Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume V
GA 239
11 June 1924, Wrocław
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Esoteric Considerations of Karmic Connections V, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Wir werden im Verlaufe unserer Betrachtungen nach und nach übergehen zu demjenigen, was Karma im einzelnen Menschenleben bedeuten kann, obwohl ich auch da immer wieder den Blick hinwenden werde auf gewisse karmische Zusammenhänge, welche durch Persönlichkeiten aufgetreten sind, die in der Geschichte sichtbar geworden sind. Denn auch das Einzelnste, was uns in unserem eigenen Karma interessieren, was uns nahe gehen muß, wird beleuchtet in der Weise, wie wir es brauchen, wenn wir auf die umfassenden geschichtlichen Karma-Erscheinungen hinblicken. Zunächst sei darauf aufmerksam gemacht, daß es durchaus nicht notwendig ist, um sich der Empfindung, dem Gefühl von einem Vorhandensein des Karma zu nähern, irgendwelche hellseherischen Einsichten gerade zu haben. Gewiß, um zu überblicken alle Zusammenhänge der karmischen Gesetzmäßigkeiten, sind solche Einblicke notwendig, und manches von demjenigen, was ich in den verflossenen Tagen hier beigebracht habe, ist natürlich nur durch solche Einsichten zu gewinnen. Aber den Weg zu solchen Einsichten bahnt, ich möchte sagen, die Empfindung, die deutliche Empfindung von dem Karma, die eingreifen kann in jedes einzelne Menschenleben, wenn dieses Menschenleben nur nicht oberflächlich an den Dingen vorbeigeht und den Blick nur auf die äußerlich sensationsreichen Ereignisse richtet, sondern wenn dieses Menschenleben etwas sich abgewinnen kann nach der Richtung, die intimeren Erlebnisse des Daseins zu überblicken, gefühlsmäßig zu durchdringen und dadurch sich selber eine Art von Ahnung davon zu verschaffen, wie gewisse schicksalsmäßige Zusammenhänge eben im Leben dastehen, die schon durch ihr eigenes Wesen zeigen, daß sie nicht bloß begründet sein können im einmaligen Erdenleben zwischen Geburt und Tod.
[ 1 ] In the course of our reflections, we will gradually turn our attention to what karma can mean in the life of the individual, although even there I will repeatedly turn my gaze to certain karmic connections that have arisen through personalities who have become prominent in history. For even the most specific aspects of our own karma—those that concern us most deeply—are illuminated in the way we need them to be when we look at the broader historical manifestations of karma. First of all, it should be noted that it is by no means necessary to possess any clairvoyant insights in order to approach the sense or feeling of the existence of karma. Certainly, to grasp the full scope of karmic laws, such insights are necessary, and much of what I have taught here in recent days can, of course, only be gained through such insights. But the path to such insights is paved by— I would say, the sensation—the distinct sensation of karma—which can intervene in every single human life, provided that this human life does not merely skim superficially over things and focus solely on outwardly sensational events, but rather, if this human life can find a way to gain an overview of the more intimate experiences of existence, to penetrate them emotionally, and thereby to gain for themselves a kind of inkling of how certain fateful connections exist in life—connections that, by their very nature, show that they cannot be grounded solely in the single earthly life between birth and death.
[ 2 ] Sehen wir doch einmal hin auf die Art, wie wir Menschen im Leben begegnen können. Von unserer Begegnung mit Menschen im Leben hängt ja der weitaus größte Teil unserer Schicksale im Leben ab. Wir begegnen dem einen, wir begegnen dem anderen Menschen. Dasjenige, was wir mit ihm zusammen erleben, das greift in unser Dasein ein. Und gerade in diesem gemeinsamen Erleben mit Menschen in .diesen oder jenen Lebensverhältnissen wird sich der aufmerksamen Beobachtung so recht zeigen, daß das Karma durchaus nicht dem widerspricht, was wir als unsere freie Empfindung in uns tragen, als die Empfindung dessen, was in unserem Handeln freien Entschlüssen unterliegt. Wir werden ja zunächst als Kind hineingestellt in das Dasein in einer solchen Lebensepoche, in der von Freiheit eben noch nicht die Rede sein kann, so weit der irdische Impuls in Betracht kommt. Und wie vieles hängt doch von der Art und Weise ab, wie wir als Kind in das Dasein hineingestellt werden! Welche Fähigkeiten da aus unserem Inneren herausgeholt werden, welche Wege uns zugewiesen werden, das ist von einer unendlich großen, schicksalsmäßigen Bedeutung in unserem ganzen Erdenleben. Gewiß, wir können dann später mehr oder weniger als selbständige Menschen in unser eigenes Leben eingreifen, aber wir können das doch nur an dem Platze, den uns die Kindheit angewiesen hat. Und so werden wir schon sehen, wenn wir genau betrachten, was in unser freies Handeln schicksalsmäßig deutlich, klar hineinspielt.
[ 2 ] Let’s take a look at the ways in which we as human beings can encounter others in life. After all, the vast majority of our destinies in life depends on our encounters with others. We encounter one person, then another. What we experience together with them has an impact on our existence. And it is precisely in these shared experiences with people in these or those life circumstances that attentive observation will clearly reveal that karma by no means contradicts what we carry within us as our free perception—the perception of what in our actions is subject to free decisions. After all, as children we are first placed into existence during a stage of life in which there can be no question of freedom, as far as the earthly impulse is concerned. And how much does depend on the way in which we are placed into existence as children! Which abilities are drawn out from within us, which paths are assigned to us—this is of infinite, fateful significance for our entire earthly life. Certainly, we can later intervene in our own lives to a greater or lesser extent as independent individuals, but we can do so only within the framework established for us by our childhood. And so, if we look closely, we will see what fate clearly and distinctly influences our free actions.
[ 3 ] Nun nehmen wir einmal den Fall: Wir begegnen im Leben Menschen. Da stellt sich ja ein deutlicher Unterschied heraus zwischen der einen Art von Begegnungen, die wir mit Menschen haben, und der anderen Art. Es kann sein, daß wir einem Menschen in diesem Erdenleben durchaus zum ersten Male gegenübertreten, und wir haben sogleich das Gefühl, daß eine Brücke hinübergeht von unserer Seele nach der Seele dieses Menschen. Und es kann durchaus sein, daß wir für diesen Menschen intensiv empfinden, aber uns vielleicht durchaus nicht ebenso stark gleich des näheren interessieren, wie er ausschaut, ob er schön oder häßlich ist, ob er freundlich oder unfreundlich schaut. Dasjenige, was uns zu diesem Menschen hinzieht, steigt aus unserem Inneren auf, wir entwickeln sympathische Gefühle. Ja, in dem einen oder anderen Falle kann es sein, daß wir antipathische Gefühle entwickeln, die eigentlich nur davon abhängen, daß wir in dieses Menschen Nähe gekommen sind und uns bewußt geworden sind, daß er da ist; aber was wir von ihm empfinden, das hängt nicht ab von dem Eindruck, den er durch sein Handeln oder durch die Worte macht, die er zunächst zu uns sagt. Solche Erlebnisse stellen sich ja hinein in das Erdendasein wie die großen Fragezeichen, wie die umfassenden Lebensprobleme, die uns die Wirklichkeit aufgibt. Und dann ist es wohl so, daß wir uns gar nicht gedrängt fühlen. nun nachzudenken, wenn wir eine solche Bekanntschaft gemacht haben: Wie ist der Mensch, was tut der Mensch? Alles, was uns zu ihm hinzieht, zieht sich gewissermaßen zusammen zu einer Summe von Gefühlen, in eine Summe von inneren Erlebnissen und Ausfüllungen unserer Seelenverfassung, denen gegenüber wir gar nicht das Bedürfnis haben, sie zu rechtfertigen an dem, was er tut.
[ 3 ] Now let’s consider the following scenario: We encounter people in life. There turns out to be a clear difference between one type of encounter we have with people and another. It may be that we are meeting a person for the very first time in this earthly life, and we immediately have the feeling that a bridge spans from our soul to that person’s soul. And it may well be that we feel intensely toward this person, but we may not be nearly as interested in the more superficial details—such as what they look like, whether they are beautiful or ugly, or whether they appear friendly or unfriendly. What draws us to this person wells up from within us; we develop feelings of sympathy. Indeed, in one case or another, we may develop feelings of antipathy that depend solely on the fact that we have come into close proximity with this person and have become aware of their presence; but what we feel toward them does not depend on the impression they make through their actions or the words they first say to us. Such experiences arise in our earthly existence like great question marks, like the all-encompassing problems of life that reality presents to us. And then it is probably the case that we do not feel compelled at all to reflect, once we have made such an acquaintance: What kind of person is he, and what does he do? Everything that draws us to him coalesces, as it were, into a sum of feelings, into a sum of inner experiences and the fulfillment of our soul’s state, and we feel no need whatsoever to justify these in light of what he does.
[ 4 ] Aber es gibt Begegnungen anderer Art mit Menschen, da steigt keine solche Empfindung auf. Aber diese Menschen beginnen uns zu interessieren, ohne daß wir eigentlich fühlen, dieser oder jener tief in die Seele gehende Zug von Sympathie und Antipathie ist da. Die Menschen interessieren uns. Wir fühlen uns gedrängt, nachzugehen, ob sie gut, böse, wohlwollend, mißwollend sind, ob sie Fähigkeiten haben oder keine Fähigkeiten haben. Und in der Zeit, die dann auf solche Bekanntschaft folgt, zeigt es sich — sagen wit, wenn wir jemand gerade treffen, der auch einen solchen Menschen kennt, den wir getroffen haben und mit dem wir nun über den gleichen Menschen sprechen —, daß wir uns angeregt fühlen, uns über den Menschen zu unterhalten. Wir erkundigen uns gerne über ihn, wer er ist, worinnen er steckt im Leben und so weiter, wir interessieren uns für dasjenige, was äußerlich an ihm ist. Bei den Menschen der ersten Art kann es sogar vorkommen, daß es uns höchst unangenehm ist, wenn wir einen anderen Menschen treffen, der ihn auch kennt und der gleich anfängt, über ihn zu plaudern. Wir wollen gar nicht über diesen Menschen reden. Wenn nun so etwas auftritt im Leben — und die geisteswissenschaftlichen Methoden versuchen, hinter derlei Geheimnisse zu kommen —, da stellt sich ja dieses heraus, wenn wir im gewissen Sinne uns liebwerdendes oder verhaßtwerdendes unerklärliches Empfinden bei der Begegnung mit einem Menschen aufsteigen haben, daß wir dann mit diesem Menschen durch die Vergangenheit hindurch irgendwie karmisch verbunden waren, und daß uns dasjenige, was wir mit ihm gemeinsam hatten, eigentlich schon das ganze Erdenleben die Wege geführt hat, um ihn in einem gewissen Moment im Leben zu treffen. Und dasjenige, was wir mit ihm gemeinsam gehabt haben in vergangenen Zeiten, das formt unsere Gefühle, das formt unsere Empfindungen ihm gegenüber. Und diese Empfindungen, diese Gefühle sind maßgebend, nicht, ob er schön oder häßlich ist, oder ob er ein wohlwollender oder übelwollender Mensch ist. Gerade wenn man ganz deutlich und klar so etwas empfindet, so wird man durch diese Empfindung dann, wenn es sein kann, daß geisteswissenschaftliche Forschung in eine solche Sache hineinleuchtet, die Empfindung gerechtfertigt finden durch dasjenige, was geisteswissenschaftliche Forschung über ein in der Vergangenheit geformtes Karma zu sagen hat. Und wir werden noch durch mancherlei andere Dinge das, was ich da sage, bestätigt finden.
[ 4 ] But there are other kinds of encounters with people where no such feeling arises. Yet these people begin to interest us without us actually sensing that particular, deeply moving feeling of sympathy or antipathy. We find these people interesting. We feel compelled to find out whether they are good, evil, benevolent, or malevolent, whether they have abilities or lack them. And in the time that follows such an acquaintance—let’s say, when we happen to meet someone who also knows the person we’ve met and with whom we now talk about that same person—it becomes clear that we feel inspired to discuss that person. We like to ask about them—who they are, what they’re up to in life, and so on; we’re interested in their outward appearance. With people of the first type, it can even happen that we find it extremely unpleasant when we meet someone else who also knows them and who immediately starts chatting about them. We don’t want to talk about this person at all. When something like this occurs in life—and the methods of spiritual science seek to uncover such mysteries— it turns out that when we experience an inexplicable feeling—in a certain sense, one that makes us like or dislike someone—upon encountering a person, it means we were somehow karmically connected to that person through the past, and that what we shared with them has, in fact, guided our paths throughout our entire earthly life to meet them at a certain moment in life. And what we shared with them in past lives shapes our feelings; it shapes our sensations toward them. And these sensations, these feelings, are decisive—not whether they are beautiful or ugly, or whether they are a benevolent or malevolent person. Precisely when one feels something like this very clearly and distinctly, one will—if spiritual scientific research sheds light on such a matter—find that feeling justified by what spiritual scientific research has to say about karma formed in the past. And we will find confirmation of what I am saying here through many other things as well.
[ 5 ] Wenn wir schlafen, aus unserem physischen und Ätherleibe heraus sind, nur im Ich und im astralischen Leibe geistig in der Welt vorhanden sind, unser physischer und unser Ätherleib im Bette liegen geblieben ist, getrennt von der eigentlichen geistig-seelischen Wesenheit, da steigen ja für das gewöhnliche Bewußtsein die Träume auf. Aber ist es denn nicht so — fragen Sie sich einmal in einer intensiven Selbstbeobachtung —, daß wir bei gewissen Begegnungen, die gerade so geartet sind, daß im Inneren die Empfindungen und Gefühle aufsteigen, sogleich alle möglichen Träume von diesem Menschen haben? Wir können so leicht träumen von dem einen oder dem anderen Menschen. Das zeigt, daß dieser Mensch mit unserem Geistig-Seelischen, das mit ihm gemeinsam durch viele Erdenleben, oder durch mehrere Erdenleben, oder durch ein Erdenleben gegangen ist, zusammenhängt, daß dieses Geistig-Seelische, in dem allein wir jetzt sind, Ich und astralischer Leib, etwas zu tun hat mit diesem Menschen. Anderen Menschen begegnen wir, irgend etwas Berufsmäßiges oder dergleichen führt uns mit ihnen zusammen. Sie interessieren uns in der Art, wie ich es angeführt habe. Ja, es kommt sogar vor, daß wir mit ihnen vielleicht sehr viel zu tun haben; das Leben stellt uns zunächst neben sie hin, aber wir können nicht von ihnen träumen. Wir können es nicht, Träume kommen nicht. Wir sind dann nur in diesem Erdenleben mit ihnen verbunden, und die Verbindung wird zunächst hergestellt durch dasjenige, was das Seelisch-Geistige des Menschen an das Physische und das Ätherische bindet. Und weil der physische Leib und der Ätherleib an diesem Interesse, das wir haben, das an äußere Handlungen und an äußeres Aussehen sich knüpft, vorzugsweise beteiligt sind, und dieser physische und Ätherleib im Bette liegen bleiben und unser geistig-seelisches Wesen fort ist, so können wir von solchen Menschen nicht träumen. Da zeigt uns wiederum die Geisteswissenschaft, daß da allerdings das Karma wirkt, aber es wirkt so, daß sich das Karma jetzt erst anspinnt, daß man erst vom geistigen Erleben nach dem Tode zurückschauen wird auf dieses Erdenleben und wird sagen können: da haben sich karmische Zusammenhänge angeknüpft. Da tritt man ein in ein werdendes Karma.
[ 5 ] When we sleep—when we have left our physical and etheric bodies and exist in the world spiritually only in our “I” and our astral body, while our physical and etheric bodies remain in bed, separated from our actual spiritual-soul being—that is when dreams arise for ordinary consciousness. But isn’t it true—ask yourself this during a period of intense self-observation—that when we have certain encounters of a nature that stirs up inner sensations and feelings, we immediately have all sorts of dreams about that person? We can so easily dream about one person or another. This shows that this person is connected to our spiritual-soul entity—which has journeyed with them through many earthly lives, or through several earthly lives, or through a single earthly life—and that this spiritual-soul entity, in which we alone now exist—the “I” and the astral body—has something to do with this person. We encounter other people; some professional matter or the like brings us together with them. They interest us in the way I have described. Yes, it even happens that we may have a great deal to do with them; life initially places us alongside them, but we cannot dream of them. We simply cannot; dreams do not come. We are then connected to them only in this earthly life, and the connection is initially established through that which binds the human soul-spirit to the physical and the etheric. And because the physical body and the etheric body are primarily involved in this interest of ours—which is linked to external actions and outward appearance—and because these physical and etheric bodies remain in bed while our spiritual-soul being is gone, we cannot dream of such people. Here, spiritual science shows us once again that karma is indeed at work, but it works in such a way that karma is only now beginning to take shape; that it is only from the spiritual experience after death that one will look back on this earthly life and be able to say: “There, karmic connections were established.” That is when one enters into a karma that is still in the making.
[ 6 ] Wir haben gesehen, wie dieses Karma gewoben wird, wie eine lange Zeit an dem Weben dieses Karma dasjenige arbeitet, was wir gemeinsam erleben mit höheren geistigen Wesenheiten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber wenn Sie sich überlegen, was da in Anlehnung an die Gesetzmäßigkeit des Karma gesagt worden ist, dann werden Sie sich sagen müssen: Menschen werden ja durch das Erdenleben zusammengeführt; dasjenige, was sie im Erdenleben zusammenführt, bindet sie auch karmisch. Sie gehen dann miteinander durch das Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt, sie gestalten gerade da mit den höheren Wesenheiten ihr Karma für das nächste Erdenleben aus. Was folgt denn daraus für das Erdenleben des Menschen im groBen ganzen? Im großen ganzen folgt doch daraus, daß die Menschen, die für ein Erdenleben zusammen sind, weil sich ja gerade da das Karma anspinnt, auch wiederum für das nächste Erdenleben zueinander streben werden. Da werden sie wiederum karmische Zusammenhänge begründen, werden wiederum gehen durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt — aber dieses schmiedet sie ja nun stärker zusammen —, um ein gemeinsames Erdenleben wiederum aufzusuchen. Und da kommt ja das Merkwürdige heraus, daß die Menschen im Verlaufe der Erdenentwickelung eigentlich gruppenweise miteinander leben. So ist es auch. Wenn wir uns schematisch diese Sache vor Augen führen, so ist dies ja so: Die Zeit verläuft; eine gewisse Menschengruppe, die in irgendeinem Zeitpunkte miteinander lebt und karmisch miteinander verbunden wird, erscheint wiederum auf Erden, nachdem sie durchgegangen ist durch das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Eine andere Menschengruppe, die wiederum karmisch sich miteinander verbindet, erscheint wiederum gemeinsam auf der Erde; eine dritte ebenso. Und da die Zeiten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die weitaus längeren sind, so folgt ja daraus, daß sich die meisten Erdenmenschen eigentlich nur begegnen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und daß die karmisch besonders miteinander verbundenen Menschen gruppenweise durch die Entwickelung der Menschheit gehen und immer wieder und wieder auf Erden zusammentreffen. Das ist auch die Regel. In der Regel ist es so, daß wir nicht mit Menschen zusammentreffen auf der Erde, die in einer anderen Zeit als der unsrigen in der Vorzeit inkarniert waren.
[ 6 ] We have seen how this karma is woven, how, over a long period of time, that which we experience together with higher spiritual beings between death and a new birth works to weave this karma. But if you consider what has been said here in light of the laws of karma, you will have to conclude: People are brought together through their earthly lives; what brings them together in their earthly lives also binds them karmically. They then journey together through the life between death and a new birth, and it is precisely there that they shape their karma for their next earthly life together with the higher beings. What, then, does this imply for human life on Earth in the grand scheme of things? In the grand scheme of things, it follows that people who are together in one earthly life—precisely because that is where their karma is being woven—will also strive toward one another in the next earthly life. There they will once again establish karmic connections, will once again journey through life between death and a new birth—but this will now forge them more closely together—in order to seek out another shared earthly life. And this is where the remarkable fact emerges that, in the course of Earth’s evolution, human beings actually live together in groups. That is indeed the case. If we visualize this matter schematically, it is as follows: Time passes; a certain group of people who live together at some point in time and are karmically connected to one another reappears on Earth after having passed through the life between death and a new birth. Another group of people, who in turn are karmically connected to one another, reappears together on Earth; a third group does the same. And since the periods between death and a new birth are by far the longer ones, it follows that most people on Earth actually only encounter one another between death and a new birth, and that those who are particularly karmically connected to one another pass through the evolution of humanity in groups and meet again and again on Earth. That is also the rule. As a rule, we do not encounter people on Earth who were incarnated in a different era than our own in the past.
[ 7 ] Sehen Sie, man erfährt dieses, wenn man in geistiger Betrachtung der Welt wirklich auf die Ereignisse der menschlichen Zusammenhänge eingeht. Wenn man nur unbefangen über das Leben nachdenkt, dann kommt man schon dazu, diese Dinge, die da gesagt werden aus einer geistigen Beobachtung heraus, bestätigt zu finden. Ich habe mich, wie Sie ja wissen, eine lange Zeit in meiner Jugend mit Goethe beschäftigt. Ich habe mich oftmals fragen müssen, da mir die geistige Beschäftigung mit Goethe ganz tief zu Herzen ging: Ja, was wäre denn, wenn ich ein Zeitgenosse Goethes geworden wäre? — Äußerlich betrachtet müßte einem so etwas entzückend vorkommen! Wenn man Goethe gerne hat, wenn man gerade ungeheuer gern eingeht auf dasjenige, was er geschaffen hat, wenn man einen Teil seines Lebens dazu verwendet, ihn zu erklären, zu interpretieren, sollte einem da nicht der Gedanke kommen, es müßte entzückend sein, in Weimar, als Goethe herumgewandelt ist, auch gelebt zu haben und ihn gesehen zu haben, vielleicht ihn haben sprechen zu können? Aber das ist doch nur eine oberflächliche Betrachtung, die sich sofort korrigiert, wenn man genauer auf die Sache eingeht. Wenigstens ich sagte mir: Der Gedanke, mit Goethe gleichzeitig gelebt zu haben, wäre doch eigentlich ganz unerträglich. Denn Goethe ist mir gerade dadurch besonders wert geworden, daß alles da war, was er hinterlassen hat, daß das eine Zeit hindurch gewirkt hat, daß man es wiederum heraussuchen konnte aus den geistigen Urtiefen des Weltenwerdens. Und es ist so: Es wäre gar nicht erträglich gewesen, mit Goethe gleichzeitig zu leben! Nur wenn man das konkrete Verhältnis zu ihm, das man dann hat als Nachgeborener, ins Auge faßt, und wenn man dann übergeht auf die feineren Zusammenhänge des Seelischen gerade in einem solchen Falle, wo man an eine Persönlichkeit herankommt, mit der man nicht gleichzeitig lebt, mit der einen also ein Lebenskarma nicht unmittelbar zusammenführen kann, sondern wo verwickeltere karmische Verhältnisse vorliegen, da zeigt dann die geistige Betrachtung: Hätte man mit einer solchen Persönlichkeit gleichzeitig gelebt, so würde sie auf die Seele wie Gift gewirkt haben. — Ich weiß, es ist damit viel gesagt, aber es ist so. Man würde gar nicht sich in seiner inneren Seelenverfassung zusammenhalten können, wenn man Zeitgenosse dieser Persönlichkeit gewesen wäre.
[ 7 ] You see, one comes to understand this when, in spiritual contemplation of the world, one truly delves into the events of human relationships. If one simply reflects on life with an open mind, one will find that these things—which are stated here based on spiritual observation—are indeed confirmed. As you know, I spent a long time in my youth studying Goethe. Since my intellectual engagement with Goethe touched me deeply, I often found myself asking: What if I had been a contemporary of Goethe’s? — Viewed from the outside, such a thing would seem utterly delightful! If you love Goethe, if you take immense pleasure in engaging with what he created, if you devote part of your life to explaining and interpreting him, shouldn’t the thought occur to you that it must have been delightful to have lived in Weimar at the same time Goethe walked its streets, to have seen him, and perhaps even to have spoken with him? But that is, after all, only a superficial view, one that is immediately corrected when one examines the matter more closely. At least I told myself: The thought of having lived at the same time as Goethe would actually be quite unbearable. For Goethe has become particularly precious to me precisely because everything he left behind was there, because it exerted its influence over a period of time, and because it could in turn be rediscovered from the spiritual depths of the world’s becoming. And the fact is: It would not have been bearable at all to have lived at the same time as Goethe! Only when one considers the concrete relationship one has with him as a later-born, and then turns to the finer connections of the soul—especially in a case like this, where one approaches a personality with whom one does not live at the same time, with whom one’s life karma cannot immediately bring one together, but where more complex karmic relationships exist— then spiritual contemplation reveals: Had one lived at the same time as such a personality, it would have acted like poison on the soul. — I know that is a strong statement, but it is true. One would not have been able to maintain one’s inner spiritual equilibrium at all had one been a contemporary of this personality.
[ 8 ] Auch im ganzen und großen wird ja gerade durch eine solche Betrachtung der Blick für das Menschenleben, für die innere Wahrheit und für die inneren Zusammenhänge des Menschenlebens geschärft. Man redet nicht mehr unbestimmt herum. Man wird gar nicht versucht sein, in die allgemeine phrasenhafte Redensart auszubrechen: «Ach, hätte ich doch damals gelebt!» Das Karma befestigt einen sozusagen, wenn man es richtig erklärt, in seinen Lebensverhältnissen, stellt einen auch an den Ort hin, wo man lebt mit seinem Erdendasein. Damit aber schon zeigt sich der echt schicksalsmäßige Charakter des Karma. Der tritt hervor, wenn wir anfangen nachzusinnen darüber, warum wir gerade in einer bestimmten Zeit ins Erdenleben hereingetreten sind. Es hat uns zu dieser Zeit hereingebracht eben der Umstand, daß wir mit anderen Seelen, mit denen wir karmisch zusammenhängen, unser Karma vorbereitet haben, so für die Zeit vorbereitet, wo wir hineinsteigen in dieses physische Erdendasein.
[ 8 ] Even in the big picture, it is precisely through such a perspective that one’s insight into human life, into inner truth, and into the inner connections of human life is sharpened. One no longer speaks vaguely. One is not at all tempted to resort to the common, clichéd expression: “Oh, if only I had lived back then!” Karma, so to speak, anchors one—when properly understood—in one’s life circumstances and places one precisely where one lives out one’s earthly existence. And in this very fact, the truly fateful nature of karma becomes evident. This becomes evident when we begin to reflect on why we entered earthly life at a specific time. It was precisely the fact that we prepared our karma together with other souls with whom we are karmically connected—preparing it for the time when we would enter this physical earthly existence—that brought us here at this time.
[ 9 ] Nun ist das, was ich auseinandergesetzt habe, die Regel, aber im Geiste ist alles individuell. Regeln haben ihre Bedeutung, aber nicht so, daß wir sie als Prinzipien ansehen dürfen. Wer ein Prinzipienreiter ist, wer Regeln nimmt so, daß sie gar keine Ausnahme haben dürfen, der kann eigentlich niemals in die geistige Welt hereinkommen. Denn in der geistigen Welt ist einmal alles anders als in der physischen Welt. Selbst die einfachsten Sachen sind in der geistigen Welt anders als in der physischen Welt. Ich möchte Ihnen davon ein Beispiel geben. Was könnte klarer sein für einen Menschen, der in der physischen Welt lebt, als der allgemeine mathematische Grundsatz: Das Ganze ist gröBer als jeder seiner Teile, oder: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten. Nun, es muß doch einer wirklich verrückt sein, wenn er bestreiten wollte, das Ganze wäre nicht größer als jedes seiner Teile. Man nennt solche Dinge Axiome, weil sie durch sich selbst wahr sind und eines Beweises, wie man so schön sagt, weder fähig noch bedürftig sind. So heißt die Formel. So ist es auch mit dem Satze: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten. Aber beide Sätze gelten nicht mehr in der geistigen Welt. In der geistigen Welt gilt sogar der Satz: Das Ganze ist immer kleiner als jedes seiner Teile. Und schon im Menschenwesen finden wir das bekräftigt und bewahrheitet. Wenn Sie nämlich das Geistige von Ihrem physischen Menschen in der geistigen Welt betrachten, so ist es ungefähr so groß — etwas gröBer, aber ungefähr so groß, wie Sie selbst auch in der physischen Welt sind. Wenn Sie aber Ihre Lungen oder Leber in der geistigen Welt betrachten, so sind die riesengroß, und dennoch, sie sind die Teile eines Kleinen. Da müssen wir umdenken lernen. In der geistigen Welt ist die Gerade gar nicht der kürzeste Weg, sondern der allerlängste, weil es in der geistigen Welt, wenn wir von einem Punkte zum anderen kommen, ganz anders hergeht. In der physischen Welt, da geht es pedantisch zu: dieser Weg ist lang, dieser Weg ist länger, jener Weg ist der kürzeste: die Gerade. — In der geistigen Welt ist es nicht so, sondern da bietet, «gerade» herzukommen, so große Schwierigkeiten, daß jeder der krummen Wege kürzer ist als der gerade. Und es hat auch keinen Sinn zu sagen: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten —, weil sie in der Tat der längste ist.
[ 9 ] Now, what I have explained is the rule, but in the spiritual world, everything is individual. Rules have their significance, but not to the extent that we should regard them as principles. Anyone who is a stickler for principles—who takes rules so strictly that they allow for no exceptions whatsoever—can never truly enter the spiritual world. For in the spiritual world, everything is different from the physical world. Even the simplest things are different in the spiritual world than in the physical world. I’d like to give you an example of this. What could be clearer to a person living in the physical world than the general mathematical principle: The whole is greater than any of its parts, or: A straight line is the shortest distance between two points. Well, one would have to be truly insane to deny that the whole is greater than any of its parts. Such things are called axioms because they are true in and of themselves and, as the saying goes, are neither capable of nor in need of proof. That is the formula. The same applies to the proposition: “A straight line is the shortest path between two points.” But neither of these propositions holds true in the spiritual world. In the spiritual world, the following proposition even holds true: The whole is always smaller than any of its parts. And we find this confirmed and proven true even in the human being. For when you observe the spiritual aspect of your physical self in the spiritual world, it is roughly the same size—slightly larger, but roughly the same size—as you yourself are in the physical world. But when you observe your lungs or liver in the spiritual world, they are enormous, and yet they are parts of a small being. We must learn to rethink this. In the spiritual world, the straight line is by no means the shortest path, but rather the very longest, because in the spiritual world, when we travel from one point to another, things work quite differently. In the physical world, things are rigid: this path is long, that path is longer, and the other path is the shortest—the straight line. — In the spiritual world, it is not like that; rather, coming “straight” presents such great difficulties that every winding path is shorter than the straight one. And it also makes no sense to say: “The straight line is the shortest path between two points”—because it is, in fact, the longest.
[ 10 ] Man muß sich durchaus bekanntmachen damit, daß in der geistigen Welt alles anders ist als in der physischen Welt. Deshalb kommen die Menschen so schwer mit ihren Übungen, die sie treulich machen, in die geistige Welt herein, weil sie mit ihrem Urteil haften an solchen Vorurteilen, daß das Ganze größer sei als seine Teile, oder die Gerade der kürzeste Weg sei zwischen zwei Punkten. So ist es mit den Axiomen. Aber alle anderen Wahrheiten für die physische Welt müssen auch abgewöhnt werden, sobald man in die geistige Welt eindringen will. Und so ist es nämlich, daß es in der geistigen Welt keine Prinzipien geben kann, sondern alles ist individuell. Man muß jedes Ding für sich einzeln kennenlernen. Dieses schreckliche logische Zusammenfassen, dieses Ausgeben allgemeiner Regeln gibt es gar nicht in der geistigen Welt. Und so ist natürlich auch diese Wahrheit, obzwar sie eine Wahrheit ist und im großen und ganzen gilt: daß die Menschen gruppenweise die Entwickelung des Erdenlebens absolvieren — sie ist durchbrochen. Und gerade dann, wenn sie durchbrochen ist, lernt man ihre Bedeutung so recht kennen. Auch davon ein Beispiel.
[ 10 ] One must definitely come to terms with the fact that everything in the spiritual world is different from the physical world. That is why people find it so difficult to enter the spiritual world through the exercises they faithfully perform—because their judgment is bound by such prejudices as the belief that the whole is greater than the sum of its parts, or that a straight line is the shortest path between two points. So it is with axioms. But one must also let go of all other truths pertaining to the physical world as soon as one wishes to enter the spiritual world. And the fact is that in the spiritual world there can be no principles; rather, everything is individual. One must get to know each thing individually. This dreadful logical generalization, this formulation of general rules, does not exist at all in the spiritual world. And so, of course, this truth—even though it is a truth and holds true on the whole: that human beings undergo the development of earthly life in groups—is also broken. And it is precisely when it is broken that one truly comes to understand its significance. Here is an example of that as well.
[ 11 ] Sie müssen schon verzeihen, daß das Beispiele sind aus dem eigenen Leben. Denn wie sollte man Beispiele genauer kennenlernen, die sich auf solche Dinge beziehen, als wenn sie gerade die Beispiele des eigenen Lebens sind? Da steckt man mit der Individualität drinnen. Ich habe ja bei der Beschreibung meines Lebensganges hingewiesen auf einen Geometrielehrer, den ich hatte. Dieser Geometrielehrer war mir nicht nur außerordentlich nahegestanden, während ich sein Schüler war, sondern auch nachher noch. Und es war mir schon interessant, seinem Karma, seinen Lebenszusammenhängen nachzugehen. Ich hatte ja gerade für Geometrie eine außerordentliche, wie man sagt, Schwäche. Schon mit neun Jahren bildete ein Geometriebuch, das ich so gerade in die Hände bekam von meinem Lehrer, der mich noch lange nicht für reif hielt, so etwas kennenzulernen, sozusagen mein Glück. Wissen zu lernen, daß die drei Winkel eines Dreiecks 180 Grad sind, erschien mir als außerordentlich beglückend im neunten Jahre. Aber dann bekam ich diesen Geometrielehrer, der wirklich eine merkwürdige Persönlichkeit war. Ich war so etwa zwölf Jahre alt, als ich ihn bekam, hatte ihn dann sieben Jahre hindurch. Wirklich, er war eine interessante Persönlichkeit, denn er war eigentlich ganz Geometrie, aber auf eine ganz eigentümliche Art: deskriptive, konstruktive Geometrie. Als ich in die höheren Klassen hinaufkam, zu der sogenannten analytischen Geometrie, da mußte man alles, was man über analytische Geometrie erfuhr, von anderen kennenlernen, denn davon verstand er gar nichts. Er war ein ausgezeichneter Konstrukteur, er konstruierte alles, und er machte einen großartigen Eindruck. Und ich machte eigentlich ganz bedeutsame Fortschritte gerade in der Geometrie, weil ich ihn so außerordentlich liebte. Es war mir immer eine liebe Stunde, wenn gerade dieser Lehrer in die Klasse kam und auf seine Art seine Geometrie entwickelte.
[ 11 ] You’ll have to forgive me for drawing examples from my own life. After all, how could one gain a deeper understanding of examples related to such matters than by drawing on one’s own life experiences? That’s where one’s individuality comes into play. In describing the course of my life, I mentioned a geometry teacher I had. This geometry teacher was not only exceptionally close to me while I was his student, but also long afterward. And I found it quite interesting to explore his karma and the circumstances of his life. I had, as they say, an extraordinary “weakness” for geometry. As early as age nine, a geometry book—which I had just happened to get my hands on from my teacher, who didn’t consider me ready to learn such things by a long shot—was, so to speak, my good fortune. Learning that the three angles of a triangle add up to 180 degrees seemed to me to be an extraordinary joy at the age of nine. But then I got this geometry teacher, who was truly a remarkable person. I was about twelve years old when I started having him as a teacher, and I had him for seven years. Truly, he was an interesting character, because he was, in fact, all about geometry—but in a very peculiar way: descriptive, constructive geometry. When I moved up to the higher grades and reached what’s called analytical geometry, I had to learn everything there was to know about analytical geometry from others, because he didn’t understand a thing about it. He was an excellent constructor; he could construct anything, and he made a magnificent impression. And I actually made quite significant progress in geometry precisely because I loved him so much. It was always a delightful hour for me when this particular teacher came into the classroom and expounded on his geometry in his own unique way.
[ 12 ] Später sah ich — weil er mich mit dem Interesse festhielt —, daß ich eigentlich gar nicht anders konnte, als über seine Lebenszusammenhänge nachzudenken. Nun ist es, wenn man Karma erforschen will, wirklich so, daß man es gar nicht erforschen kann, wenn man auf die zunächst auffälligen Lebensverhältnisse hinschaut. Hätte ich bloß hingeschaut auf das, daß er ein ausgezeichneter Geometrielehrer war, auf alles das, was er vorzubringen wußte, ich wäre sicher niemals auf die Zusammenhänge seines Karma gekommen. Aber es machte einen tiefen Eindruck auf mich im Zusammenhang mit seinem ganzen Leben, daß dieser Lehrer einen Klumpfuß hatte. Ein Bein war kürzer als das andere.
[ 12 ] Later—because he held my attention—I realized that I really had no choice but to reflect on the context of his life. Now, when one wants to explore karma, the reality is that one cannot explore it at all by looking at the circumstances of life that are immediately apparent. If I had merely focused on the fact that he was an excellent geometry teacher, on everything he knew how to teach, I certainly would never have grasped the connections of his karma. But what made a deep impression on me, in the context of his entire life, was that this teacher had a clubfoot. One leg was shorter than the other.
[ 13 ] Sehen Sie, das sind solche Dinge, die eigentlich gewöhnlich als außerhalb des Lebens stehend betrachtet werden. Was einen tief interessiert, das sind solche Dinge, die, wenn man sich darauf einläßt, in die karmischen Zusammenhänge hineinführen. Es muß nicht immer etwas so Auffälliges sein; man kann es erleben, daß man in die karmischen Zusammenhänge hineingeführt wird dadurch, daß jemand eine Gewohnheit hat, die man immer wieder sieht an ihm und die sich zum Bilde formt. Eine kleine Gewohnheit kann sich da zum Bilde formen und einführen karmisch in frühere Leben des betreffenden Menschen. So wurde ich bei einem anderen Lehrer, den ich hatte, den ich ungeheuer gern hatte, tief eingeführt in gewisse karmische Zusammenhänge — über die ich jetzt nicht sprechen möchte — aus der Tatsache heraus, daß jedesmal, wenn dieser Lehrer vor uns hintrat, sein erstes dieses war, daß er sein Taschentuch herausnahm und sich die Nase putzte. Nie hat er eine Stunde anders begonnen. Gerade dieses, das sich immer wiederholte, das formte sich mir zum Bilde, indem es sozusagen karmisch zurückführte in die früheren Erdenleben dieses Menschen. Und so war es bei dem anderen, der den Klumpfuß hatte. Und siehe da, jetzt erst wurde mir aus diesem Klumpfuß heraus ein Licht aufgesteckt über die ganze geistige Kapazität dieses Menschen. Die Menschen glauben nämlich gewöhnlich, Linien zu geometrischen Figuren zu formen, das käme aus dem Kopf. Aber das kommt gar nicht aus dem Kopf, es ist gar nicht wahr, daß der Mensch die Geometrie mit dem Kopf erlebt. Sie würden nicht auf einen Winkel kommen, wenn Sie nicht gehen würden. Daß Sie den Winkel in Ihren Beinen erleben, das macht, daß Sie vom Winkel etwas wissen. Der Kopf schaut bloß zu, wie der Arm oder die Beine Winkel machen und so weiter. Wir erleben in der Geometrie tatsächlich unseren durch unsere Gliedmaßen webenden Willen. Unsere Gliedmaßen lehren uns die Geometrie. Nur weil wir solche Abstraktlinge schon geworden sind, wissen wir das nicht, glauben wir, daß wir die Geometrie aus dem Kopfe herausspinnen. Der Kopf schaut zu, wie wir in der Geometrie gehen, tanzen und so weiter, und dann bildet der Kopf die Formen, die er im Geometrischen hat. Er schaut zu. Und dieser ganze Zusammenhang, diese eigentümliche Art, die Geometrie zu betonen, die wurde mir klar, als ich in das Innere gerade dieses Menschen hineinschaute, der mit einem Klumpfuß gehen mußte, und dadurch, daß er diesen Klumpfuß besonders empfand, eben einseitig ein so ausgezeichneter Geometer wurde. Das sind so die intimeren Zusammenhänge des Lebens.
[ 13 ] You see, these are the kinds of things that are usually regarded as lying outside of life. What interests one deeply are those things that, when one engages with them, lead one into karmic connections. It doesn’t always have to be something so conspicuous; one can experience being led into karmic connections simply because someone has a habit that one sees in them time and again, and which takes shape as an image. A small habit can take shape as an image and karmically introduce one to the past lives of the person in question. For example, with another teacher I had—whom I liked immensely—I was deeply introduced to certain karmic connections—which I do not wish to discuss now—based on the fact that every time this teacher stepped before us, the very first thing he did was take out his handkerchief and blow his nose. He never began a lesson any other way. It was precisely this repeated action that took shape in my mind as an image, leading me back, so to speak, karmically to this person’s past earthly lives. And so it was with the other person, who had a clubfoot. And lo and behold, it was only then, through this clubfoot, that a light was shed for me on this person’s entire spiritual capacity. People usually believe that forming lines into geometric figures comes from the mind. But that doesn’t come from the mind at all; it’s not true that a person experiences geometry with the mind. You wouldn’t come up with an angle if you weren’t walking. The fact that you experience the angle in your legs is what makes you know anything about the angle. The mind merely observes how the arm or the legs form angles and so on. In geometry, we actually experience our will weaving its way through our limbs. Our limbs teach us geometry. It’s only because we’ve become such abstract thinkers that we don’t realize this; we believe that we spin geometry out of our heads. The mind watches as we walk, dance, and so on in geometry, and then the mind forms the shapes it has in geometry. It watches. And this whole connection—this peculiar way of emphasizing geometry—became clear to me when I looked into the inner being of this very person, who had to walk with a clubfoot, and who, precisely because he felt this clubfoot so keenly, became such an outstanding geometer in one particular respect. These are the more intimate connections of life.
[ 14 ] Aber wodurch kam ich weiter? Es stellte sich mir nun dieser Lehrer neben einen anderen Menschen mit einem ähnlichen Bein, nämlich neben den englischen Dichter Lord Byron. Diese zwei Menschen, die äußerlich der Persönlichkeit nach gleich geartet waren, stellten sich mir nebeneinander, und jetzt erschien mir manches, was im Leben Byrons auftrat, zusammenhängend mit alledem, was sich aus einem früheren Karma in seine moralisch-ethischen Lebensverhältnisse hineingeschlichen hat, was aber auch in seinem Klumpfuß zum Ausdruck gekommen ist. Und dann, wenn man einmal das Karma an einem solchen Zipfel hat, dann bildet es sich einem weiter aus. Und nun konnte ich finden, wie diese zwei Menschen in einer gewissen Zeit des Mittelalters im Osten von Europa miteinander gelebt haben, wie sie da gemeinsam miteinander ein gleiches Schicksal durchgemacht haben. Ich kam auf den Inhalt ihres damaligen Lebens.
[ 14 ] But how did this lead me further? This teacher now appeared to me alongside another person with a similar disposition, namely the English poet Lord Byron. These two people, who were outwardly similar in character, stood side by side before me, and now it seemed to me that many aspects of Byron’s life were connected to everything that had crept into his moral and ethical circumstances from an earlier karma—which was also expressed in his clubfoot. And once you have grasped karma at such a point, it continues to unfold before you. And now I was able to discover how these two people had lived together during a certain period of the Middle Ages in Eastern Europe, how they had shared the same fate there. I came to understand the substance of their lives at that time.
[ 15 ] Das frühere Leben des Byron war nicht ähnlich dem Leben des Byron des neunzehnten Jahrhunderts; das frühere Leben meines Lehrers ist nicht Ähnlich seinem Leben im neunzehnten Jahrhundert, aber beide haben ein sehr intim geartetes gleichzeitiges Schicksal. Sie erfuhren, als sie Bewohner des europäischen Ostens waren, von jener bedeutungsvollen Legende, daß einstmals das Kleinod des Palladiums, das in Troja — als behaftet mit der Zauberkraft für die Macht Trojas — eingegraben war und verehrt wurde, dann herübergebracht wurde über Afrika nach’ Rom, lange in Rom war, daß dann, als der Kaiser Konstantin Konstantinopel begründete, er unter großen Opfern, mit einem Aufwand, der ungeheuer war, das Palladium, an dem hängen sollte die Macht zuerst Trojas, dann Roms, nach Konstantinopel bringen und es dann in Konstantinopel versenken ließ, um die Macht Konstantinopels an die Stelle der Macht Roms zu setzen. Es wird ja erzählt und ist sogar bis zu einem hohen Grade richtig, daß der Hochmut des Kaisers Konstantin das Palladium von Rom nach Konstantinopel hat bringen lassen, daß er eine mächtige, schwere Säule auf dem Platz aufgerichtet hat, auf dem er das Palladium versenken ließ, daß er dann eine Art Apollo-Statue aufgegriffen hat und diese auf die Säule hinaufstellen ließ. Nun, es war schon sehr schwer, die Säule nach Konstantinopel zu bringen an den Platz, an den sie gebracht wurde, denn man mußte dafür einen eisernen Schienenweg bauen. Die Säule, die einstmals von Ägypten nach Rom gebracht worden war, sie war so schwer, daß jeder Weg, auf dem sie gefahren wurde, sich senkte und es da gefährlich wurde. Dann wurde die Säule aufgerichtet, das Palladium war in der Basis gut verwahrt. Darüber, auf der Spitze der Säule, ließ er nun die Apollo-Statue aufrichten, aber verbreiten, daß die Statue ihn, den Kaiser Konstantin, darstelle. Dann ließ er von dem Kreuze Christi im Orient Holz bringen, das er in der ehernen Statue verbarg, und Nägel aus dem Kreuze Christi, die er zu Strahlen formen ließ; damit ließ er das Haupt des Apollo umgeben. So daß dort oben nach seiner Ansicht der Konstantin stand und in Strahlen erglänzte, die von den Nägeln des Kreuzes Christi selbst genommen waren. Aber es schloß sich eine Legende an dieses Palladium an in der späteren Zeit, und es spielte sogar diese Legende selbst noch in das Testament Peters des Großen hinein: daß dieses Palladium geholt werden würde von Menschen des Ostens nach der Hauptstadt des Ostens, und daß sich einstmals die Slawenmacht des Ostens ebenso begründen werde auf die Zaubermacht dieses Palladiums, wenn es versenkt werden würde mehr im Osten oder im Norden von Konstantinopel, und daß dadurch die Macht auf die Slawen übergehen würde, so wie einstmals an dieses Palladium geknüpft war die Macht Trojas, die Macht Roms, die Macht Konstantinopels. In solchen Dingen liegen ja auch tiefe Wahrheiten verborgen, wenn sie auch legendenhaft auftreten.
[ 15 ] Byron’s earlier life was not like that of the nineteenth-century Byron; my teacher’s earlier life is not like his life in the nineteenth century, but both share a very intimate, parallel destiny. When they were residents of Eastern Europe, they learned of that significant legend: that once upon a time, the Palladium—which had been buried in Troy and revered as imbued with the magical power that sustained Troy’s might—was brought across Africa to Rome, where it remained for a long time; and that then, when Emperor Constantine founded Constantinople, he brought the Palladium—on which the power of Troy first, and then of Rome, was said to depend—to Constantinople at great sacrifice and with immense effort, and then had it buried there to replace the power of Rome with that of Constantinople. It is said—and this is indeed true to a large extent—that Emperor Constantine’s arrogance led him to have the Palladium brought from Rome to Constantinople; that he erected a mighty, heavy column in the square where he had the Palladium buried; and that he then selected a kind of statue of Apollo and had it placed atop the column. Well, it was indeed very difficult to transport the column to Constantinople and to the very spot where it was placed, for an iron rail track had to be built for that purpose. The column, which had once been brought from Egypt to Rome, was so heavy that every road along which it was transported sank, making the journey dangerous. Then the column was erected, with the Palladium safely stored in its base. Above it, at the top of the column, he had the statue of Apollo erected, but spread the word that the statue represented him, Emperor Constantine. He then had wood brought from the Cross of Christ in the East, which he concealed within the bronze statue, along with nails from the Cross of Christ, which he had fashioned into rays; with these, he had the head of Apollo encircled. Thus, in his view, Constantine stood up there, shining in rays taken from the very nails of the Cross of Christ. But a legend attached itself to this Palladium in later times, and this very legend even found its way into the will of Peter the Great: that this Palladium would be taken by people from the East to the capital of the East, and that one day the Slavic power of the East would likewise be founded upon the magical power of this Palladium, should it be buried further east or north of Constantinople, and that through this, power would pass to the Slavs, just as the power of Troy, the power of Rome, and the power of Constantinople were once bound up with this Palladium. Deep truths are indeed hidden in such matters, even if they appear in the form of legends.
[ 16 ] Aber schließlich, derjenige, der die Geschichte des Palladiums durchschauen kann, durchschaut ja recht viel von dem Werdegang der europäischen Geschichte. Und diese beiden Menschen, von denen ich gesprochen, Byron und derjenige, der damals sein Genosse war im frühen Mittelalter, die hörten von dieser Legende, und die nahmen sich das einmal vor, daß sie das Palladium holen und hinbringen wollten nach dem Norden, nach Rußland. Es gelang ihnen nicht; sie scheiterten, wie es ja selbstverständlich scheitern mußte. Aber es blieb ihnen etwas davon. In karmischen Zusammenhängen bleibt den Menschen etwas auf die merkwürdigste Weise. Byron suchte später das Palladium auf andere Art, er schloß sich der Freiheitsbewegung Griechenlands an, er wollte ein geistiges Palladium holen. Und das war der Drang, der ihm aus jener Zeit geblieben ist, von der ich erzählte. Und mein Lehrer zeigte für jeden, der ihn intim betrachten konnte, daß er an jedem Platze, an welchem er auch stand, wenn er auch ein verhältnismäßig unbedeutender Mensch war, einen unbändigen Freiheitssinn hatte, der im Inneren einen tiefen Zusammenhang hatte mit dem körperlichen Fehler, ebenso wie sein Genosse.
[ 16 ] But after all, anyone who can make sense of the history of the Palladium can understand quite a lot about the course of European history. And these two men I have spoken of—Byron and his companion from the early Middle Ages—heard of this legend, and they once set out to retrieve the Palladium and bring it north, to Russia. They did not succeed; they failed, as was, of course, inevitable. But something of it remained with them. In karmic contexts, something remains with people in the most remarkable ways. Byron later sought the Palladium in a different way; he joined the Greek freedom movement, seeking to bring back a spiritual Palladium. And that was the impulse that remained with him from the time I described. And my teacher showed, to anyone who could observe him closely, that wherever he stood—even if he was a relatively insignificant person—he possessed an irrepressible sense of freedom that was deeply connected, within him, to his physical defect, just as it was with his comrade.
[ 17 ] Nun, was war denn da eigentlich geschehen? Sehen Sie, diese beiden Menschen waren ja auseinandergekommen, die fanden sich nicht wieder: der eine ist der berühmte Dichter Byron, der andere der etwas später lebende, der unbedeutende Geometrielehrer. Da ist die Regel, von der ich gesprochen habe, durchbrochen gewesen. Aber das Leben bestätigte mir diese Durchbrechung in seltsamer Weise. Sehen Sie, jener Geometrielehrer, den ich so innig liebte, auf den ich wartete jedesmal, wenn er zur Stunde hereinkam, jener Geometrielehrer gab mir niemals, während er mein Lehrer war, die Gelegenheit, auch nur ein einziges privates Wort mit ihm zu sprechen. Er lebte sich so dar, wie wenn er eine Persönlichkeit wäre, von der ich bloß gelesen hätte in der Geschichte. Er paßte in die Zeit nicht hinein, er kam einem vor wie deplaciert in der Zeit. Und das ging so weiter: Als ich später zu einem anthroposophischen Vortrag in die Stadt kam, in der er in Pension lebte, suchte ich mir im Adreßbuch seinen Namen auf. Ich hatte doch eine Ahnung, daß er da sein müßte, und ich wollte jetzt sozusagen einfach mit dem alten Lehrer, weil ich ihn liebte, einmal wenigstens nach langen Jahren — es waren nun dreißig Jahre vergangen — privat reden. Er war mittlerweile alt geworden und lebte in der allgemeinen Universitätspensionsstadt Österreichs, in Graz. Ich kam nach Graz zu dem anthroposophischen Vortrag, nahm das Adreßbuch, nahm mir ganz bestimmt vor, ihn aufzusuchen: es kam nicht dazu, fortwährend kamen Besuche, ich war abgehalten und konnte ihn auch da nicht privat sprechen. Er blieb für mich eine Persönlichkeit, die schattenhaft in mein Leben hineingestellt ist, trotzdem ich sie so ungeheuer liebte. Als ich wieder nach Graz kam, wollte ich ihn wieder besuchen: da war er schon gestorben. Also es blieb dabei, daß ich hier einer Persönlichkeit gegenüberstand, die eigentlich, trotzdem sie mir so nahestand, sich für mich so ausnahm, als ob ich von ihr irgendwo lesen würde wie von einer ganz anderen Zeiten angehörenden Persönlichkeit. So etwas lag vor: Ich war sein Zeitgenosse, aber durchaus nicht karmisch mit ihm verbunden. Er war in keiner seiner früheren Inkarnationen mein Zeitgenosse gewesen. Er stand also im letzten Leben ganz offenbar außerhalb der fortlaufenden karmischen Gruppen, in denen er eigentlich stehen sollte. Aber auch der andere zeigte mir, daß er nicht anders stand zu diesen Gruppen, denn er war abgekommen von der Inkarnationenfolge, in der er drinnengestanden hatte, da er gerade mit dieser Individualität, an die er zuerst gebunden gewesen war, in diesem Erdenleben eben nicht verbunden war, so daß sie sich nicht trafen, Byron und er. Ich erzähle Ihnen solche Dinge, damit Sie sehen, wie eigentlich Karma wirkt, und wie man, wenn man tiefer auf das Leben eingeht, gerade an Erlebnissen, die aber erst zum Rätsel werden müssen — und das Leben wird überall zum Rätsel — schon wirklich auf das geheimnisvolle, wunderbare Weben des Karma hinschauen kann. Aber ebenso, wie man Zeitgenossen haben kann, die einem erscheinen wie Bilder, weil sie eben hinausgestellt sind aus ihrer karmischen Folge, so wird man auch auf der anderen Seite durchaus gewahr, wie doch weitaus die meisten Menschen mit einer gewissen starken inneren Notwendigkeit in ihre Zeit hineingestellt sind. Gerade das zeigt sich einem oftmals bei historischen Persönlichkeiten.
[ 17 ] Well, what actually happened there? You see, these two people had drifted apart; they never found their way back to each other: one was the famous poet Byron, the other the unremarkable geometry teacher who lived a little later. That was a breach of the rule I had been talking about. But life confirmed this breach to me in a strange way. You see, that geometry teacher whom I loved so dearly, whom I waited for every time he came into the classroom for class—that geometry teacher never, while he was my teacher, gave me the opportunity to exchange even a single private word with him. He carried himself as if he were a historical figure I’d only ever read about. He didn’t fit into his time; he seemed out of place in it. And it went on like this: When I later went to an anthroposophical lecture in the city where he was living in retirement, I looked up his name in the address book. I had a hunch that he must be there, and I simply wanted, so to speak, to speak privately with the old teacher—because I loved him—at least once after so many years—thirty years had now passed. He had grown old in the meantime and was living in Graz, Austria’s main university town. I went to Graz for the anthroposophical lecture, took the address book with me, and firmly resolved to visit him; but it didn’t happen—visitors kept coming, I was held up, and I couldn’t speak with him privately there either. He remained for me a figure who loomed like a shadow in my life, even though I loved him so immensely. When I returned to Graz, I wanted to visit him again: but he had already passed away. So it remained the case that I was faced here with a figure who, even though he was so close to me, seemed to me as if I were reading about him somewhere—as if he belonged to an entirely different era. That was the situation: I was his contemporary, but by no means karmically connected to him. He had not been my contemporary in any of his previous incarnations. In his last life, therefore, he was quite clearly outside the continuous karmic groups in which he was actually supposed to be. But the other man also showed me that he was no different in relation to these groups, for he had strayed from the sequence of incarnations in which he had been embedded, since he was not connected in this earthly life to the very individuality to which he had first been bound—so that they did not meet, Byron and he. I am telling you these things so that you may see how karma actually works, and how, when one delves more deeply into life—especially through experiences that must first become a mystery (and life becomes a mystery everywhere)—one can truly glimpse the mysterious, wondrous weaving of karma. But just as one can have contemporaries who seem like figures from a painting because they are set apart from their karmic sequence, so too does one become fully aware, on the other hand, of how the vast majority of people are placed within their time with a certain strong inner necessity. This is precisely what often becomes apparent in the case of historical figures.
[ 18 ] Ich möchte auch da auf ein Beispiel hinweisen. Genügend bekannt geworden ist ja der italienische Freiheitsheld Garibaldi: ein merkwürdiges Leben. Garibaldi war mir als Persönlichkeit gerade ebenso wenig sympathisch wie diejenige, die ich gestern erwähnt habe und der ich karmisch nachgegangen bin. Er ist mir eigentlich erst im Verlaufe der karmischen Forschung über ihn sympathischer geworden, denn mir erschien, bevor ich die karmischen Zusammenhänge über ihn erforschte, manches unnatürlich, phrasenhaft bei ihm, was er denn gar nicht war. Aber jedenfalls erscheint diese Persönlichkeit als eine solche, welche, trotzdem sie so praktisch, so radikal-politisch-praktisch ins Leben hineingewirkt hat, sich wiederum, wenn man sie betrachtet, so merkwürdig aus dem Leben herausstellt — wie in einer bloß gedachten Welt lebend, wie ein Stück über dem Erdboden schwebend. So praktisch Garibaldi war, so idealistisch war er auch. Das zeigt schon sein äußeres Leben. Man braucht nur wenige charakteristische Züge aus dem Garibaldi-Leben anzuschauen, so zeigt sich das sogleich. Ich will, weil die Zeit schon drängt, nur ein weniges anführen. Es ist nicht gewöhnlich bei einem Menschen, daß er in einer so couragierten, waghalsigen Weise in der damaligen Zeit, der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wo die Adria so unsicher war — Garibaldi ist 1807 geboren —, wiederholt als junger Mensch die Adria durchschifft, wiederholt in die Hände von Seeräubern fällt, die größten Abenteuer durchmacht, sich wieder befreit; aber das mag noch angehen, das passiert anderen auch. Aber das passiert doch nicht jedem: daß er in Lebensverhältnissen ist, wo er außerhalb der Welt steht, keine Zeitungen liest, und als er dazu kam, sozusagen zum ersten Mal ordentlich eine Zeitung zu lesen, da las er in der Zeitung sein eigenes Todesurteil! Das war so gekommen: Er war von irgendeinem Abenteuer auf dem Meere zurückgekehrt, und ohne es zu wissen, war er beschuldigt worden, teilgenommen zu haben an gewissen politischen Verschwörungen. Er war in absentia zum Tode verurteilt worden und las das in der Zeitung. Er schien schicksalsmäßig über dem Leben zu stehen.
[ 18 ] I’d also like to point out an example here. The Italian freedom fighter Garibaldi has, of course, become quite well known: a remarkable life. As a person, Garibaldi was just as unsympathetic to me as the one I mentioned yesterday and whose karma I investigated. In fact, he only became more sympathetic to me in the course of my karmic research on him, because before I explored the karmic connections surrounding him, certain aspects of him seemed unnatural and clichéd to me—which he was not at all. But in any case, this figure appears to be one who, despite having influenced life in such a practical, such a radically political-practical way, nevertheless—when one looks at him—stands out so strangely from life—as if living in a purely imagined world, as if hovering a little above the ground. As practical as Garibaldi was, he was just as idealistic. His outward life alone demonstrates this. One need only look at a few characteristic features of Garibaldi’s life for this to become immediately apparent. Since time is already pressing, I will mention just a few. It is unusual for a person to have, in such a courageous and daring manner during that time—the first half of the nineteenth century, when the Adriatic was so unsafe (Garibaldi was born in 1807)—repeatedly sailed across the Adriatic as a young man, repeatedly fallen into the hands of pirates, endured the greatest adventures, and freed himself again; but that might still be acceptable—it happens to others as well. Yet this certainly doesn’t happen to everyone: that he found himself in circumstances where he was cut off from the world, didn’t read newspapers, and when he finally got around to, so to speak, reading a newspaper properly for the first time, he read his own death sentence in the paper! This is how it came about: He had returned from some adventure at sea, and without knowing it, he had been accused of participating in certain political conspiracies. He had been sentenced to death in absentia and read about it in the newspaper. He seemed, as if by fate, to stand above life itself.
[ 19 ] Aber andere Züge in seinem Leben sind noch merkwürdiger. So zum Beispiel geschah es, daß, als er gerade, um teilzunehmen an Kämpfen freiheitlicher Bewegungen in fremdem Lande, auf dem Meere draußen sich der Küste näherte, durch das Fernrohr nach der Küste hinschaute. Dasjenige, was er sah, war eine sehr liebe, junge Dame, und siehe da, Garibaldi verliebte sich in diese Dame durchs Fernrohr! Das ist doch nicht die alltägliche Art, sich zu verlieben! Menschen, die ganz im Leben drinnen stehen, verlieben sich ja nicht durchs Fernrohr. Nun aber, er verliebte sich wirklich Hals über Kopf, er schiffte mit aller Gewalt jetzt in die Richtung hin, nach der er sich verliebt hatte. Als er ankam, war allerdings die Geliebte fort, aber ein Mann stand da; dem gefiel er so, daß er ihn zum Mittagessen einlud, und siehe da, das war der Vater der Dame, in die er sich durchs Fernrohr verliebt hatte! Und so konnte er gleich am Diner teilnehmen, an dem auch die Dame zugegen war. Er konnte nur Italienisch, sie nur Portugiesisch, aber durch die Sprache des Herzens verstanden sie sich: sie verlobten sich. Es war ein gemeinsames Leben, das Heldenhaftigkeit von der Frau forderte. Sie hat ihn in seinen Kriegszügen in wirklicher Heldenhaftigkeit begleitet. Auch das kommt nicht gerade oftmals vor, daß in Abwesenheit des Mannes, entfernt durch viele Meilen, das erste Kind geboren wird, die Frau durch furchtbare Abenteuer erst den Mann auf dem Schlachtfeld suchen muß, das Kind aber an einem Seile sich um den Hals bindet, damit es an der eigenen Brust erwärmt werde. Und so nun eilt sie durch alles Mögliche hindurch, um den Mann zu finden, von dem sie gehört hatte, daß er getötet worden wäre; sie fand ihn aber dann noch lebendig. — Es war dennoch eine großartige Ehe. Sie starb ja, wie denen, welche die Biographie Garibaldis kennen, bekannt sein wird, bevor er starb. Und siehe da, nach zehn Jahren, wie es das Leben eben so bringt, verlobte er sich und verheiratete sich auf ganz gewöhnliche, bürgerliche Art, wie man es sonst auch meistens macht unter den Philistern, mit einer anderen Dame. Diese Ehe, die nun richtig geschlossen war, die dauerte nur einen Tag, dann trennten sie sich. Er war schon, sehen Sie, anders gerade mit dem Erdenleben verbunden als andere Menschen. Es interessierte mich, einem solchen Leben nachzugehen.
[ 19 ] But other aspects of his life are even more remarkable. For example, it happened that, as he was approaching the coast by sea to take part in the struggles of liberal movements in a foreign land, he looked toward the coast through his telescope. What he saw was a very lovely young lady, and lo and behold, Garibaldi fell in love with this lady through his telescope! That’s certainly not the usual way to fall in love! People who are fully engaged in life don’t fall in love through a telescope. But anyway, he really did fall head over heels in love, and he immediately set sail with all his might in the direction of the woman he had fallen for. When he arrived, however, his beloved was gone, but a man was standing there; the man took such a liking to him that he invited him to lunch, and lo and behold, it was the father of the lady with whom he had fallen in love through the telescope! And so he was able to join them for dinner right away, at which the lady was also present. He spoke only Italian, she only Portuguese, but through the language of the heart they understood one another: they became engaged. It was a life together that demanded heroism from the woman. She accompanied him on his military campaigns with true heroism. Nor does it happen very often that, in the husband’s absence—many miles away—their first child is born; that the wife must first search for her husband on the battlefield through terrible adventures; and that she ties the child to her neck with a rope so that it might be warmed against her own breast. And so she now rushes through all manner of trials to find the man she had heard had been killed; but she found him still alive. — It was, nonetheless, a magnificent marriage. She died, as those familiar with Garibaldi’s biography will know, before he did. And lo and behold, ten years later—as life would have it—he became engaged and married another woman in a completely ordinary, bourgeois manner, as is usually done among philistines. This marriage, which was now properly solemnized, lasted only one day; then they separated. You see, he was connected to earthly life in a different way than other people. I was interested in pursuing such a life.
[ 20 ] Da wurde ich wiederum, als ich diesem Leben nachging, in die Gegend der irischen Mysterien geführt. Auch dieser Garibaldi ist eine Seele, in welcher eine Individualität steckt, die durch die Mysterien Hybernias gegangen war und die, während sie bis zu einem gewissen Grade eine Art irischer Eingeweihter war, nach Osten zog, sogar in der Gegend des Rheins mit anderen zusammengewirkt hat. Aber mich interessierte an dem Leben Garibaldis insbesondere das karmisch, daß in ihm eine Persönlichkeit da ist, bei der einem ihr Leben schwer erklärlich ist. Denn Garibaldi ist in einem gewissen Sinne die Wahrheit selbst. Nun war er seinem ganzen tiefsten Inneren, seiner seelischen Gesinnung nach Republikaner. Und doch war er es, der, trotz seiner republikanischen Gesinnung, den Victor Emanuel zum König von Italien beförderte. Er förderte das Königtum in der Person des Victor Emanuel. Es erscheint einem zunächst unglaublich. Wie kommt dieser Republikaner dazu, Victor Emanuel zum König von Italien zu machen? Und lesen Sie das in der Geschichte nach. Ohne Garibaldi hätte es nie das italienische Königreich gegeben. Man kann weiter gehen, man findet dann, daß Garibaldi mit anderen Persönlichkeiten verbunden ist, die ihm eigentlich seiner inneren Verfassung nach ferne stehen: Cavour, Mazzini. Ganz anders geartete Naturen: Mazzini, der Idealist, der nicht ins Praktische eingreift, Garibaldi, überall der praktisch-militärische Staatsmann, und doch auch wie schwebend über dem Irdischen, Cavour, der schlaue, gescheite Politiker. Wie passen diese Menschen zusammen? Das wurde die Frage. Gerade da zeigte sich etwas, was ich Ihnen hervorheben möchte als ein dem Karma Eigentümliches. Da zeigte sich, daß diese drei anderen Menschen der Individualität des Garibaldi, während er ein irischer Eingeweihter war, als Schüler gefolgt waren, seine Schüler waren. Nun ist es gerade in irischen Mysterien etwas Eigentümliches, daß sich ein lebensnotwendiges Band ergibt zwischen dem Schüler und dem Lehrer. Diese können sich nicht wieder trennen, wenigstens nicht durch gewisse Inkarnationen. Da wird ein karmisches Band gebunden, man kann sich nicht wieder trennen. Nun tritt das Eigentümliche ein: Um das Jahr 1807 herum werden diese vier wiedergeboren, der eine in Genua, zwei in Turin, der dritte zu Nizza, also an ein und demselben Erdenflecke und auch ungefähr in derselben Zeit. Sie werden miteinander in derselben Zeit, in derselben Gegend Italiens geboren. Und da zeigt es sich, daß allerdings diejenigen, welche zusammengehören, wieder zusammengebracht werden, selbst gegen ihre Neigung zusammenkommen. So daß ein so starrer Republikaner wie Garibaldi den ganz anders gearteten Victor Emanuel an sich gekettet hat und die menschliche Zusammengehörigkeit mehr bedeutet als die sogenannte Überzeugung. Ich führe dieses Beispiel an, damit Sie sehen, was menschliche Zusammengehörigkeiten, die karmisch begründet sind, bedeuten. Da mag der eine das, der andere jenes für wahr halten: die karmische Zusammengehörigkeit ist stärker bindend. Menschliche Zusammengehörigkeiten sind es, die da wirksam sind im Leben, nicht so sehr das Abstrakte, was wir durch den Verstand haben. Aber wie Menschen zusammenhängen im Leben und wie Menschen schattenhaft durch das Leben gehen können, wenn sie herausgestellt werden aus ihrem Karma, das zeigt sich eben erst, wenn wir das Karma gerade in charakteristischen Fällen verfolgen.
[ 20 ] Once again, as I explored this life, I was led into the realm of the Irish mysteries. This Garibaldi, too, is a soul possessing an individuality that had passed through the mysteries of Hibernia and which, while to a certain extent a kind of Irish initiate, moved eastward and even worked together with others in the region of the Rhine. But what interested me most about Garibaldi’s life was the karmic aspect—that there is a personality within him whose life is difficult to explain. For Garibaldi is, in a certain sense, truth itself. Now, in his very deepest being, in his spiritual disposition, he was a Republican. And yet it was he who, despite his Republican convictions, elevated Victor Emmanuel to the throne of Italy. He promoted the monarchy in the person of Victor Emmanuel. At first glance, this seems unbelievable. How could this Republican have made Victor Emmanuel King of Italy? And look it up in history. Without Garibaldi, the Kingdom of Italy would never have existed. One can go further and discover that Garibaldi was connected to other figures who were actually far removed from him in terms of his inner disposition: Cavour, Mazzini. They were of entirely different natures: Mazzini, the idealist who did not concern himself with practical matters; Garibaldi, the practical military statesman everywhere, and yet also seeming to hover above the earthly realm; Cavour, the shrewd, clever politician. How did these people fit together? That became the question. It was precisely there that something became apparent which I would like to highlight to you as characteristic of karma. It became apparent that these three other individuals had followed Garibaldi’s individuality as disciples while he was an Irish initiate; they were his disciples. Now, it is precisely a distinctive feature of the Irish Mysteries that a vital bond is formed between the disciple and the teacher. They cannot be separated again, at least not over the course of certain incarnations. A karmic bond is formed; they cannot be separated again. Now the peculiar aspect comes into play: Around the year 1807, these four are reborn—one in Genoa, two in Turin, and the third in Nice—that is, in the very same part of the world and also at roughly the same time. They are born together at the same time, in the same region of Italy. And this shows that those who belong together are indeed brought together again, coming together even against their own inclinations. Thus, a staunch republican like Garibaldi found himself bound to the very different Victor Emmanuel, and human kinship proved to mean more than so-called conviction. I cite this example so that you may see what human bonds, which are karmically grounded, mean. One person may hold this to be true, another that: the karmic bond is more binding. It is human bonds that are at work in life, not so much the abstract concepts we hold in our minds. But how people are connected in life—and how they can pass through life like shadows when they are cut off from their karma—becomes apparent only when we trace karma in characteristic cases.
[ 21 ] Das wollte ich Ihnen heute noch sagen. Morgen werden wir diese Betrachtung fortsetzen.
[ 21 ] I wanted to tell you that today. We'll continue this discussion tomorrow.
