses Wirklichkeitsgefühl. Man weiß, die Dinge sind wirklich, sie stoßen einen, wenn man an sie anstößt, sie senden einem Licht zu, senden Töne zu. Kurz, es gibt vieles, was veranlaßt, daß wir ein Wirklichkeitsgefühl haben hier während unseres Erdenlebens zwischen Geburt und Tod.
[ 17 ] Aber wenn man all das nimmt, was wir hier als Wirklichkeitsgefühl haben, wenn Sie, meine lieben Freunde, all das nehmen, was Sie als Wirklichkeit der Menschen bezeichnen, denen Sie hier begegnen, so ist alles das in seiner Intensität wie Traumwirklichkeit gegenüber der ungeheuer intensiven Wirklichkeit, die man in diesen Jahrzehnten unmittelbar nach dem Tode erlebt und die der Betrachter miterlebt. All das erscheint einem viel realer, das Erdenleben erscheint einem so, als ob es ein Traum wäre, es ist, als ob eigentlich die Seele jetzt erst aufwachte in bezug auf die Intensität des Lebens. Das ist das Eigentümliche.
[ 18 ] Und als ich dieses Vorbild des Strader verfolgte, nahm mich natürlich das Wirkliche, die wirkliche Individualität, die da lebte nach dem Tode, viel mehr in Anspruch als die Erinnerung an das Erdenleben, das ja gegen das, was da im Tode auftritt, wie im Traum erscheint. So daß ich gegenüber den starken Eindrücken des Toten nicht mehr das Interesse für den Lebenden hätte entwickeln können, um es zu beschreiben.
[ 19 ] Ich kann also hier aus der eigenen Erfahrung heraus sprechen, wie wenig intensiv das Erdenleben ist gegenüber dem Leben, das einem da entgegentritt, wenn man den Menschen verfolgt nach dem Tode, und das intensivstes Leben ist. Und wenn man nun, gerade da, wo durch das angefachte Erdeninteresse dieses besondere Interesse erregt ist für das Leben nach dem Tode, aufmerksam zu verfolgen versucht, wie das nun weitergeht, dann merkt man die sich entgegensetzenden Schwierigkeiten. Denn wenn man ganz tichtig beobachtet, eindringlich beobachtet, so sieht man, wie in diesem Rückwärtsleben nach dem Tode, das ungefähr ein Drittel der Lebenszeit in Anspruch nimmt, sich bereits zeigt, daß der Tote an seine Karmabildung vorbereitend heranwill. Er sieht ja alles dasjenige, was er durchgemacht hat während des Lebens, bei diesem umgekehrten, bei diesem Zurück-Erleben. Wenn er einen Menschen beleidigt hat, erlebt er das wiederum. Sterbe ich als Dreiundsiebzigjähriger und habe in meinem sechzigsten Lebensjahr jemand beleidigt, so erlebe ich das im Rückwärtswandern wieder; aber ich erlebe es so, daß ich nicht die Gefühle erlebe, die ich beim Beleidigen gehabt habe, sondern die Gefühle, die der andere über mein Beleidigen gehabt hat. Ich lebe mich ganz in den anderen hinüber. Und so lebe ich eigentlich mit meinen eigenen Erlebnissen in denjenigen Menschen, die von diesen Erlebnissen berührt worden sind im guten oder bösen Sinn. Und da bereitet sich dann bei einem selber die Tendenz vor, den karmischen Ausgleich zu schaffen.
[ 20 ] Nun war das Interesse, das ich an diesem irdischen Vorbilde des Strader hatte, das mir jetzt als eine übersinnliche Individualität gegenübertrat, namentlich dadurch angefacht, daß dieses Vorbild wirklich in einer eindringlich scharfsinnig rationalistischen Weise das Christentum erfassen wollte. Man bewundert dabei den Denker; aber man merkt überall bei dieser rationalistischen Darstellung des Christentums in den Büchern jenes Menschen, die er auf Erden geschrieben hat, wie der Faden des Rationalismus, der Faden der Begriffe abreißt, wie im Grunde doch etwas furchtbar Abstraktes dabei herauskommt, wie der Betreffende nicht hineinkommen kann in ein spirituelles Erfassen des Christentums, wie er mit philosophischen Begriffen eine Art Begriffsreligion sich zusammenzimmert und so weiter. Kurz, die ganze Schwäche des Intellektualismus moderner Zeit tritt bei dieser Persönlichkeit auf.
[ 21 ] Das wiederum zeigt sich in einer merkwürdigen Weise beim Verfolgen seines Lebensweges nach dem Tode zurück. Man findet bei Menschen, bei denen nicht solche Schwierigkeiten auftreten, daß sie sich nun allmählich hineinleben in die Sphäre des Mondes. Das ist die erste Station. Und wenn wir als Tote in die Mondenregion kommen, finden wir ja dort alle diejenigen, ich möchte sagen, «Registratoren» unseres Schicksals, welche einmal die weisen. Lehrer der Menschen in Urzeiten waren, von denen man oft hier gesprochen hat und die, als der Mond physisch sich von der Erde getrennt hat und aus einem Erdeninhalte ein eigener Weltkörper geworden ist, dann diesem Monde gefolgt sind. So daß wir heute, wenn wir die Mondenregion als Tote passieren, zunächst die großen Urlehrer der Menschheit antreffen, die nicht im physischen Leibe da waren, die aber die Urweisheit begründet haben, von der nur ein Abglanz vorhanden ist in demjenigen, was literarisch überliefert ist. Wir finden uns, wenn eben keine Hemmnisse eintreten, sozusagen ungehindert auf dem Wege in diese Mondenregion hinein.
[ 22 ] Bei der Persönlichkeit, die das Urbild des Strader ist, trat etwas auf, wie wenn sie überhaupt nicht in der Lage wäre, ungehindert dieses unmittelbar auf den Tod folgende seelische Leben gegen die Mondenregion durchzumachen: fortwährend Hindernisse, wie wenn die Mondenregion diese Individualität nicht herankommen lassen wollte.
[ 23 ] Und wenn man in bildhafter Imagination verfolgte, was da eigentlich war, dann zeigte sich das Folgende: Es war, wie wenn die Geister, also die Urlehrer der Menschheit, die einmal die ursprüngliche spirituelle Wissenschaft der Menschheit gebracht haben, wie wenn diese Urlehrer der Menschheit immer diesem Urbilde des Strader entgegenrufen würden: Du kannst nicht zu uns, denn du darfst deiner besonderen menschlichen Qualität wegen noch nichts wissen von den Sternen; du mußt warten, du mußt Verschiedenes erst dir wiederholen von dem, was du nicht bloß in der letzten, sondern in den früheren Inkarnationen durchgemacht hast, damit du reif wirst, überhaupt irgend etwas wissen zu dürfen von den Sternen und ihrer Wesenheit.
[ 24 ] Und da trat dieses Merkwürdige auf, daß man eine Individualität vor sich hatte, die dem Geistigen der Sternenwelt eigentlich gar nicht entgegenwachsen kann oder schwer entgegenwachsen kann. Sie wird ihr natürlich entgegenwachsen, aber sie kann ihr nur schwer entgegenwachsen. Und so habe ich gerade an dieser Persönlichkeit die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß es bei solchen neueren rationalistisch-intellektualistischen Individualitäten ein Hindernis in der Karma-Ausgestaltung ist, daß sie nicht an die Sterne in ihrer Wesenheit so ungehindert herankommen können. Bei der weiteren Nachforschung ergab sich, daß diese Persönlichkeit eben alle Kraft zu ihrem Rationalismus aus der Zeit geholt hat, die noch dem Anbruche der Michael-Herrschaft voranging. Sie war noch nicht berührt in richtiger Weise von der MichaelHerrschaft.
[ 25 ] Nun wurde aber ganz stark herausgefordert die weitere Prüfung des Karma dieser Persönlichkeit für die Vergangenheit. Denn ich mußte mir sagen: Da liegt doch etwas vor, was diese Persönlichkeit aus den Ergebnissen vergangener Erdenleben karmisch so präpariert, daß das nicht nur im Erdenleben sich auswirkt, sondern noch hineinstößt in das Leben, das nach dem Tode liegt. Es ist das schon ein recht merkwürdiges Phänomen.
[ 26 ] Da zeigte sich denn, daß das Leben, welches vorangegangen ist diesem Ihnen skizzenhaft beschriebenen Erdenleben, das in der Gestalt des Strader sich spiegelt, das Leben, das diesem Erdenleben in den geistigen Welten vorangegangen ist, ein arges Prüfungsleben war, ein rechtes Prüfungsleben im Übersinnlichen: Wie soll ich’s denn mit dem Christentum halten?
[ 27 ] Man möchte sagen, es bereitet sich langsam da im Übersinnlichen etwas vor, was diese Persönlichkeit unsicher macht in bezug auf die Auffassung ihres Christentums im Erdenleben. Auch das schimmert in der Strader-Figur durch: Sie ist in nichts sicher, weist ab in einer gewissen Weise dasjenige, was übersinnlich ist, will es nur mit dem Verstande erfassen, will aber doch etwas sehen. Erinnern Sie sich an die Schilderung des Strader. So ist es schon; so ist diese Persönlichkeit auch im Leben aus ihrem Karma in früherer Zeit herausgewachsen. Und es zeigt sich, daß tatsächlich diese Persönlichkeit beim Durchgange durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, vor diesem Erdenleben am Ende des neunzehnten Jahrhunderts und im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, in sehr stark abgedämpftem Bewußtseinszustande durch das Sternenleben durchgegangen ist, abgedämpft gerade dieses Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchläuft. Dadurch trat dann im Leben die Reaktion auf, um so hellere, festere Begriffe zu fassen gegenüber den stumpfen Begriffsbildern, die diese Persönlichkeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmachte.
[ 28 ] Wenn man nun hinüberkommt über diese, ich möchte sagen, die Sternenwelten immer wie im Nebel zeigenden Erscheinungen zu dem vorigen Erdenleben dieser Persönlichkeit, da findet man etwas höchst Merkwürdiges. Da wird man zunächst — wenigstens ich wurde es — geführt zu dem «Sängerkrieg auf der Wartburg» 1206, gerade in der Zeit, die ich Ihnen geschildert habe als diejenige, in der die alten Platoniker zum Beispiel der Schule von Chartres hinaufgegangen waren in die geistige Welt, die anderen, die Aristoteliker, noch nicht heruntergekommen waren und wo über das eigentliche fortlaufende Michael-Geschehen eine Art himmlischer Konferenz zwischen beiden, eine Besprechung stattfand. In diese Zeit fällt der Sängerkrieg auf der Wartburg hinein.
[ 29 ] Es ist immer interessant, zu verfolgen: Was ist hier auf Erden, und was ist darüber? Und so haben wir ein Ereignis in dem Sängerkrieg auf der Wartburg, das mit der fortlaufenden Michael-Strömung nicht unmittelbar zusammenhängt.
[ 30 ] Nun, wer war im Sängerkrieg auf der Wartburg? Es waren ja bedeutendste deutsche Dichter da vereinigt, die miteinander kämpften durch Gesang. Es ist ja bekannt, worinnen der Sängerkrieg auf der Wartburg bestand, wie da kämpften um den Ruhm von Fürsten und um ihre eigene Geltung Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Reinmar von Zweter, daß aber einer da war, der im Grunde gegen alle anderen war: Heinrich von Ofterdingen. Und in diesem Heinrich von Ofterdingen fand ich die Individualität, die dem Urbilde des Strader zugrunde lag, wieder.
[ 31 ] Also haben wir es mit dem Heinrich von Ofterdingen zu tun — und wir müssen unsern Blick darauf wenden: Warum hat Heinrich von Ofterdingen, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist, die Schwierigkeit, wie im Dämmerzustand durchzugehen durch die Sternenwelt? Warum?
[ 32 ] Da braucht man nur die Geschichte des Sängerkrieges ein wenig zu verfolgen: Heinrich von Ofterdingen nimmt den Kampf auf gegen die andern. Man hat schon den Henker gerufen: er soll gehenkt werden, wenn er verliert. Er entzieht sich der Sache. Aber er tuft, um einen erneuerten Kampf herbeizuführen, aus dem Ungarlande den Zauberer Klingsor. Er bringt den Zauberer Klingsor aus dem Ungarlande ja wirklich nach Eisenach.
[ 33 ] Nun spielt sich da eine neuere Art Wartburgkrieg ab, bei dem Klingsor mitwirkt. Man sieht aber ganz deutlich: Klingsor, der jetzt eintritt für Heinrich von Ofterdingen, der selber kämpfend, singend auftritt, kämpft nicht allein, sondern er läßt geistige Wesenheiten mitkämpfen. Und um geistige Wesenheiten mitkämpfen zu lassen, läßt er ja zum Beispiel einen Jüngling besessen sein von einer solchen geistigen Wesenheit, läßt den dann statt seiner singen. Und er läßt noch stärkere geistige Kräfte auf der Wartburg auftreten.
[ 34 ] All dem, was da von Klingsors Seite kommt, all dem steht gegenüber Wolfram von Eschenbach. Eine Prozedur, die Klingsor ausführt, besteht ja namentlich darinnen, daß eine solche geistige Wesenheit dahinterkommen soll, ob Wolfram von Eschenbach ein gelehrter Mensch ist oder nicht. Klingsor ist erwas in die Enge getrieben durch Wolfram von Eschenbach. Denn als Wolfram von Eschenbach merkt, daß da Geistiges im Spiele ist, da singt er von dem heiligen Abendmahl, von der Transsubstantiation, von der Gegenwart Christi im Abendmahl, — und der Geist muß weichen, er kann das nicht vertragen. Hinter diesen Dingen liegen ja durchaus wirkliche Realitäten, wenn ich diese Tautologie gebrauchen darf.
[ 35 ] Und es gelingt Klingsor, dem Wolfram von Eschenbach mit Hilfe mancher geistiger Wesenheiten zu beweisen, daß Wolfram von Eschenbach wohl ein sternenloses Christentum hat, das nicht mehr mit dem Kosmos rechnende Christentum hat, aber ganz ungelehrt ist in aller kosmischen Weisheit. Darauf kommt es nun an. Klingsor hat bewiesen, daß der Sänger des Gral schon in jener Zeit nur alles das vom Christentum kennt, was das kosmische Christentum abgestreift hat. Und Klingsor kann ja nur dadurch in der geistig unterstützten Weise auftreten, daß er die Sternenweisheit hat. Aber schon aus der Art und Weise, wie er sie verwendet, sieht man, daß sich dasjenige, was man «schwarze Magie» nennt, in seine Künste hineinmischt.
[ 36 ] Und so sehen wir denn, wie auf eine unrichtige Weise dem Sternen-Laien Wolfram von Eschenbach die Sternenweisheit entgegengestellt worden ist. Wir stehen in der Zeit des dreizehnten Jahrhunderts, vor dem Auftreten jener Dominikaner, von denen ich gesprochen habe; wir stehen in der Zeit, wo das Christentum gerade da, wo es besonders groß war, abgestreift hat alle Einsicht in die Sternenwelt und wo im Grunde genommen nur da, wo innerliche Entfremdung von dem Christentum war, noch Sternenweisheit vorhanden war, wie bei dem Klingsor aus dem Ungarlande.
[ 37 ] Nun hatte Heinrich von Ofterdingen den Klingsor herbeigerufen, hatte also den Bund geschlossen mit der unchristlichen Sternenweisheit. Dadurch ist in einer gewissen Weise Heinrich von Ofterdingen verbunden geblieben nicht nur mit der Persönlichkeit des Klingsor, die später aus seinem übersinnlichen Leben eigentlich verschwunden ist, sondern namentlich verbunden geblieben zunächst mit der entchristeten Kosmologie des Mittelalters. Und so lebte er weiter zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wird dann wiedergeboren in der Art, wie ich es Ihnen geschildert habe, lebt sich in eine gewisse Unsicherheit des Christentums hinein.
[ 38 ] Aber das Wesentliche ist dieses: Er stirbt wiederum, macht den Weg zurück, und indem er den Weg zurück macht in der Seelenwelt, steht er auf Schritt und Tritt der Norwendigkeit gegenüber, um wiederum an die Sternenwelt heranzukommen, durch den harten Kampf durchzugehen, den Michael bei Inanspruchnahme seiner Herrschaft führen mußte gerade im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts gegen jene dämonischen Gewalten, die mit der unchristlichen Kosmologie des Mittelalters zusammenhängen. Und um dieses Bild vollständig zu machen: Man konnte ganz genau sehen, wie unter denen, welche nun die Michael-Herrschaft hart bekämpften, gegen welche die Geister des Michael vorgehen mußten, gerade diejenigen geistigen Wesenheiten jetzt noch sind, welche dazumal auf der Wartburg von Klingsor beschworen worden sind, um gegen Wolfram von Eschenbach aufzutreten.
[ 39 ] So daß also hier das vorliegt, daß jemand, der durch seine sonstigen karmischen Ergebnisse vorübergehend sogar in den Kapuzinerdienst hereingetrieben war, nicht herankommen konnte an das Christentum, nicht herankommen konnte aus dem Grunde, weil er in sich trug den Antagonismus gegen das Christentum, den er dazumal aufgebracht hatte, als er den Klingsor aus dem Ungarlande zu Hilfe gerufen hat gegen Wolfram von Eschenbach, den Sänger des Parsifal. Und während sich im Unbewußten dieses Mannes noch immer die unchristliche Kosmologie abgedämmert zeigte, war in seinem gewöhnlichen Bewußtsein ein rationalistisches Christentum vorhanden, das nicht einmal besonders interessant ist. Interessant ist nur sein Lebenskampf, mit dem christlichen Rationalismus eine Art rationalistischer Religion begründen zu wollen.
[ 40 ] Aber sehen Sie, meine lieben Freunde, das Wichtigste, das Bedeutsamste ist, was man nun sieht als Zusammenhang zwischen abstraktem Rationalismus, abstraktem scharfsinnigem Denken und demjenigen, was im Unterbewußten webt: abgedämpfte, gelähmte Vorstellungen über die Sterne und Beziehungen zu den Sternen leben sich herauf in das Bewußtsein als abstrakte Gedanken.
[ 41 ] Und wenn man dann verfolgt, wie geartet in ihrem Karma die auf materialistische Weise gescheitesten Menschen der Gegenwart sind, dann kommt man darauf, daß diese Menschen zumeist in früheren Erdenleben etwas zu tun hatten mit der kosmologischen Abirrung ins Schwarzmagische. Das ist ein bedeutsamer Zusammenhang.
[ 42 ] Er hat sich instinktiv in den Bauern erhalten, die von vorneherein einen gewissen Abscheu haben, wenn unter ihnen einer herumgeht, der allzu gescheit ist in rationalistischer Beziehung. Den mögen sie nicht. Da steckt instinktiv in der Anschauung etwas von dem drinnen, was in solche Zusammenhänge gehört.
[ 43 ] Ja, meine lieben Freunde, betrachten Sie das aber jetzt alles in unserm Zusammenhang. Solchen Geistern begegnete man im letzten Drittel des neunzehnten und im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie gehörten zu den interessantesten. So ein wiedergeborener Heinrich von Ofterdingen, der mit dem schwärzesten Magier seiner Zeit, mit Klingsor, zu tun hatte, der erweist sich schon als interessant gerade in seinem rationalistischen Verstande!
[ 44 ] Aber es zeigt sich hier, welche Schwierigkeiten bestehen, wenn man in richtiger Art an die Sternenweisheit herankommen will. Und dieses richtige Herankommen an die Sternenweisheit, das man braucht, um Karma zu durchschauen, ist eben nur im Lichte einer richtigen Einsicht in die Michael-Herrschaft und in einem Sich-zuMichael-Halten möglich.
[ 45 ] Das bezeugt Ihnen wiederum, wie durch die ganze Wirklichkeit der neueren Zeit — ich habe Ihnen das heute an einem einzelnen Beispiele gezeigt, an dem Beispiel des Vorbildes des Strader — eine Strömung des geistigen Lebens heraufgekommen ist, die es schwer macht, in unbefangener Art an die Wissenschaft der Sterne, damit an die Wissenschaft des Karma heranzukommen. Wie man das dennoch kann und sicher sein kann, daß man, ungehindert von den Anfechtungen, die heute möglich sind von jener Seite, die ich charakterisiert habe, dennoch an die Sternenweisheit und an die Gestaltung des Karma herankommen kann, davon wollen wir dann morgen weitersprechen.
